VON DER HöLLE BIS ZUM HIMMEL – DIE JENSEITIGE FüHRUNG DES
ROBERT BLUM
Band 1 (RB)
Durch das innere
Wort empfangen durch Jakob Lorber.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Robert Blums Erdenlaufbahn
[RB.01_001,01]
Robert Blum kam unter den dürftigsten Umständen auf diese Erde und hatte bis
auf seine letzten Jahre stets mit irdischer Lebensnot zu kämpfen, was ihm aber
aus gutem, der Welt freilich unbekanntem Grund zu teil wurde. Seine Seele und
sein Geist stammten von jenem Planeten her, von dem ihr aus der Enthüllung der
‚Natürlichen Sonne‘ wißt, daß seine Einwohner mit hartnäckigster Beharrlichkeit
ganze Berge versetzen und, was sie leiblich nicht vollbringen, sogar als
Geister noch ins Werk setzen.
[RB.01_001,02]
Dieser durch seine Tollkühnheit von der Welt gerichtete Mann zeigte schon von
Kindheit an, welch beharrlichen Geistes er war. Obschon Ich Selbst ihm, wo
immer er sich erheben wollte, seines Heiles wegen stets tauglichste Hindernisse
in den Weg legte, so half das besonders für diese Welt doch wenig. Denn seines
Geistes zu beharrliches Streben brach sich endlich aus aller Unbedeutendheit doch
eine Bahn, auf der er zu größerem Wirken gelangte.
[RB.01_001,03]
Hier machte er sogleich tausend große Pläne und setzte sie auch nach
Möglichkeit ins Werk. Vor allem lag ihm ein gewisses Völkerwohl am Herzen, das
zu bewerkstelligen er kein Opfer scheute. So er alle Schätze der Erde besessen
hätte zur Verwirklichung dieser für ihn höchsten Idee, hätte er sie alle, samt
seinem Leben, in die Schanze geschlagen!
[RB.01_001,04]
Diese Völkerwohlidee hatte er hauptsächlich der Welt-Religionsschule des Ronge
und Genossen zu verdanken. Aber eigentlich ist diese gar keine Religion und
keine Kirche, weil sie Mich, den Herrn, leugnet und Mich zu einem gewöhnlichen
Menschen und Volkslehrer der Vorzeit macht. Diese „Kirche“ verwirft sonach auch
den Grundstein, auf dem sie ihr Gebäude aufführen will, und ihr Haus wird daher
einen schlechten Bestand haben.
[RB.01_001,05]
Wie aber Ronge seine Kirche baute, so baute auch unser Mann seine
Völkerwohlideen auf Sand. Ihm schien alles, was die Welt darbietet, nur klein
und ohnmächtig. Nur in seiner Rednergabe sah er jene Machtgröße, der es
gelingen müsse, in Kürze allen Machthabern den Stab zu brechen.
[RB.01_001,06]
Seine Überzeugung war so stark, daß er darüber nahe keines Bedenkens fähig war.
Mahnte Ich ihn auch innerlich bei zu gewagten Unternehmungen, vermochte ihn das
dennoch nicht von dem abzuhalten, was er sich einmal vorgenommen hatte. Denn es
war ihm eine Art Wahlspruch, daß ein rechter Deutscher eher alles opfern solle,
als von einer einmal gefaßten Idee abzugehen.
[RB.01_001,07]
Zur Festhaltung seiner einmal zur Ausführung bestimmten Ideen bestärkte ihn
auch ein mehrmaliges glänzendes Gelingen derselben. Und so wagte er sich nun
auch an ein Himalajagebirge, weil ihm die Abtragung einiger politischer Hügel
gelungen war. Durch diese Arbeit hatte er sich auch allgemein bemerkbar gemacht
und gewann dabei das Vertrauen eines ganzen Landes, was ihm aber dann den Weg
zu seinem irdischen Untergang bahnte.
[RB.01_001,08]
Er erprobte in der Deutschen Versammlung öfters die Macht seiner Zunge und
hatte große Freude über seine Siege, woran freilich sein starker Geist den
größten Anteil hatte. Darauf gestützt, eilte er in eine große ostdeutsche
Stadt, wo das Volk seine Ideen tatsächlich ans Tageslicht zu fördern begann. Da
wollte er sozusagen mit einem Schlag etliche dreißig sogenannte Fürstenfliegen
totschlagen, nicht bedenkend, daß hinter diesen Fliegen auch Ich ein paar
Wörtchen zu reden hätte.
[RB.01_001,09]
Unser Mann ging hauptsächlich von einer Idee aus, die er wohl aus Meinem Worte
borgte: daß man „vollkommen“ sein soll gleich dem Vater im Himmel, und daß da
nur Einer der Herr ist, alle anderen aber „Brüder“ ohne Unterschied des
Standes. Aber er glaubte fürs erste an Den nicht, dem die Menschen in der
Vollkommenheit gleichen sollen. Für den Herrn aber hielt er eigentlich sich –
durch die Macht der Rede. Er vergaß dabei ganz, daß die Fürsten auch Menschen
sind im Besitz der Macht aus Mir; und vergaß auch den Schrifttext: „Gebet dem
Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!“
[RB.01_001,10]
Dieser Mann wurde in der obenerwähnten Stadt, wo er seine völkerbeglückende
Idee durch die Gewalt der Waffen wie durch seine Reden verwirklichen wollte,
als ein dem Staate gefährliches Individuum gefangengenommen und nach einem
kurzen Prozeß aus dieser in die andere Welt befördert. Und somit ward auch sein
diesweltlicher, Völker beglücken-sollender Wirkungskreis geschlossen.
2. Kapitel –
Erste Eindrücke des Hingerichteten im Jenseits. Bewußtwerden des Lebensgefühls.
[RB.01_002,01]
Nun fragt es sich: Wie kam seine Seele und sein Geist in der ewigen Geisterwelt
an?
[RB.01_002,02]
Hier muß bemerkt werden, daß die meisten, ihr irdisches Leben durch ein
Strafgericht gewaltsam Einbüßenden in der Geisterwelt mit dem größten Zorn- und
Rachegefühl gegen ihre Richter ankommen und eine Zeitlang wie völlig Rasende
umhertaumeln. Aus diesem Grund werden solche Ankömmlinge, so sie wirkliche
Verbrecher wider Gottes Gebote, also im Grunde Böse sind, sogleich in ihr
eigentliches Element, zur Hölle, getrieben, um dort Rache zu üben. Aus ihr
kehren sie aber, so ihre Rache einigermaßen abgekühlt ist, wieder in die
eigentliche Geisterwelt zurück und beginnen da von neuem, freilich auf sehr
beschränkten Wegen, ihre Freiheitsprobe durchzumachen.
[RB.01_002,03] Geister
aber wie der unseres Mannes, die bloß als politische Verbrecher gegen weltliche
Gesetze gerichtet drüben ankommen, werden anfangs bloß in einen lichtlosen
Zustand versetzt. In dem befinden sie sich wie Blinde und werden somit auch
keines Wesens ansichtig, an dem sie ihre blinde Rache kühlen könnten. Großer
Zorn und große Rache bewirken ja schon bei Menschen auf der diesirdischen Welt,
daß sie förmlich blind werden vor Zorn und glühender Wut. Umso mehr bewirken
diese argen Leidenschaften jenseits bei Seele und Geist den Zustand gänzlicher
Blindheit. Darin werden solche Geister so lange belassen, bis sich ihre Rache
in das Gefühl der Ohnmacht umwandelt. Die tief gekränkte und beleidigte Seele
beginnt im auftauchenden Gefühl ihrer Ohnmacht zu weinen, was zwar auch dem
Zorne entstammt, ihn aber nach und nach ableitet und schwächt.
[RB.01_002,04]
Diesseits konnte unser Mann nichts mehr tun als nur so viel als möglich seine
männliche Ehre retten. Deshalb zeigte er sich auch bei seiner Hinrichtung
entschlossen und den Tod verachtend – was aber in Wahrheit durchaus nicht der
Fall war. Denn er fühlte in sich überaus stark die Schrecken des Todes, und das
um so mehr, als er als fester Neukatholik an ein Leben der Seele nach dem
Abfalle des Leibes durchaus nicht glaubte.
[RB.01_002,05]
Aber ungefähr sieben Stunden nach seiner Hinrichtung, da seine Seele sich
gewisserart wieder zusammenklaubte, überzeugte er sich schnell von der
Grundlosigkeit seines irdischen Glaubens und gewahrte gar bald, daß er
fortlebe. Aber da verwandelte sich seine Überzeugung von dem Fortbestehen nach
dem Tod in einen andern Unglauben: Er meinte nun bei sich, daß er wohl auf den
Richtplatz hinausgeführt, aber nur scheinbar erschossen worden sei, um die
vollkommene Todesangst auszustehen. Da ihm der Offizier die Augen habe
verbinden lassen, auf daß er nicht das leere In-die-Luft-schießen merken solle,
sei er bloß vor Angst betäubt zusammengesunken. Von da sei er in bewußtlosem
Zustand in einen finsteren Kerker gebracht worden, von wo ihn eine Beschwerde
von Deutschlands Bürgern sicher bald in die erwünschte Freiheit setzen würde.
[RB.01_002,06]
Ihn stört nun bloß die starke Finsternis. Sein Aufenthaltsort erscheint ihm als
ein finsteres Loch, das ihm jedoch nicht feucht und übelriechend vorkommt. Er
befühlt sich auch die Füße und die Hände und findet, daß ihm nirgends Fesseln
angelegt sind. So versucht er die Weite seines Kerkers zu untersuchen, und wie
etwa der Boden beschaffen ist. Ob sich in seiner Nähe nicht etwa so ein
heimliches Gericht vorfindet?
[RB.01_002,07]
Aber er staunt nicht wenig, als er gar keines Bodens gewahr wird und
ebensowenig irgendeiner Kerkerwand; und fürs zweite auch nichts von einer
Hängematte finden kann, in der er sich etwa in einem freien Katakombenraume
hängend befände.
3. Kapitel –
Robert wähnt sich in Narkose.
[RB.01_003,01]
Diese Sache kommt ihm sonderbar und bedenklich vor. Er prüft auch sein Gefühl,
ob dieses nicht etwa an den Gliedmaßen gewisserart noch halbtot sei. Aber er
überzeugt sich durch ein tüchtiges Kneipen und Reiben an allen seinen
Seelenleibesteilen, daß sein Gefühl durchaus nicht tot, sondern im Gegenteil
nur gar zu lebendig ist.
[RB.01_003,02]
Nachdem er sich nun von allen Seiten überzeugt hat, daß er völlig lebendig sich
von keiner Seite her irgendwie eingeschlossen befindet außer von Nacht und
Finsternis, fragt er sich endlich ganz verzweifelt
[RB.01_003,03]
„Wo in drei Teufels Namen bin ich denn? Was haben denn die Bluthunde aus mir
gemacht? Erschossen haben sie mich nicht, sonst lebte ich nicht! Eingesperrt
haben sie mich auch nicht; denn da finde ich weder Wand noch Boden und keine
Fesseln an meinen Gliedern! Mein vollkommenes Gefühl habe ich auch; die Augen
habe ich auch, sie sind mir nicht ausgestochen und doch sehe ich nichts!
Wahrhaftig, das ist schaudervoll merkwürdig! – Dieser Menschenfeind, der mich
pro forma hat erschießen lassen, muß mich vielleicht durch ein unbekanntes
Narkotikum haben einschläfern lassen, weshalb ich mich nun in diesem Zustand
befinde! – Aber warte, du Wüterich, du Völkerrechtmörder, wenn ich aus dieser
Narkose komme, dann freue dich! Ich werde dir eine ganz verdammt heiße Suppe
kochen!
[RB.01_003,04]
Dieser Zustand wird nicht ewig dauern. Man wird mich in Frankfurt und in ganz
Sachsen suchen lassen. Ich muß dahin kommen! Und bin ich dort, dann sollst du
kennenlernen, was für ein Frevel es ist, an einem ersten Reichstagsdeputierten
sich so schonungslos zu vergreifen! Das wird auf eine Art gesühnt, von der die
ganze Weltgeschichte noch kein Beispiel aufzuweisen hat!
[RB.01_003,05]
Wenn ich nur schon bald aus dieser sonderbaren Narkose geweckt würde! Ich
brenne vor Rache, und dieser lästige Zustand dauert noch immer fort! Das ist
doch eine echt teuflisch verfluchte Erfindung! Aber nur Geduld, es wird, es muß
bald besser werden!“
4. Kapitel –
Notschrei zu Gott – Berufung auf Jesus.
[RB.01_004,01]
Nach diesen Worten verhält er sich eine ziemlich lange Weile ganz ruhig und
reibt sich bloß manchmal die Augen, um eine allfällige narkotische Trübung los
zu werden. Aber da es trotz aller Geduld nicht heller werden will, beginnt er
an der Wiedergewinnung des Augenlichts zu zweifeln und wird darum immer erboster.
Als aber auch trotz seines stets größeren Zornes das Licht sich nicht
einstellen will, ruft er stark aus:
[RB.01_004,02]
„Was ist denn mit mir geschehen? Was ist das für ein verfluchter Zustand? Gibt
es denn keinen Gott mehr, der mächtig wäre und gerechter als die Machthaber der
Erde von Seiner Gnaden!
[RB.01_004,03]
Gott! – so Du Einer bist, recke aus Deinen Arm! Sühne mich, der ich die gute
Sache Deiner Kinder zu jenem Ziel führen wollte, das einst schon der erhabene,
unverstandene Völkerlehrer Jesus erreichen wollte. Aber von gemeinen Häschern
aufgegriffen wurde auch er aus Dank für seine großen Mühen und Opfer zum Besten
der gesamten Menschheit, an den Pfahl zur größten Schmach der Menschheit
gehängt!
[RB.01_004,04]
Wie er, bin auch ich ein Sohn von und aus Dir, so Du Einer bist! Bist Du aber
nicht und nirgends außer im Bewußtsein der Menschen selbst? Ist Deine Kraft nur
jene, deren sich auch der Mensch bewußt ist, dann freilich rede ich nur
fruchtlose Worte und bin um mein ganzes Wesen für ewig betrogen! Warum aber
mußte ich ein lebendes, selbstbewußtes Wesen werden? Warum mußte irgendeine im
endlosen Raum sich selbst ergreifende, plumpe Idee in mir zum klarsten Ausdruck
des Seins werden? Verfluchter Zufall, der mich je in ein so elendes Dasein
versetzte! Wenn es arge und böse Teufel gäbe, so sollen sie doch jene Kraft,
die mich werden machte, für ewig zerstören!
[RB.01_004,05] O
Menschen! Ihr betrogenen armen Menschen, hört auf, euch fortzupflanzen!
Menschen, die ihr nun noch lebt, ermordet eure Kinder und euch, auf daß die
verfluchte Erde leer werde! O erwürgt ihr Machthaber alle Menschen und teilt
dann die verfluchte Erde unter euch auf, auf daß ihr an ihr allein zur Genüge
haben sollt! – Aber umsonst ist mein Eifer; ein ewiger Sklave! Was kann ein Tropfen
gegen des wogenden Meeres Allgewalt? Darum verstumme, du eitle Sprache! Nur ihr
Hände, versuchet diesem elendsten Dasein ein Ende zu machen!“
[RB.01_004,06]
Nach diesen Worten machte er sich an Erdrosselungsversuche: einige tüchtige
Eingriffe in seine Kehle, aber natürlich ohne alle Wirkung. Denn er greift sich
gewisserart alle Male durch und durch, ohne auch nur eine leiseste Spur
irgendeiner Erstickung zu verspüren. Das macht ihn stutzen, und er wird über
diesen Zustand stets begriffsverwirrter. Da es mit dem Erdrosseln nicht geht,
beschließt er, sich gerade vorwärts zu bewegen. „Denn“, spricht er bei sich
ganz erbost, „finsterer und grundloser als hier kann es wohl im ganzen endlosen
Raum nirgendmehr sein. Daher habe ich auch keinen Abgrund und noch weniger
irgendein geheimes Gericht mehr zu befürchten. Darum also nur vorwärts!
Vielleicht komme ich doch irgendwo zu einem Lichtschimmer oder zum erwünschten
Tod!
[RB.01_004,07] O
wie glücklich muß der Zustand eines vollkommenen Todes sein! Wie glücklich muß
ich gewesen sein, als ich kein Dasein fühlte und kein freies Bewußtsein! Wenn
ich doch nur wieder völlig vernichtet werden könnte! Aber sei es nun, wie es
will, – so mir der vollkommene Tod ein Labsal ist, gibt es auch nichts mehr,
wovor ich mich fürchten sollte. Darum also nur vorwärts!“
5. Kapitel –
Gehversuche im leeren Raum. Selbstgespräche vom Nichts und vom Fortleben. Fluch
gegen Gott, den Leidensbereiter.
[RB.01_005,01]
Hier macht unser Mann mit den Füßen gewöhnliche Gehbewegungen. Aber da er unter
seinen Füßen keine Boden wahrnimmt, scheinen sie ihm bloß nutzlose
Pendelbewegungen zu machen, die kein Weiterkommen bewirken. Er sinnt daher auf
eine andere Art der Weiterbewegung und spricht:
[RB.01_005,02]
„Ich muß mit Händen und Füßen durch diese lichtlose Luft auf eine eigene Art zu
schwimmen anfangen! Um mit den Beinen weiterzukommen, muß man eine feste
Unterlage haben. Aber wenn diese fehlt, da heißt es entweder schwimmen oder
fliegen! Zum Fliegen aber gehören Flügel, diese haben wir nackten Zweibeinler
nicht. Was läßt sich da anderes tun, als die noch innewohnenden Kräfte
möglichst zweckmäßig zu gebrauchen. Also, es werde geschwommen!“
[RB.01_005,03]
Hier fängt er an, Schwimmbewegungen mit Händen und Füßen zu machen, verspürt
jedoch keinen Fortgang durch irgendeinen Luftzug. Aber das beirrt ihn nicht und
er setzt seine Schwimmversuche fort. Je mehr er arbeitet, desto mehr verspürt
er, daß all sein Mühen vergeblich ist. Er merkt, daß ihn diese schwarze Luft
nicht den geringsten Widerstand verspüren läßt, und er stellt daher seine
Bewegungen wieder ein. Er spricht:
[RB.01_005,04]
„Ich Esel und Narr, was mühe ich mich denn vergeblich ab? Ich bin nun im
barsten Nichts; was will ich das Nichts weiter verfolgen?! Auch ich will in die
Ruhe des Nichts eingehen, um in ihr auch zu nichts zu werden! Ja, das ist der
Weg zur völligen Vernichtung! Wenn ich nur wüßte, daß ich wirklich erschossen
worden bin? Freilich müßte ich da vollkommen tot sein, was bei mir doch nicht
der Fall ist? Auch verspüre ich nichts von irgendeiner Zerrüttung!
[RB.01_005,05]
Oder sollte es nach dem Tode wirklich ein Fortleben der Seele geben? Ich aber
bin ja noch mit Haut und Haaren und sogar mit meiner Kleidung da! Hat denn die
Seele auch Beine, Haut, Haar und Kleidung? Wenn so, da muß also der Rock eine
Seele haben? Nein! So etwas anzunehmen, müßte doch die ganze Unendlichkeit laut
aufzulachen veranlassen! Hahaha! Die Unsterblichkeit eines Rockes wäre noch bei
weitem ärger als die Wunderkraft des Leibrockes Christi zu Trier! Und doch, wenn
ich Seele bin, ist der Rock mit mir hierher gewandert! – ?
[RB.01_005,06]
Nein und tausendmal nein! Ich bin keine Seele, ich bin Robert Blum, der
Reichstagsdeputierte in Frankfurt! Ich habe es hier in Wien kennengelernt, was
Österreich will. Ich weiß es, daß alles Trachten dieses Staates dahin gerichtet
ist, den alten Absolutismus wieder von neuem aufzurichten. Ich kämpfte wie ein
Riese dagegen. Aber da die Kanonen des Gegners stärker waren als mein guter
Wille, mußte ich samt meiner gerechten Sache dennoch abziehen und mich am Ende
sogar totschießen lassen! Ein schöner Lohn für ein dem Vaterlande treu
ergebenes Herz! O du verfluchtes Leben!
[RB.01_005,07]
So es irgendeinen Gott gibt – welche Freude kann es Ihm denn wohl sein, wenn
sich Menschen wegen eines Thrones und wegen Meinungsverschiedenheiten grausam
totschlagen? Weil aber allezeit so Arges geschieht auf der Erde und solches
doch von einem Gott nicht ausgehen kann, der logisch und physisch nichts als
nur die reinste Liebe sein kann, – so gibt es gar keinen Gott. Oder, wenn es
einen Gott gibt, so ist er nur ein fluchwürdiges Fatum, das die Wesen als ein
Spielzeug seiner Launen betrachtet. Darum noch einmal Fluch jedem Wesen, das
Menschen schafft fürs leidigste Verderben!
[RB.01_005,08]
Aber jetzt nur Ruhe. Denn wenn ich in diesem Nichts die erwünschte gänzliche
Vernichtung finden will, aber stets mit mir selbst rede, so erwecke ich mich
dadurch aus der Vernichtung und werde wieder lebend durch die neu erregten
Lebenskräfte. Daher also strenge Ruhe, damit die Vernichtung kommt!“
6. Kapitel –
Äußere Ruhe, innere Unruhe. Was ist das Leben? Sehnsucht nach Glaubensfrieden
lenkt aufs Gebet. Der Gedanke an Weib und Kinder.
[RB.01_006,01]
Nach diesen Worten wird Robert ganz stumm und ruhig mit dem Munde, aber desto
rühriger in seinem Herzen. Das ärgert ihn schon wieder, da er damit nur desto
mehr Leben und umfassenderes Bewußtsein in sich wahrnimmt. Je ruhiger er wird,
desto größer wird die innere Regsamkeit. Je mehr er diese unterdrücken will,
desto kräftiger tritt sie auf.
[RB.01_006,02]
Das treibt ihn wieder in eine neue Art von Verzweiflung und Zornwut. Denn es
wird ihm immer einleuchtender, daß er auch auf diese Weise des ihm schon über
alles lästigen Lebens nicht loswerden kann. Daher fängt er wieder zu reden an:
[RB.01_006,03]
„Nun möchte ich aber in Teufels Namen doch wissen, was denn das schweinsdumme
Leben ist, daß man seiner nicht loswerden kann! Ich habe ja doch Tausende
sterben gesehen: sie wurden tot und es blieb nicht das leiseste Lebenszeichen mehr
übrig! Verwesung war das vollkommene Ende ihres Seins. Diese können doch
unmöglich irgendein Bewußtsein mehr haben. Oder sollten sie etwa außer dem
Leibe auch noch ein Leben haben gleich meinem?
[RB.01_006,04]
Ich kann nicht tot werden. Wer erhält mir denn dieses lästige Leben? – O du,
der du mich hast erschießen wollen, du hast mich nicht tot-, sondern nur
lebendig schießen lassen! Wenn deine Helfer an allen deinen Feinden solche
Effekte wie an mir bewirken werden, dann erspare dir die Mühe. Denn du wolltest
mir nehmen, was du mir ewig nicht wiedergeben kannst. Aber wie sehr lache ich
dich nun aus! Denn ich, den du totmachen wolltest, lebe. Du aber, der du zu
leben wähnst, bist nun um zehnmal toter als ich, dein Opfer!
[RB.01_006,05]
Es wäre im Grunde alles recht, wenn ich nur ein kleinstes Schimmerchen von
einem Lichte hätte! Aber diese totale Finsternis soll der Teufel holen!
[RB.01_006,06]
Wenn ich in dieser Lage etwa ewig verharren soll? O verflucht! Wenn ich etwa doch
schon ein Geist bin? Das wäre eine verteufelte Bescherung! Nein, das glaube ich
nicht, ein ewiges Leben kann es ja nicht geben. Doch kommt es mir schon hübsch
lange vor, seit ich in dieser Finsternis zubringe. Es müssen doch schon einige
Jährchen verflossen sein? Nur Licht, Licht, dann ist alles recht!
[RB.01_006,07]
Ich muß offen gestehen, daß es mir nun lieber wäre, so ein dummer Kerl zu sein,
der an den Gottes-Sohn, an den Himmel, nebenbei freilich auch an den ewigen
Tod, an den Teufel und an eine Hölle glaubt und in solchem Wahnglauben mit
ruhigem Gewissen stirbt, – als daß ich hier mit meiner Vernunft mich in
totalster Lichtlosigkeit befinde! Aber was kann ich dafür? Ich suchte stets die
Wahrheit und glaubte, sie auch gefunden zu haben. Aber was nützt sie, wenn es
in ihr kein Licht gibt?
[RB.01_006,08]
Das Beste bei mir ist und bleibt meine Standhaftigkeit und gänzliche
Furchtlosigkeit. Denn wäre ich ein ängstliches Wesen, müßte ich in diesem
Zustand in die tiefste Verzweiflung geraten. Aber so ist mir nun schon alles
eins!
[RB.01_006,09]
Mein Weib und meine Kinder fangen in meinem Herzen freilich nun auch sich ein
wenig zu rühren an. Die Armen werden wohl Traurigkeit und großen Kummer um mich
haben. Aber was kann ich in dieser Lage für sie tun? Nichts, gar nichts! Beten,
das könnte ich freilich, aber zu wem und zu welchem Nutzen? Der beste Wunsch
für sie ist ohnehin in meinem Herzen ein wahres Gebet, das ihnen sicher nicht
schadet, so es ihnen auch nichts helfen kann. Ein anderes Gebet aber kenne ich
nicht, – außer dem wohlbekannten römischen ,Vaterunser‘, ‚Ave Maria‘ und wie
noch eine Menge anderer Zungenwetzereien heißen! – Für diese aber würde sich
meine gebildete Familie sicher erstaunt bedanken. Doch sie kann es ja unmöglich
je erfahren, was ich hier tue!“
7. Kapitel –
Ehrfurchtsvolles Gedenken an Jesus ruft starkes Blitzen hervor. Schreck und
freudige Verwunderung Roberts.
[RB.01_007,01]
Robert spricht weiter: „Das sogenannte Vaterunser ist unter allen Gebetsformeln
wohl die beste! Denn also hat der weise Lehrer Jesus seine Schüler beten
gelehrt. Leider ist dieses Gebet noch nie ganz verstanden worden, da man es
meistens blind für alle Fälle und Bedürfnisse vorbrachte. Aber die Römischen
legen in diese Gebetsformel statt der Wahrheit nur eine gewisse läppisch
magische Kraft und gebrauchen sie als eine sympathische Universalmedizin gegen
alle Übel, auch wider die Krankheiten der Tiere! Und das ist mir denn doch
unmöglich! – Das Vaterunser an und für sich ist sicher ein sehr würdevolles
Gebet; aber freilich nur im rechten Sinne und nur als das, was es ist. Aber in
der Art, wie es Römlinge und Protestanten gebrauchen, der barste Unsinn!
[RB.01_007,02] O
du guter Lehrer und Meister Jesus! Wenn dein Los etwa auch dem meinen gleicht,
so wirst du in solch einem Zustand nach deiner Hinrichtung wohl auch schon oft
bereut haben, den argen Menschen so viel Gutes getan zu haben? Beinahe 2000
Jahre in solcher Nacht! O Edelster, das muß sehr hart sein!“
[RB.01_007,03]
Als unser Mann den Namen Jesus so teilnehmend und ehrend ausspricht, fährt ein
starker Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang. Darüber erschrickt unser
Freiheitsapostel sehr, empfindet aber eine große Freude, da er dadurch die
Überzeugung hat, daß er nicht blind ist.
[RB.01_007,04]
Zugleich aber fängt er auch an, nachzudenken, was denn etwa doch die Ursache
dieses hellen Blitzes war. Er geht alle ihm bekannten Gründe zur Erweckung der
Elektrizität durch, findet aber nichts zur genügenden Erklärung dieser ersten
Lichterscheinung in seinem ihm noch immer unbegreiflichen Zustand.
[RB.01_007,05]
„Aber jetzt geht mir ein neues Gedankenlicht auf!“ ruft er. „Ja, ja, so ist es!
– – O du herrliche Philosophie, du unversiegbarer Born der wahren Weisheit! Du
bringst jedem das rechte Licht, der dich, wie ich, mit aller Glut und Liebe
ergreift und dich in allen Lebenszuständen als einzigen und verläßlichsten
Ratgeber und Wegweiser benützt! Schau, wie geschwind habe ich nun mit deiner
Hilfe diesen gordischen Knoten gelöst!
[RB.01_007,06]
Wo im Reich des Nichts ein individuelles Sein sich vorfindet, da können sich ja
noch eine Menge anderer, entweder gleich- oder anders gearteter Sein vorfinden!
Und so können außer diesem meinem Sein sich noch eine Menge allerartiger
Wesenheiten hier befinden, die zur Erweckung der Elektrizität tauglich sind,
ohne das uns alle umfassende Nichts im geringsten zu beeinträchtigen. So ist's
gut! Ich weiß nun, daß es außer mir in dieser Nacht doch noch irgendwie
geartete wesenhafte Nachbarn gibt. Ich bin somit durchaus nicht gar so allein
hier, wie ich es mir geraume Zeit vorgestellt habe. Oh, das ist gut, das ist
sehr gut!
[RB.01_007,07]
Wenn ich mich nur schon früher ernstlich der deutschen Philosophie in die Arme
geworfen hätte, da stünde ich sicher schon auf einem andern Boden. Aber ich
Dummkopf verlor mich am Ende in eine kleinlich läppische Gebetskritik und in
ein nutzloses Bedauern des großen, weisen und edelsten Völkerlehrers Jesus und
ver– –!“
[RB.01_007,08]
Hier blitzt es wieder und diesmal noch stärker als zuvor. Robert ist außer sich
vor Schreck und Verwunderung und kann sich nicht fassen über dieses für ihn
unbegreiflich intensive, freilich nur kurz dauernde Licht. – Es kam ihm dabei
auch vor, als hätte er in einer weiten Entfernung bestimmte Umrisse von
allerlei ihm bekannten Gegenständen gesehen. Aber ihre Beleuchtung dauerte zu
kurz, als daß er sie näher hätte bestimmen können.
[RB.01_007,09]
Nach einer langen Ruhe konnte er erst wieder seine Gedanken tiefer zu fassen
anfangen. Sein erster wieder etwas geordnete Gedanke war folgender: „Aha, nun
weiß ich erst, woran ich bin! Dieses Blitzen deutet auf ein starkes Gewitter,
das sich nun in der Nacht über Wien hermachen wird! Ich erwache nun nach und
nach aus meiner großen Betäubung und kehre wieder ganz ins Leben zurück.
Wahrscheinlich hilft diese vom elektrischen Fluidum schwangere Luft mir dazu,
und ich werde unter Blitz, Donner und Hagel wieder ins Leben zurückkehren?
Donnern höre ich zwar noch nicht, aber das Wetter kann auch noch sehr weit von
hier stehen.
[RB.01_007,10]
Aber kann es denn nicht sein, daß ich auch taub bin? Meine Gedanken vernehme
ich freilich wie Worte; aber das ist noch kein Beweis, daß ich darum im
Vollgebrauch meiner Gehörsorgane bin. Vielleicht komme ich bei dieser
Gelegenheit auch wieder zu meinem Gehör. Freilich, das sonderbare Gefühl des
mich umgebenden Nichts kann ich mir auf natürlichem Wege durchaus nicht
erklären. Aber was liegt da daran? Ich bin einmal da und habe nun zweimal
blitzen gesehen: Beweis, daß ich nicht blind bin! Wer weiß, ob das nicht alles die
Wirkung des drohenden Gewitters ist? Daher lasse ich das Wetter einmal
loskrachen und vorüberziehen; da wird es sich dann schon zeigen, ob ich noch so
verbleiben werde wie jetzt.
[RB.01_007,11]
Freilich dauert dieser Stand schon hübsch lange. Nach meinem Gefühl könnten es
auch schon hundert Jahre sein; aber das wird eine bloße Gefühlstäuschung sein.
Ja, ja, wenn man in einer gewissen Betäubung dahinschmachtet, muß ja aus einer
Minute ein Jahr werden. Ja, so ist es auch! Wenn es nur bald wieder blitzte und
nachher auch ein wenig donnerte! Aber die Blitze lassen sich Zeit?“ – –
8. Kapitel –
Erneute Liebe zum Leben. Rachedurst wandelt sich in Vergebungsgedanken. Neuer
Blitz und bleibende Helle.
[RB.01_008,01]
Spricht Robert weiter: „Oder, oder? Sonderbarer Einfall! Sollten etwa diese
zwei Blitze bloß in meiner Phantasie vorgekommen sein und zeigen vielleicht an,
daß es mit mir nun bald völlig zu Ende gehen werde? Ja, es kann auch sowas
sein. Denn da ich nun angefangen habe, dies armselige Leben ein wenig liebzugewinnen,
wird es sicher bald zu Ende sein mit ihm! Man rufe nur den Tod, da kommt er
sicher nicht. Fürchtet man ihn aber und wünscht von ganzem Herzen, daß er noch
lange ausbleiben möchte, da kommt er sicher am ehesten! Daher muß ich wieder
meine baldigste volle Vernichtung mit all meinen noch vorhandenen Kräften
begehren, dann darf ich völlig sicher sein, daß mich der wahre Tod noch nicht
gar zu bald am Kragen haben wird!
[RB.01_008,02]
Wahrlich, das ist ein guter, alter Spruch: ,Wer das Leben liebt, der wird es
verlieren; wer aber sein Leben verachtet, der wird es erhalten!‘ – Bei mir ist
das nun schon einmal der Fall gewesen. Denn nur aus Lebensverachtung habe ich
aus Liebe zu allen meinen deutschen Brüdern mich in die größten Gefahren
begeben und wurde da höchstwahrscheinlich doch durch Pulver und Blei hierher
befördert! Aber ich, Robert Blum, lebe!
[RB.01_008,03]
Freilich bin ich jetzt noch ohnmächtig. Aber es sagt mir ein inneres Gefühl:
Robert, du wirst bald stark und mächtig werden, dein Blut zu sühnen an diesen
gemeinen Mördern und Henkern! Ja, ja, Robert, du wirst wieder stark werden! Als
du auf der Erde lebtest, da warst du einfach in dir selbst zu Hause. Nun aber
lebst du in Millionen Herzen deiner Brüder und lebst in dir selbst auch noch in
der Wirklichkeit! Daher zage nicht, Robert! Du wirst noch sehr stark und
mächtig werden!
[RB.01_008,04]
Freilich wäre es besser, wenn ich jetzt schon stark wäre, wo sich noch mein
Zorn und Rachedurst in vollster Glut befindet. Aber so sich etwa nach und nach
in dieser Nacht meine Rache legen sollte und ich darauf erst erstarken soll, da
bleibe ich schon lieber in meiner gegenwärtigen Schwäche und will an meiner
Statt das Fatum walten lassen.
[RB.01_008,05]
Es ist überhaupt merkwürdig, daß ich nun meinen doch gerechtesten Zorn und mein
Rachegefühl nicht halten kann! Es wandelt sich manchmal ganz in eine Art
großmütiger Vergebung, was mich sehr ärgert. Aber wenn ich die Sache recht
fasse, ist das doch eigentlich wieder echt deutsch! Nur der Deutsche kann vergeben.
Und das ist eine herrliche Tugend, die den edelsten Seelen nur eigen ist!
[RB.01_008,06]
Wer kann zu seinem Mörder sagen: ,Freund, du hast Übles an mir getan, aber ich
vergebe es dir vom Grunde meines Lebens!‘ Das kann Robert! Ja, Robert kann es
nicht nur, er tut es auch! – Bruder Alfred, der du mich hast schändlich
ermorden lassen, ich vergebe es dir und will an dir ewig keine Rache nehmen,
und könnte ich es auch tausendfach tun! – Ja, höre es ganz Deutschland: Robert
Blum hat seinem und also auch deinem Feinde die Untat vergeben!
[RB.01_008,07]
Ah, nun ist mir auf einmal leichter! Hm, ich bewundere selbst meine Größe, das
ist ein großes Labsal für mich! Zwar sagt die Mythe das ebenso von dem großen
Völkerlehrer, der auch am Kreuz seinen Feinden alle ihre Untaten vergab. Aber
in ihm war sicher auch eine echt deutsche Seele zu Hause, sonst wäre er solcher
Charaktergröße kaum fähig gewesen. Denn den Orientalen ist so eine Großmut wohl
nie zu eigen gewesen. Ja, ja, der große Lehrer Jesus war auch ein Deutscher!“
[RB.01_008,08]
Bei Nennung des Namens Jesus fährt wieder ein mächtiger Blitz vom Aufgang bis
zum Niedergang und läßt nach dem Untergange einen leichten, bleibenden Schimmer
eines eigentümlich grauen Leuchtens zurück, was unsern Robert sehr befremdet, da
er nun schon wieder mit seiner früheren Gewittererwartung sozusagen ganz
breitgeschlagen ist.
9. Kapitel –
Alle Weltweisheit ist eitel. Jesus legt Seinen Jüngern den Glauben ans Herz.
[RB.01_009,01]
Aufmerksam betrachtet er den nachhaltigen Schimmer und weiß nicht, was er
daraus machen soll. Nach einer Weile kommt er wieder zu sich, fängt wieder
nüchterner über diese Erscheinung zu denken an und sagt sich:
[RB.01_009,02]
„Es ist am Ende doch noch ein Wetter, dessen Gewölk sich nun nach dem dritten
Blitz auf einer Seite ein wenig zu lichten anfängt. Nur eines geht mir dabei
nicht so ganz ein, daß ich erst jetzt klar gewahr werde, wie ich mich gleich
einem Vogel in freier Luft oder im freiesten Äther ohne alle Unterlage befinde.
Solch ein Zustand hätte in der früheren Nacht wohl noch als Gefühlstrug
angenommen werden können; aber nun ist es kein Trug mehr, sondern volle
Wahrheit.
[RB.01_009,03]
Jetzt wird mir wohl klar, daß ich dem Leibe nach wirklich gestorben bin, da man
doch unmöglich annehmen kann, daß sich ein schwerer Leib so lange frei im Luft-
oder Ätherraume halten könnte. Aber außer mir, weder unter mir noch über mir
ist nirgends etwas Gegenständliches wahrzunehmen. Ich muß mich sonach sehr
ferne von irgendeinem Weltkörper befinden. Hm, sonderbar!
[RB.01_009,04] O
Hegel, o Strauß, o Ronge! Eure Weisheit scheint hier stark Schiffbruch zu
leiden. Wo ist eure allgemeine Weltseele, in die nach des Leibes Auflösung der
Mensch übergehen soll? Wo ist der im Menschen auftauchende Gott und wo sein
Sich-seiner-selbstbewußt-Werden im Menschen? Ich bin gestorben und bin nun hier
ganz in der ohnmächtigsten Alleinheit, die sich nur irgendwie denken und
vorstellen läßt. Da ist keine Spur von irgendeiner auftauchenden Gottheit und
ebensowenig irgendein Übergang meines Wesens in das allgemeine Weltseelentum
wahrzunehmen.
[RB.01_009,05] O
ihr eingebildeten menschenfreundlichen Weltweisen! Von solch einem Befinden
nach des Leibes Tod habt ihr wohl noch nie die leiseste Ahnung gehabt. Kurz und
gut, ihr habt mich betrogen und werdet noch viele betrügen. Aber es sei euch
alles vergeben, da ihr ja auch Deutsche seid! Wüßtet ihr etwas der Wahrheit
Gemäßeres, so würdet ihr es euren Jüngern sicher nicht vorenthalten haben! Aber
da ihr dessen nicht fähig seid, so gebet ihr, was ihr habt, und das ist
wenigstens redlich gehandelt.
[RB.01_009,06]
Freilich nützt dem Menschen hier eure Redlichkeit gar nichts. Aber das macht
auch nichts, da es im Grunde genug ist, die Menschheit bloß irdisch-materiell
in einer gewissen Ordnung zu erhalten. Was aber das oft bezweifelte Leben nach
dem Tode betrifft, so braucht es da sicher keine Gesetze mehr. Denn welche
Verpflichtungen könnten mir noch obliegen? Sicher keine anderen, als die eines
Wölkchens in der Luft, das die Winde treiben. Hätte ich nun auch die Weisheit
Salomos und die Stärke Goliaths, wozu wohl könnten sie mir dienen?
[RB.01_009,07]
Darum wäre es wahrlich besser, in dem finstersten Aberglauben Roms zu sterben,
da man wenigstens im blinden Glauben seinen Leib ablegte, nach dessen Abfall
entweder gut oder schlecht der Seele nach fortzuleben. Besser, als daß man als
Rongeanischer Puritaner mit dem Tod alles Leben für ewig zu verlieren wähnt und
sich somit vor dem Tod auch gräßlich fürchten muß. O Himmel! Lieber ewig in
dieser wesenlosen Leere schmachten, als noch einmal solch eine Todesangst
auszustehen!
[RB.01_009,08]
Darum, ihr Lehrer, lehret eure Jünger glauben! Und sie werden glücklicher
sterben, als ich mit all meiner Vernunftstärke gestorben bin. Nun wird mir auch
klar, warum der große Meisterlehrer seinen Jüngern stets nur den Glauben ans
Herz legte!“
10. Kapitel –
Gute Gedanken über Jesus. Der Glaube an die Unsterblichkeit und an einen Gott
der Liebe wächst.
[RB.01_010,01]
Spricht Robert weiter: „Dieser weiseste Lehrer der Völker ward gleich mir aus
dem Schoße dürftiger Eltern zur Welt geboren. Er muß sich höchstwahrscheinlich
nur mühsam unter allen möglichen Entbehrungen auf den Standpunkt der höchsten
moralischen Weisheit gehoben haben, wobei er sich seitens der verschrobenen
jüdischen Priesterherrschaft sein ganzes Leben hindurch auch noch manche
Verfolgungen hat gefallen lassen müssen. Es mußte für ihn enorm schwer gewesen
sein, sich unter den hartnäckigsten Mosaisten und Aaroniten, in deren Köpfen
und Herzen eine finstere Nacht zu Hause war, zu solcher Weisheit
emporzuschwingen.
[RB.01_010,02]
Wahrscheinlich ist er einmal als armer Teufel entweder mit seinen ebenso armen
Eltern oder mit einer andern Karawane nach Ägypten gekommen und hat dort durch
seine angeborenen Talente die Aufmerksamkeit irgendeines großen Weisen auf sich
gezogen. Der nahm ihn dann in seine Schule und weihte ihn in alle Geheimnisse
der tiefsten Weisheit ein, mittels deren weiser Anwendung er dann bei seinen
dümmsten Landsleuten die größte Sensation erregen mußte. Oder er kam in die
Schule der Essäer, die damals die Quintessenz aller Weisheit besaßen. Wodurch
er dann natürlich auch vor den blinden Juden nahe als ein Gott dastehen mußte,
der armen Menschheit zum größten Troste, wennschon der überreichen und
hochmütigen Priesterschaft zum größten Arger!
[RB.01_010,03]
Es lacht mir noch jetzt das Herz, wenn ich daran denke, wie er bei den
verschiedensten Anlässen die gesamte hohe Priesterschaft manchmal auf eine Art
zurechtgewiesen hat, daß sie darob nicht selten vor Ärger hätte zerbersten
mögen. Leider ward er am Ende ein Opfer seines zu großen Mutes und der allzu
tückischen Niederträchtigkeit der mit Gold und Edelsteinen verbrämten
Tempelbestien.
[RB.01_010,04]
Aber – erging es mir etwa besser? O nein! Auch ich bin ein Märtyrer für meine
edelsten Bestrebungen geworden. Ich wollte die Menschheit von den alten
Sklavenketten befreien, und mein Lohn dafür war der schnödeste Tod. Es ist
wahrlich rein des Teufels um die gesamte Menschheit! Ihre größten Freunde tötet
sie, und ihren abgefeimtesten Feinden bringt sie Triumphzüge unter Musik- und
Fackelglanz!
[RB.01_010,05]
Aber nun bin ich von allem erlöst, und zwar mit dem überzeugenden Bewußtsein,
daß es allen großen Völkerwohltätern nicht um ein Haar besser ergangen ist als
mir, der ich trotz meines guten Willens doch noch lange kein Jesus bin!“
[RB.01_010,06]
Bei der Nennung dieses Namens fährt schon wieder ein mächtiger Blitz, und zwar
diesmal sehr nahe an Robert vorüber. Er hinterläßt nun schon eine Art
Abenddämmerung wie auch gegen Abend hin etwas von einer dunstigen Gegend, so
daß unser Mann nun seine ganze Form recht gut erkennen kann, ohne dabei seinen
freiesten Zustand in der Luft zu verlassen.
[RB.01_010,07]
Obschon ihn der Blitz auch diesmal sehr überrascht, so erschrickt er nicht mehr
davor, sondern fängt sogleich mit Ruhe darüber nachzudenken an und spricht bei
sich: „Wahrlich, im höchsten Grade merkwürdig! Nun fuhr der Blitz mir ja
sozusagen durch den Leib, und ich empfand dabei nichts als zum ersten Mal ein
ganz überaus wohltuendes Lüfterl und fühle mich nun darauf ganz außergewöhnlich
gestärkt! Und sein noch stärkerer Lichtschimmer tut meinem Herzen und meinen
Augen um so mehr wohl. Auch darf ich, wie mir vorkommt, gegen Abend eine Art
sehr dunstiger Gegend erschauen, – was mich um so mehr überzeugt, daß ich
ernstlich in der freien Luft schwebe. Auch kann ich nun meine Füße, Hände, und
auch meine Kleidung, wie ich sie am Richtplatz anhatte, gut ausnehmen.
[RB.01_010,08]
Oh, wer auf der Erde würde nicht über Hals und Kopf zu lachen anfangen, wenn
man ihm sagte, daß nach dem Abfall des Leibes nicht nur die Seele unter der
früheren irdischen Menschengestalt, sondern auch im vollsten Ernste des Leibes
Kleidung unsterblich ist!?
[RB.01_010,09]
Der große Shakespeare hatte wahrlich recht, da er sagte: ,Zwischen Mond und
Sonne geschehen Dinge, von denen sich die menschliche Weisheit noch nie etwas
hat träumen lassen.‘ Und zu diesen Dingen gehört die Unsterblichkeit irdischer
Leibeskleidungen! Dabei scheint eine ganz sonderbare Fügung obzuwalten, gerade
mein Siegeskleid, das Kleid der höchsten Schande in den Augen meiner Feinde,
wurde mit mir erhöht zur höchsten Freiheit! Ja, das kann nur ein liebevollster
und gerechtester Gott so fügen! – Nun glaube ich aber auch, daß es einen
wahrhaftigen Gott gibt, der es ewig nicht nötig hat, erst bei Hegel und Strauß
anzufragen, ob Er da sein darf und kann.
[RB.01_010,10]
Sonderbar aber kommt es mir doch vor, daß es, sooft ich den Namen des großen
Morgenländers nannte, ebensooft geblitzt hat! Sollte etwa auch an seiner mehr
als menschlichen Gottessohnschaft doch im Ernst etwas Wahres sein?
[RB.01_010,11]
Wenn Röcke sogar unsterblich sind, da kann es mit Jesus – aha, hat richtig
wieder geblitzt, und das stärker nun als die früheren Male! – Sonderbar!!“
11. Kapitel –
Weitere Ehrfurchts- und Sehnsuchtsgedanken für Jesus. Die Lichtgegend rückt
näher.
[RB.01_011,01]
Spricht Robert weiter: „Sollte auch er etwa, gleich mir, sich irgendwo hier
befinden und verkehrt nun mit mir, als einem Mann ungefähr seinesgleichen, auf
diese ganz unschädliche elektrische Art und Weise? Ja, ja! Denn er soll
besonders in der ägyptischen Magie, hauptsächlich durch die Kenntnis der
innersten Naturkräfte, einer der erfahrensten Männer gewesen sein. Woraus auch
seine sogenannten Wundertaten sehr wohl zu erklären sein dürften, – besonders
wenn die dümmsten Osmanen die große Bibliothek zu Alexandria nicht verbrannt
hätten.
[RB.01_011,02]
Ja, ja, wie mir meine Hegelsche und Rongeanische Weisheit geblieben ist, so ist
auch ihm sein großer Weisheitsschatz verblieben, mit dessen unschätzbarer Hilfe
er mir nun durch Blitze kundtut, daß er sich in meiner Nähe befindet und
vielleicht ebenso den Wunsch hat, in dieser Leere irgendein Wesen zu treffen.
Es muß kein Spaß sein, mit dem gewecktesten Geiste der Welt 1800 und dazu noch
etliche 40 Jahre sich bloß mit seiner höchsteigenen Gesellschaft begnügen zu
müssen. O edelster, bester und größter Menschenfreund! Wohl bin ich deiner
Größe gegenüber nicht wert, dir die Schuhriemen zu lösen, aber was nützt hier
alle irdische Größe? Da verschwindet wahrlich aller Glanz und alle irdische
Berühmtheit!
[RB.01_011,03]
Dein Name, und für die Folge auch der meinige werden wohl noch lange auf der
Erde gerühmt und bewundert werden; aber was haben wir beide davon? Wir können
hier in der endlosen Leere bloß durch eine Art elektrischer Blitztelegraphen
andeuten, daß wir beide uns hier, vielleicht nicht gar zu ferne voneinander befinden.
[RB.01_011,04]
Wäre es doch möglich, daß wir uns einander nahen könnten, wahrlich unsere
Gesellschaft genügte uns für ewig! Zwei große, in allem höchst verwandte Seelen
würden wohl für ewig nie des herrlichsten Gesprächsstoffes ermangeln und sich
auf die anziehendste Weise die Zeit oder auch die Ewigkeit verkürzen und
köstlich würzen! Aber was nützt da der beste Wunsch. Wer soll, wer kann ihn
verwirklichen?
[RB.01_011,05]
So wie wir beide schweben vielleicht noch zahllose andere Wesen. Die Weltkörper
waren vielleicht ursprünglich auch das, was wir nun sind? Nach Trillionen von
Erdjahren haben sich zahllose Atome um sie angesammelt. So sind aus ihnen am
Ende ganze Weltkörper entstanden, in deren Mitte noch dieselben Geister oder
Seelen wohnen, um die sich durch die Ansammlung ganze Welten gestaltet haben!
[RB.01_011,06]
Vielleicht bist du, mein großer Freund, auch seit nahe 2000 Jahren schon so ein
kleines Kometchen geworden und kannst aus deiner eigenen Dunstsphäre schon
Blitze erwecken? Es wird bei mir noch sicher viel Geduld brauchen, bis ich
einmal nur einige Meter Dunstatmosphäre um mich angesammelt haben werde.
Vielleicht werde ich einmal, wenn du schon ein reifer Planet sein wirst, ein
Trabant von dir sein? Oder so du etwa gar zu einer Sonne wirst nach vielen
Dezillionen Erdjahren, kann ich vielleicht dein allernächster Planet wie Merkur
werden!
[RB.01_011,07]
Das sind wohl freilich sehr weit hinausgeschobene Hoffnungen; aber was kann man
dagegen tun? Nichts, als alles in Geduld abwarten. Hier im Reich der Ewigkeit
muß man sich auch mit ewigen Hoffnungen trösten, will man vor entsetzlicher
Langeweile nicht in die barste Verzweiflung übergehen.
[RB.01_011,08]
Aber da sieh! Jene dunstige, sonderbare Gegend tief unter mir wird nun etwas
heller, und es scheint auch, als ob sie mir näher käme. O das wäre sehr
scharmant! Das ist schon so, wie ich es mir früher gedacht habe.
[RB.01_011,09]
Mein großer Freund Jesus – aha, hat schon wieder geblitzt! Allein das macht
nichts! – Was habe ich eigentlich sagen wollen? Mein großer Freund, der
wahrscheinlich schon zu so einer kleinen Kometwelt angewachsen ist, hat meinen
sehnlichsten Wunsch vernommen und bietet nun alles auf, um zu mir zu kommen. Da
wird er mich sicher zu ihm in seine junge Weltmitte ziehen, wird auf diese Art
die Anziehungskraft der äußern Ätheratome verstärken und somit desto eher und
leichter zu einer Vollwelt anwachsen. Ja vielleicht hat er auch schon eine
größere Menge ihm verwandter Wesen um sich? Das kann sehr leicht sein, denn
Wesen wie ich hat es schon so manche gegeben.
[RB.01_011,10]
Kann er mich nun anziehen, so hat er auch alle seine Nachfolger, die vor mir
den wahren Kreuzweg durchgemacht haben, auf eine gleiche Weise angezogen! Und
so könnte ich nun auch schon eine ganz große Gesellschaft um ihn antreffen?
Wäre das der Fall, welch ein Vergnügen wäre das für mich!
[RB.01_011,11]
Aus dieser Sache scheint einmal doch ernstlich etwas werden zu wollen. Die
sonderbare Gegend kommt mir stets näher und wird dabei auch stets etwas heller
und deutlicher. Ich nehme nun schon wirklich etwas aus, das ungefähr einem
kleinen Berg gleichsieht, umgeben mit mehreren Hügelchen! Gott Lob, auf diese
Art komme ich vielleicht doch mit der rechten Geduld endlich einmal auf
irgendeinen festeren Grund!“
12. Kapitel –
Ein Mensch erscheint in der Lichtgegend. Ist es Jesus? Roberts Freude in
Erwartung des Ersehnten.
[RB.01_012,01]
Spricht Robert weiter: „Mein Herz, freue dich! Denn die Gegend ist schon recht
nahe an mich herangekommen. Und da sehe ich ja auch etwas wie einen Menschen
auf dem kleinen Berg stehen, der mir zu winken scheint!
[RB.01_012,02]
Am Ende ist das gar der gute Jesus selbst? Ja, ja, er ist es leibhaftig! Denn
nun sah ich klar, wie bei der Nennung seines Namens gerade von ihm ein starker
Blitz in der Richtung gegen mich herfuhr. Oh, das wird endlos scharmant sein,
mich in der Gesellschaft desjenigen Geistes zu befinden, dessen Größe und
unübertreffliche Weisheitstiefe ich so oft über alles bewundert habe!
[RB.01_012,03] O
ihr armen, dummen Menschen auf der Erde, die ihr euch wegen irdischer Güter und
wegen einer sogenannten höheren Geburt für besser haltet, als da sind viele
Tausende der armen Brüder und Schwestern, die ihr nur unter dem Namen Canaillen
kennt! Ich rufe euch zu, daß ihr alle zusammen nicht wert seid, statt eures
Gehirnes den Dreck eines der armen Brüder in eurem edlen Kopfe herumzutragen!
Hättet ihr einen so schalen Gehirnkasten, da hättet ihr doch wenigstens eine
Ahnung von dem, wie es hier ist!
[RB.01_012,04]
Hierher kommt, ihr großen, mehr als zur Hälfte toten Esel. Hier werdet ihr es erst
kennenlernen, was ihr seid, was eure Geburt, was eure Ahnen, was euer Gold!
Wahrlich, kein Teufel wird euch aus eurer finsteren Verbannung befreien! Denn
die, welche die Gottheit euch zu Rettern sandte, habt ihr, von Abel angefangen,
allezeit gefangengenommen und grausamst ermordet. Aber nun rufe ich es laut
über euch aus:
[RB.01_012,05]
Eure arge Zeit ist am Rande! Bald werdet ihr alle hier sein und vielleicht nach
euren stolzen Ahnen fragen. Aber der ewige, finstere Raum um euch wird auch
ewig antwortleer verbleiben! Aus euch wird die Gottheit wohl schwerlich je ein
Schneckenhaus, geschweige eine Welt bauen! Aber Gott tue, was Er will! Ich aber
bin nun über die Maßen froh, daß mir mein allerliebster Freund samt der stets
helleren Gegend schon so nahe ist, daß ich ihn beinahe schon anreden könnte!
Gott Lob für diese Bescherung!“
13. Kapitel –
Roberts Anruf. Jesu Kommen. Die abgeschiedene Seele findet wieder einen festen
Grund.
[RB.01_013,01]
Spricht Robert weiter: „Stets näher kommt diese sonderbare Gegend heran! Der
eine Berg, auf dem der Groß-Meister der herrlichsten Moral steht, ist ziemlich
von Bedeutung. Er dürfte einige hundert Fuß Höhe haben und ist auf der einen
Seite recht felsig und schroff. Aber die anderen Hügelchen um ihn könnte man
sehr leicht bloß nur für etwas bedeutendere Sandhaufen halten, von denen die
größten wohl kaum dreißig Fuß Höhe haben dürften. Auch die Beleuchtung dieser
Hügelgegend ist sonderbar. Man sieht die Hügel auf eine Art, als wären sie mit
Phosphor überzogen. Aber ihre Füße und die dazwischen vorkommenden Täler und
Ebenen ersieht man durchaus nicht. Man gewahrt nur einen Dunst, der ein
sonderbares dunkelgraugrünes Aussehen hat und kann durchaus nicht ausnehmen,
wie weit über diese kleine Hügelgegend er sich etwa hinaus erstreckt.
[RB.01_013,02]
Ich meine, so werden wohl alle sich neugestaltenden Weltkörper aussehen, bevor
sie als unscheinbare Kometen ihre Laufbahn um eine Sonne beginnen? Diese Hügel
werden unten wohl irgendeine Verbindung haben. Aber wie? Das wird der einzige
Bewohner, der einstige Groß-Meister der reinsten Moral wohl am allerbesten
wissen! Er ist nun schon ganz nahe und würde mich vielleicht vernehmen, so ich
an ihn einen recht kräftigen Ruf richtete. Gelingt es mir, so wird es natürlich
sehr gut für mich und vielleicht auch für ihn sein. Habe ich aber vergeblich
gerufen, nun, so wird das wohl sicher nicht mein letzter vergeblicher Ruf
sein!“
[RB.01_013,03]
Nach diesen Worten macht Robert sich mittels beider Hände ein Faustsprachrohr,
holt tief Atem und schreit darauf mit allen Kräften:
[RB.01_013,04]
„Jesus, du großer Meisterlehrer aller Völker der Erde! So du der bist und so du
meine Stimme vernimmst, so komm zu mir her mit deiner jungen Erde! Fürwahr, an
mir sollst du deinen größten Verehrer finden! Ich schätze dich wegen deiner
schlichten und dennoch größten Weisheit, mit der du alle deine Vorgänger und
Nachfolger himmelhoch überragst. Ferner schätze ich dich, weil unser beider
irdisches Los nahe ein ganz gleiches war. Und endlich schätze ich dich überaus
hoch, da du der erste warst und noch bist, der mir in diese meine
unausstehliche Finsternis das erste Licht gebracht hat; weshalb ich dir auch
ewig dankbar verbleiben werde.
[RB.01_013,05]
Wenn du der mir so überteure Jesus bist, da komme! O komm zu mir und laß uns
einander gegenseitig trösten! An mir soll es nicht fehlen, dich nach
Möglichkeit zu trösten. Desgleichen bin ich auch von dir im voraus fest
überzeugt, daß du mit deiner großen Weisheit mir sicher den größten Trost geben
wirst. O komme mein geliebter Freund und Leidensgefährte!
[RB.01_013,06]
Du Meister der Liebe, der du die Liebe zum einzigen allumfassenden Gesetz
machtest! So dir deine große Liebe geblieben ist wie mir, so komme mir mit
deiner Liebe entgegen, die du selbst gelehrt hast! Und mit dieser Liebe will
ich auch dir für ewig entgegenkommen!“
[RB.01_013,07]
Nach diesem sehr kräftigen Anruf bewegt sich die kleine schimmernde Hügelwelt
schnell unter die Füße unseres Mannes hin. So zwar, daß er – zum ersten Male
nach seinem gewaltsamen Übertritt – gerade an Jesu rechter Seite auf dem
höchsten Berge wieder festen Grund mit seinen Füßen faßt.
14. Kapitel –
Anrede Roberts an den Herrn. Jesu Antwort. Eine wichtige Lebensfrage.
[RB.01_014,01]
Als Robert nun da fest vor Mir steht, betrachtet er Mich vom Kopfe bis zu den
Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er
da zu finden glaubte. Und zwar im selben dürftigen Anzug und auch mit den
Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt
hatte.
[RB.01_014,02]
Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet hat, beginnen ihm Tränen aus
seinen Augen zu rollen. Und er spricht nach einiger Fassung voll des innigsten
Mitleids:
[RB.01_014,03]
„O du lieber, du größter Menschenfreund, der du Herz genug hattest, sogar
deinen grausamsten Henkern die schändlichste Unbill, die sie an dir begingen,
von ganzem Herzen zu vergeben! Und das bloß darum, da du aus deiner
Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den gültigen
Entschuldigungsgrund annahmst!
[RB.01_014,04]
Aber wie hart muß dabei die Gottheit, dein so oft über alles gelobter und
angebeteter Vater sein, wenn Er irgendwo ist, – daß Er dich, den edelsten,
vollkommensten und besten aller Menschen nun schon nahe 2000 Jahre in dieser
finsteren Leere herumschweben läßt: in derselben dürftigsten Armseligkeit, in
der du von Kindheit an zum reinsten und alleredelsten Menschenfreund
heranwuchsest!
[RB.01_014,05] O
du, mein bester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! – Wie sehr bedauere
ich dich und liebe dich auch andererseits deiner bis jetzt noch gleichen
Armseligkeit wegen! Denn wärest du mir in einem nur zum Teil seligen Zustand
entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert, daß ein Geist wie du nach
dem Abfall des Leibes nicht sogleich zur höchsten Auszeichnung gelangen soll,
wenn es eine gerechte, vergeltende Gottheit gibt!
[RB.01_014,06]
Aber da ich dich hier noch gerade so antreffe, wie du die Erde verließest,
scheinen die Verhältnisse ganz andere zu sein, als wir sie uns vorstellen.
Darum erscheint unser Zustand nach Ablegung des Leibes als eine in sich
bedingte Notwendigkeit, durch die wir erst nach weiten Zeitläufen das
verwirklichen können, was in unserem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als
Grundlage unseres Seins gegeben ist.
[RB.01_014,07]
Von diesem Standpunkt aus erscheint dein und mein gegenwärtiges Sein freilich
noch immer sehr bedauernswürdig, weil die Verwirklichung dessen, was wir als
Erkenntnisse in uns zur klaren Vorstellung gebracht haben, weit hinter der
Macht unseres Willens liegt. Allein, um die werdende Verwirklichung unserer
Vorstellungen mit der Schwäche unseres Willens zum Ausgleich zu bringen,
besitzen wir in unserem Gemüte zum größten Glück etwas, das wir im bürgerlichen
Leben Geduld nennen. Diese wird freilich manchmal auf eine Probe gestellt, von
der wir beide uns sicher manches werden zu erzählen wissen!
[RB.01_014,08]
Liebster Freund, ich habe dir nun so gut als möglich mein wahres Bekenntnis
abgelegt. Nun gib auch du mir kund, was du nun von unserem noch sehr mißlichen
Zustand hältst? Durch gegenseitige Mitteilung werden wir uns wohl eine lange Zeitenfolge
erträglicher machen. Sei demnach so gut, edelster Menschenfreund, und öffne vor
mir deinen für mich heiligsten Mund!“
[RB.01_014,09]
Rede Ich (Jesus), Robert die Hand reichend: „Sei Mir vielmals gegrüßt, Mein
lieber, teurer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei froh, daß du Mich gefunden
hast und kümmere dich ums Weitere gar nicht. Es ist genug, daß du Mich liebst
und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und weisesten Menschen hältst.
Alles andere lasse von nun an ganz Mir über. Ich gebe dir die heiligste
Versicherung, daß am Ende alles, mögen uns was immer für Begebnisse noch
entgegenkommen, gewiß überaus gut ausgehen wird. Denn Ich habe hier in dieser
Einsamkeit alles durchdacht und kann dir mit größter Bestimmtheit sagen, daß
Ich im Gebrauch der dir am schwächsten vorkommenden Willensmacht es so weit
gebracht habe, daß Ich, so Ich es will, alles ins Werk setzen kann, was Ich nur
immer Mir denke und vorstelle. Daß Ich aber dir hier so verlassen und einsam
vorkomme, davon liegt der Grund bloß in deiner für diese Welt noch
unvollkommenen Sehe. Wird diese mehr und mehr gestärkt durch deine Liebe zu
Mir, so wirst du auch bald einsehen, wie weit Meine Willenskraft zu reichen
imstande ist.
[RB.01_014,10]
Aber abgesehen von all dem, was du zu Mir gesprochen hast und Ich nun zu dir
geredet habe, richte Ich erst eine bedeutungsvolle Frage an dein Gemüt, die du
Mir ohne Rückhalt getreu zu beantworten hast, und zwar gerade so, wie es dir
ums Herz ist.
[RB.01_014,11]
Diese Frage aber lautet: Siehe, liebster Freund und Bruder, du hast auf der
Erde einen redlichen Sinn gehabt, nämlich deine Brüder von dem übermäßigen
Druck ihrer harten und herzlosen Regenten zu befreien. Obschon du dazu eben
nicht die tauglichsten Mittel erwählt hast, sehe Ich da allein auf den Zweck
und weniger aufs Mittel. Wenn dieses nur kein grausames genannt werden kann,
dann ist es vor Mir auch schon recht und billig. Aber so viel Mir bekannt, bist
du auf halbem Wege zur Verwirklichung deines guten Zweckes von deinen Feinden
ergriffen und bald darauf hingerichtet worden. Daß dich dieses traurige
Begebnis bis in dein Innerstes zornsprühend muß ergriffen und mit einer
billigen Rachegier dein Herz erfüllt haben, finde Ich so natürlich, daß sich
darob gar nichts einwenden läßt! Wenn du aber nun jenen österreichischen
Feldherrn, der dich selbst zum Tod verurteilte, unter deine nun schon mächtig
gewordenen Hände bekämst und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer: sage Mir
ganz getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?“
15. Kapitel –
Gute Antwort Roberts. Fromme Wünsche.
[RB.01_015,01]
Spricht Robert: „Edelster Freund! Daß ich im Augenblick, als dieser aller
Menschenliebe ledige Wüterich mich dem abgefeimtesten Verbrecher gleich
behandelte, in größte Zorn- und Rachewut geriet – das, glaube ich, muß ein
jeder billig denkende Geist gerecht finden. Aber nun ist bei mir Verzeihung
schon lange eingetreten. Ich wünsche daher für diesen Blinden wahrlich nichts
anderes, als daß er sehend würde und erkennen möchte, ob er an mir recht oder
unrecht gehandelt hat.
[RB.01_015,02]
Hätte er mich wahrhaft totmachen können, dann hätte ich wohl ohnehin nie auf
Rache sinnen können. Da er mich aber eigentlich buchstäblich lebendiggeschossen
hat und mir weiter wohl kein Leid mehr tun kann, und ich eigentlich nun schon
um vieles glücklicher bin als er in all seinem herrschsüchtigen Wahne, – so
kann ich ihm um so leichter alles vergeben. Auch hatte er eigentlich dem
Äußeren nach bei weitem mehr Grund, mich als ein ihm gefährlichst vorkommendes
Objekt aus dem Wege zu räumen, als einst zu deiner Zeit die überargen
Hohenpriester Jerusalems Grund hatten, dich, meinen liebenswertesten Freund,
schändlichst und über alle Maßen grausam aus der Welt zu schaffen!
[RB.01_015,03]
Konntest du, mein edelster Freund, sogar mit voller Empfindung aller
Marterschmerzen deinen Peinigern vergeben, um wieviel mehr ich, der ich doch im
Grunde nichts empfunden habe, das ich als einen wirklichen Marterschmerz
bezeichnen könnte.
[RB.01_015,04]
Daher könnte mein irdischer Großfeind nun auch vor mir erscheinen, und ich
würde zu ihm nichts sagen, als was du bei deiner Gefangennahme im Garten
Gethsemane zu Petrus sagtest, als er dem Knechte Malchus ein Ohr abhieb.
[RB.01_015,05]
Wenn es im ewig unermeßlichen Raume ein allgerechtes Gottwesen gibt, so wird
dieses ihn schon ohnehin den Lohn finden lassen, den er um mich und noch um
viele andere verdient hat. Sollte es aber, was ich nun kaum mehr glaube, kein
solches Gottwesen geben, so wird ihn die spätere Geschichte richten, ohne daß
ich es nur im geringsten zu wünschen brauche.
[RB.01_015,06]
Wenn ich dir aber einen kleinen Wunsch meines Herzens vortragen darf und es in
deiner Macht steht, ihn zu verwirklichen, so empfehle ich dir zuerst meine arme
Familie, d.i. mein liebes Weib und meine vier Kinder! Dann aber alle guten
Menschen, die eines redlichen Herzens und Sinnes sind! Die reinen
Selbstsüchtler aber, die alles getan haben, um für sich und ihre Nachkommen auf
Unkosten der gesamten andern Menschheit im vorhinein zu sorgen, lasse dahin
gelangen, daß sie auch noch auf der Erde schmecken, wie es denen geht, die von
solchen Reichen abhängend von heute auf morgen leben müssen! Doch sei auch das
durchaus als kein Begehren betrachtet, denn ich für mich finde an dir für alles
auf Erden Erlittene und Verlorene die hinlänglichste Entschädigung!“
16. Kapitel –
Der Herr verheißt Erfüllung gerechter Wünsche, macht aber kritische Vorbehalte.
Roberts Feuerrede gegen die Tyrannen.
[RB.01_016,01]
Rede Ich: „Ganz gut hast du auf Meine überaus wichtige Lebensfrage geantwortet.
Deine Antwort ist um so mehr zu schätzen, weil sie so gegeben ist, wie sie sich
in dir lebendig und wahr finden läßt. Ich kann dir dagegen sagen, daß Ich ganz
sicher jedem deiner ausgesprochenen Wünsche nachkommen werde, soviel es nur
immer in Meiner Macht steht.
[RB.01_016,02]
Aber nur etwas, lieber Freund und Bruder, kann Ich mit deiner sonst gerechten
und menschenfreundlichen Denk- und Handlungsweise nicht vereinbaren. Und das
besteht darin, daß du auf der Erde doch ein gewisses Wohlgefallen daran
hattest, wenn irgendein recht bornierter Aristokrat von dem sogenannten
Proletariat um einen Kopf kürzer gemacht wurde!
[RB.01_016,03]
So weiß Ich Mich zu erinnern, daß du selbst in Wien in einer Versammlung unter
vielem Beifall ausgerufen hast: daß es in Österreich wie auch noch in manch
anderen Landen nicht eher besser wird, bevor nicht wenigstens einige hundert
Große geköpft werden würden! Sage Mir ganz ernstlich, ob das wohl vollkommen
aus deinem Willen hervorgegangen ist? Oder war das nur so hingeworfen, um
deiner Rede einen größeren Nachdruck zu geben?“
[RB.01_016,04]
Spricht Robert: „Freund, als ich mich noch auf der Erde befand, wollte ich mein
Dasein bloß dem möglich besseren Fortkommen der armen, vielfach bedrückten
Menschheit zum Opfer bringen. Dabei aber mußte ich durch vielfache Erfahrungen
an mir und auch an andern sehen, wie die aristokratischen, reichen
Menschenbestien sich mit dem Schweiß und Blut der Armen mästen! Wie die meisten
Throne und Paläste aus dem Blut der armen Menschheit erbaut sind! Und als ich
in Österreich nur zu deutlich erkennen mußte, daß man von der hohen
dynastischen Seite wieder alles aufzubieten begann, um den alten eisernen
Absolutismus wieder einzuführen und die arme Menschheit mit dreifachen
Sklavenketten zu belegen: – das war auf einmal zu viel für einen
Menschenfreund, wie ich aus allen meinen Kräften einer zu sein glaube!
Wahrlich, so ich hunderttausend Leben hätte, so gäbe ich sie alle her, wenn ich
damit den Menschen helfen könnte. Diese Weltgroßen aber lassen sich auch nicht
ein Härchen grau werden, wenn auch Hunderttausende hingeschlachtet werden,
damit sie nur an Ansehen und Glanz gewinnen!
[RB.01_016,05] O
sage, Freund, wenn ein von wahrer Nächsten- und Bruderliebe erfülltes Herz
solche kalten Greuel an den armen Brüdern schauen und mitfühlen muß: ist es ihm
da zu verargen, so es aus gerechtestem Ärger zu so manchem Ausruf getrieben
wird, an den es bei gerechtem Sachgang wohl nie denken würde?
[RB.01_016,06]
Wohl mag das alles im unerforschlichen Plane irgendeiner unbekannten Vorsehung
liegen, und daher auch alles so kommen müssen, wie es geschieht. Aber was hat
ein Erdenbürger davon für einen Begriff? Oder was gehen ihn irgendwelche
allergeheimsten Gesetze an, die ein Gottwesen in der ewigen Halle der Unendlichkeit
beschließt?
[RB.01_016,07]
Wir Erdenbürger kennen nur deine erhabensten Gesetze der Liebe, die treu zu
befolgen wir sogar um den Preis unseres eigenen Lebens verpflichtet sind! Was
darunter und darüber ist, geht uns wahrlich wenig an. Es können wohl irgend in
einer Sonnenwelt andere Gesetze gang und gäbe sein, die vielleicht weiser, aber
leicht auch dümmer sind, als die du, liebster Menschenfreund, uns gegeben hast?
Aber es wäre sicher für jeden Erdenbürger toll zu nennen, so er sein Leben nach
irgendwo bestehenden fernen Sonnengesetzen einrichten wollte. Wir erkennen nur
ein Gesetz für göttlich wahr und gültig an, unter dem nach dem Urteile der
unbefangen reinen Vernunft jede menschliche Gesellschaft bestmöglich
existierbar gedacht werden kann. Was aber irgendein Fatum dazwischenstreut, das
ist nichts als schlechtes Unkraut zwischen dem herrlichen Weizen, den du,
edelster Menschenfreund, auf die undankbare Erde gestreut hast. Und dieses
Unkraut verdient nichts anderes, als verbrannt zu werden im Feuerofen eines
vollkommen gerechten Gerichtes!
[RB.01_016,08]
Ich sage ganz frei heraus: so lange der Mensch nach deinen Gesetzen Mensch ist,
so ist er auch jeder Hochachtung wert. Erhebt er sich aber über dein Gesetz und
will seine Brüder zu seinen eigenen Vorteilen unterjochen und beherrschen, so
erklärt er dadurch dein Gesetz für null und nichtig. Dann ist er kein Bruder,
sondern ein Herr den Brüdern, mit deren Leben er schalten und walten zu können
glaubt. In diesem Punkt werde ich ewig Robert Blum verbleiben und werde den
Völkerherrschern nie ein Loblied singen! Und das darum nicht, weil sie schon
lange nicht mehr das sind, was sie eigentlich sein sollen, nämlich weise und
liebevolle Führer ihrer armen Brüder.
[RB.01_016,09]
Wohl weiß ich, daß es auch in der armen Klasse außerordentlich viele gibt, die
mehr Vieh als Menschen sind und daher auch nur mittels eiserner Zuchtrute in
der Ordnung erhalten werden können. Aber ich frage da: Wer trägt daran die
Schuld? Eben die, welche solche Völker unterjochten und ihre ursprüngliche
Lebensnacht noch vielfach vermehrten, um auf den Pfeilern gänzlicher
Unintelligenz ihrer Völker ihre Herrschergewalt desto mehr zu festen! – Freund,
wer solchen Herrschern ein Lebehoch bringt, der muß freilich kein Robert Blum
und noch weniger ein Jesus von Nazareth sein!
[RB.01_016,10]
Ah, es gibt schon noch Herrscher, die es mit ihrem Amte gerecht und ernstlich
nehmen; diese sind ihren Untergebenen die wahrsten Engelfreunde. Solchen
Herrschern ein tausendfaches Lebehoch! Aber Völkerbezwingern und
Geistesmördern, für diese fehlt mir wahrlich der passende Ausdruck! So es
Teufel gibt, da sind diese es leibhaftig!
[RB.01_016,11]
Ich glaube, auf deine Frage nun ziemlich deutsch geantwortet zu haben. Nun
bitte ich aber auch dich, mir über meine Meinung die deinige kundzugeben! Ich
bin zwar ziemlich fest in allem, was ich einmal als Recht erkenne, aber dennoch
nicht starr und unbeugsam, so besonders du mir etwas Besseres dafür geben
kannst!“
17. Kapitel –
Der Herr wendet ein: „Seid untertan der Obrigkeit!“ Robert bezweifelt dieses
Gebot. Er wünscht Aufschluß über die gottmenschliche Natur Jesu.
[RB.01_017,01]
Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund und Bruder, Ich kann deine Denk- und
Handlungsweise durchaus nicht tadeln. Wo zwischen Herrschern und ihren
beherrschten Völkern Verhältnisse obwalten, wie du sie Mir soeben vorgezählt
hast, hast du freilich vollkommen recht, so zu reden und zu handeln. Aber so
sich die Sachen anders verhielten, als du sie nach deinen Begriffen aufgefaßt
hast, wie würdest du dann urteilen über die mannigfachen Verhältnisse der
Herrscher zu ihren untergeordneten Völkern?
[RB.01_017,02]
Wohl sagtest du Mir ganz offen, daß du alle Verhältnisse der Menschen nur nach
Meinem Gesetze der Liebe beurteilst und dich überirdische Einflüsse nichts
angehen. Aber siehe, in diesem Punkt kann Ich dir aus vielen Gründen nicht
beipflichten.
[RB.01_017,03]
Ein Grund wäre z.B. schon das eine Gebot von Mir Selbst, laut dessen Ich Mich
jeder weltlichen Gewalt als unterwürfig bezeigte – während Ich doch Macht genug
gehabt hätte, einer jeden den weidlichsten Trotz zu bieten. Ferner jener Fall,
wo Ich im Tempel bei Vorweisung des Zinsgroschens eigens gebot, dem Kaiser zu
geben, was sein ist, und Gott, was Dessen ist! Ebenso lehrte Ich auch durch
Paulus, jeder Obrigkeit zu gehorchen, ob sie mild oder strenge ist; denn keine
habe eine Gewalt außer die von oben! – Was sagst du wohl zu diesen ebenfalls
Meinen Geboten?“
[RB.01_017,04]
Spricht Robert: „Edelster Menschenfreund, weißt du, aus rein menschlich klugen
Rücksichten scheint die damalige Notwendigkeit dir – zur größeren Sicherung
deiner Lehre wie auch mitunter deiner Person selbst – diese Gebote abgerungen
zu haben. Denn hättest du, wie im alten Judentestamente Jehova durch den Mund
Samuels, wider die Könige geeifert, so hätte deine so erhabene Moral unter der
stolzesten Weltherrschaft Roms wohl schwerlich die nahezu 2000 Jahre erlebt;
außer auf rein übernatürlichem Wege, von dem wohl die finstern Römlinge eine
große Menge zu erzählen wissen. Wieviel aber daran Wahres ist, darüber wirst du
hoffentlich besser zu urteilen verstehen als ich, der ich nicht gleich dir
Zeuge von all den Greueln dieses neuen Babels habe sein können!
[RB.01_017,05]
Sieh, ich beurteile die Sache so: Wenn es dir mit dem Gebot, allen weltlichen
Obrigkeiten zu gehorchen, ob sie gut oder böse seien, völlig Ernst gewesen
wäre, so hättest du ja schon im voraus auf deine ganz andere, im höchsten Grade
liberale Lehre Verzicht leisten müssen. Du hättest zugeben müssen, daß man für
alle Zeiten ein finsterer Heide bleiben würde, – sobald es einem Volke eine
heidnische Obrigkeit geboten hätte, die alten Götter zu verehren und nicht
deiner damals aufkeimenden Lehre Gehör zu geben!
[RB.01_017,06]
Freilich sagtest du: ,Gebet dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes
ist‘. Aber du bestimmtest damals zu wenig die Grenzen, was eigentlich im Gesamtkomplex
des Kaisers und was daneben Gottes ist. Daher war es dann dem Kaiser ein
gewissenlos Leichtes, sich Vorrechte eines Gottes anzueignen und jene Pflichten
unbeachtet zu lassen, in denen er sich eigentlich bewegen sollte.
[RB.01_017,07]
Dessenungeachtet läßt dein damaliger Tempelausdruck sich noch eher begrenzen
als jenes gar nach einer zu großen Weltfürstenfurcht riechende Paulische Gebot.
Laut dessen muß man streng genommen sogar ein Christ zu sein aufhören, sobald
es einem solchen Weltfürsten aus gewissen Rücksichten für nötig dünkt, deine
reine Lehre als seinen herrscherischen Absichten gefährlich zu betrachten, –
wie solches die entgottete Lehre Roms himmelschreiend durch viele Jahrhunderte
gezeigt hat und noch gegenwärtig zeigt.
[RB.01_017,08]
Es müßten nur andere, höhere Rücksichten den sonst überaus weisen Paulus dazu
veranlaßt haben, ein solches Mandat ergehen zu lassen. Aber die Sache mit
gesunden Sinnen betrachtet, erscheint streng genommen als Unsinn. Denn auf der
einen Seite heißt es: ,Ihr alle seid Brüder, und Einer ist euer Herr!‘ Auf der
andern aber steht das Gebot, weltlichen Obrigkeiten, bei denen das Brüdertum
ein reiner Hohn ist, in allem streng zu gehorchen.
[RB.01_017,09]
Freund, das muß sich ja gegenseitig aufheben. Entweder das eine oder das
andere! Ist man aber beides zu befolgen genötigt, so heißt das im Grunde zweien
Herren dienen, was du selbst als unmöglich bezeichnet hast! Oder man müßte eine
Doppelnatur bei sich bewerkstelligen, welcher heuchlerischen Eigenschaft zufolge
man dann bloß äußerlich täte, was die Fürsten wollen. Innerlich aber müßte man
es verfluchen und im geheimen tun, was der liberale Teil deiner Hauptlehre
verlangt. Und das wäre natürlich sehr schwer, manchmal sogar unmöglich oder
wenigstens äußerst gefährlich.
[RB.01_017,10]
Glaube mir, edler Freund, ich habe wie wenige jeden Punkt deiner Lehre genau
erwogen. Ich glaube ziemlich darüber im klaren zu sein, was du frei gelehrt
hast als deinen eigentlichen Hauptsinn, – und was dagegen du wie deine Jünger
durch die damals drohenden Zeitumstände einzuflechten genötigt warst. Aber
dennoch bin ich dein glühendster Verehrer und weiß, was ich von deiner reinsten
Lehre zu halten habe! Freilich sagtest du ehedem, daß auch du trotz deiner
bezwingenden Macht dennoch den weltlichen Obrigkeiten gehorsam warst. Das will
ich dir schon darum nicht streitig machen, da du selbst dich durch das Gesetz
der Welt mußtest ans Kreuz hängen lassen.
[RB.01_017,11]
Ob du, wertester Freund, dich auch durch eine in dir verborgene übersinnliche
Macht hättest widersetzen können, als dich diese Obrigkeit ernstlich
gefangennahm, das zu beurteilen ist wohl zu hoch über meinem bisherigen
Erkenntnishorizont! So deine Taten dir nicht als heidnische Halbgötterfabeln
untergeschoben sind, ist es gewiß, daß dir – als einem Weisen, der mit den
innersten Kräften der Natur sicher vertraut war – auch außerordentliche Kräfte
zu Gebote standen. Aber deine Gefangennahme und Hinrichtung hat bei sehr vielen
Helldenkenden dein wunderbares Kraftvermögen in ein sehr schiefes Licht
gestellt und viele haben sich daran gewaltig gestoßen. Aber ich und eine Menge
andere haben bloß deine reinste Lehre angenommen und alles daraus verbannt, was
nur eine später eingeschobene heidnische Fabel zu sein schien.
[RB.01_017,12]
Ob wir recht oder nicht recht gehandelt haben, hoffe ich nun von dir in der
Fülle der Wahrheit zu erfahren. Wie auch, ob an deiner, ganz besonders durch
einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein
sollenden Gottheit etwas daran sei, und wie? Was freilich ein reiner Denker
schwerlich annehmen wird, weil diese Sache allem Anscheine nach denn doch etwas
zu burlesk aussieht!
[RB.01_017,13]
Denke dir nur selbst ein endloses, unbegrenztes Gottwesen, dessen Intelligenz,
Weisheit und Macht notwendig die allerausgedehnteste sein muß! Es wäre daher
sogar logisch unmöglich, daß dies Endlose und Allumfassende sich je
verendlichen und auf die Person eines Menschen einschränken könnte! Und frage
dich, ob man es bei nur einigem Nachdenken annehmen kann, daß du und die
endlose, allumfassende Gottheit wirklich identisch sein könnet? Ja, als ,Sohn
Gottes‘ – da habe ich nichts dawider; denn das kann ein jeder bessere Mensch
von sich mit gleichem Recht behaupten. Aber Gott und Mensch zugleich – das geht
denn doch offenbar etwas zu weit!
[RB.01_017,14]
Übrigens habe ich auch da nichts dagegen, wenn mir die Sache klar bewiesen
werden kann. Denn wenn es zwischen Sonne und Mond noch Dinge geben kann, von
denen sich keine menschliche Weisheit noch je etwas träumen ließ – warum sollte
zu solch außerordentlichen Dingen nicht auch gehören, daß du im Ernste das
allerhöchste Gottwesen sein kannst? Vielleicht ist nach Hegel in dir die früher
gewisserart schlafende Gottheit zum ersten Male erwacht und ins klare
Bewußtsein ihrer selbst übergegangen?
[RB.01_017,15]
Oder vielleicht hat sie die Notwendigkeit gefühlt, sich selbst ihren
geschaffenen Wesen gegenüber als ein Mensch zu manifestieren, um von den
Menschen begriffen und erschaut werden zu können, ohne dadurch von ihrer
allumfassenden höchsten Willenskraft etwas zu vergeben? Wie gesagt, das ist
alles möglich. Besonders hier, wo überhaupt das Sein einen so höchst
rätselhaften Charakter annimmt.
[RB.01_017,16]
Aber warum sich dann die in dir als Gottmensch manifestierte Gottheit von einem
Häuflein wahnwitziger Juden zum schmählichsten Tod am Schandpfahl hat
verurteilen lassen, und das noch dazu auf einem der unansehnlichsten Planeten –
Freund, so etwas kommt zwischen Sonne und Mond wohl schwerlich vor! Solch ein
Wunder müßte man schon zwischen Nebelsternen zu suchen anfangen.
[RB.01_017,17]
Ich glaube aber auch, daß du solches von dir im Ernste wohl nicht einmal im
Traume behauptet hast! Denn ich weiß nur zu gut, was du erwidertest, als man
dich fragte, ob du im Ernst Gottes Sohn seist? Da war deine Antwort wie die
eines Weisen, nämlich: ,Nicht ich, sondern ihr selbst sagt es!‘ Wer aber im
entscheidenden Moment so spricht, der weiß auch, was er spricht und warum. Ich
glaube, diese Antwort, soweit es menschlichen Kräften gestattet ist, auch
verstanden zu haben und habe daraus entnommen, daß du als reinster Mensch in
allem ein wahrster Engelsgeist, aber durchaus kein heidnischer Halbgott seist.
[RB.01_017,18]
Daß aber zu deiner Zeit, wo man noch an ein Orakel zu Delphi glaubte, wo der
Thumim und Urim weissagten, und des Aarons nahe über tausend Jahre alter Stab
in der Lade noch grünte, wo man einem ersten Weisen, der wie du seit nahe 2000
Jahren noch von keinem andern übertroffen wurde, eine Vergöttlichung beilegte,
das finde ich überaus begreiflich! – Denn so schon die sonst weisen Römer jeden
großen Mann als vom Gottesgeiste angehaucht betrachteten, um wieviel mehr deine
noch wundersüchtigeren Landsleute dich, der du vor ihren Augen mitunter Dinge
wirktest, von deren sicher höchst natürlichem Grunde sie seit Abraham nicht die
leiseste Ahnung hatten!
[RB.01_017,19]
Freund, ich meine, deine Frage nun hinreichend beantwortet zu haben. Nun käme
wieder die Reihe an dich. Ich werde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jedes
deiner Worte anhören und würdigen!“
18. Kapitel –
Rede Jesu über die Notwendigkeit irdischer Obrigkeit. – Keine menschliche
Gesellschaft ohne Ordnung und Gehorsam.
[RB.01_018,01]
Rede Ich: „Mein geliebter Bruder! Siehe, wenn man wie du mit rein weltlichen
Augen und ebenso weltlichem Verstande diese Sache betrachtet und sich dabei mit
jeder noch so freien, oft alles gesunden Sinnes mangelnden Übersetzung der vier
Evangelisten und der Briefe Pauli begnügt, zu alledem noch die Weltphilosophie
mehrerer deutscher Atheisten mit großen Zügen in sich geschlürft hat, – da kann
es wohl nicht anders sein als so, wie es mit dir ist und steht.
[RB.01_018,02]
Ich sage dir, hättest du dir je selbst die Mühe gegeben, die Schriften des
Alten und des Neuen Testaments genau durchzugehen, und zwar nach einer guten
Übersetzung – wie die Martin Luthers oder auch die sogenannte Vulgata und die
griechische Urbibel –, so wärest du zu ganz anderen Urteilen gekommen als auf
deinem radikalen Wege. Deine Wurzeln sind so gut wie gar keine, da die Lehren
deiner Weltweisen nur als Schmarotzerpflanzen auf dem Baume der Erkenntnis
vorkommen. Du als ein irdischer Baumzüchter wirst wohl wissen, wie die Wurzeln
der Schmarotzerpflanzen beschaffen sind?! Und so wirst du auch wissen, wieviel
an deinen Vor-Leitsmännern gelegen ist in Meinen Augen!
[RB.01_018,03]
Wenn man erstens die Bibel übersetzt, wie man sie für seine Grundsätze gerade
haben will, und dann gerade nur jene Texte heraushebt, die bei einer beliebigen
Übersetzung einen Doppelsinn zulassen, dann ist es auch keine Kunst, so zu
argumentieren, wie du es vor Mir nun tatest.
[RB.01_018,04]
Aber siehe, es ist dem nicht so. Denn fürs erste lauten die angeführten Texte:
Mein bekannter Tempelspruch bezüglich des Zinsgroschens und besonders der des
Paulus aus den Briefen an die Römer und an Titus nicht so, wie du sie Mir
vorgeführt hast. Sodann kann weder bei Mir noch bei Paulus je von einer
Fürstenfurcht die Rede gewesen sein, da Ich es mehr als handgreiflich vor
Pilatus und Herodes, wie zuvor vor Kaiphas bewiesen habe, wie Ich Mich so gar
nicht vor diesen Weltmachtträgern gefürchtet habe! Denn wer den Tod nicht
fürchtet, da Er sein Herr ist und ewig bleibt, hat doch noch weniger Grund, die
eitlen Geber des bloß leiblichen Todes zu fürchten.
[RB.01_018,05]
Ebensowenig aber wie Ich nur den leisesten Grund hatte, Mich vor den
Machthabern der Erde zu fürchten, hatte auch Paulus keinen Grund dazu. Nero war
unter allen Machthabern Roms bekanntlich der grausamste; und siehe, Paulus
suchte Schutz wider die ihn verfolgenden geistig bösen Juden bei ihm und fand
ihn auch, solange er diesen irdisch vonnöten hatte. Hatte er aber etwa Furcht
vor den Juden? O nein, denn obschon er gar wohl wußte, wie sehr sie ihn
anfeinden, ging er dennoch trotz Widerratens seiner intimsten Freunde nach
Jerusalem.
[RB.01_018,06]
Daraus kannst du aber entnehmen, daß weder Ich noch Paulus aus irgendeiner
Fürstenfurcht unsere gleichen obrigkeitlichen Gebote, eigentlich vielmehr
,Räte‘, von uns gegeben haben, sondern bloß nur der notwendigsten Weltordnung
der Menschen wegen. Denn das mußt du doch einsehen, daß keine menschliche
Gesellschaft ohne Leiter bestehen kann. Daher es auch nötig ist, als Lehrer den
Menschen die Notwendigkeit zu zeigen, diesen Leitern zu gehorchen!
[RB.01_018,07]
Oder bist du der Meinung, daß da auf der Erde große menschliche Gesellschaften
ohne alle Leitung bestehen könnten? Das wäre die größte Unmöglichkeit und wäre
sogar wider die natürlichste Ordnung nicht allein des Menschen, sondern auch
aller irdischen Dinge.
[RB.01_018,08]
Damit du dies aber etwas tiefer einsiehst, will Ich dich ein wenig durch die
verschiedenen Reiche der natürlichen Dinge führen, und so höre Mich weiter!“
19. Kapitel –
Rede über den Gehorsam. Beispiele aus Reichen der Naturwelt.
[RB.01_019,01]
Rede Ich weiter: „Stelle dir vor, daß alle Weltkörper mit der für ihre
Bestimmung nötigen Intelligenz und freien Einsicht ausgestattet sind. Siehe,
diese großen Körper schweben alle im für deine Begriffe freiesten Ätherraume.
Warum sind sie denn so eigensinnig und bewegen sich seit vielen Jahrtausenden
stets in gleichen Kreisen um eine bestimmte Sonne, die sie gewisserart um
keinen Preis verlassen wollen?
[RB.01_019,02]
Gewiß ist manche ihrer Umlaufszeiten für sie schlimmer als andere, was schon
die guten und schlechten Jahre eines Planeten ziemlich handgreiflich beweisen,
besonders in solchen Perioden, wo es auf dem Sonnenkörper manchmal etwas
stürmischer zugeht als sonst. Zwar kann sich ein Körper wie ein Planet schon
einen kurzen Puff von seiten der Sonne gefallen lassen, aber es geschehen oft
für einen Weltkörper mehrere solch qualvoller Umläufe ununterbrochen, freilich
hie und da örtlich mehr oder minder.
[RB.01_019,03]
Wenn dann so ein großer Wanderer durch den Ätherraum nach manchmal zehn und
mehr, von seiner Sonne wie stiefmütterlich behandelten Umläufen am Ende doch
der Sache überdrüssig würde und sich ernstlich vornähme, die ihn regierende
Sonne zu verlassen, um dann zu einem absoluten Freischwärmer durch den endlosen
Weltenraum zu werden, – was würde wohl von solch einer planetarischen, nach
absolutester Freiheit schwindelnden Idee die unvermeidlichste Folge sein?
[RB.01_019,04]
Siehe, zuerst ein völliges Erstarren ob des nur zu bald eingetretenen Licht-
und Wärmemangels; darauf notwendig ein völliges inneres Entzünden ob des zu
mächtigen Druckes von außen nach innen; und endlich eine völlige Auflösung
aller Teile des Planeten und mit dieser auch dessen vollkommener Tod!
[RB.01_019,05]
Die Planeten aber fühlen in ihrem Innersten. Ihr Dasein ist ihnen das höchste
fühlbare Bedürfnis. Und so bleiben sie gleichfort unter dem Regiment ihrer
Sonne, bleiben bei ihrer Bewegung stets in unverrückbarer Ordnung und machen
sich nichts daraus, ob sie bei mancher Umlaufszeit von ihrer sie beherrschenden
Sonne karger gehalten werden als andere Male.
[RB.01_019,06]
Allerdings könnte da mancher dir gleichgesinnte Planetenfreund unparteiisch
sagen: ,Ich lobe mir wohl solche willige Planeten. Aber eine so launenhafte
Sonne als notwendigen Regenten der armen Planeten möchte ich denn doch, wenn
ich der Schöpfer wäre, gehörig züchtigen für ihre Regentenlaunen!‘
[RB.01_019,07]
Doch da steht die Sonne auf und spricht: ,Was faselst du kurzsichtiger
Kosmopolit? Siehst du nicht, daß ich nicht nur einen, sondern gar viele größere
und kleinere Planeten zugleich zu versorgen habe? Weißt du nicht, daß ihre
Bahnen ungleich sind, daß mir manchmal die großen wie die kleinen Planeten
näher, manchmal ferner zu stehen kommen? Daß sie sich manchmal in größerer Zahl
gerade auf der einen Seite befinden und mich sehr in Anspruch nehmen, und daher
irgendein einzelner Planet auf einem entgegengesetzten Standpunkt an meinen
sonst reichen Gaben notwendig etwas karger zu Teile kommt! – Wird ein solcher
Planet aber auf einer Umlaufszeit notwendig etwas karger beteilt, so bekommt er
dennoch immer so viel, daß er bestehen kann. Ich kann es seit Trillionen von
eigenen Wanderungen um eine andere noch größere Regentensonne bezeugen, daß
darum noch nie ein Planet, so er sich meiner Ordnung angeschlossen hatte,
verhungert und zugrunde gegangen ist. Wenn aber Kometen, denen ihre
Freiwandlerschaft lieber ist als meine feste Ordnung, irgendwo im endlosen
Raume, wohin sie ihre wahnwitzige Freiheitslust getrieben hat, zugrunde gehen,
– dafür kann wohl ich nicht. Denn einem Wesen, das sich nur selbst bestimmen
will, ohne von einer mächtigeren Leitung abhängen zu wollen, geschieht kein
Unrecht; es hat sich selbst gerichtet! – So du, freisinnigster Kosmopolit, mich
als Planetenregentin schon durchaus wegen meines notwendig veränderlichen
Verhaltens gegen die mir untergeordneten Planeten gestraft haben willst, da
nimm mir mein Licht und meinen Glanz, meine Größe und Macht! Sieh aber dann zu,
wie die nach deiner Meinung von mir so sehr an den Sklavenketten gehaltenen
Planeten ohne mich bestehen werden!‘
[RB.01_019,08]
Siehe, Freund, so spricht sich die natürliche Ordnung schon bei den ersten,
stärksten und freien Weltkörpern aus, ohne welche kein Planet bestandfähig
gedacht werden könnte! So aber diese freischwebenden großen Wesen eines Leiters
bedürfen, um wieviel mehr jene kleinen und in ihrer Bewegung durch allerlei
Verhältnisse mehr gebundenen Wesen, als da sind die Tiere und besonders die mit
einem vollkommen freien Geist begabten Menschen!
[RB.01_019,09]
Tiere ein und derselben Art haben in der Regel eines unter ihnen, das
gewisserart ihr Leiter ist. Wenn dieser sich rührt, dann sind alle wie durch
einen elektrischen Schlag zur gleichen Bewegung angefacht. Siehe eine
Rinderherde an, sie hat einen Leiter unter sich! Der Hirte, der aus Erfahrung
bald merkt, welchem Stück aus seiner Herde die anderen nachgehen, hängt solchem
Tiere eine Schelle an den Hals. Und wenn er abends die Herde heimführen will,
horcht er bloß, wo die Schelle läutet. Dorthin begibt er sich und findet seine
ganze Herde daselbst versammelt. Will er sie heimführen, dann braucht er bloß
den beschellten Leiter zu führen, so gehen alle anderen von selbst nach. Der
gleiche Fall ist sogar mit den sehr dummen Schweinen, besonders wo sie ständig
in freier Natur leben, ebenso bei den Ziegen, Schafen, Pferden, Eseln und
hundert anderen Tiergattungen. Das gleiche kannst du sogar an den
verschiedenartigsten Insekten entdecken, an den Vögeln und nicht minder an den
stumpfsinnigsten Fischen und anderartigen Wassertieren.
[RB.01_019,10]
Aber Ich will dir die Sache ganz zeigen und will dich sogar auf die noch viel
stummer scheinende Natur leiten.
[RB.01_019,11]
Betrachten wir das in sich selbst überaus lockere Wasser, das sich ohne
fühlbaren Widerstand in zahllose Tröpfchen zerteilen läßt. Dieses höchst
wichtige Naturelement, das in sich alle Urkeime des tierischen wie des
pflanzlichen Lebens birgt und zugleich von dir nie berechenbaren Kräften
geschwängert ist, es gehorcht im freien Zustand unbedingt dem ihm innewohnenden
Gesetz der Schwere. Laut diesem Gesetz, dessen es durch ein eigenes
Wahrnehmungsvermögen gewahr wird, empfindet es die leiseste Abdachung
irgendeines Geländes. Es fängt sogleich an, nach einer größeren Niederung hin
sich fortzubewegen und hat so lange keine Rast und Ruhe, bis es des Meeres
größte Geländeniederung vollends erreicht hat. – Auch hat dieses Element noch
die sonderbare Eigenschaft, daß es sich erst dann völlig klärt, wenn es des
Meeres Niederung erreicht hat. Es deutet gewisserart dadurch an, daß auch der
Mensch erst dann zum klaren Bewußtsein seiner wahren, ewigen Bestimmung kommt,
so er irdisch nicht nach den höchsten Würden strebt, sondern nur nach dem
niedersten Standpunkt, das ist: die wahre, von Mir so oft anempfohlene Demut,
die aber nie durchs Gebieten, sondern nur durchs Gehorchen erreicht werden
kann!“
20. Kapitel –
Weiteres Beispiel: Hochgebirge und ihre Notwendigkeit.
[RB.01_020,01]
Rede Ich weiter: „Also wäre dir durchs Wasser nun ein Beweis gegeben, daß auch
dieses Element eine eigentümliche Intelligenz in sich enthält, durch die es dem
ihm zugrunde liegenden rein göttlichen Ordnungsgesetz pünktlichsten Gehorsam
leistet bis zum letzten Tropfen; trotzdem ein jeder Tropfen eine Menge von
Trillionen Leben in sich birgt!
[RB.01_020,02]
Aber wir wollen uns weiter an die Geburtsstätte des Wassers, also auf die Berge
wenden und sehen, ob an ihnen nicht auch irgendeine ganz eigentümliche
Intelligenz zu bemerken ist und zufolge dieser auch eine genaue Beobachtung der
in sie gelegten Gesetze.
[RB.01_020,03]
Siehe, Freund, auf der Erde findest du allerlei Berge. Darunter sind sehr hohe,
oder Urgebirge; dann mittelhohe, oder sogenannte Gebirge der sekundären
Formation; und endlich ganz niedere, mehr Hügel als Berge, die sämtlich nach
der irdisch gelehrten Fachbezeichnung einer tertiären Formation angehören. – Du
lächelst nun freudig, weil du an Mir auch einen Geologen entdeckst! Oh, da sei
du ganz getröstet; denn in der Geologie wie in der höheren Kosmologie bin Ich
so ziemlich bewandert.
[RB.01_020,04]
Aber nun weiter! Wir haben also dreierlei Berge. Von diesen drei Arten wollen
wir zuerst der höchsten unsere Betrachtung zukommen lassen.
[RB.01_020,05]
Warum sind wohl auf der Erde die Berge da? Hier meine Ich ganz besonders die
erste Art. Siehe, ihre Zwecke sind verschieden: Fürs erste sind sie die Regler
der elektromagnetischen Strömungen, damit diese über den ganzen Erdboden
gehörig verteilt werden. Fürs zweite verhindern sie, daß die Luft um die Erde
bei der schnellen Drehung um ihre Achse stehenbleibt, während die Oberfläche
der Erde sich fortbewegt. Dies brächte eine über alle Orkane heftigste
Gegenströmung hervor, durch die wohl kein Wesen auf der Erde bestehen könnte. –
Fürs dritte ziehen sie die zu mächtigen, durch Sauerstoff und Wasserstoff
gebildeten Feuchtteilchen aus der Luft an sich, weshalb ihre höchsten Spitzen
auch meist umdünstet und somit selten klar sichtbar erscheinen. Hier vereinen
sie sich durch die stets mächtig vorhandene Elektrizität und fallen dann
zumeist als Schnee und Eis auf die steilen Abhänge der Berge nieder. Von da
stürzen sie nach größeren Anhäufungen als Lawinen in die Schluchten und
Hochgebirgstäler und bilden dort durch starke Anhäufung die Gletscher. Diese
haben wieder die besondere Eigenschaft, die Kälteteilchen aus der gesamten Luft
anzuziehen und dadurch die niedriger gelegenen Fruchtgegenden vor den alles
erstarrenden Frösten zu bewahren. Zugleich aber schwächen die Gletscher auch
sehr die manchmal zu stark angesammelte Luftelektrizität und ordnen den
Kreislauf des Wassers durch die Atmosphäre. Ohne diese Tätigkeit hätten die
Ebenen der Erde nahezu unausgesetzt allerheftigste Wolkenbrüche auszustehen.
[RB.01_020,06]
Du siehst nun aus diesem wenigen die große Notwendigkeit der Hochgebirge und
sprichst auch bei dir: ,Ja, das ist klar und unwiderruflich wahr! Denn wo immer
die Menschen es zu rücksichtslos wagten, etwas an der Ureinrichtung der Berge
zu ändern, da sind sie nur zu bald durch zuvor nie dagewesene Elementarschäden
für ihren Frevel auf das empfindlichste gezüchtigt worden.‘ – Siehst du,
Freund, so ist es auch! – Aber nun kommen wir eigentlich erst aufs Rechte,
daher gib nun ganz besonders acht!
[RB.01_020,07]
Siehe, damit die Hochgebirge die wichtige Bestimmung zur Erhaltung eines ganzen
Weltkörpers und allem auf seiner weiten Oberfläche erfüllen können, ist es
durchaus nicht gleichgültig, wo sie sich befinden. Ferner müssen sie – durch
die in und über ihnen wohnenden Geister oder (nach deiner Art zu reden) Kräfte
– notwendig jene Intelligenz besitzen, durch die sie instand gesetzt werden,
das zu bewirken, wozu sie bestimmt sind.
[RB.01_020,08]
Die ihrer unleugbaren Intelligenz anheimgestellte Wirkungssphäre ist für sie
ein positives Gesetz, das sie durch ihre Intelligenz ganz genau wahrnehmen; was
du Mir um so mehr glauben kannst, da du doch ehedem selbst behauptetest, Ich
sei durch die Schule der Ägypter in die inneren Kräfte der Natur eingeweihter
gewesen als alle Gelehrten der Jetztzeit.
[RB.01_020,09]
Darum sieh auch ein, daß nur durch die genaueste Befolgung der Gesetze, die der
Intelligenz dieser großen Erdauswüchse anheimgestellt sind, die Erhaltung eines
ganzen Weltkörpers bewerkstelligt werden kann. Würden aber die Hochgebirge sich
einmal gegen diese Gesetze auflehnen und gewisserart sagen: ,Wir wollen keine
hohen Erdbeherrscher mehr sein, sondern auch wir wollen uns zu kleinen
Fruchthügeln erniedrigen!‘ – sage, was würde aus solch einem Gebirgsungehorsam
schließlich für die ganze Erde für ein namenloses Unheil erwachsen?
[RB.01_020,10]
Obschon diese Hochgebirge keine Früchte tragen, viele hundert Quadratmeilen
unfruchtbares Land ausmachen und so dem gemeinen Menschenverstand als ,unnütz‘
erscheinen – wäre es wohl wünschenswert, diese Bergfürsten zu entthronen und
sie zu vermeintlichen Fruchtebenen umzugestalten? Du sagst: ,Das wolle der
Himmel verhüten!‘
[RB.01_020,11]
Nun, so sage auch, daß es der Himmel verhüten wolle, daß die Hochgebirge in der
menschlichen Gesellschaft nicht verwüstet werden! Sonst wird es auf der
politischen Erde nur zu bald aussehen, wie es auf der natürlichen aussehen
würde, wenn die natürlichen Hochgebirge zerstört würden!
[RB.01_020,12]
Siehe, so die Könige der Erde wahrhaft ihrer Bestimmung entsprechen sollen,
müssen sie sein gleich den Hochgebirgen! Verstehst du das? Du sprichst: ,Ja,
ich verstehe es nun ganz und sehe auch ein, daß du ein wahrer Urweiser bist!‘ –
[RB.01_020,13]
Gut! Die Sache ist aber noch nicht zu Ende. Wir haben noch zwei Gebirgsarten
vor uns. Diese müssen uns auch noch etwas erzählen. Höre daher weiter und sieh,
wozu sie da sind!“
21. Kapitel –
Mittel- und Kleingebirge – ihre Entstehung und Notwendigkeit im Erdganzen.
[RB.01_021,01]
Rede Ich weiter: „Als die Erde noch ein wüster Weltkörper war und weder
Pflanzen noch Tiere zu erhalten hatte außer jene Urtypen aller späteren Formen
in den Gewässern, da freilich genügten die Urgebirge allein, dem noch
gewisserart ganz rohen, unausgebackenen Erdball die schon erwähnten Dienste zu
leisten. Als aber nach einer Anzahl von Jahrtausenden der Erdkörper sich mehr
und mehr gesetzt hatte, über den Meeresspiegel schon ganz bedeutende
Inselgruppen sich zu erheben anfingen und auch die in das Wasser gelegten
Urkeime sich darüber in allerlei Gras- und Pflanzenarten auszuprägen begannen,
– da war es nötig, dafür zu sorgen, daß die in die Gewässer gelegten Urkeime ob
ihrer Reife auch ehestens zu ihrer Entwicklung ein größeres Landgebiet bekämen.
Durch unterirdische Feuerkräfte wurden neue Erhöhungen bewerkstelligt, durch
die dann mit der Zeit die neuen Produkte mehr Raum, Nahrung und Schutz bekamen.
Da fing es über den ganzen Erdkreis gewaltig zu toben und zu wüten an. Die
unterwässerlichen Festlagen wurden zersprengt und durch die großen Kräfte zu
vielen Millionen weit über den Wasserspiegel emporgehoben.
[RB.01_021,02]
Es gehörten wohl viele Jahrtausende dazu, bis diese große Arbeit beendet werden
konnte. Aber das macht bei Gott gerade keinen merklichen Unterschied; denn
tausend oder eine Million Jahre dieser Erde sind vor Ihm gleich wie ein Tag!
Kurz, darum also wurden die Berge der zweiten Art gebildet, wie Ich es dir
soeben dargetan habe.
[RB.01_021,03]
Diese Berge aber waren anfangs auch viel höher und schroffer als sie nun sind.
Doch die Zeit und die natürlichen Stürme haben ihre Häupter sehr erniedrigt,
haben damit die großen Vertiefungen mehr und mehr ausgefüllt und dadurch engere
und breitere Täler gebildet. Da aber diese Täler hie und da höher und niederer
ausfielen und daher dem Wasser keinen freien Durchzug gestatteten, so blieb
dasselbe in den größeren Vertiefungen sitzen, wodurch sich dann ganz natürlich
größere und kleinere Seen bilden mußten.
[RB.01_021,04]
Da ferner diese Seen durch den beständigen Kreislauf des Gewässers, sowohl
durch die Erdporen wie auch durch die Luft (auf dem Wege des Regens, Schnees,
Hagels und Taues) einen beständigen Zuwachs erhielten, so mußten sie notwendig
über ihre Ufer fließen und zu stürzen anfangen. Dadurch haben sie mit der Zeit
durch ihr Strömen kleinere und größere Teile ihrer natürlichen Ufer oder Dämme
abgelöst. Sie haben damit zum Teil die ungleichen Vertiefungen der Täler
ausgefüllt und besonders zu Zeiten größerer Überflutungen auch förmliche Hügel
und Hügelreihen gebildet – was sogar heute noch hie und da auf der Erde zu
geschehen pflegt, wie auch, daß hie und da Berge der zweiten Art durchs Feuer
entstehen.
[RB.01_021,05]
Diese nun zuletzt berührte Hügelbildung auf dem Wege der Anschwemmung ist die
sogenannte tertiäre Formation, die natürlich durch die sekundäre bedingt ist.
[RB.01_021,06]
So hätten wir nun die Entstehung der beiden letzten Bergarten naturrichtig
hergeleitet und die Ursache der zweiten auch schon angegeben. Warum aber die dritte
Art entstand und hie und da noch entsteht, ist wohl leicht einzusehen, wenn man
den Grundsatz nicht aus dem Auge verliert, daß zur ferneren Hervorbringung und
Erhaltung neuer Wesen und zur Fortpflanzung der schon daseienden vor allem ein
guter und geräumiger Boden nötig ist.
[RB.01_021,07]
Der Boden der Erde ist nun so bestellt, daß auf ihm allerlei Wesen entstehen,
wohnen, leben und sich fortpflanzen können. Und diese Einrichtung wurde und
wird noch bewirkt durch die drei verschiedenen Bergarten.
[RB.01_021,08]
Die zwei letzten Bergbildungen scheinen dem Anschein nach freilich mit der
ersten Gebirgsgattung keine Ähnlichkeit in der Bestimmung zu haben. Denn wie
ihre Entstehungsart, so ist auch ihre eigentliche Bestimmung eine ganz andere.
Aber da sie einmal in die Reihe der Urgebirge, also der Bergfürsten getreten
sind, so müssen sie sich ohne alles Sträuben auch jenen Gesetzen fügen, die
ihnen die Urgebirge wie aus sich heraus vorzeichnen. Das heißt für sie: ,Es ist
nicht genug, daß ihr niederen und jüngeren Berge mit eurem Überfluß die Täler
und Gräben ausfüllt, dort ein fruchtbares Land erzeugt und kleine Berglein mit
schönen Lustwäldchen anleget. Sondern ihr müßt vom Anbeginn eures Seins an auch
einen großen Teil unserer Lasten übernehmen und uns in allem unterstützen,
sonst erfüllet ihr eure Bestimmung nicht. Ihr könntet sie auch nicht erfüllen,
da durch euer Entstehen unsere Kraft zu sehr in Anspruch genommen würde, wenn
wir nun so wie früher, da ihr noch nicht wart, alles ordnen und lenken sollen!‘
– Und siehe, diese neuen Berge tun zufolge der in ihnen ebenfalls zugrunde
liegenden Intelligenz genau, was ihnen die Bergfürsten auferlegen.
[RB.01_021,09]
Es gibt aber im Ernste auch welche unter ihnen, die den Höchsten gewisserart
nicht gehorchen wollen. Solche Berge aber werden durch die gewaltigsten Stürme
so lange gehetzt, bis sie sich die Ordnung der Hohen entweder gefallenlassen
oder im Gegenfalle selber ganz zugrundegerichtet werden. Bei den alten Weisen
hießen solche Berge ,Widerspenstige‘, auch bisweilen ,Verfluchte‘. In der
neueren Zeit heißt man solche Helden von Bergen: ,Lockere‘, ,Unbeständige‘,
,Verwitterte‘. – Beispiele von solchen bestraften (eingestürzten und gänzlich
vernichteten) Bergen gibt es eine Menge sowohl in alter als auch in neuer
Zeit.“
22. Kapitel –
Stufenmäßige Unterordnung auch unter den Menschen notwendig.
[RB.01_022,01]
Rede Ich weiter: „Lieber Freund und Bruder, du wirst aus dieser ganz der Natur
entnommenen Darstellung sogar an den für dich leblosen und somit intelligenzlosen
Dingen die Unterwürfigkeitsverhältnisse eingesehen haben, ebenso wie du sie
ehedem bei den Tieren, Weltkörpern und Gewässern begriffen hast. Es dürfte
daher kaum vonnöten sein, dir noch mehr Belege aus der für dich gewisserart
toten Natur vorzuführen. Ich könnte das wohl noch, besonders, wenn Ich dich auf
andere Planeten hinführte, wo die Ordnung in allem viel genauer und strenger
abgemessen erscheint als auf dem geflissentlich nahezu in der größtmöglichen
Unordnung belassenen Erdplaneten. Der Grund liegt darin, daß auf ihm eben die
freiesten Geister, als wahrhafte ,Gotteskinder‘, desto freier und für ihr Wesen
ersprießlicher großgezogen werden können. Du siehst also das alles nun nach
deiner innersten Bejahung ein. Und Ich sage dir, daß Ich damit völlig zufrieden
bin!
[RB.01_022,02]
Weil du aber nun sogar an der für dich stummen Natur einsiehst, daß in ihrem
Gefüge eine gewisse stufenweise Unterwürfigkeits-Ordnung unerläßlich notwendig
ist, damit die Natur dauernd erhalten werde – nun denn: so denke dir jetzt den
Menschen, der da begabt ist mit einem absolut freiesten Geiste, der in seinem
Denk-, Beschluß- und Begehrungsvermögen sich in höchster Unbeschränktheit
befindet! Stelle dir so recht vor, was da am Ende herauskäme, wenn jeder Mensch
zufolge seiner inneren absoluten Freiheit ohne alle Beschränkung tun dürfte,
was sein inneres Geistwesen in seiner unversiegbaren Lebenskammer aus seinem
gottähnlichen, unendlichen Ideenreichtume nur immer unter zahllosen Formen
schöpft!
[RB.01_022,03]
Ich sage dir, da wäre kein Mensch vor dem andern sicher! Denn erstens gibt es
da Geister, deren innere Phantasien oder Schöpfungen sich hauptsächlich damit
beschäftigen und eine eigene Wollust darin finden, alles Bestehende zu
vernichten. Einige möchten fort und fort Menschen auf die verschiedensten Arten
töten, andere wieder möchten alle Berge zerstören. Wieder andere durch die Erde
ein Loch graben, dieses mit Pulver so weit als möglich anfüllen, um dadurch
möglicherweise die ganze Erde zu zersprengen; wieder andere möchten alles
Wasser der Erde vertilgen; andere wieder die ganze Erde ersäufen; noch andere
die ganze Erde verbrennen; andere den Mond mit einem Strick an die Erde
anhängen und ihn herabziehen!
[RB.01_022,04]
Zweitens gibt es wieder eine Menge ungeheuer sinnlicher Geister, deren
Phantasie aus lauter Genußideen zusammengesetzt ist. Wenn diese Geister keine
Beschränkung durch Gesetze hätten, würde vor ihrer großen Geilheit kein
weibliches Wesen sicher sein, am Ende auch kein Knabe und sogar kein Vieh mehr!
Denn Ich kenne nur zu viele solche Naturfreunde nach der Art von Sodom und
Gomorra, die sich zu einem förmlichen Geschäfte machten, sich mit allen
möglichen weiblichen Rassen zu begatten, und wenn dies Zeugungsspiel ihrer
Phantasie nicht genügte, da machten sie fürs zweite Versuche auch an den
verschiedensten Tieren.
[RB.01_022,05]
Nun denke dir eine große Gesellschaft solch sinnlicher Genußmenschen in
moralisch wie auch politisch völlig gesetzlosem Zustand! Von welch
verschiedenartigsten Kreaturen und barsten Scheusalen wird es unter ihnen
wimmeln? Nach wenigen Hunderten von Jahren würde es auf der Erde wimmeln von
Wesen, vor denen am Ende kein menschliches Leben mehr sicher wäre! Moses hat
darum auch ein äußerst scharfes Gebot ergehen lassen und sogar den Feuertod als
Strafe gesetzt für solch einen Geiler, der sich unterfinge, so etwas zu tun.
[RB.01_022,06]
So hat es auch solche sinnliche Geister gegeben, und gibt es leider noch hie
und da, die ihre echt teuflische Genußsucht nur dann befriedigten, wenn sie die
Maid während und auch vor dem Akt auf das grausamste quälten und marterten.
Erst ihre letzten, schmerzvollsten Lebensäußerungen gewährten ihnen die größte
Wollust! Ich brauche dir nicht eine Menge spezieller Taten aufzuführen. Genug,
daß du weißt, welche Früchte daraus zum Vorscheine kommen, so irgendeine
Menschengesellschaft sich in einem gesetzlosen Zustand befindet.
[RB.01_022,07]
Drittens gibt es wieder Geister, die von sich selbst die außerordentlichsten
Ideen haben und alles endlos tief unter ihrer Würde finden. Diese Geister sind
stolz und über die Maßen herrschsüchtig; vor ihnen soll sich alles bis in den
Staub verkriechen und nur das tun, was sie wollen. Denke dir nun eine ganze
Gesellschaft lauter solcher Menschen: wie würden sie miteinander leben? Ich
sage dir, eine Welt voll Tigern, Löwen und Panthern würde miteinander in weit
größerer Harmonie leben als solche Menschen, wenn sie nicht durch moralische
wie auch durch weise politische Gesetze beschränkt wären!
[RB.01_022,08]
Und so gibt es unter den Menschen noch eine Menge zahlloser Abarten
verschiedenster Geister, deren Hauptneigungen in ihrer Art gegen alle positive
Ordnung so höchst lasterhaft verkehrt sind, daß du dir davon nicht die
allerleiseste Idee machen kannst!
[RB.01_022,09]
Wenn aber alle diese Geister von ihrer absolutesten inneren Freiheit nur zum
Teil einen unbeschränkten Gebrauch machen dürften, sage Mir, wie würde es dann
nur zu bald auf einem Weltkörper aussehen? – Du sprichst: ,Freund, das wäre
entsetzlich, das wäre die Hölle aller Höllen auf der Erde!‘ – Richtig, sage Ich
dir, du hast wohl gedacht und gesprochen!
[RB.01_022,10]
Ich aber frage dich weiter: Was ist demnach höchst notwendig, damit die vollste
Hölle soviel als möglich von der Erde hintangehalten werde? Siehe, nun kommen
wir beide erst dorthin, wo ich dich eigentlich haben wollte.
[RB.01_022,11]
Erkennst du nun, was Ich damit sagen wollte, wenn Ich wie auch Paulus allen
Bekennern Meiner Lehre den Gehorsam gegen eine rechtmäßige weltliche Obrigkeit
anempfahl? Siehst du nun, warum man dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was
Gottes ist, geben soll?
[RB.01_022,12]
Sage Mir nun, wie du die Sachen jetzt einsiehst. Kommen sie dir noch so
widersinnig vor als ehedem? Findest du den gerechten Gehorsam und die rechte
Demut immer noch als des freien Menschengeistes unwürdig? Rede nun, die Reihe
ist wieder an dir! Ich will dich hören.“
23. Kapitel –
Roberts anerkennende Antwort. Seine Gegenfrage über den Machtmißbrauch der
Fürsten.
[RB.01_023,01]
Spricht Robert: „Was, liebster Freund, soll ich im Grunde noch reden? Ich
begreife und bekenne nun, daß du als einer, der mir an Wissenschaft und
Weisheit himmelhoch überlegen ist, in allem recht hast, weil sich die Dinge
wirklich so verhalten. Es läßt sich dem nichts entgegenstellen, da du, als ein
in die geheimsten Kräfte der Natur eingeweihter Weiser dich am gründlichsten
auskennen mußt! Alles, was du mir nun gütig erläutert hast, habe ich in allen
Teilen als völlig wahr und unumgänglich nötig eingesehen. Aber nun kommt etwas
anderes:
[RB.01_023,02]
Bei deiner Darstellung des absolut freien menschlichen Geistes tritt die
eiserne Notwendigkeit eines diese Freiheit beschränkenden Gesetzes und eines
machthabenden Vollstreckers klar ins Licht. Aber es fragt sich dabei: Dürfen
gewisserart von Gottes Gnaden ernannte oder erwählte Macht-Vollstrecker des
Gesetzes wohl auch ,von Gottes wegen‘ ausgenommen sein, das Gesetz zu beachten,
das sie gewöhnlich selbst machen? Dürfen ganz willkürliche Despoten und
Tyrannen wegen eines mißlichen Thrones die armen Menschen, die doch auch ihre
Brüder sind, zu Tausenden hinschlachten lassen? War z.B. mein Vergehen wohl von
der Art, daß mich darum ein Alfred W. im Namen seines Kaisers erschießen ließ,
und desgleichen mehrere andere meiner Denk- und Handlungsweise!
[RB.01_023,03]
Wenn solch ein Machthaber sich schon von seinem eigenen Gesetz enthebt, so
fragt sich aber, wer ihn dann von deinem Liebesgesetz enthebt, das der ganzen
Welt ohne Unterschiede des Standes und Charakters gleich gelten soll? Warum
müssen Hunderttausende in der größten Armut dahinschmachten, so sie nur
irgendeine kleinste, oft nur durch zu große Not gezwungene Veruntreuung sich
zuschulden kommen lassen? Warum alle unnachsichtige Strenge des Gesetzes sich
gefallen lassen, während die Großen in behaglichster Gewissenlosigkeit tun
können was sie wollen, und kein Richter sie zu einer Verantwortung fordern
darf!
[RB.01_023,04]
Ich bin für weise und gute Regenten gewiß im höchsten Grade eingenommen. Aber
nicht für Regenten, die oft kaum wissen, was sie sind, und noch viel weniger,
was sie eigentlich sein sollten. Regenten, die nur auf dem Throne sitzen und
ihren Untergebenen gleich Vampiren das Blut aussaugen, anstatt sie durch weise
Gesetze zu leiten! Sage mir, Freund, soll da ein armes, gedrücktes Volk nicht
das Recht haben, solche glänzenden Taugenichtse und gefühllose Tagediebe
davonzujagen, um an ihre Stelle weise und taugliche Männer zu setzen, die Kopf
und Herz am rechten Fleck haben. Muß denn eines Regenten Wohnung ein
prachtvoller Palast sein, und müssen sich seine Regentenbezüge auf viele
Millionen belaufen? Was natürlich alles von den blutigen Schweißtropfen der
Untertanen hergeschafft werden muß! – Der ,arme Teufel‘ hat auf der Erde nichts
Gutes. Von der Geburt bis zum Grabe bleibt er ein Spielball der Mächtigen und
muß für sie Gut und Blut setzen. Dafür aber wird er zum Danke verachtet, und
wenn er sich nicht alle Niederträchtigkeiten der Großen möchte gefallen lassen
und käme zu einem Pfaffen in einen Beichtstuhl, um sich da sein Herz zu
erleichtern, wird er noch obendrauf mit der ewigen Verdammnis vertröstet! Sage,
ist das auch schon irgendwo in der Natur begründet? Freund! Ich, Robert, meine
da und behaupte fest: Das ist die Hölle und ihr regsamstes Mühen, aus armen
Engeln dieser Erde noch ärmere und elendere Teufel zu zeugen!
[RB.01_023,05]
Es ist übrigens wohl wahr und gewiß, daß das irdische Leben ein pures
Prüfungsleben ist zur Erreichung höchster reingeistiger Vollkommenheit. Und daß
man daher mit Recht von ihm auch keine zu glänzende irdische Glückseligkeit
erwarten kann. Denn ein Studierender bleibt stets mehr oder weniger ein Sklave
derer, die ihm als Meister vorgesetzt sind. Aber wenn von seiten der
völkerbeherrschenden, gar zu grausam prüfenden Tyrannen die Erziehungs-Saiten
zu stark gespannt und auf diese Art aus den Völkern statt wahren Menschen nur
barste Teufel gebildet werden, – was sagt dann eine urgöttliche Weltordnung
dazu?
[RB.01_023,06]
Ist da auch noch die Gottheit der alleinige Herr und Meister? Und sind da auch
noch ihre gläubigen Bekenner und Anbeter pure Brüder? Heißt das auch noch ,Gott
über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst lieben?!‘
[RB.01_023,07]
Oder ist es von einer allgerechten Gottheit wohl recht, Völker durch schlechte
Regenten leiblich und moralisch unter den Hund hinabsinken zu lassen? Sind dann
die Völker durch ihre schändlichst schlechten Regenten auf die unterste Stufe
alles Elends gesunken, so kommen noch von oben, das heißt von der gerechtesten
Gottheit, alle erdenklichen Strafen und Geißeln! Natürlich zumeist nur über die
armen Völker, weil sie notgedrungen haben schlecht werden müssen, zumeist ,von
Gottes Gnaden‘! Denn auch die gewissenlosesten Regenten führen den Titel: ,Von
Gottes Gnaden!‘ So kommen dann gewöhnlich Armut, Hungersnot, allerlei
unheilbare Krankheiten und eine Menge Seuchen und Kriege, – versteht sich von
selbst: alles ,von Gottes Gnaden‘!
[RB.01_023,08]
Neben diesen schönsten Bescherungen aber kommt endlich auch noch die süße
Verzweiflung und zuletzt die angenehme ewige Verdammnis im brennenden Pfuhle!
Und siehe, das alles ,von Gottes Gnaden‘! – Bravo! Nur zu! Oh, das Leben ist
wohl schön! Wer es erfunden hat, wie es ist, muß selbst eine närrische Freude
daran haben!
[RB.01_023,09]
Ich will aber damit eben kein höchstes Gottwesen tadeln, weil das Leben der
Erde so scheußlich sich gestaltet. Denn ein solches Gottwesen hat sicher
Größeres zu tun, als sich mit den Dreckwürmern dieses Erdstaubes abzugeben.
Aber das Elende bei der Sache ist mir, daß diese irdischen Menschenwürmer doch
auch Gefühl und leider auch Verstand besitzen und am Ende doch nicht völlig
vernichtet werden können.
[RB.01_023,10] Sollen
denn von der liebevollsten Gottheit, von deinem gewissen ,heiligen Vater‘, der
dich ans Kreuz hängen ließ (wahrscheinlich auch aus Liebe?) – die Menschen
dieser Erde als ,Gotteskinder‘, etwa eine besondere Begünstigung, die Ehre und
das Glück haben, die Allerverfluchtesten zu sein?
[RB.01_023,11]
Wahrlich, je länger ich da nachdenke, desto bedenklicher kommt mir die Sache
vor. Daher rede lieber wieder du! Vielleicht gelingt es dir, diese Sache mit
einem besseren Lichte zu beleuchten?“
24. Kapitel –
Trostvolle Antwort auf Roberts finstere Zweifel. Die Bosheit der freien
Menschen straft sich selbst. Erfahrungslehren der Geschichte.
[RB.01_024,01]
Rede Ich: „Lieber Freund, diese deine Kritik nach dem Urteil deines
kurzsichtigen Verstandes hat dem Außenschein nach viel für sich. Und wenn es
sich wirklich so verhielte, wie du es nun vor Mir so scharf beurteilt hast, da
sähe es wirklich äußerst schlecht mit der gesamten Menschheit aus. Aber zum
größten Glück bist du da mit all deinen Begriffen und somit auch mit all deinen
scharfen Urteilen auf dem dürrsten Holzwege!
[RB.01_024,02]
Denn siehe: Erstens sorgt die Gottheit eben für die Menschen dieser Erde so
außerordentlich, als hätte sie in der ganzen Unendlichkeit nahe keine Wesen
mehr, die Ihrer Fürsorge bedürften. Und sie führt die Menschen unter allen
Verhältnissen ihres Prüfungslebens so, daß fast alle trotz aller
Schwierigkeiten jene hohe Bestimmung erreichen müssen, derentwegen sie von der
Gottheit einzig und allein ins Dasein gerufen sind!
[RB.01_024,03]
Freilich gibt es ziemlich viele, die ihren Willen trotz aller angewendeten
Mittel dennoch nicht unter den besten Willen der Gottheit beugen wollen! – Daß
die Gottheit für solche Geister dann auch ernstere und schärfere Mittel
gebrauchen muß, um sie unbeschadet ihres freien Willens am Ende dennoch auf den
rechten Weg zu bringen, ist begreiflich. Ich meine, daß man darob die Gottheit
von deiner Seite denn doch ein wenig zu seicht beurteilt und ihr Ergebnisse
unterschiebt, die ganz allein nur in dem verkehrten und hochmütigen Willen der
Menschen zu suchen und leicht zu finden wären!
[RB.01_024,04]
Du sprachst wohl viel von der gnädigen Zulassung schlechter Regenten. Aber
davon sagtest du nichts, daß es auch schlechte Völker gibt, die nicht durch
politische Verfügungen schlechter Regenten, sondern lediglich durch sich selbst
schlechter als schlecht geworden sind, – was Ich dir durch zahllose Beispiele
handgreiflich dartun könnte und später auch dartun werde.
[RB.01_024,05]
Aber nun siehe zweitens – den Punkt deiner vermeinten ewigen Verdammnis, die
nach dem Tod den durch schlechte Regenten verdorbenen, also ohne eigenes
Verschulden schlecht gewordenen Menschen zuteil werden solle! Da muß Ich dir,
der Ich doch alle Verhältnisse der Geisterwelt genauest kenne, offen gestehen,
daß Mir dergleichen Begebnisse noch nie vorgekommen sind. Die ganze Ewigkeit
kann dir in Wahrheit auch nicht einen Fall vorweisen, wo nur ein Geist von Gott
aus verdammt worden wäre! Aber zahllose Fälle kann Ich dir vorführen, wo
Geister nur zufolge ihrer vollsten Freiheit die Gottheit verabscheuen und
verfluchen und um keinen Preis von deren endloser Liebe abhängen wollen, da sie
selbst Herren sogar über die Gottheit zu sein sich dünken!
[RB.01_024,06]
Da aber die Gottheit nur jenen endloseste Liebefülle in vollsten Zügen zu
genießen geben kann, die sie haben wollen, so wird es hoffentlich klar sein,
daß jene, welche die Gottheit samt ihrer Liebe über alles hassen und verachten
und ein Gespött aus ihr machen, dieser Liebe darum nicht teilhaftig werden
können; eben weil sie auf das entschiedenste ihrer nicht teilhaftig werden
wollen!
[RB.01_024,07]
Solche Wesen lieben nur sich allein und hassen alles, was sie nicht für ihr
selbstsüchtiges Ich vollkommen tauglich und demselben tiefst ergeben finden.
Die Gottes- und Nächstenliebe ist ihnen ein Greuel der Verwüstung, ein Fluch in
ihrem Herzen! Gott ist ihnen nur pure Faselei eines verbildeten Gemüts,
Albernheit eines im höchsten Grade verdummten Verstandes und der Nächste ist
eine Canaille, nicht wert, daß man ihn anspuckt.
[RB.01_024,08]
Wenn aber freieste Geister tatsächlich bei dem hartnäckig verharren und durch
gar kein gegebenes freies Mittel, also nicht durch sich selbst von ihrem
verderblichen Wahne zu heilen sind und sich eher aller Bitterkeit, die sie sich
selbst bereiten, für ewig unterziehen wollen, als sich auch nur ein sanftestes
Gebot der Gottheit gefallen zu lassen – sage, kann da wohl die Gottheit an
solch einer Selbstverdammnis die Schuldträgerin sein?
[RB.01_024,09]
Wenn aber dann die Gottheit aus purster Liebe solche Abtrünnlinge von ihren
seligsten Freunden absondert, ihnen aber auf den abgesonderten Zustandsorten
dennoch die vollste Freiheit beläßt: kann sie dann als unsorgsam, hart und
lieblos gescholten werden?
[RB.01_024,10]
Du sagst: Dafür können Menschen und Völker ja nicht, wenn sie so arg werden –
denn daran schulde die schlechte Erziehung und ein schlechter Unterricht; daß
aber diese schlecht sind, daran schulden schlechte, selbst- und herrschsüchtige
Regenten; und endlich an den schlechten Regenten schulde die Gottheit Selbst!
Oh, Ich will es gar nicht in Abrede stellen und sagen: Es gäbe keine schlechten
Regenten und noch nie sei ein Volk dadurch verdorben worden!
[RB.01_024,11]
Ebensowenig aber wirst du behaupten können, daß die gerechteste Gottheit noch
nie irgendeinen schlechten Regenten gezüchtigt habe! Gehe die Weltgeschichte
vom Anbeginn des Menschengeschlechts durch, und sie wird dir Tausende von
Regenten vorführen, die wegen schlechter Leitung der ihnen anvertrauten Völker
auf das empfindlichste gezüchtigt worden sind.
[RB.01_024,12]
Nichtsdestoweniger hat sich in allen Zeiträumen der Erde die alte Erfahrung
stets bewährt, daß gerade unter harten Tyrannen das Volk im allgemeinen stets
besser und lenksamer war als unter guten und sanften Regenten. Weshalb denn die
Gottheit schlechte Regenten zumeist darum über Völker aufstellen läßt, auf daß
die Völker, so sie arg geworden, an ihnen eine Zuchtrute haben. Sie sollen
dadurch genötigt werden, ein rechtes Bußkleid anzuziehen und sich zu bessern,
wonach ihnen die Gottheit unfehlbar wieder bessere Regenten geben wird und auch
allzeit gegeben hat!“
25. Kapitel –
Sinn und Zweck der irdischen Lebensschule. Zeitliche oder ewige Glückseligkeit?
[RB.01_025,01]
Rede Ich weiter: „Aber wenn ein Volk unter guten Regenten und unter friedvoll
gesegneten Jahren zu lässig und völlig naturmäßig-sinnlich, wird und nichts
anderes mehr denkt, als wie es sich auf Erden für sein Fleisch einen Himmel
schaffen könnte, – siehe, so etwas darf die für das reingeistige Wohl eines
jeden Menschen über alles besorgte Gottheit nimmer dulden. Dies darum, weil ein
irdischer Fleischhimmel nach der ewigen Urordnung Gottes stets den Tod des
Geistes in sich führt. Gleich wie ein Knabe, der sich schon von der Wiege an im
größten Wohlleben befindet, für jede geistige Entwicklung nur sehr wenig Sinn
haben wird, also auch ein Volk, dem es irdisch zu gut ginge.
[RB.01_025,02]
Gehe in die Paläste der Reichen und erkundige dich da nach der rechten Bildung,
und du wirst zumeist finden, daß da selten eine gottgewollte Herzensbildung zu
Hause ist. Gehe aber dann in die Hütte eines armen Landmannes und du wirst ihn
in der Mitte der Seinen, das wenige Brot segnend, antreffen. Dieser betet aus
seinem Geiste, erzieht dadurch seine Kinder geistig und erhebt sie zu Gott. Des
Reichen Gott aber ist nur sein Fleisch, das er durch alle erdenklichen
Wohlgenüsse hochverehrt. Und so erzieht er seine Kinder auch nur des Fleisches
wegen. Solch eine Erziehung aber kann Gott unmöglich gefallen, weil durch sie
jener heilige Zweck, dessentwegen Gott die Menschen geschaffen hat, ewig nie
erreicht werden kann.
[RB.01_025,03]
Und so ist es auch mit einem ganzen Volk. Wird es irdisch zu wohlhabend, so
wird es stets mehr und mehr sinnlich. Weil es ihm zu wohl geht, vergißt es am
Ende des wahren Gottes ganz und macht dafür sich selbst, oder was sonst seinen
Sinnen am meisten zusagt, zu einem Gott. Und das ist allzeit der Ursprung des
Götzentums gewesen!
[RB.01_025,04]
Du sprichst freilich bei dir: ,Wozu ist denn die Gottheit dann höchst weise und
allmächtig, wenn sie so etwas nicht verhüten kann?‘ – Ich aber sage dir: Wenn
die Gottheit die absolut frei werden sollenden Geister mit Ihrer Allmacht
richtete, da wäre es mit der Freiheit wohl auf ewig aus! Denn die Allmacht
würde da anstatt der freiesten Geister nur gerichtete Spielpuppen darstellen,
aber ewig nie von der Gottheit ganz frei und unabhängig sich selbst bestimmende
Geister, die in ihrer Vollendung selbst Götter werden sollen.
[RB.01_025,05]
Was aber die Einwirkung der göttlichen Weisheit betrifft, so verfügt diese eben
solche Zustände über entartete Menschen, durch die sie wieder auf den Weg zum
rechten Ziel gebracht werden können. Es ist zwar das auch ein Gericht und
gewisserart eine Nötigung, aber nur den Außenmenschen berührend, auf daß der
innere desto eher und leichter erwache und seine wahre Bestimmung wieder
ergreifen möge. Die Allmacht aber würde den ganzen Menschen richten und töten!
[RB.01_025,06]
Bedenke daher, ob du wohl noch ein Recht hast, die Gottheit zu beschuldigen,
als täte sie nichts für die Menschen oder, wenn sie etwas täte, bloß nur
Hartes, Liebloses und Schlechtes!
[RB.01_025,07]
Findest du nun immer noch das Erdenleben so verächtlich? Ist sein Erfinder in
deiner Kritik noch gewisserart ein Wesen, das sich solch einer Erfindung
durchaus nicht zu rühmen hätte?
[RB.01_025,08]
Ich meine, so du nur irgendeinen Funken eigenen Lichtes und des ,Hegelschen‘
besitzt, mußt du es doch einsehen. Und zwar aus vielen Erfahrungen, daß auf der
vergänglichen Erde unmöglich je eine wahre Glückseligkeit zu finden ist. Das
eben darum, weil sie nach der natürlichsten Ordnung aller Dinge der Außenwelt
mit der Zeit veränderlich und am Ende ganz und gar vergänglich sein muß!
[RB.01_025,09]
Wer sich aber nach Meiner Lehre Schätze sammelt, die Rost und die Motten nicht
zerstören, der allein kann von einer wahren Glückseligkeit reden. Denn was für
ewig bleibt, wird doch offenbar besser sein, als was dem scharfen Zahne der
Zeit unterliegt?
[RB.01_025,10]
Was wohl hast du selbst nun von all deinen rein irdischen
Glückseligkeitsbestrebungen? Siehe, Pulver und Blei hat all deinen Mühen ein
vollkommenes Ende gemacht. Ob du das verdient oder nicht verdient hast, lassen
wir nun dahingestellt sein. Denn Ich habe das gleiche Los ertragen müssen, nur
mit dem Unterschied: Ich – für Gott und Geist; du aber – für die Welt und ihre
vermeintliche materielle Glückseligkeit; Ich fürs ewige, und du fürs zeitliche
Wohl der Menschen.
[RB.01_025,11]
Wie Ich, so kannst auch du nun sagen: ,Herr, vergib ihnen! Denn was sie taten,
das taten sie in ihrem blinden Glauben, etwas Rechtes zu tun!‘ Aber – was hast
du nun für die sichere Ewigkeit mit herübergebracht? Siehe, Freund, das ist
eine ganz andere Frage! Wird dir die für dich vergangene Welt wohl etwas zu
geben imstande sein? – Denke nur einmal darüber nach und sage Mir, wie du es
nun hier anfangen wirst?“
26. Kapitel –
Roberts Antwort: Das Leben gebe ich dem zurück, von dem ich's erhielt. Gibt es
einen Gott der Liebe, der seine Geschöpfe so hart behandelt?
[RB.01_026,01]
Nach einigem Nachdenken spricht Robert wieder und sagt: „Mein allerliebster
Freund und Bruder! Was da deine triftige Widerlegung meiner Anwürfe gegen die
Gottheit und ihre aufgestellte Lebensordnung betrifft, so bin ich auch in
diesem Punkte mit dir ganz einverstanden. Ich bekenne es laut, daß ich der
lieben Gottheit sehr unrecht getan habe – vorausgesetzt, daß es wirklich eine
Gottheit gibt als liebevollsten Vater, wie du ihn deine Jünger lehrtest.
[RB.01_026,02]
Darum verlangten sie von dir auch einmal, daß du ihnen deinen ,Vater‘ hättest
zeigen sollen. Und da du solchem Begehren nicht anders genügen konntest, als
dich ihnen selbst als Vater darzustellen, so wolltest du wohl nach meinem
Dafürhalten damit nichts anderes sagen als: O ihr jüdischen Dummköpfe! Wißt ihr
denn nicht, daß es außer dem Menschen nirgends einen Gott gibt? So ihr mich
oder auch einen andern Menschen sehet, so sehet ihr ja, was ihr verlangt. Könnt
ihr es denn unmöglich fassen, daß der Vater in uns ist und wir im Vater sind?
Oder mit anderen Worten: daß es nirgends einen Gott gibt außer den im Menschen!
[RB.01_026,03]
Obschon ich dieses kaum anders auffassen kann, so bin ich deswegen dennoch
nicht hartnäckig darauf versessen und will gerne irgendeine Gottheit annehmen,
so du sie mir erweisen und zeigen kannst. So ich aber einer nirgends als nur in
uns seienden Gottheit solche Anwürfe machte, kann ich deine wirklich triftigste
Widerlegung auch um so leichter als Wahrheit annehmen: Weil sie sich lediglich
auf unsere eigenste innere Ordnung bezieht, die erst ganz verstanden sein will,
bevor sie sich einer zu seichten kritischen Beurteilung preisgeben kann. Oder
mit anderen Worten: ,Mensch, erkenne dich zuvor ganz! Dann erst beurteile dein
Sein und alle die notwendigen Verhältnisse, welche die Bestimmtheit deines
Seins mit sich führt!‘
[RB.01_026,04]
Ich kann dir für diese wahrhaft große Belehrung nur danken aus allen meinen
Kräften. Denn auf meinem überaus nichtigen Boden dürften solche Früchte wohl
noch lange nicht zum Vorscheine kommen.
[RB.01_026,05]
Aber trotzdem ich nun diese weisen Beschränkungen der absoluten Freiheit als
überaus notwendig und nach der Natur der menschlichen Ordnung zum wahren Leben
höchst angemessen finde, so muß ich aber noch immer leider eines offen
bekennen: Ich kann die Lehre, daß Gott die purste Liebe ist und man diese Liebe
über alles, den Nächsten aber gleich sich selbst lieben solle, durchaus nicht
mit allem vereinigen, was du mir bis jetzt gesagt hast. Und eher schon gar
nicht, bis du mich vom Dasein einer wirklichen Gottheit überzeugen wirst!
[RB.01_026,06]
Gott muß zuerst definitiv da sein und seine Natur und sein Wille vollkommen
erkannt werden, dann erst läßt sich von Notwendigkeiten reden. Ist aber Gott
nur ein vom blinden Glauben angenommenes, nie aber der reinen Vernunft
erweisbares Wesen, muß notwendig jede Gotteslehre, möchte sie auch noch so
metaphysisch oder theosophisch klingen, sich von selbst in ein Nichts auflösen.
[RB.01_026,07]
Ich widerspreche hiermit deiner Belehrung gar nicht, denn ich sehe ihre
Realität nur zu klar ein. Aber nur in dem Fall, so es eine Gottheit gibt, die
solche Ordnung zur Heranbildung des Menschen zu einem höheren, freiesten Wesen
für nötig gestellt hat. Gibt es aber keine Gottheit, dann brauche ich dir gar
nicht zu widersprechen, denn da widerspricht sich die Sache von selbst.
[RB.01_026,08]
In der Beantwortung meiner an dich gerichteten Frage: Mit welchem Recht mich
ein Windischgrätz erschießen ließ, gingst du ganz kurz zu dem
Entschuldigungsgrund über: daß es nun nicht an der Zeit sei, darüber viel zu
reden, ob solches mit Recht oder Unrecht geschehen sei. Denn auch dir sei ein
ähnliches Los zuteil geworden, nur mit dem Unterschied: Dir – für Gott und der
Menschen ewiges und geistiges Wohl; mir aber – für die Welt und ihre
vergängliche Glückseligkeit! – Und ich soll dir nun kundgeben, was ich aus der
vergangenen Zeit für die Ewigkeit mit herübergenommen habe? Freund, ich meine, diese
Frage zu beantworten, wird mir eben nicht zuviel Kopfzerbrechen machen!
[RB.01_026,09]
So es doch irgendeine liebevollste Gottheit geben sollte, so lehrt uns die
Tausende von Jahren alte Erfahrung, daß diese Gottheit den Menschen, wenn sie
sie zur Welt in die sogenannte Freiheitsschule schickt, absolut nichts als nur
das nackteste, begriffsloseste und somit auch allerdümmste Leben mitgibt. Also
ein barstes Nichts bringt der Mensch auf diese elende Welt! Von all den
Weltschätzen gehört nichts ihm, da er sie am Ende seines Lebens doch für ewig
wieder verlassen muß.
[RB.01_026,10]
Was wohl hätte ich da für die Ewigkeit mit herübernehmen sollen oder können,
außer – ohne mein Verlangen und ohne meinen Willen – mich ganz allein! Nur mit
dem geringen Unterschied, daß ich nun in diese Welt als ein denkendes, und
somit etwas mehr geistig gebildetes Wesen eintrat, während mein Eintritt in die
materielle Welt ein höchst unbehilflich elender war. Welchen Eintritt ich aber
dennoch dem zweiten in diese unweltliche Welt sehr vorziehen möchte. Denn in
der Materiewelt fühlte ich als Säugling nichts, außer etwa einen stummen Hunger
oder einen stummen Schmerz. Aber diese beiden Martern waren für mich so gut wie
gar nicht da, denn ich hatte damals ja kein Bewußtsein. Hätte meine arme
irdische Mutter mir in dieser Zeit nicht die kärglichste Pflege gegeben, so
hätten mich zufolge deiner göttlichen Liebsorge wohl alle Mäuse und Ratten
fressen können; die Gottheit hätte es sicher nicht abgewehrt!
[RB.01_026,11]
Ja die Gottheit in der Brust meiner Mutter sorgte wohl für mich. Aber die
große, allmächtige, irgend über allen Sternen – die weiß vielleicht noch diesen
Augenblick nichts von einem armen Teufel, von einem Robert Blum!
[RB.01_026,12]
Wenn ich aber dennoch ein miserables Produkt dieser großen Gottheit sein soll,
die aus purster Liebe mich so reichlichst ausgestattet in die Prüfungswelt
sandte, – kann sie nun wohl mehr von mir zurückverlangen, als sie mir auf die
Weltreise mitgegeben hat? Ich meine, wo nichts ist, da hört wohl von selbst
jedes Recht auf. Oder gibt es hier in der Geisterwelt wohl irgendeine solche
Rechtsverfassung, nach der man auch für ein barstes Nichts jemandem zum
Schuldner werden kann?
[RB.01_026,13]
Das nackte Leben ist nicht mein, da ich mir's nicht gegeben habe. Dieses Leben
mit einiger Intelligenz sogar bereichert und mit einem schlechten Rock noch
dazu, habe ich wieder hierhergebracht und stelle es mit dem größten Vergnügen
dem wieder zurück, der es mir gegeben hat. Aber mit der Bitte, daß ich, als der
elende Robert, für alle Ewigkeit völlig zu sein aufhöre! – Denn ich ersehe nun
sogar aus deinen weisen Reden, daß dem Leben überhaupt keine glückliche Seite
abzugewinnen sein dürfte. Und so ist es ja endlos besser, ewig nicht mehr zu
sein, als so elend, wie ich es stets zu sein die große Ehre hatte!
[RB.01_026,14]
Es ginge mir zur Vollendung meines Glücks nur noch ab, daß du, lieber Freund,
zu mir sprächest: ,Weiche von mir, du Verfluchter, in das ewige Zornfeuer
Gottes und brenne dort ewig unter den gräßlichsten Qualen‘ – so wäre dadurch
dem Leben und seiner Herrlichkeit wahrlich die Krone der urgöttlichen Liebe
aufgesetzt! Freund, wenn solch ein unbegreiflich hartes und aller Liebe lediges
Urteil auch dein liebevollster Vater dir eingegeben hat – wahrlich, da wäre von
seiner endlosen Liebe nicht viel Gutes zu erwarten! Aber ich meine, solch eine
grausame Sentenz dürfte kaum je über deine Lippen gekommen sein, sondern wurde
höchst wahrscheinlich in späterer Zeit von den liebevollsten Römlingen
eingeschoben? Das Warum dürfte nicht schwer zu erraten sein! – Rede nun wieder
du, denn ich bin mit meiner Antwort zu Ende.“
27. Kapitel –
Aufklärung aber die Erziehung des Menschen zur Selbständigkeit. Scheinbar harte
Erziehungsschule – höchste göttliche Liebeweisheit.
[RB.01_027,01]
Rede Ich: „Höre, du lieber Freund! Mit dir wird es noch einige Anstände haben,
bis du zu klareren geistigen Begriffen gelangst. Du hängst noch viel zu sehr an
der Materie und den daraus hervorgehenden Erscheinlichkeiten. Deshalb
beurteilst du auch alles nach der Materie, die gerichtet und daher vergänglich
ist, und magst das rein Göttlich-Geistige nicht erfassen.
[RB.01_027,02]
Begreifst du als ein Hauptphilosoph denn noch immer nicht: So die Gottheit ein
Leben aus sich freigibt, so muß sie dasselbe doch vollkommen freigeben, und
nicht gerichtet. Außer was höchst notwendig gerichtet sein muß: das leibliche
Leben, damit es Festigkeit habe zur Aufnahme des Lebensgeistes aus Gott. Hat
dieser Geist einmal die rechte Festigkeit erreicht, oder will Gott einen noch
sehr schwachen Geist auf eine andere Art zum ewigen Leben kräftigen, ohne daß
dieser es nötig haben soll, die volle Fleischprobe durchzumachen, – so nimmt
Gott Selbst das Gerichtete vom freiesten Geiste. Er ist dann ganz frei und es
geschieht ihm dann nichts anderes, als was er absolut frei selbst aus sich
heraus will.
[RB.01_027,03]
Glaubst du denn, Gott wird dir gebieten, etwa entweder in die Hölle zu fahren
oder in die Himmel einzugehen? Oh, mit solchen Ideen brauchst du dich nicht
abzugeben. Da bist du vollkommen frei; was deine eigene Liebe will, das soll
dir auch werden! Gott kann dir auch zum besseren Teil behilflich sein, aber
nur, wenn du es willst. Willst du aber solche Hilfe nicht, so wird sie dir Gott
auch nicht nachwerfen. Und das darum nicht, weil du ein freies und von Gott
ganz unabhängiges Leben hast, das sich frei bestimmen kann wie es will, und
daher auch für seine Ernährung und Stärkung zu sorgen hat, ganz unabhängig von
Gott, ansonst es wahrlich kein freies Leben wäre!
[RB.01_027,04]
So aber Gott den Menschen nackt und in jeder Hinsicht völlig unbehilflich zur
Welt geboren werden läßt, so geschieht das darum, um das Menschenleben schon da
freizugeben, damit selbes sich an das Sich-selbst-überlassen-sein schon von
Geburt an gewöhnen soll. – Dieser Lebens-Trennungs-Prozeß muß darum auch mit
der Geburt seinen Anfang nehmen, wo das Kind noch keiner Vorstellung, keines
Begriffes und somit auch keines bewußten Schmerzes fähig ist. Denn bei einer
solchen Lebenstrennung, wenn sie dem Menschen in einem begriffsfähigen Zustande
geschähe, könnte er den Schmerz und die zu große Trauer gar nicht ertragen.
Trauert doch ein Mensch, wenn durch des Leibes Tod einer seiner besten Freunde
gewisserart von seinem Lebensband getrennt wird. Um wieviel mehr würde der
Mensch erst trauern, so er mit vollstem Bewußtsein sich von Gott, seinem
eigensten Lebensvater trennen sollte, – was aber dennoch geschehen muß, weil
ohne diesen an und für sich schmerzlichen Akt kein Leben neben Gott
freigestellt werden könnte.
[RB.01_027,05]
Des Herrn höchste Weisheit und Liebe versetzt solch eine notwendige Trennung in
einem beinahe empfindungslosen Zustand des Menschen. Er gibt ihm zum anfangs
ganz gebundenen geistigen Leben ein äußeres Naturleben dazu, das das ehemalige
mit Gott vereinte Leben auf unbestimmte Zeit verbirgt, auf daß der Geist sich
solche Trennung leichter angewöhne und sich in sein künftiges, absolut freies
Leben desto unbeirrter finden kann. Sage, kann ein Mensch dann darum die
Gottheit schmähen oder gar leugnen, wenn sie tut, was ihre eigene höchste
Liebe, Weisheit und Ordnung gebietet?
[RB.01_027,06]
Wenn es einen anderen Weg zur Freigestaltung des Lebens aus sich gäbe, der noch
weniger schmerzlich wäre, so hätte ihn die Gottheit sicher in ihre Ordnung
aufgenommen. Aber bei den Verhältnissen der Lebensdinge, wie sie sind und
notwendig sein müssen, ist eben kein besserer Weg möglich. Der Weg ist somit
auch gut und zweckmäßig. Und weil so und nicht anders, da ist ja die Sache
selbst schon der größte Beweis fürs sichtbare, greifliche Dasein Gottes, ohne
den nichts entstehen, sein und bestehen kann.
[RB.01_027,07]
Ist aber dadurch das Dasein Gottes offenkundig erwiesen, wie verdient es von so
weisen Männern, wie du einer sein willst, geschmäht zu werden? – Sieh, lieber
Freund, wie unrecht du dem großen, heiligen Vater tust!“
28. Kapitel – Auch
der Leibestod ein Hilfsmittel der Liebe Gottes. Vom Todesleiden in alter und
jetziger Zeit.
[RB.01_028,01]
Rede Ich weiter: „Siehe, das Sterben der Menschen ist auch für die äußeren
Sinne eine traurige und zumeist mit verschiedenen Schmerzen verbundene Erscheinung.
Der bloße Weltverstand findet dies für sehr hart und grausam von seiten einer
allmächtigen Gottheit, die noch dazu voll der höchsten Liebe und Erbarmung sein
soll. Wie oft ist die gute Gottheit schon darob von Menschen und Geistern
geschmäht oder auch ganz geleugnet worden!
[RB.01_028,02]
Aber auch da tritt wieder dieselbe Notwendigkeit wie bei der Geburt ein. Der
freie Geist im Menschen kann unmöglich anders von jedem seine wahre Freiheit
hemmenden Gericht ledig werden als durch die Hinwegnahme seiner gerichteten,
zeitweiligen Umhüllung. Diese darf dem Geiste nur so lange belassen werden, bis
er von dem Urleben Gottes nach allen Teilen völlig isoliert worden ist. Wobei
freilich nur Gott als Gestalter des Lebens wissen kann, wann solch ein Geist
zur völligen Selbständigkeit gediehen ist. Ist solch eine Reife eingetreten,
dann ist es auch an der Zeit, dem Geiste die Last abzunehmen, die ihn an seiner
Freiheit hindert.
[RB.01_028,03]
Freilich sagst du wie viele: ,Warum geschieht dann diese Abnahme nicht
schmerzlos?‘ – Ich aber sage dir: Würde ein Mensch nach der Lehre Gottes leben,
so würde seines Leibes Tod ihm auch nur eine Wollust sein, oder doch wenigstens
wäre er völlig schmerzlos. Aber da die Menschen zufolge ihrer Freiheit sich zu
sehr in die Widerordnung der Materie begeben, ihren Geist mit eisernen Ketten
daran heften und ihn zur Weltliebe erziehen, da muß freilich solche Trennung
mit um so mehr Schmerzen verbunden sein, je fester ein Geist sich an die
gerichtete Welt angeklebt hat.
[RB.01_028,04]
Aber auch dieser Schmerz ist dennoch keine Härte, sondern nur die purste Liebe
Gottes. Denn würde die Gottheit da nicht eine kleine Gewalt anwenden, die
freilich nie wohltun kann, dann ginge der Geist ins vollkommene Gericht über
und somit in den qualvollsten ewigen Tod, der da die eigentliche Hölle ist.
Aber um den Geist davor möglicherweise zu retten, muß die Gottheit ein solches
notwendiges Gewaltstreichlein ausführen. Sage, verdient sie darum wieder,
geschmäht oder gar geleugnet zu werden? Leider gibt es nun eine zu große Menge
Geister, die von Gott nichts mehr hören wollen, sobald sie ihre Freiheit
erlangt haben. Aber Gott unterläßt es dennoch nie, sie auf den besten Wegen zum
wahren und vollkommensten Ziele zu leiten.
[RB.01_028,05]
Siehe, in der Urzeit wurden die Menschen im allgemeinen dem Leibe nach viel
älter und starben auch eines gelinden und schmerzlosen Todes. Das geschah aber
darum, weil sie in ihrem Geiste von Gott nicht so leicht wie die Menschen
dieser Zeit abgelöst werden konnten. Und das darum nicht, weil die Erde für sie
viel zu wenig Reize aufzubringen hatte und sie dadurch mehr in sich gekehrt
blieben und auch mit Gott in einem schwerer zu trennenden Verband standen.
[RB.01_028,06]
Als aber mit der Zeit die Menschen der Erde stets mehr Reize abzugewinnen
begannen, und sich die Trennung vom Gottesleben daher auch eher ergab, da wurde
auch die irdische Lebensperiode stets kürzer und kürzer.
[RB.01_028,07]
Als endlich die Menschen vor lauter Welttum und seinen Reizen ganz und gar ihres
Schöpfers zu vergessen anfingen, da erreichten sie aber auch das Extrem wider
alle Gottesordnung, in dem der ewige Tod ihnen zuteil werden müßte. Siehe, da
war es dann göttlicherseits nötig, sich ihnen wieder mehr zu nähern und sich
hie und da zu offenbaren, um die dem ewigen Untergang nahe Menschheit zu
retten. Viele ließen sich retten, viele aber nicht – aus eigenem, freiestem
Willen! Hätte sie die Gottheit da mit ihrer Allmacht ergreifen sollen, wenn sie
ihrer Liebe kein Gehör schenken wollten? Das hieße doch alle solche Geister für
ewig verderben!
[RB.01_028,08]
Was kann da die ewige Liebe anderes tun, als zu sagen: „Weichet von Mir, die
ihr euch gänzlich von Mir abgelöst habt, und gehet in eine andere
Erhaltungsschule, die allen euresgleichen zu eurer möglichen Wiederlöse
bereitet ist! Es ist ein Feuer des Gerichtes der Welt, das muß euch lostrennen
von ihr, ansonst es um euch geschehen ist!“
[RB.01_028,09]
Wenn die Gottheit, um solche Übel soviel als möglich zu verhüten, nun äußere
Plagen über die Erde kommen läßt, sage, ist sie da nicht vorhanden? Oder ist
sie da hart und lieblos, wenn sie tut, was zu tun sie für allernötigst findet?
– Wie kannst du dir auch nur im Traum einfallen lassen, daß die Gottheit ihre
Geschöpfe, die sie aus sich heraus zeugte – verfluchen und verdammen soll für
ewig! Was hätte sie wohl davon?
[RB.01_028,10]
Aber wenn sie die Geschöpfe freistellen will für ewig: Muß da nicht ihre größte
Sorge sein, daß diese Geschöpfe ja nicht irgend wieder in die Arme ihrer
Allmacht hineingeraten, wo es um die Freiheit in jedem Falle geschehen sein
müßte. Gerade, als so du Kinder hättest und möchtest sie in ihrer Zartheit mit
all deiner Manneskraft an deine Brust drücken, was ihnen natürlich das Leben
kostete. Wenn du sie aber zu Tode erdrückt hättest und hättest noch andere
Kinder, – sage, würdest du diese nicht warnen vor deiner unbändigen Kraft, oder
würdest du diese Kraft noch an mehreren versuchen? Dich würde wohl die
Erfahrung davor warnen.
[RB.01_028,11]
Die Gottheit aber bedarf freilich der Erfahrung nicht, da sie im Besitze der
unendlichsten Weisheit ist. Sie ist der alleinige wahre gute Hirte aller ihrer
Schäflein und kann sie am besten schützen vor ihrer Allmacht, die sie nur zur
Gestaltung der gerichteten Dinge der Körperwelt gebraucht, nie aber zur
Gestaltung freier Geister aus ihr! Diese müssen allein aus ihrer Liebe und
Weisheit hervorgehen, ansonst an ihnen ewig keine Freiheit und somit auch kein
Leben zu bewerkstelligen ist! Denn Gottes Allmacht zeugt nichts als Gericht
über Gericht!“
29. Kapitel –
Wahrer Sinn des Textes: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten!“ Jeder böswillige
Geist verflucht sich selbst. Sünde wider den Heiligen Geist.
[RB.01_029,01]
Rede Ich weiter: „Wenn du jene dir so schauderhaft vorkommende Sentenz aus dem
Evangelium einmal als kritischer Denker bloß grammatikalisch durchgegangen
hättest, so müßtest du schon aus der alleinigen Wortfügung auf den ersten Blick
erkannt haben, daß die Gottheit damit ein richterliches Verdammungsurteil über
die sogenannten verstockten Todsünder nie habe für ewig wirkend (aus der
Allmacht) aussprechen können und wollen!
[RB.01_029,02]
Denn sieh, es heißt da: ,Weichet von Mir, ihr Verfluchten!‘ – Also sind die
schon verflucht, an die das Gebot ergeht. Denn sonst müßte es heißen: Da ihr
vor Mir allzeit unverbesserlich gesündigt habt, verfluche Ich als Gott euch nun
für ewig zur Hölle ins ewige Qualfeuer!
[RB.01_029,03]
So aber die schon verflucht sind, an welche die Gottheit solche Sentenz ergehen
läßt, so folgt daraus: fürs erste, daß die Gottheit hier durchaus nicht als
Richter, sondern nur als ein ordnender Hirte auftritt und den von ihr aus
eigener Willensmacht ganz abgetrennten Geistern einen andern Weg strenge
anweisen muß. Weil sie sonst, alles Verbandes mit der Liebe der Gottheit ledig,
unmittelbar in die Arme der Allmacht geraten müßten, wo es dann wahrlich um sie
geschehen wäre!
[RB.01_029,04]
Fürs zweite aber fragt es sich, wer sie dann verflucht hat? Die Gottheit
unmöglich! Denn wenn die Gottheit jemanden verfluchte, wäre keine Liebe in ihr
und auch keine Weisheit. Wenn die Gottheit gegen ihre Werke zu Felde zöge, zöge
sie da nicht so ganz eigentlich gegen sich selbst, um sich zu verderben, –
anstatt stets mehr von Ewigkeit zu Ewigkeit sich aufzurichten durch die
wachsende Vollendung ihrer Werke, ihrer Kinder!
[RB.01_029,05]
So aber die Gottheit danach unmöglich aus ihrer Allmacht heraus als Richter
erscheinen kann, sondern allein aus Liebe und Weisheit heraus als ordnender
Hirte, so ist es ja klar, daß solche Geister zuvor durch etwas anderes mußten
gerichtet worden sein. Durch wen aber? – Diese Frage ist gar leicht zu
beantworten, wenn man nur soviel Selbsterkenntnis besitzt, um dieses
einzusehen: daß ein Wesen einerseits einen völlig freien Geist und Willen hat,
der eigentlich allein der Liebe und Weisheit Gottes entstammt. Anderseits aber,
auf daß es von der Allmacht isoliert werden könne, um ein wahrhaft vollkommen
freies Wesen zu werden, auch eine Zeitlang einen von der Allmacht gerichteten
Leib und eine äußere, gerichtete Welt mit eigenen, ebenfalls gerichteten Reizen
haben muß. Es kann daher durch niemand anders als lediglich nur durch sich
selbst gerichtet und bestimmt werden. Es kann sich ein solch freies Wesen nur
selbst ,verfluchen‘, d.h. gänzlich von aller Gottheit absondern.
[RB.01_029,06]
Die Gottheit aber, die auch solch einem Wesen die Freiheit nicht nehmen will,
kann da nichts anderes tun, als solche verirrte Wesen bei ihrer Beschaffenheit
anrufen und mit Liebernst ihnen den Weg anzeigen, auf dem sie wieder in den Verband
der Liebe und Weisheit Gottes treten können. Außerhalb dieses Verbandes ist
keine absolute Freiheit und somit auch kein geistiges, ewiges Leben denkbar.
Denn außerhalb dieses Verbandes wirkt allein nur die Allmacht der Gottheit, –
in der nur die Kraft der Liebe und Weisheit Gottes wesenseins mit der Allmacht
als das Urleben bestehen kann. Jedes andere, von diesem Urleben abgelöste Leben
muß in ihr zugrunde gehen und ewig erstarren, weil es für sich unmöglich der
endlosesten Kraftschwere den leisesten Widerstand leisten kann!
[RB.01_029,07]
Darum heißt es auch: Gott wohne im ewig unzugänglichen Lichte! Was so viel
sagen will als: Gottes Allmacht, der eigentliche Machtgeist Gottes, der die
Unendlichkeit erfüllt, ist für das Sein jedes geschaffenen Wesens, so es
bestehen soll, für ewig unzugänglich. Denn jeder Konflikt mit der Allmacht
Gottes ist der Tod des Wesens! Daher wird auch die Sünde gegen diesen
Machtgeist als höchst verderblich bezeichnet. Weil ein Wesen, das, von der
Gottes-Liebe sich zuvor völlig trennend, mit dieser Macht sich messen will,
notwendig von solcher Allkraft gänzlich verschlungen werden muß und nur schwer
oder auch wohl gar nicht mehr von ihr loszuwinden ist, – gleich als wenn eine
Milbe unter dem Schutt des Himalaja begraben wäre! Wie würdest du sie daraus
befreien?“
30. Kapitel –
Vom reichen Prasser und armen Lazarus im Jenseits. Wer hat die Hölle gemacht?
Nur die Bosheit der Geister.
[RB.01_030,01]
Rede Ich weiter: „Du sprichst nun bei dir: ,Ja, das ist alles richtig, wenn die
Gottheit zu jenen so spricht, die sich zufolge ihrer vollsten Freiheit von ihr
ganz abgelöst haben nach der Art und Weise, wie sie durch sich selbst in sich
beschaffen sind. Somit kann in diesem scheinbaren Schreckensurteil unmöglich
das Schaudervolle vorhanden sein, wie man auf den ersten Augenblick vermutet.
Aber was hat es dann mit der Erzählung vom armen Lazarus und dem reichen
Prasser für eine Bewandtnis, der ohne alle Gnade im schrecklichsten Feuer der
Hölle gesehen wird? Der da bittet und keine Erhörung seiner Bitten findet und
zwischen dem und der Gnade Gottes eine unübersteigliche Kluft angezeigt wird,
über die für ewig keine Übergangsbrücke führt? Was sagt denn da die göttliche
Liebe, Weisheit und Erbarmung dazu?‘
[RB.01_030,02]
Lieber Freund, Ich wußte wohl, daß du mit dieser Frage kommen wirst. Dagegen
frage Ich dich, ob du Mir sagen kannst, wer denn diesen Prasser eigentlich in
die Hölle geworfen hat? Etwa die Gottheit? Mir ist solches wahrlich nicht
bekannt.
[RB.01_030,03]
Oder hat dieser in seiner notwendigen Qual sich etwa an die göttliche Liebe und
Gnade gewendet, um davon befreit zu werden? Ich weiß nur, daß er sich an den
Geist Abrahams und nicht an die Gottheit gewendet hat! Der Geist Abrahams ist
aber, obschon als geschaffener Geist überaus vollkommen, doch ewig die Gottheit
nicht, die allein nur helfen kann. Und auch in solchen Fällen ist sie die
unübersteigliche Kluft, über die sich die Geister verschiedenster Art nie die
Hände reichen dürfen, denn da wirkt allein Gottes geheimste und tiefste
Weisheit und Liebe!
[RB.01_030,04]
Wenn dieser Prasser sich aber in großem Elend befindet, kann da die Gottheit
dafür, wenn er sich gewaltig selbst hineingestürzt hat? Kann dem
Selbstwollenden ein Unrecht geschehen, so ihm geschieht, was er will? Sage Mir
nun wieder deine Meinung!“
[RB.01_030,05]
Spricht Robert: „Ja, das ist wieder ganz richtig! Aber wenn die Gottheit voll
der höchsten Liebe ist, was sie auch sein wird, wie ich's nun mehr und mehr
einsehe, da fragt es sich von selbst: Wie konnte wohl diese Gottheit einen so
qualvollen Ort oder Zustand einrichten, in dem ein Geist zuvor unbeschreibliche
Schmerzen auszustehen hat, bis er sich möglicherweise einer Vollendung nähern
und durch diese in einen gelinderen Zustand übergehen kann? – Muß denn eine
Hölle bestehen? Und müssen solche Geister schmerzfähig sein? – Könnte denn das
alles nicht auf eine weniger grausame Art eingerichtet sein?“
[RB.01_030,06]
Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund, meinst du denn, daß die Gottheit die Hölle
so eingerichtet habe? Oh, da bist du in einem großen Irrtum! Siehe, das haben
von alten Urzeiten her die argen Geister selbst getan. Die Gottheit hat es
ihnen nur zugelassen, um sie nicht im geringsten zu beirren in ihrer Freiheit.
Aber daß sie eine Hölle je erschaffen hätte, das kann in allen Himmeln kein
Wesen sich auch nur im entferntesten Sinne denken. Denn so die Gottheit eine
Hölle erschaffen könnte, da müßte in ihr auch Sünde und somit Böses sein, was
für die Gottheit eine Unmöglichkeit wäre. Denn es ist nicht möglich, daß die
Gottheit wider ihre eigene ewige Ordnung handeln könnte. Und so ist es auch
unmöglich zu denken, daß die Gottheit aus sich im eigentlichsten Sinn des
Wortes eine Hölle erschaffen könnte. Aber zulassen kann und muß sie es den
freiesten Geistern, wenn sie aus ihrer ganz verkehrten ursprünglichen Ordnung
heraus sich selbst Zustände bereiten, die allerdings sehr arg und schlimm sind!
[RB.01_030,07]
In der ganzen Unendlichkeit aber wirst du nirgends einen Ort finden, der da
schon von der Gottheit aus als eine Hölle gestaltet wäre. Denn es gibt nirgends
eine Hölle außer im Menschen selbst. Wenn aber der Mensch ganz freiwillig in
sich durch gänzliche Nichtbeachtung des Gotteswortes die Hölle ausbildet und
sich nimmer an die leichte Beachtung der Gottesgebote kehrt: was kann da die
Gottheit dafür, so ein Geist sie freiwillig flieht, verspottet und lästert?
[RB.01_030,08]
Da aber die Gottheit allein das wahre Leben und auch das Licht allen Lichtes
ist und sonach auch die alleinige vollste Seligkeit aller Wesen, – so ist es
auch wohl erklärlich, daß ein gottloser Zustand durchaus nichts Angenehmes an
sich haben kann, – da es ohne Gott kein Leben, kein Licht, kein Wahres und kein
Gutes geben kann!
[RB.01_030,09]
Ein Mensch aber, der die Gottheit verläßt, aus sich hinausschafft und keine
mehr annehmen will, muß ja in sich eine wahre Hölle gestalten, die in allem
böse und arg sein muß. Wenn es dann solch einem gottlosen Menschengeist
notwendig sehr schlecht ergehen muß – und je länger er in dem gottlosen Zustand
beharrt, desto schlechter –, da kann die Gottheit nichts dafür. Denn würde die
Gottheit sich durch ihre Allmacht eines Wesens trotzdem bemächtigen, obschon
das Wesen aus eigenem freiesten Willen ihr auf das hartnäckigste widerstrebt,
so würde das solch ein Wesen augenblicklich gänzlich vernichten, was wider alle
göttliche Ordnung wäre.
[RB.01_030,10]
Denn wenn die Gottheit nur ein kleinstes Wesen vernichten möchte, das einmal
aus ihr heraus freigestellt ward, so wäre das ein Anfang zur gänzlichen
Vernichtung aller Wesen. Wenn aber die Gottheit ihre Ordnung für ewig
unwandelbar dahin feststellt, daß kein Wesen, möge es in der Folge sich
gestalten wie es wolle, je vernichtet werden kann, so ist dadurch allen Wesen
die ewige Fortdauer gesichert. Und zugleich auch für jedes Wesen die freie
Möglichkeit, ein überglückliches werden zu können, aber auch so lange ein
unglückliches zu verbleiben, als es selbst will!
[RB.01_030,11]
So jemand einen Weinberg besitzt, in den lauter edle Reben gepflanzt sind, der
Besitzer aber dann freiwillig die edlen Reben ausrottet und an ihre Stelle
Dornen und Disteln setzt, weil ihn derlei Wildgewächse mehr freuen als der
einfache Weinstock, – sage, ist auch da die Gottheit schuld, wenn dieser dumme
Besitzer keine Weinernte macht und darob zu einem mittellosen, elenden Menschen
wird?
[RB.01_030,12]
Siehe, so ist es auch mit allen Geistern der Fall, die sich die Ordnung Gottes
nicht wollen gefallen lassen und den herrlichen Gottesweinberg in ihnen nicht
pflegen wollen! Wenn sie dann Dornen und Disteln anstatt der herrlichen Trauben
ernten, kann da wohl die Gottheit als Schöpferin solches Unheils beschuldigt
werden? Sage Mir, was du darüber denkst?“
31. Kapitel –
Roberts freudige Zustimmung. Weitere Hauptfrage: Wiegestaltet ist die wahre
Gottheit?
[RB.01_031,01]
Spricht Robert: „Höchstgeehrter Freund! Was soll ich über diese Sache noch mehr
denken, als du nun ausgesprochen hast. Alles ist klar, wohlverständlich und
zugleich unwidersprechlich wahr. Es kann wahrlich die Gottheit nicht anders
sein und handeln als so, wie du es mir dargestellt hast. Denn sonst müßte die
Gottheit aufhören, Gottheit zu sein oder es wäre wenigstens mit allen ihren
Schöpfungen ehestens völlig zu Ende.
[RB.01_031,02]
Ich sehe nun auch ein, daß ein jeder Geist, wenn er wahrhaft glückselig sein
soll, für die höchste Wonne alle Reize der Empfänglichkeit, das zarteste Gefühl
und eine feinste Empfindung und Wahrnehmung haben muß, so daß ihm auch die
subtilsten Eindrücke unmöglich entgehen können. Und so muß er als ein
lebendiger Geist mit der gleichen Empfänglichkeit auch die schlimmen Eindrücke
mit gleicher Gefühlsschärfe wahrzunehmen imstande sein. Sonst müßte er entweder
halbtot oder geistig narkotisiert sein, was sich aber mit seiner freien
Willenskraft unmöglich vertrüge!
[RB.01_031,03]
Es kann sich daher die Gottheit nur so, wie du sie mir im besten Verhältnis zu
ihren Geschöpfen dargestellt hast, als für ewig bestehend denken lassen. Darum
kann ich auch nicht weiter darüber nachdenken, weil ich mich in der
Notwendigkeit deiner Gedanken völlig zurechtgefunden habe.
[RB.01_031,04]
Nun aber kommt eine andere Hauptfrage: Wo ist denn diese Gottheit? In welcher
Region der Unendlichkeit hat sie denn für ewig ihre Wohnung aufgerichtet? Denn
irgendwo muß sie doch in aller ihrer Fülle zu Hause sein? Hat sie eine Gestalt
und welche wohl? Oder ist sie gestaltlos und ist ihr Sein ein Unendliches, –
ohne Form, damit sie eben darum der Inbegriff aller Formen sein kann? – Sieh,
Freund, da ich nun die Notwendigkeit eines obersten Gottseins klar einsehe, so
ist nun das Wo und Wie für mich von der größten Wichtigkeit!
[RB.01_031,05]
Vor allem aber muß ich bekennen, daß es mir viel lieber wäre, wenn die Gottheit
doch unter einer Form vorhanden wäre, und zwar eben in der menschlichen. Denn
eine ihrem Wesen nach unendliche Gottheit, oder eine Gottheit unter einer
unserer menschlichen ganz fremden Form könnte weder ich und ebensowenig auch
jemand anders aus allen seinen Kräften lieben.
[RB.01_031,06]
Ein Wesen, das man nie erfassen und beschauen kann, kann nie geliebt werden!
Mathematisch ist wohl die Gestalt einer vollkommenen Kugel die vollkommenste;
aber moralisch? Es nehmen sich zwar die großen himmlischen Leuchtkugeln sehr
schön aus, aber das macht das Licht. Ob man aber auch eine solche Leuchtkugel
lieben könnte? Wahrlich, auf diese Frage würde mein Gefühl offenbar verstummen!
[RB.01_031,07]
Daher, liebwertester Freund, da du in allem Ernste mit der Gottheit um vieles
näher vertraut zu sein scheinst als ich, so rücke auch einmal mit der lieben
Gottheit, und zwar mit dem Wo und Wie vollernstlich heraus!
[RB.01_031,08]
Denn von nun an brauchst du mit mir nicht mehr gar so beweisgründlich zu reden
wie bisher. Ich bin von deiner tiefsten Weisheit vollkommen überzeugt und will
dir aufs Wort glauben, was immer du mir sagen wirst. Daher bitte ich dich, daß
du mich darüber nicht im Zweifel belässest!“
32. Kapitel –
Liebe Mich, Jesus, denn in Christus wohnt die Fülle der Gottheit körperlich!
Robert bezweifelt Jesu Gottheit, will aber blind glauben.
[RB.01_032,01]
Rede Ich: „Mein liebster Freund und Bruder! Bevor die Traube am Stock nicht
völlig reif wird, soll sie nicht von ihm gelöst werden! Denn ihr Lebenssaft
würde dann einen noch saueren Wein geben, der sehr wenig Geist hätte; und hätte
er schon einen, so doch einen sehr unedlen.
[RB.01_032,02]
Siehe, du bist nun auch noch wie eine nicht vollreife Traube und bist für deine
verlangte Enthüllung noch nicht reif. Warum aber, das wird dir die jüngste
Folge zeigen! Wenn du aber reif wirst, dann wird es dir dein eigener Geist sagen,
was du nun von Mir gerade heraus haben möchtest.
[RB.01_032,03]
Wir haben nun zuvor noch ein sehr wichtiges Kapitel miteinander zu verhandeln.
Wird dieses wohl vonstatten gehen, so wirst du eher reif als du dir's
vorzustellen vermagst. Wird aber diese Verhandlung nicht nach der Ordnung
Gottes ausfallen, dann wirst du noch eine geraume Weile bis zu deiner Vollreife
vonnöten haben.
[RB.01_032,04]
Das aber sollst du dennoch im voraus wissen: Wie die Traube nur durch die Wärme
der Sonne, also kommt auch ein jeder Menschengeist durch die rechte Liebe zu
Gott zur Reife. Kannst du aber schon Gott nicht lieben, da du noch fragst, wo
und wie Er sei, so liebe doch Mich aus allen Kräften, da du doch über Mein Sein
sicher in keinem Zweifel sein kannst. Damit wirst du der erwünschten Reife
schon näher kommen. Denn die Liebe zum Nächsten ist gleich der Liebe zu Gott.
Daß Ich aber hier dein Nächster bin, daran wirst du wohl keinen Zweifel haben?
[RB.01_032,05]
Und so tue das, so wirst du dich der Gottheit sehr zu nahen anfangen. – Aber
nun gehen wir zu unserem zu verhandelnden Kapitel über!
[RB.01_032,06]
Lieber Freund, sage Mir, da dir die Briefe Pauli nicht unbekannt sind, was
dieser Lehrer wohl meinte mit den Worten: ,In Christo wohnt die Fülle der
Gottheit körperlich.‘ Meinte er wohl, daß sich in Christo, also in Mir, die
gesamte Gottheit befindet? Oder wollte er mit diesen vergötternden Worten nur
die Vortrefflichkeit des Geistes Meiner Lehre bezeichnen? Und zwar nach der
damaligen Sitte, wo man nur zu bereit war, alles Außerordentliche zu
vergöttern? Sage Mir darüber dein eigenes Urteil! Ich möchte es von dir
vernehmen!“
[RB.01_032,07]
Spricht Robert: „Ja, mein geliebter Freund, das ist eine ganz kitzlige Frage!
Denn wie möglich ließe sich hier erraten, was der gute Paulus damit eigentlich
gemeint hat! – Es wäre äußerst gewagt, festweg zu behaupten: Das und nichts
anderes hat damit dieser höchst respektable Lehrer der Heiden gemeint. Ich
finde es überhaupt für eine große Anmaßung so mancher Gelehrter, wenn sie festweg
behaupten, den wahren Geist irgendeines genialen Autors vollauf erfaßt zu
haben! Ich bin da um sehr vieles bescheidener und lasse in solchen Fällen sehr
gerne andere urteilen. Gefällt mir ihr Urteil, so pflichte ich ihnen bei.
Gefällt es mir nicht, so höre ich darüber noch andere urteilen und handle
dadurch auch nach Paulus, der da spricht: ,Prüfet alles, aber nur das Gute
behaltet!‘ – Als gut aber kann ich nur das anerkennen, was meiner innersten
Überzeugung am nächsten kommt. Hätte Paulus das erste gemeint, was auch möglich
sein kann, so hat er unmöglich das zweite meinen können, und umgekehrt! Das ist
mathematisch und logisch richtig!
[RB.01_032,08]
Aus dieser meiner Definition aber wirst du hoffentlich einsehen, daß ich dir
auf deine Frage eine genügende Antwort schuldig bleiben und von dir erwarten
muß, was du von mir haben wolltest! Sei demnach gebeten, selbst über dieses
Kapitel nach deiner Weisheit zu reden!“
[RB.01_032,09]
Rede Ich: „Diese Antwort, Freund, habe Ich erwartet. Sie mußte so
natürlich-klug ausfallen, weil du ein natürlich-kluger Mann bist. Aber von
einer übernatürlichen Klugheit ist darin noch nichts zu entdecken. Nach der
innersten, also rein geistigen Klugheit aber kann Paulus nur ein Bestimmtes
gemeint haben. Das muß sich aus der Stellung seiner Worte genau definieren
lassen, sodaß man im Verfolge dieser wichtigsten Sache nimmer im Zweifel sein
kann, ob er dies oder jenes gemeint habe; sondern daß er ganz bestimmt nur,
nehmen wir an, das erste hatte meinen müssen. Wie aber das aus der innersten,
übernatürlichen Klugheit zu entnehmen ist, kannst du freilich nicht wissen.
Denn Hegel und Strauß, Rousseau und Voltaire haben solches selbst nie begriffen.
Und du, als einer der eifrigsten Verehrer dieser Weltweisen, kannst daher auch
jene Wege unmöglich kennen, die deinen Lehrern und Führern noch unbekannter
waren als den alten Römern Amerika, Australien und Neuseeland.
[RB.01_032,10]
Hättest du als Deutscher an Stelle dieser genannten Führer lieber die deutsche
Bibel, den Swedenborg und ähnliche Weise deutscher Abstammung recht fleißig
studiert, da wüßtest du nun ganz perfekt, wie Paulus zu verstehen ist. Aber als
Hegelianer bist du davon wohl noch weit entfernt, und es wird noch ziemlich
vieles brauchen, bis du zu der innersten Klugheit gelangen wirst! Gib aber nun
acht, Ich will dir etwas sagen! Wenn du es annimmst, da sollst du dem Ziele um
ein bedeutendes nähergerückt werden.
[RB.01_032,11]
Siehe, Paulus hielt Christum, also Mich, für das höchste Gottwesen selbst,
obschon er zuvor Mein schroffster Gegner war. – Sage Mir nun, was du vom
Glauben und der Weisheit des alten Paulus hältst?“
[RB.01_032,12]
Spricht Robert: „Geliebtester Freund, auf diese Frage ist wieder äußerst schwer
eine genügende Antwort zu geben. Denn fürs erste gehörte da wohl auch eine
übernatürliche Klugheit dazu, die mir aber mangelt. Und sodann kann man ohne
nähere kritische Beweise doch nicht so ganz annehmen, daß der sonst sehr weise
Paulus im vollsten Ernste selbst geglaubt hat, was er den anderen Menschen
wollte glauben machen. Denn alle ehrenhaft alten Weisen haben samt Paulus
sicher selbst gar wohl eingesehen, auf welch lockerem Boden alle metaphysischen
und theosophischen Theorien stehen. Sie berechneten nach ihrer genauen
Menschenkenntnis, wie unglücklich in kurzer Zeit das Menschengeschlecht werden
müßte, wenn es durch höhere Aufklärung über sein vergängliches Wesen ins klare
gekommen wäre. Daher suchten sie durch Reden und Denksprüche – manchmal nach
Art des Orakels zu Delphi – die Völker zu einem gewissen mystischen Glauben
zurückzuführen, durch den wenigstens eine Hoffnung auf ein künftiges Leben sich
zuwegebringen ließe. Ob sie aber auch im Ernst selbst voll solcher Hoffnung
lebten oder gar von alledem, was sie lehrten, eine völlig wahre Überzeugung
hatten, das muß ich wohl sehr in Frage gestellt sein lassen, bis ich entweder
auf innerstem Klugheitswege oder durch eine unmittelbare Gegenüberstellung mit
den Geistern, die so etwas gelehrt haben, eines anderen belehrt werde.
[RB.01_032,13]
Ich für meine Person nehme übrigens nicht den geringsten Anstand, dich, meinen
allerliebsten Freund, so lange für einen Gott zu halten, bis ich einen andern
irgendwo finde! Sollte sich aber für ewig kein anderer Gott zeigen, so bleibst
du mein einziger Gott und Herr auch für ewig! Denn wenn es unter uns einer ist,
da bist es offenbar du! Denn an mir läßt sich trotz aller meiner Hegelschen
Weisheit auch nicht eine leiseste Spur von einer Gottheit finden. Aber um einen
Beweis, warum ich das gerne glaube und annehme, darfst du mich nicht fragen,
denn da müßte ich dir die Antwort wieder schuldig bleiben.
[RB.01_032,14]
Denn was man glaubt, das glaubt man ohne Beweis, da der Glaube an sich selbst
nichts ist als entweder eine Trägheit oder manchmal wohl auch ein gewisser
Gehorsam des Verstandes. Fordert aber ein tätigerer Verstand Beweise für das
Glaubensobjekt, und können solche dem Verstande genügend geliefert werden, so
hört der Glaube ohnehin auf, ein Glaube zu sein; denn dann wird er zur
anschaulichen Überzeugung!
[RB.01_032,15]
Diese aber kann ich mir hier von deiner Gottheit durchaus nicht verschaffen.
Daher will ich unterdessen nur glauben, daß du vorderhand ein Gott seist.
Sollte es in der Folge aber möglich werden, diesen Glauben bis zu einer
bestimmten Offenkundigkeit beweislich zu steigern, dann wird mein Glaube zur
beschaulichen Wahrheit werden. Ob aber mein Glaube leicht dahin wird
umgestaltet werden können, das gehört freilich wieder in ein anderes Kapitel!
[RB.01_032,16]
Denn sieh, ich bin ein sehr starker Thomas und verlange zuvor ganz genaue
Beweise, bis ich etwas als bestimmte Wahrheit annehme.
[RB.01_032,17]
Du hast mir wohl die Bibel und den Theosophen Swedenborg angeraten. Aber was nützt
hier ein solcher Behelf, wo man ihn nicht haben kann. Daher bleiben wir nur
beim einfachen Glauben. Und so es dir möglich ist, mache mich ein wenig dümmer,
als ich von Natur aus bin, auf daß ich im bloßen Glauben desto stärker werde.
Ich sehe schon zum voraus, daß ich dann um vieles glücklicher sein werde, als
ich es so bin!
[RB.01_032,18]
Denn ein recht blitzdummer Kerl hat in Hinsicht auf ein glücklicheres Sein viel
vor einem aufgeklärten Geiste voraus. Während dieser im Schweiße seines
Angesichtes forscht und forscht, um der großen und heiligen Wahrheit
näherzukommen und dadurch sich und viele Tausende glücklich zu machen, – da
betet der reine Glaubensmensch sein ,Pater noster‘ und legt sich dann ganz
behaglich auf seine Bärenhaut nieder und schläft wie ein Murmeltier sorglos,
süß und ruhig! Kommt dann die letzte Stunde, so macht er sich eben nicht gar zu
viel daraus. Wenn ihm nur ein Priester ob einiger gutbezahlter Messen die
Dispens von der Hölle und den Nachlaß der zeitlichen Strafen im Fegfeuer verschafft!
Sein blinder Glaube nimmt das alles für bare Münze, und er stirbt in der
zuversichtlichen Hoffnung, sogleich in den Himmel aufzufahren. Das heiße ich
doch eine glückliche Dummheit! – Und ich sage noch hinzu:
[RB.01_032,19]
Ein Narr und Esel ist der, der sich durch sein ganzes Leben mit Denken und
Forschen abgibt. Denn das vermehrt weder auf der Körperwelt und noch viel
weniger in dieser geistig dunstigen Welt sein Glück. Im Gegenteil macht es ihn
nur um so unglücklicher, je mehr er nach Licht und Wahrheit dürstet, dabei aber
stets mehr zur Einsicht gelangt, daß die irgendwo seiende Gottheit zur Stillung
dieses Durstes nirgends eine erquickende Quelle erschaffen hat.
[RB.01_032,20]
Also will ich nun diesen Weg ganz verlassen und mich dafür in die weichen Arme
des stumpfen und trägen Glaubens werfen. Vielleicht komme ich da eher zu etwas,
das man mit Recht ein wahres Glück des menschlichen Wesens nennen kann?
[RB.01_032,21]
Wie glücklich ist z.B. so ein Stiftsprälat! Er denkt nichts, er erfindet nichts;
sondern er lebt bloß seines echt römisch-katholischen Glaubens in der süßen
Ordnung seines epikuräisch-stoischen Ordensstifters und läßt sich täglich seine
ausgesuchten Mahlzeiten wohl schmecken. Wahrlich, siehe Freund, das ist ein
glückliches Leben! Und solch ein Leben gibt der blindeste und stupideste
Glaube?!
[RB.01_032,22]
Daher will ich nun auch rein nur ganz ohne Gedanken mich dem Glauben in die
Hände werfen. Vielleicht werde ich dadurch glücklicher werden!? – Ich glaube
daher nun an deine Gottheit! Sage mir, tue ich recht und wohl damit? O rede du,
mein geliebter Freund!“
33. Kapitel –
Vom wahren und falschen Glauben. Gefahren und Folgen des stumpfen Wohllebens.
[RB.01_033,01]
Rede Ich: „Höre, mein liebster Freund! Zwischen dem, was du Glauben nennst und
was der rechte Glaube ist, waltet ein endloser Unterschied! Dein Glaube ist
eine barste Trägheit des Verstandes, während der wahre Glaube alle Leibes-,
Seelen- und Geisteskräfte in den vollsten Tätigkeitsanspruch nimmt. Dein Glaube
ist ein Froschglaube. Denn wie ein Frosch sich mit jeder noch so schlechten
Pfütze begnügt, so auch ein solcher Stumpfgläubiger mit allem Unflat. Er weiß
am Ende nicht zu unterscheiden, was da Himmlisches oder Höllisches ist in der
Lehre, der er stumpfgläubig blinde Folge leistet.
[RB.01_033,02]
Wie kannst du einen Prälaten darum als glücklich bezeichnen, wenn er durch
seinen Stumpfglauben unter dein Protektorate Roms in seinem Stift auf Kosten
der Dummheit seiner Untertanen sich mästet und wohl geschehen läßt? Ist denn
das irdisch glückliche Leben auch ein glückliches in dieser Welt der Geister? O
mitnichten, sage Ich dir!
[RB.01_033,03]
Je mehr jemand auf der Welt seinem Fleische als des Geistes Kerker gedient hat,
je mehr er dasselbe pflegte und nährte, und je mehr er diesem Kerker willigst
gewährte, darnach es ihn gelüstete, – desto mehr und fester hat er sich auch
mit demselben verbunden!
[RB.01_033,04]
Wenn es dann aber zur endlichen Ablösung von diesem Kerker kommen wird: wie
hart, wie schwer und schmerzlich wird diese sein! Wird man nicht wie bei einer
schlechten Geburt, wo die Leibesfrucht mit der Gebärmutter an mehreren Stellen
förmlich verwachsen ist, die Seele und den Geist auch mit aller Gewalt förmlich
stückweise dem zu sehr gemästeten Fleischkerker entreißen müssen, um diese
ineinander verwachsenen Wesenheiten notwendig trennen zu können? Wird solch
eine Operation dem Fleische, der Seele und dem Geist wohl ein angenehmes Gefühl
verursachen? O siehe, das setzt schon zuerst eine Marter ab, die mit keiner
rein irdischen zu vergleichen ist, die ich nur zu gut kenne! Da aber diese
bittere Folge auf solch ein irdisch glückliches Leben fast allzeit bestimmt zu
erwarten ist, sage – kann man solch ein Leben ein wahrhaft glückliches nennen?
[RB.01_033,05]
Glaube es Mir, sorglose und egoistische Fettwänste, sowie alle die durch ihr
eigenes Fleisch gerichteten Unzüchtler und Hurer werden sich vollauf zu
verwundern haben, welch merkwürdige Schmerzen ihnen der Leibestod bereiten
wird!
[RB.01_033,06]
Mit diesen Schmerzen nimmt das eigentliche ,Glück‘ eines Stumpfgläubigen erst
so recht seinen Anfang! Kommt ein solch ,glückliches‘ Wesen dann aber wie ganz
zerrissen und zerstochen in dieser Geister-Welt an, wo die Empfindsamkeit für
jeden Eindruck bis ins Ungemessene gesteigert sein muß, weil die früher durch
den groben Leib geschützte Seele hier ganz bloßgestellt ist, da fängt dann erst
das eigentliche Schmerzglück an, das dein Stumpfglaube bereitet!
[RB.01_033,07]
Wenn du aber ein solches ,Glück‘ im Ernst willst, so tue, wodurch du glücklich
zu werden wähnst. Ich stehe dir dafür, daß du nur zu bald ganz anders denken
und urteilen wirst!
[RB.01_033,08]
Ich Selbst aber habe gelehrt: ,Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel
vollkommen ist!‘ Und Paulus verlangte, daß man alles genau prüfen solle und das
Gute daraus behalten. Sage, wurde dadurch ein Stumpfglaube geboten, der kein
Glaube ist? Oder ein wahrer, lebendiger Glaube, der über alles Wissen
himmelhoch erhaben ist! Urteile nun selbst, ob das, was du Glauben nennst, wohl
Glaube ist! Dann erst werde Ich dir genau erläutern, was eigentlich wahrhaft
glauben heißt! Rede nun, es ist die Reihe wieder an dir!“
34. Kapitel –
Roberts Begriffe vom Glauben und der rechten Gottesverehrung.
[RB.01_034,01]
Spricht Robert: „Freund, du machst mich wahrhaftig ganz dumm! Höre einmal, wenn
das nicht Glauben heißt, was ich für Glauben halte, da kannst du mir gleich den
Kopf vom Rumpfe reißen. Ich werde es dennoch nicht zu sagen imstande sein, was
man denn eigentlich für Wahrglauben halten soll.
[RB.01_034,02]
Das reine Wissen kann doch kein Glaube sein! Das Schauen und Vernehmen und gar
das Betasten noch weniger? Außer dem Wissen und dem truglosen Wahrnehmen durch
unsere Sinne kenne ich aber weiter nichts, das der Mensch in sein Erkenntnis-
und Urteilsvermögen aufnehmen könnte. Und wenn das Wissen, wie das Schauen,
Hören, Schmecken und Fühlen, Glauben heißt, was ist denn hernach das, was ich
bisher Glauben nannte?
[RB.01_034,03]
Glauben heißt bei mir etwas für wahr halten, das an sich auch wahr sein kann,
sofern es nicht mit den Gesetzen der reinen Vernunft im Widerspruche steht,
wenn die Lehrsätze auch nicht wie ein mathematischer Grundsatz bewiesen werden
können. – Können sie aber einmal das, so hat es dann notwendig mit dem Glauben
ein Ende, – so wie die Hoffnung als Tochter des Glaubens eben da ihr Ende
erreichen muß, wo man das Erhoffte endlich in Wirklichkeit erreicht hat!
[RB.01_034,04]
Ich kann mir unter Glauben demnach nichts anderes vorstellen als eine willige
Annahme von Lehrsätzen und geschichtlichen Daten so lange, bis sie für den
Verstand erwiesen werden können. Soll das nicht Glauben heißen, da möchte ich
doch wissen, was sonst noch Glauben sein soll.
[RB.01_034,05]
Du hast wohl zu deinen Jüngern einige Male von der Wunderkraft des Glaubens
gesprochen. Weißt du, wo du vom Bergeversetzen etwas sagtest, – das sie aber
wahrscheinlich um kein Haar besser verstanden als ich! Du müßtest sonach nur
diesen fabelhaften Glauben meinen? Da freilich wäre mein Glaube alles eher als
ein solcher. Denn vor meinem Glauben wäre nicht einmal ein kleinstes
Sandkörnchen, geschweige ein Berg gewichen!
[RB.01_034,06]
Ja, hör' einmal, Freundchen! Wenn ich solch eines Glaubens auf der Erde hätte
teilhaftig werden können, da wäre es dem guten Windischgrätz verzweifelt
schlecht ergangen. Nun, den hätte ich ganz kurios versetzt! Ach, bloß mit dem
Glauben Berge versetzen können, das ist ein großer und schöner Gedanke! Aber
leider nur ein Gedanke!
[RB.01_034,07]
Den Lehrsatz Pauli, alles zu prüfen und daraus das Beste anzunehmen, habe ich
wohl allezeit mir zum Leitsatz gewählt. Und die große Idee, Gott ähnlich zu
werden (wenn schon unmöglich je so vollkommen wie er selbst es ist), war die
mächtigste Triebfeder zu all meinen Mühen. Aber was habe ich dadurch erreicht?
Mein diesmaliger Zustand gibt dir von selbst die Antwort.
[RB.01_034,08]
Und du scheinst auch noch keine Sonne unter deinen Füßen zu haben. Ich meine
damit: dein Wunderglaube hat weder dir noch mir bisher goldene Berge getragen!
Aber wer weiß es, was da noch nachkommen kann.
[RB.01_034,09]
So ich es z.B. ganz willig annehme, daß du der Sohn des lebendigen Gottes bist,
oder gar das höchste Wesen selbst (vorausgesetzt, daß du solch eine Annahme von
mir verlangst) –, so glaube ich das nur. Denn ich kann mir keinen Beweis
verschaffen, daß du das auch wirklich bist. Und so glaube ich es bloß darum,
weil meine Vernunft darin wenigstens keine logische Unmöglichkeit findet. Und
das hauptsächlich durch deine triftigsten Erläuterungen, daß die Gottheit ganz
unbeirrt in all ihrem allmächtigen Tun als wirkliche Gottheit verbleiben kann,
wenn sie auch ihren Geschöpfen gegenüber eine beschauliche Form annimmt. Aber
wenn ich etwa doch tastbare Beweise bekäme, daß du wirklich das bist, was ich
nun bloß glaube, so hört ja doch der Glaube auf und an seine Stelle tritt dann
ein helles Erfahrungswissen.
[RB.01_034,10]
Freilich könntest du wohl nun sagen: ,Siehe, alle wahrhaft Gläubigen beugen
ihre Knie bei der Nennung meines Namens und beten mich an. Wenn du aber sagst,
du glaubst, daß ich die Gottheit selbst bin: warum tust du denn nicht, was da
alle wahrhaft Gläubigen tun?‘
[RB.01_034,11]
Dieser Einwurf ist allerdings sehr beachtenswert. Aber ich halte diese der
Gottheit geziemenden Ehrfurchtsbezeugungen für eine Art Verstandesschwäche. Was
dem Verstande mangelt, das ersetzt dann die gewisse fanatische
Glaubensbegründung.
[RB.01_034,12]
So du auch wirklich die Gottheit selbst wärest, müßtest du das doch auch ganz
ähnlich ansehen, ansonst du eine ehrsüchtige und überaus schwache Gottheit
wärst, die eher auszulachen als anzubeten wäre! Aber ich weiß, daß dich solche
Schwächen nie geplagt haben, solltest du schon Gott oder auch nicht Gott sein.
Daher liege ich auch noch nicht auf meinen Knien vor dir. Ich weiß nur zu gut,
daß dich ein solcher Akt menschlicher Verstandesschwäche nur ärgern müßte.
[RB.01_034,13]
Daher täte ich das sogar auch dann nicht, wenn ich die Überzeugung bekäme, daß
du wirklich Gott bist. Denn ich kann durchaus nicht annehmen, daß eine weiseste
Gottheit anbetungssüchtig sein könnte. Eine solche Frommkriecherei, wenn sie
mir erwiesen würde, müßte sogar schon mir als einem nur ein wenig fortgeschrittenen
Denker sinnlos und in hohem Grade dumm vorkommen.
[RB.01_034,14]
Ich halte eine gewissenhafte Haltung der Gesetze Gottes für die rechte und der
Gottheit allein wohlgefällige Anbetung. Denn das verlangt die ewige Ordnung der
Gottheit selbst, ohne die kein Wesen denkbar wäre. Aber alles darüber hinaus
gehört in das Reich des blindesten Heidentums!
[RB.01_034,15]
Ich habe deine Lehre über die Schändlichkeit der langen jüdischen Lippengebete
oft bewundert und hoch gepriesen. Wogegen ich das Paulinische ,Betet ohne Rast‘
für die größte Eselei ansehen mußte, – vorausgesetzt, daß Paulus unter Gebet
nur ein andächtiges Lippengemurmel verstanden hat, was man von einem sonst so
weisen Mann doch wohl kaum annehmen kann.
[RB.01_034,16]
Ich glaube demnach nun, daß du Gott seiest. Oder wenigstens ein wahrer Sohn
Gottes: ein Prädikat, das du selbst allen Menschen zusagtest, die Gottes Gebote
halten und Ihn dadurch über alles lieben. – Ich bin auch fest entschlossen,
alles zu tun, was du von mir weise verlangst. Aber wenn du von mir Kniebeugung
und ein rosenkranzartiges Gebet verlangen möchtest, da sei im voraus
versichert, daß ich so etwas nie tun würde! Und das darum, weil ich darin nur
eine Verletzung, nie aber eine Verehrung deines mir über alles teuren Namens finden
müßte! – Sage mir nun wieder gütigst, ob du mit dieser Erklärung zufrieden bist
oder nicht.“
35. Kapitel –
Doppeltes Erkenntnisvermögen des Menschen. Nur das Licht des Geistes verschafft
wahren Glauben. Übung und Sittenreinheit.
[RB.01_035,01]
Rede Ich: „Mein Freund, solange der Mensch bloß aus seinem Verstande heraus
Definitionen macht, kann er vom Glauben und vom Gebet auch keine andere Meinung
haben, als du sie Mir sehr unumwunden kundgegeben hast. Denn des Menschen
Kopfverstand hat keinen andern Weg, als den der materiellen Anschauung und
sinnlichen Betastung. Ein geistig lebensvoller Glaube aber kann in einem
sinnlichen Gemüt ebensowenig Wurzeln fassen, wie ein Weizenkorn auf einem
Granitfelsen. Wohl hat es da eine feste Unterlage; aber weil der harte Fels
keine Feuchtigkeit hat, die das Weizenkorn auflöst und den Keim frei macht, so
bleibt das Korn auf dem harten Felsen eine Zeitlang was es war. Mit der Zeit
jedoch stirbt es dann gänzlich ab, weil es keine Nahrung hat. Was nützt dir all
dein Wissen und deines Verstandes Gehorsam, den du Glauben nennst, so dein
Geist keinen Anteil daran nimmt?
[RB.01_035,02]
Siehe, jeder Mensch hat ein doppeltes Erkenntnisvermögen: ein äußeres, das ist
der Kopf- oder eigentliche äußere Seelenverstand. Mit diesem Erkenntnisvermögen
läßt sich nie das göttliche Wesen erfassen und begreifen, weil es der Seele
gerade nur darum gegeben ward, um den Geist in ihr von der Gottheit vorderhand
zu trennen und ihm diese auf eine Zeitlang verborgen zu machen. Will nun eine
Seele mit diesem alleinigen negativen Vermögen Gott suchen und finden, entfernt
sie sich stets desto weiter vom Ziele, je hartnäckiger sie auf diesem Wege
dasselbe verfolgt.
[RB.01_035,03]
Aber die Seele hat noch ein anderes Vermögen, das nicht in ihrem Kopfe, sondern
in ihrem Herzen wohnt. Dieses Vermögen heißt inneres Gemüt und besteht aus
einem ganz eigenen Willen, aus der Liebe und aus einer diesen beiden
Gemütselementen entsprechenden Vorstellungskraft. Hat diese einmal den Begriff
vom Dasein Gottes in sich aufgenommen, so wird er dann sogleich von der Liebe
umfaßt und durch ihren Willen festgehalten, – welches Festhalten dann erst
,glauben‘ heißt.
[RB.01_035,04]
Durch diesen Glauben, der lebendig ist, wird der wahre Geist erweckt. Der
beschaut dann seinen Erwecker, erkennt und ergreift ihn sogleich, richtet sich
darnach auf wie ein mächtig Licht aus Gott und durchdringt dann die Seele und
umwandelt in ihr alles ins Licht. Und dieses Licht ist dann der eigentliche
Glaube, durch den jede Seele selig werden kann.
[RB.01_035,05]
Hast du je von diesem allein wahren Glauben etwas vernommen? Du sprichst in
dir: Nein, diese Art des Glaubens ist mir völlig fremd; denn ein Denken im
Herzen kommt mir völlig unmöglich vor! – Ja, so ist es auch! Es muß dir diese
Sache unmöglich vorkommen.
[RB.01_035,06]
Um im Herzen denken zu können, muß man eine eigene Übung haben; diese besteht
in der stets erneuerten Erweckung der Liebe zu Gott. Durch diese Erweckung wird
das Herz gestärkt und erweitert, wodurch dann des Geistes Bande lockerer
werden, so daß sein Licht (denn jeder Geist ist ein Licht aus Gott) sich stets
mehr und freier entwickeln kann. Fängt dann des Geistes Licht an, die
eigentliche Lebenskammer des Herzens zu erhellen, so werden auch die zahllosen
Urtypen in rein-geistigen Formen an den ebenfalls zahllosen Wänden des
Lebenskämmerleins stets deutlicher ausgeprägt und der Seele beschaulich
gemacht. Und siehe, diese Beschauung der Seele in ihrem Herzen ist dann ein
neues Denken. Die Seele gelangt da zu neuen Begriffen und zu großen und klaren
Vorstellungen. Ihr Sehkreis erweitert sich mit jedem Pulsschlag. Die Steine des
Anstoßes verschwinden nach dem Maße, wie der Kopfverstand verstummt. Da ist
dann kein Fragen nach Beweisen mehr. Denn das Licht des Geistes erleuchtet die inneren
Formen also, daß sie nach keiner Seite hin einen Schatten werfen. Somit wird
auch alles, was einem Zweifel nur wie im leisesten Hauche ähnlich wäre, für
ewig verbannt.
[RB.01_035,07]
Und so ist denn auch ein Glaube, der sogestaltig im Herzen und nicht im Kopfe
seinen Sitz hat, ein wahrer und lebendiger Glaube zu nennen: wahr, weil er dem
untrüglichen Licht des Geistes entstammt, und lebendig, weil im Menschen nur
der Geist im wahrsten Sinne lebendig ist!
[RB.01_035,08]
In diesem Glauben aber liegt dann auch jene außerordentliche Kraft, von der in
den Evangelien zweimal die Rede ist.
[RB.01_035,09]
Um aber zu diesem alleinseligmachenden Glauben zu gelangen, muß man bei
vorerwähnter Übung aufs ernsteste bestrebt sein, darin sobald als möglich eine
rechte Fertigkeit zu erlangen. Denn wenn der Mensch zu sehr und zu lange nur
für die Ausbildung des Kopfverstandes und durch diesen nur für irdische Zwecke
und Wohlfahrten gesorgt hat, da muß es einem solchen Menschen völlig unmöglich
vorkommen, auch im Herzen denken zu können.
[RB.01_035,10]
Ferner muß man sich auch der Sittenreinheit zu erfreuen vollen Grund haben. Man
darf kein Schwelger und hauptsächlich kein fleischlicher Unzüchtler sein. Denn
Unzucht und Hurerei tötet entweder beinahe ganz den Geist, oder, wenn sie schon
den Geist nicht zu töten vermag, so verhindert sie doch für alle Zeiten die
freie Entwicklung seines Lichtes. Woher es denn auch kommt, daß solche
Unzüchtler, besonders in vorgerückten Jahren ganz stumpfsinnig werden und ihrem
matten Leben nur dann noch ein heiteres Augenblickchen abgewinnen, so sie ein
wenig geschwelgt und irgendeine Maid angegafft und betastet haben.
[RB.01_035,11]
War solches bei dir etwa gar nicht der Fall in der späteren Zeit, da du doch
das weibliche Geschlecht ohnehin als nur zum alleinigen Lustzweck bestimmt
ansahst. Fandest du nicht auch in solchen unlautersten Genüssen die eigentliche
irdische Glückseligkeit? Und wenn du nun zu einer rein geistigen Seligkeit
übergehen sollst, da gibt es in dir nun beinahe keinen Grund, auf dem man etwas
bauen könnte. Denn siehe, rings um dich herum ist alles leer, so leer wie in
deinem Herzen und ebenso wesenlos wie in deines Herzens Lebenskammern.
[RB.01_035,12]
Sage, woher werden wir nun Stoff nehmen, um in dir einen ganz neuen Menschen
aufzubauen? Rede nun wieder und schaffe Rat!“
36. Kapitel –
Roberts Unmut über die Erinnerung an irdische Schwächen. Er wünscht andere
Gespräche.
[RB.01_036,01]
Spricht Robert: „Wertester Freund! Ich merke, du wirst ein wenig anzüglich und
mitunter auch etwas beleidigend! Es ist das wohl so eine Eigenschaft, die nahe
allen Lehrern anklebt, mögen sie groß oder klein sein. Denn alle durch die Bank
sind bei gewisser Gelegenheit etwas grob und deuten ihren Zöglingen manchmal so
ganz leise an, daß diese dem Geschlechte jener geduldigen Tiere angehören, die
mit den großen Weltweisen hinsichtlich der Sanftmut und Geduld so manches
Ähnliche haben sollen! Nach Blut lechzen diese Tiere niemals, wohl aber nach
Heu und Stroh. Diese magere Kost soll freilich zur Bildung des Gehirnes nur
einen geringen Beitrag leisten. Daher auch sollen diese Tiere durchwegs im Kopf
verdammt wenig jenes breiartigen weißlichen Stoffes besitzen, an dem der Kopf
des Sokrates einen überschwenglichen Reichtum gehabt haben soll.
[RB.01_036,02]
Du hast mir nicht gar zu schwer verständlich angedeutet, wie es da um mich her
sowie in mir gewisserart so leer ist wie etwa im Haupte des Vierfüßlers, der
seinen Lebensäther aus Heu und Stroh bezieht. Da kann ich wirklich nicht umhin,
für die Folge zu bitten, daß du mir, wenn ich schon durchaus ein Esel bin, das
ohne vorhergehende Umschreibung glattweg heraussagst! Denn so du in mir im
Ernste nichts findest, das zu einem weiteren Ausbau meiner Erkenntnisse taugt,
wenn in mir kein anderer Stoff vorhanden ist als wie etwa im Haupt eines Esels,
– so sage es heraus, und ich werde mich darob gar nicht kränken. Denn wo nichts
ist, da ist einmal nichts!
[RB.01_036,03]
Ich sehe es wohl ein, daß der von dir erläuterte innere Glaube in mir nie zu
Hause war. Aber was kann denn ich dafür, so mir bis jetzt das Wesen des wahren
Glaubens von niemandem erläutert wurde? Wäre da an Stelle Hegels jemand
aufgetreten und hätte mir nach deiner Art Belehrungen gegeben, da wäre auch ich
sicher kein Hegelianer geworden, sondern stünde gleich einem Paulus vor dir.
[RB.01_036,04]
Aber da dies nicht der Fall war und meines Wissens wohl niemandem je der
Gedanke kam, daß der Mensch auch im Herzen, ja vielleicht gar auch in den Knien
und Fersen soll denken können, – so mußte ich ja dort meine Gedanken fassen,
wohin sie in mir die liebe Mutter Natur beschieden hatte. – Auf der Welt dachte
ich im Kopfe so: Jedes Glied und jeder Bestandteil des menschlichen Wesens hat
seine eigene Bestimmung und zweckdienliche Verrichtung. Die Füße können die
Hände nicht ersetzen, der Hintere nicht den Kopf, der Inhalt des Magens nicht
den des Kopfes, das Ohr nicht den Dienst des Auges und das Herz nicht den der
Zunge. Daher dachte ich denn auch nur im Kopfe und ließ dabei ganz unbeirrt dem
Herzen seine Verrichtung. So ich aber darum leer hierhergekommen bin, kann ich
etwas dafür?
[RB.01_036,05]
Wenn du nun aber von mir Dinge verlangst, deren ich auf der Welt niemals
teilhaftig wurde, so bist du offenbar trotz aller deiner Weisheit um tausend
Male blöder als ich und wirst mir für die Folge wenig oder nichts nützen
können!
[RB.01_036,06]
Es ist auch läppisch von dir, mir hier meine irdische, wahrlich nur seltene
Schwelgerei und Venusdienerei vorzurupfen und sie zugleich als Grund
anzuführen, warum ich mich hier so leer vor dir befinde. Wenn solche Genüsse,
die in die Natur des Menschen gelegt sind wie der Keim in das Samenkorn, vor
dir eine Sünde sind: warum sind sie dann in den Menschen gelegt worden?
[RB.01_036,07]
Man sagt doch von einem Löwen, daß er kein Mückenfänger ist. So du aber nicht
nur einer der größten Weisen bist, sondern sogar die allmächtige Gottheit
selbst – wie du mir im Verlauf unseres Beisammenseins schon einige Male nicht
undeutlich hast zu verstehen gegeben –, da ist es mir unbegreiflich, wie du
solcher Kleinigkeiten gedenken magst. Dinge, die ich als Mensch, selbst so ich
mich auf Augenblicke in ihrem leidigen Genusse befand, kaum eines näheren
Denkens würdigte!
[RB.01_036,08]
Der Mensch ist seinem Leibe nach ein Tier und hat daher leider auch tierische
Bedürfnisse, deren Befriedigung ihm die leidige Natur mit eiserner Hand
diktiert. Findet er in sich einen unwiderstehlichen Drang, gegen den alle
geistigen Vorstellungen nichts ausrichten, so ist es ja des Geistes
unerläßliche Pflicht, das Fleisch seinen Notdrang befriedigen zu lassen, um
sich dann in der eigenen geistigen Sphäre wieder freier bewegen zu können.
[RB.01_036,09]
Wenn der Geist also dem Muß in seinem Fleische, und zwar in dessen
Drangperioden, nachkommt: wenn er den Kot und Harn durch die Kanäle von sich
treibt, wenn er Speise und Trank zu sich nimmt, wie sie dem Fleische schmecken,
wenn er ferner den lästigen Geschlechtstrieb, so dieser sein Opfer verlangt,
auch nach Möglichkeit befriedigt, um darnach wieder einige Stunden Ruhe vor ihm
zu haben, – sage, kann das wohl je als eine Sünde deklariert werden? Und ganz
besonders hier, wo wir beide hoffentlich für ewig von solchen groben
Naturtrieben verschont bleiben. Denn ohne Fleisch werden wir im Dienste des
Fleisches wohl sicher ein verdammt schlechtes Geschäft machen?
[RB.01_036,10]
Reden wir daher von etwas anderem und lassen all die vergangenen Naturfetzen
sein, was sie sind! Reden wir z.B. einmal etwas vom gestirnten Himmel! Das wird
mich mehr erbauen als die Aufwärmung meiner weiland Naturfetzerei!
[RB.01_036,11]
Schau, du mein höchst wertester Freund und Gott und alles, was du mir gegenüber
nur immer sein willst: Ich kann mich zwar über mein gegenwärtiges Befinden gar
nicht beklagen. Ich bin weder durstig noch hungrig; mein ganzes Wesen plagt
kein Schmerz und an deiner Gesellschaft habe ich für die Ewigkeit genug. Aber,
wenn wir zu unseren gegenseitigen Debatten nur ein etwas besseres Plätzchen
ausfindig machen könnten, so wäre das wirklich nicht übel! Denn hier sieht es
wohl etwas zu luftig, ja man könnte sogar sagen, nach gar nichts aus! Außer
diesen Berglein, auf denen wir nun schon eine geraume Zeit beisammenstehen, ist
nirgends etwas von irgendeiner Wesenheit zu entdecken. Könnten wir nur irgendwo
ein Rasenplätzchen mit etwa einem schlichten Landhüttchen entdecken und in
Besitz nehmen, so könnten wir unsere äußerst interessanten Debatten mit viel
mehr Stimmung durchführen!
[RB.01_036,12]
Besonders interessant wären da Worte von großer Bedeutung über die Sonnen und
verschiedenen anderen Weltkörper! Aber nur nichts mehr von den gottlob weiland
irdischen Lebensverhältnissen! Denn diese könnten mich mit größtem Widerwillen
erfüllen, so, daß ich am Ende sogar mit dir über gar nichts mehr zu reden
imstande wäre! Wäre es dir sonach möglich, für uns beide ein solches Plätzchen
ausfindig zu machen, da sei von mir über alle Maßen gebeten, dafür deine Sorge
und Weisheit in gehörige Tätigkeit zu setzen!“
37. Kapitel –
Die Seelengefahr des Lobes. Selbst Engelsfürsten brauchen Demut zum
Geistesfortschritt. Bekenne demütig deine Schuld – zu deinem Heil!
[RB.01_037,01]
Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder! Das wird sich nun nicht tun lassen.
Hier in der Welt der Geister kann nur das in die wesenhafte Erscheinlichkeit
treten, was eine Menschenseele in ihrem Herzen mit herüberbringt. Ist das Herz
aber geistig ganz leer wie leider bei dir, – trotzdem du dagegen protestierst
–, so kann daraus auch nicht das kleinste Rasenplätzchen zum Vorschein kommen.
[RB.01_037,02]
Du sprachst auch, daß Ich dir lieber etwas vom gestirnten Himmel kundtun soll,
als dir deine irdischen Fehler vorzurupfen. Das glaube ich dir gerne. Einer
jeden Seele ist es schon vom Urbeginne ihres Seins lieber, so sie gelobt, als
so sie, wenn auch begründet, getadelt wird.
[RB.01_037,03]
Aber glaube Mir, jedes auch verdiente Lob ist Gift für die Seele und daher auch
schädlich für den Geist. Wäre Ich dir feind, dann würde Ich dich loben, um dich
dadurch zu verderben. Da Ich dir aber sicher ein größter Freund bin, so muß Ich
schon darum offen mit dir reden. Denn ein schändlicher Schmeichler ist jedem
ein gefährlicher Feind, weil er unter der Maske der Freundschaft gewöhnlich nur
einen reißenden Wolf birgt. Ich sage dir, du kannst dir nichts Ärgeres antun,
als so du dich selbst lobst und Freude an deiner eigenen Vortrefflichkeit hast.
Denn dadurch versetzt du dir selbst einen Todesstoß in dein eigenes Herz.
[RB.01_037,04]
Ich habe darum auch allen Meinen Jüngern streng aufgetragen, sich sogar dann
nicht loben zu lassen, wenn sie auch alles getan haben, was immer Gott von
ihnen haben will. Auch da sollen sie stets ganz ernstlich behaupten, daß sie
nichts als unnütze Knechte waren.
[RB.01_037,05]
Warum aber forderte Ich solches von den Jüngern? Weil Ich allein es nur zu klar
sehe, was die Seele tun muß, um sich selbst durch die Freimachung ihres Geistes
wahrhaft frei zu machen. Es gibt in der ganzen Unendlichkeit nur ein einziges
wirksames Mittel zur Erreichung dieses Zweckes und dieses heißt die Demut des
Herzens – im ganzen Umfang ihrer Bedeutung!
[RB.01_037,06]
Die rechte, vollkommene Demut aber, allein der Seele wahrhaft nützlich,
schließt selbst das schwächste und bescheidenste Selbstlob aus – weil dadurch
die Selbstliebe, die eine Abwendung von der Gottheit ist, eine Nahrung bekommt,
– eine Nahrung zum Verderben des Geistes, welches ist ein rechter Tod der
Seele.
[RB.01_037,07]
Wenn Ich dich nun auch noch loben möchte, obschon alle deine irdischen
Handlungen im Grunde nur Meinen gerechten Tadel verdienen; und fürs zweite in
dir noch dazu eine große Gier nach Lob vorhanden ist, aus der heraus du Mich
wenigstens dahin bringen möchtest, daß Ich deine Weisheit anerkenne und vor der
Schärfe deines Verstandes einen massiven Respekt bekomme – was würde da aus dir
werden?
[RB.01_037,08]
Aber gesetzt den Fall, daß es möglich wäre, solches an Mir zu bewirken: was
käme dann für dich heraus? Nichts anderes, als daß Ich von dir als Besiegter
weichen müßte, weil Mich deine größere Stärke unterjochte. Was aber in der
Geisterwelt so viel sagen will, als seinen Gegner verschlingen und so aus der
Erscheinlichkeit treten machen. Die Folge davon wäre, daß du wieder ganz allein
dastehen würdest und es dann wohl äußerst schwer sein würde, daß du je wieder
zu einer Gesellschaft kämst. Denn wenn Ich jemanden verlassen würde, der wäre
dann auch für ewig verlassen, und der wahre Tod müßte der ewige Anteil seiner
Seele sein.
[RB.01_037,09]
Aber es ist so etwas wohl rein unmöglich. Selbst der größte Weise aus allen
Sternen muß sich vor Meiner Weisheit beugen bis zur innersten Faser seines
Lebens. Und das ist heilsam sogar für den tiefsinnigsten Engelsgeist. Denn auch
die größten Engel müssen demütig sein, so sie ganz selig sein wollen, obschon
ihr Weisheitsglanz jede Sonne zum finsteren Klumpen umstalten müßte, so diese
in seines Lichtes Sphäre käme.
[RB.01_037,10]
Um wieviel notwendiger ist dir sonach eine rechte Demütigung, der du noch ganz
leer bist von allem, was dich wenigstens mit dem Schimmer eines reellen Seins
erfüllen möchte. – Beurteile daher künftig alles, was Ich dir vorhalte, genauer
und werde darob nicht erbost, sondern – bekenne deine Schuld vor Mir und
demütige dich, so wirst du in Augenblicken weiter kommen als sonst in
Jahrtausenden!
[RB.01_037,11]
Bedenke das wohl und sage Mir genau, was du tun wirst. Ich werde Mich von nun
an darnach richten.“
38. Kapitel –
Roberts Rückschau auf seine Erdenschicksale. „Züchtige mich – aber verlasse
mich nicht!“
[RB.01_038,01]
Spricht Robert: „Freund, deine Worte sind wohl voll Ernstes. Du scheinst es mit
mir ganz ernstlich nehmen zu wollen, wofür ich dir nur aus allen Lebenskräften
dankbar sein muß. Aber wie du mich als noch viel zu wenig gedemütigt ansehen
kannst, ist mir völlig unbegreiflich! Bin ich denn, schon von meiner elenden
Geburt an, nicht durch alle möglichen widrigsten Erfahrungen ohnehin bis aufs
letzte gedemütigt worden?
[RB.01_038,02]
Als ich mich trotz aller Hemmnisse mit der Zeit aus meinem angeborenen Staub
ein wenig zusammenraffte, da brachen Unruhen in meinem Staat aus. Sieh, ich
dämpfte sie durch meinen redlichen Willen und Verstand, ohne mich dann dafür
vom Staat erhöhen zu lassen. Als darauf ganz Europa rebellisch ward, da wurde
ich als ein Deputierter meines Staates nach Frankfurt gesandt und vertrat dort
meinen Staat nach meiner möglichst besten Kenntnis, geleitet von einem mir
bewußten guten Willen. Wahrlich, es war nie im entferntesten Sinne meine
Absicht, jemandem zu schaden, sondern allein nur zu nützen, freilich nur in der
Art, wie ich es für die Völker nach meiner damaligen Überzeugung für nützlich
erachtete. Ob es ihnen wirklich zum Nutzen geworden wäre, wenn meine Projekte
sich verwirklicht hätten – das ist eine andere Frage. Aber damals konnte ich
unmöglich anders handeln, als ich es mit meinem Wissen und Gewissen für gut und
recht fand. Und ich meine, daß eine jede Rede und Handlung aus redlichem Gemüt
vor Gott und aller Welt als recht anerkannt wird. Denn ich glaube, daß auch
Gott nur auf den Willen und nicht auf den Erfolg sieht, der ohnehin allzeit in
der Hand der göttlichen Macht liegt.
[RB.01_038,03]
Als in Österreich die wütendsten Unruhen ausbrachen, da dachte ich daran, wie
es mir in meinem Staate gelungen war, einen Volksaufstand gegenüber dem König
zu dämpfen. Und dachte darnach, daß mir so etwas auch in Österreich gelingen
dürfte! So faßte ich den Entschluß dahin zu eilen.
[RB.01_038,04]
Dort aber fand ich die Sachen bei weitem anders stehen. Das Volk war bedrückt
und klagte laut über die Wortbrüchigkeit seines Regenten. Die schwärzeste und
geldsüchtigste Reaktion war allen Dynasten und Aristokraten, Kaufleuten und
Gold- und Silberjuden von der Nase abzulesen. Das arme Volk wurde nur Luder und
Canaille gescholten. Und jeder, der dem armen, geistig und körperlich
bedrückten Volk mit Gut und Blut, Rat und Tat helfen wollte, wurde als ein
Volksaufwiegler und Meuterer aufgegriffen und ohne Pardon ums irdische Leben
gebracht, – ,welche Ehre‘ auch mir allerschnödest widerfuhr. Wenn man als ein
sonst achtbarer und angesehener Mann wie ein gemeinster Verbrecher auf den
Richtplatz hinausgeschleppt und dort wie eine gemeine Bestie erschossen wird,
so glaube ich doch, damit für jede Ehre, die einem je irgendwo zuteil wurde,
zur Genüge gedemütigt worden zu sein?
[RB.01_038,05]
Oder ist dir das auch noch zu wenig Demut? Soll ich wohl noch mehr gedemütigt
werden? Ich finde besonders in dieser meiner Lage, daß so etwas völlig
unmöglich ist. Denn elender zu sein, als ich es nun bin, wird wohl kaum
irgendwo einem Wesen beschieden sein!
[RB.01_038,06]
Nichts habe ich als dich, meinen allergeliebtesten Freund, ganz allein. Du bist
mir alles: mein Trost, mein größter Reichtum, meine einzige Entschädigung für
alle meine irdischen Leiden und Demütigungen! Aber du, statt mich zu trösten,
erweckst durch deine weisheitsvollen Reden in mir auch noch eine Menge neuer,
qualvoller Bedenklichkeiten, die mein großes Elend nur vermehren, nie aber
verringern können. O sieh, geliebter Freund, das ist etwas hart von dir!
[RB.01_038,07]
Es mag wohl sein, daß du mit mir die besten Absichten hast. Und so es mir
möglich ist, das zu tun, was du mir rätst, so kann das auch leicht mein größtes
Glück sein. Aber nur das einzige bedenke dabei: daß ich ein elendestes und über
alles unglückliches Wesen bin, das von allem, was das Gemüt aufrichten könnte,
völlig blank und leer ist – so wirst du deine sonst weisesten Lehren wenigstens
so stellen, daß sie mich nicht zu sehr beängstigen vermögen!
[RB.01_038,08]
Ich will mich fürderhin nicht mehr auch nur mit dem schwächsten Gedanken loben.
Alle meine Handlungen sollen für ewig mit dem Stempel der Schlechtheit und
Verächtlichkeit gebrandmarkt bleiben. Gerne will ich vor dir, so du es verlangst,
das letzte und wertloseste Wesen der ganzen Unendlichkeit sein.
[RB.01_038,09]
Aber nur verlasse du mich nicht! Und mache mich dadurch nicht gar zu elend.
Drohe mir nicht mehr mit deiner Entfernung, sondern stärke mich mit der
Versicherung, daß du mich ewig nie verlassen werdest, dann gebe ich dir die
getreueste Versicherung, daß ich alles tun werde, was du nur immer von mir
verlangst!
[RB.01_038,10]
Habe ich auf der Welt wie immer gesündigt, so züchtige mich dafür und demütige
mich, so tief es nur immer möglich ist. Ich werde trotzdem nie aufhören, dich
zu lieben. Aber nur vom Verlassen rede nichts mehr! Denn das wäre das
Schrecklichste, was du mir nur immer antun könntest!“
39. Kapitel –
Gute Wendung bei Robert. Texterklärung über den Täufer Johannes. In Robert
bricht der Tag des ewigen Erkenntnislichtes an.
[RB.01_039,01]
Rede Ich: „Nun, Mein liebster Freund und Bruder, das werde Ich auch nicht tun!
Wir bleiben schon beisammen. Aber freilich in der Art wie nun könnte sich's für
künftige Dauer wohl nicht leicht verwirklichen lassen, denn damit würde dir
wenig geholfen sein.
[RB.01_039,02]
Aber Ich entdecke nun im Ernst eine gute Wendung in dir und kann dir daher
versichern, daß es mit dir ehestens besser gehen wird. Nur mußt du das, was Ich
dir nun eröffnen werde, genau nach Meiner Vorschrift erfassen und darnach
handeln mit deinem Herzen, so wirst du sogleich heller zu sehen anfangen. Und
es werden dir Dinge, über deren Wesenheit du noch sehr im dunkeln bist, ganz
klar und hell werden.
[RB.01_039,03]
Siehe, in den Evangelien, da von Johannes dem Täufer die Rede ist, heißt es
unter anderem: Ich bin nur die Stimme eines Rufers in der Wüste und bereite den
Weg des Herrn. Nicht würdig bin ich, Dem die Schuhriemen aufzulösen, der nach
mir kommt. Ich taufe nur mit Wasser, Er aber wird taufen mit dem Geist der
Wahrheit, mit dem Geist Gottes zum ewigen Leben! Dieser mein erhabenster
Nachfolger wird wachsen unter euch und in euch; ich, Johannes, aber werde
abnehmen! – Was meinst du wohl, was dieser größte aller Propheten damit hat
sagen wollen?“
[RB.01_039,04]
Spricht Robert: „Ja, du mein bester Freund! Wenn ich das verstünde, wäre ich
wahrlich nie auf diesen traurigen Punkt zu stehen gekommen, auf dem ich nun
weile.
[RB.01_039,05]
Diese von mir nie verstandenen Texte waren ja am meisten Schuld, daß ich an
deiner Gottheit zu zweifeln begann – was denn auch ein Hauptgrund war, daß ich
ein Neukatholik wurde.
[RB.01_039,06]
Daher erkläre mir doch diese höchst mystisch klingenden Texte! Denn von selbst
würde ich die eigentliche Bedeutung dieser wie manch anderer Texte nimmer
herausbringen.“
[RB.01_039,07]
Rede Ich: „Nun, so höre denn! Johannes der Täufer ist im Leibe der Kirche das,
was da bei jeglichem Menschen der äußere Weltverstand ist. Und eines jeden
Menschen Verstand sollte so beschaffen sein wie der des Johannes. So wie
Johannes vor Mir den Weg bereitet hat, ebenso soll auch ein rechter äußerer
Verstand den Weg zum Verstand des Herzens anbahnen – welcher Herzensverstand
gleich ist Mir Selbst. Denn Ich Selbst nehme diesen Herzens-Verstand aus Meinem
Geiste und lege ihn wie ein guter Sämann in das Erdreich des Herzens ein, das
da ist die rechte Liebe, die durch die Demut und Sanftmut bestens gedüngt wird.
[RB.01_039,08]
Johannes ist eine Rufer-Stimme in der Wüste, und das muß auch ein rechter
äußerer Verstand sein. Denn die Welt, aus welcher der Verstand seine ersten
Begriffe schöpft, ist eine Wüste. Das darum, weil sonst kein Mensch von der
Gottheit völlig abgelöst und freigestellt werden könnte. Und so ist der äußere
Verstand, der zum Teil aus dieser Wüste, zum Teil aber durch mittel- oder
unmittelbare Offenbarungen aus den Himmeln seine Begriffe, Ideen und Urteile
schöpft, eben durch die Aufnahme der geoffenbarten Wahrheiten auch die ,Stimme
eines Rufers in der Wüste‘ und bereitet durch den Glauben die Wege zum
Verständnis des Herzens.
[RB.01_039,09]
Dieser rechte äußere Verstand tauft sonach die Seele mit dem Wasser der Demut
und des willigen Gehorsams. Der Verstand des Herzens aber, in dem der ewige
Geist aus Gott wohnt, muß durch die Erweckung dieses Geistes notwendig mit eben
diesem Geiste taufen, weil Geist aus Gott das wahre Licht, die vollste
Wahrheit, die Liebe und somit das ewige Leben selbst ist.
[RB.01_039,10]
Es versteht sich demnach von selbst, daß der äußere Verstand notwendig
abnehmen, ja endlich sogar gefangengenommen und enthauptet werden muß, so der
wahre Herzensverstand, der Mich Selbst darstellt, in einem jeden Menschen
zunimmt und zum herrlichsten Baum des ewigen Lebens wächst, in dem vollkommenste
Erkenntnis ist. Daß demnach der äußere Verstand wahrlich nicht wert ist, dem
Verstande des Herzens die Schuhriemen zu lösen – das wird doch ebenso klar
sein, wie daß das Licht einer Nachtlampe bei weitem unbedeutender ist als das
Licht der Sonne am hellsten Mittag.
[RB.01_039,11]
Ich will nun nichts mehr von deinen irdischen Taten erwähnen, ob sie recht
waren oder nicht recht waren. Denn sie flossen alle aus deinem äußersten
Verstand, in dem die Stimme des Rufers gar nicht durchdringen konnte, weil das zu
große Geräusch der Wüste – die ,johanneslose‘ Welt – den eigentlichen Johannes,
das ist Meine geoffenbarte Lehre übertäuben mußte. Denn so durch eine Wüste
große Orkane toben und Donner rollen, da geht des Rufers Stimme wohl nur zu
leicht unter. Das Gericht und der Tod hält dann ungestört sein Erntefest.
[RB.01_039,12]
Aber Ich komme dann auch dorthin, um zu retten, was noch zu retten ist. Nur
freilich nicht so wie auf einem vom Johannes bereiteten Wege, sondern wie ein
Blitz, der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet, wie es eben bei dir nun der
Fall ist. Wer da das Licht dieses Blitzes annimmt, der wird gerettet. Wer aber
dieses Licht nicht annimmt, der geht zugrunde; d.h. er begibt sich auf einen
Weg, auf dem es sehr schwer wird, das ihm von Gott gestellte Ziel zu erlangen.
[RB.01_039,13]
Du aber hast das Licht des Blitzes wohl ergriffen. Daher kam auch der Retter
Selbst zu dir und führt dich nun des rechten Weges. Aber du mußt nun dem Retter
willig folgen und Ihm durch deinen äußeren Verstand keine Hemmnisse in den Weg
legen, sonst verzögerst du selbst die Erreichung des Zieles.
[RB.01_039,14]
Was wirst du nun tun auf Meine Erläuterung jener Texte, die dir nach deinem
Geständnis Den verbargen, den du am klarsten hättest erkennen sollen?“
[RB.01_039,15]
Spricht Robert nachdenklich: „O Freund! Ja endlos mehr als nur ein Freund! Nun
erst fängt es in mir auf einmal an gewaltig zu tagen!! – O Herr, Herr! Wie
kannst Du bei mir verweilen? Denn ich bin ja ein Sünder!
[RB.01_039,16]
Was hielt wohl meine Augen gebunden, daß ich Dich nicht erkannte? Wohl sagte
mir meine starke Liebe zu Dir, daß Du mehr sein mußt, als wofür Dich mein
elender Verstand hielt. Aber ein Teufel oder sonst wer schob mir stets eine
Decke vor die Augen. Aber nun erkenne ich die endlose Kluft zwischen mir und
Dir! Nun kann ich nichts anderes sagen als: O Du mein großer Herr und Gott! Sei
gnädig und barmherzig mir ärmstem, törichtstem Sünder vor Dir!!“
40. Kapitel –
Neues Leben aus dem göttlichen Geiste beginnt. Ankündigung einer neuen Freiheitsprobe
auf höherer Erkenntnisstufe.
[RB.01_040,01]
Rede Ich: „Liebster Bruder und Freund! Ich sage dir: Deine Sünden sind dir
vergeben, weil du dich so gedemütigt hast, daß du den Wert deines
Außenverstandes gänzlich hintangabst und dafür den Verstand des Herzens
annahmst. Daher soll auch von nun an von allen deinen irdischen Gebrechen ewig
keine Rede mehr sein!
[RB.01_040,02]
Du hast nun angefangen, eine ganz neue Lebensepoche zu beginnen, in der du eine
nochmalige Freiheitsprobe durchmachen mußt. Darin wird dir die Gelegenheit
geboten, deinen alten irdischen Menschen ganz auszuziehen und dafür den inneren
aus Mir vollends auftauchen zu machen.
[RB.01_040,03]
Bis jetzt warst du ganz gesellschaftslos und hattest auch keinen Grund und
Boden, auf den du deine Füße hättest stellen mögen. Der magere Boden hier
entspricht genau jenen von dir angenommenen Lehrsätzen, die du als Neukatholik
Meinem Evangelium entnommen hast. Und Ich Selbst kam dir gerade so entgegen,
wie du Mich auf der Erde mit Hilfe deines Verstandes in deinem Gemüt
ausgebildet hast: nämlich als ein bloß nur sehr weiser Lehrer der Vorzeit. So
aber konnte Ich wohl nicht verbleiben, sondern mußte dich durch allerlei Lehre
dahin leiten, daß du Mich endlich aus dir selbst als das erkennen mußtest, was
Ich von Ewigkeit her bin und auch ewig sein werde!
[RB.01_040,04]
Aber diese Erkenntnis allein genügt noch bei weitem nicht. Sondern du mußt, um
das wahre Himmelreich zu erlangen, diese Erkenntnis auch mit der wahren Liebe
zum Nächsten und daraus mit aller Liebe zu Mir beleben!
[RB.01_040,05]
Daher werde Ich dich nun an einen Ort bringen, wo es dir an Gesellschaft
verschiedener Art durchaus nicht fehlen wird. Du sollst einen ansehnlichen
Grund mit einem großen und wohleingerichteten Wohnhaus bekommen, und das an
einer Hauptstraße in einer sehr anmutigen Gegend. Auch für eine zahlreiche
Dienerschaft wird gesorgt sein, die dir auf den leisesten Wink gehorchen wird.
[RB.01_040,06]
Viele Reisende von der Erde in diese geistige Welt werden an deiner Wohnung
vorüberziehen und bei dir vorsprechen. Darunter werden sein Freunde und Feinde.
Aber da sieh darauf, daß du sie alle mit der rechten Liebe empfängst und ihnen
reichst, dessen sie bedürfen, weil sie alle Meine Kinder und somit auch deine
Brüder sind. So wirst du alles das vielfach wieder gutmachen, was du auf der
Erde – freilich nicht mit deinem Willen, sondern nur mit deinem geistigen
Unverstande – verdorben hast. Ich Selbst werde dann wieder zu dir kommen und
werde dir sagen: Weil du bei dieser kleinen Haushaltung gut gewirtschaftet
hast, sollst du nun über Großes gesetzt werden!
[RB.01_040,07]
Vor allem aber nimm dich in acht vor Zorn, Rache, wie auch vor unreiner Liebe,
wozu es dir an Gelegenheiten nicht fehlen wird. Dann wird deine neue
Lebensaufgabe ehestens gelöset sein und dein wahres, ewiges Lebensglück wird
von da an erst seinen hellsten Anfang nehmen!
[RB.01_040,08]
Hüte dich auch vor der Neugierde! Denn diese macht keinen Geist besser und
heller, sondern gar zu leicht nur schlechter und finsterer. Wo deine Kräfte
nicht auslangen sollten, da opfere solches allemal Mir auf, und es soll dir
dann bald eine rechte Hilfe werden.
[RB.01_040,09]
Nun weißt du alles. Daher sage Mir nun, wie du mit Meinem Antrag zufrieden
bist? Worauf wir uns dann auch sogleich an dem bestimmten Ort befinden werden!“
41. Kapitel –
Robert: „Dein Wille sei mein Leben!“ Der Herr: „Liebe um Liebe!“
[RB.01_041,01]
Spricht Robert: „O Herr, Du meine nun ewig ganz alleinige Liebe! Alles ist mir
ja unaussprechlich recht, was immer Du mit mir armem Sünder verfügen willst.
Ich kann alles nur als Deine unermeßliche Gnade und Erbarmung ansehen! Was wohl
bin ich vor Dir? Was ist der Staub gegen Den, der den endlosen Raum mit
alleiniger Macht ausgespannt und mit den zahllosen Wunderwerken Seiner ewigen
Liebe und Weisheit erfüllt hat! Dein heiliger Wille ist mein Leben! Wie sollte
mir da etwas unrecht sein, das Du mit mir bestimmst? O Herr! Dein Name werde
geheiligt und Dein Wille sei mein Leben!
[RB.01_041,02]
Was ich nur immer vermag, werde ich mit freudigstem Herzen tun! Denn Du, mein
Gott und meine alleinige Liebe, hast es mir ja selbst geboten. Und wie sollte
mir das nicht über alles heilig und in meiner Liebe zu Dir angenehm sein?
[RB.01_041,03]
Nur, daß Du mich wieder sichtbar verlassen willst, das wird mich freilich
schmerzlich berühren. Aber es ist ja auch Dein heiliger Wille. Und dieser wird
Dich mir wiedergeben, wenn mein Herz Deiner einmal würdiger sein wird als
jetzt, wo es vor Deiner Heiligkeit nahe vergehen könnte aus gerechter Schande!
Wie konnte es so lange gar so unbegreiflich blind und stumpf sein, Dich nicht
auf den ersten Blick zu erkennen und Dir sogar widerspenstig zu begegnen!
[RB.01_041,04] O
Herr! Mein großer Unsinn lähmt mir nun die allzeit dumme Zunge, daß ich nahezu
unvermögend bin, noch länger Dir gegenüber, o Du Heiligster, Rede zu stehen.
Daher geschehe sobald als möglich Dein Wille!“
[RB.01_041,05]
Rede Ich: „Nun, nun, Mein geliebter Bruder –!“
[RB.01_041,06]
Bittet Robert dazwischen: „O Herr! Nenne mich ,Staub‘ und ,Nichts‘ vor Dir,
aber nicht ,Bruder‘! Denn wie sollte das Nichts Dir ein Bruder sein?“
[RB.01_041,07]
Rede Ich: „Ich weiß wohl am besten, ob und wie du Mir auch ein rechter Bruder
bist. Daher mache dir nun nicht so viel daraus! Ich ersehe soeben etwas in
deinem Herzen, das sich nun plötzlich gestaltet hat! Und so werden wir Beide
bei deiner nächsten Lebensfreiheitsprobe nicht so ferne voneinander abstehen,
als du es dir vorstellst. Denn so jemand mit solcher Liebe aufzublühen anfängt,
wie da nun die deinige sich plötzlich zu gestalten beginnt, dessen Weg wird
fürderhin mit sehr wenig Steinen zum Anstoße belegt sein.
[RB.01_041,08]
Schau, du Mein lieber Robert, deine Sünden sind alle hinweg. Und Ich liebe dich
ja ganz unbeschreiblich, weil auch du Mich nun gar so zu lieben anfängst! Wie
sollte Ich dich demnach verlassen können? – O nein! Fürchte dich nicht!
[RB.01_041,09]
Da du Mich so sehr liebst, so werde Ich dich nicht verlassen, sondern werde mit
dir in dein Wohnhaus einziehen und mit dir arbeiten! Und so will Ich dir auch
vieles erlassen, was du sonst noch notwendig zu bestehen hättest. Denn wer viel
Liebe hat, dem wird auch viel vergeben werden!
[RB.01_041,10]
Du wirst zwar alles durchmachen, was Ich dir ehedem zugesagt habe – aber an
Meiner Seite! Sage Mir nun, Mein geliebter Bruder, ob Dir dieser Antrag lieber
ist als der frühere?“
42. Kapitel –
Ein wahrer Bruder. Gleichnis vom Scheibenschießen. Die Liebe zum Herrn bestimmt
alles.
[RB.01_042,01]
„O Herr“, spricht Robert nach einer Weile, „wenn Du mich Sünder vor Dir nur
doch nicht ,Bruder‘ nennen möchtest! Denn solch einer ungeheueren Gnade bin ich
ja doch ewig nicht wert!“
[RB.01_042,02]
Sage Ich: „Laß das nur gut sein! Es lebt ja nun Mein Ebenmaß in dir. Durch
deine Liebe zu Mir bist du ja in Mir, wie Ich in dir, und so sind wir eins in
der Liebe. Und siehe, diese Einheit ist ein rechter Bruder. Sind wir auch ein
jeder vollkommen für sich, so beirrt das dennoch die engste Verbrüderung nicht,
die da ist eine rechte Einung durch die Liebe. Denn es gibt nur eine wahre
Liebe und ein wahres Gute; und diese sind gleich und somit eins in allen Engeln
und anderen seligen Geistern und vollkommen gleich Meiner Liebe und dem Guten
aus ihr. Und siehe, diese völlige Gleichheit heißt wahrhaft ein ,Bruder‘!
[RB.01_042,03]
Und so bist du Mir – zufolge deiner nun wahren Liebe zu Mir – auch ein wahrer
Bruder. So, wie Ich einst auf der Erde alle, die Mir werktätig nachfolgten,
Brüder nannte; nicht etwa aus einer Art freundlicher Höflichkeit, sondern aus
vollster Wahrheit heraus. Also mache dir nun künftig nichts mehr daraus, so Ich
dich Bruder nenne; denn nun weißt du auch warum!
[RB.01_042,04]
Nun aber sage Mir, ob dir dieser zweite Antrag lieber ist als der erste?“
[RB.01_042,05]
Spricht Robert: „O Herr! Du überguter, heiliger Vater aller Menschen und Engel,
da ist ja gar nichts mehr zu sagen, jeder Vergleich fällt da von selbst hinweg.
Denn was Du bestimmst, ist immer das Allerbeste, weil Du als die endloseste
Güte es so bestimmt hast. Daß mir aber der zweite Antrag offenbar lieber sein
muß als der erste, das versteht sich ganz von selbst. Denn Dich, liebevollster
Vater, wenn auch nur der Erscheinlichkeit nach zu missen, wird doch sicher
keinem Wesen, das Dich so unbeschreiblich liebt wie ich, ebenso angenehm sein,
als so es Dich als sein Alles auch persönlich sichtbar an seiner Seite hat!
[RB.01_042,06]
Aber da Du so endlos barmherzig bist, bitte ich Dich aus der Tiefe meines
Herzens auch, Du möchtest mir gnädigst anzeigen, was ich wohl tun soll, damit
ich Deiner Liebe wenigstens um ein Haar würdiger wäre als leider bis jetzt!
[RB.01_042,07]
Rede Ich: „Geliebter Bruder! Du hast auf der Erde wohl zu öfteren Malen ein
Spiel gesehen unter dem Namen ,Scheiben- oder Bestschießen‘? Du sprichst in
dir: ,O ja, hab' öfter selbst mitgeschossen und sogar manchmal ein Bestes
gewonnen!‘ – Gut, da sage Mir: wie und durch welches Verdienst hast du dir wohl
das Beste erworben? Es mußten ja doch alle, die sich durch die Schüsse ums
Beste bewarben, ein gleiches Leggeld geben und dennoch gewannst du das Beste!
[RB.01_042,08]
Du sprichst nun in dir: ,Weil ich das Zentrum der Scheibe glücklicherweise
getroffen habe! Es hatte der Bestgeber dadurch freilich wohl im Grunde keinen
Nutzen, aber er hatte dennoch eine große Freude mit mir, da ich einen
Zentralschuß gemacht habe.‘
[RB.01_042,09]
Rede Ich weiter zu Robert: „Siehe, so geht es auch bei Mir! Ich bin ein ewiger
Bestgeber allen Meinen Geschöpfen und besonders den aus ihnen hervorgehenden
Kindern. Die Schießscheibe ist Mein Vaterherz, die Schützen sind Meine Kinder.
Ihre Schießgewehre sind ihre eigenen Herzen, und das Beste bin wieder Ich
Selbst und das vollkommenste ewige Leben mit und aus Mir!
[RB.01_042,10]
Welches Verdienst haben demnach die Kinder sich zu erwerben, um das von Mir für
sie bestimmte Beste zu gewinnen? Siehe, nichts anderes, als recht scharf ihre
Herzen zu laden und damit auf das Zentrum Meines Herzens zu schießen. Und so
sie es treffen, haben sie auch schon das Beste in der Tasche ihres Lebens. Und
bei Mir geht es umso leichter, weil Ich gar keine Einsätze brauche, da Ich
jedem ein vollkommenes Freischießen gewähre.
[RB.01_042,11]
Wie du aber auf der Erde manchmal ein Hauptschütze warst, so ist es dir auch
hier gelungen, das Zentrum Meines Herzens mit dem deinen zu treffen. Und so
hast du auch schon alles, was Ich von dir verlange, nämlich die wahre Liebe.
Diese allein macht dich Meiner Gegenliebe würdig, da sie vor Mir allein als ein
wahres Verdienst anerkannt wird. – Was sollen da noch irgend andere Verdienste
um Meine Gnade vonnöten sein? Denn so Ich mit dir zufrieden bin, so möchte Ich
denn doch wissen, wie du da noch etwas Weiteres und Meiner Würdigeres tun
solltest?
[RB.01_042,12]
Wie du aber Meine Liebe in dir auch anderen deiner verschiedenartigen Mitbrüder
wirst mitzuteilen haben, das wirst du durch deine künftige Stellung dir erst zu
eigen machen müssen, was dir aber auch zu keinem höheren Verdienst angerechnet
wird. Denn die größere Vervollkommnung deines Wesens wird dir nur zuteil, damit
du selbst wirst desto seliger werden können – also lediglich nur ein Vorteil
für dich! – Aber von einem Meiner Gnade würdiger werden kann keine Rede mehr
sein, da du unmöglich mehr tun kannst, als Mich über alles lieben, – was Ich
von dir wie von jedem andern allein verlange.
[RB.01_042,13]
Sei also ganz unbesorgt wegen der größeren Verdienste, deren Ich ewig nicht
benötige. Und habe nun acht, was jetzt vor deinen Augen vor sich gehen wird!
[RB.01_042,14]
Siehe, wir sind nun noch auf unserer dürftigsten kleinen Welt beisammen und du
erschaust noch nichts außer dieser Welt, die uns einen kärglichen Standpunkt
bietet. Du hast gemeint, diese Welt sei so ein kleiner, angehender Komet, aus
dem sich etwa nach Trillionen von Erdenjahren allenfalls ein Planet bilden
könnte. Er entstehe etwa zufolge der Anziehungskraft Meines Wesens, durch die
sich Atome aus dem endlosen Äther um Mich her ansammeln. – Allein, dem ist
nicht also:
[RB.01_042,15]
Diese kleine, sehr nackte und dürftige Welt ist aus dir und entspricht völlig
deinem bisherigen inneren Zustand, in und auf dem freilich Ich das Allerbeste
bin. So wie diese Welt, und wie du Mich auf ihr zuerst erschautest – war dein
Inneres beschaffen: der Grund klein und schwach, und Ich auf diesem Grunde nur
als ein purer Mensch!
[RB.01_042,16]
Nun aber, als dein Herz Mich erkannte und in aller Liebe zu Mir entbrannte,
wird aus dieser kleinen und sehr dürftigen Welt sogleich eine größere, festere
und reichere hervorgehen.
[RB.01_042,17]
Ich halte nur noch die innere Blende in dir, daß sich das starke Licht deines
Geistes noch nicht in die Seele ergießen kann. Aber so Ich nun in dir diese
Blende zerreißen werde wie einst den Vorhang des Tempels, wodurch das
Allerheiligste freigegeben wurde – so wirst du sogleich eine ganz andere Welt
erschauen und dich über alles verwundern! Und so gib nun recht acht!“
43. Kapitel –
Roberts neue, herrliche Welt. Worte staunenden Dankes und innigster Liebe. –
„Diese Welt ist aus dir!“ Gleichnis der Kinderzeugung.
[RB.01_043,01]
Robert schaut nun voll größter Aufmerksamkeit um sich, um irgendwo eine bessere
und größere Welt zu erblicken. Dennoch will sich keine so schnell zeigen, als
er sie auf Meine Worte hin erwartet. Er strengt seine Augen an und schaut nach
aufwärts, ob nicht aus den Himmeln nach seiner Idee die verheißene neue,
bessere Welt niedersteigen möchte? Aber es kommt auch von da nichts.
[RB.01_043,02]
Nach einer Weile vergeblicher Erwartung wendet Robert sich wieder an Mich:
„Erhabenster, ewiger Meister und Schöpfer der Unendlichkeit, Du liebevollster
Vater! – Siehe, ich schaue mir fast die Augen aus und es kommt doch noch keine
andere Welt zum Vorschein. Es wird höchst wahrscheinlich bei mir wohl noch
irgendeinen Haken haben. Aber wo, das bringe ich nicht heraus. Daher möchte ich
Dich bitten, mir diesen Grund zu zeigen!
[RB.01_043,03] O
Herr, so es Dir wohlgefällig wäre, ziehe mir endlich einmal die Decke von den
Augen!“
[RB.01_043,04]
Rede Ich: „Nun, Bruder, Ich sage dir: Tue dich auf! – Was sagst du nun? Woher
kam diese Gegend? Und wie gefällt sie dir?“
[RB.01_043,05]
Robert, vor Freuden sich kaum fassend, blickt nach allen Seiten über alle Maßen
erstaunt um sich. Denn er ersieht nun in größter Klarheit herrlichste Fluren um
sich herum. Auch die schönsten und kühnsten Gebirgsgruppen begrenzen den
weitgedehnten Gesichtskreis. Mitten aus den herrlichen Fluren ragen auch
kleine, hellgrüne Hügel empor, an deren Füßen niedliche Wohnhäuser sich Roberts
staunendem Auge darbieten. In der Nähe steht ein großes Gebäude, um das ein
üppiger, frucht- und blütenreicher Garten sich breitet. Über diese herrliche
Gegend wölbt sich ein reinster hellblauer Himmel, an dem zwar noch keine Sonne
zu erschauen ist, dafür aber desto mehr der schönsten Sterngruppen, von deren
Sternen der kleinste heller glänzt als auf der Erde die Venus in ihrem
stärksten Lichte. Daher wird auch diese Gegend durch das Licht dieser vielen
tausend Sterne beinahe heller erleuchtet als die Erde von der Mittagssonne.
[RB.01_043,06]
Robert kann sich kaum satt sehen an dieser zauberhaft schönen Gegend. Nach
einer Weile des Schauens und Staunens fällt er vor Mir auf seine Knie nieder,
starrt Mich eine Weile liebetrunken an und preßt dann förmlich aus seiner Brust
folgende Worte.
[RB.01_043,07]
„O Gott, o Vater! Du allmächtigster Schöpfer nie geahnter Wunderwerke! Wie soll
denn ich reinstes Nichts Dich zu preisen anfangen und wo enden mit dem ewigen
Lob? Ach, wie groß muß Deine Weisheit und Macht sein, daß Du mit dem leisesten
Wink solch eine Schöpfung zuwege bringen kannst?
[RB.01_043,08]
Und doch stehst Du bei mir da wie ein gewöhnlicher Mensch! Ja, das macht Dich
noch endlos größer, liebens- und anbetungswürdiger, daß Du äußerlich nicht mehr
zu sein scheinst als wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Aber so Du sprichst und
gebietest, entströmen Deinem Munde zahllose Welten, Sonnen, Engel und Myriaden
anderer Wesen von nie geahnter Wunderpracht und Herrlichkeit!
[RB.01_043,09] O
Herr! Wer kann Dich je fassen und wer begreifen Deine Liebe, Weisheit und
Allmacht? – O mein Gott, ich bin wohl nur ein ärmster Sünder und kann nichts
als Dich lieben und wieder lieben! Du herrlichster Jesus, wer auf der Erde
begreift es, daß gerade Du und sonst ewig kein anderes Wesen das allerhöchste,
urewige Gottwesen Selbst bist!
[RB.01_043,10]
Und Du bist hier bei mir, als einem, den die Welt gerichtet hat! O Du Liebe der
Liebe! O Herr, o Vater, o Gott! Und Du nennst mich, den von der Welt
Verfluchten – einen Bruder! Nein! Du bist zu groß und Deine Liebe ist zu
furchtbar groß! O schaffe in mir Kräfte, daß ich Dich für Deine Güte und
Herablassung lieben kann mit der Glut aller Sonnen, die der endlose Raum faßt!“
[RB.01_043,11]
Rede Ich: „Mein liebster Bruder! Es erfreut Mein Herz gar sehr, daß du Mich in
deinem Herzen so preisest, weil Ich dir nun die Decke von deinen Augen nahm und
du wieder eine Gegend schaust, die herrlicher ist als die schönste auf Erden
und heller als ein reinster Mittag des gelobten Landes!
[RB.01_043,12]
Mit Recht lobst du Meine Liebe, Weisheit, Macht und Tatengröße. Denn wahrlich,
ob du Mich auch lobtest mit der Zunge aller Engel, so würdest du dennoch ewig
nicht den kleinsten Teil Meiner göttlichen Größe und Vollkommenheit geziemend
zu preisen imstande sein!
[RB.01_043,13]
Daß du Mich aber aus allen deinen Kräften liebst, ist Mir das angenehmste Lob!
Denn nur durch die alleinige Liebe bin Ich als Vater für jene Geschöpfe, die
Meine Kinder sind, erreichbar; durch die Weisheit aber ewig nicht. Denn die
Weisheit aller Meiner ohne Zahl und Ende vorhandenen Engel und Geister ist
gegen Meine ewige Weisheit kaum das, was da ist ein Tautröpfchen gegen das
ewige Äthermeer, das den unendlichen Raum erfüllt.
[RB.01_043,14]
Da du aber aus deiner Liebe heraus Mich lobst, so ist auch dein Lob gerecht,
obschon hier gerade nicht nötig. Denn alles das, was du nun siehst, ist
eigentlich dein Werk. Es ist freilich auch Mein Werk, da du selbst Mein Werk
bist. Aber sonderheitlich ist das alles dein Werk, wie auf der Erde dein Werk
war, was du gemacht hast.
[RB.01_043,15]
Wohl fragst du nun in dir: ,Herr, wie ist das möglich? Wenn das mein Werk wäre,
da müßte ich selbst denn doch in mir irgendein Bewußtsein haben, wie ich es
angefangen habe, solche Herrlichkeiten und Größen zu erschaffen? Aber ich habe
auch nicht die leiseste Ahnung davon!‘
[RB.01_043,16]
Das ist wohl vorderhand wahr, aber es tut das nichts. Zeugtest du doch auf der
Erde auch Kinder, von denen jedes ein endlos größeres Wunderwerk ist als alles,
was du hier siehst. Wußtest du wohl darum, daß du durch die ganz einfache und
stumme Zeugung solche dir noch völlig unbegreiflichen Wunderdinge
bewerkstelligtest, und wie und nach welchem vorgefaßten Plan?
[RB.01_043,17]
Und doch warst du es und nicht Ich, der du mit deinem Weibe solche Wunder
zeugtest. Freilich bin Ich auch da wieder der Grund-Urheber und der alleinige
Plan- und Ordnungsteller und habe die Sache so eingerichtet, daß durch den Akt
der Zeugung ein Mensch werden muß. Aber trotzdem muß auch der willkürliche Akt
der Zeugung von seiten der Menschen hinzukommen, so ein neuer Mensch gestaltet
werden soll.
[RB.01_043,18]
Darum staune nicht zu sehr, wenn Ich zu dir sage: Siehe, das alles ist dein
eigenes Werk, daher ist auch alles dein, was du hier anschaust! Es wird schon
noch eine geistige Zeit kommen, in der du das einsehen wirst. – Nun aber zu
etwas anderem!“
44. Kapitel –
Roberts Aufgabe im neuen Heim. Erste Gesellschaft – die im Kampfe gefallenen
politischen Freunde. Roberts Belehrung an die Gäste.
[RB.01_044,01]
Rede Ich weiter: „Du siehst hier in nächster Nähe ein großes und herrliches
Wohngebäude. Siehe, das wirst du nun bewohnen. Und Ich werde allemale bei dir
sein und dir helfen, so oft du Mich nur immer in deinem Herzen rufen wirst; was
aber so viel sagen will als: Ich bleibe stets bei dir!
[RB.01_044,02]
Du wirst auch keineswegs allein sein, wenn Ich Mich auch auf Augenblicke
sichtlich von dir entfernen werde. Denn du wirst in diesem Hause eine weit
größere Gesellschaft finden, als du sie je irgendwo finden möchtest. Auch ist
diese ganze Gegend vollauf bewohnt, so weit nur immer deine Augen reichen.
Daher braucht es dir von nun an um Gesellschaft auch nimmer bange zu sein.
[RB.01_044,03]
Aber Ich sage dir, daß diese Gesellschaften zumeist sehr radikaler Art sind. Es
wird daher eine Hauptaufgabe von dir sein, alle diese Radikalen auf den
gleichen Weg zu bringen, auf den nun Ich dich gebracht habe. Wird dir dieses
Werk gelingen, so wirst du noch ganz andere Wunderdinge zu entdecken anfangen,
als du sie nun bis jetzt an Meiner Seite gefunden hast. Denn eben dadurch wirst
du erst recht in deine eigene Schatz- und Wunderkammer eingehen, in der sich
dir Dinge offenbaren werden, von denen dir bisher noch nie etwas geträumt hat!
[RB.01_044,04]
Vor allem aber mußt du beachten, daß du Mich an gar keinen aller derer, die dir
hier bald entgegenkommen werden, verrätst! Denn sie alle kennen Mich nicht, da
es mit ihrem Glauben noch mangelhafter aussieht, als es mit dem deinen der Fall
war. So du Mich ihnen vor der Zeit verrietest, so würdest du ihnen dadurch viel
mehr schaden als nützen, daher sei da vorsichtig!
[RB.01_044,05]
Nun aber folge Mir durch den Garten! An der Flur des Hauses wird uns eine große
Gesellschaft empfangen.“
[RB.01_044,06]
Ich gehe nun voran und Robert folgt Mir in der größten Liebe, Ehrfurcht und
Demut nach.
[RB.01_044,07]
Als wir durch den Garten vor eine herrlich geformte Hausflur gelangen, da
strömen aus derselben Massen von Menschen beiderlei Geschlechts und schreien
laut: „Vivat hoch! Hoch lebe unser verehrtester Robert Blum, der größte
Völkerfreund Europas! Ein Hoch dir, du erster und größter Deutscher des 19.
Jahrhunderts! Tausend Male willkommen, du unser größter Freund und mutvollster
Anführer gegen die Feinde der Freiheit der Menschen! Komm in deiner Brüder
Mitte! Wie lange harrten wir hier schon deiner, aber du wolltest nicht vorkommen,
obschon wir gar wohl wissen, daß du vielen von uns vorangegangen bist. Wie sehr
drängt uns die höchste Begierde, dein und unser Blut an jenen hochmütigen
Barbaren zu rächen, die aus der pursten Herrschsucht uns haben gemeinen Hunden
gleich erschießen lassen! Aber es fehlte uns an einem Anführer. Nun aber bist
du hier als derjenige Mann, der mit allen Gesetzen der Natur- und Geisterwelt
wohl vertraut ist. Daher ordne uns zuvor nach unseren Fähigkeiten und führe uns
dorthin, wo wir die glühendste Rache nehmen können! Diese irdisch
großglänzenden Raubtiere in menschlicher Gestalt sollen Wunder der Rache
erleben, die wir an ihnen verüben werden!“
[RB.01_044,08]
Spricht Robert: „Freunde! Kommt Zeit, kommt Rat! Vor allem meinen Dank für
euren herzlichen Gruß, und Gott dem Herrn alles Lob, daß Er mich euch alle hier
beisammen hat treffen lassen! Vorderhand sage ich euch bloß nur das: Wie auf
der Erde, so hat auch hier alles seine Zeit! Bevor der Apfel nicht reif ist,
fällt er nicht vom Baume. Was sollen wir uns hier nun vor der Zeit eine extra
Mühe machen, um uns an jenen Wüterichen zu rächen, die sich auf der Erde nun
die Herren über alle Menschen zu sein dünken? Lassen wir ihnen nur diese elende
Freude noch einige Wochen oder Monate; sie werden uns dann schon von selbst
kommen. Und haben wir sie einmal hier, dann, Freunde, werden wir mit ihnen ein
paar Wörtlein diskurrieren! Ihr versteht hoffentlich, was ich damit sagen
will?“
[RB.01_044,09]
Schreien alle: „Ja, ja, wir verstehen dich! Du bist stets ein grundgescheiter
Mann gewesen und bist es sicher auch noch hier in dieser Welt, in der wir uns
noch gar nicht auskennen und auch nicht wissen, wie wir hierhergekommen und wo
wir nun eigentlich sind.
[RB.01_044,10]
Wohl ist diese Gegend sehr schön, ja so schön wie ein wahrhaftiges Paradies.
Aber wir wissen nur, was uns bei unserer Ankunft hier von ein paar freundlich
aussehenden Männern gesagt worden ist: ,Dieses Haus gehört dem Robert Blum samt
allem, was hier euere Augen ersehen.‘ – ,Also sogar die Sterne am Firmament?‘
fragten wir. – ,Ja, auch die Sterne‘, antworteten die zwei Männer. – Darauf
geboten sie uns, sich so lange hier ganz ruhig zu verhalten, bis du als der
Besitzer dieser Herrlichkeit selbst kommen wirst mit noch einem großen und
guten Freund. Du würdest dann schon selbst mit deinem Freunde uns Bescheid
geben, was wir in dieser Gegend anzufangen haben.
[RB.01_044,11]
So verhielten wir uns denn bisher in deinem Hause und dessen Gemächern ganz
still und ruhig. Nur als wir dich nun mit deinem Freunde ankommen sahen, eilten
wir dir entgegen und teilten dir sogleich unser Hauptanliegen mit.
[RB.01_044,12]
Nun aber sei so gut und zeige uns allen gütigst an, was wir denn unternehmen
sollen? – Denn durch ein ganz müßiges Herumbrüten wird uns auch die schönste
Zeit und Gegend langweilig. Kurz, wir hoffen von deiner weisen Einsicht und
deinem redlichen Brudersinn alles Beste. Denn einem Robert Blum soll künftighin
nichts mehr mißglücken! – Vivat! Hoch!“
[RB.01_044,13]
Spricht Robert: „Ganz wohl und gut! Es wird euch alles werden, was ihr wünscht.
Und es freut mich außerordentlich, daß ihr euch alle hier nicht minder folgsam
zeigt, als ihr es auf der Erde wart, – was euch hier aber auch sicher bessere
Früchte tragen wird. Aber nun laßt mich vor allem in mein Haus ziehen, damit
ich es als Eigentümer auch einmal in Augenschein nehmen kann.
[RB.01_044,14]
Vor allem aber muß ich euch darauf aufmerksam machen, mir von nun an kein
,Vivat hoch‘ mehr darzubringen! Das wäre eine reine Dummheit, wo wir hier ein
ewiges, unverwüstliches Leben zu leben anfangen, dem ewig kein Tod mehr folgen
wird. Warum sollen wir sonach einander ein Lebehoch zurufen, wo wir ohnehin
durch Gottes Güte und Gnade das eigentliche höchste Leben erhalten haben?
[RB.01_044,15]
Euer künftiger Ruf sei daher ein anderer und laute: Hochgelobt und geliebt und
gepriesen sei Gott der Herr in Christo Jesu, – den wir für einen puren Menschen
hielten, der aber dennoch in Ewigkeit ist der alleinige Gott und somit Schöpfer
der Unendlichkeit und alles dessen, was in ihr ist!“ – Wenn ihr so rufet,
werdet ihr ehestens den vollsten Grund haben, euch eines vollkommenen Lebens zu
erfreuen – während euch Ehrenbezeugungen, die ihr mir erweist, nicht um ein
Haar weiterbringen!
[RB.01_044,16]
Merket euch auch, daß der Blum kein Narr ist und seinen guten Grund hat, euch
allen gleich anfangs solches hier kundzugeben, was er auf der Erde leider
selbst in hohem Grade bezweifelt hatte! Und das tut Blum hier wie auf der Erde
als euer aller bester und aufrichtigster Freund. Wenn ihr das wohl erwägt, wird
es euch hoffentlich leicht fallen, das Wort eures Freundes anzunehmen. Freunde,
was ich euch sage, das sollt ihr auch glauben, da ihr wohl wißt, daß ich nichts
leichten Kaufes annehme, besonders in Sachen des Glaubens und der Religion!“
[RB.01_044,17]
Schreien alle: „Ja, ja, was du uns lehrst, das nehmen wir alle unbedingt an!
Denn wir wissen, daß unser Robert eine weiße Kuh auch bei der finstersten Nacht
niemals für eine schwarze angeschaut hat. Was du uns sagst, das ist auch sicher
wahr. Denn du hast uns auch auf der Erde in Wien die Wahrheit gesagt und
rietest uns, vom Gefecht abzustehen, da der Feind zu stark sei, und der
Zusammenhalt der Verteidiger Wiens zu locker. Aber wir glaubten dir's nicht und
sprachen: ,Ist denn nun auch Blum ein Feigling geworden?‘ Da riefst du mit
männlicher Stimme: ,Blum fürchtet auch hunderttausend Teufel nicht, geschweige
diese frechen Söldlinge! Daher zu den Waffen von neuem, wer Mut hat, an meiner
Seite zu sterben!‘ Da griffen wir zu den Waffen und sahen leider zu spät, daß
du die Wahrheit geredet hattest!
[RB.01_044,18]
Nun aber wollen wir dir alles aufs Wort glauben und nimmer Widerrede tun.
Bleibe nur stets unser Führer und Lehrer, denn du bist in einem Finger weiser
als wir alle zusammen! Nun aber geh ungestört in dein Haus und besichtige es.
Uns aber gib bald irgendeine unseren Kräften angemessene Beschäftigung!“
45. Kapitel –
Roberts machtvolles Bekenntnis zu Christus. Die Wiener Gesellschaft.
[RB.01_045,01]
Spricht Robert: „Das freut mich sehr, meine lieben Freunde und wackeren
Kampfgenossen, daß ihr nun alles so willig annehmt, was ich euch anrate! Ich
gebe euch aber auch die Versicherung, daß ich – so wahr mir dieser mein und
auch euer größter Freund allzeit beistehen werde – euch nun auch die durchdachteste
Weisung geben werde, durch die ihr unfehlbar zur wahrsten Wohlfahrt des ewig
unzerstörbaren Lebens gelangen müßt, in dem ihr euch nun nach Ablegung der
schweren Leiber befindet.
[RB.01_045,02]
Freilich wird noch manches erforderlich sein, und ihr werdet noch manche Proben
zu bestehen haben, bevor ihr für jene großen Zwecke vollends reif werdet, die
der heilige, ewige Urheber alles Seins uns Erdenmenschen gestellt hat, die Er
sich zu Kindern erkor.
[RB.01_045,03]
Aber nur Mut und Ausharrung bewahren, und eine wahre, vollkommene Liebe zu Ihm,
unserem ewigen, heiligen Vater! Dadurch werden wir alle uns beirrenden
Vorkommnisse leicht besiegen und ehestens die Reife erreichen, durch die wir
uns Ihm im Geiste und in der Wahrheit werden nahen können!
[RB.01_045,04] O
Brüder! Ich, euer getreuester Freund Robert, sage euch: Was ich selbst auf der
Erde nicht einmal zu ahnen vermochte, entfaltet sich hier vor meinen Augen nun
so wundersam, daß keine Zunge darzustellen vermöchte, was Gott denen bereitet,
die Ihn lieben! Aber alles, was ihr nun seht, ist nicht einmal ein Tautröpfchen
gegenüber dem Meer. Denn Unaussprechliches erwartet uns!
[RB.01_045,05]
Höret, ein Weiser auf Erden sprach einst in großer Entzückung: ,Welch ein
Reichtum, welch unversiegbarer Born von zahllosen Himmeln ist in das kleine
Herz dessen gelegt, der auf der Erde, unter allen Tieren aufrecht gehend, sich
Mensch nennt! Könnte dieser Mensch alle seine Ideen durch ein göttliches
,Werde‘ verwirklichen – was wäre es da Großes, ein Mensch zu sein! Und doch ist
aller dieser Ideen- und Phantasiereichtum eines Menschen kaum nur ein leisester
Schimmer jener endlosen Fülle, Tiefe und Klarheit, die jedes tiefdenkenden
Menschen Erkenntnis in Gott annehmen muß!‘
[RB.01_045,06]
So aber dieser Weise eine so erhabene Idee vom Menschen und eine noch
erhabenere von der Gottheit faßte – um wieviel mehr haben wir nun das Recht,
uns ganz diesen großen Ideen hinzugeben, da wir durch des großen Gottes Gnade
uns über dem Staube der Verwesung befinden, und uns Christen nennen, die
berufen sind, in des großen Gottes Reich einzugehen!
[RB.01_045,07]
Leider sind wir nur kaum dem Namen nach Christen. Viele aus uns haben sich
sogar geschämt, Christen zu heißen, woran aber freilich Rom und unsere eigene
Dummheit die Hauptschuld trägt. Aber von nun an soll es nimmer so sein. Die
größte Ehre unseres Herzens wird es nun sein, Christus völlig anzugehören!
[RB.01_045,08]
Ich sage euch: Christus ist alles in allem! Er ist das ewige Alpha und Omega,
der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende! Er allein ist das Leben, die
Wahrheit und der Weg – allen Wesen, Menschen, Geistern und Engeln! In Seinen
Händen ruhen alle Himmel, alle Welten und alles, was auf und in ihnen lebt.
Durch Ihn und durch Sein ewiges Wort können wir Kinder Seines Vaterherzens
werden und in Ihm alles in allem sein. Ohne Ihn aber gibt es ewig kein Sein,
kein Leben, keine Seligkeit! – Glaubt ihr mir das, meine lieben Freunde?“
[RB.01_045,09]
Schreien alle: „Ja, ja, wir glauben es! Sehen wir es auch noch nicht völlig
ein, was du uns nun verkündet hast, so glauben wir es dennoch unerschütterlich.
Denn wir wissen ja, daß du uns nichts verkünden willst, was du zuvor nicht
selbst klar mit allem Grunde einsiehst. Ehre sei Gott in der Höhe, der dich mit
so viel Verständnis und Einsicht begabt hat!
[RB.01_045,10]
Das, was du uns nun von Christus so schön gesagt hast, hat uns alle besonders
erfreut. Weißt du, wir hielten heimlich auf Ihn stets große Stücke. Freilich,
wie die römischen Pfaffen nur zu oft Ihn nichts anderes tun ließen, als alle
Menschen, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, schnurgerade zur Hölle zu
verdammen: da mußte man sich ja dieses sonst erhabensten Namens förmlich zu
schämen anfangen! Denn einen Gott von so zorniger und eigensinniger Art, wie
ihn gewisse Mönche aus dem so guten Christus Jesus gemacht haben, konnte doch
kein nur mit einiger Vernunft begabter Mensch annehmen. Rosenkranzbeten,
Litanei, Heiligen-Gebete, Exerzitien, Verehrung der Reliquien, Beichten ohne
Maß und Ziel, Messenzahlen und ähnliche Dummheiten mehr fordere Christus für
die Gewinnung des Himmels! – Bruder, das konnte man im 19. Jahrhundert doch
nicht mehr annehmen, besonders wenn man als ein armer Tagwerker nur zu oft sah,
wie diese Gottesdiener sich beim Altar, wo sie ihre Messen herunterleierten,
vor lauter Speck kaum umdrehen konnten.
[RB.01_045,11]
Aber den Christus, von dem du nun gesprochen hast, nehmen wir mit größter
Bereitwilligkeit an und haben große Freude an Ihm! Der kann auch wohl Gott
Selbst sein! Denn Er ist nach unserem Verstand gut, weise und mächtig genug
dazu. Der rechte Christus muß gewiß ein ganz anderer gewesen sein, als wie Ihn
die Pfaffen Roms ums Geld den armen Sündern verkündeten!
[RB.01_045,12]
Was meinst du, Bruder, und etwa dein uns gar liebevoll vorkommender Freund, der
bis jetzt noch nichts geredet hat – werden wir wohl auch einmal die Gnade
haben, diesen wahren Christus irgendeinmal nur so von ferne zu sehen zu
bekommen? Denn das könnten wir wohl nimmer verlangen, daß ein Christus, wie du
Ihn verkündet hast, sich so hundsgemeinen Menschen wie uns öfter zeigen sollte.
Wenn so etwas möglich wäre, leisteten wir auf jede andere Seligkeit Verzicht!“
–
[RB.01_045,13]
Spricht Robert: „Liebe Freunde, ich versichere euch: Der wahre Christus,
obschon das allerhöchste und heiligste Gottwesen, ist noch immer Derselbe, wie
Er als Mensch auf Erden war! Er sieht nur das an, was auf der Welt niedrig und
verachtet war, und die von der Welt Verfolgten sind Seine Freunde und Brüder!
Alles aber, was die Welt groß und herrlich nennt und bevorzugt, ist vor Ihm ein
Greuel!
[RB.01_045,14]
Daher freuet euch, meine lieben Brüder, ihr werdet den wahren Christus nicht
nur einmal, sondern für immer sehen und lieben – ohne Maß und Ende! Denn glaubt
mir aufs Wort: Christus ist euch jetzt schon näher, als ihr es je glauben
möchtet! So ich dürfte, so könnte ich schon eure Köpfe dorthin drehen, wo Er
sich befindet, und ihr würdet Ihn da ohne weiteres ersehen. Aber ich darf es
eures Heiles willen noch nicht tun. Daher geduldet euch noch eine Weile, bis
ihr etwas reifer werdet, dann wird auch das geschehen. Seid ihr damit
zufrieden?!“
[RB.01_045,15]
Schreien alle: „Ja, ja, wir sind alle vollkommen zufrieden! Wir wissen nur zu
gut, daß wir Seines Anblickes noch lange nicht wert sind, wollen aber darum
alles tun, uns Seiner einigermaßen würdiger zu machen!
[RB.01_045,16]
Weißt du, wir waren in Wien doch schöne Lumpen! Und so können wir's wohl
unmöglich etwa bald verlangen. Wenn die römischen Pfaffen nur ein hundertstel
Wahrheit in ihren Höllenpredigten den Zuhörern auftischten, da wären wir gerade
reif fürs Zentrum der Hölle. Wenn aber Gottes, Christi Gnade größer ist, als
die Prediger es verkündeten, dürfen wir wohl auch noch hoffen! Aber da gehört
noch viel Zeit und Geduld dazu, und so sind wir dennoch sehr zufrieden und
danken dir und deinem Freund für diese Zusage!“
46. Kapitel –
Frage Roberts nach drei irdischen Kampfgenossen. Ein Seelenbild dieser
„Volksfreunde“. Roberts Mahnung zu friedlichem Vergeben.
[RB.01_046,01]
Spricht Robert: „Ich wußte ja, daß es mit euch leicht zu handeln ist. Bleibet
stets so, wie ihr nun seid und habet ein weiches und beugsames Herz, so wird
euch die Erreichung des von Gott gestellten Zieles leichte Mühe machen!
[RB.01_046,02]
Aber nun noch etwas, liebe Freunde: Sagt mir doch, wo sind denn die drei
irdischen Kampfgenossen Messenhauser, Jellinek und Dr. Becher hingekommen? –
Ich habe euch nun schon einige Male Mann für Mann durchgemustert, aber von den
Dreien kann ich leider keinen entdecken! Sind sie etwa in dieser Welt von euch
irgendwo zurückgelassen worden? Sagt mir darüber etwas, so ihr's könnt! Danach
will ich sogleich in dies Haus einziehen mit meinem liebsten Freunde.“
[RB.01_046,03]
Sprechen einige aus der Menge: „O Freund, wie fragst du um diese drei
Erzlumpen? Die sind nicht unter uns. Wir wollten es ihnen auch gar nicht raten,
sich unter uns blicken zu lassen! Denen wollten wir es kurios beschreiben, wie
es hier in der Geisterwelt aussieht!
[RB.01_046,04]
Glaubst du denn, diese haben es auch so redlich mit uns gemeint wie du? Siehe,
diese drei, die sich nicht selten so gebärdeten, als könnten sie mit dem
kleinen Finger die ganze Erde bezwingen, taten das nur des irdischen Gewinnes
halber. So sie mit ihren vollgestopften Säckeln ganz unbemerkt in die Schweiz
oder sonstwohin hätten entwischen können – so hätten uns dann in Wien alle
Hunde und Schweine auffressen können, sie hätten sich sicher wenig daraus
gemacht! Aber es ist ihnen ihr sauberer Plan nicht gelungen, und so hieß es
denn am Ende: ,Mit gestohlen, mit gehängt!‘
[RB.01_046,05]
Wir wollen von den letzten zweien das nicht gerade bestimmt behaupten. Aber der
Messenhauser, der verstand es, viel blinden Lärm zu machen und sich dafür seine
Säckel zu füllen! Hat er uns nicht die Munition vorenthalten und die tapferen
Verteidiger Wiens gerade dorthin beordert, wo die Gefahr am geringsten war? Wo
aber die Feinde herkamen, da ließ er ihnen das Türl offen! O das war ein feiner
Lump! Wahrscheinlich dachte er sich dabei heimlich: Die dummen Wiener halten
mich für ihren Retter und lassen darum die Haare! Nun aber liefere ich sie alle
in die Hände des Windischgrätz, so wird mir dieser wohl auch ein hohes
Denunziantensümmchen zukommen lassen? Aber fehlgeschossen, Herr Messenhauser!
Der Feldmarschall verstand keinen Spaß, machte mit Messenhauser nicht viel
Umstände und sandte ihn mit einer Extraschnellpost in diese Welt. Nun ist er
sicher auch irgendwo hier, aber wo? Das werden die Engel Gottes sicher besser
wissen als wir! Gott Lob, unter uns ist er nicht.
[RB.01_046,06]
Und ebenso sind auch Jellinek und Dr. Becher nicht unter uns, wir sind sehr
froh darüber! Wir wissen von ihnen zwar nichts besonderes, außer daß sie mit
den Gänsekielen noch ärger herumfuchtelten als der Feldmarschall mit seinen
Kanonen. Und daß beide Zungenkünstler waren, wodurch sie viele dahin brachten,
sich mit ihnen am Ende auf die Entdeckungsreise in diese Geisterwelt begeben zu
müssen. Einige, die durch den Eifer des Jellinek und Becher diese Reise
unternehmen mußten, sind wohl unter uns hier, aber sie wissen von ihnen
ebensowenig wie wir.
[RB.01_046,07]
Nun macht es uns zwar wenig mehr, da wir doch im Ernst nach dem Tod fortleben.
Aber so wir mit dem lumpigen Kleeblatt irgendwo zusammenkämen, würden wir ihnen
schon einige Leviten auf echt wienerisch vorlesen! Jetzt freilich sind wir nun
froh, das irdische Hurenleben für alle Ewigkeiten überstanden zu haben, um
welches Leben wirklich keinem ehrlichen Kerl leid sein darf. Aber weißt du,
kitzeln macht es uns dennoch manchmal, so wir der Gewissenlosigkeit jener
Lumpen gedenken, die unser gutes Vertrauen so schmählich mißbraucht haben!
[RB.01_046,08]
Aber jetzt ist uns schon alles völlig eins. Gott wird es ihnen schon geben, was
sie verdient haben. Wie sie auf der Erde waren, wirst du ohnehin besser wissen
als wir, weil du besonders mit Messenhauser öfters Worte zu tauschen hattest
als wir armen Teufel. Und so haben wir dir nun alles gesagt, was wir wissen.“
[RB.01_046,09]
Spricht Robert: „Meine lieben Freunde, zwar tut es mir leid, daß jene drei sich
nicht unter euch befinden. Aber ich sage euch: Enthaltet euch hier im Reiche
des ewigen Friedens und der Liebe alles Urteils, gelte dasselbe, wem immer es
wolle! Denn wir haben nie jemanden etwas geben können, das wir zuvor nicht
selbst empfangen hätten. Und so können wir auch nicht die Nehmer so beurteilen,
als wenn sie uns unseres baren Eigentums beraubt hätten, sondern nur so, als ob
sie von uns entliehen hätten, was wir selbst nur als zeitweiliges Darlehen
empfingen. Der große Eigentümer, welcher der alleinige wahre Richter über alles
ist, das allein Ihm gehört, wird schon das richtigste Urteil fällen.
[RB.01_046,10]
Wir aber wollen von nun an also handeln, wie es Christus, der Herr, gelehrt
hat! Nämlich – unseren Feinden wollen wir Gutes tun, die uns fluchen, wollen
wir segnen, und denen, die uns hassen, wollen wir mit Liebe entgegenkommen – so
werden wir vor Gott dem Herrn als Ihm wohlgefällige Kinder erscheinen und Seine
Gnade wird mit uns sein ewiglich!
[RB.01_046,11]
Wir beten doch oft: ,Vergib uns unsere Schulden, so wie wir unseren Schuldigern
vergeben!‘ Tun wir das, so wird uns auch der Herr alles vergeben, wie oft und
wiegestaltig wir auch immer gesündigt haben. Wenn wir allen alles werden
vergeben haben, dann wird auch uns alles vergeben sein. – Seid ihr mit meinem
Antrag zufrieden?“
[RB.01_046,12]
Schreien alle: „Ja, ja, wir sind mit dir ganz einverstanden!“
[RB.01_046,13]
Spricht Robert: „Nun, so lasset uns ins Haus einziehen!“
47. Kapitel –
Eintritt in Roberts Haus. Geistige Entsprechung der Stockwerke. Mahnung zur
Vorsicht mit der Wiener Gästeschar. Herzensverkehr mit dem Herrn.
[RB.01_047,01]
Darauf begibt sich Robert mit Mir ins Haus, das drei hohe Stockwerke nebst dem
majestätisch schönen Erdgeschoß hat. Jedes Stockwerk aber hat eine andere
Farbe, und zwar in folgender Art: Das Erdgeschoß ist hell saftgrün, und mit
weiß und rot mannigfach verziert. Das erste Stockwerk ist völlig weiß und mit
lichtgelb und blau verziert. Das zweite Stockwerk ist hellblau und mit violett
und rosenrot verziert. Und das dritte Stockwerk ist rot, gleich dem Morgenrot,
und hat durchaus keine Verzierungen.
[RB.01_047,02]
Robert fallen diese verschiedenen Färbungen des gesamten Hauses auf, und er
fragt Mich heimlich: „O Herr, müssen diese Färbungen und Verzierungen so sein,
oder ist das eine bloße Geschmacksache der hiesigen Bauleute? Denn auf der
Erde, etwa an vielen Orten Europas würde man so einen Baustil, der sich hier
zwar herrlich ausnimmt, entweder für chinesisch oder wohl gar für närrisch
halten! Ich möchte daher wohl von Dir darüber eine Aufklärung erbitten. So es
Dein Wille, könntest Du mir ein paar Wörtchen aus Deinem heiligsten Munde
gnädigst zukommen lassen!“
[RB.01_047,03]
Rede Ich: „Fürs erste, liebster Bruder, mußt du, so du mit Mir in Gegenwart
deiner vielen Gäste sprichst, nur in deinem Herzen sprechen, auf daß du Mich
ihnen nicht vor der Zeit verrätst! Denn so Mich diese nun dir gleich erkennten,
müßte Ich dann weichen, weil sie noch viel zu wenig Festigkeit haben, um Meine
Gegenwart voll ertragen zu können. – So du aber etwas mit Mir vernehmlich reden
willst, um sie dadurch auf eine höhere Erkenntnisstufe zu setzen, so nenne Mich
nur Freund und Bruder, aber nicht Herr! Dann wirst du mit deinen Freunden in
kurzer Zeit sehr weit kommen, was eben Mein sehnlichster Wunsch ist!
[RB.01_047,04]
Was aber deine Frage betrifft, bist du ja ohnehin in der Farben- und
Blumensprache bewandert und weißt genau, was die verschiedenen Färbungen dieses
Hauses besagen. Siehe, da ist dein Fragen eitel, besonders hier in der
Gegenwart dieser vielen, die noch lange nicht wissen dürfen, wer Ich bin.
[RB.01_047,05]
Nimm dich also in Zukunft recht in acht, besonders wo es sich um Reden über
Mich handelt, sonst könntest du bei deinem besten Willen dennoch mehr Schaden
als Nutzen stiften! Denn du darfst dich nicht auf die Bejahungen dieser Freunde
stützen und glauben, so ihnen alles recht ist, daß sie dadurch der Vollendung
schon sehr nahe sind. Ich sage es dir, da ist oft gerade das Gegenteil von dem
vorhanden, was du meinst!
[RB.01_047,06]
Siehe, Ich weiß Menschen hier und auf der Erde, die Mich bei weitem besser
kennen als nun du. Ich sage dir, daß Ich ihnen so gleichgültig bin wie ein
abgetragener Rock! Ihre Liebe zu Mir ist so stark, daß ein Mädchen mit nur
einigen sinnlichen Reizen sie bis auf den letzten Tropfen aufzehren kann! Und
Ich habe dann zu tun, um bei solchen Bekennern nicht ganz in Vergessenheit
überzugehen!
[RB.01_047,07]
Siehe, gerade das könnte auch bei diesen deinen Freunden der Fall sein. Sie
sind sämtlich Genußmenschen und Spektakelhelden. So wir ihnen stets Wunder
vormachten, sie dabei gut bewirteten und ihnen auch eine Menge recht üppiger
Jungfern zuführten, mit denen sie sich nach ihrer starken Sinnlichkeit
ungeniert vergnügen könnten, – da würden sie auch stets unsere besten Freunde
bleiben, und wir möchten ihnen sogar unentbehrlich werden. Aber so wir
nötigerweise etwas ernster zu reden anfingen, da würdest du dich hoch wundern,
wie sie uns einer nach dem andern möchten den Rücken zuwenden. Wir werden mit
ihnen noch eine recht schwere Not bekommen. Aber durch eine recht weise Leitung
können sie dennoch gewonnen werden! – Ja, Ich sage dir insgeheim: Einige werden
sogar den ersten Grad der Hölle verkosten müssen, um ihre zu große Weibergier
los zu werden! Wir werden zwar wohl eher noch alles versuchen, was immer sich
mit ihrer Freiheit verträgt. Aber so alles das dennoch nichts fruchten möchte,
wird freilich zu dem äußersten Mittel geschritten werden! Sei daher recht
vorsichtig und verrate Mich durch keine Miene! Suche sie vor allem auf ihre
Sinnlichkeit und deren Folgen aufmerksam zu machen, so werden wir mit ihnen
noch am leichtesten zurecht kommen. Ich werde sie auch bearbeiten; aber sie
dürfen, wie gesagt, noch lange nicht erfahren, wer Ich bin.
[RB.01_047,08]
Nun höre aber auch noch kurz, was die verschieden gefärbten Stockwerke deines
Hauses bedeuten: Das saftgrüne Erdgeschoß stellt den geistig-naturmäßigen Zustand
dar, dessen Hauptlebenszug sich im Hoffen ausspricht, welches Hoffen mit Glaube
und Liebe umkleidet ist. – Der erste Stock stellt den reinen und wahren Glauben
dar, der mit sanfter Ruhe und Beständigkeit umkleidet ist. – Der zweite Stock
stellt die Liebtätigkeit dar, die aus dem reinen Glauben entspringt:
entsprechend der irdischen Himmelsfarbe, durch die ebenfalls die beständige
Liebetätigkeit des Lichtes wohlerkenntlich verkündet wird allen, die eines
verständigen Herzens sind. Dieser Stock ist darum auch geziert mit tiefer
himmlischer Weisheit (violett) und reinster Nächstenliebe (rosenrot). – Das
dritte Stockwerk endlich bezeichnet durch sein jungfräulich hehres Morgenrot
den höchsten Unschulds- und pursten Liebehimmel, den eigentlich völlig wahren Himmel,
in dem Ich mit jenen zu wohnen pflege, die Mich über alles lieben. Dieser
Himmel ist daher auch ohne Verzierung, weil er in dem Wesen seiner Färbung
schon alle erdenklichen Vollkommenheiten in sich faßt und ganz allein Mich zu
seiner Zierde hat.
[RB.01_047,09]
Nun hast du ganz kurz die richtige Bedeutung der sonderfarbigen Gestaltung
deines Hauses. Frage aber nicht weiter; denn in dem Maße, wie du in deinem
Hause selbst von Stock zu Stock höher kommen wirst, wird dir ohnehin alles klar
werden, was du jetzt noch nicht begreifen könntest.
[RB.01_047,10]
Wir werden nun aber ins Erdgeschoß einziehen, wo wir uns fürs erste Stockwerk
vorbereiten werden. Und so gehen wir voran und lassen dann alle anderen nach
uns hineingehen, so sie es wollen. Die aber nicht wollen, die sollen dann auch
tun, was sie wollen! Hast du wohl alles verstanden?“
[RB.01_047,11]
Spricht Robert: „Ja, Bruder, und ich werde es auch getreu beachten! Aber
sonderbar ist es doch, daß es unter diesen gutmütigen Menschen so verstockte
und leichtfertige Wesen geben soll; wahrlich, das ist mir ein Rätsel der
Rätsel!“
[RB.01_047,12]
Rede Ich: „Ja, Mein geliebter Bruder, du wirst dich noch absonderlich zu
wundern anfangen, wenn du wirst mit mehreren Charakteren der Geisterwelt zu tun
bekommen! Du wirst die Schönsten finden können mit schneeweißer Wolle äußerlich
angetan, und innerlich werden sie lauter reißende Wölfe, Löwen, Hyänen, Bären
und Tiger sein!
[RB.01_047,13]
Aber siehe da, nun sind wir schon in deinem Hause, und zwar in des
Erdgeschosses ersten Eintrittsgemächern. Wie gefallen sie dir?“
48. Kapitel –
Wundervolles Innere des Hauses. Roberts Ärger beim Ausblick in den Garten.
Skandalszenen der Wiener Gesellschaft. Der Herr unternimmt die Seelenkur der
Argen.
[RB.01_048,01]
Spricht Robert: „O Freund und Bruder! Wunderherrlich! Man sieht es von außen
diesem Hause wahrlich nicht an, daß es innen so herrliche und geräumige
Gemächer enthält. Und wie schön ist die Aussicht durch die hohen Fenster! Ach
wie herrlich nimmt sich der Garten aus und die Gebirgsgruppen in der Ferne! Und
wie lieb die vielen netten Häuschen auf den umliegenden kleinen Hügeln! – Ach,
das ist ja mehr als himmlisch!
[RB.01_048,02]
Aber da sieh doch beim ersten Fenster hinaus! Was ist denn das für ein wahrstes
Lumpenpack? Nein, so etwas von Gesindel ist mir noch nie vorgekommen! – Da, da!
O die frechste Unverschämtheit! Sieh, eine Gruppe lustiger Dirnen ziehen die
lumpigsten Mannsbilder –! Ah, das ist zu arg! Die müssen wir denn doch aus dem
Garten schaffen!“
[RB.01_048,03]
Rede Ich: „Siehe, das sind schon so einige ,Wiener Früchtel‘! Es sind
dieselben, die dir draußen alles bejahten. Da wir nun aber ins Haus gegangen
sind, sind sie lieber draußen geblieben und unterhalten sich nun nach ihrer
Lieblingsweise. Sieh dich nur um und zähle sie, die uns ins Haus gefolgt sind,
und du wirst auch nicht einen finden! Denn die etlichen Buhldirnen sind ihnen
mehr als wir und alle deine Lehren und werden ihnen noch lange mehr sein!
[RB.01_048,04]
Gehst du aber jetzt hinaus und machst ihnen eine Predigt, da werden sie zum
Schein wieder ganz Ohr sein. Ich sage dir, es gibt kaum eine Gattung Sünder,
die schwerer zu bekehren wären als die fleischlichen Sündenböcke; und das
darum, weil sie äußerlich geschmeidig alles annehmen, wenn sie sich nur in
ihrer inneren Lustgier nicht beeinträchtigt fühlen. Versuche aber, ihnen solche
Lust ernstlich zu untersagen, so wirst du Wunder von Widerspenstigkeiten und
Grobheiten erleben. Lassen wir sie aber nur austoben und ihre Lust befriedigen.
Dann wollen wir wieder hinaustreten und sie fragen, warum sie nicht ins Haus
gefolgt sind. Du wirst dich nicht genug verwundern können, mit welcherlei
Entschuldigungen sie uns entgegenkommen werden!
[RB.01_048,05]
Zuvor aber werde Ich es zulassen, daß da einige recht üppige Dirnen zu ihnen
stoßen sollen. Da erst wirst du Dinge der Unzucht zu schauen bekommen! Und so
gib denn acht!“
[RB.01_048,06]
In diesem Augenblick kommen durch den Garten zwölf recht saubere Dirnen zu der
Gesellschaft. Sogleich ertönt ein feldgeschreiartiger Jubelruf, und alles, was
nur Mann heißt, stürzt sich wie Tiger auf die Dirnen los.
[RB.01_048,07]
Robert springt über diese Ungezogenheit beinahe vor Ärger auseinander und will
mit Donner und Blitz hinauseilen. Aber Ich halte ihn weislich davon ab, und er
wirft nur voll gerechten Ingrimms manchmal einen Blick zum Fenster hinaus.
[RB.01_048,08]
Nach einer Weile, als Robert sich über die verschiedenen Unzuchtsskandale
seiner Wiener Freunde satt geärgert hat, spricht er zu Mir: „O Herr, nun hätte
ich mich wahrlich zur Übergenüge geärgert. Aber, bei aller Deiner Heiligkeit,
was wahr ist, ist wahr – diese echten Lumpen werden darum um kein Haar besser.
Und so sehe ich nun ein, daß es von mir selbst eine tüchtige Dummheit war, mich
darüber geärgert zu haben!
[RB.01_048,09]
Du könntest diese Sache freilich sogleich ändern, so Du es wolltest und es
Deine Weisheit für gut und recht fände. Aber Du, der Du die ungeheuerste
Geduld, Liebe und Sanftmut bist, siehst diesem Luderspektakel mit einer Ruhe
zu, als könnte Dich so etwas ewig nie auch nur in scheinbaren Ärger versetzen.
Oh, da werde ich mich für die Zukunft auch nicht ärgern, und sollen es diese
Lumpen noch tausendmal ärger treiben als bisher!
[RB.01_048,10]
Nur das begreife ich nicht, wie einem sonst gebildeten Menschen solch eine
Schweinerei zur Leidenschaft werden kann? Ich war doch auch ein Mensch von sehr
heißem Blut und habe wohl auch dann und wann dem Fleische gedient. Aber bis zur
Leidenschaft ist bei mir dieser Akt nie gediehen. Denn ich habe mich dabei stets
geschämt und sagte mir oft: ,Robert! Was bist du nun? Du sollst in allem ein
rechter Mann sein, und bist – ein Tier! Schäme dich, Robert, du bist blöde wie
ein Esel! Du bist kein Mann, ein Weiber-Knecht bist du! Wie kannst du darob
schwach werden! Tausendmal Pfui dir! So bist du kein Mann. Ein Tier kann nicht
bewußt handeln, sondern bloß wie ein Schwein aller Gedanken ledig genießen!‘
[RB.01_048,11]
Solche und oft noch ärgere Lektionen habe ich mir selbst gegeben, wenn ich dann
und wann schwach geworden bin, besonders wenn ich manchmal bei festlichen
Gelegenheiten zu tief ins Gläschen geguckt habe. Aber bis zur Leidenschaft ist
es bei mir nie gekommen!
[RB.01_048,12]
Diese hundsgemeinen Kerle jedoch betreiben diese Sachen mit
leidenschaftlichster Gier! Was mich am meisten wundert ist, daß hier gerade die
alten Schöpse und Esel es am ärgsten treiben! Da sieh einmal hinaus, dort unter
einem Feigenbaum haben drei recht alte Kerle eine Dirne und machen Spektakel
mit ihr! Das ist ja doch zum Donnerwetterdreinschlagen! Wird denn diese
Schweinerei kein Ende nehmen?“
[RB.01_048,13]
Rede Ich: „Gedulde dich nur noch ein wenig! Ich will ihnen noch mehr Dirnen
herbeiziehen. Diese sollen noch üppiger sein als die früheren, dafür aber etwas
spröder und züchtiger. Wir werden sehen, was deine Freunde mit diesen machen
werden.“
[RB.01_048,14]
Spricht Robert: „O Herr, ich meine, um das im voraus zu bestimmen, braucht man
gar nicht allwissend zu sein! Da werden diese Kerle es noch tausendmal ärger
treiben! Ich mag gar nicht einmal hinausschauen, wenn diese dumme Hetze angehen
wird! – Aber sag' mir doch einmal, Du einziger Herr über alle Himmel und
Welten, was wird denn da am Ende heraus kommen? Werden diese Lumpen die Sache
nicht einmal satt bekommen? Werden sie, statt Geister zu werden, sich nun zu
echten Tieren umwandeln?“
[RB.01_048,15]
Rede Ich: „Sei nur ruhig, du wirst darüber bald ein rechtes Licht bekommen. Nur
mußt du gleich Mir einen ganz ruhigen Zuschauer machen! Wenn Ich dir die Augen
mehr öffnen werde, wirst du erst vollends einsehen lernen, wie man hier zu
Werke gehen muß, um womöglich solche Schweine noch zu Menschen umzugestalten.
Was aber hier die Liebe nicht vermag, das wird der Hölle, dem eigenen, in jeder
Seele wohnenden Strafgericht anheimgestellt. – Aber nun ruhig! Denn siehe, die
Dirnen kommen schon!“
[RB.01_048,16]
Robert blickt zum Fenster hinaus, sieht nach den neu ankommenden Dirnen und
spricht nach einer Weile: „Bei meinem armen Leben – wahrhaftig wahr, diese
Dirnen, etliche zwanzig an der Zahl, sehen nach rein irdischem Maßstab gar
nicht übel aus! Potz Tausend und alle Elemente, die vorderen drei sind ja wie
die ersten Pariser Ballettänzerinnen gekleidet! Die werden sicher diesen Wiener
Tiermenschen einen Tanz zum besten geben, um sie desto lüsterner zu machen?
[RB.01_048,17]
Es wäre nach meiner menschlichen Meinung wahrlich besser, so an der Stelle
dieser schmucken Tänzerinnen ein paar Dutzend Bären aufmarschiert wären.
Vielleicht würden diese sehr kräftigen und keinen Spaß verstehenden Wald- und
Alpentänzer auf meine tierischen Freunde eine heilsamere Wirkung ausüben als
diese rundfüßigen und vollbrüstigen Ballettdamen!
[RB.01_048,18]
Mich wundert es aber, daß die Wiener Geister sich nun beim Anblick dieser
Schönheiten noch so viel zurückhalten, daß sie diese neuen Tanzkünstlerinnen
der Geisterwelt nicht wie die früheren sofort beim ersten Erscheinen gleich
wütenden Hunden angefallen haben! Wahrscheinlich imponieren ihnen diese
Schönheitssterne doch etwas zu stark, und sie trauen sich nicht an sie.“
49. Kapitel –
Eine Schar einstiger Kunsttänzerinnen tritt ins Haus. Sie erfuhren viel Not in
der Geisterwelt. Demütige Bitte um Brot und Unterkunft.
[RB.01_049,01]
Kaum hat Robert solches ausgeredet, kommen diese zwei Dutzend weiblicher
Schönheiten eine nach der anderen in das Zimmer zu uns beiden und machen vor
uns eine tanzmeisterliche Referenz. Sie fragen uns, ob in diesem Prachtpalast
nicht etwa auch ein Theater sei, auf dem sie etliche Vorstellungen in der hohen
Choreographie geben könnten.
[RB.01_049,02]
Spricht Robert: „Da, neben mir steht der eigentliche Herr, den fraget! Ich bin
erst seit einigen Augenblicken der Inwohner dieses Hauses und kenne in ihm
außer diesem Gemache noch kein anderes. Es kommt mir überhaupt sonderbar vor,
wie ihr hier in der Geisterwelt, wo man – um ein vollendeter Geist zu werden –
allein nur Gott den Herrn suchen und sich in Liebe zu Ihm üben soll, euch mit
solchen irdisch-materiellen Skandalkünsten noch abgeben könnt? Aber, so es dem
Herrn dieses Hauses angenehm und zweckdienlich ist, dann macht, was ihr wollt!
– Da neben mir aber, wie ich's euch schon angezeigt habe, ist eben der Herr
Selbst!“
[RB.01_049,03]
Sagen die drei ersten: „Wie ist nun das? Draußen sagte uns einer, du wärest der
Eigentümer dieses Palastes! Und du sagst nun, dieser dein Freund ist es!“
[RB.01_049,04]
Spricht Robert: „Ja, und noch tausendmal ja – Dieser ist der eigentliche Herr
dieses Hauses! Und wer euch gesagt hat, daß ich es sei, der war ein dummer und
blinder Mensch! Fragt also Diesen oder schaut, daß ihr bald zum Tempel
hinauskommt!“
[RB.01_049,05]
Darauf wenden sich die drei an Mich und fragen Mich, ob Ich sonach wohl der
Herr dieses Palastes wäre?
[RB.01_049,06]
Rede Ich: „In der Welt der Geister ist ein jeder Herr, das ist ein Besitzer
dessen, was sein ist. Und so dieser da Mein Freund und Bruder ist, so besitze
Ich ihn auch als das, was er Mir ist. Ich bin sonach auch sein Herr und auch
der Herr dessen, was sein ist; wogegen er vor euch aber auch von Mir das
gleiche aussagen kann.
[RB.01_049,07]
Daß Ich aber dieses Haus, wie es beschaffen ist, besser kenne als er, hat seine
gewissen Gründe, weil Ich schon um sehr viele Jahre länger Mich hier in der
Welt der Geister befinde als der Freund da.
[RB.01_049,08]
Mit Gewißheit kann Ich euch daher sagen, daß sich in diesem ganzen Hause
durchaus kein Theater und ebensowenig irgendein Tanzsaal befindet. Außer an der
äußersten Nordseite dieses Hauses eine Art Rednerkammer mit einer Versenkung,
durch welche unlautere Geister, die sich Gottes Ordnung durchaus nimmer wollen
gefallen lassen, ganz wohlerhalten zur Hölle hinab versenkt werden können! So
ihr dort eure Produktionen diesen Gästen da draußen wollt zum besten geben, so
kann euch diese Redner- oder besser Haderkammer zur Verfügung gestellt werden!
Aber ihr müsset da sehr acht geben, daß ihr bei eurer Choreographie nicht in
eine solche Versenkung stürzt. Denn wenn ihr da hineinkommt, dürftet ihr schwer
wieder den Weg zurück finden! Habt ihr das verstanden?“
[RB.01_049,09]
Sprechen die drei ersten Koryphäen: „Höre, lieber Freund, das ist etwas fatal!
So ein Lokal können wir durchaus nicht brauchen! Kannst du aber nicht
gestatten, daß wir draußen im Garten unsere hohe Kunst produzieren dürften?“
[RB.01_049,10]
Rede Ich: „Ja, draußen könnt ihr tanzen und springen, wie ihr nur immer wollt,
da haben wir vorderhand nichts dagegen. – Geht sonach wieder hinaus und macht
draußen, was ihr wollt! Hier im Hause tut es sich mit eurer Sache durchaus
nicht!“
[RB.01_049,11]
Spricht die eine aus den dreien: „Lieber Freund, als wir noch auf der Erde
waren, ging es uns sehr gut. Denn wir waren die Abgöttinnen der großen Städte.
Alles, was uns zu bewundern Gelegenheit hatte, war entzückt. Wir erwarben uns
neben der Gunst der größten Kronenträger auch viel Geld und sonstige Schätze.
Aber dann kam plötzlich eine fatale Krankheit über unseren Leib; wir zehrten ab
und starben!
[RB.01_049,12]
Nun sind wir schon bei dreißig Jahre lang hier in dieser armseligsten
Geisterwelt, und es geht uns entsetzlich schlecht! Nirgends gibt es für uns
einen Verdienst. Wo immer wir anklopfen, werden wir wie hier beschieden. Und
der Hunger tut entsetzlich weh! Auf eine zu gemeine Weise wollen wir uns das
Brot doch nicht verdienen, da wir dazu denn doch zu gut sind. Besonders möchten
wir mit einem so lumpigen Gesindel wie das draußen schon gar nichts zu tun
haben, da wir auf der Erde nicht selten Prinzen das nicht gewährten, was sie
oft bei uns suchten. Und sonst gibt uns hier aber kein Mensch oder Geist auch
nur einen Tropfen Wasser. Du siehst daraus, daß wir hier sehr elend und
entsetzlich arm sind!
[RB.01_049,13]
Wolltest du uns denn nicht gegen was immer für einen Dienst in diesem Hause
Unterkunft und nur so viel Brot zukommen lassen, daß wir uns nur einmal den
brennendsten Hunger etwas stillen könnten? Oh, sei von uns allen durch mich
inbrünstigst darum gebeten!“
[RB.01_049,14]
Rede Ich: „Ja, Meine lieben Tanzkünstlerinnen, das hängt hier nicht von Mir ab.
Denn der eigentliche Eigentümer dieses Hauses, wie auch all dieser
weitgedehnten Gegend ist dennoch dieser Mein Freund und Bruder. Wenn er euch
das geben will, was ihr möchtet, da werde Ich nichts dagegen haben, es wird Mir
im Gegenteile nur eine große Freude sein. Aber dazu bereden werde Ich ihn
nicht. Wendet euch daher an ihn!“
[RB.01_049,15]
Die Sprecherin will sich nun in dieser Sache an Robert wenden.
[RB.01_049,16]
Aber Robert kommt ihr zuvor und spricht: „Meine liebe Tanzkünstlerin und ihr
alle zwei Dutzend desselben Gewerbes! Ich habe von euch bisher nur gewußt, daß
eure Füße viel elastischer seien als die Füße anderer Menschen. Daß ihr aber
auch fuchsfeine Nasen hättet, wußte ich bisher nicht! So ich es allein mit euch
zu tun hätte, würde ich euch sogleich zur Türe hinausweisen. Aber da es diesem
meinem Freund eine Freude macht, so ich eure Bitte erhöre, will ich euch denn
in Gottes Namen auch aufnehmen! Und so bleibet denn! Dort in einer Ecke dieses
Gemaches befindet sich ein kleiner Tisch mit etwas Brot und Wein. Geht hin und
stärket euch! Sodann kommt wieder, und wir werden euch dann schon ein Geschäft anweisen,
dem ihr emsig zu obliegen haben werdet. – Nun geht, wohin ich euch beschieden
habe!“ Die Tänzerinnen folgen sogleich diesem Befehl.
50. Kapitel –
Die Wiener Gesellschaft verlangt nach den Tänzerinnen. Roberts Donnerpredigt.
Seelenrettung am Abgrund.
[RB.01_050,01]
Die vierundzwanzig schönen Tänzerinnen aber bleiben für die lüsternen Wiener
Freunde nun schon zu lange im Hause. Daher kommen sie vor Roberts Zimmertür und
schreien: „Nun, wie lange belieben denn diese Schnellfüßlerinnen bei euch zu verweilen?
Wir glauben gar, daß du sie für dich und deinen Freund da zurückbehalten
möchtest! Wäre nicht übel, du behieltest das Beste für dich, und wir als deine
Freunde könnten uns draußen mit den mageren und häßlichen Fetzen begnügen! Wir
bedanken uns ganz gehorsamst für solch saubere Freundschaft! Höre, wir wollen
billig sein, weil du der Blum bist: ein Dutzend kannst du für dich behalten.
Aber das andere Dutzend von diesen schönen Engländerinnen oder Französinnen
mußt du uns sogleich ausliefern, sonst fangen wir ein Spektakel ums andere an!
Und wenn dich dies auch noch nicht für die Erfüllung unserer Wünsche stimmen
sollte, so schlagen wir hier alles kleinweis zusammen!“
[RB.01_050,02]
Spricht Robert: „Aber oha! Ich sage euch: So wahr ein ewiger Gott lebt, und so
wahr ich bis jetzt noch den Erdnamen Robert Blum führe, so wahr auch kommt
keine von diesen Tänzerinnen zu eurem schändlichen Vergnügen aus dieser Burg,
in der Gott der Wahrhaftige wohnt und jedem gibt, wie er es verdient hat!
[RB.01_050,03]
Ich habe sie als hungrige und elende Wesen in mein Haus aufgenommen. Sie sind
nun meine Gäste und genießen als solche auch allen Respekt, den mein Haus von
jedem ehrlichgesinnten Geiste zu fordern das Recht hat! Seid ihr aber etwa
ernstlich gesonnen, dieses heilige Recht jedes Hauses hier zu schänden, so
versucht es! Wir wollen dann sehen, wer da den kürzeren ziehen wird!
[RB.01_050,04]
Nach dem, was ich von euch durch diese Fenster gesehen habe, bin ich der
Meinung, daß ihr euch draußen im Garten doch zur Vollgenüge müßtet ausgebuhlt
haben? Wahrlich, ich kenne kein Tier auf der Erde, das einen solch schändlichen
Instinkttrieb je irgendwo verriete, wie ihr als vernünftige Menschen hier im
Gottesreiche tätigst an den Tag gelegt habt! Aber nicht genug, daß ihr euch
schon bis ins Zentrum der untersten Hölle hineingesündigt habt und Teufeln
gleich geworden seid; nicht genug, daß eure Gier jene ärmsten weiblichen Wesen,
statt ihnen zu helfen, noch tausendmal elender gemacht hat, als sie ehedem
waren; nicht genug, daß ihr diese reine, geistige Gotteserde mit dem
schändlichen Geifer echt höllischer Unzucht und Hurerei auf das schmählichste
befleckt habt! Nein, das alles ist eurer unersättlichen Lustgier noch viel zu
wenig!
[RB.01_050,05]
Diese armen Wesen, die nun lange Jahre Hunger, Durst und anderes Elend nach dem
Ratschluß des Allerhöchsten zu erdulden hatten, hat Gott Selbst nun
aufgenommen! Die dort in jener Ecke seit dreißig langen Jahren das erste
Stückchen nährenden Brotes genießen und dafür Gott, den sie leider noch kaum
kennen, mit Tränen danken – diese wollt ihr auch noch mit euch zur Hölle
hinabziehen! Welche grenzenlose Verruchtheit!
[RB.01_050,06]
Die armen Wesen da draußen, die ihr soeben auf das gewissenloseste geschändet
habt, die nun voll Schmerzen wehklagen und daliegen wie Halbtote – wißt ihr,
wer sie sind? Seht, das sind eure eigenen Töchter auf Erden gewesen! Sie kamen
zum Teil durch natürliche Krankheiten und zum Teil durch die Beschießung Wiens
um ihr irdisches Leben. Aller geistigen Bildung bar kamen sie in dieser Welt an
und wußten nicht wo aus noch ein. Da erfuhren sie durch eine gütige Fügung
Gottes, daß ihr als ihre irdischen Väter euch in dieser Gegend befindet. Voll
Freuden und in der Hoffnung, ihr trauriges Los zu verbessern, eilten sie hierher.
Als sie hier anlangten und euch erblickten und erkannten, und euch mit dem
kindlichen Rufe ,Vater!‘ an ihr Herz ziehen wollten, da sprangt ihr gleich
wütenden Hyänen über sie und fingt sogleich an – als Väter mit den eigenen
Töchtern –, die schmählichste Unzucht und Hurerei zu treiben. Umsonst schrien
die Armen: ,Um Gotteswillen, wir sind ja eure Töchter! Was tut ihr mit uns!?
Jesus, Jesus! Was tut ihr!‘ Aber das hörtet ihr gar nicht! Denn eure verfluchte
teuflische Brunst hat euch blinder gemacht, als da ist ein Auerhahn in seiner
Balzzeit! Ihr zerrisset förmlich die Armen in eurer Geilwut! O ihr verruchten
Täter des Übels! Da sehet hinaus, euer schönes Werk – mit welchem Namen soll
man es bezeichnen? Wahrlich, meine Zunge findet keinen Ausdruck dafür!
[RB.01_050,07]
Als ich mit meinem großen Freunde hier ankam und euch alle hier in meinem Hause
antraf, hatte ich eine rechte Freude an euch. Besonders freute es mich, als ich
nach meinen Worten von euch das Verlangen vernahm, demnach es nun eure größte
Freude wäre, Christus, den Herrn, nur einmal von ferne zu Gesicht zu bekommen.
Ich gab euch darauf die Versicherung, daß ihr, so ihr Ihn innig liebend in euer
Herz aufnehmt und durch solche Liebe reiner werdet, Ihn, den Herrn der
Ewigkeit, immer und ewig sehen werdet! Worauf ihr froh ergriffen wart und
demütig bekanntet, daß ihr solcher Gnade noch lange nicht wert seid! Das gefiel
mir so gut, daß ich vor Freude hätte weinen mögen.
[RB.01_050,08]
Als ich aber in mein Haus mit meinem Freunde eintrat und Ihm darob meine Freude
äußerte, da sprach Sein weisester Mund: ,Trau ihnen nicht zu viel; das sind
lauter grobsinnliche Genußmenschen! Ich sage dir, es werden etliche von ihnen
zur Hölle hinab müssen und ihre Besserung wird ein hartes Werk sein!‘ O der
großen Wahrheit! Ich sage euch, ihr braucht nun nicht mehr zur Hölle
hinabzukommen – ihr seid schon völlig in ihr! Denn diese böse, unersättliche
Lustgier eurer unratvollen Herzen kann Gott in euch nicht mehr bessern außer
durchs Gericht der Hölle!
[RB.01_050,09]
Nun habe ich euch gesagt, was mir Gott ins Herz gelegt hat. Ihr wißt nun, was
ihr getan habt und noch tun wollt, und was davon die unvermeidlichste Folge
sein wird. Tut nun, was ihr wollt! Noch seid ihr frei; aber nur zu bald wird
das Gericht Gottes euch ergreifen und euch euren Lohn geben! Aber nicht nur
euch, sondern allen, die auf Erden in dieser Zeit noch im Leibe wandeln und
sich die Mahnungen Gottes, deren diese Zeit so voll ist, nicht wollen gefallen
lassen!
[RB.01_050,10]
Hätte ich selbst auf der Erde lieber so manchen unverkennbaren Gottesmahnungen
Ohr und Herz geöffnet, so wäre ich auch in gar kein Gericht gekommen. Aber weil
ich nur dem folgte, was mein verstiegener und ruhmsüchtiger Verstand mir
eingab, mußte ich mir denn auch ein übles Gericht gefallen lassen. Ich wollte
nach meinem Urteil immerhin Gutes und habe mich dennoch eines Gerichtes
schuldig gemacht. Was wird aber mit euch, da ihr nur Arges wollt, obwohl ihr einseht,
daß es ein Arges ist?“
[RB.01_050,11]
Auf diese eindringliche Rede Roberts fangen die äußerst betroffenen Zuhörer
gewaltig zu stutzen an und einer um den andern zieht sich zurück. Keiner hat
den Mut, Robert auch nur ein Wörtlein zu erwidern. Nur untereinander murmeln
sie, daß sie die Veränderung Roberts nicht begreifen, und sein Ernst sei wie
ein großer Donner und seine Rede wie eine verheerende Sturmflut!
[RB.01_050,12]
Einige unter ihnen aber fangen an, sehr in sich zu gehen. Eine mächtige Furcht
ergreift ihr ganzes Wesen, und sie bereuen sehr, was sie getan haben.
[RB.01_050,13]
Darauf wendet sich Robert im Herzen zu Mir und spricht: „O Du mein heiligster,
wahrster und bester Vater! Vergib mir, so ich an diese Wiener Freunde eine
vielleicht doch etwas zu harte und scharfe Mahnrede gerichtet habe! Du siehst
ja in meinem Innersten, daß ich ihnen allen nur das Beste wünsche und durch die
Schärfe meiner Rede nichts anderes bewerkstelligen wollte, als ihnen, wenn
möglich, das höchst traurige Gericht der Hölle zu ersparen. Denn ich meine, ein
noch so scharfes Mahnwort ist noch unberechenbar milder als das kleinste
Fünklein höllischen Gerichtes! Und so donnerte ich denn in diese aller höheren
Bildung ledigen Brüder mit aller Kraft meines Wesens hinein und habe, wie es
scheint, bei einigen einen wohl sichtbaren Effekt zuwege gebracht!
[RB.01_050,14] O
Vater, segne Du meine Worte in ihnen! Vielleicht werden sie doch das bewirken,
was ich damit so ganz eigentlich habe tun wollen!“
[RB.01_050,15]
Rede Ich: „Mein lieber Freund, Bruder und nun auch Sohn! Ich sage dir: Nicht
ein Wort mehr oder weniger hast du geredet, als Ich Selbst in dein Herz gelegt
habe! Denn was du gesagt hast, das habe Ich in deinem Herzen gedacht und
gewollt. Darum darfst du dir durchaus keine Vorwürfe machen, als wärest etwa du
aus dir selbst gegen diese aller geistigen Lebensbildung ledigen Menschen zu
hart gewesen. Deshalb sei du nun ganz ruhig!
[RB.01_050,16]
Denn siehe: solche Geister, die sich am Rande des Abgrundes schon vorneigen, um
im nächsten Augenblick hineinzustürzen, müssen mit aller Kraft ergriffen und so
vom Abgrund zurückgerissen werden. Nur so ist es möglich, sie ohne Hölle auf
einen bessern Weg zu bringen.
[RB.01_050,17]
Du wirst dich nun bald überzeugen, welch gute Wirkung die Donnerrede deines
Mundes bei ihnen hervorgebracht hat! Alle werden freilich noch Ausflüchte
suchen und werden sich schöner machen wollen als sie sind. Aber wenn nur der
größere Teil in sich geht, so ist das schon gut. Der mindere Teil wird dann als
der schwächere mit der Weile dennoch bemüßigt sein, sich am Ende willig zu
fügen, da er sonst keinen Ausweg finden wird.
[RB.01_050,18]
Doch lassen wir sie nun ein wenig ruhen und dabei ein wenig durchgären! So sie
nach rechtem Maße werden durchsäuert sein, wie da auf Erden die Maische, bevor
sie zur Gewinnung des Weingeistes in den Destillierkessel getan wird – da
werden wir sie dann auch in den Kessel tun, unter dem ein mächtiges Feuer
unserer Liebe brennt. Und es wird dann ein leichtes sein, ihr wahres Geistiges
von den groben irdischen Trebern zu scheiden. – Nun aber unterdessen zu etwas
anderem!“
51. Kapitel –
Drei Kampfgenossen Roberts vor dem Herrn. Auch sie sollen gebessert werden. Die
dankbaren Tänzerinnen als Werkzeuge.
[RB.01_051,01]
Rede Ich weiter: „Es war schon ehedem die Rede von deinen drei Freunden, von
Messenhauser, Jellinek und Becher. Deine Freunde gaben ihnen ein nicht zu
glänzendes Zeugnis. So plump und grob zwar dieses Zeugnis an und für sich war,
so war dennoch etwas Wahres daran. Denn alle drei waren heimlich von einem ganz
anderen Geiste getrieben als du. Du hattest nach deinem Verstand und deiner
Erkenntnis einen, irdisch genommen guten Zweck vor dir, den du zu erreichen
strebtest. Aber nach solch einem irdisch achtbaren Ziele trachteten deine drei
Freunde nicht. Während du als ein echter Menschenfreund wirktest, handelten die
drei, mit geringen Gesinnungsunterschieden, nur für die Erreichung eines
losesten Volksabsolutismus. Oder, so dies fehlschlüge, doch wenigstens einer
reich bespickten Börse, mit der sie sich dann bei günstiger Gelegenheit in
nächtlicher Dunkelheit hätten empfehlen können.
[RB.01_051,02]
Aber das schlüpfrige Glück war ihnen nicht günstig. – Dein erster Freund merkte
es nicht, daß sich unter dem Füllhorn Fortunas jene fatale Rollkugel befand,
die an das Unbeständige alles irdischen Glückes so trefflich mahnt! Und so
geschah es denn auch, daß das irdische Glück des Messenhauser nur zu bald
umschlug.
[RB.01_051,03]
Den andern zweien war diese Fortuna freilich nicht so günstig, obschon sie
alles aufboten, um sich diese Göttin geneigt zu machen. Sie fochten mit den
Waffen der Gänsekiele und schlugen damit eine Zeitlang wacker und ohne Schonung
auf den Köpfen der sogenannten reaktionären Philister herum. Aber es wollte an diesen
Wunden niemand sterben, die sie ihren Feinden mit den Gänseschwertern
beibrachten. Und auch Fortuna war eigensinnig und wollte ihnen kein
freundliches Gesicht zeigen. Das ärgerte sie mächtig, so daß sie darob die
erste Waffengattung von sich warfen und sich dafür andere beim Mars ausborgten.
Aber da stand es bald noch ärger um die beiden. Fortuna wurde erbost und warf
ihnen am Ende so viele Kugeln unter die Füße, daß es für sie unmöglich ward,
sich noch weiter aufrecht zu erhalten. Und ihr Liedchen an Fortuna kam damit
auch völlig zum Ende.
[RB.01_051,04]
Mit ihrem Fall traten diese drei Helden von dem Schau- und Prüfungsplatz der
Außenwelt ab. Nun sind sie dir gleich in diese ewigdauernde neue Welt
herübergewandert, natürlich unter zahllosen Verwünschungen jener Weltmächtigen,
die sie mit einer Extraschnellpost hierher befördert haben. Sie sind sonach
ohne allen Zweifel hier in der Geisterwelt, und das sicher nicht gar zu weit
von hier.
[RB.01_051,05]
Du sprichst in dir: ,Das ist sicher wahr. Aber schweben sie etwa auch noch
irgendwo zwischen Himmel und Erde im Äther? Oder sind sie etwa gar hier in der
Nähe dieses Hauses irgendwo verborgen?‘
[RB.01_051,06]
Ich sage dir: Nicht im Äther und nicht in einem Versteck etwa in der Nähe
deines Hauses, das da gleich ist dem Inneren deines Herzens. Sondern wie sie in
deinem Herzen durch dein liebvolles Gedenken an sie gegenwärtig sind, so sind
sie auch in Wirklichkeit in diesem Hause gegenwärtig! Eine einzige Tür scheidet
sie noch von dir und Mir. So wir diese Tür öffnen, da wirst du sie noch ganz so
antreffen, wie sie die Erde verlassen hatten.
[RB.01_051,07]
Aber wenn Ich die Tür öffnen werde, darfst du sie nicht sogleich anreden,
sondern sie eine Zeitlang an Meiner Seite belauschen, was alles sie
untereinander beschließen werden. Erst so sie einen Vollbeschluß werden gefaßt
haben, wird es an der rechten Zeit sein, sie anzureden und sich ihnen zu
zeigen. Dies zu deiner Darnachrichtung!
[RB.01_051,08]
Vorderhand aber wollen wir noch mit unseren Tänzerinnen ein paar Wörtlein
wechseln und sie für unsere kommenden Maßnahmen ein wenig vorbereiten. Denn
diese Tänzerinnen werden wir in der Folge so gut brauchen können, wie du dir es
noch gar nicht vorzustellen vermagst!“
[RB.01_051,09]
Nach dieser kurzen Unterweisung begeben wir uns auch sogleich zu diesen
Tänzerinnen, die uns beide freundlichst empfangen und herzlich danken: zuerst
für die so überaus gute Bewirtung und dann auch für den energischen Schutz
gegen jene, die so üble Absichten auf ihre ohnehin sehr unglückliche Person
hatten. Auch bitten sie den Robert tausendmal um Vergebung, daß sie ihn zuerst
für ein hartes Wesen hielten, während er nun in der Tat bewiesen habe, was für
ein liebevoller und rechtlicher Mann er sei.
[RB.01_051,10]
Robert, solches Lob zwar nicht ungern anhörend, ermannt sich aber doch gleich
und spricht in seinem gewöhnlichen, etwas rauhensten Ton: „Meine lieben, armen
Schwestern, seid nicht zu voreilig mit eurem Lob und Dank! Denn ihr wißt ja
noch lange nicht, wer hier der eigentliche Geber aller guten Gaben ist!
[RB.01_051,11]
Ihr könnt es mir aufs Wort glauben, daß durchaus nicht ich der Geber bin,
sondern jemand ganz anderer. Ich aber bin hier sozusagen nur ein derber
Hausknecht, aber gottlob kreuzehrlich. Aber das ist nun alles eins, ob ihr mir
oder dem eigentlichen Herrn dieses Hauses dankt. Denn was mir nicht gebührt,
nehme ich auch nicht an, sondern gebe es getreu meinem einzigen Herrn wieder.
[RB.01_051,12]
Doch nun von etwas anderem: Sagt uns beiden, ob ihr nun noch darauf besteht,
eine Tanzproduktion in diesem Hause zu veranstalten? Oder seid ihr etwa gar von
dieser tollen Idee im Ernst abgekommen?“
[RB.01_051,13]
Sprechen die Tänzerinnen: „O ihr allerbesten Freunde der armen Menschheit! So
ein Verlangen wäre nun wahrlich die größte Tollheit von unserer Seite! Denn wir
wollten ja nur darum hier unsere armseligste Kunst zur Ausübung bringen, um uns
durch sie so viel zu verdienen, daß wir damit den brennendsten Hunger hätten
stillen können. Da wir aber nun dank euch beiden auch ohne unsere Vorführung
die herzlichste Aufnahme fanden, wäre es doch eine der größten Torheiten, so
wir noch an so etwas denken möchten. Umsomehr, als wir nun sehr überzeugt sind,
daß unsere elende irdische Kunst in euren himmlisch reinen Augen ein Greuel
ist! So ihr beide uns nur stets so gnädig seid wie bis jetzt, wollen wir von
unserer Kunst ewig nichts mehr hören und wissen! Dessen könnt ihr völlig
versichert sein.“
[RB.01_051,14]
Spricht Robert: „Das freut uns, das ist schön und gut von euch! Aber so wir
beide später eines gewissen guten Zweckes wegen von euch verlangen möchten, daß
ihr bei einer kommenden Gelegenheit denn doch ein Tänzchen produziert, würdet
ihr auch dann eurem löblichen Entschluß getreu verbleiben?“
[RB.01_051,15]
Sprechen die Tänzerinnen: „O Freunde, was immer ihr wollt, werden wir auch tun,
da wir nur zu gut wissen, daß ihr nur etwas Gutes wollen könnt. Und so wollen
wir auch tanzen, so ihr es verlangt. Denn euer Wille soll fortan auch der
unsrige sein!“
[RB.01_051,16]
Spricht Robert: „Nun gut, so haltet euch bereit! Denn es wird sich in kurzer
Frist Gelegenheit ergeben.“
52. Kapitel –
Das gute Werk des Geistes in Robert. Die Herablassung des Herrn erschüttert
sein Herz. Sein Mitleid kommt den Tänzerinnen zugute.
[RB.01_052,01]
Rede Ich zu Robert: „Mein liebster Freund, Bruder und Sohn! Du hast wahrlich
ein geschmeidiges Herz, und das ist für Mich eine große Freude. Du redest wie
aus dir selbst, und dennoch redest nicht du aus dir, sondern Ich! Das ist eine
rechte Sache hier im Reiche der Geister, daß des Freundes Mund das laut kündet,
was da Rechtes und Wahres vorgeht im Herzen seines Nächsten. Dein Herz vernimmt
genau Meine Gedanken, und Mein Wille bleibt ihm nicht fremd! Und siehe, das
alles ist das Werk Meines schon stark wach gewordenen Geistes in dir.
[RB.01_052,02]
Dieser reine Geist aus Mir kann daher auch in Meine Tiefen dringen und allda
erschauen und erforschen Meine Gedanken und Meinen Willen. Das ist nun bei dir
schon sehr der Fall; daher du nun schon so genau in deinem Herzen wahrnimmst,
was Ich denke und will, als wärest du schon tausend Jahre hier in die heiligen
Geschäfte eingeweiht! Fahre nur so fort, dann wirst du Mir in Kürze ein
tüchtiges Rüstzeug werden.
[RB.01_052,03]
Und nun, da unsere Tänzerinnen schon wissen, was sie zu tun haben, wollen wir
uns sogleich an das Öffnen der Tür machen, hinter der wir sogleich das Wiener
Heldenkleeblatt debattierend antreffen werden.
[RB.01_052,04]
Nur muß Ich dich vorher fragen, ob die Tänzerinnen so schön genug sind, wie du
sie nun siehst. Oder sollen wir sie etwa noch schöner machen?“
[RB.01_052,05]
Spricht Robert lächelnd: „Herr, wie über alle Begriffe gut, mild und
herablassend bist Du! Du sprichst mit mir wahrlich nicht als ewiger Herr der
Unendlichkeit, sondern gerade wie ein irdischer Freund zum anderen, und als ob
Du im Ernst meines Rates bedürftest! Ja, das, das macht Dich noch unendlich
größer in meinem Gemüt, als so Du ganze Heere neuer Welten und Himmel vor
meinen Augen erschaffen möchtest. – Daß Du als Gott und Herr, unendlich mächtig
in Dir Selbst, auch Unendliches gestalten kannst, findet mein Herz ganz
natürlich. Aber daß Du mit mir, Deinem Geschöpf, so vertraulich redest und
handelst wie ein rechter Bruder mit dem andern – das macht mein Herz völlig
erstarren vor Deiner Größe!
[RB.01_052,06]
Was aber die noch größere Verschönerung dieser Tänzerinnen betrifft, so stelle
ich es natürlich ganz Dir anheim! Die ersteren sehen nach meiner Beurteilung
ohnehin gar nicht übel aus, denn sie sind recht fest und nett beisammen. Aber
die anderen sehen wohl sehr spitzig aus, und ihr Kleid erinnert mich lebhaft an
den Anzug fliegender Komödianten-Trupps. So du diese in ein bißchen besseres
Licht stellen möchtest, könnte gerade das nicht schaden – vorausgesetzt, daß
sie dadurch nicht eitler werden. Jetzt scheint sie die Eitelkeit nicht gar zu
sehr zu plagen, weshalb sie sich wahrscheinlich mehr im Hintergrunde befinden!“
[RB.01_052,07]
Rede Ich: „Ganz gut, Mein allerliebster Robert! Wie du es gewünscht hast, soll
es auch geschehen. Siehe, dort an der Wand befindet sich ein Schrank. Öffne ihn
und zeige es dann jenen Tänzerinnen, die du einer Verschönerung für nötig
erachtest. In diesem Schrank werden sich eine Menge Kleider vorfinden, die
ihnen ganz gut stehen werden, die sollen sie anziehen!“
[RB.01_052,08]
Robert tut sogleich, wie ihm geraten, und die Tänzerinnen haben eine große
Freude daran und kleiden sich hurtig an.
[RB.01_052,09]
Als sie in wenigen Augenblicken herrlich bekleidet dastehen, kann sich Robert
nicht genug verwundern über die Gestalten. Er kommt schnell wieder zu Mir und
spricht: „Aber das ist kaum zu denken. Nicht nur, daß ihnen diese himmlisch
schönen Kleider wie angegossen stehen, sondern die Kleider wirken auch auf ihre
Gestalt ein! Was das nun für allerliebste Gesichter sind! Und wie schön weiß
und rund sind nun ihre früher sehr spitzeckigen Arme geworden! Wie wallend ihr
Busen! Und erst ihre Füße! Nein, so was bekommt ein armer Sünder auf der Erde
nie zu Gesicht! Ist aber auch gut, denn so einem Fuß wäre ich auf der Erde
gewiß nachgerannt. Hier an Deiner Seite aber ist mir das völlig gleich.
[RB.01_052,10]
Aber nun stechen sie denn doch etwas zu stark ab von den ehedem schöneren
Tanzmeisterinnen. – Du wirst diese auch ein wenig besser ausstaffieren müssen!“
[RB.01_052,11]
Rede Ich: „Ganz recht! Geh nur wieder hin und öffne den bewußten Schrank, und
es werden sich auch für diese noch Kleider in rechter Menge vorfinden!“
[RB.01_052,12]
Robert zeigt das den ersten Tänzerinnen gleich an, und diese hüpfen vor Freude
und ziehen sich auch in wenigen Augenblicken außerordentlich himmlisch brillant
an.
[RB.01_052,13]
Sie gefallen nun Robert noch besser als die früheren, sodaß er sich daran gar
nicht satt genug sehen kann. Er kommt wieder zu Mir zurück und spricht: „O
Herr, was Dir doch alles so leicht möglich ist, ermißt wohl ewig kein noch so
vollkommener Geist! Nein, wie schön diese Engelchen nun dastehen! Welch
himmlische Anmut, Frische und Heiterkeit nun aus ihren schönsten Augen strahlt,
das ist gar nicht zu beschreiben! Bei meiner Seligkeit, die könnten mich sogar
zu einem Kuß –! Nein, nein, doch nicht! Auch das muß für einen Blum eine und
dieselbe Tinte sein. Aber schön sind sie, das ist wahr! Na, meine lieben Wiener
draußen: wenn ihr diese sehen werdet, dann wird der Teufel bei euch doch wieder
ein bißchen los werden! – Nun aber könnten wir doch schon zu den drei Helden
gehen?“
[RB.01_052,14]
Rede Ich: „Ja, komm nur mit Mir!“
53. Kapitel –
Die Volksführer Messenhauser, Jellinek und Becher im Jenseits. Ihre Ansichten
über Gott, Hölle und Fatum.
[RB.01_053,01]
Wir beide kommen bei der Tür an und diese geht sogleich wie von selbst auf.
[RB.01_053,02]
Durch die geöffnete Tür sieht man die drei, ganz vertieft um einen runden Tisch
sitzend. Sie wühlen in verschiedenen Schriften und Akten herum, als suchten sie
irgendein wichtiges Dokument.
[RB.01_053,03]
Nach einer Weile vergeblichen Suchens spricht Messenhauser ziemlich aufgeregt:
„Aber ich sage ja immer: dies wichtigste Dokument für unsere Unschuld ist bei den
letzten unglücklichen Affären verloren oder wohl ganz vernichtet worden! Was
nützt uns nun all unser Suchen? Rettet uns nicht ein guter Genius aus diesem
Gefängnis, so sind wir ohne weiteres verloren. Denn bei diesen Rechtlern Gnade
erwarten, wäre doch größter Wahnwitz. Wir sind nun schon einmal in den Händen
von rechten Teufeln, da gibt es weder Gnade noch Erbarmen! Ihr werdet sehen, es
wird nicht lange dauern, so wird ein Kriegsrichter mit einem Profosen
hereinkommen und unser Todesurteil vorlesen. Und das mit einer solchen
Gleichgültigkeit, als hätte er statt Menschen bloß nur ein paar Regenwürmer vor
sich, die zertreten werden sollen! Ich sage euch, wir werden erschossen
werden!“
[RB.01_053,04]
Spricht darauf Jellinek: „Freund Messenhauser, was du noch immer befürchtest,
ist an uns schon lange buchstäblich vollzogen worden! Es sieht die Sache wohl
aus wie ein Fiebertraum, aber es ist dennoch kein Traum! Denn es schwebt mir
nur zu klar noch meinen Augen vor, wie ich in den entsetzlichen Graben hinausgeführt
und dort in aller Form erschossen wurde. Ebenso, daß ich mich gleich in diesem
zweiten, dem irdischen nicht unähnlichen Kerker befand und dich, Messenhauser,
hier schon antraf, worauf auch Freund Becher hier eintraf. Wir leben also nun
ganz bestimmt nach dem Tod unseres Leibes hier ein gewisserart geistiges
Seelenleben fort, und unsere Furcht vor einem nochmaligen Erschossenwerden ist
völlig eitel!
[RB.01_053,05]
Aber mich drückt hier in diesem sonderbaren Zustand etwas ganz anderes: die
große Ungewißheit darüber, wo wir nun sind und zweitens, was wir zu erwarten
haben! – Wenn in Dreiteufelsnamen am Ende an den vielen Höllenpredigten der
Pfaffen doch etwas daran wäre – da wären wir wahrlich nicht zu beneiden! So ein
ewiges Verdammungsurteil irgendeines allmächtigen Wesens ginge zur
Vervollständigung unseres Glückes gerade noch ab! Aber ich tröste mich noch
immer damit, daß das Gottwesen, so es irgendwo ist, sicher endlos besser sein
muß als alle besten Menschen der Erde zusammengenommen. Sicher ist es besser
als der Feldmarschall Windischgrätz, der uns mit so unbeschreiblicher
Gemütsruhe hat hinrichten lassen. Oh, wenn es nur irgendein Mittel gäbe, sich
an diesem Tiger rächen zu können, und das so grausam als nur möglich, so wäre
das für mich wenigstens die größte Seligkeit! Wäret ihr da nicht
einverstanden?“
[RB.01_053,06]
Spricht Becher: „Ja, ja, Bruder, du scheinst in allem recht zu haben. Freund
Messenhauser fühlt sich noch in gewisser Hinsicht irdisch gefangen und meint,
daß er noch immer in Wien in einem Kerker schmachtend das Todesurteil zu
erwarten habe. Allein in diesem Punkt stimme ich ganz Freund Jellinek bei. Es
ist leider die nackteste Wahrheit, daß wir alle drei vollkommen erschossen
worden sind. Ich könnte aber nicht mit Gewißheit bestimmen, an welchem Tag.
Denn ich bin hier, wo es weder ganz Tag noch ganz Nacht ist, ganz aus aller
Zeitrechnung heraus. Es liegt hier aber auch nichts daran: Wir sind irdisch
genommen ein für alle Male tot, und da nützt kein Denken und kein Reden.
[RB.01_053,07]
Aber an eine Hölle glaube ich durchaus nicht. Denn so es einen Gott gibt, kann
es keine Hölle geben. Gibt es aber keinen Gott, da kann es noch weniger eine
Hölle geben! Denn der Begriff Gott ist zu rein, zu erhaben groß und zu weise
gut, als daß man sich aus Ihm eine Hölle als den Begriff der totalsten
Unvollkommenheit denken könnte. Gäbe es aber keinen Gott, sondern nur rein
mechanische, bewußtlose Kräfte, so fragt sich's, wie hätten diese eine
systematische Hölle zuwege bringen können?
[RB.01_053,08]
Spricht Jellinek: „Oh, das kann ich mir leicht vorstellen! Gibt es einen Gott,
was nicht zu bezweifeln ist, so fragt sich's: wie hat dies vollkommenste, beste
Wesen auch z.B. einen Windischgrätz erschaffen können? Dieser Tiger-Mensch
stellt die Hölle so ziemlich getreu auf der Erde vor, und ist doch wie eine
jede Klapperschlange ein Werk der vollkommensten Gottheit? Sollte es aber keine
Gottheit geben, wie konnten die stummen Naturkräfte in eine so miserable Laune
geraten und einen Windischgrätz ganz zufällig herausmodeln? Ihr seht nun, daß
unter einem Gott wie auch unter gar keinem Gott das Böse sich ebensogut
vorfindet wie das Gute. Zumeist noch reichlicher und stärker, woraus sich aber
dann unter beiden Bedingungen die Hölle ganz gut schlußfolgern läßt. Daher ist
es auch sehr leicht möglich, in diese ebenso unschuldig zu geraten, als wie wir
irdisch in die Hände des Windischgrätz gerieten. Was meint ihr in dieser
Beziehung?“
[RB.01_053,09]
Spricht Messenhauser: „Ja, du scheinst ganz recht zu haben! Mir kommt es nun
auch schon ganz klar vor, daß ich wirklich erschossen wurde und das bald nach
dem armen, gutherzigen Blum. Ich habe nun schon so manche Beobachtungen
gemacht, die ich euch wohl mitteilen kann.
[RB.01_053,10]
Seht auf den Tisch, auf dem wir unsere wichtigen Papiere liegen hatten. Sie
sind auf einmal unsichtbar geworden. Das ist schon ein verblüffend sonderbarer
Umstand! Ferner bemerke ich dort gegen Morgen zu auf einmal eine Tür offen, wo
wir noch kurz vorher keine Spur hatten, an welcher Wand sich möglicherweise
etwa doch die Tür vorfinden ließe! Endlich bemerke ich mit nicht geringem
Staunen, daß sich unser Kerker in ein nett aussehendes Zimmer umzugestalten
beginnt. Auch fange ich nun wirklich an, Fenster in diesem Zimmer zu entdecken
und nehme genau wahr, daß es immer lichter und lichter wird. Zwar war auch
schon ein sonderbares Dämmerlicht in unserem Kerker; aber wir konnten dabei
nichts so recht bestimmt unterscheiden. Nun aber nehme ich schon alles recht
genau wahr und sehe allerlei zierliche Gegenstände!
[RB.01_053,11]
Alle diese Erscheinungen bestärken mich mehr und mehr, daß wir uns nun in einer
Traum- oder Geisterwelt befinden müssen. – Aber was da in dieser Welt aus uns
in der Folge wird, das ist freilich eine andere Frage!
[RB.01_053,12]
Du, Bruder Jellinek, hast ehedem angedeutet, wie dir die Rache an dem
Windischgrätz zur größten Seligkeit gereichen würde. In diesem Punkte stimme
ich dir wieder nicht bei; denn sieh, ich bin durchaus ein Fatalist. Das
Schicksal hat auf die Erde Gift und Balsam in gleichem Maß ausgestreut. Was
kann ein Tiger dafür, daß er ein Tiger ist? Was kann die Tollkirsche dafür, daß
ihre Frucht dem Menschen gefährlich ist! Und ebensogut läßt sich auch von
Windischgrätz sagen: Er ist ein blindes Werkzeug des Fatums, das ihn so
gestaltet hat, wie er ist. In seiner Art ist er ebenso zu bedauern wie wir, die
wir seine blutigen Opfer geworden sind.
[RB.01_053,13]
Wir haben es gottlob überstanden. Er aber hat es noch zu überstehen. Und wer
weiß, ob er es einmal besser haben wird, als wir es hatten! Heute mir, morgen
dir! Und am Ende ist es eins, ob man hundert oder zehn Jahre den Staub der Erde
flachgetreten hat, oder ob man am Galgen oder im weichen Bett den Leib den
Würmern zur Speise übergibt. Mir ist das nun ganz einerlei!
[RB.01_053,14]
Ein Leben habe ich wieder und der Messenhauser bin ich auch noch! Ich habe
keinen Schmerz, keinen Hunger und keinen Durst. Ihr, meine lieben Freunde, seid
mir auch geblieben, und unser Zimmer wird stets heller und schöner! Was wollen
wir da noch mehr? Wenn es so fortgeht, so können wir uns nur gratulieren. Denn
besser und sorgloser ist es uns auf der lieben Erde ja auch nie gegangen! Wer
weiß es, wie es sich hier noch gestalten wird? Ich glaube, stets besser und
besser! Und sollte es mit der Weile wieder einmal schlechter werden: Wie oft
hat uns das Fatum auf Erden zwischen gut und schlecht hin- und hergeschoben!
[RB.01_053,15]
Ändern kann ich die Sache nicht. Und so ist es am klügsten, alle Dinge zu
nehmen, wie sie kommen und dabei alle seine Wünsche an den Nagel zu hängen.
Denn diese haben uns noch nie Interessen getragen und werden uns auch
wahrscheinlich hier nie einigen Nutzen bringen! Seid ihr darin mit mir nicht
vollkommen eins?“
54. Kapitel –
Jellinek beweist aus dem Buch der Natur das Dasein Gottes. Näheres über die
Gottheit könne der Mensch aber niemals fassen.
[RB.01_054,01]
Spricht Jellinek: „Bis auf dein Fatum ganz einverstanden mit allem! Aber mit
deinem Fatum scheint es einen bedeutenden Haken zu haben!“
[RB.01_054,02]
Fragt Messenhauser: „Wieso? Erkläre dich darüber deutlicher!“
[RB.01_054,03]
Spricht Jellinek: „Nur Geduld, lieber Messenhauser. So etwas läßt sich nicht
gleich aus dem Ärmel herausbeuteln! Aber ich will dennoch versuchen, dir dein
leidiges Fatum ein wenig aus dem Kopf zu treiben.
[RB.01_054,04]
Sieh, du warst dein ganzes Leben lang ein Mensch, der sich nie viel mit der
höheren Sphäre der Wissenschaften abgegeben hat. Du warst sozusagen schon mit
dem Einmaleins zufrieden und kümmertest dich nie um die ,höhere Mathematik‘!
Immer warst du ein Schalen- oder Hülsengelehrter und hast dich wenig um den
Kern der Wissenschaften bekümmert. Daher kam es denn auch, daß dir das innere
Wesen der Dinge verschlossen bleiben mußte. So konntest du auch nie zu jener wohlbegründeten
Einsicht gelangen, in der sich dir eine wunderbar wohlberechnete Ordnung in
allen Dingen und ihren Wirkungen beschaulich dargestellt hätte. Du bliebst nur
an der äußeren Rinde kleben, die freilich dem ersten Anschein nach oft das
Aussehen hat, als wäre sie bloß nur des Zufalls Werk. Aber es ist dennoch ganz
anders!
[RB.01_054,05]
Hast du schon einmal erlebt, daß ein Haus mit allen Einrichtungen aus bloßem
Zufall entstanden ist? Du sprichst: ,Nein, so etwas ist noch nie geschehen!‘ –
Gut, sage ich! Wenn der Zufall nicht einmal ein Haus zuwege bringen kann, wie
soll er eine ganze Erde erschaffen können? Auf der wir doch Wunderdinge in
einer Unzahl antreffen, von denen das einfachste schon eine viel zu weiseste
Konstruktion aufweist, als daß man auf die Mutmaßung kommen könnte, zu
behaupten: Das ist ein Werk des stummen und blinden Fatums! – Bruder, du gibst
mir recht und das freut mich! Aber höre mich noch ein wenig weiter an!
[RB.01_054,06]
Betrachte einmal die wunderbaren Einrichtungen der Pflanzen! Wie strenge und
genau sie in ihrer einmal gestellten Form durch Jahrtausende stets gleich
vorkommen und ihre Gattung auch nicht um ein Atom ändern! Wie unberechenbar
kunstvoll muß schon die Gestaltung eines Samenkorns sein, daß es aus der Erde
nur die ihm zusagenden Teile an sich zieht und sich allzeit vervielfältigt
fortpflanzt! Von dem übersinnlichen Wesen eines Samenkorns will ich gar nicht
reden. Denn wer begreift jene göttliche Berechnung, derzufolge ein einziges
Samenkörnchen zahllose Myriaden seinesgleichen in sich faßt.
[RB.01_054,07]
Oder nimm eine Eichelnuß an! Setze sie ins Erdreich, so wird in Kürze ein
ganzer Eichbaum zum Vorschein kommen, und dieser wird dir dann viele Jahre
hindurch eine unzählbare Menge Eicheln abgeben. Legst du all diese Nüsse wieder
in die Erde, so wirst du schon einen Wald von Millionen Eichen haben, die alle
die gleichen Früchte in einer nimmer berechenbaren Vielheit erzeugen. Und das
alles liegt wunderbar in einer jeden Eichel vor unseren Blicken verborgen und
ist doch unleugbar da! Sage mir, ob ein Fatum eine Eichelnuß wohl so
einzurichten vermag?“
[RB.01_054,08]
Spricht Messenhauser: „Bruder Jellinek, wahrlich, ich muß dir sagen, daß du ein
ganzer Theosoph bist! Dein schlichter Beweis mit der Eichelnuß hat mir mehr
gesagt als alle gelehrten Redensarten. Von der Nichtigkeit eines Fatums bin ich
nun gänzlich überzeugt und brauche weiter keine Beweise mehr. Aber nun kommt
etwas anderes
[RB.01_054,09]
Einen Gott voll der höchsten Urmacht und Weisheit muß es zwar geben – das kann
mein Gemüt und mein Verstand nimmer in Abrede stellen! Aber wo und wer ist
dieses Gottwesen? Kann es von einem Geschöpfe je erschaut und begriffen werden?
Ich kann mich noch wohl entsinnen, wie ich als Studierender die biblische
Geschichte habe zu lernen gehabt und da in einem der fünf Bücher Mosis einen
Text gefunden habe. Dieser lautete: Gott kann niemand sehen und leben zugleich!
– Dieser bedeutsame Text soll dem Moses aus einer Feuerwolke zugerufen worden
sein, als er an die mit ihm redende Gottheit das heiße Verlangen stellte, sie
nicht nur zu hören, sondern auch zu schauen. Ich muß bekennen, daß ich wohl
noch immer so einen gewissen halben Glauben an die Gottheit behielt. Aber was
dann den Glauben betrifft, daß der gewisse Jesus die Fülle der Gottheit in sich
fassen soll – da muß ich euch, liebste Freunde, ganz offen bekennen, daß ich
darin ein reinster Ungläubiger war und noch bin.
[RB.01_054,10]
Zwar hat die reine Lehre Jesu wahrhaftig die edelsten und richtigsten, mit der
Natur der Menschen vollkommen übereinstimmenden Grundsätze, gegen die sich gar
nichts einwenden läßt. Aber daß der Erfinder solcher Grundsätze darum auch ein
Gott sein solle, weil er moralische Grundsätze, die sich mit der allgemeinen
Natur der Menschheit am besten vertragen, zusammengestellt und gelehrt hat –
das geht über den Horizont meines Wissens und Glaubens!
[RB.01_054,11]
Die Lehre für sich kann also ganz gut nur menschlichen Ursprungs sein und
benötigt keines Gottwesens. Denn so jeder Urheber richtiger Lehren ein Gott
sein müßte, da müßte es schon beinahe wimmeln vor lauter Göttern auf der Erde.
Euklid, der Erfinder der geometrischen Figuren, wäre ein Gott! Der Erfinder der
Ackergerätschaften, die von unberechenbarer Wichtigkeit sind, wäre schon eine
Art Gott-Vater! Der Erfinder der Zahlen, der Erfinder der Schiffe ebenfalls
Götter, und so noch zehntausend mehr andere Erfinder der verschiedensten
nützlichsten Dinge! – Wie aber das ganze Heer von Erfindern wichtiger Dinge
noch nie auf eine Vergötterung Anspruch machte, so glaube ich auch, daß der
Erfinder der besten und einfachsten Moral wohl darauf hat Verzicht leisten
können. Meines Wissens hat er auf die lächerliche Vergöttlichung nie einen
Anspruch erhoben. Sicher machten in jener Zeit kurzsichtige und abergläubische
Menschen aus ihm einen Gott, weil er tausendmal gescheiter war als sie. Das
aber soll uns nun nicht mehr beirren, Jesus nicht mehr lächerlicherweise für
einen Gott zu halten, sondern nur für das, was er wirklich war. Ich glaube, daß
die gegenwärtige Menschheit es endlich einmal einsehen sollte, daß das
Unendliche niemals endlich werden kann; daß Gott ewig Gott bleibt, und der
beschränkte Mensch nur ein Mensch.
[RB.01_054,12]
Doch es lohnt sich hier wahrlich nicht der Mühe, viele Worte darüber zu machen,
was gegenwärtig bei allen Grundgelehrten als eine ausgemachte Sache betrachtet
wird. – Aber, was ich früher bemerkt habe, nämlich: Wo und wer so ganz
eigentlich die Gottheit ist, deren Dasein ich durchaus nimmer bezweifeln kann –
darüber sagt mir eure Meinung, meine beiden Freunde!“
[RB.01_054,13]
Spricht Jellinek: „Ja, liebster Bruder Messenhauser, das ist eine ganz kitzlige
Sache. Das Wo und das Wer werden wir wahrscheinlich niemals herausbringen! Denn
so wir endliche Wesen das unendliche Wesen der Gottheit begreifen wollten, da
müßten wir es zuvor endlich machen können – was natürlich vollkommen unmöglich
ist. Ebenso scheint es mir auch unmöglich zu sein, von dem unendlichen
Gottwesen mehr zu wissen, als was ich dir früher durch das Beispiel der
Eichelnuß gezeigt habe! – Ich bin der Meinung, wir sollten uns nun mit etwas
anderem abgeben, denn im Punkt der Gottheit werden wir alle drei verzweifelt
wenig herausbringen.“
[RB.01_054,14]
Spricht Becher: „Du hast ganz vollkommen recht! Denn die Gottheit ergründen
wollen, heißt wahrlich das Meer in eine hohle Nuß einfassen wollen! Lassen wir
daher dieses Gespräch, das kein Ende und Absehen hat, und fangen wir von etwas
anderem zu parlieren an. Zum Beispiel, was etwa unser Freund Robert Blum in
dieser Welt, oder was etwa unser Erzfeind Windischgrätz auf der Erde nun macht,
und ob er nicht etwa auch bald zu uns herüberkommen wird, wo wir ihn gebührend
empfangen würden!“
[RB.01_054,15]
Spricht Jellinek: „Brüder, was unseren armen Freund Blum betrifft, da bin ich
gleich dabei! Aber mit dem Windischgrätz verschont mich, denn diesen Tiger
wünsche ich ewig nimmer zu Gesicht zu bekommen! – Aber horcht, mir kommt vor,
als vernehme ich noch mehrere Menschenstimmen außerhalb der Tür. Erheben wir
uns einmal vom Tisch, um zu sehen, was es da draußen gibt.“
55. Kapitel –
Aufbruch zu Entdeckungsfahrten. Furchtsame Helden. Der Herr und Robert treten
auf.
[RB.01_055,01]
Die drei erheben sich von ihrem Tisch und begeben sich behutsamen Schrittes zur
offenstehenden Tür. Hier entdecken sie, wie aus einem Schlaf erwachend, daß es
außer ihrem Wohnzimmer noch ein größeres und viel herrlicheres Zimmer gibt. Sie
gucken einige Schritte vor der Tür hin und her, um irgend etwas Denkwürdiges zu
entdecken. Denn ganz an die Tür getrauen sie sich noch nicht, weil sie nicht
wissen, wer und was ihnen da etwa begegnen könnte.
[RB.01_055,02]
Nachdem sie eine Weile das Zimmer, in dem Ich Mich mit Robert, etwas von der
Tür zurückgezogen, befinde, sowie auch die vierundzwanzig Tänzerinnen im
Hintergrund beisammenstehen – gehörig durchspioniert haben und darin nichts
Bedenkliches wahrnehmen, spricht Jellinek mit leiserer Stimme:
[RB.01_055,03]
„Freunde, ich entdecke durchaus nichts Gefährliches in diesem Vorzimmer. Im
Gegenteil ersehe ich in der Ecke dort einen Tisch, auf dem sich in einer
Kristallflasche ein sehr gut aussehender Wein und einige einladende Stücke
Brotes befinden. Wenn uns sonst keine Gefahr droht, glaube ich, wir sollten da
nicht so zaghaft hingehen. Offenbar scheint dies dafür bestimmt zu sein, um uns
von unserem geistigen Sein bessere Begriffe und Ideen beizubringen als die, auf
denen wir bis jetzt herumgeritten sind. Es dürfte uns meines Erachtens ein
bißchen mehr Mut gar nicht schaden! Was meint ihr?“
[RB.01_055,04]
Spricht Messenhauser: „Bruder Jellinek, da stimme ich dir vollkommen bei! Nur
das muß ich zu meiner Schande bekennen, daß ich bei solchen
Forschungsgelegenheiten allzeit am liebsten der letzte bin! Denn könnte es da
möglicherweise zu einem Rückzug kommen, so wäre ich dann natürlich der erste!“
[RB.01_055,05]
Spricht Jellinek: „Aber lieber Bruder, wie es mir vorkommt, bist du ja ein
Haupthasenfuß! Wie aber hast du mit solch einem Mut einen Armeekommandanten
vorstellen können? Nun wird mir so manches klar! Schau, so du nicht hättest
deine Heeresmacht statt von deinem wohlbewachten Kommandantenbüro aus lieber im
offenen Feld vor dem Feind befehligt – wer weiß, ob Wien nicht gesiegt hätte?
Aber nun all das beiseite. Ich bitte dich um deiner eigenen Ehre willen, sei
nur jetzt kein Hasenfuß!“
[RB.01_055,06]
Spricht Messenhauser: „Aber, liebster Freund und Bruder, weil du schon so ein
förmlicher Napoleon von einem Helden bist, wie wäre es denn, so du mir und
Becher einen mutigen Vortrupp machtest? Da du unter uns den meisten Mut hast,
sei so gut und mache uns den Anführer! Denn ein wahrer Heldenmut hat mein Gemüt
nie belebt. Aber was wahr ist, das ist wahr: ich hatte trotz meinem geringen
Heldenmut dennoch nie eine große Furcht vor dem Tod. Und so ist es auch jetzt.
Aber es klebt mir eine ganz eigene Scheu vor diesem Vorzimmer an, so wie sie
gespensterscheue Kinder vor manchen Gemächern haben. Es ist wirklich etwas ganz
Eigenes, wie eine unverscheuchbare Ahnung von großen Ereignissen, die bald und
sicher eintreffen werden! Ihr werdet ja sehen, ob mich mein Gefühl getäuscht
hat, wenn wir unsere Füße über die Türschwelle setzen. Es kommt mir gerade so
vor, daß wir da sogleich auf unerwartete, große Dinge und Begebnisse stoßen
werden. Und ich hoffe, das wird meine sonderbare Mutlosigkeit bei dir doch ein
wenig entschuldigen?“
[RB.01_055,07]
Spricht Jellinek: „Ja, mein Freund, das ist aber auch etwas ganz anderes! Denn
auch mich foltert ein ähnliches Vorgefühl. Aber weißt du, das darf nie einen
großen Geist genieren! – Wenn ich mir jene Flasche Wein und das schöne
Weizenbrot daneben besehe, und mein appetitvoller Magen eine bedeutende
Sehnsucht kundzugeben anfängt – oh, da möchte ich mich schon lieber draußen am
Tische befinden als hier in eurer zitternden Gesellschaft! Was soll mich
eigentlich hier noch länger zurückhalten? Frisch gewagt, ist halb gewonnen!
Daher also vorwärts, hurra!“
[RB.01_055,08]
Hier geht Jellinek mutig auf die Tür zu und will zu dem gutbesetzten Tisch
hinwandeln. Aber im Augenblick, als er den Fuß über die Türschwelle setzt,
vertreten Robert und Ich ihm den Weg. Robert spricht in seinem gewöhnlich etwas
barschen Ton: „Halt! Wer da? Keinen Schritt weiter, bevor du nicht nebst deinen
zwei Begleitern dich legitimieren wirst, wer ihr seid und was ihr hier wollt!“
[RB.01_055,09]
Jellinek fährt bei dieser unerwarteten Begegnung etwas zurück, ermannt sich
aber bald, da er in dem Examinator sogleich Blum erkennt, und spricht erstaunt:
„Oh, oh, Blum! Robert! Ja wo, wo – bist denn du nun gewesen? Ah, das ist denn
doch etwas zu stark! Laß dich tausendmal umarmen und küssen! Kennst du uns etwa
im Ernst nicht? – den Messenhauser, den Becher und mich, deinen Jellinek?“
[RB.01_055,10]
Spricht Robert: „Ja, richtig, richtig! Ihr meine Leidens- und
Schicksalsgenossen seid es ja – leibhaftig ganz dieselben, wie ihr es auf der
Erde wart! Ich wußte ja lange schon, daß ihr hier meine Gäste seid. Ihr aber
wußtet nicht, daß ihr euch in meinem Hause befindet. Ihr habt euch aber von
einer läppischen Furcht beschleichen lassen! Kommt nun alle ganz wohlgemut
heraus und laßt uns dort bei jenem Tisch guter und fröhlicher Dinge sein! –
Bruder Messenhauser und du, Bruder Becher, traut ihr euch noch nicht über die
Türschwelle?“
[RB.01_055,11]
Sprechen Messenhauser und Becher zugleich: „Sei uns tausendmal gegrüßt,
schätzbarster Bruder und Freund! Mit dir gehen wir, wohin du uns immer führen
willst – besonders aber zu jenem Tische hin, der für unsere leeren Magen eine
reichliche Segnung trägt!“
[RB.01_055,12]
Mit diesen Worten stürzen sie voll Freude zu Robert heraus, umarmen und küssen
ihn und begeben sich dann zum Tische hin.
56. Kapitel –
Jellineks Herz entbrennt in Liebe zu Roberts Freund. Ein Himmelswein. Jellineks
Trinkspruch und des Herrn Erwiderung.
[RB.01_056,01]
Jellinek aber schaut Mich freundlich fest an und fragt Mich: „Lieber, holdester
Freund unseres Bruders Blum, dürfte ich dich bitten, daß du dich auch uns näher
zu erkennen gibst? Du mußt sicher ein äußerst guter Mensch sein, sonst möchtest
du dich nicht in der Gesellschaft unseres edlen Freundes Blum befinden!“
[RB.01_056,02]
Rede Ich: „Die Folge wird dir alles enthüllen, was dir noch dunkel ist. Gehe
aber nun mit Mir auch zum Tische des Herrn hin und stärke dich zuvor! Dann
wirst du viel geeigneter sein, so manches zu begreifen, was dir bis jetzt noch
ein Rätsel sein mußte. Komm also, mein lieber Freund und Bruder Jellinek!“
[RB.01_056,03]
Spricht Jellinek: „O Freund, deine Stimme klingt wunderbar freundlich! Jedes
deiner Worte schwellt mir das Herz auf eine nie empfundene Weise. So du nicht
ein Engel aus den Himmeln bist, so leiste ich auf mein Menschentum ewig
Verzicht. Ja, ja, du mußt ein Engel sein! Weißt du, ich werde bei dir bleiben
und mich ganz besonders an dich halten! Denn so lieb ich auch den guten Freund
Blum habe, so habe ich dich nun, seit du mit mir geredet hast, ganz
unbegreiflich um sehr vieles lieber! Jetzt also zu Tisch und ein Gläschen
miteinander zur ewigen Freundschaft! Denn ich glaube, hier wird es doch etwa
keine Windischgrätz oder ähnliche geben, die über dies Haus ein Standrecht
verhängen könnten?“
[RB.01_056,04]
Rede Ich: „O nein! Diese Furcht laß du für ewig beiseite! Nun aber zum Tische
hin, denn die anderen trinken uns schon eine rechte Gesundheit entgegen.“
[RB.01_056,05]
Messenhauser geht Jellinek sogleich mit einem Kristallpokal voll des besten
Weines entgegen und spricht: „O Bruder Jellinek, das ist eine wahre
Tausendessenz aller besten Weine, die wir irgendwann auf der Erde verkostet
haben! Da, trink den Pokal aus auf das Wohl aller unserer Freunde und Feinde!
Auch der Windischgrätz soll leben! Dies blinde Werkzeug irdischer
Völkerbeherrscher wird vielleicht auch einmal zu einer besseren Einsicht
gelangen.“
[RB.01_056,06]
Jellinek nimmt erfreut den Pokal und spricht: „Liebe Freunde! So gefallt ihr
mir besser als ehedem bei unseren nichtssagenden Debatten in jenem
Haftkämmerchen, wo du, Bruder Messenhauser, noch immer aufs Todesurteil in
Verzweiflung harrtest!
[RB.01_056,07]
Aber hört, ich habe mir hier den Freund unseres Blum zu meinem Herzensfreund
erwählt. Und so müßt ihr mir schon vergeben, wenn ich von diesem göttlich
duftenden Saft eher keinen Tropfen nehmen will, als bis nicht er zuvor aus
diesem Pokal getrunken hat!“
[RB.01_056,08]
Alle stimmen fröhlichen Mutes in den Wunsch Jellineks ein. Dieser aber reicht
Mir mit innigster Freundschaftsliebe den Pokal und spricht: „Lieber, göttlich
erhabener Freund! Verschmähe es nicht, aus der Hand eines armen Sünders, eines
irdischen Staatsverräters diesen Becher anzunehmen! Wahrlich, hätte ich hier
etwas Besseres, wie gerne würde ich dir's als ein Zeichen meiner Verehrung und
Hochachtung reichen! Aber siehe, Gold und Silber besitze ich nicht! Was ich
jedoch habe, nämlich diesen Becher und dann ein warmes, dich als einen
wertesten Freund begrüßendes Herz, das gebe ich Dir. O nimm es so an, wie ich
es dir darreiche! Es ist wohl sicher eine Keckheit von mir, daß ich es wage,
dir, der du sicher ein Engel bist, diesen Becher und mein Herz als
Freundschaftspfand anzubieten. Aber ich liebe dich einmal auch mit meinem
schlechten Herzen, weil ich ehedem in deinen wenigen Worten gar so viel
Freundliches, Liebes und Weises fand. – Bin ich auch ein ganz unreiner Geist,
so drücke ein wenig deine himmlisch milden Augen zu und denke dir: Der Kerl
versteht's nicht besser! – Weißt du, ich kenne die Manieren noch lange nicht, wie
man mit Geistern deiner Art umzugehen hat. Aber dessen kannst du versichert
sein, daß bei mir Herz und Zunge fest aneinandergewachsen sind! Gelt ja,
Freundchen, du nimmst mir diese kecke Freiheit nicht übel?“
[RB.01_056,09]
Ich nehme sehr freundlich den Becher aus Jellineks Hand, trinke daraus und sage
dann zu Robert: „Bruder, in dem Speiseschrank steht noch eine Flasche voll
Meines eigentlichen Leibweines. Diese trage her, damit Ich Meinem neuen
Herzensfreund zeige, wie gar teuer Mir seine Freundschaft ist!“
[RB.01_056,10]
Robert springt geschwind hin und bringt eine förmlich diamantene Flasche voll
des köstlichsten Weines und reicht sie Mir unter sichtlicher Rührung dar.
[RB.01_056,11]
Ich aber nehme die Flasche und schenke denselben Becher voll ein. Darauf sage
Ich: „Hier, lieber Freund und Bruder, nimm den Becher und trinke dir daraus die
vollste Überzeugung, wie überaus lieb und teuer Mir deine Freundschaft ist! Was
sprichst du von deinen Sünden? Welcher Mensch wohl könnte ein Herz, das so voll
der uneigennützigsten Liebe ist, als mit Sünden behaftet ansehen? Ich sage dir,
vor Mir bist du rein. Denn deine Liebe zu Mir bedeckt die Menge deiner
irdischen Sünden! Was du aber noch irgend der Welt schuldig warst, – Ich müßte
ein schlechter Freund sein, so Ich dir diese Schuld nicht abnähme und sie an
deiner Statt nicht berichtigte! Also trinke nun, Bruder Jellinek – auf unsere
ewige Freundschaft!“
[RB.01_056,12]
Jellinek spricht zu Tränen gerührt: „O du göttlicher Freund, du! Wie gar so
lieb und gut bist du! Oh, wenn ich mir nur jetzt das Herz aus dem Leib reißen
und in deine Brust hineinschieben könnte! – Aber gib nun den Becher her!“
[RB.01_056,13]
Jellinek nimmt den Kristall, trinkt daraus und spricht: „Nein, o du himmlischer
Engelbruder! So deine Freundschaft diesem Saft gleicht, dann bist du kein
Engel, sondern – ein reinster Gott selbst!! – Denn etwas Göttlicheres von einem
Geschmack und Geist kann die ganze Unendlichkeit unmöglich mehr aufzuweisen
haben! Brüder, kostet auch ihr davon und sagt, ob ich nicht vollkommen richtig
geurteilt habe!“
57. Kapitel –
Wirkung des Himmelsweines. Frage nach Christus und Seiner Gottheit. Bedeutsame
Antwort Roberts. Jellineks Liebeswahlspruch.
[RB.01_057,01]
Robert, Messenhauser und Becher trinken alle daraus und verwundern sich über
alle Maßen über die unaussprechliche Güte dieses wahrhaft himmlischen Weines.
[RB.01_057,02]
Messenhauser spricht: „Wahrhaftig, Herr, ist das aber ein Wein! Bruder Blum, in
diesem Hause ist gut sein, wir sollten uns hier einquartieren! Bleiben wir hier
nun gleich für ewig beisammen, wenn es sein kann! Sollte sich dann und wann so
ein armer Sünder einfinden, wie wir es waren und noch sind – so wollen wir ihn
aufnehmen und ihm hier einen guten Tag angedeihen lassen, und wenn es auch
einer unserer ärgsten irdischen Feinde wäre!“
[RB.01_057,03]
Spricht Robert: „Freund Messenhauser, das war von dir sehr schön und würdig
gesprochen, weil diese Worte wirklich aus dem Herzen und nicht aus dem
Verstande kamen. Ich sage selbst: so jetzt der Windischgrätz herkäme als ein
notleidender Geist, wahrlich, er soll bei uns sicher eine bessere Aufnahme
empfangen, als wir sie auf der Erde bei ihm fanden!“
[RB.01_057,04]
Alle drei schreien: „Bravo, so ist es recht! Um ein rechter Christ zu sein, muß
man aus seinem tiefsten Lebensgrund Böses mit Gutem vergelten können. Wer noch
Rache in sich verspürt, der ist noch lange nicht ein vollkommener Geist. Aber
wer, wie einst der größte und weiseste Lehrer der Juden, am Galgen noch sagen
kann: ,Herr! Vergib es ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘ – der hat in
sich gewiß die höchste Lebensfreiheit! Ja, wir möchten sogar behaupten: Der ist
ein Gott! Und das spricht auch am meisten für die Annahme der sonst sehr ins
Dunkel gestellten Gottheit Christi.
[RB.01_057,05]
Wo doch dieser einstige Jesus, an dessen irdischer Existenz gar nicht zu
zweifeln ist, sich nun in dieser Geisterwelt befindet? Wahrlich, das war wohl
ein allergrößter Freund der Menschen! Freund Blum, hattest du bisher noch nie
Gelegenheit, hier über diesen merkwürdigen Mann etwas Näheres in Erfahrung zu
bringen?“
[RB.01_057,06]
Spricht Robert: „Liebste Freunde, ich kann euch auf mein Wort versichern, daß
gerade Er meine erste wesenhafte Bekanntschaft in dieser Welt war!“
[RB.01_057,07]
Fragen alle freudig überrascht: „Wieso? Wie ging das zu? In welcher Gegend
ereignete sich das? Was hat Er zu dir geredet?! Geh Bruder, gib uns davon etwas
zum besten!“
[RB.01_057,08]
Spricht Robert: „Liebe Freunde, da wir jetzt noch ganz anderes zu tun haben,
wollen wir das auf eine günstigere Gelegenheit verschieben. – Aber das kann ich
euch schon zum voraus versichern, daß Er mich bald wieder besuchen wird, bei
welcher Gelegenheit dann auch ihr Ihn werdet näher kennenlernen.“
[RB.01_057,09]
Spricht Jellinek: „Aber du kannst uns doch noch sagen, ob du mit ihm nicht auf
seine von vielen Schwachgläubigen angenommene Gottheit zu reden gekommen bist?
Und hat er solchen Glauben gebilligt oder nicht?“
[RB.01_057,10]
Spricht Robert: „Ja, liebe Freunde, gewiß haben wir darüber sehr viel
gesprochen. Und ich muß der euch freilich noch kaum begreiflichen Wahrheit
gemäß hinzufügen: Christus ist der alleinig wahre Gott von Ewigkeit! Er ist der
Schöpfer aller Himmel und aller Welten! Mehr kann ich euch nun nicht sagen.
Wenn Er aber kommen wird, so werdet ihr alles Nähere schon von Ihm Selbst
erfahren!“
[RB.01_057,11]
Spricht Jellinek: „Freund Blum, das ist wegen des Beweises wahrlich nicht
nötig, wohl aber meines Herzens wegen. Denn ich muß offen bekennen, daß ich, so
er jetzt daherkäme und mir winkte, ihm zu folgen, euch allen augenblicklich
untreu würde! Denn ich liebe ihn schon als den vollkommensten, besten Menschen
mehr als alle Menschen der Erde zusammengenommen. Um wie vieles mehr aber werde
ich ihn erst lieben, so er auch wirklich Gott ist! – Um das Wie will ich mich
gar nicht kümmern. Denn ich habe einmal einen Wahlspruch gelesen, der lautet:
,Gott ist die Liebe! Wenn dein Herz je von einer mächtigen Liebe ergriffen
wird, so denke: Gott ist in dieser Liebe!‘ Seht, dieser Spruch ist mein
Barometer für das Dasein Gottes auch in jedem Menschen. – Wenn ich aber nun zu
Christus eine mächtigste Liebe in meinem Herzen verspüre, da sagt mir diese
Liebe eben: Christus ist und muß ein Gott sein; denn wie könnte ich ihn sonst
gar so mächtig lieben? Darum liebe ich auch diesen himmlischen Bruder so sehr,
weil er sicher viel Gottesliebe in sich birgt! Habe ich recht oder nicht?“
[RB.01_057,12]
Spricht Robert: „Vollkommen! Nur das Herz kann Gott begreifen, der Verstand
ewig nie! – Aber nun, liebe Freunde, zu etwas anderem! Da wir schon gerade bei
dem Kapitel Liebe sind, so können wir dies leicht damit verbinden.
[RB.01_057,13]
Hört! Wohl ist die Liebe der einzige Beweis für die Gottheit und ihr
unbestreitbares Dasein. Aber wir wissen auch, daß es ein zartes weibliches
Geschlecht gibt, das nur zu oft unsere Herzen derart in Anspruch nahm, daß wir
darob einer höheren und reineren Liebe für Gott gar nimmer fähig waren! Nun,
meint ihr wohl, daß auch in dieser zumeist doch nur rein sinnlichen Liebe Gott
wohnt?“
[RB.01_057,14]
Spricht Jellinek: „Allerdings! Wäre nicht Gottes Zartheit in dem Weib, wer
könnte es lieben? Aber daß dessenungeachtet diese Liebe auch ausarten kann,
daran ist nicht zu zweifeln.“
[RB.01_057,15]
Spricht Robert: „Wenn zur Probe hier mehrere ganz ausgezeichnete weibliche
Schönheiten im schönsten Ballettkostüm aufträten, und zwar mit der größten
Freundlichkeit gegen uns – daneben aber auch der strenge, wenn sonst auch
übergute Gottmensch Jesus – sage mir, besonders du, Jellinek, was würde dein
Herz dazu für eine Miene machen? Denn ich weiß, daß dir die sogenannten
Tanzkünstlerinnen stets am meisten gefährlich waren!“
[RB.01_057,16]
Spricht Jellinek: „Bruder, du hast zwar hier eine meiner schwächsten Seiten berührt.
Aber so viel kann ich dagegen doch gewisserart rühmlich erwidern, daß ich trotz
all meinen Schwächen dennoch für ein echtes Haar Christi 10000
Tanzkünstlerinnen auf der Stelle kann sitzen oder tanzen lassen! – Denn die
Liebe zu Gott wird doch etwa ein bißchen mächtiger sein als die Liebe zu einer
schmucken Tänzerin. Die Liebe zu den Weibern kann nur dann die Liebe zu Gott
schwächen, wenn man entweder an keinen Gott glaubt, oder an einen Gott zu
glauben bemüßigt ist, der irgend in einer Hostie stecken soll! Aber so die
Gottheit wirklich, und zwar in der Person Christi da ist, daß man sie sieht,
als solche erkennt und mit Ihr sogar reden kann – Bruder, da fahre du ab mit
deinen tanzenden Schönheiten! – Aber natürlich ohne Christus könnten mir einige
sehr üppig gestellte Fannys in der Brust etwas mehr Wärme erzeugen, als wenn
keine da sind.“
[RB.01_057,17]
Spricht Robert: „Bruder, möchtest du einige sehen?“
[RB.01_057,18]
Spricht Jellinek: „Wenn du auch derlei Geister hier hast, so laß sie sehen, auf
daß wir an uns erfahren, inwieweit sie uns gefährlich werden könnten!“
58. Kapitel –
Probe der Weiberliebe für Roberts Freunde. Gute Erwiderungen Jellineks und
Messenhausers.
[RB.01_058,01]
Auf diese Rede Jellineks begibt sich Robert sogleich in den bekannten hinteren
Teil des Zimmers, wo sich die vierundzwanzig Tänzerinnen nun hinter einem
Vorhang befinden. Als er da anlangt, zieht er den Vorhang auseinander und
spricht zu den ruhig versammelten Tänzerinnen: „Nun, meine Lieben, ist es an
der Zeit. Tretet sonach hervor und macht vor jenen drei Gästen einige recht
artige Bewegungen. Aber macht eure Sache gut und bereitet diesem Hause keine
Schande!“
[RB.01_058,02]
Die Tänzerinnen tun sogleich, was Robert von ihnen verlangt. Aber bevor sie
noch einen Tanzschritt machen, spricht die erste zu Robert: „Nur das bitten wir
dich, daß du es uns nicht zu einem Fehler anrechnest, so wir durch unsere hier
merkwürdig üppige Gestalt etwa gefährlich würden! Solltest du aber so etwas im
voraus vermuten, wäre es uns allen lieber, du ließest uns nicht vor jene neuen
Gäste treten! Denn es wäre uns allen wahrlich leid, so wir Böses anrichteten,
da wir nun ganz ernstlich Gutes wirken möchten!“
[RB.01_058,03]
Spricht Robert: „Meine lieben Schwestern, diese Äußerung erfreut mein Herz,
denn ich entnehme daraus, daß ihr guten und reinen Sinnes seid. Aber es sei
euch allen nicht im geringsten bange! Denn dafür wird schon mein liebster
Freund dort und auch ich Sorge tragen, daß ihr jenen Gästen und die Gäste euch
nicht den geringsten Schaden zufügen werden! Tretet sonach nur mutig und
unerschrocken auf; denn nichts Böses oder Gefährliches, sondern nur Gutes und
Ersprießliches sollt ihr durch euren Tanz an jenen drei Gästen bewirken!“
[RB.01_058,04]
Als die Tänzerinnen diese Versicherung vernehmen, treten sie rasch in den
hellen Vordergrund des Zimmers und beginnen sogleich mit den freundlichsten
Mienen ihre Künste durch allerlei artige Bewegungen zu entfalten. Robert, schon
wieder bei den drei Freunden, fragt sogleich den Jellinek: „Nun Bruder, wie
gefallen dir unsere Haustänzerinnen? Hast du auf der Erde je etwas
Vollendeteres in dieser Art gesehen?“
[RB.01_058,05]
Jellinek betrachtet die Tänzerinnen mit großer Aufmerksamkeit und spricht
darnach wie mit einem tiefen Seufzer: „Ach, lieber Bruder, ich kann mir nicht
helfen, aber mein Gefühl beim Anblick solcher Produktionen bleibt sich stets
gleich! Ich muß es dir ganz offen sagen, daß ich daran nie ein wahres Vergnügen
gehabt habe. Im Gegenteil, ich bin dabei stets nur mit einer gewissen Art von
Wehmut erfüllt worden und verließ ganz sonderbar gestimmt das Komödienhaus. Ich
dachte auf der Erde oft über den sonderbaren Vorgang in meinem Gemüt nach. Ich
war aber stets unfähig, mir darüber eine begründete Rechenschaft zu geben. Nun
aber geht mir darüber ein recht tüchtiges Lichtlein auf, und das freut mich
mehr als all diese Tanzkunstproduktionen. Der Grund liegt in der totalen
Zwecklosigkeit dieser Gliederverrenkung. Sage mir, welchen Nutzen kann diese
Kunst wohl je bezwecken? Nach meinem Dafürhalten nicht den allergeringsten!
Alle anderen Künste, die Tonkunst, die Dichtkunst und die Maler- und
Bildhauerkunst können in ihrer wahren und würdigen Haltung dem menschlichen
Gemüt wohl von sehr wesentlichem Nutzen sein. Dies, indem sie das Herz sänftigen
und veredeln und so nicht selten einen rauhen Menschen zu einem sanften und
gemütvollen erziehen und eine rechte Liebe in der Brust erwecken. Nun aber
lassen wir diese Tanzkunst eine noch so reine und würdige Richtung nehmen, so
werden durch sie zumeist nur die unlautersten Gefühle in der Seele wach. Die
Natur fast eines jeden Mannes wird nach einer solchen Vorführung stets ums
vielfache sinnlicher und begehrender.
[RB.01_058,06]
Ich meine, daß dieser angeführte Grund meines Mißbehagens allerdings beachtenswert
ist, obschon er nicht eigentlich die Quelle meiner Wehmut war, die stets meine
Gefährtin nach solchen Darbietungen war. Die eigentliche Quelle meiner Wehmut
nach solchen Kunstleistungen war wohl hauptsächlich der Gedanke, durch den ich
so eine wohlgestaltete Tänzerin wie durch ein magisches Theaterglas als einen
gefallenen Engel ansah!
[RB.01_058,07]
Wie oft sprach ich da bei mir selbst: Was könntest du meinem Herzen sein! Aber
als ein gefallener Engel erkennst du nimmer den Wert eines Herzens, das dich so
gerne aus dem Schlamm deiner Gesunkenheit wieder zu einem wirklichen Engel
erheben möchte. Der Welt Mammon ist nun dein Gott. Und dein eigenes Herz
trittst du Blinde mit den Füßen, mit denen du nur die frechste Unzucht
stachelst. Was kümmern dich die Herzen, in die deine zauberischen Füße mit
jedem Schritt giftige Pfeile geschleudert haben?“
[RB.01_058,08]
Solche Gedanken waren stets meine Begleiter und stimmten meine Seele ganz
sonderbar trüb. – Hatte ich aber nicht recht, wenn ich so dachte? Weil ich aber
nun auch hier ebenso denke – so frage dich nun selbst, ob mir nach deinem
Dafürhalten diese Tänzerinnen, die nun glücklicherweise ihre Vorführung beendet
haben, je gefährlich werden könnten? Mir sind sie in dieser Situation wohl am
wenigsten gefährlich, sowie auch diesem meinem wohl allerliebsten Freund, der
meine Rede mit sichtlicher Rührung angehört hat. – Also kann ich dir, Freund
Blum, die volle Versicherung geben, daß alle diese vierundzwanzig Künstlerinnen
samt ihren achtundvierzig schönsten Füßen meiner Jesusliebe nicht den leisesten
Eintrag gemacht haben! Im Gegenteil – nur erhöht haben sie meine nun heiligste
Liebe! Denn sieh, ich habe nun ein rechtes Mitleid mit diesen armen gefallenen
Engeln! Und so es mir möglich wäre, sie aus ihrer Niedrigkeit zu wahren
Menschen zu erheben, gäbe ich mein halbes Leben darum! – Aber lassen wir das! –
Nun saget auch ihr beide, Messenhauser und Becher, wie euch dieses Spektakel
gefallen hat?“
[RB.01_058,09]
Sprechen die beiden: „Nun, nun, so – gar nicht übel! Aber etwas komisch kommt
uns die Sache doch vor! Auf der Erde sind einem solche Exzentritäten
menschlicher Dummheit ganz erträglich. Aber hier im Geisterreiche wirken solche
Verirrungen des menschlichen Strebens wohl ein bißchen zu sonderbar! – Denke dir,
so wir nun wieder zur Erde zurückkehren und dort unseren Freunden erzählen
könnten, daß wir soeben einem himmlischen Ballett beigewohnt hätten! Na, das
Gelächter möchten wir hören! Aber sage nun, wie du so eigentlich zu diesem
tollen Gedanken gekommen bist, dir hier im Reich der Geister ein förmliches
Serail, gleich von ein paar Dutzend der saubersten Balletttänzerinnen zu
halten? Hast du sie denn förmlich in deinen Sold genommen? Oder ist das etwa
der Himmel der Neukatholiken? Geh, fahr ab mit deinen neukatholischen
Engelchen! Bringe uns lieber noch so ein Flascherl von dem letzten Wein. Von
dem ist ein Tropfen mehr wert als alle die achtundvierzig Füßlein!“ Robert
lächelt dazu und holt die zweite Bouteille.
59. Kapitel –
Der Herr über den oft mißbrauchten Satz: „Der Zweck heiligt das Mittel“.
[RB.01_059,01]
Jellinek wendet sich nun auch an Mich und fragt, wie etwa Mir diese sonderbare
Kunstleistung gefallen hätte?
[RB.01_059,02]
Ich aber sage zu ihm: „Lieber Freund, Ich muß dir offen bekennen, daß Ich bei
solchen Gelegenheiten viel weniger auf das Mittel als nur allein auf den Zweck
Mein Augenmerk richte. Denn es kann an und für sich das Mittel oft noch so
sonderbar aussehen, so macht das nichts, wenn damit nur ein in allen
Beziehungen edler und guter Zweck erreicht worden ist. Denn hier im
Geisterreiche heiligt allzeit der erreichte beste Zweck jedes Mittel, durch das
er einzig allein hat erreicht werden können. Hier liegt wahrlich nichts an
dieser Tanzvorführung; aber in Verbindung mit der durch sie allein möglichen
Erreichung eines edelsten Zweckes liegt dann wieder unendlich viel daran.
[RB.01_059,03]
Ich will dir diesen zwar jesuitisch klingenden Grundsatz zuvor irdisch
beleuchten, daß dir sein geistiger Gehalt desto einleuchtender werde. Und so
höre Mich! Siehe, der Grundsatz lautet kurz so: Der gute Zweck heiligt jedes
Mittel, durch das er möglich erreicht werden kann. – Ob dieser Grundsatz aber
auch richtig ist, werden wir nun aus mehreren Beispielen ersehen:
[RB.01_059,04]
Siehe, ein Sohn auf der Erde hat einen Vater, der bei einer Arbeit das Unglück
hatte, sich ein Bein dergestalt zu brechen, daß es nur durch eine geschickte
Operation wieder geheilt werden kann. Was würde der gute, seinen Vater über
alles liebende Sohn wohl mit einem Menschen tun, der seinem Vater nur aus Zorn
oder bösem Mutwillen einen Fuß mit einem scharfen Beil abhiebe? Dieser Sohn
würde den Übeltäter ergreifen und ihn züchtigen sein Leben lang. Und doch hätte
sein Vater bei dieser Schnelloperation bei weitem weniger gelitten – da sie an
einem gesunden Fuß wäre pfeilschnell bewerkstelligt worden – als da sie nun an
einem im höchsten Grade leidenden Fuß vom Arzt muß vollzogen werden. – Siehe,
das Mittel an und für sich, ohne Verbindung mit dem dadurch erreichbaren Zweck,
wäre allein genommen ein Greuel. Aber in Verbindung mit dem guten Zweck ist es
ein Heil. Und der Sohn wird sich gewiß dem geschickten Operateur, der seinem
geliebten Vater das Leben rettete, im höchsten Grade dankbar erweisen. Denn
ohne diesen wäre der Vater am Brand gestorben. – Gehen wir aber weiter!
[RB.01_059,05]
Was wohl würdest du jemandem tun, der dir mit der Faust einen Zahn einschlüge?
Siehe, du würdest diesen Wüterich vors Gericht fordern und von ihm kein kleines
Schmerzensgeld verlangen. So du aber einen leidenden Zahn hast, der viel
Schmerzen verursacht, da gehst du selbst zu einem Zahnarzt und zahlst ihn gerne
dafür, so er dir den schlechten Zahn herausreißt. Wer könnte einen Zahnreißer
loben, der bloß zu seinem Vergnügen den Menschen die Zähne einschlüge oder
ausrisse? Ganz anders verhält sich die Sache in den Händen eines wirklichen
Zahnarztes, weil er mit seiner oft noch so schmerzlichen Operation einen guten
Zweck erreicht. Du kannst unmöglich in Abrede stellen, daß hier das an und für
sich grausame Mittel durch den erreichten guten Zweck geheiligt wird. – Aber
darum nur weiter!
[RB.01_059,06]
Siehe, der Totschlag ist eine der größten Sünden, die ein Mensch an seinem
Nebenmenschen begehen kann. Es wandelt ein Vater mit seinem Sohn durch einen
Wald. Ein böser Mensch, der bei dem Vater viel Geld wittert, springt auf einmal
aus dem Dickicht hervor, packt den Vater an der Kehle und will ihn erdrosseln.
Der Sohn sieht die große Gefahr seines Vaters, greift sogleich nach seinem
Gewehr und tötet den Raubmörder! – Siehe, der Totschlag ist also, wie gesagt,
eine der größten Sünden. Ist aber der Totschlag, den der Sohn an dem Mörder
beging, der seinen Vater erdrosseln wollte, auch eine Sünde? O nein! Schon der
pure Verstand sagt dir: Der Totschlag ist nur an und für sich, sowie als Mittel
zur Erreichung eines schlechten Zweckes eine der größten Sünden. Aber, wie hier
in Verbindung mit dem besten Zweck ist er ebenso heilig wie der Zweck selbst.
Ganz besonders dann, wenn er sich als ein einzig wirksames Mittel herausstellt.
[RB.01_059,07]
Wie mit diesen drei Beispielen, so verhält es sich auch mit jeder Handlung,
deren nur immer ein Mensch oder Geist fähig ist. Wenn sie nach weiser
Überlegung als das einzig wirksame Mittel zur Erreichung eines guten Zweckes
erscheint, so ist sie auch gut, gerecht und durch den erreichten Zweck
geheiligt!
[RB.01_059,08]
Und so wirst du, lieber Freund, bei diesen armen Tänzerinnen schon ein Auge
zudrücken müssen. Denn sie tanzten zur Erreichung eines mehrfach guten Zweckes.
Und dieser ist auch wirklich erreicht worden, wie du gar bald einsehen wirst.
Sage, sollen wir diesen Tanzkünstlerinnen dafür grollen, oder sollen wir ihnen
dafür etwa auch von der zweiten Bouteille ein Gläschen zu verkosten geben?“
[RB.01_059,09]
Spricht Jellinek: „Oh, wenn so – dann allerdings! Kommt nur her, ihr lieben
Herzerln, ihr sollt auch einen guten Tag haben!“
60. Kapitel –
Die Tänzerinnen wünschen Aufschluß über Gott. Robert belehrt sie: „Nur in dir
suche Licht!“ – Gefahr rein äußerlicher Forschung.
[RB.01_060,01]
Die Tänzerinnen verneigen sich auf diesen Ruf gar ehrerbietig und die drei
ersten sagen: „O ihr lieben, herrlichen Freunde, ihr seid gar zu gut und
nachsichtig gegen uns! Denn unsere schlechte und elende Kunst ist wohl die
allerunterste aller Künste, als daß sie von Geistern wie euch nur die geringste
Achtung verdienen könnte. Und so können wir es gar nicht begreifen, warum ihr
uns armen Sünderinnen gar so gut sein könnt? Wahrlich, so wir auf der Erde uns
noch im Fleisch befänden, da könnten so herzlich gute Menschen eine große Macht
über uns bekommen. Aber wir sind hier ganz vollkommen Arme im Geist, und haben
nichts, als was eure große Güte uns beschert. Daher können wir auch für eure
große Güte euch nichts anderes entgegentun als euch achten und lieben, so
mächtig es unseren Herzen möglich ist! Dürfen wir uns euch damit nahen, so
wollen wir übergerne mit euch fröhlich sein. Ist aber unsere vielleicht zu
wenig reine Liebe euerem Wesen nicht genehm, dann laßt uns wieder fortziehen
und unsere irdischen Sünden beweinen!“
[RB.01_060,02]
Spricht Jellinek: „Ich bitte euch, liebste Herzchen, seid nur nicht gar so
römisch-katholisch! Wo ist denn der Gott, der die Liebe für ein Verbrechen
hielte? Wie sollten dann wir euch wohl verachten, weil ihr uns liebet? Kommt
also nur alle her und trinkt von diesem wahren Lebenswein! Scheuet euch nicht
vor uns; wir alle fünf verlangen von euch nichts als bloß eure Liebe, die ihr
uns gerne werdet zukommen lassen. – Und so hoffe ich, daß ihr nun im klaren
seid, was wir von euch zu erlangen wünschen – nämlich nichts als eure reine
Liebe und Freundschaft!“
[RB.01_060,03]
Als die Tänzerinnen solches von Jellinek vernehmen, begeben sie sich darauf
freundlichsten Angesichtes zu uns hin und sagen: „Wir sind eure Mägde! Euer
guter und edelster Wille sei unser heiligstes Gesetz! Eine Bitte aber wagen wir
euch dennoch vorzutragen: Wir hatten auf der dummen Welt wenig Gelegenheit
gesucht, das höchste Gottwesen wahrhaft kennenzulernen und sind sonach in
diesem allerersten Punkte menschlichen Wissens und Glaubens hier als reine
Blinde angekommen.
[RB.01_060,04]
Wohl waren wir sogenannte römische Christinnen und machten äußerlich alles mit,
was diese Kirche zu beachten vorschrieb. Aber alle unsere Fasten, Beichten und
Kommunionen haben uns der wahren Erkenntnis Gottes nicht um ein Haar
nähergebracht. Wir starben etwa im Verlauf von zehn bis fünfzehn Jahren alle,
wie wir hier sind, und fanden uns hier wie zufällig wieder. Aber in demselben
Zustand, in dem wir diese ernste Welt betraten, befinden wir uns noch jetzt.
Wir kannten Gott nie und kennen Ihn noch immer nicht. Und doch kann nur ein
überaus guter, höchst weiser und allmächtiger Gott uns dieses Dasein gegeben
haben!
[RB.01_060,05]
Wenn ihr, liebe Freunde, es nicht unter eurer Würde fändet, auch uns armen
Kreaturen bei Gelegenheit von Gott eine etwas bessere Vorstellung zu geben,
würdet ihr uns eine überaus große Freude machen.
[RB.01_060,06]
Man hat uns auf der Welt die Gottheit stets auf eine solche Weise geschildert,
daß eben diese Vorstellung von Gott uns jeden wahren Begriff von Gott nahm. Ein
Gott bestehe aus drei Personen, deren jede für sich vollkommen Gott sei, was
doch offenbar drei Götter ergeben müßte! Aber diese drei Götter seien dennoch
nicht drei Götter, sondern einzig nur ein Gott! Jeder der drei Götter hat zwar
seine eigene Verrichtung. So hängt z.B. der Gott-Sohn sehr vom Gott-Vater ab
und darf nur das tun und lehren, was der Vater will. Und doch heißt es wieder:
Sohn und Vater sind völlig eins! – Mit dem Heiligen Geist weiß man eigentlich
gar nichts anzufangen. Ist er mehr oder weniger als der Vater oder der Sohn? Er
gehe aus beiden hervor und ist über beiden als eine Taube dargestellt! – Nun
kommen aber noch die Milliarden Hostien, von denen jede auch vollkommen Gott
sein soll! – Kann daraus ein Mensch über das Gottwesen je ins klare kommen?
Daher laßt euch unsere Bitte nicht zuwider sein, denn ihre Erhörung tut uns not
– mehr als dieser Wein!“
[RB.01_060,07]
Spricht Robert, einen Pokal des besten Weins darreichend: „Liebe Schwestern, im
Namen Gottes, des Herrn und Schöpfers der Unendlichkeit, nehmet nur getrost hin
diesen Wein und trinket ihn! Denn dieses Weines Geist ist nicht wie der Geist
der irdischen Weine, in denen nach Paulus die Geister der Unzucht und Hurerei
wohnen. Sondern der Geist in diesem Wein heißt der Geist der ewigen, reinsten
Liebe in Gott; welcher Geist daher auch eine heilige Flamme voll Licht, Helle
und Klarheit ist. In diesem Lichte werdet ihr gar bald von selbst in euch
finden, was ihr von uns haben möchtet.
[RB.01_060,08]
Erhaben ist zwar euer Wunsch, und kein Engel kann an ihm einen Makel entdecken.
Aber sucht seine Erfüllung nicht außer euch, sondern in euch, so wird sie euch
nützen für ewig! Geben wir sie aber euch, da habt ihr ein fremdes Eigentum in
euch. Das kann euch wohl äußerlich einen zeitweiligen Vorteil gewähren, müßte
euch aber innerlich mit der Zeit einen nicht leicht zu verbessernden Schaden
bringen.
[RB.01_060,09]
Denn seht, eine bloß äußere Lehre kann sich vorerst auch nur den äußeren
Geistern mitteilen, deren Sinn ein materieller ist. Er macht dann in diesen
Geistern wohl eine Revolution und nötigt sie hie und da, solche Lehre
anzunehmen. Der innere Geist merkt solches bald. Er tritt hinaus unter die
Naturgeister oder die eigentliche Naturseele jedes Menschen, gewahrt da die
gute Saat und hat eine große Freude daran. Aber da geschieht dann meist ein
Unglück. Während der eigentliche Lebensgeist des Menschen die äußere Saat
betrachtet und sich außerhalb seines Gemaches unter seinen Naturgeistern auf
eine reiche Ernte freut, raffen sich die bösesten und unlautersten
Naturgeister, die noch in der Seele vorhanden waren, zusammen, um in das Gemach
des wahren Geistes einzudringen und diesem dann den Rückzug zu verwehren, ja
gar oft unmöglich zu machen. So der wahre Geist aber dann seinen Sitz des
Lebens verliert, sucht er anfangs sich einen neuen Sitz unter den besten seiner
seelischen Naturgeister aufzurichten; er wohnt da unter ihnen wie eine
Wohnpartei im Hause eines anderen Besitzers. Aber da er, all seines Eigentums
beraubt, am Ende den Mietzins nicht entrichten kann, so nimmt ihm der
eigentliche Hausherr alles, was er noch hatte und macht ihn obendrauf zu einem
Gefangenen oder gar zum Sklaven seiner Herrschsucht! In diesem Zustand muß sich
dann der wahre innere Lebensgeist mit den unlautersten Naturgeistern verbinden
und im selben Joch am Schandseile des Lasters ziehen. Und das ist dann auch so
viel wie der geistige Tod des Menschen. Denn in solch einem Menschen hat dann
Satan seinen Thron aufgerichtet und hat den eigentlichen Herrn des Lebens im
Menschen zum Sklaven höllischer Gelüste und Triebe gemacht!
[RB.01_060,10]
Daher laßt euch allzeit raten, daß ihr nicht zu gierig nach äußerer Belehrung
trachtet. Denn diese taugt für nichts, wenn sie der Geist nicht in der größten
Demut aufnimmt und sogleich sein ganzes Leben vollkommen darnach einrichtet,
was wohl für jeden Geist eine sehr schwere Aufgabe ist. – Seht, Salomo, Israels
weisester König, fiel trotz seiner Weisheit. Denn sein innerer Geist, sich
stark genug fühlend, wagte es einmal, seinen innersten Wohnsitz zu verlassen,
dann hinauszutreten unter seine Naturgeister, um sie zu ordnen nach seiner
Weisheit. Aber da er das tat vor der Zeit seiner Vollreife – die allzeit von
innen heraus und nie von außen nach innen erfolgen muß –, so ward er von seinen
unlauteren Naturgeistern gefangen und nicht mehr in sein Haus gelassen, das nur
zu bald zu einer Wohnung alles Lasters, der Unzucht und Abgötterei umgestaltet
wurde! – So verriet auch Judas seinen Meister, Herrn und Gott, weil er die
Lehre des Heils nur in seine äußeren Geister aufnahm, die im Verstand und
daraus in allerlei Begierlichkeiten ihren Sitz haben. Dadurch lockte er den
eigentlichen Lebensgeist aus seiner innersten Wohnung und öffnete sie dem Satan
zum freien Einzug. Die Folge davon ist zu bekannt, als daß ich sie euch
wiedergeben müßte.
[RB.01_060,11]
Daher trinket nun diesen Wein! Dieser wird in euch die rechte Liebe zu Gott
erwecken. Und diese wird euren Geist stärken und wachsen machen. Wenn der Geist
dann durch sein Wachstum alle seine äußeren Naturgeister durchdringen wird,
ohne seinen ursprünglichen Sitz zu verlassen, dann wird er schon in sich alles
finden, was er jetzt von außen her erhalten möchte. – Habt ihr mich wohl
verstanden?“
61. Kapitel –
Der Tänzerinnen Verständnis. Kampf gegen unreine Naturgeister im Menschen.
Stufenleiter der Vervollkommnung. Der Allerhöchste.
[RB.01_061,01]
Sprechen die Tänzerinnen: „O du weisester, wahrhaft in das innerste Wesen des
Menschenlebens eingeweihter Freund! Gar wohl haben wir dich verstanden! Du hast
das, was wir oft dunkel geahnt haben, uns zur klaren Anschauung gestellt. Wie
sollen wir dir dafür je genug danken können?
[RB.01_061,02]
Wie oft sahen wir auf der Welt Menschen, deren Geist alle erdenklich beste
Bildung hatte. Menschen, die namentlich im Fach der Religion im Ruf der
Heiligkeit standen und die jedermann ehrte und pries. Ja noch mehr: Menschen,
die unverkennbare Spuren höherer Erleuchtung durch Wort und Tat bekundeten.
Solche Menschen kamen zuweilen zu uns und machten uns Anträge zu
abscheulichsten Vergnügungen. Nein, dachten wir uns, wenn das die Folgen einer
so ausgezeichneten christlichen Tugend sind, so wollen wir von ihr nichts
Weiteres mehr! Damals waren uns solche Erscheinungen ein unerforschliches
Rätsel, jetzt aber ist uns alles klar. Denn nun wissen wir erst, woher die
vielen Übel rühren. – Gib nun den Wein des Lebens her, und wir alle wollen
diesen Becher der Demut bis auf den letzten Tropfen in uns aufnehmen!“
[RB.01_061,03]
Robert reicht ihnen nun den Becher und sie trinken daraus und werden dabei voll
Freude.
[RB.01_061,04]
Jellinek aber verwundert sich samt Messenhauser und Becher gewaltig über
Roberts Weisheit und spricht nach einer kleinen Weile: „Bruder, das ist zu viel
auf einmal! Du weißt, daß ich dich allzeit für einen sehr weisen Geist hielt.
Aber daß du ein gar so grundweiser Mann bist, davon hatte ich nie die leiseste
Ahnung! Nur kommt es mir unwillkürlich so vor, als wenn das, was du nun geredet
hast, nicht auf deinem eigenen Grund gewachsen wäre? Aber das macht nichts.
Denn auch mir hast du damit ein Lichtlein angezündet, daß ich nun die Dinge und
Erscheinungen ganz anders zu beurteilen anfange als früher.
[RB.01_061,05]
Es leuchtet mir nun auch ein wenig ein, warum diese Tänzerinnen vor uns getanzt
haben? – Haben sie nicht etwa dadurch unsere unreinen Geister aus der besetzten
Wohnung unseres wahren Ichs gelockt, und dieses hat dann schnell wieder seine
rechte Wohnung eingenommen?“
[RB.01_061,06]
Spricht Robert: „Ja, ja, beinahe hättest du die Sache der Wahrheit gemäß
dargetan. Aber trotzdem hast du noch ein wenig zu seicht in dich
hineingeschaut. Denn, lieber Bruder, wie hast du so von dir und uns allen
denken können?
[RB.01_061,07]
Ich sage dir, bei uns ist gerade der umgekehrte Fall vorhanden. Unsere und
besonders eure Geister befinden sich glücklicherweise in ihrer rechten
Lebenswohnung, ansonst ihr euch nicht hier in diesem Hause befinden würdet,
sondern in einem solchen, wohin ewig kein Licht und keine Wärme des Lebens
kommt.
[RB.01_061,08]
Eure Geister wurden nur zu sehr von den Naturgeistern umlagert, sodaß sie sich
kaum rühren und durch diese Geister der Naturmäßigkeit hindurchschauen konnten.
Daher konntet ihr auch ehedem in jenem Gemach euch kaum rühren und noch weniger
irgendwohin sehen. Nur durch eine außerordentliche Hilfe von oben sind die
Umlagerer eures Geistes nach außen gerückt worden. Und seht, euer Geist konnte
auch sogleich aus sich mehr Licht entwickeln und dadurch seinen ehedem äußerst
beschränkten Gesichtskreis erweitern. Ihr entdecktet dann auch sogleich eine
offenstehende Tür und diesen Tisch mit dem Lebenswein.
[RB.01_061,09]
Aber dennoch sind eine solche Menge Naturgeister als Umlagerer um die rechte
Wohnung eures Geistes geblieben, daß durch ihre noch große Anzahl euer Geist
nicht in voller Klarheit, sondern wie durch einen leichten Nebel schauen mußte.
Da aber diese Geister, die stets am hartnäckigsten den wahren Geist umlagern
und ihn in ihre Sphäre herauslocken wollen, zumeist der sinnlichen Fleischliebe
entstammen, so haben sie auch in einer Hinsicht die bedeutendste Ähnlichkeit
mit dem wahren Geiste der reinen Liebe Gottes in unseren Herzen. Sie sind am
schwersten von dieser Wohnung des Lebens wegzubringen, weil sie, wie keine
andere Art der Naturgeister, nur zu sehr am Leben hängen. Ihre größte Furcht
ist es, das Leben zu verlieren, das ihnen so viele süße Genüsse darreicht.
[RB.01_061,10]
Diese hartnäckigen Naturgeister können nur durch eine außerordentliche äußere
Lockung etwas mehr der Wohnung des eigentlichen Geistes entrückt werden, bei
welcher Gelegenheit dann der wahre Geist sein Territorium wieder ein wenig
erweitern und dadurch freier und heller werden kann. Und sieh, eine solche
äußere Lockung ward auch hier durch diese Tänzerinnen veranstaltet. Und euer
wahres Ich ist dadurch um vieles freier und heller geworden. Daher hat auch
ehedem mein erhabener Freund zu dir, Bruder Jellinek – als du die Tanzerei hier
ein wenig sonderbar fandest – gesagt, daß du hier nicht so sehr auf das Mittel
als vielmehr auf den guten Zweck sehen sollst! Nun hast du den klar
beleuchteten besten Zweck vor dir. Und so meine wenigstens ich, daß du gegen
das Mittel nun auch nichts mehr einwenden wirst?
[RB.01_061,11]
Daß aber diese Tänzerinnen darum auch noch keine reinen Engel sind, weil durch
sie für euch ein guter Zweck erreicht worden ist, brauche ich euch kaum näher
zu beleuchten. Aber wir wollen alles tun, daß sie das werden, was sie – und
auch wir – noch nicht sind!
[RB.01_061,12]
Ich habe nur eine einzige Stufe euch voraus und das ist auch mein ganzer
Vorteil. Aber die Leiter unserer ewigen Bestimmung ist eine unendliche. Und da
wird es wohl leicht geschehen können, daß sich unsere gegenwärtigen
Unterschiede so ausgleichen werden, daß von uns niemand vor dem anderen etwas
voraushaben wird. Mit Ausnahme jenes Freundes und Bruders neben dir, Bruder
Jellinek, der uns allen so ungeheuer weit voran ist, daß wir Ihn niemals
einzuholen vermöchten! Warum? Das wird euch in der Folge eine nähere
Bekanntschaft mit Ihm sehr zur Übergenüge beantworten.
[RB.01_061,13]
Nun aber haben wir noch eine andere, sehr bedeutende Arbeit vor uns, die
ehestens in die Ordnung kommen muß, ansonsten wir uns in diesem Hause nicht
nach unserer freien Willkür bewegen könnten.“
62. Kapitel –
Bei der losen Wiener Gesellschaft. Heilsame Kur dieser Fleischeshelden. Robert
ermuntert sie zum Eintritt ins Haus.
[RB.01_062,01]
Spricht Robert weiter: „Seht einmal zu diesem Fenster hinaus in den herrlichen
Garten, der weit und breit dieses Haus umgibt und sagt mir, was ihr da seht?“
[RB.01_062,02]
Die drei gehen sogleich ans Fenster und schauen hinaus. Kaum aber haben sie
einen Blick durch dasselbe gemacht, schaudern sie förmlich zurück. Jellinek
nimmt das Wort und spricht: „Aber Brüder! Um Gottes willen, was ist denn das?
Sind das Menschen, Tiere oder Teufel? Nein, so etwas hätte ich in der Nähe
dieses Hauses nicht vermutet. Da sieht man ja auf einmal alle Scheußlichkeiten
der schmutzigsten Heidenmythologie auf einem Haufen beisammen, plastisch und
tatsächlich! Ich bitte dich, lieber Bruder, verschließe doch die Pforte des
Hauses, sonst laufen wir Gefahr, daß diese Bestien zu uns hereindringen und uns
alle bei Butz und Stengel auffressen!“
[RB.01_062,03]
Spricht Robert: „O fürchtet das nicht! Sie sehen im Grunde nicht so aus, wie
sie euch auf den ersten Blick vorkommen. Daß sie euch aber also abschreckend
erscheinen, rührt daher, weil sie noch von Wien aus meinen, ihr hättet sie an
den Windischgrätz verraten! Werden sie vom Gegenteil überwiesen sein, so werden
sie euch dann sogleich etwas menschlicher vorkommen. Denn wisset, das sind
allerlei Wiener Individuen, die in den verhängnisvollen Oktobertagen als
Kämpfer für die irdische Freiheit durch die Waffen der kaiserlichen Soldaten
gefallen sind. Sie glauben nun, daß dieses nie möglich gewesen wäre, so
besonders Messenhauser an ihnen nicht einen heimlichen Verräter gemacht hätte.
Werden sie aber vom Gegenteil überzeugt, dann wird auch mit Hilfe Gottes etwas
anderes mit ihnen zu machen sein. Sollten unter ihnen auch einige sein, die
sich nimmer wollen belehren lassen, so wird der Herr schon wissen, mit Seiner
Macht solche Böcke von den besseren Schafen abzuscheiden!
[RB.01_062,04]
Daher werden wir sie denn auch herein lassen und nach dem Willen des Herrn in
Arbeit nehmen! Da wir doch auch viel schuld daran waren, daß sie durch unsere
Reden und Gesetze dahin gekommen sind, ist es nun auch vor allem unsere
Pflicht, sie auf einen besseren Weg zu bringen. Und so folgt mir nun hinaus zu
ihnen im Namen des Herrn!“
[RB.01_062,05]
Robert begibt sich nun mit Messenhauser und Becher hinaus in den Garten, wo
sich noch die bekannten Wiener nebst ihren matt gewordenen Dirnen und
vergewaltigten Töchtern befinden. Ich aber folge mit Jellinek an Meiner Seite
sobald in den Garten nach, wo wir die Menge in einem ersichtlich unbehaglichen
Zustand antreffen.
[RB.01_062,06]
Als Robert sie fragt, wie es ihnen nun ergehe, schreien sie beinahe alle
zugleich: „Miserabel, elend und schlecht! – Helft uns oder bringt uns um dieses
elende Schweineleben, das wird uns einerlei sein! – Ist das nicht rein zum
Teufels werden!? Stelle dir vor, was wir hier in diesem dreckigen, faul
riechenden Geisterreich alles für schöne Erfahrungen gemacht haben! Es ist
wahr, wir haben es mit der Menscherei ein wenig zu arg getrieben. Aber wir sind
Viecher und waren nie was anderes, weil wir nie zu etwas Besserem erzogen
worden sind – woran unsere weisen und milden Regenten die alleinige Schuld
tragen. Und so unterhielten wir uns denn auch hier auf die beliebte Art gleich
Vater Adam mit der Eva. Aber nun höre, was an der Sache hier im Geisterreich
ganz niederträchtig ist: Kaum glaublich, wir sind hier fast durch die Bank
angesteckt worden! Das ist ja doch verflucht, hier im Geisterreich angesteckt!
Wenn's hier nur irgendeine Hilfe gäbe! Aber da ist überall nichts, wo man nur
hinschaut. Du siehst nun, wie es uns geht! Daher sei doch so gut und verschaffe
uns irgendeine Hilfe oder bringe uns alle um. Denn es ist doch tausendmal
besser, gar nicht zu sein als unter so scheußlich bitteren Umständen!
[RB.01_062,07]
Noch etwas! Sage uns, wer deine Begleiter sind? Den einen kennen wir schon; das
ist der sogenannte eigentliche Hausherr dieses Hauses, ein recht rarer Mann
Gottes! Aber die anderen drei kennen wir nicht! Geh und sag' uns, wer sie
sind!“
[RB.01_062,08]
Spricht Robert: „Meine armen, kranken Freunde, seid ihr denn gar so blind, daß
ihr den Messenhauser, Becher und Jellinek nicht mehr erkennen mögt?“
[RB.01_062,09]
Schreien mehrere: „Potz tausend und fix Laudon! Was!? Die drei Hauptlumpen sind
das? Na, da hätten wir uns auch eher den Tod eingebildet, als daß wir besonders
den Hauptspitzbuben Messenhauser nochmals zu Gesicht kriegen werden! Aber sein
Glück, daß wir nun alle so miserabel sind! Sonst hätten wir ihm hier wohl einen
kuriosen Dank für sein Oberkommando in Wien zukommen lassen! Aber weil wir für
eine handfeste Dankbezeugung zu schwach sind, so kann er sich unterdessen bloß
mit dem vertrösten, daß wir diesem ausgepichten Lumpen und Spitzbuben wünschen,
was er sich selber sicher nicht wünscht! – Also Messenhauser, Becher und
Jellinek! Na, so kommt da aber alles Gesindel zusammen! Wirklich ein schönes
Paradieserl das!“
[RB.01_062,10]
Spricht Robert: „Sagt mir, ist euch nun leichter, da ihr meine Freunde
beschimpft habt?“ – Sagen die Wiener: „Na, das nicht. Aber wir haben es ihnen
ja sagen müssen, weil sie es wirklich verdient haben! Du weißt es selbst, wie
und warum!“
[RB.01_062,11]
Spricht Robert: „Höret, lassen wir das nun gut sein, was vorüber ist, das ist
vorüber! Keiner von uns allen, mit Ausnahme meines hohen Freundes, kann von
sich behaupten, daß er nie gefehlt habe! Ich glaube vielmehr, daß wohl ein
jeder von uns die Skala aller Todsünden nicht nur einmal durchgemacht hat. Es
wäre zwar sehr dumm von mir, so ich nun diese drei Beschuldigten als unschuldig
vor euch hinstellen wollte. Sie haben ihre gehörige Portion Sünden begangen;
aber wir haben damit unsererseits auch durchaus nicht gespart. Wer von uns vor
Gottes Richterstuhl eigentlich für die Hölle reifer wäre, das dürfte dem ewigen
Meister des Lebens wohl nicht viel Kopfzerbrechen kosten! Aber ich meine, da
wir schon alle durch die Bank vor Gott nichts wert sind, so sollten wir uns
gegenseitig hier wohl gar nicht mehr anklagen. Es ist besser, uns die Hände
unter allgemeiner gegenseitiger Amnestie zu reichen, uns gegenseitig alles
vergeben und hier in diesem neuen Reich des Lebens auch eine neue Kolonie aus
lauter Freunden und Brüdern gründen! Das wird uns in der Folge bessere Früchte
tragen, als so wir uns hier noch richten wollten, wo ohnehin ein jeder von uns
ein ganz gehöriges Maß des Gerichts auf seinen Schultern zu tragen hat! – Was
meint ihr, wie gefällt euch mein bestgemeinter Antrag?“
[RB.01_062,12]
Schreien alle: „Ja, ja, du hast vollkommen recht! Aber nur die Gesundheit tut
uns vor allem not! Denn du weißt, daß ein leidender Mensch oder Geist nicht
leicht zu einem gesunden Beschluß kommen kann. Denn ein kranker Wiener ist für
die Sau zu schlecht!“
[RB.01_062,13]
Spricht Robert: „Nun, laßt das nur gut sein! Erhebt euch und kommt alle zu mir
ins Haus, dort werden sich schon Mittel finden, euch wieder gesund zu machen!
Denn hier im Geisterreich ist fürs Äußerliche mit keinem Arzt etwas zu machen,
weil hier alle Übel von innen aus geheilt werden müssen. Und dazu ist es nötig,
daß ihr hier in mein Haus eintretet, das mit allem Möglichen bestens versehen
ist! Daher folgt mir!“
[RB.01_062,14]
Auf diese Worte Roberts erheben sich alle, auch die weiblichen Wesen, und
humpeln so gut es geht uns nach ins Haus, und zwar in das schon bekannte
Zimmer, das groß genug ist, um, viele tausend Gäste aufzunehmen.
63. Kapitel –
Die Gäste beim Anblick der Tänzerinnen. Volksgespräche. Die Barrikadenheldin.
Der Pathetikus.
[RB.01_063,01]
Als sie alle im Zimmer beisammen sind, bemerkt einer die Tänzerinnen: „Na, die
können uns nun auch alle gestohlen werden! Unser Zustand und die da, das taugte
so hübsch füreinander!“ – Spricht ein anderer neben ihm: „Aber fix Element!
Sauber wärn's! Und die schönen Füß', die sie habn! Saprament, wenn i nur g'sund
wär – meiner Seel, der Mittlern dort saget i was!“
[RB.01_063,02]
Ermahnt ihn sein Nachbar: „Aber ich bitt dich Franz, sei nur jetzt g'scheit!
Weißt du denn nit, daß wir nimmer auf der Welt san?“ Spricht der erste: „Das
weiß i wohl! Aber Welt hin, Welt her – schön san's halt doch! Und ma müßt gar
kein G'fühl habn, wann ma dabei gleichgülti bleibn kunnt!“
[RB.01_063,03]
Spricht ein dritter: „Aber wann halt der Franz nachher mit seiner
Ungleichgültigkeit in d' Höll kimmen tät, wie wär's n' Franz nachher zu Mut?“ –
Spricht der Franz: „Eh, hol's der Teufel! Bist und bleibst a dummes Luder! Sein
mir denn jetzt vielleicht im Himmel? Oder hast schon amol die Höll g'sehn, um
sag'n zu können, daß du jetzt noch nit in der Höll wärst?“ – Spricht der
Angeredete: „Dos woaß i schon, aber da müss'n wir erst verdammt werdn und
nachher s' höllische Feuer sehn. Und dos moan i, is jetzt mit uns no nit der
Fall. Es brennt mi wohl ganz sakrisch – du woaßt schon warum! Aber dos is denno
ka Höll! Weil mer no nit san verdammt wordn, und a ka Feuer sehn! Aber dos moan
i holt, wan wir jetzt a no nit von de verdammten Menscher ablassen, wo wir
schon in der Geisterwelt san, da kunnt ma viel leichter in d' Höll kummen als
auf der Welt! – Hab i etwa unrecht?“
[RB.01_063,04]
Spricht der erste: „Jo, jo, hast wohl recht! Aber denken kann i ja doch, wie
mir der Kopf g'wachsen is?! – Deswegen werd i denno nix tun!“ – Spricht der
andere: „Jo, jo, nix tan, nix tan! Z'erst kummen allzeit die Gedanken; nach die
Gedanken kummen die Begierden und nach die Begierden die Taten. Und danach
kummt die Höll, und nachher is gar! Verstehst mi? I moan holt so: Gstorbn wärn
wir und san jetzt in der Geisterwelt. Do hoaßt's schön ruhig und g'hursam sein
und nix anders denken, redn und tan, als wos uns der Blum sagen wird – do kanns
mit uns no besser werdn!“ – Spricht der Franz: „No ja, is a recht so; bist nit
gar so dumm als wie's du ausschaust.“
[RB.01_063,05]
Spricht neben den Beiden eine Barrikadenheldin: „Do schauts die zwa Schnipfer
an! Die wolln anonder die Höll aus- oder einreden! Hahaha! War do aner an
größrer Schnipfer als der andre – und warten no, bis sie verdammt werdn – als
wenn's etwa nit längst schon verdammt wärn! – Hahaha! Das is do g'spaßi!“ –
Spricht der Franz: „Haltst nit dein galgenstinketn Brotlad'n? Du
Hauptmärzenflaxen von alle Weaner Studenten. Na wart, dir meß i vor'n
Himmelreich Christi schon no a Paarl über, daß dabei die allerseligste Jungfrau
selber auweh schrein soll! Da schau aner dös Mistbratl an! Die möcht uns schon
alli mitanander in der Höll hobn! Schau, daß du mit deine Fledermausflügel von
Händ nit z'erst hineinfliegen wirst!“
[RB.01_063,06]
Kommt ein anderer hinzu und spricht in einem pathetischen Ton: „Freunde,
bedenkt, wo ihr seid! Das ist nicht etwa der Prater, in dem die Wiener
Menschheit sich noch zehnmal roher gebärdet als sonst! Bedenkt, hier ist das
ernste Geisterreich, wo man ordentlich und ernst sein muß, um nicht
augenblicklich auf ewig verdammt zu werden. Denn bei Gott ist keine Gnade und
kein Pardon mehr in dieser Welt!“ – Spricht die Heldin: „Oho, ereifern's Ihna
nit gar so, Sö bratschulteriger Tapschädl! Daß unser Herrgott mit an solchenen
Eimerbier-Sauflümmel, wie Sö aner san, ka Erbarmnis hobn kann, das wird doch
ganz natürli san?“ – Spricht der Pathetiker, seine Augen weit auftuend: „Wa-a-s
sagt diese Blocksberghexe? Oh, für diese Hacke wird sich wohl auch hier in der
Geisterwelt ein Stiel finden lassen! Ist denn kein Kerl hier, dem es um seine
Hände nicht leid sein dürfte, dieser unflätigen Dirne den Hals umzudrehen?“ –
Spricht die Heldin: „Oh, deswegen machen's Ihnen ka Müh! Denn wenn's auf die
gemeinste Kerlschaft hier ankäm, um mir den Hals umz'drahn, da war zu dem
G'schäft ja so kaner tauglicher wie Sö! Aber da moan i, daß so an Arbeit für Sö
wohl no viel z'gut war! Was moanen's denn, wer Sö san, Sö lebendigs
Eimer-Bierfaßl!? Gelten's 's Bierl und Ihnere kropfete Mierl – die gehn Ihnen
halt ab hier in der Geisterwelt? Aber trösten's Ihnen nur, vielleicht kummt
Ihre Mierl a bald noch. Da wird dann der liebe Herrgott glei barmherziger sein
als er jetzt ist!“
[RB.01_063,07]
Spricht der Pathetikus: „Freunde! Lassen wir ab von diesem stinkenden Aas, denn
eine Kuh mit einem bedreckten Schweif macht alles unrein, was sie umgibt!“ –
Spricht die Heldin: „No, wär doch a Schand, wann Sö nit reiner warn als i –
hobens Ihnen doch durch Ihr ganzes Leben mit anige tausend Eimer Bier ausgwoschen
gnua! Und das wird doch ganz wos anderes sein als hundert Generalbeichten bei
olle Jesuiter! Wann i so a Stückl vom lieben Herrgott war, i wißt schon, wie Sö
selig z'machen warn! Schaun's, i mochet die Donau zu lauter Doppelbier und
setzet Ihnen dann grad durt hin, wo die Donau ins Schwarze Meer rinnt, und die
kropfete Mierl daneben. Da wärn Sö dann der seligste Mensch!“
64. Kapitel –
Der Pathetikus wird von Robert zurechtgewiesen. Die gutherzige Heldin redet ihm
vergebens zu.
[RB.01_064,01]
Der Pathetikus verläßt nun die Heldin und begibt sich zu Robert hin, um ihm
ehrerbietig anzuzeigen, was für zotige Wesen hier in der Geisterwelt sein
erhabenstes Haus verunreinigen. Er möchte solche Wesen doch irgendwo anders hin
bescheiden!
[RB.01_064,02]
Spricht Robert: „Mein schätzbarer Freund, das geht hier durchaus nicht an!
Sehen Sie, wir wollten auf der Erde ja nichts anderes erreichen unter den
Menschen, als ihre vollste Gleichberechtigung in jeder Beziehung! Was jedoch
auf der Erde nicht zu erreichen war, bietet sich nun hier uns allen in vollstem
Maße dar. Und das ist ein wahres Geschenk von seiten des allerhöchsten
Beherrschers aller Himmel und Welten. Wollen Sie nun unter der freiesten
Verfassung, die uns hier Gott Selbst gibt, wahrhaft glücklich sein, so
überschätzen Sie nie Ihren Menschenwert! Bedenken Sie gewissenhaft, daß alle
Menschen, die Sie hier sehen, den gleichen Gott zu ihrem Schöpfer und Vater
haben. So werden Sie diese Menschen dann wahrhaft lieben und werden rechte Gegenliebe
finden, die hier allein das Glück aller bewirkt. So werden Sie auch nimmer zu
Ehrenrichtern Zuflucht nehmen müssen, sondern Ihr eigenes Herz wird Ihnen die
allerbeste Rechtfertigung in den Herzen Ihrer Brüder und Schwestern
verschaffen! – Übrigens haben Sie sich darum gar nicht zu sorgen, ob mein Haus
durch diese armen Wesen verunreinigt wird oder nicht; denn dafür ist schon
gesorgt! – Auch muß ich Ihnen offen bekennen, daß mir jene mundgeläufige Heldin
lieber ist als Sie! Sie ist, wie sie ist, eine Wienerin, und hat dabei ein
gutes Herz. Sie aber sind ein pensionierter Hof-Philosoph, der sich nur per Sie
titulieren läßt, ohne zu bedenken, daß wir hier alle Brüder und Schwestern
sind! Sagen Sie selbst, wer mir hier teurer sein soll – Sie, oder jene Wienerin
in ihrer vollen Echtheit?“
[RB.01_064,03]
Der Pathetikus verneigt sich vor Robert und spricht: „Wenn man hier eine solche
Sprache gegen Ehrenmänner führt, da bitte ich, mir erlauben zu wollen, daß ich
mich wieder hinaus ins Freie begeben darf; denn hier stinkt es vor Gemeinheit
und Gesindel!“
[RB.01_064,04]
Spricht Robert: „Mein Freund, in diesem Hause befindet sich nirgends ein Kerker
noch irgendeine Fessel – außer die der Liebe! Wollen Sie sich diese nicht
gefallen lassen, so können Sie ebenso frei wieder hinausgehen, wie Sie
hereingekommen sind! Nur das muß ich leider hinzu bemerken, daß es Ihnen dann
ein wenig schwer werden dürfte, in dies Haus der Liebe wieder hereingehen zu
wollen. Denn es könnte sehr leicht sein, daß Sie dies Haus aus dem Gesicht
verlören, sobald Sie den ersten Schritt hinaus täten! – Sie wissen nun, woran
Sie sind. Aber Sie sind frei und können tun, was Sie wollen!“
[RB.01_064,05]
Der Pathetikus stutzt nun und weiß nicht, was er tun soll. – Aber unsere Heldin
kommt schnell herzu und spricht: „Gängen's, bleiben's do! Und san's nit gar so
eingebüldet! Schaun's, i bin scho lang wieder guat! Mi hat's halt a bißl
verdrossen, daß Sö dem lieben Herrgott alle Gnad und Barmherzigkeit hobn
absprechen wolln. Und da hob i Ihnen halt so mei Meinung gsogt, war aber ganz
gutherzi dabei. Aber Sö hätten mi glei gfressen vor Zorn, wann's Ihnen war
mögli gwest! – Nachher san's mi a no verklagen gangen und hätten mi gern
gstraft gsehn. Aber der Herr Blum is halt a bißerl gscheiter als wir zwa, und so
habn's holt nix ausg'richt und das verdrießt Ihnen jetzt! – Aber lassen's das
und san's wieder guat und bleiben's do! Nachher wird scho alls wieder guat
werdn! Wir san ja lauter fehlerhaftige Menschen und müss'n deswegn mitanand a
bißl a Geduld hobn! Wos war denn dös, wann wir als Geister hier a noch
beleidigt warn? – Gängen's nur wieder zu uns her! Der alte Franz, der lang Euer
Stiefelputzer war, wird Ihnen schon wieder den Kopf z'rechtbringen! – No, sans
no harb auf mi?“
[RB.01_064,06]
Spricht der Pathetikus: „Nein, böse gerade bin ich nicht auf dich! Denn das
würde mir zu keiner Ehre gereichen, weil du gegen mich doch sozusagen nichts
bist! Aber in eure Mitte, wo die größte Gemeinheit herrscht, kann ich mich auch
nicht mehr begeben, sondern ich werde mich hier im Kreise der Honoratioren
aufhalten. Und so gehe sie zurück!“ – Spricht die Heldin: „Aber gebn's acht,
daß es den Honoratioren neben Ihnen nit übel wird, Sö eingebildeter Tapschädl!
Was glaubn's denn, was Sö etwa da san? I bin wohl a recht lustigs Weaner Madl;
aber schlecht bin i grod nit. Wann i aber für Sö z'schlecht bin, da suchen's
Ihna holt a bess're aus! Dort steheten glei a paar Dutzend! Gehn's hin und
probirn's halt Euer Glück! Die werdn Ihne schon sag'n, wieviel's etwa wert
san!“
[RB.01_064,07]
Die Heldin begibt sich wieder in die Mitte der ihrigen. Der Pathetikus aber
rümpft die Nase und macht, als ob er auf die mundgeläufige Heldin gar nicht
geachtet hätte.
65. Kapitel –
Die Wiener und der ungemütliche Böhme. Die Heldin wendet sich an Jellinek.
Dieser weist sie an den Herrn.
[RB.01_065,01]
Als unsere Heldin wieder in der Mitte derer sich befindet, mit denen sie früher
ein etwas beißendes Zwiegespräch gehalten hatte, sagt der schon bekannte Franz
zu ihr: „No, du odrahte Luxemburger Achazibaum-Mierl, wie is dir denn gang'n
mit dem bratschultrigen Kolofonifeuerhelden? No, hast's ihm so recht einigsogt
af ächt weanerisch?“ – Spricht die Heldin: „Na, verstandn wird er's wohl hobn!
Jetzt moant der Tolkentipl, daß er da a no a gnädiger Herr is! Na, dem werdn's
da glei an ondre Wurst broten! Ober gsagt hob i 's ihm! Hätt ihr's nur ghört,
wie ihm's der Herr Blum einigsogt hot, weil er mi verklogen is gangen, ös hätts
a narrische Freud ghobt! – Ich wünsch kan Menschen was Schlechts, a diesem Tapschädl
nit; aber weil er holt gar a so a hochmietiger Dinger is überanand, da hob i a
rechte Freud, wann ihm die guaten Herrn dort a wengerl die Flügel stutzen tan.
O dös gschiecht ihm schon recht!“ – Spricht der Franz: „Na, Mierl, jetzt
g'fallst mi scho wieder, und i bin scho wieder guat af di! Ober dos sog i di a,
wanns mi wieder amol so angreifst, wie's ehnter tan host, da mogst schaun,
wie's weiter kummen mogst! Ober jetzt is olles wieder guat, versteast mi?“
[RB.01_065,02]
Spricht die Heldin: „No, no, mir san ja keine Böhm', doß wir auf anond sieben
Johr solln harbig san! Die Weaner, wann's no so tan, als wollten's anonder
fressen, wann sie sich aber dann amol umdrahn, san's nachher glei wieder die
besten Freund! – Aber mit d'n Böhmen is do a Kreuz! I hob amol so an Dolken
harbig gmocht. I glaub, der hätt mi vor lauter Lieb nach drei Jahrln no
z'rissen, wo er mi wo kriegen hätt kinnen!“ – Spricht der Franz: „Mierl, red
nit so laut! Denn ma kann nit wissen, wer do olles zuhört. Woaßt denn nit, daß
d'Böhmen die längsten Finger und d' längsten Ohrwaschl hobn, deshalb se a immer
die besten Spitzl und Polizeidiener warn?“
[RB.01_065,03]
Auf diese Worte des Franz erhebt sich sogleich eine kräftige, dickbackige
Gestalt (ein Böhme), holt tief Atem und spricht dann hauptsächlich zum Franz:
„Hörte mi Kerl fluckte! Wer hot de Urwaschl lunge, un wer hot de Finger lunge?
A, sog du mi nu amul a su, noche wart mi! Wan bin a Geist; aber werd di noche
schun sogn, wer hot de Urwaschl lunge! A, host di mi verstondn, Kerl fluckte!“
– Spricht die Heldin: „O jegerl, Franz! Jetzt schaun ma, daß ma weiterkummen!
Wann ma in Wulf nennt, kummt er grennt. Da war scho grad aner, wie ma sich sein
Lebtag kan bessern wünschen kunnt. No, wann der zurni wurd, i glaub, der
bringet an glei um!“ – Spricht der Böhme: Holt die Kusche, deine
fladerwaschete! Oder i schlag de ani eine, do wirst de g'nug hobn! Oder manst
de, de Böhme sein Teibl? Du bis de ani Hur satrazena, aber de Böhmen sein gute
Leut! Verstehs mi, du Großkuschete?“ – Spricht die Heldin: „Hörts meine lieben
Weaner, dos is aner! Wann mer nit in so an ehrsamen Haus warn, der müßt mir
hinausgwutzelt werdn und wann's das Lebn meiner Muater kosten tät. Aber do is
nix z'machen! Gehn ma do nur glei weg, sunst gibts an Spektakl!“
[RB.01_065,04]
Auf diese Worte begibt sich die Heldin mit mehreren Wienern schnell zu Jellinek
und Mir hin und fängt sogleich mit Jellinek folgendes Gespräch an: „No, no,
Herr Dokter, Hietz hätt i Ihna bold nit kennt! Grüß Ihna Gott! Wia geht's Ihna
und wos mochn denn Sö da?“
[RB.01_065,05]
Spricht Jellinek: „Schau, mir geht es sehr gut, viel besser als je auf der
Welt! Mein sehnlichster Wunsch aber ist, daß es euch allen bald ebenso gut
gehen möchte, dann werdet ihr miteinander nicht mehr so hadern wie bis jetzt.
Ihr müßt das hier ganz ablegen, sonst kann's mit euch allen schwerlich besser
werden! Lernt es von uns, wie man mit den Schwächen seiner Brüder Geduld haben
muß, so werdet ihr euch gleich leichter verstehen, und das wird euch goldne
Früchte tragen! Aber wenn ihr euch untereinander stets beschimpft und mit
Schlägen bedroht, da wird sich noch lange nicht jene christlich-himmlische
Liebe unter euch aufhalten, die allein die wahre Seligkeit aller Geister
bedingt.
[RB.01_065,06]
Daher laßt ab von eurem dummen Hader und werdet sanft in euren Herzen, so wird
euch leicht und bald zu helfen sein! Aber so ihr stets untereinander
forthadert, werdet ihr noch lange leiden müssen. Und so euch auch geholfen
wird, wird aber die Hilfe ebenso karg bemessen sein, wie da karg ist eure
gegenseitige Liebe und Freundschaft! Denkt doch, daß wir vor Gott alle gleich
sind! Niemand hat einen andern Vorzug, außer allein, wie er am meisten demütig
ist und die stärkste Liebe zu Gott und allen seinen Brüdern in seinem Herzen
birgt! Hast du mich wohl verstanden?“
[RB.01_065,07]
Spricht die Heldin: „O ja, verstanden hätt ich's wohl. Aber unsre
Weanergoscherln, de können holt nit still sein, wann's wo a Lüftl kriegen! Da
war holt a so a Wunderkur guat! Wär das nit mögli hier im Geisterreich? Wissen's
unsre Herzen warn grod so schlecht nit; aber holt's Goscherl, das hot'n Teixel
gsehn!“
[RB.01_065,08]
Spricht Jellinek: „Nun, wir werden schon sehen, was sich da wird tun lassen.
Aber ein bißchen müßt ihr euch auch selbst bestreben, eure Zungen im Zaum zu
halten! Bitte diesen Herrn da neben mir, der vermag sehr viel! Wenn der euch
hilft, so wird euch wahrhaft geholfen sein!“
[RB.01_065,09]
Spricht die Heldin: „Herr Jellinek, sogen's mir, versteht der Herr do a unser
weanerisch? A guats Gsichtl hot er wohl, und gar so gmütli sahet er aus! Den
trauet i mi schon anz'redn; aber wann er nur weanerisch versteht!“
[RB.01_065,10]
Spricht Jellinek: „Oh, und wie! Der versteht und spricht alle erdenklichen
Sprachen. Ja, ich sage dir, daß er sogar die Sprache des Herzens genau versteht
und sozusagen von der Nase herabliest, was sich nur immer jemand noch so geheim
denken möchte. Versuch's nur einmal, und du wirst dich sogleich überzeugen, daß
ich recht habe!“
[RB.01_065,11]
Spricht die Heldin: „Ei der Tausend, was sog'n Sö mir da? Wann der dos kann, da
muß er fast mit unserm lieb'n Herrgott a bißl verwandt sein? 'S wird aber a a
spaßigs Redn werdn, wann der schon ehenter alles waß, wos ma ihm sog'n möcht!
Aber angehn tu i ihn amol, und möcht er sog'n, wos er glei immer wollt! Aber
nur dos sogen's mir no, wie er haßt – nachher brauch i nix mehr.“
[RB.01_065,12]
Spricht Jellinek: „Ja, liebe Freundin, da klopfst du gerade auf dem Fleck an,
unter dem es auch bei mir ziemlich hohl ist! Ich ahne und vermute es, daß er
ein großer und mächtiger Engelsgeist ist und ist zu uns ausgesandt, um uns zu
belehren und den rechten Weg zu Gott zu zeigen. Das ist aber auch alles, was
ich dir sagen kann. Wie er aber so ganz eigentlich heißt und welche hohe
Stellung er vor Gott bekleidet, das weiß ich ebensowenig wie du! – Aber das ist
gewiß, daß er hier ganz allein wahrhaft helfen kann, weil er dazu die Macht
besitzt.“
[RB.01_065,13]
Spricht die Heldin: „Aha, aha, hietzt geht mir schon so a Lichtl auf! Wissen's,
Herr Jellinek, i moan, das wird leicht wohl goar so an Apostl san? Vielleicht
goar der Petrus oder der Paulus? He, was moanen denn Sö do – hob i recht oder
nit?“
[RB.01_065,14]
Spricht Jellinek: „Meine Liebe, das kann alles leicht sein. Wende dich daher
nur schnurgerade zu ihm hin und du wirst bald wissen, wie du mit ihm dran bist.
Nur ein wenig zu selbständig spricht er mir für einen Petrus oder Paulus! Ich
vermute daher, daß er noch etwas Bedeutenderes sein müsse. Vielleicht so eine
Art Erzengel? Aber rede du nur selbst mit ihm, da wirst du am ersten ins klare
kommen!“
66. Kapitel –
Die Heldin wendet sich um Hilfe an den Herrn. Des Heilands Rat: Bekenne offen,
was dir fehlt! Geschichte einer Gefallenen.
[RB.01_066,01]
Auf diese Belehrung hin schaut Mich die Heldin eine Weile an, geht darauf näher
zu Mir hin und spricht zu Mir: „Verzeihn's mir, mein allerbester Herr, wann i
Ihne hietzt mit aner Bitt lästig fall'n tu! Schaun's, der Herr Jellinek hat mi
an Sö g'wiesen und hot mir gsogt, daß Sö goar so allmächti warn und kunnten an
holt überoll helfen, wo's an glei immer fahlen möcht. Schaun Sö, bester,
liebenswürdigster Herr! Mir fahlet's halt so hübsch tüchti, und do gab's denn
holt a hübsch viel z'helfen! San's so guat und helfen's mir und uns Weanern
ollen, wann's Ihne mögli ist! Schaun's, wir san auf der Welt aufg'wachsen wie's
liebe Vieh und san so a als Viecher doherkummen und san krank hietzt do
überall, wo's nur glei hinschaun mög'n; und dumm san w'r a no dazu wie a
dreißigjähriger Religionskrieag. San's so guat und mach's uns a bißl gsund und
gscheiter, wie mir jetzt san – und wir olli werden uns dann schon besser
aufführen!“
[RB.01_066,02]
Rede Ich: „Ja, ja, helfen kann Ich euch wohl, und dir am ersten! Aber du mußt
Mir zuvor offen bekennen und gestehen, was dir nun so ganz besonders fehlt?
Bist du krank, da mußt du Mir sagen, wo, wie und wodurch du dir die Krankheit
zugezogen hast. Und so du dumm zu sein glaubst, mußt du Mir auch getreu
angeben, was dir an dir selbst eigentlich dumm vorkommt? Ich werde dann schon
sehen, wie dir und auch deinen Landsleuten zu helfen ist. Denke nun recht
gewissenhaft über alle deine Zustände nach und sage Mir dann, wie du dich
gefunden hast! Das andere werde dann schon Ich machen!“
[RB.01_066,03]
Spricht die Heldin: „O jegrl! Da wird's bei mir an g'waltigen Faden hobn! – Sö
wärn ja noch über an Liguorianer, wann i Ihne dos olles sogen soll! Schaun's, i
war amol bei an solchenen beichten; na hören's, um was mi der a olles
ausg'frogt hot – da hobn Sö gar kan Begriff! – Na, ane ärgste Stabscanaille
müßt da bis af die Zehn schandrot werdn. Und schaun's, wann i Ihne hietzt olles
sogn müßt, wos i mei Lebtag olles schon tan hob – o jegrl, na! Da möchten's
Augen mochen! Wann nit so viel Leut da wärn, ganget's no, aber vor so viel Leut
müßt i mir jo grod die Augen ausschamen! Hören's, dos war so a Spaß! – Können
denn Sö nit so erkennen, wos mir fehlt? San's so guat und probiern's mit mir
holt Ihner Glück, vielleicht geht's doch ohne Schand ab?“
[RB.01_066,04]
Rede Ich: „Aber hör du, Meine Liebe, wie kam es denn, daß du dich damals nicht
geschämt hast, als du sündigtest? Du warst ja bei diesen Gelegenheiten auch
zumeist in Gesellschaft und schämtest dich wenig, so dich in nächtlichen
Stunden ein Dutzend Jünglinge, vor denen du dich ganz entkleidet aufstelltest
und allerlei wollüstige Gesten machtest, angafften, betasteten und dann
gewöhnlich noch was taten! Wie solltest du denn gerade jetzt gar so schamhaftig
sein? Ich weiß, daß du einmal, als du etwas tief ins Gläschen geschaut, dich so
ungeheuer schweinisch benommen hast, daß es dabei sogar den ausgelassenst
sinnlichen Hurenhelden vor dir zu ekeln anfing! Und so weiß ich eine Menge noch
ärgerer Schaustückchen von dir, die du wie eine wahre Heldin ohne die
allergeringste Schamhaftigkeit vollbracht hast. Und so wird es auch hier, meine
Ich, nicht gar zu sehr deine Keuschheitsehre angreifen, so du Mir offenherzig
sagst, wo es dir fehlt, und wie du mit deinem Fehltum in Not und Elend gekommen
bist!“
[RB.01_066,05]
Spricht die Heldin verdutzt: „No, Sö warn mir a der Rechte! Sö wissen, wie man
die andern fangt! Sö kunnten an ins G'schrei bringen, daß ma sein Lebtag gnua
dran hätt! Schaun's, wann's nit gar so guatmüti aussaheten, i künnt meiner Seel
harb auf Ihne werdn! Ober weil i aus Ihnern guaten Gsichtl erkennen tu, daß Sö
mir's net schlecht moanen, so will i mir nix draus mochen! Aufrichti gsogt,
schiniern tu i mi eigentli nur vor Ihne. Wos do dieses Weaner Gfraßt betrifft,
do machet i mir grod nit z'viel draus! Wenn's mir aber erlauben, a wengerl
leiser z'reden, da kunnt i Ihne schon so manche Stückl zum besten gebn.“
[RB.01_066,06]
Sage Ich: „Das kannst du schon tun. Aber nur nichts verheimlichen, verstehst
du!“
[RB.01_066,07]
Spricht die Heldin, sich zuvor ein wenig räuspernd: „No, in Gottes Nam', wann's
denn schon san muß, so hören's mi holt guatmüti an! Schaun's, mit vierzehn
Jahrln hob i grod am Pfingstmontag mei Jungfernschaft einbüßt, und wann i mi
nit irr, so war's a g'wisser Pratenhuber-Toni. Dos woar schon o ganz sakrisch
saubrer Bua! Und weil er mir holt goar so zugsetzt hot, do hob i holt gmant:
Na, ewi kannst so ka Jungfer bleibn, und amol muaßt doch probiern, wie dös is.
– Und so hob i ihn holt feschweg drübr lassn! – Und weil's mir holt goar so
guat gschmeckt hat und ihm a, so hamer's nochher holt öfter probiert. Und i wär
nit goar so schlecht worden, wann i nur amol hät kinnen schwanger werdn! Aber
do hob i schun tan kinnen, wos i nur g'wollt hob, so is denno nix draus wordn!
Und schaun's, do hot nochher der Toni mi heiroten solln. Weil er aber gmant
hot, daß i unfruchtbar wär, hot mi der Hauptschnipfer nochher sitzen lossen und
hot sich ane andre g'numma! Und i war do ganz deschperadig und hob mir denkt:
Hietzt is schon olls ans, um a paar Dutzend Liebhaber auf oder ab! Die Höll is
dir so g'wiß, wann's ani gibt! Und do hob i holt recht fidel z'leben
ang'fangen, was nur's Zeig gholten hat! – Vadern hob i ehenter nie an gsehn,
und mei Muader, Gott tröst sie, woar holt selber nix besser wie i! Und
schaun's, bei so an Lebenswandel bin i holt öfter ang'steckt worden, und andre
nochher a von mir. Und do hot mir nochher wohl so a homipathischer Doktor
gholfen; aber dafür hab i nochher müssn zu ihm in Dienst gehn; no, daß er dann
mit mir a kan Rosenkranz bet't hot, dos werden's Ihne wohl denken kinnen!
[RB.01_066,08]
Wie nochher aber die Gschichten in Wean ausbrochen san, do wor holt mei Herr
Doktor a dabei und hot überoll fleißi g'holfen Revolution machen. Und weil i
holt goar a so a kuraschierts Madl wor, so hob i mi holt a zum Revolutionmachen
brauchen lassen und hob dabei mein Tod gfunden. Und hietzt bin i holt do als an
oarmi Seel und muaß holt dfür leidn, weil i auf der Welt z'lusti war! – Und
hietzt hob i's Ihne a olles gsogt, wos i gwußt hob. Und Sö wiss'n hietzt a,
wie's mit mir dran san, und wissen a, wo's mir fehlt und wie i dazu kummen bin.
Und so bitt i Ihne holt um Himmels Jesu willen, wann's mir helfen kinnen, so
helfen's mir!“
[RB.01_066,09]
Rede Ich: „Nun, Ich bin zufrieden mit deiner Offenherzigkeit und werde auch
schauen, ob und wie dir zu helfen sein dürfte. Zugleich aber muß Ich dir ebenso
offen bekennen, wie du Mir deine Hauptsünden offen bekannt hast, daß dich nur
dein gutes Herz und deine dir unmöglich zu Schulden fallende schlechte
Erziehung von der Hölle retten! Hättest du ein etwas schlechteres Herz, oder
wärest du in deiner Erziehung weniger vernachlässigt worden, so würdest du dich
schon in der Hölle befinden und dort die entsetzlichste Qual leiden! Denn es
steht geschrieben: ,Hurer und Ehebrecher werden in das Himmelreich nicht
eingehen!‘ – Aber, Ich will aus den obigen Gründen mit dir die Sache nicht so
genau nehmen und werde sehen, wie dir zu helfen ist! Sage Mir aber zuvor, was
du von Jesus, dem Heiland hältst?“
[RB.01_066,10]
Spricht die Heldin: „Oh, den hob i z' Tod gern! Denn der hot jo die Ehbrecherin
grettet und hot die Magdalena a nit verstoßen, wann sie a no so a große
Sünderin woar. Und vor der Samariterin hot er grad a kan Grausen kriegt! Un do
moan i holt, wann er mi sähet und i ihn recht schön bitten tat, daß er mi grod
a it glei umbringen tät?“
[RB.01_066,11]
Sage Ich: „Nun gut, Meine Liebe, Ich werde heimlich mit Ihm reden! Denn Er ist
nicht weit von hier. Vielleicht macht Er's mit dir auch wie mit der Magdalena?
Warte nur ein wenig hier – aber ganz ruhig!“
67. Kapitel –
Sonderbemerkung des Herrn über den Zweck dieser zum Teil ärgerlich scheinenden
Kundgabe.
[RB.01_067,01]
Wohlzumerken! – Daß diese Szene hier ganz so wörtlich wiedergegeben wird, wie
sie in der Geisterwelt in der Wirklichkeit vor sich geht – und auch unmöglich
anders vor sich gehen kann, als wie da Sitte, Sprache, Leidenschaften und die
verschiedenen Grade der Bildung bei einem Volk es notwendig mit sich bringen –
geschieht deshalb, um dem gläubigen Leser und Bekenner dieser Offenbarung einen
anschaulichen Beweis zu geben, daß der Mensch nach Ablegung des Leibes ganz so
Mensch ist mit Haut und Haaren, mit seiner Sprache, mit seinen Ansichten,
Gewohnheiten, Sitten, Gebräuchen, Neigungen, Leidenschaften und daraus
hervorgehenden Handlungen, wie er es auf der Welt bei seinem Leibesleben war –
d.h. solange er nicht die völlige Wiedergeburt des Geistes erlangt hat.
[RB.01_067,02]
Deshalb heißt auch ein solcher erster Zustand sogleich nach dem Übertritt ,die
naturmäßige Geistigkeit‘, während ein vollends wiedergeborener Geist sich im
Zustand der ,reinen Geistigkeit‘ befindet.
[RB.01_067,03]
Den Unterschied zwischen dem Leben dieser Welt und jenem in der Geisterwelt
macht bei naturmäßigen Geistern, so sie mehr einfacher Art sind, bloß die
zweckmäßige Erscheinung der Örtlichkeit aus. Sie ist stets mehr oder weniger
ein Aushängeschild von dem, wie die Geister zum größten Teil innerlich
beschaffen sind. – Diese, die vernachlässigte Wiedergeburt des Geistes hier in
der Geisterwelt sehr begünstigende Erscheinlichkeit kommt zumeist nur jenen
armen Geistern zugute, die auf der Welt in einer natürlichen und geistigen
Armut ihr Leben zugebracht haben. – Aber Geister von reichen Besitzern allerlei
irdischer Güter, an denen ihr Herz wie ein Polyp am Meeresgrund klebt, finden
alles wieder, was sie hier verlassen haben. Sie können dort mehrere hundert
Jahre nach irdischer Rechnung in solch einem grob naturmäßigen Zustand
verharren und werden daraus nicht eher gehoben, bis sie selbst Bedürfnis nach
etwas Höherem und Vollkommenerem in sich zu verspüren anfangen.
[RB.01_067,04]
Nun wißt ihr, warum diese wichtige Szene wörtlich und umständlich offenbart
wird. Und so wollen wir denn wieder zu der Szene selbst übergehen! – Denn
unsere Heldin wird schon unruhig und erwartet mit der größten Sehnsucht den
Bescheid, den Ich ihr von Jesus Christus zu geben verheißen habe! – Ihr müßt
aber dabei noch den wichtigen Umstand berücksichtigen, daß sich diese
bedeutungsvolle Szene gerade jetzt in der Geisterwelt zuträgt und sonach einen
großen Einfluß auf die Begebnisse dieser irdischen Zeit ausübt! Aus allen
diesen noch so trivial klingenden Gesprächen könnt ihr bei einiger
Verstandesschärfe die ganze Lage und Bewegung der Dinge, wie sie nun auf der
Erde statthaben, gar leicht erkennen. Ebenso auch die Folgen dieser Bewegungen,
die besonders aus dem späteren Verlauf dieser Szene hell und klar hervorgehen
werden. Aber stoßen dürft ihr euch an nichts! Denn es muß hier alles so kommen,
wie es kommt. – Und nun wieder zur Szene!
68. Kapitel –
Die harrende Heldin und der hochmütige Pathetikus. Letzterer vom Herrn
zurechtgewiesen. Liebeswunder an der Heldin Helena.
[RB.01_068,01]
Die Heldin, nun schon ganz ungeduldig, geht etwas schüchtern näher zu Mir hin
und fragt Mich, ob Ich etwa schon ganz geheim durch gewisse Zeichen mit Jesu,
dem Herrn, ihretwegen gesprochen habe?
[RB.01_068,02]
Der Pathetikus, der nun aus der Gesellschaft mehrere seines Gelichters gefunden
hat, ist schon sehr ärgerlich darüber, daß diese seiner Meinung nach elende
Lerchenfelderin so frech ist und Mich als einen Honoratior dieses Hauses so
belästige! Er geht daher mit noch einigen auf sie zu und spricht: „No, Sie
Lerchenfelder Bagage, wie lange wird es Ihr denn noch belieben, dem
respektabelsten Herrn dieses Hauses mit Ihrem Hundegebell zur Last zu fallen!
Hat Sie denn gar keine Lebensart?“
[RB.01_068,03]
Spricht die Heldin: „Sö bratschultriger Tapschädl Sö! Geht Ihne das eper wos
an? Schaun's daß weiter kummen, Sö naturwidrigs Fleischfuttral von all'n
adeligen Weaner Drecksäu! Sonst sag i's Ihne, wia's auf echt deutsch hoaßen
tan! Do schau der Mensch so an zopfign Gallpitzlfabrikanten an! Hietzt is ihm
gar nit recht, daß unserans mit an solchenen Herrn redt! Was glauben's, wer Sö
san? Glauben's, weil's amol auf der Welt als pansionierter Fourierschütz an
kaiserlichen Sabl trogen hobn, daß Sö deshalb a do in dieser Welt besser san
als unserans? – O Sö damischer Tapschädl, do wird ma Ihne glei an Exrawurst
broten! Is wohl guat, daß Christus der Herr nit do bei uns is; denn der müßt jo
a narrische Freud hobn, wann er so an grobn Limmel vor ihm sahet, wie do Sö
aner san! Hietzt schaun's aber nur, daß Sei mit Ihnre Krokodilaugen und Bockfüß
weiterkummen tan, sonst gschieht Ihne wos anders.“
[RB.01_068,04]
Darauf wendet sich der Pathetikus zu Mir und spricht: „Aber lieber, bester
Freund, ich bitte Sie um Gottes willen, dieser Kreatur zu untersagen, fürderhin
so ein loses Maul gegen Männer von Ehre und Reputation zu haben; denn sie stellt
einen ja her, wie wenn man der allergemeinste Schuhflicker wäre! Es ist wohl
wahr, daß wir hier in der Geisterwelt sind, wo der Standesunterschied für ewig
aufzuhören hat. Aber der Unterschied der Intelligenz und feineren Bildung kann
solange nicht aufhören, bis diese auf Erden verwahrlosten menschlichen Potenzen
jenen Grad von Bildung und Humanität werden erreicht haben, durch den sie einer
besseren Gesellschaft angenehm und interessant werden können! Ich bitte Sie,
lieber Freund, bedeuten Sie das doch dieser weiblichen echten
Lerchenfelder-Kreatur!“
[RB.01_068,05]
Rede Ich: „Mein lieber Freund, es tut Mir leid, hier Ihrem Verlangen auf gar
keinen Fall Gewähr leisten zu können. Und zwar aus dem alten Grunde, weil vor
Gott alles ein Greuel ist, was die sogenannte bessere Welt groß, glänzend,
erhaben und schön nennt und preist! Denn Gott bleibt sich stets gleich und hat
nie ein Wohlgefallen an solchen Ehrenmännern, die den Menschenwert nur nach der
Anzahl der Adelsahnen oder nach der Amtswürde oder nach der Vielheit des Geldes
bestimmen, alles andere aber als Canaille bezeichnen. Aber alles, was vor der
Welt klein, gering und oft sehr verachtet ist, das steht wieder bei Gott in
großen Ehren! Und so muß Ich Ihnen hier offen bekennen, daß Mir, als einem
allerintimsten Freunde Gottes, diese von euch verachtete Lerchenfelderin um
eine Million mal lieber ist als Ihr, Meine hochadeligen Freunde, d.h. wenn Ich
so frei sein darf, euch als Meine Freunde zu titulieren! – Ihr habt aber dieser
Armen nun sehr genützt; denn von nun an will Ich sie erst recht an Mich ziehen
und ihr eine Bildung hinzugeben, vor der selbst die Engel einen Respekt
bekommen sollen. Sie wird bald sehr hoch oben stehen und eine Zierde dieses
Hauses sein! Wo ihr Ehrenmänner aber euch in Kürze befinden dürftet, das wird
die leidige Folge zeigen! Ich ersuche euch aber eures eigenen Heiles willen,
diese Arme ja nicht mehr zu belästigen, denn sie gehört nun ganz Mir an! –
(Mich zur Heldin wendend): Und du, Meine liebe ,Magdalena‘, bist du damit
zufrieden?“
[RB.01_068,06]
Spricht die Heldin: „O Jesus ja, und ob! Sö san mir a um zehnmillionenmol
lieber als diese hochmütigen Dinger do, die an armen Menschen grod als a Vieh
betrachten! I bin nit harbig af sö; aber giften kann mi das wohl, wann's an
goar so bagatellmäßi behandeln tan. Unser Herrgott verzeih's ihnen, denn sie
wissn wohl a nit, was sei tan!“
[RB.01_068,07]
Spricht der Pathetikus: „No, schon gut, schon gut! – Hört ihr, meine Kameraden,
wenn's in der Welt der Geister überall so fad zugeht als dahier, da ist diese
Welt eine saubere Bescherung für die saueren Vorbereitungen auf der Erde zu dem
vielgerühmten Leben der Seele nach dem Tod! Auf der Erde hat der gebildete
Ehrenmann sich doch durch seine Stellung, durch sein Staatsamt und durch seine
Wohlhabenheit vor den Angriffen solch gemeinsten Geschmeißes verwahren können.
Hier aber wächst einem dieses Lumpengepack keck übers Haupt, und man wird sich
am Ende etwa gar noch müssen eine Gnade daraus machen, daß unsereinen so eine
pausbackige Dirne anschaut! Zum Überfluß aller sozialen Fadheiten muß dieser
sonst recht ehrenwert aussehende Mann sich auch noch für diese faule Pomeranze
interessieren und sie uns zum Trotz gerade bis zum Himmel erheben. Das ginge
uns hier gerade noch ab zur vollen Verzweiflung! – Der sagte, daß er ein
allerintimster Freund Gottes sei! Nach seiner Neigung zu der pausbackigen,
vollbrüstigen und dicksteißigen Lerchenfelderin zu urteilen, muß die ihm so
sehr befreundete Gottheit ein wahrer Superlativ aller Gemeinheit sein! Diese feile
Dirne stinkt vor Unzucht, und er will sie bilden und sie zur Zierde des Hauses
erheben! Hört, das wird eine schöne Zierde werden! Hahaha, oder was!“
[RB.01_068,08]
Spricht die Heldin zu Mir: „Aber hörn's, wie der schimpfen tut! Na, dem
solltn's doch was sogn – so aber, daß er's verstanget!“
[RB.01_068,09]
Sage Ich: „Mache dir nichts daraus! Sie sollen nur schimpfen, wie es ihnen
gefällt. Es wird sich dann schon zeigen, wie viele Interessen ihnen ihr
hochmütiges Schimpfen tragen wird! Auf daß aber ihr Hochmut noch mehr Steine
zum Anstoß an uns zweien finden soll, mußt du von nun an als Meine Geliebte
Mich mit ,du‘ anreden und mußt zugleich auch versuchen, recht fein deutsch zu
reden. Wenn diese das hören werden, da wirst du erst sehen, wie ihnen der Hochmutspitzel
steigen wird! Versuch's einmal, ob du nicht ganz rein deutsch zu reden imstande
sein solltest!“
[RB.01_068,10]
Die Heldin merkt in sich eine Veränderung. Ein großes Wohlgefühl durchströmt
ihr ganzes Wesen, was auch auf ihre Gestalt einen sehr günstigen Eindruck
macht. Ganz selig erstaunt über solch plötzliche Veränderung ihres Wesens, an
dem sich auch nicht ein leisester Schmerz irgend mehr verspüren läßt, blickt
sie Mich voll Freuden an und spricht: „O du hoher Freund aus den Himmeln, wie
wohl wird mir nun an deiner Seite! Alles Rohe fiel wie ein Schuppenpanzer von
mir! Mein Denken und meine grobe Sprache haben sich verwandelt wie eine ehemals
eklige Raupe in einen herrlichen Falter! Und alle meine Schmerzen schwanden wie
der Schnee vor der Glut der Sonne! O wie wohl ist mir nun! Und wem danke ich
das? Dir, dir! Du großer, heiliger Freund des Allerhöchsten!
[RB.01_068,11]
Aber da du mir ärmsten Sünderin eine so unendlich große Gnade erwiesen hast,
deren ich wohl ewig nie nur im allergeringsten Maße wert kann werden – o so
sage mir nun aber auch, was ich tun soll und wie mich benehmen, um dir nur
einigermaßen meine gebührende Dankbarkeit an den Tag legen zu können!“
[RB.01_068,12]
Rede Ich: „Du Meine geliebte Helena (d.i. ihr himmlischer Name!), wir sind
schon quitt miteinander. Du gefällst Mir nun ganz ausgezeichnet und hast ein
Herz, das Mich gar sehr liebt, so wie das Meinige dich! – Was braucht es da
noch mehr? Reiche Mir nun auch deine Hand zum Pfand deiner Liebe zu Mir und gib
Mir einen recht brennheißen Kuß auf Meine Stirne! – Für alles übrige werde
schon Ich sorgen.“
[RB.01_068,13]
Helena wird nahe ganz glühend vor Liebe, reicht Mir sogleich die Hand und gibt
Mir auch den verlangten Kuß auf die Stirne mit einer kaum zu beschreibenden
Liebe-Innigkeit.
[RB.01_068,14]
Diese Szene lockt Robert, Messenhauser, Becher und vorzüglich dem Jellinek
Tränen aus den Augen. Helena sieht bald nach dem Kuß auf Meine Stirne wie eine
Verklärte aus und wird in ihrer Gestalt so edel und schön wie ein schon
himmlisches Wesen – bis auf ihre Kleidung, die aber dennoch nun sehr gereinigt
und nett aussieht. – Robert aber kommt sogleich herzu und fragt Mich, ob er für
diese schöne Blume auch neue Kleider holen soll! Ich sage ihm: „Nach einer
kurzen Weile, so Ich es verlangen werde!“
69. Kapitel –
Pathetikus über diese wunderbare Veränderung Helenas. Unterschied zwischen
Traum und wirklichem Leben. Olafs Gleichnis von der Brautwerbung.
[RB.01_069,01]
Diese Verwandlung bemerkt auch unser Pathetikus und seine Gesellschaft. Und
einer aus der Gesellschaft sagt zu ihm: „Du, Freund, merkst du nichts? Jene
Lerchenfelderin, ein ehemaliger Schmerkübel voll Unzucht, Ruß und Dreck wird
nun ganz verklärt! Es ist nun eine Passion, das neckische Dingerl anzuschaun!
Sollte etwa doch jener unbekannte Freund Blums eine Art von echt ägyptischem
Magier sein?“
[RB.01_069,02]
Spricht der Pathetikus: „Ja, ich merke auch so etwas Ähnliches. Aber weißt du,
wenn so ein Menscherl recht verliebt ist, und ihr die Liebe die Wangen zu röten
anfängt und den Busen anschwellen macht, so ist dann so ein Figürl gleich ganz
nett aussehend beisammen! Oh, da hab' ich auf der Erde nicht selten Menscherln
gesehen, die in ihrer gewöhnlichen, schmutzigen Hausverfassung direkt grauslich
ausgesehen haben, wenn sie aber sonntags mit ihren Liebhabern zum Sperl
hinausgewandelt sind, da waren sie gar nicht mehr zu erkennen! Das ist bloß die
Liebe, die hier wie auf der Erde nicht selten solche wunderähnliche
Verschönerungen des weiblichen Geschlechts hervorbringt. Nimm du ihr die Liebe,
und sie wird gleich wieder mit einem anderen Gesicht dastehen!“
[RB.01_069,03]
Spricht der andere: „Weißt, du hast wohl in einer Hinsicht recht; hier aber
scheint sich die Sache ganz anders zu verhalten! Denn fürs erste ist dies Wesen
wirklich auf einmal zu schön geworden, und dann spricht es nun auch ein
reinstes und edles Deutsch, es ist keine Spur von einem Wiener Dialekt mehr zu
entdecken. Das bewirkt so eine gewöhnliche Liebe nicht! Da muß etwas Höheres,
für uns Unbegreifliches mit im Spiel sein. Betrachte nur einmal recht den
unendlich zarten Teint, die Weichheit ihrer Arme und ihres Nackens, das
schönste Blond ihres Haares, die höchst interessante Form ihres Gesichts und
die echt himmlische Rötung ihrer Wangen. Was wahr ist, ist wahr! Du wirst mir
in jedem Falle recht geben müssen!“
[RB.01_069,04]
Der Pathetikus fängt hier ernstlich zu stutzen an, da er die Bemerkung seines
Freundes wohl begründet findet. – Aber ein dritter in der Gesellschaft erhebt
sich und spricht: „Werte Freunde. Ihr beide faßt die Sache ganz irrig auf! –
Seht, diese Verwandlung hat in meinen Augen einen ganz natürlichen Grund. Wir
sind nun in der reinsten Geisterwelt. Unser Leben ist nichts als ein
vollkommener Traum, und was wir nun sehen ist ein Spiel unserer Phantasie, an
der nichts echt und wahr ist als sie selbst. Dieser Phantasie beliebt es nun,
uns allerlei Spektakel vorzumachen, die sich unseren seelischen Traumsinnen wie
objektive Wirklichkeiten darstellen. An denen aber ist natürlich ebensowenig
gelegen wie an den Bildern, die wir auf Erden mittels einer sogenannten
Zauberlaterne zuwege brachten. Seht, so verhält sich die Sache hier! Begreift
ihr das?!“
[RB.01_069,05]
Spricht der erstere: „Freund, mit dieser deiner Erklärung hat es hier einen
offenbaren Haken. Denn wenn das alles nur eine Art Traum wäre, müßte ja deine
Erklärung auch ein Traum sein, auf den man dann auch ebensowenig halten könnte
wie auf alle übrigen Erscheinungen. Oder könntest du wohl behaupten, daß deine
Belehrung an uns von deiner Ansicht eine Ausnahme macht? Ich habe auf Erden
sehr oft und lebhaft geträumt; aber welch ein Unterschied zwischen einem Traum
und dieser einleuchtend hellsten Wirklichkeit!
[RB.01_069,06]
In meinen Träumen verhielt ich mich vollkommen passiv, hier aber bin ich meinem
klarsten Bewußtsein nach vollkommen aktiv. Im Traum hatte ich nie eine Rückerinnerung.
Und wenn mir schon so etwas vorkam, als wäre es eine Art Rückerinnerung, so war
sie stets dumpf und unvollständig. Hier aber ist die Rückerinnerung von einer
solchen Klarheit, daß mir sogar die unbedeutendsten Erscheinungen meines
irdischen Lebenswandels wie vollendete Bilder einer Camera von A bis Z
vorschweben! Sage Freund, kann man das einen Traum nennen?
[RB.01_069,07]
Im Traum empfand ich nie vollkommen Schmerzen oder Hunger und Durst. Und die
Gestalten der mir im Traume erscheinenden Wesen waren stets sehr flüchtig und
wandelbar und verdrängten sich in schneller Reihenfolge sogestaltig, daß von
den Vorgängern gewöhnlich nichts mehr vorhanden war, wenn die Nachfolger in
Erscheinung traten. Von irgendeiner logischen Ordnung zwischen dem Vorhergehenden
und Nachfolgenden war nie eine leiseste Spur zu entdecken. Hier hingegen aber
geht alles – wennschon das Gepräge des Wunderbaren unleugbar an sich tragend –
in einer solch logischen Konsequenz vor sich, daß man sich als stiller
Beobachter darüber nicht genug verwundern kann.
[RB.01_069,08]
Welche weise Logik durchweht jede Rede, die entweder Blum oder seine Freunde an
jemanden richten! Wie formbeständig und architektonisch richtig ist dieser Saal
erbaut! Und wie sieht hier alles so bedeutungsreich aus!
[RB.01_069,09]
Und das alles soll ein Traum sein? Nein, Freunde, das ist kein Traum, das ist
eine große, heilige Wirklichkeit! – Und wir tun sehr wohl, wenn wir alle diese
Erscheinungen mehr zu würdigen anfangen als bisher. Und so kommt mir die merkwürdige
Verschönerung unserer Lerchenfelderin nun auch viel bedeutungsvoller als ehedem
vor! Was meint ihr nun von meiner Beurteilung dieser Sache?“
[RB.01_069,10]
Spricht der Pathetikus: „Freund, du hast recht, ich pflichte dir vollkommen
bei. Aber das kann ich nicht begreifen, wie man auch hier leidenschaftlich für
oder wider etwas eingenommen sein kann! Sieh, mich ärgert es noch, wie mich
ehedem diese nun unbegreiflich schön gewordene Lerchenfelderin gar so
lausbubenmäßig hergestellt hat. Und als ich dann bei ihrem Freund und Geliebten
Rechtfertigung suchte, erhielt ich auch von ihm, was ich sicher nicht suchte.
Kurz, ich ward bis in die innerste Fiber meines Lebens gekränkt, was man als
Mann von unbescholtener Ehre doch nicht so gleichgültig hinnehmen kann. Und
sieh: eben, daß man auch hier im Reich der Geister, im Reiche der höchsten
Ordnung und Konsequenz, gekränkt und beleidigt, ja sogar ordentlich erzürnt
werden kann, ist mir ein Rätsel! Erkläre mir, wie das möglich ist, und ich will
mich dann vollkommen deiner Ansicht anschließen!“
[RB.01_069,11]
Spricht der angeredete Max Olaf: „Mein Freund, diese Sache ist ja ganz einfach
und klar! Was ist denn eine Kränkung und Beleidigung? Nichts anderes als eine
Zurückweisung unseres natürlichen Hochmuts. Der Hochmut an und für sich aber
scheint mir das Gefühl in der Seele zu sein, wonach sie ihre hohe, göttliche
Abkunft bloß wie für sich ansieht und so betrachtet, als wäre nur sie allein
die Bevorzugte; alles andere sei entweder viel minder oder gar eine Null! Tritt
nun dieser Lieblingsidee etwas schroff in die Quere und will neben ihr
wenigstens den gleichen Rang auch behaupten, so empfindet die Seele diese
Opposition wie schmerzlich, sie beengend und dadurch kränkend. Weil sie daraus
ersieht, daß andere von ihr das nicht halten wollen, was sie von sich selbst
hält. Ein solcher Zustand der Seele aber scheint mir jedoch sehr unlogisch und
unkonsequent zu sein; und er muß eine gerade entgegengesetzte Richtung
einschlagen, so aus ihm für die Seele ein wahres Glück erwachsen soll!
[RB.01_069,12]
Auf der Erde haben jene, die sich für besser dünken als andere, allerlei
Mittel, diesem Dünkel Geltung zu verschaffen. Aber hier, wo es weder Geld, noch
Adel, Heere, Bajonette und Kanonen gibt, sieht's mit solch unlogischem Seelendünkel
notwendig etwas fatal aus! Denn es ist ja im Grunde doch unrecht, so ein
Geschöpf sich vor einem anderen ganz gleichen Geschöpf erheben will. Und fürs
zweite ist ein solches Bestreben sogar eine barste Narrheit!
[RB.01_069,13]
Denn Logik und Erfahrung sagen, daß im Grunde derjenige Mensch stets der
glücklichste ist, der die wenigsten Anforderungen für sich an seine
Nebenmenschen stellt. Daher ist es wirklich eine Tollheit, mit etwas das Glück
erreichen zu wollen, womit es ewig unerreichbar ist! – Sage mir, was hältst du
wohl für besser und zweckmäßiger: das Bestreben nach Erfüllung zahlloser
Bedürfnisse, die in der Seele gleich dem Unkraut wuchern, oder eine weise
Beschränkung der Bedürfnisse auf ein mögliches Minimum?“
[RB.01_069,14]
Spricht der Pathetikus: „Offenbar das zweite. Denn je weniger man braucht, um
glücklich zu sein, desto leichter und auch wahrer wird man glücklich!“
[RB.01_069,15]
Spricht Max Olaf: „Richtig! So ist es und wird es ewig bleiben!
[RB.01_069,16]
Handeln wir nun auch danach und es wird uns keine Lerchenfelderin mehr
genieren! Habe ich wohl recht oder nicht?!“
70. Kapitel –
Ehegeschichte des Pathetikus. Der hilfreiche General.
[RB.01_070,01]
Spricht der Pathetikus: „Bruder Max, du hast nun gut, wahr und aus dem Leben
gegriffen gesprochen! – Auch ich war von Geburt aus nur ein Landjunker, wie du
weißt. Meine Eltern haben nie zur Klasse der Wohlhabenden gehört und konnten
mir somit auch keine andere Erziehung geben, als sie selbst hatten. Der Zufall
wollte es, daß ich zum Militär kam. Ich war ein sauberer Bursche und hatte das
Glück, meinen Oberst für mich eingenommen zu machen. Er gab mich in die
Regimentsschule, in der ich binnen kurzem gut lesen, schreiben und rechnen
lernte. In den sonstigen Dienstsachen war ich bald einer der Gewandtesten im
ganzen Regiment. Die natürliche Folge davon war, daß ich Gefreiter, Korporal,
Feldwebel und schließlich nach sieben Jahren schon Offizier wurde. Jung,
sauber, lustig und geschickt, und Offizier! Denke, daß ich auch im Punkt des
schönen Geschlechts bei solchen Eigenschaften nicht zurückblieb.
[RB.01_070,02]
Zum Unglück lernte ich bei einem Erzaristokraten eine seiner Töchter kennen,
und das bei Gelegenheit eines Balls, den er dem Offizierkorps gab. Sie war von
Geburt eine Baronesse und ihr Vater obendrauf ein ungeheuer reicher Mann. Das
Mädchen gefiel mir, und ich ihr wahrscheinlich noch mehr. Kurz, sie fing Feuer
und gab es mir unzweideutig zu verstehen, was sie für mich fühle! Ich, von
Geburt ein Landwirt und gegenüber dem Baron arm wie eine Kirchenmaus, nur durch
meine Leibesvorzüge und nicht durch Verdienst Offizier, das reimte sich wohl
schlecht zusammen. Aber was fragt rechte Liebe nach Geburt und Reichtum!
[RB.01_070,03]
Wir beide waren also ineinander über Hals und Kopf verliebt, und unser Wunsch
war natürlich kein anderer, als einander ehestmöglich zu heiraten. Aber wie?
Wie des erzaristokratischen, reichen Vaters Einwilligung erhalten und ihn zur
Legung der vorgeschriebenen Kaution bewegen? Ich steckte mich hinter alles, was
mich beim Vater nur immer protegieren konnte. Der Erfolg war, daß mir das Haus
auf höfliche Art verboten wurde. Was nun?
[RB.01_070,04]
Mein Oberst, der mich wie einen Sohn liebte, riet mir, den Dienst zu
quittieren, dann nach England zu reisen und mir dort eine bedeutende
Militärstellung zu kaufen. Zu diesem Behufe wolle er mir, selbst ein sehr
reicher Kavalier, das nötige Geld ohne allen Rückhalt vorschießen. Ich befolgte
seinen väterlichen Rat auf das pünktlichste. Kurz, im Verlauf eines halben
Jahres war ich, da ich mich zur Marine wandte, erster Kapitän eines
Kriegsschiffes, das nach kurzer Zeit die Bestimmung erhielt, nach Ostindien zu
segeln. An Tapferkeit fehlte es mir nicht, und die Nautik hatte ich mir bald zu
eigen gemacht.
[RB.01_070,05]
Nur zu bald boten sich mir tausend Gelegenheiten, mich als Feldherr
auszuzeichnen. Alle Operationen, die mir anvertraut wurden, habe ich glänzend
durchgeführt, und so fehlte es auch nicht an gebührenden Auszeichnungen. Nach
etwa vier Jahren kehrte ich nach England zurück, geadelt und auch sehr reich.
Dort bekam ich einen halbjährigen Urlaub, den ich natürlich benützte, um meine
Heiratsgeschichte in Ordnung zu bringen.
[RB.01_070,06]
Als ich in meinem Vaterland ankam und gottlob meine Eltern und Geschwister am
Leben fand, war darauf mein erster Gang in die Stadt, wo sich mein guter Vater
Oberst nun schon als Generalmajor befand. Die Freude über unser Wiedersehen war
groß. Meine erste Sorge war, ihm die große Schuld abzutragen. Aber er nahm
nichts an und sagte, als ich ihm blankes Gold auf den Tisch legte: ,Mein
liebster Freund, Sie wissen, daß ich nie verheiratet war und keine Kinder habe.
Sie sind mein einziger Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, und somit auch
der Erbe meines sämtlichen Vermögens. Diese Kleinigkeit aber betrachten Sie als
ein väterliches Vorgeschenk und machen davon auch keine Erwähnung mehr!‘
[RB.01_070,07]
Daß mich eine solche Erklärung bis zu Tränen rühren mußte, das versteht sich
von selbst. Wer wohl könnte einem solchen Edel- und Ehrenmann gegenüber
ungerührt bleiben? Als wir uns so recht wacker ausgesprochen hatten, so fragte
er mich, ob die bewußte Baronesse nie an mich, oder ich an sie geschrieben
hätte. Ich erwiderte, daß ich ihr dreimal geschrieben habe, aber leider auf
keines dieser Schreiben eine Antwort erhielt. Daß ich aber nun mit diesem
Besuch, den ich ganz besonders ihm, meinem größten Freund, schuldig war, auch
noch eine Anfrage an den Baron um die Hand seiner Tochter verbinden möchte.
[RB.01_070,08]
Der Generalmajor war damit sehr zufrieden, obschon er mir nicht verhehlte, daß
der Baron mit seiner Tochter jetzt noch ein anspruchsvolleres Wesen treibe als
ehedem. Reichtum sei kein Köder für ihn, ebensowenig auch das Verdienst eines
unadelig Geborenen, sondern bei diesem bornierten Aristokraten zähle bloß die
Geburt und der hohe Adel. Er habe auch deshalb den ihm vom Kaiser verliehenen
Grafentitel zurückgelegt, weil er dadurch zu einem jüngsten Grafen würde,
während er sonst doch der älteste Baron sei!
[RB.01_070,09]
Daß diese Erklärung auf mein Gemüt keinen sehr günstigen Eindruck machte, läßt
sich leicht begreifen. Ich war wohl auch nun ein Edelmann. Aber wo wären bei
mir die erforderlichen wenigstens sechzehn Ahnen zu suchen gewesen? Aber der
Generalmajor meinte, ich solle dennoch dem Alten meine Aufwartung machen und
ihm dabei recht viel Abenteuerliches erzählen von Meeresstürmen, Seeschlangen
und Seeschlachten, wovon der Baron ein großer Freund sei; vielleicht gelänge es
mir, das Herz des alten Kauzes zu gewinnen!
[RB.01_070,10]
Ich befolgte den Rat meines Freundes und wurde vom Alten mit großer
Auszeichnung empfangen, was ich für ein gutes Vorzeichen hielt.
[RB.01_070,11]
Das Beste an der Sache war das, daß mich meine Emma noch mit derselben Glut
liebte wie ehedem. Sie hatte meine Briefe richtig erhalten, mußte dieselben
jedoch nur stumm und unter vielen Tränen in ihrem Herzen beantworten. Ich bot
natürlich alles auf, um den Alten in Punkto seiner Tochter mir geneigt zu
machen. Aber da war alles vergebliche Mühe! Kurz, ich stand nach einem
Vierteljahr auf demselben Punkt mit ihm wie am ersten Tag meines Besuches.
[RB.01_070,12]
Was ist da zu machen? fragte ich meinen Freund. Nach einer Weile sagte er: ,Ich
will Ihnen durchaus keinen bösen Rat erteilen; aber so Sie hier zum Ziel
gelangen wollen, so müssen Sie sich schon auf einen Gewaltstreich verlegen. Das
Mädchen ist nun nahe an sechsundzwanzig Jahre alt, also vollkommen majorenn und
kann über Herz und Hand disponieren, wie es will. Hat es den Mut, sich auch
ohne die Einwilligung ihres Vaters zu verheiraten, da nehmen Sie Ihre Emma nur
vom Fleck weg! Ich denke, weil das Mädchen selbst Ihnen unlängst den Vorschlag
zu einer Entführung machte, so dürfte es auf meinen Vorschlag doch noch eher eingehen,
weil er sich auf dem Boden der Gesetzlichkeit befindet. Wenn aber dieser Plan
scheitern sollte und Sie hier zu keiner Trauung kämen, dann freilich müßten Sie
den Gewaltstreich der Entführung schnell und wohlberechnet wagen und sich dann
in England trauen lassen. So es kein anderes Mittel zur Erreichung des Zieles
gibt, wird Ihnen am Ende nichts anderes übrig bleiben. Sie werden zwar sicher
verfolgt werden! Aber das lassen Sie nur mir über; ich werde die Verfolgung
schon so leiten, daß Sie sicher nicht eingeholt werden. Das Weitere werden Sie
dann schon selbst zu veranstalten wissen.‘
[RB.01_070,13]
Dieser Rat gefiel mir natürlich, und ich führte schon bald den Gewaltstreich
aus, weil sich der Ausführung der Heirat unüberwindliche Schwierigkeiten in den
Weg stellten. Wie mir hernach von seiten meines Freundes bekanntgemacht, wurde
ich auch verfolgt. Aber da mein Freund die Verfolgung zu lenken wußte und fürs
zweite das Meer keine Balken hat, so kam ich gut davon. Meine Fregatte
betretend, ließ ich mich sogleich von unserem katholischen Schiffskaplan trauen
und die Trauung gehörig dokumentieren. Damit war soweit alles in Ordnung, was
sozusagen die bloße Heirat betrifft.“
71. Kapitel –
Des Pathetikus Ehehimmel umdüstert sich. Das wahre Gesicht der Gattin.
[RB.01_071,01]
Spricht Pathetikus weiter: „Ich sah nun nichts als ein Paradies vor mir, da ich
nun das Ziel erreicht hatte. Aber leider stiegen um mein Paradies nur zu bald
die düstersten Wolken auf!
[RB.01_071,02]
Meine Emma wurde stets mehr von Gewissensbissen gepeinigt, daß sie ihren Vater
verlassen hatte, sie wurde daher von Tag zu Tag mißmutiger, bereute den Schritt
und verwünschte die Stunde, in der sie mit mir die erste Bekanntschaft gemacht
hatte. Ferner wuchs bei ihr auch das Heimweh, so daß ich ernstlich um sie zu
sorgen anfing. Ich bot alles auf um ihr vom Leben andere Begriffe beizubringen,
aber alle meine Mühe war vergeblich! Und so blieb mir schon nach Verlauf von
einem Jahre nichts übrig, als meinen Dienst in England zu quittieren und mich
dann mit meiner Ehehälfte als wohlhabender Privatmann nach Wien zurückzuziehen.
[RB.01_071,03]
Dort angelangt, wollten wir zu Emmas Vater, um womöglich seine Vergebung zu
erlangen. Aber er – wahrscheinlich mehr aus Gram als an einem Nervenfieber –
war leider dahin!
[RB.01_071,04]
Jetzt war es bei meiner Emma völlig aus. Ihre hochmütigen Geschwister machten
ihr die bittersten Vorwürfe und machten sie gleichsam zur Mörderin ihres
Vaters, der noch sterbend die Hände nach seiner einzigen Emma ausgestreckt hätte!
Solche Nachrichten brachten sie aufs Krankenlager und mich um mehrere Tausende.
Sie wurde jedoch wieder gesund und verlangte von mir nicht selten Opfer, die
ich kaum erschwingen konnte, die ich ihr aber dennoch mit aller Zartheit
darbrachte. Der Zufall wollte nun, daß ihre Geschwister nach ein paar Jahren
starben, wodurch mein Weib, Mutter von zwei Töchtern, die alleinige Erbin eines
großen Vermögens wurde. Da sollte man denken, dies werde meine Emma wieder
fröhlicher und mir geneigter machen.
[RB.01_071,05]
Aber nach der Erbschaft erfuhr ich erst, wer sie und wer ich war! – Ihre
frühere Gemütskrankheit hatte sich zwar bald nach dem Empfang ihrer Erbschaft
gelegt. Aber an ihre Stelle trat eine andere, nämlich die unersättliche
Begierde nach Glanz, Pracht und Vergnügungen aller Art.
[RB.01_071,06]
Einmal eröffnete ich ihr mit der größten Zartheit, daß so ein Leben nicht in
der Ordnung sei und im Grunde sie mich viel unglücklicher gemacht habe als ich
sie. Und daß ich in England schon ein Admiral sein könnte, so ich nicht ihr
zuliebe dort meine Offiziersstellung verkauft hätte und nach Wien gezogen wäre!
Als ich ihr solches unter Tränen sagte, da war der Teufel vollkommen los! Ohne
mir ein Wort zu erwidern, lief sie hastig in ihr Gemach, brachte mir Papiere im
Werte von zweimalhunderttausend Gulden und sprach: ,Da, mein Herr Gemahl, von
Geburt ein Schweinehalter, empfangen Sie, was ich Sie allenfalls gekostet habe!
Verlassen Sie meine Wohnung und sehen Sie sich um eine andere um! Auch steht es
Ihnen frei, die paar Bälge von Kindern mitzunehmen; denn mit derlei Geschöpfen
kann ich mich nicht abgeben, die mir leider in meiner großen Verblendung ein
Bauernjunge gezeugt hat! Adieu, wir sind quitt!‘
[RB.01_071,07]
Mit diesen Worten warf sie die Tür hinter sich zu, und ich stand mit den zwei
weinenden lieben Töchterchen wie versteinert da. Ich ging nach ein paar Stunden
selbst zu ihr hin, wurde aber nicht vorgelassen. Der Kammerdiener sagte mir,
daß die gnädige Frau Baronin es wünsche, daß ich sogleich aus dem Hause ziehen
solle. Ich bedeutete dem Kammerdiener, er möge der Gnädigen vermelden, daß ich
weder ihres Geldes noch ihres Hauses bedarf. Ich werde mit meinem eigenen,
redlich erworbenen Vermögen mich samt den zwei Kinderchen schon durchbringen!
[RB.01_071,08]
Darauf eilte ich sogleich in mein Zimmer und berief meine Dienerschaft. Ich
gebot ihnen: ,Packt schnell alle meine Sachen zusammen, denn wir müssen heute
noch aus dem Hause. Hole einer von euch noch andere Taglöhner, damit die Sache
hurtiger vom Fleck geht!‘ Meine Dienerschaft machte große Augen und lange
Gesichter, fügte sich aber emsig meinen Befehlen.
[RB.01_071,09]
Als ich gerade mit dem Einpacken beschäftigt war, pochte jemand an meine Tür.
Wer war's? Mein guter Generalmajor, der gerade an diesem Tag in Geschäften nach
Wien kam! ,Was sehe ich, was tun Sie? Ziehen Sie denn aus?‘, waren seine Worte.
Ich erzählte ihm natürlich alles, was vorgefallen war, und das alles ohne meine
allergeringste Schuld!
[RB.01_071,10]
Der General wußte anfangs nicht, ob er lachen oder sich ärgern solle. Nach
einer Weile erst faßte er sich und sprach: ,Mein armer, geliebter Freund,
beruhigen Sie sich! Wenn Ihre Gemahlin so ist, da seien Sie von Herzen froh,
daß Sie auf eine so honette Art diese adelige Dame los geworden sind! Aber
diese wertvollen Papiere behalten Sie für Ihre Kinder, denn da wären Sie wohl
nicht recht gescheit, ihr diese namhafte Summe für nichts und wieder nichts
zurückzulassen!‘
[RB.01_071,11]
Als der General mich so tröstete und belehrte, trat der Kammerdiener der
Gnädigen barsch ins Zimmer und sagte: ,Die Gnädigste läßt Euch sagen, daß sie
das, was sie Euch als Entschädigung gab, unter gar keiner Bedingung mehr
zurücknehmen wolle. Sollte aber dies etwa zu wenig sein, so ist sie erbötig,
Euch noch mehr zu geben!‘ – Ich biß mir in die Lippen vor Ärger und konnte
wahrlich nicht reden. Dafür aber nahm der General für mich das Wort und sprach:
,Sagen Sie der Gnädigen, diese 200000 Gulden sind für die Opfer, die dieser
Mann für sie brachte, nichts anderes als ein lausiger Bettel! Die Ehre eines
Offiziers, wie dieser einer war, bezahlt man nicht mit solch einem Bettel!
Darum soll die Gnädigste nur in die große Kasse greifen und diesem Ehrenmanne,
der seinesgleichen sucht, seine von ihr mit Füßen getretene Ehre vergüten!
Sagen Sie der Gnädigen, ich, der Fürst N. N., Vater dieses meines liebsten
Sohnes, fordere das von ihr! Und sagen Sie ihr auch, daß sie sich nimmer
unterstehen solle, seinen Namen zu führen! Hat Er das alles verstanden?‘ –
Spricht der Kammerdiener: ,Ja, Euer Durchlaucht!“ ,So packe Er sich!‘ donnerte
der General. Der Kammerdiener verbeugte sich bis zum Boden und ging.
[RB.01_071,12]
Nach einer Weile öffnete sich die Tür und die Baronin stürzte vor den General
hin und bat ihn und mich händeringend um Vergebung. Sie sprach viel von einer
kränklichen Laune und von der durch sie bewirkten Übereilung, und Gott weiß,
was sie noch alles zusammengeschnattert hat.
[RB.01_071,13]
Der General ließ sie ausreden und sprach dann in seiner leidenschaftslosen
Ruhe: ,Madame, ich kannte Ihren bornierten Vater und kenne Sie! Der Apfel fällt
nie weit vom Baum, und so werden auch Sie, meine Holde, nicht viel besser sein.
Dieser Ihr gewesener Mann ist zwar nicht mein leiblicher Sohn. Aber da ich
keine Kinder habe, so habe ich es bei meinem guten Kaiser dahin gebracht, daß
er ihn einstweilen als meinen rechtmäßig adoptierten Sohn unter dem Titel Graf
anerkannt hat. Sterbe ich aber heute oder morgen, so ist er Fürst! Verstehen
Sie mich? Und sollten es andere Hochadelige beim Kaiser dahin bringen, daß ihm
der Fürstentitel auch im Geheimen nicht zugelassen würde, so bleibt er aber
dennoch mein Sohn und alleiniger Erbe aller meiner Güter! Dieser mein Sohn
benötigt weder Ihres Hauses noch Ihres Vermögens. Aber Sie haben als Baronin seine
Ehre geschändet, und dafür verlange ich als sein Vater eine Genugtuung von
einer halben Million! Verstehen Sie mich, Madame?‘ – Spricht die Baronin:
,Durchlauchtigster Herr Schwiegerpapa! Nicht nur eine halbe Million, sondern
mein ganzes Vermögen gebe ich her, wenn Sie mir nur verzeihen und mir meinen
geliebten Gemahl nicht wegnehmen!‘
[RB.01_071,14]
Darauf der General: ,Ja, ja, meine holde Tochter, jetzt, da Sie zum ersten Mal
erfahren haben, daß dieser ,Schweinehalter‘, wie Sie ihn zu titulieren pflegten,
mein Sohn ist, fühlen Sie wieder Liebe zu ihm! Aber auf diese Art wird es sich
wohl schwerlich mehr tun. Gehen Sie daher in Ihr Gemach zurück, denn ich habe
meinem Sohn wichtige Dinge zu eröffnen.‘ Emma bittet nun noch inständiger um
Vergebung und gelobt bei allem, was ihr heilig ist, mit mir durch ihr ganzes
Leben lieber eine Schweinehirtin zu sein, als mich nur eine Minute mehr zu
verlassen! – ,Gut‘, sprach darauf der General, ,das werden wir sehen! Ich werde
mir die Freiheit nehmen, Ihnen sogleich auf den adeligen Zahn zu fühlen und
werde sehen, wie Sie die Probe bestehen!‘ – Spricht Emma: ,Tun Sie mit mir, was
Sie wollen; nur als eine Leiche werde ich mich von meinem Gemahl trennen
lassen!‘ – Spricht der General: ,Nun das wird sich sogleich zeigen, liebste
Baronin! Warten Sie auf keine neue Probe von mir; denn ich habe mit Ihnen die
Probe schon gestellt und Sie haben diese zur Hälfte schlecht bestanden. Sie
lieben meinen Sohn, weil Sie nach meinem Geständnis ihn nun ungezweifelt dafür
halten. Aber dem ist nicht so! Ich sagte das nur, um Sie zu prüfen und Sie
dadurch von der Schmählichkeit ihres Aristokratenhochmuts schlagend zu
überzeugen. Als ihre Leichtgläubigkeit in Ihrem Gemahl nicht mehr den
stinkenden Schweinehalter, sondern einen Fürsten gewahrte, da fingen Sie an, zu
Kreuz zu kriechen! Aber was werden Sie nun tun, so ich das nur zu Ihrer Probe
Gesagte fest widerrufe und sage: Ihr mir über alles schätzbarer Herr ist doch
nur der Sohn eines Bauern?‘
[RB.01_071,15]
Als Emma solches vernahm, sprang sie jählings auf und rief: ,Was!! So verfährt
man mit der Tochter des reichen Barons N. N.? – Also mein Gemahl kein Fürst,
sondern nur ein Bauernsohn und ein in England neugebackener Gentleman! Oh, das
ist schändlich, das ist unaussprechlich niederträchtig! Mich, eine Baronin
ersten Ranges, so zu einer barsten Gans zu stempeln! – Kammerdiener!‘ – Spricht
der Kammerdiener: ,Was wünschen gnädige Frau Baronin?‘ – Spricht Emma: ,Gehe Er
eilends in mein Gemach und hole die Papiere auf meinem Tisch, damit ich diesem
Bauern da seine gekränkte Ehre vergüte!‘ – Sprach der General: ,Hat nicht
vonnöten, meine Gnädige! Ich wußte es ja, daß die zweite Probe schlechter als
die erste ausfallen werde. Sie sind und bleiben, was Sie sind; Sie verstehen
mich hoffentlich? Und dieser mein wirklicher Sohn bleibt aber trotz seines
Bauerntums das, wie ich's Ihnen früher kundgab! Und nun gehen Sie weiter!‘
[RB.01_071,16]
Bei diesen Worten kehrt sich Emma noch einmal um und sagt: ,Euer Durchlaucht!
Sie hatten die Güte, mir soeben zu bemerken, daß ich diese Probe schlecht
bestanden habe. Aber Dieselben bedenken dabei nicht, daß vielleicht dieser
ganze von mir wohlberechnete Auftritt nichts anderes war als eine energische
Frage an meinen Herrn Gemahl, ob er mich wohl noch liebe? Denn ich muß nun
offen gestehen, daß mein Herr Gemahl seit nahe anderthalb Jahren sich gegen
mich mit einer mir kaum begreiflichen Kälte benommen hat, die mich ganz
unglücklich machte. Ich gab ihm oft zu verstehen, wie ich ihm nun das nicht
mehr sei, was ich ihm einstens war! Aber da wußte sich der fürstliche Herr
Gemahl allzeit mit tausenderlei zu entschuldigen. Da mußte es doch irgendeinen
Haken haben!
[RB.01_071,17]
Ich bin nun sehr reich und kann so manches tun, um das Herz meines Gemahls zu
erforschen. Ich gab Gesellschaften und Bälle und ließ mir von Kavalieren den
Hof machen, um zu sehen, ob er doch etwa einmal mit etwas Eifersucht zum
Vorschein kommen werde. Aber da war alle meine Mühe vergeblich! Es schien ihm
sogar recht zu sein, daß ich mich mit andern besser unterhielt als mit ihm!
Lange ertrug ich diese Schmach für mein Herz. Da aber seine Kälte gegen mich
nur zunahm, und er auch mein Schlafgemach gar nicht mehr zu kennen schien, so
faßte ich eben diesen Entschluß, den ich heute ausführte, um eine letzte ernste
Frage an sein Herz zu tun!
[RB.01_071,18]
Aber es blieb auch diese ohne den geringsten Erfolg. Weil ich aber ohne mein
Verschulden seine Liebe so ganz verloren habe, so sei sie denn in Gottes Namen
verloren!
[RB.01_071,19]
Wahrlich, Euer Durchlaucht, ich rede nun die volle Wahrheit: Solange ich als
eine Arme an seiner Seite stand, liebte er mich mit einer Kraft, die ich kaum
begreifen konnte. Als ich aber alleinige Erbin eines großen Vermögens wurde, da
war es gerade aus bei ihm! Er äußerte mir nicht nur keine Freude darüber,
sondern er ärgerte sich allzeit darüber und sagte mir oft ins Gesicht: ,Dein
Geld wird diesem Hause Fluch, nie aber einen Segen bringen!‘ – Überlegen Euer
Durchlaucht nun ganz nüchtern meine Lage und urteilen dann über mich, ob ich
wohl eine so infame Sünderin bin, als wie Sie und Ihr Herr Adoptivsohn nun
meinen!‘“
72. Kapitel –
Forderungen der Gattin Emma. Des Generals Vermittlungsmühe. Ehesturm.
[RB.01_072,01]
„Der General sagte darauf zur Emma: ,Meine liebe Frau Schwiegertochter! Wenn
sich die Sache so verhält, bekommt unser Prozeß freilich ein ganz anderes
Gesicht. Ich werde dadurch genötigt, Sie vor allem um Vergebung zu bitten und
hernach meinem Herrn Sohn einige Leviten zu lesen!‘ – Spricht Emma: ,Euer
Durchlaucht, ich verlange nichts als unsere erste Liebe! Ist diese da, dann
will ich ihm alles vergeben und alles tun, was immer sein Herz verlangt!‘ Der
General wandte sich nun zu mir und sagte: ,Ja, höre du, mein Sohn, wenn es an
dir liegt, daß dein Weib dir nur notgedrungen solche bedauerliche Exzesse
machte, so mußt du nun vor allem deinen Fehler wieder gutmachen! Emma wünscht
deine erste Liebe. Also enthalte sie ihr nicht vor!‘
[RB.01_072,02]
Darauf erwiderte ich: Mein geliebter Vater! Meine Liebe zu Emma ist noch nie
schwächer geworden als bei unserer ersten Bekanntschaft. Aber so die
allerliebste Emma dort Gespenster sah, wo sie nicht waren, da kann ich
wahrhaftig wenig dafür! Daß ich ihr nicht eifersüchtige Vorwürfe machte, ist
allein meinem zartfühlenden Herzen zuzuschreiben. Daß ich bei mir dennoch so
manches Bittere empfand, weiß freilich nur ich allein! Was aber ihr großes
Vermögen betrifft, muß ich leider zugeben, daß ich darauf nie einen Wert gelegt
habe. Ja, ich muß offen gestehen, daß mich der Anblick des großen Vermögens
meiner Emma höchst unangenehm berührt hat. Denn je reicher irgendein Haus ist,
desto mehr Gelegenheit bietet es auch zu allerlei sündigen Ausschweifungen! –
(Mich zur Emma wendend): Siehe, hättest du die Tausende, die dich deine
Gesellschaften kosteten, den Armen zukommen lassen, wie glücklich wären diese
und ich gewesen! Aber du wolltest mich dadurch nur strafen, und das war nicht
löblich von dir! Denn einen noch nachsichtig geduldigeren Gatten kann es wohl
kaum geben, als ich es allezeit war!
[RB.01_072,03]
Emma wußte darauf nichts Rechtes zu erwidern, schien aber mit Ungeduld auf den
Kammerdiener zu warten. Endlich kam dieser ihr mit einem schweren Paket
entgegen. Sie herrschte ihn sogleich an, dieses auf den Tisch zu legen. Dann
blickte sie mich etwas höhnisch lächelnd an und sagte: ,Ich muß doch zuvor die
dir angetane Beleidigung wiedergutmachen, bevor du mir wieder gutwerden
kannst!‘ – Worauf ich erwiderte: Liebe, teuerste Emma! Ich liebe dich zu sehr,
als daß ich nur den geringsten Groll auf dich haben könnte! Auch habe nicht
ich, sondern mein geliebter Vater in einer verzeihlichen Aufwallung eine solche
Forderung an dich getan. Nimm daher deine Papiere nur wieder in Verwahrung und
werde mir wieder ganz dieselbe Emma, die mir vor einigen Jahren nach England
gefolgt ist, und für die ich mein Leben tausend Gefahren preisgab!
[RB.01_072,04]
Die Emma stutzte hier und sagte nach einer Weile mit wahrhaft stoischem Gleichmut:
,So du mich schon liebst, so tue mir doch den Gefallen und nimm diese Papiere
in deine Verwahrung, denn du weißt ja, daß ein Weib mit dem Geld nicht
umzugehen versteht!‘ – Worauf ich sagte: Das ist etwas anderes! Mit dem größten
Vergnügen will ich deinem Verlangen nachkommen! Aber nun mußt du mir auch deine
Hand reichen zum Zeichen, daß du mir wieder gut bist, und auch um einen schon
lang vermißten Kuß nicht verlegen sein! Komm, Emmchen, mache mich wieder
glücklich! – Sie spricht: ,Dazu hat es schon noch Zeit, mein Herr Gemahl! Eine
Frau muß mit dem Besten nicht gar zu freigebig sein, so sie den Kurs der Liebe
aufrechterhalten will! Dann muß ich dir noch etwas Besonderes bemerken: Ich
habe dir schon einige Male gesagt, daß ich nicht Emma, sondern nach meinem
ersten Taufnamen Kunigunde heiße! Warum nennst du mich denn immer Emma und
nicht Kunigunde, einen echt altadeligen Namen, auf den schon meine Mutter und
Großmutter getauft waren? So du mich wahrhaft liebst, nenne mich in Zukunft
auch bei meinem würdigen, rechten Namen!‘
[RB.01_072,05]
Ob dieser Liebebedingung kommt mir und natürlich auch dem Herrn General das
Lachen an. Ich sage daher auch zur Emma: Aber meine liebe Gemahlin, das tat ich
ja nur aus purer Achtung vor dir! Du kennst ja doch das gewisse Lied, in dem
von ,Eduard und Kunigunde‘ auf eine lächerliche Art zur Belustigung des
Publikums herabgesungen wird! So oft ich dich rief, so fiel mir auch allzeit
jenes dumme Lied ein. Auch klingt der Name Emma doch ästhetischer als
Kunigunde. Willst du von nun an aber durchaus Kunigunde heißen, nun, in Gottes
Namen, so will ich dich ja auch recht gerne so nennen! – Spricht sie darauf
bissig: ,Ja, ja, was man nicht mag, das sucht man eben lächerlich zu machen!‘ –
Sage ich: Was fällt dir denn ein! Ich werde dich doch nicht lächerlich machen
wollen, die du mir so unendlich lieb und teuer bist! Ich hoffe nun, daß du dies
für beendet ansehen und mir nun die Hand zur gänzlichen Aussöhnung reichen
wirst! Oder hast du etwa noch etwas im Hintergrund?
[RB.01_072,06] Sprach
Sie: ,Oh, nur genug!‘ Erwiderte ich: Was denn alles noch, wenn ich fragen darf,
meine geliebteste Em – hätte ich bald gesagt –, bitte tausendmal um Vergebung!
– Kunigunde wollte ich sagen! Nur heraus, Kundl, was dich noch drückt!
[RB.01_072,07]
Auf diese etwas lakonisch-zärtliche Frage hob sie den Fuß und stieß damit vor
Zorn so gewaltig auf den Boden, daß darob die Gläser in meinem Kasten klirrten.
Und dann folgte ein schneidendes ,Nein!‘ – mit Begleitung von einigen Tränen.
Diesem bedeutungsvollen Nein folgte eine stumme Zornpause, sodann eine ganze
Legion von Namen an meine Person, die wahrlich der derbsten Öbstlerin keine
Schande gemacht hätten! Zum Schluß herrschte sie mich noch an: ,Wir sind quitt!
Ich will von dir nichts mehr hören und sehen! Bezahlt bist du, und so sind wir
quitt für ewig! Mich hänseln auch noch! Das ginge mir noch ab von so einem
Lümmel, der von irgendeiner bäurischen Kuh geworfen wurde! Du magst tausend
Male vom Kaiser selbst zum Fürsten erhoben sein, so bist du aber für mich, eine
Baronin von uraltem Geschlecht, doch nichts, verstehst du? Gar nichts bist du
gegen mich! Sieh, daß du mir ehestens aus den Augen kommst!‘
[RB.01_072,08]
,Mit der richten wir nichts‘, sprach der General, ,denn die ist eine komplette
Närrin! Laß sie gehen, mein Sohn, und kümmere dich nicht mehr um sie!
Vielleicht bessert sie die Zeit eher als wir beide. Aber die Papiere nimm nur
mit, denn es kann eine Zeit kommen, wo sie sogar ihr gute Dienste leisten
werden, wenn sie etwa nur zu bald ihre Reichtümer vergeudet haben wird.‘
[RB.01_072,09]
In diesem Augenblick tritt auch mein Kammerdiener ein und meldet mir, daß er
eine sehr schöne, sogleich beziehbare Wohnung gefunden habe. – ,Gut‘, sprach
der General, ,also jetzt nur geschwind auf- und eingepackt!‘ Spricht der
Kammerdiener: ,Herr, bis auf dieses Zimmer ist schon alles in der Ordnung! Nun
kommen die Träger hier herein!‘“
73. Kapitel –
Fortsetzung der Ehegeschichte. Emmas Nervenkrisis und Umkehr.
[RB.01_073,01]
Pathetikus: „Nun gut. Sehr gut hast du es gemacht! Spricht der Kammerdiener:
,Euer Gnaden werden eine rechte Freude haben mit der Wohnung! Sie ist zwar
nicht in der Stadt, sondern in einer der Vorstädte. Aber eine wahre
Prachtwohnung, versehen mit allen möglichen Bequemlichkeiten und kostet wirklich
eine Bagatelle!‘
[RB.01_073,02]
Spricht der General: ,In welcher Vorstadt ist es und im wievielten Stock?‘ –
Spricht der Kammerdiener: ,Die Vorstadt nenne ich aus guten Gründen (dabei auf
mein Weib hindeutend) nicht. Stock aber ist es der zweite! – Denn wenn man sich
vor dem Feind zurückzieht, darf man ihm nicht auf die Nase binden, wohin!‘ Sagt
der General: ,Ihr müßt einmal auch schon vor dem Feind gedient haben, weil Ihr
das so gut wißt?‘ – Spricht der Kammerdiener: ,Zweifach, Euer Exzellenz! Einmal
als Wachtmeister vor dem wirklichen, wo es Bomben, Granaten und Kartätschen
geregnet hat; und bald darauf vor dem unwirklichen, nämlich vor meinem Weib! Da
hat es zwar keine Bomben, Granaten und Kartätschen geregnet, aber dafür ganze
Heuschreckenzüge von Lästerzungen! Fünf Jahre habe ich's ausgehalten mit aller
Geduld und Zartheit. Aber es war mit ihr um keinen Preis mehr auszukommen. Ich
zog mich daher vor diesem zweiten Feind zurück, suchte mir einen Dienst und
fand auch bald einen, nämlich hier! Wenn vielleicht Euer Gnaden Frau Gemahlin
wünschte, bei meiner liebenswürdigen Gattin in diesen Dingen einen gründlichen
Unterricht zu nehmen, so könnte ich ihr kein tauglicheres Individuum
anempfehlen!‘
[RB.01_073,03]
Meine Emma, aus Ingrimm an einem entfernten Fenster des Zimmers stehend, läuft
darauf auf meinen Kammerdiener verbissen zu und zieht ihre zarte Hand für eine
energische Ohrfeige gewisserart vom Leder. Aber der Kammerdiener pariert und
spricht: ,Oha! Solches Gfraßt kann ich mir drunten bei einer Öbstlerin schon
selber holen! Mein Gesicht ist nicht so nobel, daß es sich zum Rasieren von
einer hochadeligen Hand sollte einseifen lassen! Drei Schritte von meinem
ehrlichen Feldwebelleib, sonst könnte ich auf den Gedanken kommen, mit der
gnädigen Frau Baronin einen ganz kuriosen Tanz anzugehen, verstanden?!‘ – Emma
zerbarst nahe vor Zorn und schrie: ,Mir aus den Augen, Canaillenvolk; mir aus
den Augen, Bestien!! Er niederträchtiger Kujon! Wie kann Er sich unterstehen,
miiir solche Sottisen ins Angesicht zu sagen, mir, einer Baronin vom ältesten
Adel! Packe Er sich augenblicklich aus meinen Augen, sonst lasse ich ihn durch
die Polizei holen!‘
[RB.01_073,04]
Spricht der Kammerdiener: ,Hat's nicht nötig, Euer Gnaden, Frau Baronin! In
einer halben Stunde werden wir gottlob aus dem Bereich Ihrer Augen kommen.
Zürnen Sie nicht, denn das könnte auf Ihre zartesten Nerven von sehr üblem
Einfluß sein!‘ ,Schweige Er, impertinenter Lümmel, sonst soll Er es sogleich
empfinden, was es heißt, eine Baronin so zu beleidigen! Ich bin imstande und
werfe ihm, was mir in die Hände kommt, in sein scheußliches Affengesicht!‘
Spricht ein anderer Bedienter zum Kammerdiener: ,No, du, jetzt hast bald Zeit
's Maul z'haltn, sonst erleb'mer noch so a klans Vorspiel zum Jüngsten Tag!
Schau, daß mer weiterkommen!‘ Sage ich: Ja, ja, tummelt euch; denn jetzt möchte
ich schon selbst lieber fliegen als gehen!
[RB.01_073,05]
Als ich kaum ausgeredet hatte, springt Emma zu mir hin und schreit: ,Nein,
nein! Habe ich das um dich verdient, daß du mich nun im Ernste verläßt und mich
obendrauf dem Gespött deiner frechen Dienerschaft preisgibst? Sieh, ich war in
eine üble Laune geraten, wie und warum, das wird nur Gott wissen; kurz, ich
wurde wieder krank und bin dir gewiß in meinem Leiden roh und bitter entgegengekommen.
Aber nun fällt es mir wieder wie Schuppen von den Augen. Ich gewahre dumpf, daß
ich dich, wie den Herrn General muß ganz tüchtig beleidigt haben! Und du hast
nicht erkannt, daß dies nur deine arme, kranke Emma getan hat, die ihrer
gesunden Sinne nicht mächtig war! O du mein teuerster Gemahl! Tue mit mir, was
du willst; strafe mich, wenn ich Strafe verdient habe! Aber nur verlasse mich
nicht!‘
[RB.01_073,06]
Mit diesen Worten fällt sie mir schluchzend an die Brust und umfaßt mich
krampfhaft. Die Dienerschaft macht große Augen und fragt mich, was nun zu
machen wäre – ob weiter fortzuziehen oder wieder zurückzuwandern sei? – Spricht
Emma: ,Augenblicklich ist auf meine Rechnung wieder zurückzuziehen und die
Miete der Wohnung auf ein halbes Jahr zu bezahlen!‘
[RB.01_073,07]
Spricht darauf der General: ,Ja, wenn die Sache so steht, da bedauere ich dich
und auch deine Gattin, die mir im Ernst krank zu sein vorkommt. Natürlich
kannst du als Kavalier, Mensch und Gatte unter solchen Umständen deine Emma in
keinem Fall verlassen! Ich aber werde nun einen notwendigen Gang machen und in
ein paar Stunden wieder bei euch sein. Richtet mir ein Zimmer ein, denn ich
werde einige Tage bei euch zubringen.‘ – Der General empfiehlt sich nun. Die
Diener gehen an ihre Rückwanderungsarbeit, was ihnen etwas fatal vorkommt. Und
meine Emma ist wie ausgewechselt und weiß sich kaum an etwas zu erinnern, was
früher zwischen uns vorgefallen ist! Ich staunte heimlich; die Emma kurz vorher
noch ein Teufel – ward jetzt zu einem Engel!“
74. Kapitel –
Überraschungen für den Pathetikus. Er findet alte Bekannte. Olafs guter Rat.
[RB.01_074,01]
Spricht endlich wieder der Max Olaf: „Mein geehrtester Freund, deine eheliche
Lebensgeschichte fängt an, sich stark zu dehnen! Daher lassen wir die weitere
Fortsetzung derselben, umso mehr, als sie mir ebensogut bekannt ist wie dir
selbst. Denn wisse, ich, hier unter dem Namen Max Olaf, der ich dir hier als
ein rechter Freund zur Seite stehe, bin ja ebenderselbe Oberst und General, der
dich auf der Welt aus nichts zu etwas gemacht hat. Und dieser Freund da, der
alle diese Erscheinungen samt der Wandlung der Lerchenfelderin für einen puren
Traum ansieht, ist jener Baron, dessen Tochter ohne sein Wollen dein Weib
wurde. Willst du aber auch dein Weib hier kennenlernen, mit der du nahezu
zwanzig Jahre auf der Erde gezankt hast? So sieh das armseligst ausschauende
Wesen, das halbnackt und entsetzlich mager hinter dem Baron auf dich
herüberlugt – und du hast dann das wirkliche Schlußstück deiner ganzen Lebensgeschichte
beisammen! – Bist du zufrieden mit der Lösung deiner uns so gedehnt erzählten
Lebensgeschichte?“
[RB.01_074,02]
Spricht der Pathetikus: „O du verzweifeltes Wetter! Na, die Sache wird sich
machen! Ich glaube, die mißliche Fortsetzung meiner Lebensgeschichte wird hier
wieder wie der zweite Akt eines Dramas ihren Anfang nehmen! Was meinst du, mein
aufrichtiger Freund?!“
[RB.01_074,03]
Spricht Max Olaf: „Lieber Freund, mir kommt es stark so vor, daß wir uns fast
ausschließlich an jenen Mann werden halten müssen, so wir eine bessere
Fortsetzung unseres Lebensdramas gewärtigen wollen! Denn sieh, mir als einem
stummen Beobachter ist nichts entgangen, was sich hier in diesem Gemach während
deiner Erzählung für mein Gemüt Wichtiges ereignet hat. Die Lerchenfelderin
wurde neu bekleidet und sieht nun wie ein purster Engel aus. Und je mehr sie
jenem sonderbaren Mann mit Liebe zugetan ist, desto schöner und weiser wird sie
auch! Aber nicht sie allein ist so glücklich. Ich sehe schon eine Menge, die
früher gleich uns sehr elend dastanden. Wie sie sich aber jenem Manne mehr
haben zu nähern angefangen, bekamen sie sogleich ein besseres Ansehen und ihre
Kleider verwandelten sich nahezu wie ihre Gemüter!
[RB.01_074,04]
Freund, das sind ja doch im buchstäblichen Sinne des Wortes Wunder über Wunder!
[RB.01_074,05]
Dort auf einer geräumigen Tribüne ersiehst du etwa vierundzwanzig weibliche
Wesen im Ballettkostüm, die sehen doch schon rein himmlisch aus! Und dort am
mit Brot und Wein besetzten Tisch stehen der Demokrat Blum, der uns bekannte
Messenhauser, Doktor Becher und Redakteur Jellinek! Welch eine heilige Würde
strahlt aus ihren Angesichtern und von welcher Weisheitstiefe ist jede ihrer
Reden erfüllt! Wie freundlich und dabei doch so erhaben ernst ist ihr Benehmen!
[RB.01_074,06]
Und dennoch scheint ihnen jener schlichte Mann, der nun der schönen
Lerchenfelderin förmlich den Hof macht und mit ihr von nichts als Liebe
spricht, alles in allem zu sein. Denn sie fragen ihn um alles. Er ordnet alles
an und es ist da und dort, was er will und was er gebietet! Dabei aber ist sein
ganzes Benehmen ein anspruchsloses und himmlisch freundliches, daß ich ihn bloß
durchs Zusehen und Beobachten schon so liebgewonnen habe, wie man nur immer
einen besten Freund lieben kann!
[RB.01_074,07]
Ich möchte selbst zu ihm hineilen und ihn so zu liebkosen anfangen, wie ein
sehr bedrängter Feldherr eine eroberte feindliche Hauptfahne liebkost, von
deren Eroberung der vollkommene Sieg abhängt! – Sage mir, Freund, fühlst du
nicht auch ein ähnliches Bedürfnis in dir? – und du, Traumdeuter von einem
Baron samt deiner Tochter Kunigunde-Emma?“
[RB.01_074,08]
Spricht der Pathetikus: „Ich für meine Person fange nun auch das gleiche zu
fühlen an. Aber ob es mein Herr Schwiegerpapa und meine Emma auch so fühlen,
das ist freilich eine ganz andere Frage. Vielleicht die Emma, bei der ich in
der letzten Zeit einige Spuren von Religiosität entdeckt habe. Aber was den
Herrn Baron betrifft, so kenne ich viel zu wenig, wie er denkt und fühlt! Das
wenigstens dürfte gewiß sein, daß er mit seinen irdischen
Ahnen-Hoheitsbegriffen hier keine zu weiten Sprünge wird machen können!“
[RB.01_074,09]
Spricht der Baron: „Mein lieber Tochterentführer, kehren Sie nur schön fleißig
vor Ihrer eigenen Flur! Denn so ich mit Ihnen hier rechten wollte, da würde es
einen tüchtigen Prozeß absetzen! Aber ich habe Ihnen auf der Welt alles
vergeben, und so sind wir in unserem fraglichen Streitfall quitt. Haben Sie
aber hier in dieser mir wie ein Traum vorkommenden Welt etwas Ersprießliches
vor mir voraus, so entgelten Sie mir hier durch Ihre Freundschaft, was Sie mir
auf der Erde feindlich genug entwendet haben, nämlich mein Leben! Denn meine
Emma war dort mein Leben, das Sie mir geraubt haben! Aber ich habe Ihnen diesen
Raub vergeben. Fragen Sie daher nicht, wie ich hier gesinnt sei, sondern helfen
Sie mir und der armen Emma, so Sie uns irgend helfen können!“
[RB.01_074,10]
Spricht Max Olaf: „Vollkommen richtig, sozusagen mir aus dem Herzen gesprochen,
lieber Freund! Der Schwiegersohn wird das auch sicher tun, denn an gutem Willen
hat es bei ihm nie gemangelt. Nur geht uns allen hier noch das Können ab. Aber ich
hoffe zu Gott, daß wenigstens einem von uns bald geholfen wird, und dieser wird
dann auch seine lieben Freunde nicht in der Not sitzen lassen!“
[RB.01_074,11]
Spricht der Baron: „Ich danke Ihnen recht herzlich dafür! Irgendeine Hilfe täte
mir und Emma überaus not. Denn etliche zwanzig Jahre, die hier zu zweitausend
geworden sind, schmachte ich schon in der größten Verlassenheit! Keine Hilfe,
kein Trost, kein Licht kam bis nun zu mir. Sie sind der erste, der angefangen
hat, mir aus meinem langen Traum zu helfen. O Freund, vollenden Sie aber auch,
was Sie begonnen haben, so soll mein Herz und Leben Ihnen zum Lohn geweiht
sein!“
[RB.01_074,12]
Spricht Max Olaf: „Liebe Freunde, und Sie auch, meine arme Emma! Folget mir
getrost dorthin zu jenem herrlichen Mann, der sich nun mit Doktor Jellinek
bespricht. Ich will dort vor ihm einen Kniefall machen zu eurem und vielleicht
auch meinem Besten! Wenn der uns seine wunderbar hilfreiche Hand bietet, wird
uns auch geholfen sein! Aber es heißt sich vor ihm ungeheuer zusammennehmen,
das habe ich schon beobachtet. Denn so unaussprechlich gut er auch sein mag,
besitzt er aber daneben auch eine enorme Weisheit, vor der jeder unserer
allertiefsten Gedanken wie Butter an der Sonne zerschmilzt. Wie wir denken und
fühlen, so müssen wir vor ihm auch reden, denn vor seinem Scharfblick läßt sich
kein Hinterhalt machen! Kommt daher mit mir, vielleicht finden wir Gnade bei
ihm!“
[RB.01_074,13]
Spricht der Pathetikus: „Bruder, wie wäre es denn, so du ohne uns allein zu ihm
hingingest und machtest für uns einen Fürsprecher? Denn wahrlich, ich habe
heimlich vor ihm eine ganz eigene Art von Furcht!“
[RB.01_074,14]
Auch der Baron und Emma bitten den General Max Olaf darum. Und dieser spricht:
„Liebste Freunde, was ich für euch tun kann, das werde ich auch tun. Aber
sammelt euch unterdessen, denn ich ahne, daß ich mit einer guten Antwort bald
zurückkehren werde!“
75. Kapitel –
Olafs Bitte für das Wohl seiner Freunde. Des Herrn Verheißung an ihn.
Menschenseelen-Fischfang. Der blindstörrische Pathetikus.
[RB.01_075,01]
Nach diesen Worten begibt sich Max Olaf sogleich zu Mir hin, verbeugt sich tief
und spricht: „Erhaben weisester und sicher auch liebevollster Freund! Von
allem, was nun während meines Hierseins sich wunderbar ereignet hat, ist meinen
Augen nichts entgangen. Aber bei all dem habe ich auch bemerkt, daß sich alles
ganz allein auf dich stützt! Du scheinst wenigstens hier in diesem Hause der
Grund von allem zu sein. So scheint es auch, daß es hier eigentlich bloß auf
dich ankommt, ob da jemand glücklich oder unglücklich werden soll. Wer dich
gewonnen hat, der hat, wie mir vorkommt, alles gewonnen! – Auf deine
ersichtliche Güte vertrauend, habe ich, vielleicht der Unwürdigste von allen,
mir die Freiheit genommen, dich aus dem Innersten meines Herzens zu bitten: daß
du jenen dreien dort, nämlich zwei Männern und einem gar armseligen Weibe deine
Gnade, Liebe und Freundschaft zukommen lassen wollest! Es klebt an ihnen wie an
mir wohl noch manch irdischer Klumpen, der für diese Geisterwelt kaum zu
brauchen sein dürfte. Aber wir alle sind, bei Gott dem Lebendigen, sicher vom
besten Willen beseelt und werden nach all unseren Kräften zu ergänzen trachten,
was uns noch abgeht, um uns dadurch deiner Gnade würdiger zu erweisen.“
[RB.01_075,02]
Rede Ich: „Mein geliebter Freund und Bruder, Ich sage dir, gehe hin und bringe
sie zu Mir! Denn wo ist wohl ein Vater, der dem Ohr und Herz verschlösse, der
ihn um Gnade für seine Kinder anfleht? Siehe, das würde selbst der härteste
Vater auf Erden nicht tun; um wieviel weniger Ich, wo in Mir doch alle
Liebefülle des himmlischen Vaters körperlich wohnt! Daher eile nur und bringe
sie alle her, die nach Mir verlangen!“
[RB.01_075,03]
Spricht Max Olaf voll tiefster Freude: „O Freund, ich wußte es ja, daß ich zu
dir keine vergeblichen Schritte machen werde! Ich danke dir schon im voraus für
alle; denn nun sehe ich sie schon im Glück weinen vor Freude! Oh, ich danke
dir, ich danke dir!“
[RB.01_075,04]
Rede Ich: „Aber liebster Freund und Bruder! Ich habe nun immer gewartet, daß du
für dich selbst auch etwas bitten möchtest; aber es kam nichts dergleichen zum
Vorschein. Willst denn du nicht auch ein bißchen glücklicher sein, als du nun
bist?“
[RB.01_075,05]
Spricht Olaf: „O du himmlisch lieber, guter Freund! Sieh, ich bin so
beschaffen, wenn ich nur andere glücklich sehe, da bin ich auch schon glücklich
im Anschauen des Glückes derer, die mir am Herzen liegen! Ich war ja auf der
Welt auch nicht anders. Ich vergaß darum stets für mich zu sorgen, weil mir nur
das Wohl anderer am Herzen lag! Daher mußt du, bester Freund, es mir nicht für
übel nehmen, so ich zu dir nur für andere um deine Gnade bitte. Ich vergaß
dabei meiner fast so, als bedürfte ich ihrer weniger als jene, für die ich dich
gebeten habe! Oh, ich bedarf ihrer gar sehr, warte aber gerne darauf, so ich
zuerst die andern glücklich sehen kann!“
[RB.01_075,06]
Rede Ich: „Höre, liebster Freund und Bruder! Ich wußte es wohl, wie dein Herz
beschaffen ist und wie es mit dem Meinen in der größten Harmonie steht. Ich
fragte dich aber nicht, als wüßte Ich's nicht – sondern um dein Herz für etwas
vorzubereiten, was zu fassen du nun noch nicht imstande bist. Aber Ich Selbst
werde dich bald fähig machen! – Gehe nun hin und bringe sie her, die dir am
Herzen liegen! Lasse aber noch von mehreren dein Herz belasten, denn Ich sage
dir: Alle, die du Mir herbringen wirst, sollen angenommen werden! – Verstehst
du das? Ja, du verstehst es!“
[RB.01_075,07]
Max Olaf verneigt sich nun wieder tief vor Mir und kehrt zu den Seinen zurück.
Als er dort sehnlich erwartet zurückkommt, fragt ihn der Baron gleich, wie er
und seine Bitte bei Mir aufgenommen worden sei.
[RB.01_075,08]
Spricht Max Olaf: „Meine Lieben alle, ich sage euch: Allerbestens! Nicht nur
ihr allein, sondern so viel sich ihrer uns anschließen wollen, werden bei ihm
Aufnahme finden! Daher lasset uns ein wenig unter dieser Menge umsehen, ob sich
nicht noch jemand findet, der sich uns anschlösse!“
[RB.01_075,09]
Spricht der Baron: „O lieber Freund, sehen Sie da gleich hinter Emma noch ein
paar weibliche Wesen, es sind meine älteren zwei Töchter! Und hinter ihnen ihre
Gatten, und daneben noch ein paar treue Domestiken – vielleicht würden sie auch
angenommen, wenn sie mit uns hingingen?“ – Spricht Max Olaf: „Nur her mit
ihnen! Was mit uns geht, wird angenommen, denn ich habe dafür sein göttliches
Wort! Aber wir müssen uns nun um noch mehrere umsehen.“
[RB.01_075,10]
Spricht der Pathetikus: „Hören Sie, mein Freund! Da weiß ich ein Mittel: wir
gehen unter die uns bekanntere Menge und machen unter ihr einen allgemeinen
Aufruf. Wer sich dem fügen will, der wird uns auch folgen. Wer aber nicht, der
bleibe eben zurück. Nötigen, glaube ich, sollten wir gerade niemanden.“
[RB.01_075,11]
Spricht Max Olaf: „Vom Nötigen ist da ohnehin keine Rede! Aber erklären müssen
wir es ihnen doch, warum wir von ihnen zu ihrem höchst eigenen Wohl so etwas
wünschen! Eine solche Erklärung wird hoffentlich doch keine Nötigung sein?“ –
Spricht der Pathetikus: „Je nachdem man die Sache nimmt. Eine zu magere
Erklärung wird wenig Effekt machen. Eine wohlbegründete aber ist ebensogut eine
Nötigung wie sonst eine andere Macht. Der Wille des so Beredeten ist dann kein
freier mehr!“
[RB.01_075,12]
Spricht Max Olaf: „Freund, Sie greifen da sehr weit aus! Wenn man das alles Nötigung
nennen würde, wodurch Menschen auf andere Ideen, Begriffe und Entschließungen
gebracht werden, müßte ja auch aller Unterricht verbannt werden! Denn durch den
Unterricht kommen die Schüler, die doch auch mit einem freien Geist begabte
Menschen sind, ja auch zu ganz anderen Begriffen, durch die ihr ursprünglich
rein sinnliches Wollen eine ganz entgegengesetzte Richtung bekommt. Ich meine,
daß das etwas sehr Gutes ist. So aber durch die Unterrichtsnötigung der
menschliche Geist erst zur wahren Freiheit gelangen kann, da sehe ich gar nicht
ein, wie da im eigentlichen Reich des Geistes eine belehrende Erklärung die
Willensfreiheit eines Menschen gefährden könnte! Seien Sie, mein lieber Freund,
deshalb nur ganz unbesorgt! Wenn daran etwas gefehlt sein sollte, so werde ich
es schon dort vor Dem verantworten, der mir dazu sein göttliches Wort gegeben
hat! Ich werde mich selbst sogleich ans Werk machen und werde mein treues
Wortnetz unter diese Fische hineinsenken. Fange ich etwas, so wird es gut sein.
Fange ich aber nichts, nun, so wird es auch so gut sein müssen.“
[RB.01_075,13]
Mit diesen Worten begibt sich unser Max Olaf unter die Menge und richtet an
diese eine wohlgesetzte Ansprache. Und bei zwanzig an der Zahl schließen sich
ihm an, während die andern murrend sagen: „No, wann mer hin wolln, werdn mer
wohl selbst 'n Weg findn! Wir brauchen kan extra Patzigmacher dobei!“
[RB.01_075,14]
Max Olaf kehrt mit seinem Fang sogleich zu den Seinen zurück und sagt voll
Freude: „Nun seht, liebe Freunde, mein Fischfang ist recht gut ausgefallen! Nun
ziehen wir aber sogleich zu Ihm hin, der uns allen allein helfen kann und wird!
Denn dafür habe ich sein göttliches Wort!“
[RB.01_075,15]
Spricht der Pathetikus: „Aber ich begreife nicht, was Sie, teuerster Freund,
immer von seinem ,göttlichen Wort‘ reden! Wie kann denn ein wenn schon auch
ganz vollendeter Menschengeist ein göttliches Wort haben und geben? Oder halten
Sie ihn denn im Ernst etwa für so eine Art Apollo?“
[RB.01_075,16]
Spricht Max Olaf: „Ja, ich sage es Ihnen ohne Scheu: Entweder Er oder sonst
keiner! – Seine an mich gerichteten großen Worte fielen bei mir nicht auf Sand,
sondern in alle Tiefe meines Lebens! Und dieses sagt mir nun stets: Er und
sonst ewig keiner! – Verstehst du diese Kraft? So fragt mich mein Herz. Und
mein Geist antwortet: Ja, Herz! Den du liebst, der ist es, und außer Ihm ist
keiner mehr! – Aber nun nichts weiter davon, sondern auf und zu Ihm! Heil dem,
der mir folgt!“
[RB.01_075,17]
Spricht der Pathetikus schnell: „Muß wahrlich um Vergebung bitten, mein sonst
schätzbarer Freund! Unter solcher Annahme kann ich Ihnen nicht folgen! Einen
Menschen als alleinigen Gott ansehen!? Fürwahr, das ist mehr als zu stark! –
Ich habe gegen seine Weisheit und innere Willenskraft nichts einzuwenden, wie
auch gegen seine Güte nichts. Denn die Lerchenfelderin macht sich unter seiner
Güte famos! Aber gegen seine von Ihnen uns angezeigte Gottheit muß ich
protestieren! – Im Moses heißt es: ,Du sollst allein an einen Gott glauben!‘
Und ferner: ,Gott kann niemand sehen und leben, denn Gott ist ein verzehrendes
Feuer!‘ – Und hören Sie weiter, was der weise Jude Jesus, den Sie auch für
einen Gott halten, selbst an einer Stelle, glaube im Johannes, spricht. Er
sagt: Es habe die Gottheit wohl nie jemand gesehen. Aber wer sein Wort hörte,
es annehmen und darnach handeln möchte, der würde dadurch den Geist Gottes in
sich aufnehmen und dieser in ihm wohnen! – Sehen Sie, auch ich bin mit der
Bibel so ziemlich vertraut. Aber das steht nirgends darinnen, daß ein
Menschengeist, wenn er auch aus Gott ist, darum auch schon das allerhöchste, im
ewig unzugänglichen Licht wohnende Gottwesen selbst wäre! Und da Sie, mein
sonst schätzbarster Freund, eben von jenem Lerchenfelderin-Verschönerer das zu
behaupten scheinen, kann ich wirklich nicht mit Ihnen gehen!“
[RB.01_075,18]
Spricht Max Olaf: „Lieber Freund, tun Sie nun, was Sie wollen! Sie haben schon
früher selbst gegen Nötigung protestiert, und so werde ich Sie auch fürderhin
nicht mehr zu was immer bereden.“
76. Kapitel –
Der aufrichtige Stiefelputzer. Die unwillkommene Mierl. Des Pathetikus große
Seelenwäsche. Der gekränkte Hochmutsgeist verläßt die himmlische Gesellschaft.
[RB.01_076,01]
Tritt darauf zum Pathetikus der schon bekannte Franz, der weiland auf der Welt
sein treuer Stiefelputzer war, und sagt: „Mir san hier wohl alle gleich, aber i
sog zu Ihne dennoch Euer Gnaden: Hörn's, Sö san da akrad no so, wia's af der
Welt woarn. Und das kummt mir holt a so vor, als wann's nit recht war,
verstängen's mi? Af der Welt woarn's freili a recht a großer Herr und woarn
dazu no sakrisch reich, zu dem Ihne freilich ihre Gnädige z'meist verholfen
hot. Aber mit oll dem ist's hietzt goar. Denn wir san do in der Geisterwelt,
verstängen's mi? Und do muaß a jeder schön demütig sein, sonst gibt's spanische
Mucken und an Luxemburger Spargl! Der guate Herr do mant's guat mit uns und hot
uns a bißl a Licht gmocht. Und do moan i holt, das soll'n wir nit so leicht
abischlucken. Gängen's nur mit uns, es wird Ihner Schaden nit sein! Und do
schaun's her, Ihnre liebe Mierl is a do! Wißn's, die Sö halt so neben Ihrer
Gnädigen ghobt hobn, verstängen's mi!? Und wo Ihre Mierl is, do sollten Sö a
nit fehlen! Woas moanen's dazu?“
[RB.01_076,02]
Spricht der Pathetikus ganz indigniert: „O du verfluchte Hauptwäsche! Das Fegefeuer
scheint schon da zu sein, und so dürfte die Hölle auch nicht weit weg sein. Das
ist aber ja doch rein zum Teufels werden! Jetzt ist das Luder von einer Mierl
auch hier und mein gottseliges Weib dazu! No, die Sache wird sich machen! Ist
mein Weib doch ein paar Jahrln vor mir in die Ewigkeit gegangen. Und ich
glaubte, weil sie in ihrer letzten Zeit gar so fromm geseufzt hat und so selig
in dem Herrn entschlief, daß sie schon längst auf einer Himmelswolke
herumschwebt! Aber nein, sie ist hier, und das noch hundertmal elender als auf
der Welt knapp vor ihrem Tode! Und jetzt kommt zum Überfluß auch noch mein
Ludersmensch hinzu, die ein Maul wie ein Schwert hat. Na, das ginge einem noch
ab, mit so einer Gesellschaft zu jenem Mann hinzugehen, der mir schon ehedem
unzweideutig zu verstehen gab, daß ich noch sehr gedemütigt werden soll! Aber
ich rieche den Braten und werde mich hüten, hinzuwallen vor den Magier und
seine verklärte Lerchenfelderin! Muß man aber in dieser Sauwelt mit allen
Verdrießlichkeiten zusammenkommen! O Kruzifix Donnerwetter! Wenn das nicht
Fatalitäten sind, so weiß ich nicht mehr, was man noch so nennen sollte!
Vielleicht kommen noch meine anderen zeitweiligen Amoretteln und allerlei
Gruppierungen, die ich mit ihnen per Jux manchmal machte, zum Vorschein?“
[RB.01_076,03]
Solches redete der Pathetikus in sich hinein, aber es vernahmen die Umstehenden
auch seine Worte. Und sein Weib trat hervor und sagte sanft zu ihm: „Johann,
ich wußte es ja auf der Welt, wie dein Leben beschaffen war. Das war auch der
Grund der Disharmonie, die zwischen uns beiden in der letzten Zeit obwaltete.
Aber ich habe dir dennoch alles vergeben! Mache daher auch du hier vor Gott
alles gut an mir, deinem irdischen Weib, das dir aus purer Liebe alles, sogar
die Liebe ihres Vaters geopfert hat! Fürchte mich nicht, denn ich werde dir
keine Vorwürfe mehr machen. Folge aber nun auch Dem, dem allein zu folgen du
auf der Welt stets vorgabst! Wie oft hast du mich des altaristokratischen
Hochmutes beschuldigt, aber hier im Reiche der Demütigung bist du hundertmal
hochmütiger als ich und meine Angehörigen! Wie kommt denn das?“
[RB.01_076,04]
Der Pathetikus Johann stutzt, murrt in sich hinein und sagt nichts auf diese
Anrede seines Weibes.
[RB.01_076,05]
Da tritt aber die Mierl hervor und sagt zu Emma: „I bitt Euer Gnodn tausendmol
um Verzeihung, doß i Ihnern Mann ghobt hon! I bin sonst alleweil a guats und
bravs Diandl gwest. Aber beim Sperl draußt hob i amol Ihnern Herrn
kennengelernt, wo er mir goar so zugsetzt hot und hot mir af Tod und Leben 's Heiraten
versprochen; und do han i holt gmoant, 's kinnt vielleicht do mögli sein! Aber
der Sausakra hot mi von an Johr zum andern bei der Nosen herumzogen und vom
Heiraten woar ka Red mehr. Aber do hob i nix gwußt, daß er verheirat woar!
Schaun's, dos hob i erst hietzt ghört! Aber hietzt gfreuen's Ihne a, wia i dem
Sausakra mei Manung sogn werd; na, der sull af seine betrogne Annamierl
denken!“
[RB.01_076,06]
Darauf wendet sich die Mierl zum Pathetikus und spricht: „No, Sö Sakra von an
Wosserfiaker und pensionierter Fourierschütz oder wos Sö woarn! Was moanen's
denn, wer Sö san? Ihnern Gnädigen kunnten's schon Antwort gebn, de Sö af der
Welt so damisch angschmiert hobn? Redn's hietzt, wann's a Kuraschi hobn, Sö
damischer Sausakra Sö! Wissen's, wos Sö mir olles gsogt hobn, daß Sö a lediger
Herr san, und wos für a Menge Geld Sö hättn! Wann Sö schon so a großer Herr
warn, wie Sö mi anglogn hobn, mit so a großer Ehr in Ihnern Leib, do wärn Sö
doch unmögli so a damischer Saukerl gwest! Wissen's, wann i mi nit hellicht
schamen miaßt, i soget Ihnerer gnädigen Frau olles, wos Sö mit mir triebn hobn!
Na warten's no a bißl, i werd Ihnerer gnädigen Frau schon mehr sogn! Denn
hietzt kriag i erst a rechte Gift af Sö, weil i woaß, doß Sö so an ehrsams,
guats Weiberl ghobt hobn!“
[RB.01_076,07]
Max Olaf, solches vernehmend, tritt zum Pathetikus hin, unterbricht die Mierl
und spricht: „Na, lieber Freund, da kommen ja recht löbliche Histörchen über
Ihren irdischen Lebenswandel zum Vorschein! Wahrlich, davon habe ich von Ihnen nie
etwas vernommen. Ja, jetzt verstehe ich so manches, was ich sonst nie
verstanden hätte. Also solche Treue und Liebe erwiesen Sie Ihrem guten Weib? O
Sie Schweinepelz von einem Ehrenmann! Ja, nun weiß ich, warum Sie jene
Lerchenfelderin so scheuen. Sie wird vielleicht wohl auch einige Male teil an
Ihren sauberen Seitensprüngen genommen haben? Und es wird Ihnen daher hier gar
nicht angenehm sein, sich mit mir dorthin zu begeben, wo man Sie etwas besser
zu kennen scheint, als ich Sie je gekannt habe! Freund, wenn ihre ehemännischen
Aktien also stehen und Sie dabei doch noch als ein Mann von Ehre dastehen
wollen, so muß ich Sie nun wirklich bitten, sich nicht mit mir zu jenem
reinsten und heiligsten Menschenfreunde hinzubegeben! Ich müßte eine verdammt
geringe Achtung vor jenem Heiligen haben, so ich Ihm so einen Ausbund von einem
Schweinepelz vorführte. Tun Sie nun, was Sie wollen; ich aber werde mich
weislich hüten, mit Ihnen noch fernerhin Umgang zu pflegen!
[RB.01_076,08]
Arme Emma! Hätte ich das auf der Welt gewußt, welch einen Mann du hattest, da
hätte ich dir sicher keine Ehrenbeleidigungsstrafe diktiert. Geht aber nun alle
mit mir hin zu jenem großen und heiligen Menschenfreund! Dort soll euch alles
vergolten werden, was ihr je von mir irgend an Unrecht erlitten habt! Aber
dieser Schweinepelz soll gehen, wohin er will!“
[RB.01_076,09]
Spricht der Baron: „Nein, das hätte ich von diesem Menschen auch nie geglaubt!
So bleibt es allzeit wahr: Was gemein ist, das bleibt gemein! Aber geschehen
ist geschehen! Wir wollen ihn zwar nicht richten, aber für unsere Gesellschaft
taugt er auch hier in dieser Welt nicht mehr! – (Sich zum Pathetikus wendend):
Gehen Sie von uns und meiden Sie unsere Gesellschaft! Dort unter dem
Proletariat ist für Sie der tauglichste Platz! Vielleicht finden Sie dort noch
einige Göttinnen, die Ihnen bei Ihren sauberen Paschafesten den Nektar kredenzt
haben!“
[RB.01_076,10]
Spricht der Pathetikus erbost: „Man wird sich derlei Anherrschungen wohl auch
hier zu verbieten das Recht haben! Hat etwa nicht auch mein sauberes Weib alle
Samstage Gesellschaften gegeben? Ob sie dabei Betrachtungen á la Ignatius von
Loyola gemacht hat, weiß ich wahrlich nicht! Im übrigen hat mir hier niemand
etwas zu gebieten, denn ich glaube, daß ich keines Vormunds mehr bedarf! Ich
verbitte mir aber für die Folge alle undelikaten Bemerkungen, denn ich werde
schon selbst wissen, was ich zu tun habe! Übrigens brauchen Sie mir gar nicht
zu bedeuten, als wäre ich nun für Ihre hochadlige Gesellschaft zu gemein. Denn
ich selbst danke nun Gott, solch eines Gesindels auf gute Art ledig geworden zu
sein. Zum Glück sehe ich dort im Hintergrund mehrere gute Bekannte; mit denen
werde ich sicher ehrenhafter daran sein, als mit euch, ihr eingebildetes,
hochadeliges Lumpenpack!“
[RB.01_076,11]
Mit diesen Worten verläßt der Pathetikus diese Gesellschaft und begibt sich zu
seinen Bekannten hin. Die Emma will ihn aufhalten, aber er stößt sie zurück und
eilt davon.
[RB.01_076,12]
Max Olaf aber sagt: „Laßt ihn ziehen! Vielleicht zieht er zu seiner Erstehung –
oder zu seinem Fall! Wir aber wollen den Herrn dort bitten, daß Er ihm Gnade
für Recht möge angedeihen lassen! Und so begeben wir uns denn hin zu Ihm, dem
Retter der Menschen!“
77. Kapitel –
Olafs Fürbitte vor dem Herrn. Gutes Bekenntnis von der Gottheit Jesu und
völlige Hingabe in des Herrn Willen. Der armen Seelen Sättigung.
[RB.01_077,01]
Etliche zwanzig an der Zahl bewegen sich an der Seite Max Olafs hin zu Mir. Und
der Anführer spricht, sich tief verneigend: „Mein Herr und allerhöchster
Freund! Nach Deiner gnädigsten Beheißung habe ich, wie Du hier ersiehst, eine
kleine Werbung, die mein Herz ausgeführt hat, vor Dich hergebracht!
[RB.01_077,02]
Einer zwar wollte nicht mitkommen, weil ihn einige Personen wegen zu großer
Bekanntschaft mit seinen irdischen Lebensverhältnissen zu sehr genierten. Aber
ich meine, daß er darum doch noch nicht völlig verloren sein muß? Denn Du bist
ja der eigentliche Herr dieses Hauses, und wer es einmal betreten darf, der
kann doch unmöglich verlorengehen! Er war auf der Welt im Grunde nie ein böser
Mensch. Seine Hauptschwäche war sein Fleisch. Und da er leider irdische Mittel
in großer Menge besaß, verfiel er dabei in einen Wust von allerlei
Begierlichkeiten, die er auch leicht ins Werk setzte. Ich muß offen gestehen,
daß sie seinem Geist wahrlich keine Ehre machen. Aber was kann man nun tun?
Verübt sind sie einmal! Und so glaube ich, daß er wohl in Zustände kommen
dürfte, die ihm zur Besserung und zur rechten Demut verhelfen. Aber ihn darum
zu richten und zu strafen, käme mir doch etwas zu hart vor!
[RB.01_077,03]
Übrigens sind das nur meine Ideen, mit denen ich Dir, o Herr, nicht im
geringsten vorgreifen möchte! Denn Dir gegenüber sage ich bloß: O Herr, o
Freund, was Du willst, das geschehe!“
[RB.01_077,04]
Rede Ich: „Ich sage dir aber, daß deine Meinungen sehr gut und daher auch sehr
zu brauchen sind. Aber mit jenem Geiste wird noch so manches geschehen müssen,
bis er zur wahren Einsicht und Besserung gelangt. Ich will auch von seinem
irdischen, höchst unkeuschen Lebenswandel gerade nichts sagen, obschon er sehr
geeignet wäre, ihn um das ewige Leben zu bringen. Aber dieser Geist ist
zugleich voll stinkenden Hochmutes und voll des verderblichen Übermutes! Und
siehe, da sieht es bei weitem schlimmer aus, als du meinen möchtest. Der
Sinnlichkeit kann bald ein taugliches Mittel das Ziel setzen. Aber dem Hoch-
und Übermut ist auf dem Wege der ungebundenen Freiheit wohl nur sehr schwer
oder auch gar nicht beizukommen! Doch wir werden sehen, was da zu machen sein wird.
[RB.01_077,05]
Was soll Ich aber nun deinen Mitgebrachten tun? Sage es Mir ganz unverhohlen!“
[RB.01_077,06]
Spricht Max Olaf: „Herr! Was Du in Deiner unbegrenzten Güte nur immer willst!
Denn Deine Weisheit geht über alles, Deine Güte kennt keine Grenzen, und vor
Deinem Willen werden Welten zu Staub!“
[RB.01_077,07]
Rede Ich: „Aber lieber Freund, wie Ich aus deinen Worten merke, hältst du Mich
ja für das allerhöchste Gottwesen! Sage Mir doch, woher kommst du zu solch
einem Glauben? Weißt du denn nicht, daß Gott niemand sehen und leben kann?“
[RB.01_077,08]
Spricht Max Olaf: „Herr! Zu dieser wohlbegründeten Anschauung gelangte ich eben
durch Dein heiliges göttliches Wort! Denn Worte, wie die Deinen, so voll
Wahrheit, so voll der höchsten Kraft, Weisheit und Liebe, spricht keines
geschaffenen Geistes Zunge! Daß die Gottheit Selbst in Ihrem innersten Urwesen
niemand schauen kann und leben zugleich, weiß ich recht wohl! Aber die
Gottheit, die durch Moses redete, lehrte nach etlichen Jahrhunderten in aller Ihrer
Fülle aus dem Menschensohn Jesus. Und Dieser sagte: ,Ich und der Vater sind
eins, wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!‘ – So aber Jesus das lehrte und
Seine Jünger Ihn gar wohl schauen und hören durften, ohne daß sie ihr Leben
einbüßten, so sehe ich wahrlich nicht ein, warum man sich Gott in einem ewig
unzugänglichen Lichte vorstellen sollte! Dazu kommt noch, wie es mir ganz
untrüglich vorkommt, daß Du derselbe Herr Jesus bist, der uns diese erhabenste
Lehre gegeben hat! Und so bin ich mit meinem Herzen und mit meinem
untrüglichsten Glauben schon am rechten Ort! Und ich meine, ich werde, je mehr
ich Dich mit Herzen und Augen anschauen werde, nicht nur nie das Leben
verlieren, sondern dieses nur stets mehr und mehr gewinnen!? – Habe ich recht
oder nicht?“
[RB.01_077,09]
Rede Ich: „Ich sehe schon, daß du in deinen Behauptungen fest und
unerschütterlich bleibst. Und so muß Ich vorderhand schon gelten lassen, was du
von Mir Höchstes hältst. Die Folge aber wird es dir erst ganz klar machen,
worin du noch in einem Zweifel sein könntest. Im übrigen aber sei du Meiner
Liebe und Freundschaft für ewig versichert!
[RB.01_077,10]
Saget Mir, habt ihr keinen Hunger und Durst?“
[RB.01_077,11]
Sprechen alle: „O bester, himmlischer Freund! Mehr als wir brauchten, um auf
der Welt vor Hunger und Durst zu vergehen! Wenn wir so eine kleine Stärkung
haben könnten, wie würde das unsere Gemüter aufrichten! Darum sei so gut und
lasse uns nach Deinem besten Willen etwas zukommen!“
[RB.01_077,12]
Ich winke dem Robert, Jellinek, Messenhauser und Becher, daß sie diesen Armen
Brot und Wein reichen sollen, was auch sogleich geschieht.
[RB.01_077,13]
Mit tausend Dank und Lob essen und trinken diese Herbeigebrachten. Und als sie
bald gesättigt und gestärkt dastehen, spricht Max Olaf: „O Herr! Nun stehe ich
vor Dir hier ohne allen Zweifel: Du bist es und sonst ewig keiner mehr! Dir
allein sei unser aller Verehrung, Anbetung und Liebe!“
[RB.01_077,14]
Diese Worte wiederholen alle, die er mitgebracht hat. Robert lächelt vor
Freuden über solch eine schnelle Zurechtbringung sonst von der Welt sehr
verwirrter Gemüter. Doktor Becher und Messenhauser verwundern sich ganz
gewaltig, daß ihnen Max Olaf mit seiner Gesellschaft in der klaren Erkenntnis
der Gottheit Jesu zuvorgekommen ist. Auch unsere Helena (die Lerchenfelderin)
fällt vor Mir nieder.
78. Kapitel –
Mahnung zur Vorsicht mit Halbblinden. Ankündigung eines himmlischen Großrates.
Des Herrn Größe, Einfachheit und Güte.
[RB.01_078,01]
Ich aber ermahne sie aus guten Gründen, daß sie nun nichts von dem merken
lassen, was sich ihnen aus besonderer Gnade eröffnet hatte! Und sie verstehen
Mich und schweigen, während ihre Herzen stets mehr und mehr zu erbrennen
anfangen.
[RB.01_078,02]
Helena geschieht es am schwersten, daß sie schweige. Aber Jellinek sagt zu ihr:
„Geliebte Schwester, brenne innerlich, wie du willst und kannst; aber dem
Äußeren nach mäßige dich – um derjenigen willen, die hier noch blinden Herzens
sind, auf daß über sie kein Gericht ergehe! Wir werden aber nun einen großen
Rat halten, wie es mir der Herr insgeheim anvertraut hat. Und dabei müssen wir
uns so ruhig wie möglich verhalten, daß diejenigen nichts merken, die noch
nicht erkennen, daß der Herr alles Lebens ihnen so überaus nahe ist! Daher sei
also ruhig!“
[RB.01_078,03]
Spricht Helena: „Was sagtest du von einem geheimen Rat halten? Was wird denn da
beraten werden? O Gott, o Gott! Dahinter muß gewiß sicher etwas Großwichtiges
stecken!“
[RB.01_078,04]
Spricht Jellinek: „Ja, ja, etwas sehr Großwichtiges! Ich sage dir: Wehe allen
Hochmütigen, Herrschsüchtigen, allen Mördern und Menschenschlächtern, und wehe
denen, die auf den Thronen sitzen! Ich sah ehedem eine ungeheure Menge zorniger
Engel mit flammenden Schwertern sich auf die Erde hinabstürzen. Und eine Stimme
hallte ihnen donnernd nach: ,Meine Geduld ist zu Ende! Darum keine Schonung
mehr! Denn die Großen suchen Hilfe nicht bei Gott, sondern in ihren vielen
Waffen. Und die Kleinen heulen und knirschen mit den Zähnen und kehren auch
nicht um zu Gott, von dem alle Hilfe kommt! Daher keine Schonung mehr!‘ – Und
siehe, darüber wird nun Rat gehalten werden, weil nun alle Himmelsmächte in
Bewegung gesetzt werden. Daher mußt du also doppelt ruhig sein!“
[RB.01_078,05]
Spricht Helena: „Ja, ja, ich bin schon ruhig. Aber was wird da herauskommen? O
schrecklich, schrecklich!“
[RB.01_078,06]
Spricht Jellinek: „Ja, meine schätzbarste Schwester Helena, da geht es nun ganz
kurios anders zu als in Wien, wo wir beide seligen Andenkens uns noch im
Fleisch unter den Freiheitskämpfern befanden! Denn hier gilt im vollkommensten
Sinn der Wahrheit: entweder Leben oder Tod – Himmel oder Hölle! Der Herr der
Unendlichkeit, der allmächtige Schöpfer ist hier unter uns! Und seine Myriaden
von mächtigsten Dienern werden, wenn auch uns noch nicht sichtbar, sicher nicht
ferne von hier Seiner heiligen Winke harren. So kannst du dir schon im voraus
einen kleinen Begriff machen, wie unaussprechlich großwichtig nun dieses große
Zimmer ist, wo der Herr Himmels und aller Welten Beschlüsse unter uns, Seinen
jüngsten Freunden fassen wird, von denen alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten
abhängen sollen! Nun, was denkst du dir, wenn du diese Sache so recht im wahren
Licht betrachtest?“
[RB.01_078,07]
Spricht Helena: „Sieh, lieber Freund, ich kann die erschreckliche und
unendliche Wichtigkeit dieses Platzes gar nicht fassen! Es ist mir
unbegreiflich, wie in Ihm – da Er nichts von irgendeiner göttlich-allmächtigen
Auszeichnung zur Schau trägt – eine so unbegreiflich höchste Kraft und Macht
vorhanden sein kann! Und wie Er mit einem Blick die ganze ewige Unendlichkeit
vom größten bis zum allerkleinsten so scharf übersehen kann? Er steht da unter
uns, als wären wir die einzigen, mit denen Er Sich nun abgibt! Gar so
anspruchslos, so gut, zuvorkommend und unbeschreiblich lieb ist Sein Benehmen!
O Freund, welch eine unendliche Herablassung ist das!
[RB.01_078,08]
Und höre – welch ein Unterschied zwischen Ihm, dem allmächtigen, ewigen Herrn
der Unendlichkeit, und den Machthabern unserer stinkenden Erde! – Er, alles in
allem, ist voll Demut und erhöht sich nie vor seinen Geschöpfen! Aber die
Mächtigen der Erde, du kennst sie, wollen von Herablassung und Demütigung
nichts hören. Sie allein wollen alles sein und alles haben; alle anderen aber
kann der Teufel holen! Wahrlich, bei solchen Regierungen muß die sonst so
schöne Erde doch notwendig in aller Kürze zur barsten Hölle werden, aus der am
Ende kein sterblicher Mensch mehr fürs ewige Leben wird gewonnen werden können!“
[RB.01_078,09]
Spricht Jellinek: „Ja, ja, da urteilst du gut und scharf! Aber denke dir auch,
daß bei Gott gar viele Dinge möglich sind, die sich auch ein weisester Geist
nimmer als möglich vorstellen kann – so wirst du all das Kommende mit viel ruhigerem
Gemüt anzusehen imstande sein. Denn siehe, alle unendliche Machtgröße liegt ja
eben in der unermeßlichen Größe Seiner Liebe. So aber des Allerhöchsten Höhe,
Macht und Größe in Seiner Liebe steckt, so darf es uns bei Seinen noch so
großen Beschlüssen ja nicht bangen. Denn was die mächtigste Liebe tut, kann
doch unmöglich anders als nur höchst gut sein, und sollte es äußerlich noch so
ein erschreckliches Gesicht haben.“
[RB.01_078,10]
Spricht Helena: „Ich danke dir, lieber Freund, für deine Belehrung! Wahrlich,
du hast mir nun einen schweren Stein vom Herzen hinweggewälzt! Aber sage mir
noch: Wann wird denn diese vorerwähnte allerhöchste Beratung anfangen?“
[RB.01_078,11]
Spricht Jellinek: „Sogleich, geliebte Schwester! Sieh, die große Gesellschaft
der Wiener Proletarier, die noch kein Licht zu haben scheint, wird dort soeben
von Blum in ein Seitengemach zu treten beschieden. Nur die vierundzwanzig
Tänzerinnen, Blum, Messenhauser, Becher, ich und du und Max Olaf mit seiner
Zwanziger-Gesellschaft, wie auch jener Halbengländer mit ebenfalls einem paar
Dutzend echter Aristokraten dort im Hintergrund des Saales werden bei der
Beratung zugegen sein.
[RB.01_078,12]
Dort aus einem anderen Gemach kommen soeben zwölf sehr weise aussehende Männer
zum Vorschein und hinter ihnen noch sieben andere. Diese werden
höchstwahrscheinlich auch an der großen Beratung teilnehmen. Und ein großer
Tisch befindet sich auch schon in der Mitte dieses stets wie größer werdenden
Saales. Es ist somit schon alles in Bereitschaft. Freue dich, die Beratung wird
nun unverzüglich ihren heiligen Anfang nehmen!“
[RB.01_078,13]
Auf diese Belehrung Jellineks wendet sich Helena ganz zerknirscht und bis zum
Boden gebeugt zu Mir und kann vor lauter Furcht beinahe kein Wort
herausbringen. Ich aber fasse sie am Arm und sage zu ihr: „Aber Meine
allerliebste Tochter Helena, was machst denn du für ein Gesicht? Vor wem
fürchtest du dich denn gar so gewaltig? Schau, Ich bin ja bei dir! Wie kannst
du dich denn an Meiner Seite fürchten?“
[RB.01_078,14]
Spricht Helena: „O Du mein Gott und mein Herr! Ja freilich, wenn Du mir gut
bleiben magst, kann man sich nicht fürchten! Aber wenn einem darauf Deine
alleinige, heiligste Gottheit einfällt, zu der sich denn doch kein Sünder nahen
darf, so kommt's mir doch vor, daß Du unsereins geschwinde verdammen könntest,
besonders wenn Du etwa ein bißchen in Zorn kämst! Früher habe ich mich freilich
nicht so gefürchtet, weil ich da noch nicht wußte, wer Du eigentlich bist! Ich
hielt Dich nur für irgendeinen älteren Heiligen und dadurch auch für einen
intimen Freund Gottes, der für mich bei Gott eine wirksame Vorbitte tun könnte.
Aber jetzt, welch eine schreckliche Enttäuschung – bist Du Gott der
Allmächtige! – O weh, o weh, wer sollte sich da nicht fürchten? Und jetzt wirst
Du auch noch einen Rat halten, wahrscheinlich zum Jüngsten Gerichtstag! Und da
soll ich mich nicht fürchten als eine so große Sünderin vor Dir?“
[RB.01_078,15]
Rede Ich im gutmütigsten Tone der Welt: „Also das drückt dich gar so sehr! Nun,
wenn du jetzt schon eine so ungeheure Furcht vor Mir hast, so wirst du Mich
wohl auch nicht mehr lieben mögen? Was werde Ich denn anfangen, wenn du Mir die
Liebe etwa darum aufsagtest, weil Ich der schreckliche Allmächtige bin?
Helenerl, sage Mir, ob du Mich jetzt wohl auch noch so gerne hast wie früher,
wo du Mich nur bloß für einen heiligen Joseph oder Petrus hieltest?“
[RB.01_078,16]
Spricht Helena etwas beruhigter: „O Du mein Gott und mein Herr! Na, ist das
aber eine Frage! Wenn's auf meine Liebe zu Dir ankommt, so kannst Du ja ohnehin
in mein Herz hineinsehen, und da muß sich's ja gleich zeigen, ob neben Dir noch
wer Platz in meinem Herzen hätte! Dich liebe ich ja nur ganz allein, um meine
Liebe zu Dir darf Dir darum wohl nie bange sein. Aber mir darf wohl bangen um Deine
Liebe zu mir, wo ich eine so große Sünderin bin!“
[RB.01_078,17]
Rede Ich: „Nun, Mein liebes Helenerl, jetzt werden wir zwei schon bald wieder
in Ordnung sein! – Wie wäre es denn, so du nun probieren tätest, Mich wieder zu
umarmen und gar zu küssen?“
[RB.01_078,18]
Helena reibt sich ganz verblüfft die Augen und spricht endlich mit
liebebebender Stimme: „Hm, wäre freilich unendlich süß, so etwas! Unendlich
gerne hätte ich Dich freilich, aber wenn Du doch nicht gar so heilig und
allmächtig wärst!“
[RB.01_078,19]
Rede Ich: „Ah, das macht nichts! Tue nur, was dein Herz will, und du wirst dich
gleich überzeugen, daß dir Meine Heiligkeit und Allmacht nicht dein
Nasenspitzchen wegbeißen wird!“
[RB.01_078,20]
Als Helena Mich so herablassend vor sich sieht, vergeht ihr endlich alle
Furcht. Sie fällt an Meine Brust und küßt sie und spricht nach einer Weile:
„Gott, o Gott! Da wär's freilich gut! Wenn ich nur so die ganze liebe Ewigkeit
verbleiben könnte!“ Endlich erhebt sie sich wieder und sagt: „Aber ist es denn möglich,
daß Du, mein Gott und Herr, so unbegreiflich herablassend sein kannst? Nein,
das hätte ich auf der Welt mir nicht einmal zu denken getraut. So gut, demütig
und lieb bist Du! Wer da vor lauter Liebe zu Dir nicht ordentlich vergeht, der
ist gar kein Mensch!“
[RB.01_078,21]
Rede Ich: „Nun, siehst du, jetzt sind wir zwei schon wieder in der schönsten
Ordnung, und das freut Mich! Nun aber komme auch du mit Mir an den Ratstisch!
Dort wirst du gleich neben Mir sitzen und uns mitunter auch einen Rat erteilen,
was etwa mit der gar schlechten Welt der Erde nun geschehen soll?“
[RB.01_078,22]
Spricht Helena: „Nein, nein, das geht nicht! Ich – und Rat erteilen!? Nein –
das möchte ein schöner Rat werden!“
[RB.01_078,23]
Rede Ich: „Nun, Mein liebes Helenerl, wir werden die Sache von dir ja gar nicht
so streng fordern. Wenn dir manchmal etwas Gescheites einfällt, dann sage es
Mir. Ich werde es dann, so du dir's nicht getraust, schon der Ratsgesellschaft
vortragen.“
[RB.01_078,24]
Spricht Helena: „O Du mein Gott und Herr! Wenn man Dich anschaut und so einfach
reden hört, so kommt's unsereinem gar nicht vor, als wenn Du unser
allerliebster Herr und Gott wärst. Aber dennoch bist Du es, und das sehe ich
jetzt klar! Aber ich werde darum jetzt auch so verliebt in Dich, daß ich vor
lauter Liebe schon gerade zerplatzen könnte! Aber für ungut wirst Du mir's ja
doch nicht aufnehmen, ich kann ja nichts dafür! Warum bist Du auch gar so lieb,
herzlich gut und gar so bescheiden und herablassend?“
[RB.01_078,25]
Rede Ich: „Sei du nur verliebt, so viel du magst, das ist Mir schon recht! Aber
wärst du auch noch so verliebt in Mich, so ist Meine Liebe zu dir dennoch viel
stärker! Aber das macht auch wieder nichts. Denn Ich muß als Gott ja stärker
lieben können als du – und das aus dem Grunde, weil Ich ja sonst auch stärker
bin als du, meine liebste Helena!“
[RB.01_078,26]
Spricht die Helena: „Ich bitte Dich, sei doch nicht gar so gut mit mir! Ich muß
ja vor lauter Liebe zu Dir noch ganz zugrunde gehen!“
[RB.01_078,27]
Rede Ich: „Oh, sorge dich nur darum nicht! Wenn du auch mitunter ein wenig
schwach wirst, so habe Ich ja eine Menge von allerlei Stärkungen bei Mir, die
werden dich schon wieder aufrichten. Oh, darum sei dir nur gar nicht bange! –
Aber jetzt heißt es, sich an den Ratstisch begeben. Komm also mit und setze
dich hier gleich neben Mich!“
[RB.01_078,28]
Helena folgt Mir nun bescheiden und wird am Tisch, zu dem sich nun auch die
anderen setzen, ganz rot vor lauter Sichgenieren. Aber nach einer kleinen Weile
fängt sie an, sich mehr in dieser Gesellschaft zu finden und erwartet
aufmerksam den ersten Vortrag.
79. Kapitel –
Die ehrwürdige Ratsversammlung. Des Herrn Frage: Was soll mit der Erde werden?
Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob reden.
[RB.01_079,01]
Nach einer Weile allgemeinen Schweigens fragt Helena Mich leise: „Herr, wer
wird denn nun zu reden anfangen? Und wer ist denn der so ehrwürdig neben mir
sitzende Mann?“
[RB.01_079,02]
Ich antworte ihr auch leise: „Meine Liebste, zu reden werde Ich Selbst
anfangen, sobald aller hier Anwesenden Gemüter ganz zur erforderlichen Ruhe
gelangt sein werden. Der neben dir sitzende Mann ist Vater Adam, wie er vor
ungefähr sechstausend Jahren auf der Erde als erster geschaffener Mensch gelebt
hat. Neben ihm siehst du Noah und nachher den Vater Abraham, dann Isaak und
Jakob. Dann siehst du noch zwei: Der erste ist Moses und der andere David. –
Die auf diese sieben nun folgenden zwölf ernst aussehenden Männer sind die dir
wohlbekannten zwölf Apostel. – Hinter ihnen stehen auch noch zwei Apostel: der
vordere ist Paulus und der etwas hinter ihm stehende ist Judas, der Mich
verraten hat. Die andern kennst du ohnehin. Und so weißt du nun, in welch einer
gewiß sehr merkwürdigen Gesellschaft du dich befindest.
[RB.01_079,03]
Was aber alle hier bei diesem Rat werden zu tun haben, das wird dir am Ende der
Beratung vollends klar werden. Nun paß aber auf! Die Gemüter der Gesellschaft
sind nun zur Ruhe gelangt, und so werde Ich nun auch sogleich zu reden
anfangen. Aber du mußt dich nicht erschrecken, wenn Ich manchmal ein wenig
scharf reden werde und hier vor uns so manche Erscheinungen vorüberziehen, die
freilich keinen angenehmen Anblick gewähren werden. Aber da halte dich nur fest
an Mich und du wirst gleich wieder gestärkt sein!“
[RB.01_079,04]
Darauf wende Ich Mich zur Gesellschaft mit der Frage: „Meine Kindlein! Meine
Freunde! Ich, euer aller wahrer Vater, Gott und Herr und Schöpfer der
Unendlichkeit frage euch: Wie gefällt euch allen nun die Erde? Was wollt ihr, daß
Ich ihr tun soll?“
[RB.01_079,05]
Spricht Adam: „Herr, Du ewige Liebe! Die Erde war nie ärger als jetzt, aber
auch Deine Liebe war nie größer als jetzt! Tue ihr nach Deiner Liebe! Denn
siehe, das Meer, der Erde weitsehendes Auge, ist blind geworden. Lege ein
mächtiges Feuer hinein und lasse durch seine gewaltige Flamme Licht werden in
den Abgründen, auf daß vor ihm sich alle Ungeheuer erschrecken und vergehen vor
Schmach, die ihr endlicher Lohn für ihre schwarzen Taten sein soll! So sah und
sehe ich es als der Erde erster Mensch.“
[RB.01_079,06]
Darauf spricht Noah: „Herr, zu dem ich allezeit gebetet und treu bewahrt habe
den Glauben und die Liebe! Als es sich vor etlichen viertausend Jahren mein
Bruder Mahal gelüsten ließ, von den heiligen Höhen seine Blicke in die Tiefe
hinabzusenken und eine Reise nach Hanoch zu machen, in der Drohuit und Funghar
Hellan ihr Unwesen trieben, und als eine Tochter Mahals Königin ward in der
Tiefe – siehe, da beriefst Du mich und zeigtest mir einen mächtigen Kasten zu
bauen zur Rettung meiner kleinen Familie und vieler Tiere, die Deine Macht aus
allen Gegenden der Erde in den weiten Kasten trieb.
[RB.01_079,07]
Ich tat, wie Du, o Herr, es gewollt hast. Und die Folge lehrte mich und mein
Haus, wie gut es war, daß ich Dir unbedingt gehorcht habe. Damals war die
Menschheit schlecht und arg und förderte Böses um Böses auf dem Boden der Erde
und entweihte gräßlich das Werk Deiner Hände. Aber dennoch geschah damals
alles, was da geschah, in irgendeiner bestimmten, scharf abgegrenzten Ordnung.
Und die Lüge, der Hochmut und die satanische Herrschsucht schwellte nicht so
nahezu jedes Sterblichen Brust, wie es nun in dieser Zeit der Erde der Fall
ist.
[RB.01_079,08]
Es waren damals die Menschen wohl auch grausam, und einzelne Taten finden kaum
ihresgleichen wieder. Aber nun sind die Menschen zu Hyänen und Tigern geworden
und begehen Grausamkeiten, vor denen die ganze Unendlichkeit erschauert. Damals
sandtest Du ein schreckliches Gewässer über die Sterblichen und ersäuftest alle
Täter des Übels. Was wirst Du wohl nun tun, o Herr? – Ich kenne aber die Größe
Deiner Liebe. Ich weiß auch, daß es Dich gereute, damals die Menschheit ersäuft
zu haben; denn es waren darunter ja auch viele Kinder, die noch der Mütter
Brüste sogen! Wird es Dich nun auch gereuen, die tausendmal schmutzigere Erde
durch ein mächtiges Feuer zu reinigen, daß sie wieder würdig würde, Tritte
Deiner Füße aufzunehmen?“
[RB.01_079,09]
Noah schweigt darauf. Und der alte Vater Abraham erhebt sich und bittet um die
Erlaubnis zu reden. Ich aber sage zu ihm: „Rede, denn du hast die Verheißung
überkommen, und diese muß erfüllt werden!“
[RB.01_079,10]
Spricht Abraham: „Herr, tausend oder zehntausend Jahre sind vor Dir wie ein
einziger Tag! Denn aus Dir ging hervor Zeit und Raum, aber Du setzest Dich über
beide. Und die fernste Vergangenheit wie die fernste Zukunft sind Dir gleich
wie die Geschichte eines Tages! Liebe ist Dein Wesen, und die höchste Güte ist
Deine Weisheit! Weich wie Wolle ist Dein Gemüt und sanft wie des Lenzes Abendhauch
ist Dein Herz. Alle Deine Wege heißen Erbarmung, und Deine Führungen sind die
Gerechtigkeit Deines Herzens!
[RB.01_079,11]
Als ich im Lande Kanaan mit meinem Bruder stritt um des Bodens Teil, da sahst
Du mein Herz an und fandest es bereit zur Nachgiebigkeit. Und siehe, Du
rührtest meine Seele an, und sie sprach zu Loth: ,Bruder, frei sollst du
wählen! Siehe, groß ist der weiten Erde Boden. Warum sollen wir also streiten
um dessen vergänglichen Besitz? Ziehe du weg oder bleibe! Ziehst du gen Abend,
so ziehe ich gen Morgen, auf daß Friede und Einigkeit zwischen uns herrsche und
zwischen all denen, die uns folgen werden. So du aber bleiben willst, da
schwinge den Stab nach der Gegend, dahin du willst, daß ich ziehen soll, und
ich werde tun nach deinem Willen. Aber hier beisammen können wir nimmer wohnen,
indem du nicht auf den Wegen des Friedens wandeln magst!‘
[RB.01_079,12]
Und Loth faßte meine Worte und nahm sie zu Herzen und sprach: ,Bruder, ich habe
mir den Abend erwählt; dahin will ich ziehen. Dir aber steht es frei, ob du
bleiben oder ziehen willst, entweder nach Mitternacht oder Mittag oder Morgen!
Wohin du aber ziehst, da vergiß dennoch des Loth nicht!‘ Und wir segneten uns
und zogen – er nach dem Abend und ich nach dem Morgen.
[RB.01_079,13]
Aber Loths Volk erhob sich bald mächtig in seinen reichen Gauen und baute Sodom
und Gomorra und fing an toller und toller zu werden. Ich sandte Boten an Loth,
aber sie richteten nichts aus. Mehrere wurden getötet, und die wenigen
Zurückkehrenden brachten stets die übelste Kunde. Und siehe, in der Zeit hast
Du wieder mein Herz geprüft und fandest es gerecht vor Dir. Und Du sandtest
Boten aus der Höhe an mich, und diese taten mir kund, was Du vorhättest mit
Sodom und Gomorra. Ich aber erschrak darob und bat Dich um Schonung und stellte
Dir die möglichen Gerechten vor. Aber Dein Auge fand sie nicht, außer allein
den Loth. Und siehe, diesen rettetest Du, O Herr! Aber Sodom und Gomorra
ließest Du verheeren durch Feuer von oben!
[RB.01_079,14]
Als aber die beiden Städte samt Menschen und Vieh im Pfuhl begraben waren, da
sah Dein Herz nach der Stätte hin. Und es gereute Dich wiederum des harten
Gerichtes über Sodom und Gomorra, und Du machtest einen Bund mit mir und gabst
mir die Verheißung zur Erfüllung Deiner großen Erbarmungen.
[RB.01_079,15]
Und wie Du es mir verheißen hast, so hast Du auch alles erfüllt bis zu diesem
Zeitpunkt. Aber Deine Verheißungen dehnen sich noch gar endlos weit über diesen
Zeitpunkt hinaus. O Herr! So gedenke nun, da alle Völker der Erde wieder in
eine größte Gärung geraten sind, Deines mit mir gemachten Bundes! Du kennst die
Feinde Deiner Kinder und Du kennst ihre Habsucht, ihren unbeugsamen Willen!
Siehst Du nicht die vielen Wölfe, Hyänen und Tiger, wie sie gewissen- und
schamlos in den Eingeweiden Deiner Lämmer wühlen und sie zerfleischen mit
feurigen Drachenzähnen? O Herr! Konntest Du Sodom und Gomorra züchtigen, so
ergreife nun auch die Wölfe, Hyänen und Tiger und schlachte sie als ein
Sühnopfer für all die Unbilden, die sie begingen an Deinen Kindern! Aber schone
das Blut der Gerechten und das Blut Deiner Kinder!“
[RB.01_079,16]
Darauf erhebt sich Isaak und spricht: „O Herr! Ich bin das erste Blatt, das am
großen Lebensbaume Deiner Verheißung, die Du meinem Vater Abraham gemacht hast,
sich zu zeigen anfing. Wohl sehr alt und nahe gänzlich verdorrt stand zur
selben Zeit der Lebensbaum Deiner Kinder im Garten der Liebe, während die
Schlange fruchtbar mit ihrem Gezüchte alle Gaue der Erde anfüllte! Aber Du, o
Herr, besahest die gänzliche Dürre des Lebensbaumes Deiner Kinder und belebtest
ihn von der Wurzel bis zum obersten Scheitel und gabst ihm eine neue heilige
Triebkraft! Und siehe, ich war das erste lebendige Blatt an dieses heiligen
Baumes Zweigen.
[RB.01_079,17]
Abraham hatte eine große Freude beim Anblick dieses ersten hoffnungsgrünen
Blattes. Aber Dir, o Herr, gefiel es, seine Freude zu trüben und seinen Glauben
zu prüfen. Du befahlst ihm, mich zu schlachten und am brennenden Scheiterhaufen
zu opfern. Das tatest Du, um der Schlange zu zeigen, wie stark der Glaube
Deines Sohnes Abraham war! Als aber Abraham durch den Gehorsam die Macht seines
Glaubens bewährt hatte, da führtest Du einen Bock durch des Berges Gestrüpp,
ein lebendes Bild Satans und seiner Herrschsucht! Das Gestrüpp umflocht nahe an
seinem Rand des Bockes Geweih, das ein Zeichen war seiner Widerspenstigkeit,
seines Ungehorsams, seines Hochmuts und seiner gierigen Herrschsucht. Diesen
Bock mußte dann mein Vater ergreifen, ihn schlachten und ihn statt meiner auf
den brennenden Opferaltar legen.
[RB.01_079,18] O
Herr, konntest Du damals den Weltbock ins Gestrüpp treiben und zum Zeichen
gerechter Sühne auf den Brandaltar legen, so tue nun auch desgleichen in der
Wirklichkeit! Denn war damals der Bock nur ein Sinnbild – wie ich selbst ein
Vorzeichen Deiner Ankunft in die Welt und der zweiten Schöpfung durch Dein
großes Erlösungswerk – so ist aber dieser Bock nun in der vollsten Wirklichkeit
in der Welt so groß geworden, daß seine Geweihe nun schon in Deine Himmel
reichen. So errichte nun auch den großen Brandaltar über die ganze Erde!
Ergreife dies schändliche Tier, das sich mit seinen mächtigen Geweihen
gewaltigst im dicksten Weltgestrüpp durch und durch verflochten hat, schlachte
es und wirf es dann ins mächtige Feuer des großen Brandaltars!
[RB.01_079,19] O
Herr, zögere nun nicht mehr, lasse die vielen grünen Blätter am Baume des
Lebens nicht abfressen von des Tieres sündigster Freßgier, sondern tue nach
Deiner Verheißung! Denn siehe, die Zeit ist zur Vollreife gediehen, und Deine
Kinder schreien nun überlaut: ,Vater, tue Dich auf! Erhebe Deine Rechte!
Ergreife das Beil Deiner Gerechtigkeit und schlachte das Tier, das mit seinen
Geweihen sogar schon an die Feste der Himmel zu stoßen beginnt!‘ Amen!“
[RB.01_079,20]
Spricht darauf Jakob: „O Herr, Du rangst mit mir und ließest mich nicht
weiterziehen. Und als ich Dich ergriff, da gabst Du mir einen Stoß in die
Hüfte, daß ich darnach hinkte mein Leben lang! Aber der Stoß tat mir nicht
wehe, denn ich rang ja aus Liebe mit Dir. Aber dennoch blieb dieser Stoß allen
nachfolgenden Kindern, und diese fühlten wohl auch den Schmerz. Und siehe,
dieses hat nun den höchsten Grad erreicht. Oh, so befreie nun endlich einmal
die Kinder vom Stoß und von seinem Schmerz!
[RB.01_079,21]
Vierzehn Jahre diente ich um die himmlische Rahel, aber Du gabst mir die
welthäßliche Lea. Ich nahm sie und murrte nicht. Und nocheinmal vierzehn Jahre
mußte ich dienen und Verfolgung leiden um die himmlische Rahel. Da gabst Du sie
mir dann wohl, aber sie mußte unfruchtbar sein, so daß ich einen anderen Schoß
in ihren Schoß legen mußte, um meinem Samen Leben zu geben. O Herr, das war
hart von Dir vorgesehen!
[RB.01_079,22]
Nimm aber nun endlich einmal zurück Deine Härte! Nimm der Lea die Fruchtbarkeit
und gib sie der Rahel im Vollmaße, auf daß die Erde einmal ledig werde vom
argen Gezüchte der Schlange und ihren Boden allein betreten möchten die Kinder
der himmlischen Rahel! O lasse einmal Joseph und Benjamin zu wirklichen Kindern
aus dem Schoß der himmlischen Rahel werden und mache versiegen die Quelle der
Lea!“
80. Kapitel –
Helenas Ungeduld wird beruhigt. Moses und David reden. Helenas Zwischenrede und
Davids Nachrede.
[RB.01_080,01]
Hier fragt Mich Helena heimlich: „Aber Herr, Du mein süßester Jesus, Du hast ja
zu mir gesagt, daß Du zuerst reden werdest. Und nun reden immer die andern, und
Du sagst eigentlich gar nichts dazu, und Erscheinungen kommen auch keine zum
Vorschein. Wie ist denn das zu verstehen? Ich bitte Dich, erkläre mir diese
Sache doch ein wenig näher!“
[RB.01_080,02]
Rede Ich: „Meine liebste Helena, gedulde dich nur ein wenig, es wird dir
nachher schon alles klar werden. Zuerst geredet aber habe Ich ja ohnehin, indem
Ich an diese alle hier beim großen Ratstische eine überaus wichtigste Frage
gerichtet habe. Nun aber müssen sie ja auf diese Meine an sie gestellte Frage
sich äußern. Und so sie sich bald alle entäußert haben werden, dann werde Ich
zu reden anfangen.
[RB.01_080,03]
Und siehe, Ich kann zu reden anfangen, wann Ich nur immer will, so bin Ich
dennoch stets der Erste und Meine Rede ist ebenso allzeit die erste, weil Ich
Selbst der Erste bin! Verstehst du das? So sei nur wieder ruhig und horche
recht genau, was nun Moses reden wird! Die Erscheinungen werden nachher, wann
Ich reden werde, schon zum Vorschein kommen. Nun sieh, Moses erhebt sich schon,
und so wollen wir ihn denn hören!“
[RB.01_080,04]
Helena ist nun wieder ganz ruhig. Und Moses spricht mit großem Ernst: „Herr,
als Dein Volk unter der ägyptischen Tyrannei schmachtete, da erwecktest Du mich
und machtest mich zum Retter Deines Volkes. Ich lebte am Hofe Pharaos und ward
eingeweiht in alle Schändlichkeiten und argen Pläne, die dieser Wüterich mit
Deinem Volke vorhatte. Denn seine Frevellust war mit der Ersäufung aller
Erstlinge Deines Volkes noch lange nicht gesättigt. Ich betete im geheimen oft
zu Dir, daß Du Dein Volk doch endlich einmal erlösen möchtest von solch
schrecklichem Joch. Aber Du hörtest damals viel schwerer denn jetzt!
[RB.01_080,05]
Als ich sah, daß des Königs Wut von Stunde zu Stunde stieg, und dazukam, wie
ein elender Höfling einen Israeliten erbärmlich schlug, da ergriff ich
entrüstet den Elenden, erschlug ihn und verscharrte ihn dann im Sande. Pharao,
solches bald erfahrend, ließ mich suchen, daß er mich erwürge. Aber ich entfloh
noch zur rechten Zeit nach Midian. Dort beim Priester Reguel ankommend, der
sieben Töchter hatte, erhielt ich bald deren eine, die Zippora hieß, zum Weibe
und ward darauf Hirte der Schafe des Priesters Bruder Jethro!
[RB.01_080,06]
Und erst als ich Jethros Schafe am Fuße des Berges Horeb weidete, kam ein Engel
von Dir zu mir, hieß mich mit ihm gehen, da ein Dornbusch gar heftig brannte.
Hier hieß Deine Stimme mich meine Schuhe ausziehen, da die Stätte heilig war,
an der ich stand. Dann gabst Du mir die heilige Weisung, nach Ägypten zu ziehen
und Dein Volk zu befreien, und gabst mir einen Stab, um damit siebenfach zu
schlagen den Pharao, dessen Herz Du verhärtet hattest, da er Dich nicht
erkennen wollte.
[RB.01_080,07] Siehe,
o Herr, nun ist mehr denn die Härte Pharaos in die Herzen der vielen großen und
kleinen Machthaber gekommen. Sie opfern nun nicht mehr allein nur die Erstlinge
ihrer Völker wegen der Ehre ihrer Throne, sondern entsenden viele Tausende auf
die Schlachtfelder und lassen sie kämpfen und würgen untereinander, ärger als
es einst der Fall war unter den finstersten Heiden. Diese alle sind getauft auf
Dein Wort und Deinen Namen und haben Dein Gesetz: Du sollst nicht töten! Aber
dennoch morden sie fort und fort und sind taub und stumm und blind geworden.
Sie hören nicht die Stimme ihrer armen Brüder und sehen nicht das große Elend
der Elenden!
[RB.01_080,08] O
Herr, wie lange wirst Du noch solchen Greueln der Verwüstung zusehen? O Herr,
erhebe Dich einmal, wie Du es verheißen hast! Gib mir den Stab wieder, mit dem
Du in meiner Hand den harten Pharao schlugst und Dein Volk errettet hast! Ich,
Dein alter, getreuer Moses, bin nun wieder bereit, auf Deinen Wink
hinabzuziehen zur Erde, dort zu schlagen alle die Harten und Starren und zu
erretten Deine Kinder von ihren zu großen Bedrängnissen! O Herr, erhöre Deinen
alten Knecht Moses, und erhöre auch die Bitten Deiner blutenden Kinder! – Dein
Name werde geheiligt und Dein allein heiliger Wille geschehe nun wie allzeit und
ewig auf Erden wie in den Himmeln!“
[RB.01_080,09]
Nach dem Moses erhebt sich sogleich David und sagt: „Herr, also sprach einst
Dein Geist zu mir, Deinem Knecht: ,Setze dich zu Meiner Rechten, bis Ich alle
deine Feinde zu deinen Füßen lege!‘ – Herr, alles was Dein Geist mir
offenbarte, ist getreu in die Erfüllung gegangen. Nur die volle Bekämpfung
Deiner Feinde, die endliche Zerstörung des Hochmuts und alles dessen, was er
gebärt – das mir Dein Geist auch geoffenbart hat – will nicht in Erfüllung gehen.
Die Menschen sind noch, wie sie waren: neun Zehntel schlecht und kaum ein
Zehntel halbwegs gut!
[RB.01_080,10]
In Deinem Zorn, Herr, gabst Du Deinem Volk einen König – als es Sünden auf
Sünden häufte und dazu auch noch einen König verlangte. Und dieser Dein Zorn
währt nun fort und will kein Ende nehmen. Denn alle Völker haben nun Könige und
sogar nach heidnischer Art Kaiser, die den Völkern stets als Vorbild höchsten
Stolzes und unersättlichen Hochmutes dienen!
[RB.01_080,11] O
Herr, wann wirst Du endlich einmal die größte Plage Deiner Menschen von der
Erde nehmen und wieder Deine alte, heilige, patriarchalische Verfassung
einführen? Du siehst ja, daß nun feige und gewissenlose Speichellecker sich um
die Könige machen und ihnen lobhudelnden Weihrauch streuen des eigennützigsten
Gewinnes wegen; und daß sie jeden ehrlichen Menschen sogleich zum Tod
verdammen, so er es wagte, einem König die Wahrheit zu sagen, die ihm doch um
vieles nötiger wäre als das Licht seiner Augen. Jede gegen den König gerichtete
bestgemeinte Wahrheit wird als Hochverrat erklärt und ihr Verkünder schnöde aus
der Welt geschafft.
[RB.01_080,12] O
Herr! Unter meiner Regierung standen die Sachen wohl auch arg, aber so arg ewig
nicht! Denn ich lobte jeden Weisen, der mir die Wahrheit sagte. Nun aber ist
alles verkehrt! Der Weise wird verfolgt wie ein reißendes Tier, aber der Lügner
und der Schmeichler wird mit allen Ehrenzeichen geziert!
[RB.01_080,13]
Herr, so kann die Sache nicht mehr bleiben! Die Hölle soll Hölle sein, wo sie
ist in ihrer Urtümlichkeit. Aber auf der Erde so vollkommen ihr Regiment
aufzurichten, sollte ihr nimmer gestattet sein! Herr, darum bitten wir Dich
alle, daß Du der Herrschaft der Hölle auf Erden endlich einmal ein Ende machst!
Lasse immerhin Könige sein, aber lasse sie so sein, wie ich es war, daß die
Menschen nicht zu Teufeln werden und Dein Name nicht gar so entheiligt werde!
Denn wer wird Dich preisen in der Hölle, und welcher Teufel wird Dich loben?
Daher tue Dich auf, o Herr, und mache zuschanden alle unsere Widersacher! Dein
Wille geschehe! Amen.“
[RB.01_080,14]
Ganz beifällig durchdrungen von der Rede Davids, kann sich unsere Helena nicht
mehr halten, sondern richtet sich vergnügt auf und sagt zum Redner: „Bravo,
bravo, Herr David! Sie waren wohl ein rechter König für die Erde. Wenn es
solche Könige gäbe, da wäre es wohl eine wahre Seligkeit, ihnen untertan zu
sein! Aber unsere Könige in dieser Zeit, die gar nicht mehr wissen, was ein
Mensch ist und welchen Wert er hat – sind entweder ,Götter‘, die von allen ihren
Untertanen nebst einer oft unerschwinglich großen Steuer auch eine wahrhaftige
Anbetung verlangen. Oder sie sind in ihrem Handeln jenen reißenden Tieren
gleich, die sie gewöhnlich als Aushängeschilder in ihren Wappen führen. Wie es
den Untertanen unter solchen Herrschern geht, das können sich der Herr David
wohl gar leicht vorstellen! Ich wäre von ganzem Herzen dafür, daß solchen
Herrschern, die nur sich selbst für alles, ihre Völker aber für gar nichts
halten, unser liebster, bester und allmächtigster Herr und Vater Jesus auf
recht eindringliche Weise zeigte, wieviel es nun etwa an der Zeit ist, und was
sie und ihre Völker wert sind! Habe ich recht oder nicht?“
[RB.01_080,15]
Spricht David sehr freundlich: „Liebe Helena, als eine junge Nachkömmlingin
meines Volkes, du hast ganz recht, ich muß deine Weisheit loben; denn du
wünschest nur Billiges und Gerechtes.
[RB.01_080,16]
Es sollen ja Könige bleiben, aber sie sollen von ihren zu hoch gestellten
Thronen nun zu ihren Völkern herabsteigen und mit ihnen Menschen sein und ihnen
gewähren, was recht und billig ist! Aber ebenso sollen auch die Völker an ihre
Könige nur solche Forderungen stellen, die gerecht und ausführbar sind. Aber
nun werden von beiden Teilen die Saiten zu hoch gespannt, und da wird es wohl leichtlich
nicht eher besser, als bis die Saiten vollends reißen! Die Könige werden ihre
Völker, und darauf die Völker ihre Könige, schlagen!
[RB.01_080,17]
Aber dessenungeachtet steht zwischen König und Volk noch immer unser alleiniger
Jehova-Zebaoth, der alles auf eine uns unbekannte Weise in die beste Ordnung
bringen kann. Das große Werk ist des Herrn allein! – So, meine Liebe, verhält
es sich mit dieser Sache.“
[RB.01_080,18]
Spricht Helena: „Ja, ja, Sie sind wohl ein weiser König, Sie haben recht!“
81. Kapitel –
Petrus' scharfe Gerichtsrede über Rom. Paulus' lichtvolle Gegenrede von der
Gnade.
[RB.01_081,01]
Darauf erhebt sich Petrus und spricht im Namen aller Apostel: „O Herr, Du meine
Liebe, Du mein Leben! Zu Rom, der alten Hauptstadt der Heiden, herrscht schon
bei eintausend Jahre lang ein aus dem Heidentum, Judentum, wie auch aus Deiner
sehr beschnittenen Lehre zusammengesetzter Hierarch. Er nennt sich Papst und
Stellvertreter Gottes auf Erden! Seinen Thron nennt er meinen Stuhl und sich
selbst meinen Nachfolger! Er gibt vor, im Besitze aller Macht Deines
allerheiligsten Geistes zu sein, sucht aber, so er in seinem weltlichen oder
geistlichen Regiment durch Aufstände bedrängt wird, nie Hilfe in seiner
angeblichen Kraft des Heiligen Geistes, sondern nur bei den größeren
Machthabern der Welt. Dieser Papst ist nun in großer Klemme und ruft öffentlich
Maria – als seine vermeintliche alleinige Helferin – um Schutz und baldige
Wiederherstellung seines Reiches an. Da er aber bei sich an solche Hilfe gar
nicht glaubt, läßt er nun auch noch andere Hilfe kommen, gegen die er wohl
flüchtige Scheinproteste erhebt, um der Welt gewisserart zu zeigen, daß er
Schutz aus den Himmeln zur Genüge habe und somit keiner anderen Hilfe bedürfe.
Aber so sich's die weltlichen Machthaber trotz aller seiner Proteste nicht
nehmen ließen, ihm zu helfen, sei es dann aber auch klar, daß diese Helfer
heimlicherweise von der mächtigsten Himmelskönigin angetrieben werden, der
Kirche Gottes auf Erden zu helfen, so die Pforten der Hölle sie zu überwältigen
drohen! – Was sagst denn Du, o Herr, zu dieser Gemeinde?
[RB.01_081,02]
Der Bruder Paulus stiftete sie wahr und rein; und sie erhielt sich durch
mehrere hundert Jahre mehr oder weniger rein. Aber nun ist diese Gemeinde seit
nahe eintausend Jahren in ein allerschmutzigstes, oft sogar böses Heidentum
übergegangen, gierend nach nichts als Gold, Silber, Herrschergröße und nach der
absolutesten Herrschaft über alle Völker der Erde. Und für die Erreichung
dieses Zweckes sendet sie in alle Gegenden die verschmitztesten Missionare aus!
– Sage, o Herr, wirst Du solch einem über alle Maßen argen Treiben wohl nimmer
irgendein Ziel setzen?
[RB.01_081,03]
Siehe, die Völker, die sich lange von dieser vorgeblichen Himmelstochter am
Narrenseil ganz geduldig herumzerren ließen, haben sich endlich einmal erkühnt,
ihr nunmehr die glänzende Larve herabzureißen. Nun bietet sie alles mögliche
auf, die starken Risse ihrer alten Larve auszuflicken und soviel als möglich
unkenntlich zu machen. Herr, es geschehe Dein Wille! Aber das meine ich denn
doch, daß Du dieser elenden Kreatur lange genug durch die Finger gesehen hast!
Es wäre daher endlich einmal an der Zeit, sie gänzlich aus dem Buche der
Lebendigen zu streichen und ihren Namen in das Buch der Toten zu übertragen!
[RB.01_081,04]
Denn läßt Du sie wieder zu Kräften kommen, so wird sie sich nicht nur nicht
bessern, sondern wird ihr Hurengetriebe nur noch glänzender aufrichten, so daß
auch jene, die nun an Dich hielten, von ihrem üppigen Schoß angelockt, mit ihr
im sinnlichsten Vollmaße werden zu buhlen anfangen. Und Dir wird dann in Kürze
dennoch nichts übrigbleiben, als mit ihr zu machen, was Du dereinst mit Sodom
und Gomorra zu tun genötigt warst.
[RB.01_081,05]
Es ist wohl wahr, daß uns diese Erzhure eine Menge der allerschönsten Kinder
geboren hat und darum auch Deine große Geduld und Nachsicht bei tausend Jahre
mehr oder weniger ungetrübt genoß. Und ich habe darob selbst eine rechte Freude
gehabt samt allen meinen Brüdern.
[RB.01_081,06]
Nun aber ist sie ob ihrer zu großen Verworfenheit unfruchtbar geworden und wird
uns wenig schöne Kinder mehr zutage fördern. Daher meine ich, daß es endlich
doch an der Zeit wäre, ihr den verdienten Lohn zu geben. Übrigens geschehe
dennoch ewig nur allein Dein heiliger Wille!“
[RB.01_081,07]
Rede Ich zu Paulus: „Bruder Paulus, sage nun auch du, als ein Lehrer der
Heiden, ob du mit all diesen Vor- und Anträgen einverstanden bist? Denn in
bezug auf die Heiden hast du eine Hauptstimme. An euch ist es, wie Ich Selbst
es euch verheißen habe, zu richten die Geschlechter auf der Erde!“
[RB.01_081,08]
Paulus verneigt sich und spricht: „O Herr, ich habe die Heiden vielfach
beobachtet und habe ihnen gepredigt Dein Wort, das sie mit großer Begierde und
Freude annahmen, wodurch sie sich teilhaftig gemacht haben Deiner Gnade. Und
doch waren sie Kinder des Vaters der Lüge und des Hochmuts! Die Kinder Abrahams
aber kreuzigten den hohen Gesandten von Gott und erkannten ihn nicht! Ich
frage: Was ist da wohl rühmlicher, ein Heide oder ein Nachkomme Abrahams? Was
haben denn da die Juden für einen Vorzug vor den Heiden? Daß Gott nur mit
diesem Volke geredet hat, ist denn das ein Verdienst des Volkes oder ist es
nicht vielmehr eine Gnade Gottes? Oder glaubt wohl ein jeder Jude, daß Gott mit
seinen Vätern geredet hat? Ich finde unter allen Juden und Heiden nichts, das
ich Gerechtigkeit und Verdienst nennen könnte. Gott, unser Herr und Vater ist
allein wahrhaft und gerecht! Alle Menschen aber, ob Juden oder Heiden und
nunmalige Christen sind falsch und vor Gott nichts nütze!
[RB.01_081,09]
So aber der Heiden Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit dennoch preiset, was
wollen wir denn dann noch richten?! Kannst Du, o Herr, Dich darüber erzürnen? O
nein, das ist ferne von Dir! – Denn so Du Dich darüber erzürnen möchtest, da
müßtest Du ja ungerecht sein, und das ist ewig ferne von Dir! Denn wer wohl
würde die Welt erhalten, wenn Gott so dächte, als wäre Er gleich wie ein
Mensch!
[RB.01_081,10]
Welchen Vorteil haben wir dabei, so wir schreien: ,Herr, siehe doch endlich an
die Ungerechtigkeit Deiner Völker!‘ – Ich sage euch: Gar keinen Vorteil! Denn
wir wissen nur zu genau, daß alle Menschen vor Gott Sünder sind – wie denn auch
geschrieben steht: ,Da ist auch nicht einer, der da gerecht wäre vor Gott!‘ So
wir aber das wissen, wie können wir denn Gott zum Gericht auffordern, als wären
wir ohne Sünde?
[RB.01_081,11]
Sagt mir doch, welches Ruhmes kann sich jenes schöne Weib dort an der Seite
Gottes rühmen? Welch ein Verdienst hat sie denn gerechtfertigt vor Ihm? Und
dennoch sitzt sie neben Ihm pur aus Seiner Gnade! Und welches Verdienst hatte
denn ich vor Ihm, der ich die verfolgte, die an Ihn glaubten! Sehet, ich war
ein Täter des Übels und war die Ungerechtigkeit selbst. Aber Gott kehrte sich
nicht an meine Sünden, sondern berief mich, als wäre ich ein Gerechter. Und ich
folgte dem Ruf Seiner Stimme und ward sobald gerechtfertigt durch Seine Gnade!
– Wollet ihr nun Gott darum der Ungerechtigkeit zeihen, weil Er mir gnädig war?
[RB.01_081,12]
Wer von euch kann denn wohl vor Gott sagen, daß er verständig sei und weise?
Ich sage es euch: da ist nicht einer! Und dennoch wollen wir Ihn zu einem
Gericht nötigen? Wer aus uns kann sagen: Ich bin nie von Gott abgewichen und
bin vor Ihm nie untüchtig geworden? Ich sage euch, da ist von uns allen auch
nicht einer um ein Haar besser als ein anderer, und dennoch schreien wir: ,O
Herr, siehe doch endlich einmal die große Bosheit der Menschen auf der Erde an
und züchtige sie!‘
[RB.01_081,13]
Was gilt es denn, so der Herr am Ende aufsteht und spricht wie dereinst dort im
Tempel zu Jerusalem zu den Juden, die Ihm eine Ehebrecherin vorgeführt haben –
ob wir uns dann nicht auch aus dem Staub machen werden?! – Ich sage es euch:
Nicht einer unter uns ist es, der da sagen könnte: ,Herr, ich habe nur Gutes
getan und bin mir keiner Sünde bewußt!‘ – Ja, wer von uns ein Narr ist, der
kann es sagen, gleich dem Pharisäer im Tempel, der auch Gott pries, daß Er ihn
so überaus gerecht werden ließ! Aber, wie wir alle es wohl wissen, der Herr hat
seine Rechtfertigung verworfen und die des sündigen Zöllners angenommen!
[RB.01_081,14]
Da wir aber alle wissen, was vor dem Herrn gilt, warum bitten wir Ihn denn, zu
handeln nach unserem Ermessen, als wären wir weiser denn Er? Was haben wir
denn, das wir nicht empfangen hätten von Ihm? Was rühmen wir uns denn, als
hätten wir es nicht empfangen und schreien Ihm die Ohren voll und sagen:
,Siehe, siehe, o Herr!‘ als wäre er taub und blind und von schwachem Verstand
und ebenso schwachem Willen! O sagt mir, Freunde, welche Wege haben denn wir
selbst angelegt, ohne daß Er uns mit Seinem Finger den unwandelbaren Plan
ehedem vorgezeichnet hätte?
[RB.01_081,15]
Da wir aber schon alles von Ihm haben und alles, was wir waren und was wir nun
sind, nur durch Ihn und in Ihm sind – wie können wir dann sagen: ,Herr, erfülle
endlich, was Du verheißen, und vertilge die Täter des Übels auf der Erde!‘ Ich
meine, daß wir da sehr vorlaut wären!
[RB.01_081,16]
Seht, der Menschen Mund war allzeit ein offenes Grab! Ihre Zungen redeten
allezeit Lügen, ihre Füße eilten allezeit, Blut zu vergießen! Und alle ihre
Wege waren stets voll Unfall, Trübsal, Herzeleid und Bedrängnis aller Art. Den
wahren Weg des Friedens aber hat noch kein Sterblicher erkannt in seiner Tiefe;
denn die Furcht Gottes war ihnen stets noch wie ein Traum!
[RB.01_081,17]
Wir wissen aber: Was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind,
nicht aber auch denen, die entweder über dem Gesetz wohnen, oder vom Gesetz nie
etwas gehört haben, auf daß aller Welt endlich einmal der Mund verstopft werde
und sie endlich einsehe, daß wir und alle Welt ewige Schuldner zu Gott sind und
verbleiben! Fasset doch einmal das: Kein Fleisch kann je durch das Gesetz vor
Gott gerechtfertigt werden, wenn es auch erfüllt würde bis zum letzten Jota!
Denn durch das Gesetz kommt ja die Erkenntnis der Sünde! Wer aber die Sünde
erkennt, der ist aus der Sünde, und die Sünde ist in ihm!
[RB.01_081,18]
Wir aber haben eine neue Offenbarung erhalten, in der uns wie schon ehedem
durch die Propheten und ihre Gesetze gezeigt wird, daß die Menschen auch ohne
das Hinzutun des Gesetzes zu jener wahren Gerechtigkeit gelangen können, die
allein vor Gott gilt. Warum schreien wir denn trotzdem. ,Herr, richte sie und
gib ihnen den verdienten Lohn und vertilge ihren Namen im Buch des Lebens!‘
Wohl sagt ihr allezeit am Ende: ,Aber nur Dein Wille!‘ Aber das entschuldigt
eure Herzen nicht! – Wahrlich, eher möchte ich in den Tod gehen, als zum Herrn
sagen: ,Herr, tue dies und jenes!‘ – Haben denn wir dem Herrn einen Sinn
gegeben, oder haben nicht wir vielmehr alle Sinne von Ihm? Und dennoch reden
wir, als bedürfe Er unseres Rates!? Wenn Kinder lallen, solange sie noch
unmündig sind, da mag so etwas wohl angehen; aber alte Bürger des Himmels –
meine ich, Paulus – sollten doch schon wissen, was sie sind und wer der Herr
ist!
[RB.01_081,19]
Wer die Sünde richten will, der muß selbst ohne Sünde sein, denn es ist
unmöglich, daß ein Sünder den andern richten soll. Wenn aber vor Gott alle
Menschen Sünder sind und die Ungerechtigkeit ihr Anteil ist – mit welchem
Rechte wollen sie denn da richten?
[RB.01_081,20]
Ja, wir haben wohl eine Gerechtigkeit, die da gilt vor Gott. Aber diese kommt
nicht aus unserer Erkenntnis über die Sünde und Nichtsünde und auch nicht aus
dem Gesetz und aus den Werken nach dem Gesetz – sondern aus dem Glauben an Ihn
und aus der reinen Liebe zu Ihm! – Und diese Gerechtigkeit heißt ,Gnade‘ und
,göttliche Erbarmung‘!
[RB.01_081,21]
Es gibt vor Gott keinen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, denn sie
sind allzumal Sünder, so oder so, und mangeln des gerechten Ruhmes, den sie vor
Gott haben sollen! Wenn sie aber nach ihrem Glauben von Gott angenommen werden,
so werden sie doch ohne Verdienst gerecht, pur durch Seine Gnade, welche
hervorgeht aus Seinem höchsteigenen Werke der Erlösung. So wenig wir Gott
geholfen haben, die Welt und alle Himmel zu erschaffen, ebensowenig konnten wir
Ihm bei dem noch größeren Werke der Erlösung behilflich sein! So wir aber an
dieser zweiten, größten Schöpfung und Neugestaltung aller Dinge unmöglich einen
verdienstlichen Teil haben können, da eben wir selbst die Erlösten sind, wie
sollen wir uns nun an dem allein Gott zukommenden Richteramt beteiligen wollen,
indem wir doch selbst als Begnadigte die Erlösten sind?
[RB.01_081,22]
Kennt ihr aber den wahren Richterstuhl Gottes? – Seht, dieser ist Christus, in
dem da wohnt ewig die Fülle der Gottheit körperlich! Dieser Richterstuhl Gottes
aber ist durch Seine eigenen Werke zu einem Gnadenstuhle geworden und kann
gnädig sein, wem Er will, und barmherzig, wem Er barmherzig sein will!
[RB.01_081,23]
Wo aber bleibt sonach unser Ruhm? Durch welches Gesetzes Werke solle er unser
sein? Gibt es denn ein Gesetz ohne Sünde oder eine Sünde ohne Gesetz?
[RB.01_081,24]
Wir aber haben dennoch einen Ruhm und eine Gerechtigkeit! Aber nicht aus dem
Gesetz noch aus den Werken darnach, sondern pur aus Seiner Gnade, deren wir
teilhaftig wurden durch den Glauben an Ihn und an die Werke der Erlösung! Aber
diese Gerechtigkeit gibt uns vor Gott dennoch kein Recht, mit Ihm zu Gericht zu
sitzen, indem wir vor Ihm, wenn auch hier als schon Hochbegnadigte, dennoch
dieselben Sünder sind, die wir allezeit waren.
[RB.01_081,25]
Da wir aber nur aus dem Glauben heraus vor Gott sind gerecht worden und nicht
nach der Erfüllung des Gesetzes – da sollte ja der Glaube das Gesetz aufheben?
Oh, das sei ferne! Denn der Glaube richtet das Gesetz erst auf und macht es
lebendig. Aber das Gesetz richtet den Glauben nicht auf, sondern tötet ihn, so
es nicht zuvor durch ihn lebendig geworden ist!
[RB.01_081,26]
Das Leben des Glaubens aber ist die Liebe! Und das lebendige Gesetz ist die
Ordnung der Liebe! Wenn dann der Glaube gerecht ist, so ist alles gerecht. Ist
aber der Glaube falsch, so ist auch die Liebe falsch und ihre Ordnung so gut
wie keine!
[RB.01_081,27]
Wer aber kann dafür, so jemand einen falschen Glauben überkommt aus einer
falschen Lehre? Ich aber sage: Wer da glaubt, wie er gelehrt wurde, dessen
Glaube ist dann auch ohne Falsch bei dem, der da glaubt; und er wird die Gnade
finden! Aber wehe dem Lehrer falscher Lehre! Denn er ist ein Täter des Übels
und ein Störer der göttlichen Ordnung! Aber nicht wir, sondern allein der Herr
kann ihn richten!
[RB.01_081,28]
Als aller geschaffenen Geister größter und reinster mit Satan auf Sinai um den
Leib Mosis rang, was dir, Bruder Moses, bekannt ist – da richtete der mächtige
Geist den Satan dennoch nicht, sondern sprach zu ihm: ,Der Herr wird dich
richten!‘ So aber sich ein Michael kein Gericht über Satan anmaßte, wie sollen
wir da über unsere Brüder richten oder den Herrn zu einem Gericht vermögen
wollen? Oh, das sei ferne von uns!
[RB.01_081,29]
Ich aber sage: der Herr handelt und richtet lange schon und hat nicht gewartet
auf unseren Rat! Daher betrachtet auch diesen nunmaligen Rat für eitel! Aber so
der Herr zu euch sagen wird, tuet dies und jenes, da sei euer ganzes Wesen pur
Tat nach dem Wort des Herrn! Denn des Herrn Wort ist schon die vollste Tat in
euren Herzen.
[RB.01_081,30]
Dir, o Herr, aber danke ich, daß Du dieses Wort in meinen Mund gelegt hast!
Möchte es doch auf Erden wie in allen Himmeln die besten Früchte tragen! Dir
allein aller Ruhm und aller Preis ewig! Amen!“
[RB.01_081,31]
Rede Ich: „Paulus! Du bist wie Mein rechter Arm und Mein rechtes Auge. Dich
habe Ich zu Meinem Rüstzeug erkoren, und das wirst du auch verbleiben ewig. Du
hast recht geredet in allem, und es verhält sich also!
[RB.01_081,32]
Aber dessenungeachtet werden wir auch noch diese Neuangekommenen fragen, was da
nun ihre Meinung ist? Und wir werden darauf einen rechten Beschluß fassen.
[RB.01_081,33]
Und so rede denn nun du, Robert Blum! Sage, was sollen wir nun der Erde tun,
darum sie so viel ungerechten Blutes eingesogen hat? Welche Sühne verlangst du
von ihr und ihren Mächtigen, die dich gerichtet haben!?“
82. Kapitel –
Blum und Jellinek äußern sich. Des Herrn Entgegnung.
[RB.01_082,01]
Spricht Robert: „O Herr, was da mich betrifft, so habe ich nun keine Rechnung
mehr mit der Erde als der Trägerin mehr blinder als im Grunde böser Menschen.
Und so ich Dir schon mit einer Bitte käme, so soll sie lauten: Herr, vergib
ihnen, denn sie wissen alle nicht, was sie tun! Aber in ihre Herzen senke
Frieden, Demut und Liebe! So wird die sonst schöne Erde wieder als eine
liebliche Mutter ihre Kinder liebend küssen und allen vollauf zu leben geben
durch Deine Gnade und Erbarmung! Siehe, o Herr, das ist aber auch schon alles,
was ich von Dir erbitten möchte für die Erde.
[RB.01_082,02]
Aber ich setze in diesen meinen Wunsch auch kein bestimmtes Verlangen, indem
ich doch füglich annehmen muß, daß vor Dir, o Herr, meine Bitten und Wünsche
sicher im gleichen Maß unreif sein werden, als wie ich selbst als Bittsteller
und Wünschender noch sicher vor Dir, o Herr, sehr unreif bin? Aber das denke
ich mir im Herzen: ein schlechter Lump ist, der mehr tun will als er kann; aber
auch zum Hinauswerfen schlecht ist derjenige, der sein Pfund vergräbt! Wenn
aber jemand das, was er mit seines Herzens besten Sinnen als gut und
wünschenswert findet, auch allen seinen Brüdern wünscht und auch zu
bewerkstelligen sucht, so halte ich solch ein Handeln für gut und recht. Denn
der gute Wunsch wie nach ihm die Handlung können unmöglich von wo anders
herrühren als von der wahrsten Nächstenliebe, die Du, o Herr, den Menschen zu
einem ersten Gesetz gegeben hast!
[RB.01_082,03]
Es kann allerdings das, was ich für gut halte, für meinen Nebenmenschen gerade
das Gegenteil sein. Zum Beispiel, so ich einen Kranken sehe und habe auch eine
gute Arznei für ihn, die schon bei manchen mit gleichen Übeln Behafteten stets
die beste Wirkung hervorgebracht hat – was werde ich tun, so der Leidende um
Hilfe fleht? Die Liebe zum leidenden Bruder gebietet es mir, ihm zu helfen. Ich
gebe ihm die Arznei, und siehe, er wird darauf noch schlechter. Hätte ich ihm
darum die Arznei vorenthalten sollen, weil sie nachher eine schlimme statt
einer guten Wirkung hervorgebracht hat? O mitnichten! Das darf mich nie
abschrecken, meinen Brüdern alles das zu tun, was ich nach bester Erkenntnis
und mit bestem Gewissen als gut erkenne? Der Erfolg aber liegt nicht mehr in
meiner, sondern in Deiner Macht, o Herr! Darum ich denn für ihn auch keine
Rechnung legen kann. – So wollte ich in Wien nach meinem damaligen besten
Wissen und Gewissen den bedrängten Wienern auch nur Gutes tun. Aber der Erfolg
meiner Bemühung fiel leider anders aus. Ich meine aber dennoch, daß ich dadurch
nicht gefehlt habe; denn ich wollte ja nur das, was ich als gut erkannte!
[RB.01_082,04]
Und so glaube ich, gibt es nun eine Menge, die nach ihren Erkenntnissen sicher
allen nur jenes wünschen, was sie als gut erkennen. Sollen sie darob gerichtet
werden? Aber Du, o Herr, gib ihnen ein rechtes Licht und besänftige ihre
Herzen, und sie werden erlöst sein von allem Übel!
[RB.01_082,05]
Es gibt wohl auch eine Menge starrer Menschen, die sich von gewissen
Grundsätzen, die sie allein als Recht erkennen, so sehr verhärten ließen, daß
sie eher die Welt könnten zugrunde gehen sehen, als nur ein Jota von ihren
starren Grundsätzen fallen zu lassen. Aber Du, o Herr, hast ja noch eine Menge
Feuers, das da mit großer Leichtigkeit die starrsten Felsen wie Wachs schmelzen
macht! Ein Fünklein davon in die Herzen der Starren gesenkt, wird sie bald
sanfter und nachgiebiger machen!
[RB.01_082,06]
Das ist meine harmlose Meinung und auch mein bester Wunsch! Inwieweit er aber
auch in Deinen Augen, o Herr, gut ist, davon habe ich bis jetzt in meinem
Herzen noch keinen verläßlichen Maßstab. Daher sei alles weitere auch allein
nur Dir anheimgestellt!“
[RB.01_082,07]
Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder, auch du hast den Nagel auf den Kopf
getroffen! Die vollste Wahrheit floß aus deinem Munde. Daher sollst auch du Mir
für die Folge zu einem tüchtigen Rüstzeug werden! Gut, wahr und edel war dein
Antrag, und Ich muß dir schon im voraus die Versicherung geben, daß Ich nach
ihm sehr mächtig handeln werde und auch allezeit schon gehandelt habe. Aber
nichtsdestoweniger soll nun auch Jellinek einige Wörtlein von sich geben, und
wir werden sehen, wie weit er mit dir einverstanden ist. Und so öffne denn nun
auch du, lieber Bruder Jellinek, deinen Mund!“
[RB.01_082,08]
Spricht Jellinek: „O Herr! Bruder Robert Blum hat wirklich ganz aus meiner
Seele geredet, wie auch vor ihm der große Paulus, dessen Rede durchaus ein Meer
voll Wahrheit und Feuers war. Was soll ich da noch mehr reden können? Ich sage
daher bloß: Herr! Dein allein heiliger Wille geschehe – und die herrlichste
Ordnung wird die arme Erde küssen! Was aber ehedem die großen Väter der Erde
geredet haben, war in gewisser Beziehung zu hoch über meinem
Erkenntnishorizont! Sie meinen es vielleicht auch gut, und das sicher auf eine
ganz andere Art, als ich und Robert Blum. Aber es kommt mir doch etwas
sonderbar vor, daß sie von Dir stets die Erfüllung irgendeiner Verheißung
verlangen und Dich eines gewissen Zauderns beschuldigen? Aber wie gesagt, ich
verstehe die Sache nicht. – Übrigens habe ich eine große Freude daran, daß ich
nun als ein später Nachkomme endlich einmal diejenigen persönlich kennenlerne,
deren Existenz ich so oft bezweifelt habe! Es liegt wirklich etwas heilig
Ernstes in ihren Angesichtern. – Mein Antrag ist damit schon zu Ende!“
[RB.01_082,09]
Rede Ich: „Höre du, Mein lieber Bruder Jellinek: Ihr alle hier im Reiche der
ewigen Wonne könnt nun freilich leicht sagen: ,Herr! Dein Wille geschehe!‘ Aber
auf der Erde sieht es nun ganz anders aus als hier im Reiche des freiesten
Lebens! In den Leibern der Menschen wohnen dieselben freien Geister und
unsterblichen Seelen, wie ihr es hier in der Wirklichkeit seid. Diese möchten
sich doch endlich einmal freier entwickeln können und wollen daher eine rechte
Freiheit, aber keine Knechtung unter einem eisernen Zepter der Könige. Sie
erheben sich daher allerorten und bemühen sich, die Macht der Könige zu
brechen. Aber die Könige sammeln ebenfalls alles, was ihnen sklavisch untertan
ist, zu einer großen Streitmacht zusammen. Sie haben jedem Widersacher den Tod
geschworen und schlachten auch die Menschen ohne Gnade und Erbarmung zu vielen
Tausenden hin. Es schreien nun die Freiwerdenwollenden zu Mir um Rache wider
ihre unbarmherzigen Könige. Und die Könige rufen Mich um Beistand wider ihre
empörten Völker an!
[RB.01_082,10]
Was soll Ich nun tun? Beider Parteien Recht ist wahrlich nicht weit her nach
der gegenwärtigen Gestaltung der Sache. Denn die Könige wollen einmal um jeden
Preis herrschen, und das freiwerdende Volk will nun auch herrschen. Aber gehorchen
und untertan sein will niemand mehr!
[RB.01_082,11]
Nun entsteht eine sehr große Frage, was Ich nun eigentlich tun soll? Helfe Ich
den Königen, so werden sie wieder die alte Finsternis über ihre Völker
ausbreiten, in der es keinem Geiste leicht möglich wird, sich freier zu
entwickeln. Und der Haß gegen die Geist-Erdrücker wird wachsen. Helfe Ich aber
dem Volk, so wird dieses starke Rache nehmen an allen ehemaligen Machthabern
und wird häufig Meine durch Rom sehr verdächtig gemachte Lehre, aus der so
viele Übel hervorgegangen seien, am Ende ganz verbannen und den Völkern dafür
eine rein weltliche Lehre geben!
[RB.01_082,12]
Ihr sehet, liebe Freunde, daß die Dinge auf der Erde nun so stehen, daß Ich
vorderhand weder der einen noch der andern Partei vollkommen helfen kann. Was
ist da zu tun? Lasse Ich die Sache fortgehen, so werden die zwei zu Tod
erbitterten Feinde miteinander nimmer fertig, denn die gegenseitige Wut ist zu
groß. Helfe Ich aber, so fragt es sich hier ganz ernstlich: Wem? – Tue Ich etwas
oder tue Ich nichts, so ist es gefehlt, so oder so! Was also machen?
[RB.01_082,13]
Ja, liebster Bruder Jellinek, es ist leicht sagen: ,Herr, Dein Wille geschehe!‘
Aber wie bei solchen Verhältnissen, das ist eine ganz andere Frage! – Robert
meint freilich, Ich könnte Fünkchen der himmlischen Sanftmut in die Herzen der
Fürsten legen und sie würden dann sanfter, besser und weiser werden. Das ist
wohl wahr und richtig. Aber werden ihnen die über alle Maßen erbitterten Völker
wohl trauen? Nein, das werden sie nicht; denn ein gebranntes Kind traut dem
Feuer nimmer. Und alles läßt sich leichter wiederfinden als ein verlorenes
Vertrauen!
[RB.01_082,14]
Du meinst freilich, daß man da auch in die Herzen der Völker solche Fünkchen
legen solle, so würde dann alles gewonnen sein. Das wäre freilich ein sehr
leichtes Mittel. Aber so Ich das täte, da hörten die Könige wie die Völker ja
auf, freie Menschen zu sein! Sie würden dadurch gerichtet und würden zu edlen,
menschenähnlichen Tieren werden, bei denen von keiner freien geistigen Bewegung
mehr die Rede sein könnte. Wir dürfen, solange wir Menschen als Menschen
erhalten wollen, durchaus keine uns zu Gebote stehende Gewalt ausüben. Denn
täten wir das, so wäre es im selben Augenblick um die eigentliche Menschheit
geschehen; sie würde zum Tiere und zu gerichteten Sklaven unserer ewig
unbesiegbaren Macht! Du siehst also, daß es sich auf diese Art nicht tun wird.
[RB.01_082,15]
Wir werden demnach schon auf ganz andere Mittel sinnen müssen! Sage du, Mein
lieber Becher, was du da für rätlich erachten möchtest, das da den bedrängten
Völkern der Erde eine rechte Hilfe brächte?“
83. Kapitel –
Bechers radikale Vorschläge. Belehrung durch den Herrn. Die Natur des
Menschengeschlechts ist bedingt durch die der Erde im Schöpfungsganzen.
[RB.01_083,01]
Spricht Becher mit den Achseln zuckend: „O Herr, wenn bei diesen Wirren auf der
Erde schon Dir, der Du doch allmächtig und allweise bist, gewisserart der Faden
ausgeht – was soll da unsereiner noch auffinden können, womit den Völkern der Erde
zu helfen wäre? Wenn es sich mit inneren Gewaltmitteln nicht tut, so wende man
denn äußere Gewaltmittel an, z.B. Hunger, Pest und dergleichen, dazu einige
frappante Erscheinungen am Firmament, und die Menschen werden dann schon zu
Kreuz kriechen! Und darf etwa wegen der Freiheit des menschlichen Geistes auch
das nicht angewendet werden – nun, so lassen wir sie sich untereinander so
lange balgen und würgen, bis sie daran genug haben! Ich glaube nun, daß wir uns
überhaupt zu viel um das arge Menschengesindel auf der Erde kümmern. Am besten
wäre es nach meiner Meinung, das ganze Lumpenvolk von der Erde zu vertilgen und
dafür ein besseres und edleres Volk hinzustellen. Das Volk, das nun die Erde
bewohnt, wird sich nimmer bessern; es müßte nur, wie schon eben bemerkt, dem
größten natürlichen Elend preisgegeben werden! Denn es sind nun alle Könige
samt ihren Völkern schon rein des Teufels. Womit aber könnte man die große
Bosheit des Teufels erfolgreich bändigen? Ich meine, da wird es so oder so eine
vergebliche Mühe sein! Also weg mit dem Lumpenpack und ein anderes Geschlecht
hingesetzt! Das ist meine unmaßgebliche Meinung! Aber bloß nur, wie gesagt,
meine Meinung!“
[RB.01_083,02]
Rede Ich: „Mein lieber Freund Becher! – Siehe, wenn den Völkern der Erde auf
diese Art zu helfen wäre, wäre das freilich etwas ganz Bequemes! Aber das tut
sich wohl auf keinen Fall und fürs Allgemeine schon gar nicht. Das kann wohl
örtlich, aber auch da nie zu heftig stattfinden. Aber allgemein und gänzlich,
wie du es meinst, das wäre das größte Unheil nicht nur für die Erde, sondern
auch für das ganze Universum!
[RB.01_083,03]
Das Menschengeschlecht der Erde ist nicht aus sich selbst so, wie es ist,
sondern es ist aus der Erde und hat in allem ihre Natur und Eigenschaft!
Demnach wäre mit der gänzlichen Vertilgung aller nun auf der Erde lebenden
Menschen der einmal eingerissenen Unordnung wenig abgeholfen! Denn dann müßten
wir doch wieder andere Menschen aus der Materie der Erde hervorgehen lassen,
die den gegenwärtigen nach einer kurzen Weile doch wieder so gleichen würden,
wie etwa die Früchte eines Baumes aus einem vergangenen Jahr den Früchten, die
derselbe Baum im folgenden Jahr oder noch später tragen würde.
[RB.01_083,04]
Man müßte sonach auch die ganze Erde aus dem Dasein schaffen und an ihre Stelle
eine andere setzen, was aber ein noch größerer Streich wider meine Ordnung
wäre! Man kann einem Baum, so er schlechte Früchte trägt, wohl die Rinde und
manche Äste und Zweige nehmen, worauf er dann wieder recht gute Früchte tragen
wird – aber das Mark und die Wurzeln darf man nicht zerstören. Denn so man das
täte, würde der ganze Baum bald verdorren und würde ewig weder gute noch
schlechte Früchte mehr zum Vorschein bringen. Die Erde aber ist eben der Kern
des Lebens für den gesamten Lebensbaum und ist wie eine Hauptwurzel der ganzen
Schöpfung! Würden wir an ihr ein Zerstörungswerk ausüben, so würden wir dadurch
nicht nur die Erde, sondern die ganze sichtbare Schöpfung der endlichen
Auflösung preisgeben, was noch um einige Dezillionen von Erdjahren zu früh
wäre.
[RB.01_083,05]
Deinen Rat, Mein lieber Freund Becher, kann Ich sonach schon gar nicht
brauchen! Wir wollen aber sehen, vielleicht hat sich unterdessen Messenhauser
etwas Brauchbares ausgedacht. Nun, Freund Messenhauser, gib es von dir, wenn du
etwas in dir gefunden hast!“
[RB.01_083,06]
Spricht Messenhauser: „O Herr, Du setzt mich in große Verlegenheit! Was soll
ich da raten können, wo nun schon die ersten Geister der Erde ihre Stimme
erhoben haben und damit mehr oder weniger durchgefallen sind? Da käme sicher
eine noch größere Dummheit heraus!
[RB.01_083,07]
Siehe, o Herr, geradezu dumm wäre es von mir, Deiner endlosen Weisheit einen
Rat erteilen zu wollen, was Du nun tun sollst, um die großen Wirren auf der
Erde wieder auszugleichen! Ich weiß nur zu gut, daß Dir mehr der besten und
wirksamsten Mittel allerklarst bekannt sind, als es der Sterne im unermeßlichen
All gibt. Wolle Du nur gnädigst das kleinste anwenden, und es wird über Nacht
alles wieder in der schönsten Ordnung sein! Gib, o Herr, den Herrschern ein
wahres Licht und den Untergebenen Sanftmut und Geduld im Tragen des Kreuzes,
und so ein bißchen ein kleines Kalifornien hinzu, und alles wird wieder in der
schönsten Ordnung dastehen. Und so etwa dem Herrn von Satanas die Geweihe zu
hoch gewachsen sind, so laß sie ihm durch ein paar Blitze um einige Ellen
kürzer machen! Da wird meines Erachtens der Hochmut der Großen auf der Erde
auch einige Erleichterung bekommen, etwa wie Windischgrätz – was ihm sehr
heilsam sein wird!
[RB.01_083,08]
Es gibt ja noch recht viele Menschen auf der Erde, die es gut und redlich
meinen. Warum sollen diese mit gezüchtigt werden, so Du den Hochmütigen die
Geweihe etwas kürzer machen wirst? Ich sage: Glück und Segen allen auf der
Erde, die eines guten Herzens und Willens sind! Aber dafür eine wohlgenährte
Demütigung allen, bei denen der Mensch erst beim Baron anfängt. Ich wünsche
ihnen nicht irgend etwas Böses, o nein, das sei ferne von mir, nur die
Erkenntnis, daß die Großen endlich einmal möchten einsehen, daß diejenigen auch
Menschen sind, die sie bloß für ein lumpiges Kanonenfutter ansehen!
[RB.01_083,09]
Es müssen ja wohl Regenten sein; denn ohne Regenten und weise Gesetze könnte
schwerlich eine menschliche Gesellschaft bestehen. Aber diese Regenten sollten
einsehen, daß sie der Völker wegen, und nicht die Völker ihretwegen da seien.
Auch sollen sie das Schwert der Gerechtigkeit haben und tragen. Aber sie sollen
es nur dann gebrauchen, so ihre Völker bedroht sind von äußeren Gefahren. Doch
gegen ihre eigenen Völker sollen sie es nimmer gebrauchen dürfen, denn bei
denen werden sie mit der Waffe der Liebe bei weitem mehr ausrichten als mit dem
Schwert der Majestät.
[RB.01_083,10]
Aber das sind nur fromme Wünsche von mir! Du aber bist der Herr, dessen geheime
Ratschlüsse unerforschlich und dessen Wege unergründlich sind. Du wirst schon
die rechte Verfügung treffen, des bin ich mehr als gewiß! Es muß einmal
ordentlich alles durcheinandergehen und die Saiten müssen noch ein wenig mehr
gespannt werden, damit sie dann desto sicherer reißen! Ein Riß aber muß
geschehen, weil Du es so willst. Denn ohne einen Riß wird's noch lange nicht
gut gehen auf der Erde, wie ich es einsehe. Aber dennoch alles nur so, wie Du
es willst! Amen.“
[RB.01_083,11]
Rede Ich: „Höre, gar so wertlos sind deine Wünsche nicht. Es ließe sich daraus
schon etwas machen. Aber nur mit dem rechten Lichtgeben an die Regenten und
ebenso mit dem Geduld und Sanftmut geben an die Völker, das wird sich wohl
nicht so recht tun lassen. Denn zu dem Behufe ist bereits allen Völkern der
Erde das Evangelium gepredigt, der alte Brunnen Jakobs voll lebendigen Wassers
ist ihnen gegeben! Wollen sie Licht und Erkenntnis und vollste Wahrheit, so
können sie das alles aus dem Brunnen schöpfen. Wollen sie das aber nicht, so
können wir ihnen das in keinem Falle durch was immer für eine Macht aufdrängen.
Täten wir es auch, so würde ihnen das wenig nützen, sondern sehr mächtig
schaden.
[RB.01_083,12]
Etwas ganz anderes wäre es, so die Könige samt ihren Völkern das von Mir erbitten
würden. Da könnte ihnen alles gegeben werden, worum sie bitten in Meinem Namen!
Aber siehe, von dem vernehmen Meine Ohren wenig oder nichts! Ich höre wohl hie
und da ein Geschrei: ,Herr, beschütze unsere Throne, Zepter und Kronen, und
lasse uns weidlich siegen über alle, die sich wider uns erheben!‘ Andererseits
wird aus dem Mund der Völker im allgemeinen von einer Bitte beinahe gar nichts
mehr vernommen, und die einzelnen gelten nicht für ganze Völker.
[RB.01_083,13]
Jedem einzelnen wird gegeben, worum er bittet. Aber den Völkern kann's nicht
gegeben werden, worum die wenigen Einzelnen bitten!
[RB.01_083,14]
Daher also, lieber Freund Messenhauser, werden wir hier denn doch ganz andere
Saiten aufziehen müssen, um eine bessere Harmonie unter den Völkern der Erde
zuwege zu bringen! Die Saiten sind zwar schon aufgespannt; aber wie du selbst
bemerkt hast, noch zu wenig. Nun aber sind neue Stimmer erweckt worden, die
werden schon das ihrige tun! Wahrlich, da wird ein starkes Fegen vor sich gehen
müssen, bis alle Spreu vom Weizen ausgeschieden wird! –
[RB.01_083,15]
Aber wir haben ja unsere Helena noch nicht vernommen; die muß ja auch ihre
Meinung von sich geben! Also, Meine liebste Helena, was meinst denn du, was da
zu geschehen habe, damit es auf der Erde wieder zu bestehen sein möchte? Wer
weiß, ob du uns nicht etwa den besten Rat erteilst? Daher sprich ganz ungeniert
deine Meinung aus!“
84. Kapitel –
Helenas Ansicht über den Weg zum Heile der Erdenmenschheit.
[RB.01_084,01]
Spricht die Helena: „O Herr, Du schönste Lebensblume meines Herzens, Du mein
Leben, Du mein alles! Schau in mein Dich über alles liebendes Herz, und Dein
allsehendes Auge wird darin alles finden, was ich habe und wie ich es meine! O
Du mein süßester, bester, weisester, mächtigster und auch – ach! – mein
allerliebenswürdigster und schönster Herr Jesus! Schau, ich bin gar zu verliebt
in Dich und kann vor lauter Liebe nichts reden! Aber da hinter uns sitzen und
stehen ja noch eine Menge. Vielleicht könnten diese auch etwas zum besten geben?
Mit mir aber tut es sich nun schon auf gar keinen Fall. Denn schau, Du mein
liebster Herr Jesus, ich bin nun wirklich schwach vor lauter Liebe zu Dir!
Denke Dir's nur – ich, ein armes Wiener Menschl – und sitze hier bei Dir, der
Du der alleinig ewige Herr Himmels und der Erde bist! Und gleich neben mir Adam
und die andern Väter der Erde! Das wird etwa für eine arme Seele wie mich doch
kein Spaß sein? Daher bitte ich Dich, lasse doch die andern eher reden,
vielleicht fällt mir nachher etwas Gescheites ein!“
[RB.01_084,02]
Rede Ich: „Ja, du Meine allerliebste Helena, das weiß Ich schon, daß du Mich
überaus mächtig liebst, was Meine größte Freude ist! Aber wegen dieser anderen
Gäste sage Ich dir bloß: Wer früher kommt, der mahlt auch eher! Diese werden
nachher schon auch reden, sie sollen nicht umgangen werden. Aber zuerst mußt du
reden, weil du eher bei Mir warst und Mich gar so sehr liebst! Zudem hast du an
dem Kampf in Wien teilgenommen und bist dabei um dein irdisches Leben gekommen,
was dir damals sehr unlieb war. Und so mußt du nun auch reden in der Sache, die
dich selbst so hart mitgenommen hat. Fasse daher nur einen rechten Mut und
rede, wie dir die Zunge gewachsen ist! Ich werde daraus schon das Beste zu
finden wissen.“
[RB.01_084,03]
Spricht die Helena: „Auweh, auweh! O Du mein Herr Jesus! So Du einmal etwas
haben willst, so muß es geschehen, und wenn da auch Himmel und Erde dabei
vergehen sollten. Aber jetzt werde ich Dich doch noch erwischen! Mir fällt
gerade ein, wie einst der Apostel Paulus, dem Du die Worte in den Mund legtest,
gelehrt hat, daß da kein Weib im Rat einer Gemeinde etwas reden dürfe, sondern
allein die Männer. Wie sollte ich also hier in dieser erhabensten Gesellschaft
von lauter Männern es wagen können, auch etwas zu reden? Du hast mich nur
prüfen wollen, weil Du meine Liebe zur Plauderhaftigkeit kennst. Aber die
Helena, die Dich gar so über alles liebt, ist nun schon ein bißchen gescheiter
geworden und sitzt nicht auf! – Oh, sei Du mein Göscherl nur schön still und
rede nicht viel, sonst kriegst heute hier vom Paulus Wichs!“
[RB.01_084,04]
Paulus lächelt über diese etwas humoristische Entschuldigung der Helena.
[RB.01_084,05]
Ich aber sage: „Meine liebste Helena, du meinst freilich, daß Ich dich nun
nicht erwischen könnte! Aber Ich habe dich eigentlich schon erwischt, und du
kannst Mir nicht mehr auskommen und wirst sogar nach des Paulus ausdrücklichem
Gebot reden müssen; und nach Meinem Gebot, das noch übers Paulinische geht,
schon ganz unausweichlich! – Siehe, in einem Briefe an die Römer empfahl Paulus
die Phöbe, die der Gemeinde zu Kenchreä in Meinem Dienst vorgestanden ist.
Ebenda empfiehlt er aus gleichen Gründen die Priscilla, grüßt eine gewisse
Maria, die ebenfalls viel Arbeit in Meinem Namen hatte, und ebenso die
Tryphäna, die Tryphosa und seine liebe Persida, die viel mit Wort und Tat in
Meinem Namen gearbeitet hatte.
[RB.01_084,06]
Siehe nun, Meine liebe Helena, solchen Weibern hat Paulus keine Mundsperre in
der Gemeinde angelegt; sondern nur solchen, die aus einer Art Hochmut in der
Gemeinde auch Sitz und Stimme haben wollten und – ohne Meinen Geist zu haben
und zu begreifen – dennoch reden wollten, als wüßten sie auch, was die aus
Meinem Geiste Wiedergeborenen wissen! So aber auch ein Weib voll Meines Geistes
ward, der im Mann wie im Weib stets der gleiche ist, da kann und muß sie sogar
reden, was und wie es der Geist von ihr verlangt!
[RB.01_084,07]
Meine Apostel waren die erste und somit vorzüglichste christliche Gemeinde in
der Welt, weil sie unmittelbar von Mir gestiftet war! Als Ich am dritten Tag
wieder aus dem Grab erstand, wen wohl sandte Ich zuerst zu den Brüdern hin,
ihnen Meine Auferstehung zu verkünden? Siehe, ein Weib, ungefähr von deiner
irdisch moralischen Beschaffenheit! – Nun, wenn das nachträgliche Gebot Pauli
für noch ganz weltliche Weiber überall, d.h. auch bei Gott wohlgefälligen
Weibern, soll in die Anwendung kommen – wie hätte sich dann eine Magdalena je
unterstehen können, an Meine ersten Apostel selbst einen Boten zu machen?!
[RB.01_084,08]
Zudem habe Ich auch einmal den Sadduzäern gezeigt, daß im Himmelreich alle
irdischen Unterschiede aufhören, d.h. die irdischen Geschlechtsrechte. Alle
sind den Engeln Gottes gleich und genießen das eine Recht, nämlich Gottes
Kinder zu sein.
[RB.01_084,09]
Und so steht es nun auch mit dir, Meine allerliebste Helena! Obschon Mir deine
Bescheidenheit sehr große Freude macht, wirst du dennoch reden müssen. Und das
darum, weil du mit Adam, der neben dir sitzt, vor Mir das ganz vollkommen
gleiche Recht zu reden hast. Und so mache dich nur daran!“
[RB.01_084,10]
Spricht die Helena: „Ei, ei, ei! Das sehe ich nun schon klar ein, daß Du gar
nicht zu erwischen bist! Hm, merkwürdig, ja – Deine Weisheit und die unsereins
sind wohl ganz kurios zweierlei Weisheiten! O je, das ist ein Unterschied!
Nein, mit dem Entschuldigen kommt man bei Dir ewig nicht auf! Aber mit einer
recht herzlichen Bitte – könnte denn die Dich nicht von Deinem einmal
ausgesprochenen Verlangen ein wenig nachlässig machen?“
[RB.01_084,11]
Rede Ich: „Ja, Meine allerliebste Helena, mit einer rechten Bitte kann man bei
Mir wohl sehr viel ausrichten, aber nicht alles! Siehe, so jemanden auf Erden das
Leben sehr schmeckte, so daß er dort ewig leben möchte, und er bäte Mich darum
aus allen seinen Kräften, so könnte Ich solch einer Bitte doch kein Gehör
geben, weil das wider Meine Ordnung wäre! Und ebenso könnte Ich auch hier deine
Bitte um Nachlaß der Rede nicht erhören. Daher öffne nur deinen schönen Mund
und rede, wie es dir in den Sinn kommen wird!“
[RB.01_084,12]
Spricht die Helena: „Nun, in Deinem Namen, weil Du, mein himmlischer
Herzensliebling, es schon durchaus willst, so will ich gleichwohl reden! Aber
weißt Du, wenn mir manches gar zu Dumme herausrutschen sollte, da zupfe mich
ein wenig, damit ich vor Dir und diesen erhabensten Großmenschen der Erde doch
nicht gar zu sehr zuschanden werde! Und so will ich denn sogleich meine Meinung
aufzutischen anfangen:
[RB.01_084,13]
Auf der Erde sind ein kleiner Teil Menschen zu hoch oben und besitzen zuviel.
Der größte Teil aber ist dafür zu tief drunten und hat entweder gar nichts oder
doch viel zu wenig gegen diejenigen, die da viel zuviel haben! Die Folge davon
aber ist notwendig diese: Die Hohen, welche die bei weitem geringste Zahl
ausmachen, sehen mit Verachtung auf die unteren Klassen, weil sie stets die
Möglichkeit wie ein Gespenst vor sich sehen, wonach die vielen geringen, armen
Menschenbestien sich einmal vereinen und einen Griff nach dem starken Überfluß
der Großen und Reichen machen könnten. Um aber das nach Möglichkeit zu
verhüten, scheuen die ersteren kein Mittel. Der Geist muß unterdrückt werden,
wie und wo es nur immer möglich ist – durch Pfaffentrug, durch gänzliche
Beschränkung der Druckpresse, durch Verbot besserer Bücher, sogar der Bibel.
Zuwiderhandelnde werden bestraft, und das nicht selten auf eine Art, daß ihnen
dabei Hören und Sehen vergeht. Wer soll bei solchen Umständen da noch zu einer
Erweckung des Geistes gelangen!?
[RB.01_084,14]
Auf der andern Seite wird alles gestattet, was nur immer zur Tötung des Geistes
beitragen kann. Dergleichen ist: Geduldete Hurerei in allen Gestalten, wenn
auch manchmal zum Schein öffentlich dagegen polizeiliche Schritte getan werden.
Weiter wird gestattet, zu lumpen und zu schwelgen, was die arme, erziehungslose
Menschheit nur mag – weil die Schwelgerei auch sehr nachteilig auf den Geist
einwirkt. Ebenso werden gestattet zotige Komödien; da kann es hergehen, so
stark es nur immer tunlich, wenn darin nur keine politischen Anspielungen
vorkommen oder andere Weckfünklein, so kann die Komödie ohne allen Anstand vom
Stapel gelassen werden, weil sie auf die Erdrückung des Geistes einen
entschiedenen Einfluß hat!
[RB.01_084,15]
Sollte sich aber etwa ein Geist trotz all dieser sanfteren Verdummungsmittel
dennoch erheben wollen und etwa hie und da zeigen, daß er göttlicher Abkunft
sei, so werden dann auch schärfere Mittel angewendet, durch die jedem Geist
seine göttliche Abkunft irdisch sicher teuer zu stehen kommen wird. Becher und
seine Freunde sind hier lebendige Zeugen, wie die Großen der Erde jede offene
Erhebung eines Geistes zu würdigen verstehen. Sie sagen: ,Oh, das ist ja schon
wieder ein himmlischer Menschenfreund! Also, nur geschwind mit ihm ins
Himmelreich mittels Strick oder Pulver!‘ Wer es wagt, ihnen die Wahrheit zu
sagen, dem erteilen sie sogleich den Titel ,Auswurf der Menschheit‘ und setzen
auf seinen Kopf einen Preis von vielen Goldstücken. Und bekommen sie ihn, da
wäre es für ihn und seinen freien Geist besser, so er nie wäre geboren worden!
[RB.01_084,16]
Siehe, Herr, so stehen die Aktien um die arme Menschheit nun auf Erden! Was
Wunder, so sie sich denn doch einmal erhebt und Rache nimmt an denen, die schon
so viele Jahrhunderte ihre Peiniger und Vampire waren. Ich bekenne hier offen,
da ich schon reden muß, daß die arme Menschheit nun zu solch einer Erhebung ein
vollkommenes Recht hat und es auch allerhöchste Zeit ist, den Großen, die
keinen Funken Liebe zu den Menschen haben, ihr arges Handwerk aus den Händen zu
reißen und es für immer vom Boden der Erde zu verbannen! Die Großen sollen
herabsteigen und, was sie zuviel haben, mit den armen Brüdern teilen! Und aus
ihren viel zu weitläufigen Burgen sollen Armenhäuser werden und sie selbst
Menschen! Die Armen aber sollen Schulen bekommen und wahrhaft gebildete Lehrer
nach Deinem Geist, o Herr, sonst wird's nimmer besser auf der Erde, sondern nur
schlechter von Tag zu Tag. Denn die Großen werden stets härter und
tyrannischer, und der Haß der Kleinen wird wachsen wie eine rollende Lawine.
Und so Du, o Herr, auf der Erde nicht bald etwas Entschiedenes ausführst, so
ist es wenigstens irdisch in den mir bekannten Landen um alle Menschheit
vollkommen geschehen, was doch sicher nicht dein Wille sein kann!
[RB.01_084,17]
Oder kannst Du, o Herr, wohl eine Freude haben, so sich nun die Menschen als
die wildesten und reißendsten Bestien zu Tausenden zerreißen und zerfleischen?
Und das nur darum, weil die Großen auch nicht um den Preis von Millionen
Menschenleben von ihrem Reichtums- und Herrscherglanz auch nur ein Haar
vergeben wollen. Meinen sie doch, da würde man nachher auch ihren ganzen Kopf
haben wollen, was aber eine grundfalsche Meinung ist. Denn ich bin überzeugt,
daß, so sie den armen Völkern freundlich entgegenkämen, diese sie dafür auf den
Händen herumtrügen! Aber wenn sie den Völkern erst dann maskierte
Zugeständnisse machen, wenn diese sich aus Verzweiflung gegen sie in großen
Massen wildbewegt erheben und gröblichst bedräuen, und diese abgedrungenen
Zugeständnisse auch nur so lange zum Schein halten, bis sie durch ihre
gesammelten Militärmächte wieder in ihrer alteigentümlichen Weise diese
Zugeständnisse über den Haufen werfen können – da ist es dann ja sehr leicht
begreiflich, wie sie nun alles Vertrauens bar werden mußten. Da aber nun ein
rechtes Vertrauen zwischen Völkern und Regenten nimmer herzustellen ist, so
bleibt meines Erachtens nichts anderes übrig, als die Völker von ihren alten
Regenten zu befreien und an ihre Stelle wahrhaft gotterleuchtete Führer zu
stellen, die als selbst vollkommene Menschen den Menschenwert ihrer Brüder
achten werden und alles aufbieten, um den Geist in eines jeden Menschen Brust
wahrhaft zu beleben. Das muß geschehen! Und geschieht das nicht, so wirst Du, o
Herr, mit den Menschen der Erde ewig die gleiche Mühe haben wie nun mit uns,
die wir trotz aller Deiner großen Gnade noch so dumm dastehen wie junge Ochsen
vor einem neuen Tor! Es muß Dir ja doch auch am Ende zum Überdruß werden, wenn
zu jeder Minute Tausende von blitzdümmsten Wesen hier angelangen, die von Dir
gerade so viel wissen wie das nächste beste Vieh auf der Welt!
[RB.01_084,18]
Daher sei doch einmal auch für die arme Erde so gut wie hier für uns und lasse Deine
Bekenner nicht mehr kreuzigen von denen, die Dich heute wie einst ohne alles
Bedenken kreuzigen würden, so Du als ein Mensch wieder zur Erde kämst und gegen
sie eifern möchtest wie einst wider die schnöden Pharisäer! – Tue Dich einmal
auf, o Herr, und bearbeite die Erde und dünge sie mit Deiner vollen Gnade
ernstlich, sonst wird sie ehestens zum fürchterlichsten Greuel aller Verwüstung
werden! Siehe, Herr, Du mein süßester Jesus, Du selbst sagst ja, daß ich nun
Deine geliebte Helena bin! So ich aber schon dieses allerhöchsten Namens als
würdig erkannt bin, so tue aber auch als alleinigster Geliebter meines Herzens
mir das zuliebe!
[RB.01_084,19]
Ich will Dir aber dadurch freilich gleich allen anderen Vorrednern ja ewig nie
eine Vorschrift erteilen, sondern bloß nur meine Meinung, nach der nun doch
etwas Entschiedenes geschehen sollte. Du bist allein endlos weise und siehst am
besten, was da nun zu geschehen hat! Diese Weisheit habe ich ewig nicht und
kann Dir daher auch keinen wirklichen Rat geben. Aber nach menschlicher Weise
stehen die Sachen nun einmal so, und meine menschliche Einsicht erkennt nur den
hier ausgesprochenen Rettungsweg. Dir aber werden zahllose bekannt sein; tue
daher nun, was da das Rechte ist!
[RB.01_084,20]
Habe ich aber durchaus unsinnig geredet, so ist das nicht meine Schuld; denn da
hättest Du mich ja zupfen sollen! Weil Du mich aber dafür öfter angelächelt
hast, so meine ich, daß ich denn doch nicht gar so unsinnig geredet habe?
Übrigens wäre das für mich wahrlich kein Wunder, denn bei solch einer
Geistesbildung, wie sie mir auf der Erde zuteil ward, kann man wahrlich keine
Katharina von Siena werden! Mein Hiersein aber reicht ja noch kaum hin, daß ich
Dich, aber freilich höchst seicht nur, erkannt habe!
[RB.01_084,21]
Ich habe nun Deinen Willen getan und bin mit meiner Antragsrede fertig. Dir, o
Herr, sei alles aufgeopfert! Was ich dumm machte, wirst Du schon korrigieren.
Nur das bitte ich Dich, daß Du mich nach dieser meiner Plauderei nicht weniger
liebhaben mögest als ehedem! Dir allein sei alle meine Liebe, mein Leben und
all mein Sein für ewig zu Füßen gelegt! – Amen.“
85. Kapitel –
Des Herrn Kritik über Helenas Vorschläge. Die Erde unmöglich Paradies, solange
sie Prüfungsboden ist.
[RB.01_085,01]
Rede Ich: „Meine liebste Helena, du hast nach deinen Erfahrungen und
Erkenntnissen die Sache wahrlich gut und folgerichtig vorgetragen. Dein Wunsch
kann an und für sich als ein sehr lobenswerter bezeichnet werden, und es wird
so manches hie und da geschehen, wie du es wünschest; aber im ganzen gingst du
denn doch ein wenig zu weit. Ich sehe leider nur zu genau, wie so manche
Regenten, von denen einige schon gegangen sind, zu allem eher taugten als zu
Regenten der Völker. Aber was läßt sich tun?
[RB.01_085,02]
Ich will dir ein Gleichnis geben; nach diesem wirst du selbst urteilen, ob Ich
das alles zum Vollzug bringen kann, wie du es wünschest. Und so höre!
[RB.01_085,03]
Einige Kolonisten haben nach langem Wandern sich endlich irgendwo auf der Erde
ein Plätzchen ausgesucht – eine schöne und fruchtbare Gegend in der Mitte einer
großen Wüste. Ihr erstes ist, sich eine zweckmäßige Wohnung zu errichten. Es
ist Holz da in Menge, wie auch eine gute Art Bausteine. Schnell wird ein Plan
gemacht und die Hand sogleich ans Werk gelegt. Und in kurzer Zeit steht hier
eine Hütte, ganz geeignet, unsere neuen Ansiedler vor Hitze und Kälte wie auch
vor den vielen wilden Bestien zu schützen.
[RB.01_085,04]
Einer aus der Gesellschaft aber sagt: ,Liebe Freunde, die Hütte ist wohl gut
und zweckmäßig erbaut. Vor Hitze, Kälte und wilden Tieren wird sie uns wohl
eine Zeitlang schützen; aber so hier in dieser Gegend sich etwa noch ein
mächtigerer Feind vorfände, wird unsere Hütte auch ihm Trotz bieten können?
Wenn z.B. hier irgendwo ein wilder Volksstamm in der Nacht über unsere Hütte
käme, sie zerstörte und uns dann ergriffe und tötete? Ob uns die Hütte dann für
alle Fälle Schutz geben könnte?‘ – Dies bedenken nun alle Ansiedler und sagen:
,Du hast recht, für derlei Fälle möchte diese Hütte wohl zu schwach sein. Daher
wollen wir um die Hütte einen recht tiefen Graben und außerdem noch einen
wenigstens zwei Klafter hohen Wall ziehen. Die wenigen Fenster wollen wir mit
Eisenstäben vergittern, und so dürften wir von allen äußeren Feinden wohl bei
weitem weniger zu fürchten haben. Auch soll die Eingangstür so fest und stark
wie möglich hergestellt sein, damit sie jedem Feind weidlichsten Trotz bieten
kann!‘ Dieser Vorschlag wird angenommen und auch sogleich ins Werk gesetzt.
[RB.01_085,05]
Als alles fertig dasteht, da haben alle eine rechte Freude daran. Aber einer,
so ein Skrupelheld, macht die Bemerkung und sagt: ,Aber liebe Freunde, das
Leben auf der Erde ist denn doch wohl allenthalben nahezu gleich. Dort in den
kultivierten Ländern Europas, wo stolze Könige herrschen und starke Armeen
halten, braucht man eigentlich hauptsächlich die Zunge in den Zaum zu legen und
hat dann weiter keinen Feind mehr zu fürchten. Und hat man sich einmal willig
in die Gesetze gefunden und sie zum eigenen Willen gemacht, so kann man allenthalben
unter dem Schutz der Machthaber frei herumwandeln. Wir aber sind hier aller
Machthaber und aller Gesetze ledig und können gottlob reden, wie uns die Zunge
gewachsen ist. Aber was nützt uns das alles nun? Wir haben wohl keine Steuern
mehr zu entrichten, aber dafür müssen wir den ganzen Tag hindurch fleißig
arbeiten und die Früchte, die diese Gegend trägt, fleißig einsammeln und uns an
ihre Natur erst angewöhnen. Auch müssen wir uns hier im Land der vollsten
Freiheit selbst förmlich einkasteln, um vor den möglich vorkommenden Feinden
gesichert zu sein. Ja, zur Nachtzeit müssen wir uns stärker verbarrikadieren
als die ärgsten Staatsaufwiegler von Paris! Saget selbst, ob wir nun bei
unserer sicher absolutesten Freiheit auch nur um ein Haar besser daran sind als
der geringste Tagwerker unter der absolutesten Regierung in Europa? Wir sind
hier vollkommene Kommunisten; aber die heulenden wilden Bestien draußen
scheinen auch von einem höchst kommunistischen Geist beseelt zu sein! Wir haben
kein Staatsgesetz mehr außer das Gesetz unserer gegenseitigen Freundschaft.
Dafür aber müssen wir unausgesetzt arbeiten, um das Begehren unseres Magens zu
befriedigen. Und unsere Hände sehen nun schon aus, als wären sie mit einer
Eichenrinde überzogen. Wir haben hier auch keine lästigen Beamten zu erhalten,
aber dafür brauchen wir selbst desto mehr. Auch ist hier kein Pfaffe, der uns
die Hölle heiß machte; aber dafür befinden wir uns hier in einem Zustand, vor
dem die Hölle eben nicht gar zu viel voraus haben dürfte! Was wollen wir sonach
tun, um unser irdisches Plageleben ein wenig zu würzen und für die Folge
erträglicher zu machen?‘
[RB.01_085,06]
Da zucken alle mit den Achseln und sagen: ,Wer hätte sich das eher gedacht?
Aber ein Übel gibt es überall; ist man das eine los, kommt man in ein anderes!
Nun aber sind wir einmal hier und können die Sache nicht mehr ändern. Daher
heißt es hier tätig sein über alle Maßen, und so kann es mit der Zeit doch
vielleicht besser werden!‘ –
[RB.01_085,07]
Siehe nun, Meine liebe Helena: aus diesem Bild kannst du leicht urteilen, was
man auf der Erde, die ein dorniger Prüfungsweg für den Geist des Menschen
bleiben muß, unternehmen soll, um ihren Boden zu einem Paradiese umzugestalten!
[RB.01_085,08]
Entsetze Ich alle Regenten sogleich aller ihrer Ämter und lege ihre bisherige
Macht in die Hände der Völker, so werden diese dann in Kürze selbst herrschen –
aber über wen? Da wird dann ein jeder herrschen wollen, aber niemand gehorchen.
So aber das Volk herrschen möchte und gäbe sich selbst Gesetze – wer wird es
denn im Falle der Not und Gefahr nötigen können, seine eigenen Gesetze zu
befolgen? Ja, Ich sage dir:
[RB.01_085,09]
Es wird am Ende wohl eine Demokratie errichtet werden, aber von einer ganz
anderen Art, als es sich nun die Völker der Erde vorstellen. Und es wird sich
dann fragen, ob sie nicht nur zu bald schreien werden, wie einst die Israeliten
in der Wüste, wo sie keine Fleischtöpfe mehr ans Feuer stellen konnten!
[RB.01_085,10]
Denke sich aber ein jeder von euch allen das: daß die Erde unmöglich ein
Paradies sein kann, da sie ein Prüfungsboden für jeden in das schwere
Schandfleisch des Menschen gelegten Geist für alle Zeiten verbleiben muß, ohne
dem kein Geist ein vollkommenes ewiges Leben erreichen könnte – so werdet ihr
gleich um vieles richtiger zu urteilen anfangen.
[RB.01_085,11]
Daß aber die Könige nun schwach und die Völker blind geworden, daran ist ganz
etwas anderes schuld, als ihr es meint. Diesen alleinigen Schuldigen werden wir
aber bald kennenlernen und werden ihn binden und dadurch die Menschen auf der
Erde von seinen Fesseln frei machen. Und es wird dann schon wieder besser
werden auch ohne unsere Rache!
[RB.01_085,12]
Ja, Meine liebste Helena, Ich sage dir: Du wirst mit Mir schon noch vollkommen
zufrieden sein können, denn es wird am Ende alles seinen rühmlichen Ausgang
finden. Aber nun müssen wir zuvor auf der Erde alle Geister erst sich finden
und zur Einsicht kommen lassen, was ihnen hauptsächlich vor allem fehlt!
[RB.01_085,13]
Sodann aber wird es einen Augenblick währen und alles wird sich auf der Erde in
einer neuen Ordnung befinden!
[RB.01_085,14]
Nun aber trete du, Mein lieber Max Olaf, näher her zu Mir und künde uns allen
deine Meinung und deine Wünsche!“
86. Kapitel –
Olafs Weisheit. Ein himmlischer Trinkspruch. Die neue Licht- und Liebesbrücke
der göttlichen Gnade.
[RB.01_086,01]
Max Olaf tritt näher und spricht: „O Herr, da ist es schwer, irgendeinen
besonderen Wunsch auszusprechen, wo Du, o Herr, als die allertiefste und
allmächtige Weisheit sprichst und schon lange alles das, was nun geschieht,
vorgesehen hast, und von Dir auch alle Vorkehrungen getroffen sind, nach denen
die gegenwärtigen Wirren auf der Erde ohnehin die ehest mögliche Lösung
bekommen müssen! Das ist aber auch ein Hauptwunsch von mir; denn ich wünsche
nicht einmal dem Teufel etwas Schlechtes, geschweige den Menschen, die da meine
Brüder sind!
[RB.01_086,02]
Ich brauche Dir, o Herr, auch gar nicht zu beschreiben, wie es auf der Erde nun
zugeht. Denn Du überschaust nicht nur alle Greueltaten, sondern auch alle
Herzen mit ihren guten oder schlechten Wünschen, aus denen diese Taten
ausgeboren werden. Du siehst es auch, wodurch solche argen Gedanken und Wünsche
in den Herzen der Menschen entstehen. Daher Du es auch ewig nie vonnöten haben
wirst, von einem Geiste zu vernehmen, was da nun zu tun wäre. Wohl aber kannst
Du zu uns sagen: Höret, dies und jenes werde Ich nun tun! Und es wird Dich
schwerlich jemand fragen ,Warum?‘ Denn Du allein bist der Herr und kannst tun,
was Du willst!
[RB.01_086,03]
So läßt Du nun auch auf der Erde Dinge geschehen, von denen sich niemand eine
wahre Rechnung geben kann, wozu sie geschehen. Aber nur die Menschen, die blind
sind, sagen: ,Herr, bist Du blind und taub geworden, da Du uns nun
verschmachten lässest unter allerlei Trübsalen!‘ Ich aber denke: Du läßt wohl
niemand verschmachten, sondern richtest jeden auf, der Dich anruft und auf Dich
vertraut. Jene aber, die sich selbst genügen wollen und nur auf ihre Waffen all
ihr Vertrauen setzen – denen geschieht es vollkommen recht, so sie mit ihrer
Macht in aller Kürze vor Dir, o Herr, und vor aller Welt zuschanden werden. Die
Kleinen und Demütigen aber können jubeln und frohlocken. Denn Du bist ihr Schutz
und Hort und wirst es nimmer zulassen, daß sie sich vor den Großen der Welt
ihres Vertrauens schämen müßten! Wohl aber werden in aller Kürze die Großen vor
den Kleinen zu großen Schanden stehen, wenn Du, o Herr, ihnen die Larve
abnehmen wirst! Denn sie treiben nun ein schmähliches Spiel mit den armen
Völkern.
[RB.01_086,04]
Aber ich weiß es nur zu bestimmt, daß alles, was Du tust, wohlgetan ist! Und
ich weiß es auch, daß Dir keine Ruchlosigkeit entgeht! Denn die da einen
Hauptschlag führen wie heute über ihre Brüder, die sie Feinde nennen – die
schlägst Du morgen. Und da verschwinden sie, als ob sie nie dagewesen wären,
und mit ihnen ihr Amt! Darum werde allzeit geheiligt Dein allerheiligster Name!
[RB.01_086,05]
Aber nun bekomme ich ein sonderbares Gefühl! Ich sehe zwar nichts und vernehme
auch nichts, aber mir ist es, als ob soeben jetzt auf der Erde ein mächtiger
Schlag geschehen wäre! O Herr, was mag das sein?“
[RB.01_086,06]
Rede Ich: „Mein liebster Max Olaf! Ja, ja, Ich sage es dir: Heute, heute und heute!
– Nacht wollen sie, und sie soll ihnen werden und alle verschlingen, die sie
wollen! Den Tod wollen sie; auch der soll ihnen werden, die ihn erwählt haben
zu ihrem Helfershelfer! Glanz, Ruhm und Ehre wollen sie; denn für diese müssen
Tausende sich schlachten lassen! Ja, es sei! Sie werden erschrecklich glänzen,
ihr Ruhm wird furchtbar sein und entsetzlich ihre Ehre! Herrschen wollen sie!
Ja, sie sollen herrschen, aber wie die Pest und wie der Drache in seiner Höhle
und wie der Leviathan in seiner Schlammtiefe unter dem Grunde des Meeres! Lüge
wollen sie; denn die Wahrheit ist ihnen ein Greuel der Verwüstung. Daher sollen
sie auch nimmer an das helle Licht der Wahrheit kommen! Einen Gott wollen sie
auch; aber nur, wie sie ihn brauchen können! Daher sollen sie nimmer Mein
Angesicht zu sehen bekommen! Auch wollen sie allein nur leben; alle anderen
sollen nur leben, wenn sie fürs Leben der Großen taugen! Daher wird es aber
sein, daß sie ewig allein leben werden! Was sie wollen, das soll ihnen werden,
wie sie es wollen! – Aber bald wird eine große und schreckliche Reue in ihre
Seele fallen wie ein Mühlstein aus den Wolken, und sie werden suchen, dieser
Reue ledig zu werden. Aber ihr Suchen wird vergeblich sein; denn diesen Stein
wird niemand vom Grab ihrer Seele heben! Oh, Ich kenne sie und ihre Gelüste und
ihre Taten! Ich habe die Könige der Erde gezählt und habe wenige gefunden, die
da gerecht wären vor Mir! Daher soll Nebukadnezars Los ihr Anteil werden! Aber
den wenigen Gerechten will Ich auch helfen wunderbar, daß sie fürder glänzen
sollen unter allen Königen und Völkern wie die hellsten Sterne unter dem
Kleingeflimmer des Firmamentes.
[RB.01_086,07]
Und heute, heute und heute soll das Gericht beginnen! Heute sollen viele
geschlagen werden! Viele Teufel sollen heute zugrunde gehen, und Satan wird der
ihm gelegten Falle nicht entgehen.
[RB.01_086,08]
Und nun, Mein Robert, gehe hin und bringe Wein her, und zwar den besten, den
Wein des Lebens, der Liebe und der Wahrheit, auf daß wir auf das Wohl der armen
Brüder der Erde trinken und sie segnen! – Also geschehe es!“
[RB.01_086,09]
Schnell erhebt sich Robert und holt den bedungenen köstlichsten Wein.
[RB.01_086,10]
Als er ihn auf den großen Ratstisch stellt, segne Ich den Wein und sage zu
Robert: „Mein liebster Robert, so Ich einen Wein begehre, da versteht sich auch
das Brot mit hinzu. Da du aber nur Wein hergeschafft hast, so gehe hin und
schaffe uns auch ein gutes Brot; denn dies Haus ist ja mit allem reichlichst
versehen!
[RB.01_086,11]
Gib aber dort auch unseren vierundzwanzig Ballettistinnen Brot und Wein und
sage ihnen, daß sie ihre Füße wieder in Bereitschaft halten sollen; denn sie
werden bald wieder etwas zu tanzen bekommen! Wollen sie etwa auch edle und gute
Früchte genießen, so öffne ihnen den Schrank neben der Tür, die in ein zweites
Nebengemach führt. Was sie darin finden werden, das sollen sie genießen!
[RB.01_086,12]
Bringe auch sogleich eine rechte Menge Trinkgefäße, auf daß wir in diese den
Wein verteilen können, und zwar für jeden Mann ein rechtes, volles Maß. – Gehe
und erfülle Meinen Wunsch!“
[RB.01_086,13]
Robert vollzieht sogleich mit der größten Freundlichkeit, was Ich verlangte.
[RB.01_086,14]
Als da alles in der gewünschten Ordnung sich befindet, da teile Ich Selbst das
Brot und den Wein aus und sage: „Kinder! Nehmet hin und esset und trinket alle!
Trinket auf das Wohl unserer Kinder und Brüder auf der Erde, die viele
Verfolgung auszustehen haben und nun schon sehr matt und schwach geworden sind!
Wahrlich, es soll ihnen geholfen werden! Aus jedem Tropfen tausendfaches Heil
allen, die eines guten Herzens und Willens sind! – Ich sage euch, heute noch
soll es sich vielfach bei den Guten bewähren, daß wir hier ihrer sehr gedenken;
ihre Herzen und die Taten der Welt werden es ihnen kundtun! Und einigen sehr
wenigen auf der Erde wird das alles Wort für Wort mitgeteilt, was hier
geschieht und wie hier für die arme Erde gesorgt wird!
[RB.01_086,15]
Wir wollen aber auch der Blinden und Tauben gedenken! Aber nur die Harten
werden in das Feuer gehen, das da ist ein Meister und Zerstörer des Karfunkels
und des Diamanten. Denn die durch die Wahrheit des Wortes nimmer sich wollen
erweichen lassen, die soll das mächtige Feuer weich machen! Und unter den
gewaltigen Schlägen des großen Hammers Meiner Weisheit sollen sie wie ein
glühendes Erz zu einem nützlichen Gerät unseres Hauses (himmlische Kirche)
umgearbeitet werden! Wohl werden sie noch viel Lärmens und Tobens machen und
werden raten hin und her und werden noch manche Pläne entwerfen. Aber dies
alles soll ein eitles Bestreben sein und wird stets den entgegengesetzten
Erfolg haben von alledem, was sie dadurch erstreben möchten! Denn Ich allein
bin der Herr und habe die Macht, Kronen und Zepter zu brechen, und die
zerbrochenen wieder aufzurichten, so sie sich an Mich wenden! Aber wehe ihnen,
wenn sie nicht bei Mir die wahre Hilfe suchen!
[RB.01_086,16]
Könige, die sich an Mich halten, will Ich aufrichten und ihnen eine rechte
Weisheit geben und große Macht daraus! Und es werden dann ihre Völker laut
schreien: ,Heil dir, du unser großer, von Gott uns geschenkter König und Herr!
Was unser ist, das ist auch dein! Deine große Weisheit und Güte sei unsere
wahre und lebendige Verfassung! Dein Wort sei unser Wille, und dein Wille unser
Gesetz! Wehe jedem Frevler an deinem gesalbten Haupt!‘
[RB.01_086,17]
Dreimal Wehe hingegen jenen Königen, Herzögen und Fürsten, die allzeit wort-
und treubrüchig sind gegen ihre Nachbarn und ihre Herzen erfüllt haben mit Lug
und Trug! Ich sage euch, sie werden vergehen wie die Milben eines Blattes! Denn
Ich will nun die Erde fegen von allem Unkraut!
[RB.01_086,18]
Dann aber wird eine Brücke gestellt werden zwischen hier und dort, auf daß die
Bewohner der Erde leichter zu uns herüberkommen sollen als bis jetzt auf der
schon sehr morsch gewordenen Leiter Meines Jakob, auf der nur Engel auf und ab
steigen konnten.
[RB.01_086,19]
Die Brücke aber soll sein sehr breit und so eben wie der Spiegel eines ruhigen
Sees. Und es sollen weder am Anfang noch in der Mitte noch am Ende der Brücke
Wächter aufgestellt sein, zu untersuchen die Elenden, Schwachen und
Bresthaften. Da soll ein jeder ein vollkommener Freizügler sein und soll sich
jederzeit Rat und vollkommene Hilfe von hier als von seiner wahren Heimat holen
können!
[RB.01_086,20]
Auf dieser Brücke aber werden auch wir die lange verlassene Erde wieder
betreten und dort unsere Kinder selbst erziehen, lehren, leiten und regieren
und so das verlorene Paradies wieder aufrichten!
[RB.01_086,21]
Nun wisset ihr alle vollkommen Meinen Willen und Meinen Entschluß. Prüfet ihn!
Und jeder aus euch vergleiche damit seinen Mir gemachten Vortrag, seine Meinung
und seinen Wunsch – und ihr werdet es getreu finden, daß sie in ihm alle
enthalten sind. Und niemand von euch allen wird sagen können, daß er umsonst
geredet habe.
[RB.01_086,22]
Also esset und trinket nun alle auf das Wohl unserer Kinder und Brüder auf der
Erde! Denn nun wisset ihr es alle, daß und wie wir den Kindern der Erde helfen
wollen und bestimmt, und zwar soeben schon, helfen werden!“
87. Kapitel –
Das Himmelsmahl zum Wohle der Erdenmenschen. Helenas Brautgewand und Krone als
Entsprechung.
[RB.01_087,01]
Alle Gäste erheben sich auf Meine Rede ehrerbietig und sprechen: „O heilig,
heilig, heilig bist Du, unser alleiniger Gott, Herr und Vater! Allerhöchst
gepriesen sei ewig Dein heiligster Name!“
[RB.01_087,02]
Helena fängt vor lauter Rührung zu schluchzen an und sagt: „O Du mein Jesus!
Wie bin ich denn wert, hier neben Dir zu sitzen? Du bist der lebendige, ewige,
allmächtige Gott und Schöpfer Himmels und der Erde, und ich bin ein
allernichtigstes schmutziges Küchenmensch voll Unflat und Sünden! Nein, nein!
Das kann ja doch nicht gehen! – O Herr! Nun erkenne ich es erst recht in der
Tiefe meines Lebens, daß ich eine abscheuliche Sünderin und gar unwürdig bin,
so nahe bei Dir zu sitzen. Daher laß mich zu jenen Tänzerinnen hingehen, mit
denen ich doch etwas mehr Ähnlichkeit habe als hier mit Deiner unendlichen
Heiligkeit!“
[RB.01_087,03]
Rede Ich: „Schau, schau, was du nicht alles möchtest! Wenn du Mir zuwider
wärst, hätte Ich schon lange irgendwo ein passendes Plätzchen für dich
gefunden. Aber da du Mir überaus lieb bist, so habe Ich dich auch viel lieber
recht nahe bei Mir als irgendwo anders. Meinst du denn, Ich bilde Mir auf Meine
Herrgottschaft etwas ein? Da wärest du in einer großen Irre! Denn da hätte Ich
Mich doch sicher nicht kreuzigen lassen und wäre auch nie Mensch geworden. Aber
weil Ich von ganzem Herzen sanftmütig und demütig und nun mit euch allen
gleichweg ein Mensch bin, so kannst du es schon wagen, bei Mir zu verbleiben.
Und so bleibe du nur schön da und iß und trink nach Herzenslust! Ich sage dir,
wir werden uns recht gut vertragen.“
[RB.01_087,04]
Nach diesen Worten ist es bei der Helena völlig aus. Sie wird durch ihre große
Liebe zu Mir schon ganz unbeschreiblich schön, so daß sogar Adam neben ihr
sagt: „Wahrlich, eine wahre Eva vor dem Fall! Nach dem Falle aber lebten auf
meiner Höhe nur zwei, eine Gemelah und eine Priesterin Purista, und den beiden
sieht unsere jüngste Tochter wahrlich sehr ähnlich. O die hat einen herrlichen
Geist! – Helena, du mußt dich schon mit mir auch ein wenig abgeben! Denn siehe,
der Gestalt und der Seele nach bin ich gewisserart ja auch dein Vater, und ich
liebe alle meine Kinder gar sehr und somit auch dich. Daß ich der Urmensch Adam
und ein Vater aller sterblichen Menschen bin, darum hast du dich gar nicht zu
scheuen vor mir! Dem Geiste nach aber sind wir vor dem Herrn beide gleich und
haben uns voreinander noch weniger zu scheuen. Denn Mensch bleibt Mensch, ob er
nun zehntausend Jahre früher oder später seine Wanderung durchs Fleisch gemacht
hat! Siehst du, so ist es!“
[RB.01_087,05]
Spricht die Helena: „Ah, das freut mich aber ganz besonders, daß mir Vater Adam
auch einmal die Ehre angetan hat, mit mir ein paar Wörtlein zu sprechen! Für so
gut und sanftmütig habe ich den Herrn Vater Adam nicht gehalten. Aber wenn Herr
Vater Adam einmal Zeit haben, da erzählen's mir etwas von den alten Zeiten,
denn von solchen Geschichten bin ich eine große Liebhaberin!“
[RB.01_087,06]
Spricht Adam: „O mein Kind, nicht nur erzählen, sondern auch zeigen werde ich
dir tausend Dinge!“
[RB.01_087,07]
Rede Ich: „Helena! Du vergißt ja ganz das Essen und Trinken! Siehe, alle essen
und trinken auf ein rechtes Wohl ihrer leidenden Brüder auf der Erde, und du
hast noch nicht einmal weder das Brot noch den Wein berührt. Liegt dir denn das
Wohl unserer Freunde und Brüder nicht ebenso am Herzen wie den anderen hier?“
[RB.01_087,08]
Spricht Helena: „O Du mein liebevollster Gott und Heiland Jesus! Wer wie ich
Dich über alles liebt, der hat weder Hunger noch Durst. Denn Du Selbst bist ihm
das nährendste Brot des Lebens und der stärkendste Trank zur Erquickung der
Seele und des Geistes! O sieh, so ich auch dies Brot äße und diesen Wein tränke
in Ewigkeit, hätte aber dabei dennoch Deine Liebe nicht vollkommen, in der
allein alle Kraft des Lebens verborgen ist, so würde ich dadurch weder mir noch
jemand anderem helfen können. Denn weder dies Brot, noch dieser Wein, wenn in
sich auch noch so geistig, kann helfen – sondern allein Du, mein liebster Herr
Jesus! Und so meine ich, daß Du mir das nicht als Fehler anrechnen wirst, weil
ich bis jetzt noch nicht gegessen noch getrunken habe? Aber ich will sogleich
das Versäumte nachholen und will, aber nur aus der pursten Liebe zu Dir, essen
und trinken. Aber sei Du mir darob nur nicht gram!“
[RB.01_087,09]
Rede Ich: „O du Meine liebste Helena! Ich werde dir gram sein? Was fällt dir
ein? Siehe, Ich wußte es wohl, daß du aus purster Liebe zu Mir weder essen noch
trinken konntest. Daher stellte Ich die vorige Frage an dich bloß darum, damit
du vor dieser Gesellschaft reden sollst, wie du nun geredet hast. Da du aber
nun also vollkommen nach Meinem Sinn gesprochen hast, sollst du dafür auch mit
einem hellpurpurnen Kleid und mit einer Krone angetan werden. Denn nun bist du
Mir eine liebliche Braut geworden, die mit dem Kleid der reinen und wahren
Liebe bekleidet sein soll für ewig. Bruder Robert, gehe nun nur wieder hin und
öffne den goldnen Schrank. Dort wirst du schon das rechte Kleid für diese Meine
Herzensbraut finden! Bringe es her, auf daß Ich Selbst es ihr antun werde!“
[RB.01_087,10]
Robert eilt voll Freuden schnell zum besagten Schrank und nimmt ein so über
alle Maßen herrlich strahlendes Kleid heraus, daß es ihn selbst stutzen macht.
Denn so etwas überhimmlisch Herrliches haben seine Augen noch nie gesehen. Als
die Tänzerinnen dies Kleid ersehen, machen sie einen Schrei der höchsten
Verwunderung und können sich kaum satt sehen an dem wie die schönste Morgenröte
strahlenden Kleid.
[RB.01_087,11]
Ja sogar den Pathetikus, der sich mit seiner Gesellschaft in einem entfernten
Winkel dieses Gemaches befindet, lockt der wunderschöne Glanz des Kleides
herbei und nötigt ihn, den Robert zu fragen, für wen denn dies Kaiserkleid
bestimmt sei. Robert erwidert ihm gelassen: „Für jene Lerchenfelderin dort!“
Worauf der Pathetikus ärgerlich verwundert die Bemerkung macht: „Na, die
versteht es aus der Kunst, auch den weisesten Helden des Himmels die Köpfe zu
verdrehen! Nun, es ist recht, wenn sie das kann; das wird ihr sicher bestens
zustatten kommen. Aber sage mir, Freund Blum, wie kann sich denn jener Weiseste
der Weisen mit der maulschwertschneidigen Lerchenfelderin gar so abgeben und
sie sogar zu einer wahren Himmelskönigin machen?“
[RB.01_087,12]
Spricht Robert: „Freund, darüber befrage Ihn, Er wird es dir schon sagen! Ich
bin in die Geheimnisse aller Himmel noch zu wenig eingeweiht. Er ist allein der
Herr und kann tun, was Er will. Er will es nun so und es muß auch also
geschehen. Nun weißt du genug. Ich aber muß gehen, denn Er ruft mich schon mit
den Augen!“
[RB.01_087,13]
Robert eilt nun mit dem Strahlenkleide schnell zum großen Ratstische hin und
übergibt es Mir. Ich aber gebe es Helena, die es vor lauter Dank, Liebe und
Ehrfurcht kaum anzurühren getraut und sich auch weigert, es anzuziehen, weil
sie sich solch einer zu himmlisch schönen Bekleidung viel zu unwert fühle.
[RB.01_087,14]
Ich aber sage ihr: „Meine liebste Helena, du weißt ja schon, daß bei Mir kein
Weigern etwas nützt. Denn was Ich einmal will, das muß ja geschehen, und wenn
darob die ganze Schöpfung zugrunde ginge. Und dann ist Mir als Schöpfer der
endlosesten Herrlichkeit aller Himmel und Welten eine schöne und
wohlgeschmückte Braut ja auch lieber als eine häßliche. Denn siehe, bei Mir muß
alles in ein übereinstimmendes Verhältnis gebracht werden. Bei wem das
Inwendige völlig geläutert ist, bei dem muß auch das Äußere so gestaltet sein,
daß es mit dem Inwendigen in der schönsten Übereinstimmung steht. Dieses Kleid
entspricht nun vollkommen deinem Inwendigen, daher mußt du es nun unverzüglich
anziehen!“
[RB.01_087,15]
Als die Helena solches vernimmt, spricht sie: „O du mein liebster Herr und Gott
Jesus! Du siehst es, daß mein Herz nur an Dir, nie aber an einem Kleid hängt.
Denn so ich nur Dich habe, frage ich nicht um alle Himmel und ihre Pracht, die
mir ohne Dich nur zum Ekel würden! Aber weil Du es so willst und es Dir eine
Freude macht, so will ich dies Kleid gleichwohl anziehen, und mein Herz soll Dir
mit der allerheißesten Liebe dafür ewig danken. Dein heiliger Wille geschehe! –
O Du mein heiligster, liebster Jesus! Du allein bist ganz mein Herz, mein
Leben, meine Seligkeit und mein alles!“
[RB.01_087,16]
Nach solchen Worten aus ihrem Herzen ergreift sie das Kleid. Und wie sie es nur
anrührt, ist sie damit auch schon angetan, worüber sie schon wieder zu staunen
anfängt und dabei sagt: „Aber wie ist denn das zugegangen? Ich habe ja das
Kleid kaum angerührt und es liegt schon an meinem Leibe, als ob es mir genau
angemessen worden wäre! Wie herrlich steht es doch! O du mein süßester Jesus,
Du könntest einen geradezu närrisch machen vor lauter Seligkeit! Wie ich aber
jetzt wirklich schön aussehe. Wohl war das frühere Faltenkleid auch sehr schön,
aber gegen dieses war es doch fast wie nichts!
[RB.01_087,17]
Aber was werde ich nun tun müssen, um Dir, mein süßester, liebster, bester und
schönster Herr Jesus, mich mehr als bis jetzt dankbar zu erweisen? Oh, ich
bitte Dich, gib mir doch eine Aufgabe!“
[RB.01_087,18]
Rede Ich: „Meine liebste Helena. Du hast deine Aufgabe schon gelöst! Denn
Größeres, als Mich über alle Maßen zu lieben, kann Mir gegenüber wohl selbst
der höchste Erzengel nicht tun. Daher bleibe nur stets bei diesem Mir allein
liebsten Geschäft und frage nach keinem anderen. Das aber sage Ich dir, du Mein
wahres Herzenliebchen: Wer Mich liebt wie du, der trägt Größeres in sich, als
was da alle Himmel fassen! Denn da bin Ich ganz in seinem Herzen. In Mir aber
glühen und keimen schon zahllose neue Himmel, die einst auch hinaustreten
werden in eine neue Unendlichkeit!
[RB.01_087,19]
Aber nun nichts mehr weiter davon! Du Meine liebste Helena, gib Mir nun einen
rechten Kuß, und wir werden dann bei verschiedenen Erscheinungen unsere
Beratungen fortsetzen.“
88. Kapitel –
Der höchste Preis reinster Gottesliebe – die Gottesbrautschaft.
[RB.01_088,01]
Spricht die Helena fragend: „O Herr, Du sagtest mir, daß ich Dir einen rechten
Kuß geben solle! Und siehe, das Wort rechten macht mir Skrupel! Denn ich kenne
keinen anderen Kuß, als den die Liebe beut, und ich habe noch nie jemandem
einen anderen gegeben. Wenn aber ein Kuß der reinsten Liebe kein rechter sein
soll, da weiß ich wirklich nicht, von welcher Beschaffenheit der von Dir
bezeichnete Kuß sein soll?“
[RB.01_088,02]
Rede Ich: „Aber, aber! Meine allerliebste Helena, welch einen anderen rechten
Kuß soll es wohl noch irgend geben, als eben nur den, welchen die reine und
wahre Liebe bietet! Aber es gibt eine zweifache Art von rechten Küssen: Die
erste, die mehr aus Achtung als aus eigentlicher Liebe erteilt wird; und die
zweite, die rein aus Liebe erteilt wird. Und siehe, diese zweite Art, die den
Kuß vom Mund wieder an den Mund gibt und nicht an die Stirn allein, wird von
Mir als ein rechter Kuß bezeichnet. Einen der innersten Achtung aber hast du
Mir schon auf Meine Stirne gegeben. Ich merkte schon damals, daß er mehr Liebe
als pure Achtung enthielt. Da aber seitdem deine Achtung ganz in Liebe
übergegangen ist, kannst du Mir nun auch nicht mehr einen Stirnkuß, sondern
einzig allein nur einen ganz brennheißen Mundkuß geben, und das wird dann ein
rechter Kuß sein! – Verstehst du das, Mein allerliebstes Helenchen?“
[RB.01_088,03]
Spricht Helena ganz rosigen Angesichts: „O ja, das verstehe ich jetzt schon;
aber es wird doch vielleicht ein bißchen gar zu stark aussehen! Aber was
macht's denn auch! Willst es ja Du, mein Gott, mein einziger Herr! Was Du aber
willst, das kann nicht gefehlt sein, und die Liebe kann auch nicht fehlen!
Freilich, wenn ich bedenke, daß Du der ewige Schöpfer aller Dinge und Wesen
bist und ich nur ein schwaches Geschöpf, so ist das wohl etwas sehr
Sonderbares, so ich Unheiligste Dich Allerheiligen auf den Mund küsse, durch
Dessen allmächtiges ,Werde!‘ Himmel und Erde geworden ist! Aber Du Selbst willst
meines Herzens heißestem Drang die ersehnte höchste Seligkeit gewähren. Und so
geschehe denn, wonach sich mein Herz heimlich schon oft und lebendig gesehnt
hat!“
[RB.01_088,04]
Nach diesen Worten gibt sie Mir einen Kuß von echtem Schrot und Korn. Und Ich
sage darauf zu ihr: „Nun erst bist du vollkommen und hast für die ganze Erde an
Mir ein großes Versöhnungswerk vollbracht! – Du selbst aber wirst von nun an
stets an Meiner Seite, d.h. durch alle Meine Liebe fortan ewig die höchste
Seligkeit aller Seligkeiten genießen; nämlich die Seligkeit Meines höchsten und
reinsten Liebehimmels, in dem lauter solche Engel wohnen, die Mich gleich dir
lieben! Aber das sage Ich dir auch, daß es deren eben nicht gar zu viele gibt.
Wohl lieben Mich sehr viele, aber nur als das, was Ich natürlich bin, nämlich
als ihren Gott, Herrn und Vater. Du aber bist mit deiner Liebe nach dem
Beispiel der Magdalena wahrlich noch tiefer in Mich hineingedrungen und hast
Mein Herz erfaßt und hingezogen an das deinige, wodurch zwischen uns eine
vollkommene Ehe aller Himmel vor sich gegangen ist. Durch diese Ehe bist du nun
zu einem förmlichen Gottesweibe geworden, und somit eins mit Mir. Daher aber
sollst du an jeder allerhöchsten Seligkeit den gleichen Teil haben, der Mir
zukommt! Bist du damit zufrieden?!“
[RB.01_088,05]
Spricht die Helena bebend vor höchster Wonne: „Oh, oh, oh! Du mein heiligster
Jesus! Ich arme Sünderin wäre nun – o Gott, o Gott – Dein Weib!? – O Himmel,
was ist aus mir geworden? Ich, ein Gottesweib?! Nein, das kann doch unmöglich
sein! – Aber Du, ewigste Wahrheit, hast es nun Selbst ausgesprochen, und so
wird es auch so sein! Was werde ich beginnen in der Seligkeiten tiefsten Tiefen
und höchsten Höhen? Wie werde ich sie ertragen können? Wird es mir nicht zu
schwindeln anfangen wie einer armen Sünderin, die vom höchsten Stern auf die
tief unten rastende Erde hinabblickt? Werde ich mich wohl ewig je zurechtfinden
können in solcher Höhe? O Du mein süßester Jesus, was hast Du nun aus mir
gemacht! Ach, ich komme mir nun vor wie eine glücklichste Unglückliche und wie
eine seligste Unselige! Ja, wie eine, die ist und nicht ist!“
[RB.01_088,06]
Sage Ich: „Meine Geliebteste, sei nur ruhig und heiter! Ich sage es dir, du
wirst dich bald und überaus leicht in alles finden; denn siehe, in Meiner
allerhöchsten Höhe geht es am allereinfachsten und niedrigsten zu! Da gibt's
keine übertriebene Pracht und durchaus keinen Luxus, sondern die schönste und
reinste Bescheidenheit und einen fortwährend gleichen und ungetrübten Frohsinn!
Und siehe, das sind eben deine Sachen. So wirst du dich damit schon
zurechtfinden. – Nun aber sieh zum Fenster gegen Morgen hinaus und sage Mir,
was du durch dieses alles gesehen und entdeckt hast!“
89. Kapitel –
Die Erde und ihre Greuel. Der Geist des Antichrist. Eine sinnbildliche
Erscheinung.
[RB.01_089,01]
Helena eilt sogleich ans bezeichnete Fenster, sieht ins Freie hinaus und
schlägt nach einigem Betrachten die Hände zusammen. Nicht lange hält sie es
aus, weil der Anblick sie zu sehr ergreift. Sie begibt sich eiligst zu Mir hin
und spricht: „Aber, aber, Du mein Herr, Du mein Gott, Du mein Jesus! Ah, das
ist aber doch entsetzlich!“
[RB.01_089,02]
Sage Ich: „Nun, Meine überaus liebe Helena, was hast du denn gesehen, das da
gar so entsetzlich ist? Hast du vielleicht gar einen Teufel gesehen oder noch
Schrecklicheres? Fasse dich und erzähle uns, was du denn alles gesehen hast!“
[RB.01_089,03]
Die Helena sammelt sich und spricht dann: „O Du mein süßester Herr Jesus! Ich
glaube, gegen diese Entsetzlichkeit ist der ganze Teufel ein reiner Lump. Zum
erstenmal nach meinem Austritt von der Erde habe ich nun die abscheuliche und
übergreuliche Erde wiedergesehen, aber so, wie etwa von einer über sie hinschwebenden
Wolke herab. Und merkwürdig, ganz Österreich und Ungarn samt seinen
Nebenländern lag unter mir wie eine riesenhaft große Landkarte ausgebreitet,
auf der vom größten bis zum kleinsten Gegenstand alles zu ersehen war. Aber, o
Jammer, welch ein Anblick des Entsetzens! – Die Städte sind voll Feuers und
voll Unflats und gräßlich aussehenden Gewürmes. Flüsse und Seen und das Meer
sind voll Blut! Fürchterliche Heere stehen einander gegenüber, und man ersieht
da nichts als Mord, Verrat und wieder Mord! Die Menschen zerfleischen sich
ärger als die reißendsten Bestien! An der Kaiserlichen Seite sah ich auch
Russen in starker Anzahl. Aber selbst zwischen den Kaiserlichen und Russen sah
ich Verrat und Mord hier und da. Und unter dem ungarischen Heer, das furchtbar stark
ist, sah ich auch Russen und Polen in größter Anzahl, dazu auch Menschen aus
ganz Europa. Alle aber schreien: ,Tod und Verderben allen Despoten! Keine Gnade
und Schonung mehr! Verflucht sei, wer da dächte an einen friedlichen
Ausgleich!‘ – Die armen Kaiserlichen können trotz großer Anstrengungen nichts
ausrichten. Denn sie haben immer zehn gegen hundert zu kämpfen und können daher
zu keinem Vorteil kommen. – O Herr, mache doch diesem entsetzlichen Würgen ein
Ende und lasse nicht die Schwachen zugrunde gehen! Hauche in die Herzen der
Ungarn einen versöhnenden Geist, und den Österreichern, wo es nottut, nicht
minder; denn wahrlich, mich dauern meine bedrängten Landsleute!“
[RB.01_089,04]
Rede Ich: „Meine geliebte Helena, was du gesehen, ist richtig und wahr! Ein gar
arger Geist hat Besitz von den Herzen der Menschen genommen: Es ist der Geist
des Antichrist! Und dieser ist es, der die Menschen so entzweit, daß sie
gegeneinander toben und wüten, als wären sie alle zu Tigern, Hyänen und Drachen
geworden. Aber es soll ihrem Treiben ein baldiges Ende gemacht werden, ein
Ende, wie die Erde noch keines gerochen hat!
[RB.01_089,05]
Hier auf dem Tische vor uns wirst du sogleich ein Gefäß ersehen, das wie eine
Pflanze aus dem Tische hervorwachsen wird. In diesem Gefäß wirst du das Maß
menschlicher Greuel auf der Erde erschauen und daraus entnehmen können, um
welche Zeit es nun ist auf der Welt. Sieh nun, hier kommt es schon zum
Vorschein. Betrachte es und beschreibe Mir, wie es aussieht und was du in ihm
erschauest!“
[RB.01_089,06]
Helena betrachtet erstaunt das wunderbar auf dem Tisch vor ihr auftauchende und
sich stets mehr entfaltende fabelhaft gestaltete Gefäß. – Als nach einigen
Augenblicken das Gefäß vollkommen entfaltet dasteht, ruft Helena: „Aber Herr,
ich bitte Dich um Deines heiligsten Namens willen! Was ist denn das für eine
sonderbare Gestaltung? Anfangs hat die Geschichte ausgesehen wie eine ganz
natürliche Pflanze, etwa wie auf der Erde die Wasserlilie. Dann trieb es aus
der Mitte seiner bandartigen Blätter einen runden, starken Stengel, auf dessen
Ende eine Knospe ersichtlich war. Die Blätter verdorrten aber bald, und die
Knospe brach auf und trieb statt einer erwarteten Blume die unverkennbare
päpstliche Dreikrone (Tiara); aber verkehrt, das heißt mit dem Dreikreuz, das
auf einem goldenen Apfel sitzt, nach unten, und mit dem eigentlichen untersten
Kopfreife nach oben. Diese Tiara steht nun wie ein förmliches Trinkgefäß vor
mir, und zwar merkwürdigermaßen auf einem Dreifuß, der sich wie von selbst aus
dem Stengel geformt hat. Dies sonderbare Gefäß ist nun inwendig schwarz wie
eine starke Nacht. Und da, wo außen die köstlichsten Edelsteine sitzen, fließt
inwendig Blut und Blut, durchwühlt von allerlei gräßlichem Gewürm! Die Köpfe
der Würmer sehen aus wie glühendes Erz und ihr Leib wie der eines Drachen. Und
diese Bestien trinken gierig das Blut, so daß das Gefäß trotz des reichen
Zuflusses nimmer voll werden und übergehen kann – auf daß da alle sehen, welch
schauerlichen Inhalts dieses Gefäß voll ist. Oh, wie diese Bestien doch gar so
gierig das Blut einsaugen! – Und sieh, unter den Würmern ersehe ich nun ein
Tier, das viel größer ist als alle anderen. Diese Bestie hat sieben Köpfe und
auf jedem Kopf zehn Spitzen wie die eines Schwertes, und auf jeder Spitze steckt
eine glühende Krone. Wenn es untertaucht, da gischtet das Blut und es dampft
auf der Oberfläche. Der Zufluß wird nun stärker und stärker, aber noch will das
Gefäß nicht voll werden. Denn die Bestien zehren mächtig daran, und was sie
nicht verzehren können, löst sich in Dampf und Rauch auf! – O Herr, binde den
Bestien doch ihren Rachen, und von den Spitzen des einen Tieres nimm die
glühenden Kronen, damit das Gefäß doch einmal voll werde! Oh, wie abscheulich
das anzusehen ist!“
[RB.01_089,07]
Rede Ich: „Nun, Meine allerliebste Helena, kennst du dich schon so ein wenig
aus, wenn du die Erscheinung vor dem Fenster und diese vor dir auf dem Tisch
vergleichst?“
[RB.01_089,08]
Spricht die Helena: „O Herr, da bringe ich wohl schwer einen rechten Sinn
heraus. Daher bitte ich Dich, offenbare Du uns das rechte Verständnis dieser
beiden Erscheinungen, so es Dein heiliger, weisester Wille ist!“
[RB.01_089,09]
Rede Ich: „Meine geliebte Helena, von ganzem Herzen gerne! Gib auf alles genau
acht! – Siehe, draußen vor dem Fenster hast du das große Übel gesehen, und hier
siehst du den Grund desselben! Vor dem Fenster draußen stellte sich dir die
nackte Wirkung dar, die von A bis Z hier ihre Grundursache hat.
[RB.01_089,10]
Und so ersiehst du hier auf dem Tische das arge Symbol: eine umgestürzte Tiara,
deren Reiche nach innen bluten und sich bald verbluten werden. Wohl sucht die
Hierarchie es zu verhüten, daß ihr äußeres Ansehen nicht möchte befleckt werden
von ihren inneren Greueln; aber es wird ihr alle diese ihre Mühe nun nichts
mehr nützen. Denn siehe, darum habe Ich ihren inneren Gehalt durch die
Umkehrung der Tiara nun aller Welt gezeigt. Sie kann nun tun, was sie will, so
wird sie ihre Krone nicht mehr aufrecht stellen können und wird sich in sich
selbst zerstören und aufzehren! Verstehst du nun die Sache schon etwas besser?“
[RB.01_089,11]
Spricht die Helena: „O Du mein Herr und mein Gott! Ich verstehe nun wohl ein
wenig, aber vom vollkommenen Verstehen ist noch gar keine Rede. Denn was
eigentlich das Blut und die abscheulichen Würmer im Blute bedeuten, das wird
wohl außer Dir niemand je völlig begreifen können. Sei darum so gnädig und sage
mir ein paar Wörtlein darüber!“
[RB.01_089,12]
Rede Ich: „Nun ja, so höre denn! Das Blut, das da nach innen gerade aus jenen
Stellen fließt, wo außen die Edelsteine angebracht sind – die da alle Reiche
und Regierungen der Erde vorstellen sollen – bedeutet die tyrannische
Herrschgier. Diese täuscht nach außen hin vollste Freiheit und gleiche
Berechtigung aller Stände vor, in sich selbst aber ist sie Rache und Blutgier,
derzufolge jeder über die Klinge springen soll, der nicht den Vorteil des
alleinigen Tyrannen in vollste Berücksichtigung zöge. Denke zurück an die
Inquisition und von da weiter bis auf die gegenwärtige Zeit, und du wirst
leicht ersehen, wie in den Eingeweiden der Hierarchie nichts als Haß, Zorn,
Gericht, Verfolgung aller Art und Mord und Blut gehaust hat und noch einer
starken Pest gleich grassiert; wenn schon nicht so ersichtlich in der Tat, weil
dazu die Kräfte erlahmt sind, dafür aber desto ärger im geheimen Wollen und
sehnlichsten Wunsche!
[RB.01_089,13]
Das Gewürm aber, welches das Blut fleißig verzehrt und dadurch soviel als nur
möglich den Augen der blinden Völker entzieht, sind die ekelhaften,
selbstsüchtigen Kriecher und Augendiener unter jeder menschlichen Amts- und
Beschäftigungsform. Diese Wesen sind in jeder Menschengesellschaft die
allerverwerflichsten. Sie sind die barsten Feinde aller Menschen und lieben
niemanden als allein sich selbst. Daher geschieht es denn auch, daß sie
diejenigen, für die sie alles zu tun vorheucheln, am ersten und schmählichsten
verraten, wenn sich nur irgendein Vorteil herauskalkulieren läßt. Denn wer
einmal ein Verräter ist, der ist und bleibt einer, wenn es ihm nur einen Gewinn
abwirft. Und siehe, so steht es nun auch mit der Römerin. Sie liebt die
Gleisner, die Heuchler, die Angeber, die Ohrenbläser, die Augendiener, die
Denunzianten, die Spione und alle, die geschickt lügen können und dabei herz-
und gewissenlos allerlei frömmliche Betrügereien erfinden. Nun aber werden das
gerade ihre ärgsten Richter werden und werden ihre treulosesten Verräter sein.
[RB.01_089,14]
Nun, Meine Allerliebste, verstehst du jetzt das Blut und das Gewürm schon etwas
besser? Ja, du verstehst es; aber du hast noch das eine siebenköpfige Tier vor
dir und das soll dir auch durch eine neue Erscheinung klar gemacht werden.
[RB.01_089,15]
Siehe nun dahin, wo das sonderbare Gefäß steht, gib aber genau auf alles acht,
was sich dir zeigen wird, und beschreibe es vor dieser ganzen Versammlung! Aber
sehr genau mußt du auf alles achten.“
90. Kapitel –
Weiterentwicklung des Zeitbildes. Warum läßt Gott die Weltgreuel zu?
[RB.01_090,01]
Helena betrachtet nun das Gefäß und sieht bald, wie aus dessen Mitte ein Thron
emportaucht, auf dem ein Herrscher in Gold und Purpur gekleidet sitzt. Als sie
dieser Erscheinung ansichtig wird, da erschrickt sie förmlich und spricht dann
etwas ängstlich: „O Du liebevollster Heiland aller Menschen! Da sieh einmal
her! Auf einem Thron sitzt da ein Herrscherchen mit einer so entsetzlich
hochmütigen Miene, daß man bei seinem Anblick ein förmliches Fieber bekommen
muß!
[RB.01_090,02]
Nun tauchen aus dem Gefäß eine Menge feingekleideter menschlicher Wesen auf und
verneigen sich bis auf den Boden vor dem Herrscherchen. Dieses aber mißt sie
übermächtig stolz mit echten Basiliskenaugen, daß sie alle beben vor seinem
Angesicht. Und sieh, die sich am meisten bücken, werden nun von dem
Herrscherchen an den Thron berufen und mit Orden beteilt. Denen aber, die
weniger beben, wird ins Angesicht gespuckt und ihnen bedeutet, sich alsogleich
vom Thron zu entfernen. Aber nun gibt das Herrscherchen auch den mit Orden
Beteilten einen Wink, sich zu entfernen. Und als sie sich unter tausend
Verneigungen zurückziehen und dem Herrscherchen den Rücken zuwenden, da flucht
er ihnen nach und bespuckt ihren Gang. Nein, ist aber das ein hochmütiger Kerl
von einem Fliegenkönig!
[RB.01_090,03]
Aber was sehe ich, der Raum um des Königs Thron wird nun immer größer und
weiter. Und ich erblicke eine Menge Miniaturmenschen, die sehr armselig
aussehen. Zugleich aber bemerke ich auch alle die früheren Bücklingshelden
unter ihnen, aber nun mit ganz andern, herrschend aussehenden Gesichtern. Die
Armen müssen sich vor ihnen ganz beugen; einige müssen sich geduldig auf den
Boden hinlegen, auf daß die Bücklingshelden desto bequemer auf deren Köpfen
herumsteigen können. Und einige, die dabei wehgeschrien haben, werden sogleich
von Häschern gebunden und in ein finsteres Loch hineingeschoben. Und siehe,
siehe, einige werden darum sogar aufgehängt! Ah, das geht ja gar nicht übel zu!
[RB.01_090,04]
Da bemerke ich soeben ein Häuflein Menschen, die nahe ganz zertreten sind und
aus vielen Wunden bluten. Diese bewegen sich zum Thron hin und wollen den König
um Einsichtnahme ihrer Gesuche und um Abhilfe von solchen Bedrückungen bitten.
Es wird dem König gemeldet, und dieser spricht zu seinen Dienern: ,Bei eurem
Leben, daß mir keine solche gemeinste Person vor den Thron kommt!‘ – Und die
Diener sagen zu den Hilfesuchenden: ,Der König ist beschäftigt, weshalb niemand
vorgelassen werden kann. Ihr sollt zu seinen Beamten gehen und ihnen euer
Anliegen kundtun und diese werden darnach ihres Amtes walten!‘ – Da sprechen
die Hilfesuchenden: ,Aber über diese wollen wir ja eben beim König Klage
führen! Denn sie sind es ja, die uns so schmählich zertreten!‘ – Da spricht ein
Königsdiener: ,So! Ja, das ist freilich etwas anderes! Geht jetzt nur ruhig
nach Hause und lasset das Weitere uns über; wir werden die Sache schon machen!
Aber eure Namen und euren Aufenthaltsort müsset ihr mir getreu angeben, sonst
wüßten wir ja nicht, wem und wo wir helfen sollen!‘ – Die Armen geben dem
Diener ihre Schriften, und dieser empfängt sie wie mit einem rechten
Wohlwollen. Als aber die Armen sich wieder entfernen in der besten Meinung, daß
ihnen geholfen werde, wird sogleich ein Eilbote an die Beamten abgesendet mit
der Weisung, benannte Untertanen, die noch Kraft genug besäßen, um zum Throne
klagen zu gehen, noch mehr zu zertreten. Und siehe, es wird daheim nun
getreulich befolgt, was des Königs erster Diener befahl! – Ah, das ist aber
doch zu elend und niederträchtig! – Der Diener berichtet nun solches dem König,
und dieser belobt ihn sehr und erteilt ihm einen Orden.
[RB.01_090,05] O
Herr! So können doch wahre Könige nicht sein, sondern das müssen Tyrannen sein,
deren Herz und Gehirn Satan ganz in Beschlag genommen hat!“
[RB.01_090,06]
Rede Ich: „Ja, du hast recht, das sind anfangs Volksbeglücker, aber gleich
darauf echte Teufel. Schau nur noch weiter! Wenn du alles wirst gesehen haben,
dann erst werde Ich dir den rechten Sinn kundtun!“
[RB.01_090,07]
Helena spricht weiter: „Ah, was zeigt sich denn da schon wieder Neues?! Ich
ersehe nun eine Menge der sonderbarsten Wölfe! Äußerlich sehen sie aus, als
wären sie Menschen mit langen, schwarzen Kleidern. Aber innerhalb der Kleider
steckt statt eines Menschen ein reißender Wolf, der, obschon er ohnehin schwarz
bekleidet ist und übers Gesicht eine Menschenlarve trägt, noch zum Überfluß zwecks
Verbergung seiner bestialischen Natur in einem Schafspelze steckt. Wie zart und
sanft diese anscheinenden Menschen umgehen mit allen anderen! Aber hinterher
ziehen sie die Larve von ihrem Wolfsrachen und fletschen mit ihrem mörderischen
Gebiß nach den Nacken der vor ihnen wandelnden Menschen! Ah, das sind doch ganz
fürchterliche Wesen! – Und da sieh! Hinter und auch vor dem Throne des Königs
stehen dicht aneinandergereiht solche Wesen. Die vorderen tragen auf purpurnen
Polstern die schönsten Kronen und Zepter und machen die tiefsten Verbeugungen
vor dem Thron. Und der geistig blinde König hat eine große Freude an diesen
Thronumlagerern, unter denen ihm einige auch ganz neuerfundene Kriegswaffen
präsentieren.
[RB.01_090,08]
Aber hinter dem Thron fletschen dieselben Wesen greulich mit ihren Zähnen. Und
an Stelle der Kronen, Zepter und Waffen tragen sie auf ihren Händen schwere
Fesseln und Ketten und Geißeln aus glühenden Schlangen! – O König, stehe auf
vom Throne, diesem Sitz des Neides und Hasses, und besieh deine verkappten
Feinde, die dir frech mit Wort und Tat ins Angesicht lügen, hinter deinem
Rücken aber deine ärgsten Feinde sind!
[RB.01_090,09] O
Herr, warum hat denn Deine unendliche Güte und Weisheit auch solch arge Wesen
werden lassen? Wäre es denn nicht besser, so es außer Dir gar kein Wesen gäbe,
als daß es unter den vielen guten Wesen, die aus Dir sind, auch solche gibt,
die doch unmöglich aus Dir sein können?“
91. Kapitel –
Grund der Nachtseite des Lebens. Gegensätze notwendig für geistige Freiheit.
[RB.01_091,01]
Rede Ich: „Ja, du Meine allerliebste Helena, das kannst du nun freilich noch
nicht einsehen, warum es auch solche Wesen geben muß. Damit du aber dennoch
etwas ruhiger wirst, so will Ich dir einige natürliche Beispiele zur
Erläuterung vorlegen, und so höre!
[RB.01_091,02]
Siehe das Feuer! Welche zerstörende Kraft liegt in diesem fürchterlichen
Zornelement, wenn es nicht sorglich gehütet wird, wo man sich seiner bedient!
Welche Zerstörungen richtet es an! Und doch gibt es keinen größeren Wohltäter
der Menschheit als eben das Feuer, so es weise gebraucht wird.
[RB.01_091,03]
Siehe an das Wasser, wie schrecklich tobt es, wenn es entfesselt sich über
Täler und Fluren erhebt! Sollte Ich es aber darum nun vernichten, weil es in
seinem entfesselten Zustand so verheerend wirkt und den irdischen Menschen Tod
und Verderben bringt? Sage, könnte wohl die Erde selbst und alles, was sie
trägt, ohne Wasser bestehen?
[RB.01_091,04]
Betrachte ferner die natürliche Schwere der naturmäßigen Körper. Welche
Verheerungen richtet eine von hohen Bergen herabstürzende Lawine an! Und wo ein
Fels niederstürzt, da zermalmt er durch seinen Fall alles, was er berührt. Wäre
es denn nicht besser, so Ich die ganze Erde so leicht wie einen Federflaum geschaffen
hätte? Der Mensch könnte dann mit der Erde spielen wie Kinder mit einem Ball.
Aber wer würde dann die Erde fest zusammenhalten? Und wie könnten sich Menschen
und Tiere und Pflanzen ohne Schwere auf der Erde Boden erhalten? Du ersiehst
hieraus wieder, wie nötig diese schlimme Eigenschaft allen Körpern ist, so sie
ein Dasein haben sollen!
[RB.01_091,05]
Wie aber alles das Angeführte in der Natur nötig ist, damit sie das ist, was
sie sein muß – ebenso müssen im Geiste Gegensätze zum Guten und Wahren dasein,
damit eben der Geist durch diese feindlichen Gegensätze das wird, wozu er von
Mir aus bestimmt ist, nämlich zur vollkommensten, ewigen Lebensfreiheit! Denn
ohne Zwang gibt es keine Freiheit, und ohne Freiheit keinen Zwang. Alle
Freiheit muß daher aus dem Zwang, der da ist eine gerichtete ewige Ordnung,
hervorgehen – so wie der Zwang selbst aus Meiner urewigen Freiheit!
[RB.01_091,06]
Und so ersiehst du hier auch solche Erscheinungen, die an und für sich wahrlich
sehr arg sind, aber eine gewisse Zeit hindurch zur Gewinnung und Erhaltung der
geistigen Freiheit ebenso notwendig sind, wie auf der Erde etwa ein starker
Blitz und Hagelsturm zur Erzeugung und Erhaltung der Lebensluft und zur
Zerstörung aller schädlichen und tödlichen Dünste, die durch die manchmal große
Erwärmung des Erdbodens aus ihren Eingeweiden getrieben werden. Ich sage dir,
dies alles ist nötig und eins bedingt das andere.
[RB.01_091,07]
An uns aber liegt es, die verschiedenen Elemente, so sie sich zu sehr in ihrer
besonderen Eigentümlichkeit herauszustellen anfangen, weise in ihre nötige
Ordnung wieder zurückzuführen. Haben wir das unter der nötigsten Vorsicht
getan, dann wird alles wieder seinen geregelten Gang gehen und die besten
Früchte tragen.
[RB.01_091,08]
Ein brennendes Haus löschen, ist ein gutes Werk. Ebenso muß man dem Wasser
Dämme und der Schwere gehörig starke Stützen stellen und nach einem großen
Sturm die Erde frisch bebauen, so kommt dann alles wieder ins rechte Geleise.
Aber alles mit einem Streich lösen wollen, hieße alles vernichten!
[RB.01_091,09]
Danach kannst du nun dem, was noch kommen wird, schon etwas ruhiger zusehen.
Und so betrachte die Erscheinungen nur wieder ruhig weiter!“
92. Kapitel –
Kampf der sechs Tiere. Wirkung auf die Wolfsmenschen und den König.
[RB.01_092,01]
Spricht Helena nach kurzer Pause weiter: „Hm, es ist aber doch sonderbar! Diese
eigenartigen Wesen mehren sich wie der Sand des Meeres um den Thron. Kaum
können sich des Königs erste Diener durch die starken Massen hindurcharbeiten.
Ich sehe, daß sie von den Wolfsmenschen zuvor sogar bestochen werden, um ihnen
nur den König gehörig bearbeiten zu helfen. Es wird nun auch sehr finster um
den Thron, so daß man nur noch mit Mühe etwas ausnehmen kann. Diese Dunkelheit
scheint allein von diesen Wolfsmenschen auszugehen; aber ihre Augen leuchten
dennoch stark, und wohin sie ihre Blicke wenden, da werden die Gegenstände
erleuchtet.
[RB.01_092,02]
Nun sehe ich im Hintergrund ein gar sonderbares Wesen, es sieht einem Ochsen
gleich. Und ein anderes, einem Löwen ähnlich, taucht soeben hinter dem Ochsen
auf und will ihn verschlingen. Aber hinter dem Löwen taucht soeben wieder ein
anderes Wesen auf, das einem Rhinozeros ähnlich sieht, und da es gewaltig
gepanzert ist, bemüht es sich nun, den Löwen samt dem starken Ochsen zu
erdrücken. Der Löwe, der früher den Ochsen zu verschlingen drohte, macht nun
freundliche Gemeinschaft mit diesem und ist bemüht, sich des Nashorns zu
entledigen. Und siehe, nun kommt noch ein viertes Wesen hinzu. Und, o weh, das
ist ja eine ungeheure Riesenschlange! Diese umschlingt nun die drei kämpfenden
Wesen und fängt an, sie ganz erbärmlich zusammenzudrücken. Ochse, Löwe und
Rhinozeros strengen alle ihre Kräfte an, um sich der mächtigen Schlange zu
entledigen, aber ihre Mühe scheint vergeblich zu sein. Trotz ihrer großen
Anstrengung zieht die Schlange ihre Ringe immer enger zusammen; und aus dem
Gebrüll entnehme ich, wie eng es nun den dreien gehen mag. Aber merkwürdig ist,
daß die Wolfsmenschen an diesem Kampf ein großes Wohlgefallen zu haben
scheinen!
[RB.01_092,03]
Aber nun kommt schon wieder ein neues Tier hinzu. Es ist ein ungeheurer
Riesenaar. Dieser stürzt sich nun auf diesen Vier-Tiereknäuel herab, packt ihn
mit seinen übermächtigen Krallen, breitet nun seine großen Flügel aus und hebt
den ganzen Knäuel in die Höhe. Die Schlange, deren geringelter Leib zum größten
Teil von den Machtkrallen des Riesenaars durchstochen ist, will sich nun
losmachen. Aber die Ringe sind durch des Aars Krallen so fest
aneinandergeheftet, daß all ihr Mühen fruchtlos erscheint. Die drei früheren
Tiere unterstützen nun nach Möglichkeit die Schlange, aber des Aars Krallen
sind zu mächtig und geben nicht um Haarbreite nach. Und höher und höher erhebt
sich der mächtige Aar mit seiner Beute. – Mehr im Hintergrund ersehe ich nun
eine Art Wüste an einem Strom und auf diese steuert der Aar mit seiner Beute
zu. Nun setzt er sich auf die Wüste nieder und macht Miene, seine Mahlzeit zu
beginnen.
[RB.01_092,04]
Aber da sehe ich nun einen Alligator rasch dem Strom entsteigen und dem fetten
Knäuel zueilen. Die Schlange streckt ihm ihren weitgeöffneten Rachen entgegen,
und der Alligator verbeißt sich in ihren Unterkiefer. Der Aar will mit seiner
Beute weiterfliegen, doch der Alligator hindert ihn. Nun läßt der Aar alle seine
Beute los, setzt sich auf den Rücken des Alligators und haut mit seinem
Schnabel in dessen Augen, denen er aber dennoch keinen Schaden zufügen kann.
Dabei aber werden die drei ersten Tiere ihrer engen Haft los und rennen nun
auseinander und weit von dannen.
[RB.01_092,05]
Aber nun sehe ich ein Ichneumon hastig dem großen Alligator zutrippeln, der
noch immer die Schlange festhält. Der Alligator ersieht seinen ärgsten Feind,
läßt sogleich die Schlange los, die vor Schmerz sich windend sich endlich in
die Erde verkriecht – worauf der Alligator selbst sich in das Wasser stürzt. An
der Kampfstelle bleibt bloß der Aar, wie es scheint mit einem sehr hungrigen
Magen. Das Ichneumon aber verfolgt den Alligator bis zum Wasser und starrt in
die Wogen hinein.
[RB.01_092,06]
Der Aar ersieht nun das Ichneumon und will es als eine kleine Freßbeute fangen;
dieses aber entwischt in eine Bodenöffnung, und der mächtige Aar fliegt nun
ohne alle Beute davon, gleich wie früher die anderen Tiere ganz unverrichteter
Dinge bloß mit einigen Quetschungen entflohen sind. Nur die Schlange scheint am
meisten gelitten zu haben, ob sie der Sand wieder heilen wird, ist eine große
Frage. Ob aber das Ichneumon irgend seine Rechnung finden wird dafür, daß es
diese feindliche Gruppe auseinander brachte, das wirst Du, o Herr, sicher am
allerbesten wissen!
[RB.01_092,07]
Nun sehe ich aber auch, daß die sehr zahlreichen Wolfsmenschen anfangen, lange
und verlegene Gesichter zu bekommen. Man kann es aus ihren Bewegungen leicht
entnehmen, daß sie mit solcher Lösung des bestialischen Kampfknotens durchaus
nicht zufrieden sind! Das ist schon recht und gut; denn diese überbestialischen
Menschen sind mir zuwiderer als die früheren reinen Tiere in ihrem Naturkampfe,
denn dieser ist begreiflich; aber diese Bestialmenschen sind mir vollkommen
unerträglich.
[RB.01_092,08]
Der König auf seinem Thron bekommt nun auch Zuckungen, als ob er an einer
Nervenschwäche litte. Die Sache scheint ihm auch nicht zusammenzugehen. Aber
was kann er machen? Hat er noch irgendeine Macht, so wird er mit ihr sicher das
äußerste wagen, um sich auf seinem Thron zu erhalten. Hat er aber keine, so
wird er sicher eher gehen, als sich mit seinem Volk durch Sanftmut, Liebe und
Geduld zu einen! Der sich aber behaupten wird, dem wird es wahrscheinlich so
gehen wie dem Aar, daß er nämlich eine bedeutende Erleichterung in seinem Magen
wahrzunehmen wird anfangen! Denn das Geld werden seine Soldaten verbrauchen,
und seine Untertanen werden am Ende ihre Steuern nur mit ihrem Leben entrichten
können.
[RB.01_092,09] O
Herr, siehe, die ganze Erscheinung fängt nun zu schwinden an. Und ich muß
offenherzig bekennen, daß mir jenes rätselhafte Tier mit sieben Köpfen noch
nicht klar werden will. So es Dein heiligster Wille wäre, könntest Du mir davon
wohl eine kleine Enthüllung machen!“
[RB.01_092,10]
Rede Ich: „Höre, du Meine Geliebteste, nicht Ich, sondern – da alle unsere
Tisch- und Ratgäste die Erscheinung mit angesehen haben – werden wir darob den
Robert ansprechen und ihn vernehmen. Warum sollen denn gerade wir beide allein
alles besprechen. Die anderen haben ja auch einen Mund!
[RB.01_092,11]
Und so denn erläutere du, Robert, der lieben Helena das, was sie noch nicht
begriffen zu haben vorgibt!“
93. Kapitel –
Robert erklärt das Geschaute. Eigenliebe und Hochmut Grundwurzel alles Übels.
Der unwandelbare Gotteswille.
[RB.01_093,01]
Auf diese Meine Aufforderung erhebt sich Robert und spricht: „O Herr, Du Liebe
der Liebe, Du Freund der Elenden, Du Weisester unter den Weisen aus Dir! Es ist
die ganze Sache in ihrer Erscheinlichkeit zwar ohnehin schon klar dargestellt.
Aber da Helena im Fache der Entsprechungen sich noch nicht jenen notwendigen
Grad hat aneignen können, durch den ihr solche Erscheinungen verständlich sein
möchten, so ist es freilich nötig, ihr die Sache etwas klarer zu machen.
[RB.01_093,02]
Und so sieh denn, allerliebste Schwester Helena – alles, was du nun gesehen
hast, stellt im allgemeinen den Hochmut dar, der ein Geist der Verworfenheit
ist. Vor dem Fenster dort sahst du kämpfen, und den harten Kampf durchwehte
gegenseitiger Verrat! Siehe, das ist alles ein Werk des Hochmuts, dessen
Geburtsstätte die Selbstliebe ist. Wie aber die reine Gottes- und Nächstenliebe
der Grund alles Heils, aller Glückseligkeit und aller Eintracht und Einigkeit ist
– ebenso ist die Eigenliebe ein Haß alles dessen, was ihr naht, und somit der
Grund aller Verachtung und Verfolgung dessen, was sich dieser bösen Eigenschaft
entgegenstellen will.
[RB.01_093,03]
Die reine Liebe gibt alles, was sie hat. Und dennoch kann sie ewig nicht ärmer
werden, sondern nur reicher und mächtiger. Denn wenn sie gibt, empfängt sie
tausendfach wieder, was sie gegeben hat. – Die Eigenliebe aber verliert stets
im tausendfachen Maße, was sie nimmt und raubt. Denn da sie in sich keine Kraft
und Macht hat, so muß sie andere Kräfte durch allerlei sie selbst verarmende
Mittel zu Hilfe nehmen. Durch diese erhält sie sich auf der Welt wohl eine
Zeitlang in einem Scheinglanze und in einer gewissen Scheingröße. Weil aber
solches mit der Zeit stets mehr kostet, so verarmt sie endlich ganz und gar,
wobei sie sich dann wie ein hungriger Wurm krümmt, bäumt und windet. Aber das
nützt ihr wenig, sondern dient nur zur Beförderung ihres vollen Unterganges.
[RB.01_093,04]
Wer führt sonach Krieg? Siehe, die Eigenliebe als die Mutter des Hochmuts und
der Herrschsucht! Und wer setzt sich ihr entgegen und besiegt sie? Es ist die
Macht der reinen Liebe, die da ist Gerechtigkeit und ein rechtes Gericht aus
Gott! Wohl bietet die Eigenliebe des Feindes alle erdenklichen Mittel auf, um
sich zu erhalten und Rache zu nehmen an der Gerechtigkeit Gottes. Aber das
nützt ihr nichts, weil sie sich dadurch gewaltig schwächt an allen Enden und
Punkten, während in gleichem Kampf die reine Liebe nur mächtiger wird nach
jedem Schlage.
[RB.01_093,05]
Die Erscheinung mit der umgestürzten Tiara, die aus einer Sumpfpflanze
entsteht, zeigte klar, wessen Grundes alle irdische Herrlichkeit ist. Und daß
du sie verkehrt am Ende auf einem Dreifuß ruhen sahest, stellte das klare
Verhältnis dar, in dem sich alle irdische Macht und Pracht, Glanz- und
Herrschgröße gegen das rein Himmlische befindet. Der Dreifuß aber stellt die
schwachen Stützen dar, auf denen alles das beruht. Die Eigenliebe ist der Reif
des Dreifußes, die Füße aber sind Falschheit, List und Trug. – In der Tiara
sahest du Blut und schändliches Gewürm; das dir erklärt worden ist. Nur das
siebenköpfige Tier ist dir noch etwas dunkel geblieben. Du darfst aber nur nach
dem Maße der Entsprechungen vorgehen, so wirst du leicht zur wahrsten, beschaulichen
Erkenntnis dessen gelangen, was dies Bild besagt. Versuche es nur, wir alle
werden dir darin helfen!
[RB.01_093,06]
Hast du das entziffert, so wird auch der Herr das Seinige tun! Ja, ich sage
dir: Es hängt nun von dem ab, wie du in deiner großen Liebe die Sache erfassen
wirst. Wie du und wie wir, mit dir übereinstimmend, die Sache erkennen werden,
so will und wird der Herr handeln! – Daher mache nun deine Sache recht gut;
denn es hängt das Heil der Welt nun an deiner Erkenntnis!“
[RB.01_093,07]
Helena erstaunt sehr darüber, als ihr Robert kundgibt, daß nun das Heil der
Welt von ihrer Erkenntnis des siebenköpfigen Tieres abhänge. Sie wendet sich
daher sogleich wieder an Mich und fragt: „O Herr, Du meine himmlisch süßeste
Liebe! Sollte das wohl wahr sein, was der weise Robert mir soeben eröffnet
hat?“
[RB.01_093,08]
Sage Ich: „Allerdings! In einer Prophezeiung, die sich in den Händen der Indier
als einem der ältesten Völker der Erde befindet, heißt es: ,Siehe, du sündiges
Menschengeschlecht! Ein Weib war es, das die Welt ins Verderben stürzte. Und
wieder wird es dereinst geben ein Weib, aus dem der Welt eine große Gnade wird
gegeben werden. Und am Ende wird es wieder geben ein Weib, durch das die Welt
soll gerichtet werden. Aber es wird bei dem Weibe stehen und abhängen von
seiner Erkenntnis – ob zum Leben oder ob zum Tode!‘ Und siehe, du bist gerade
dasjenige Weib, von dem diese urälteste Offenbarung spricht! Daher mache deine
Sachen nun gut, sonst wird es der Erde schlecht ergehen!“
[RB.01_093,09]
Spricht Helena: „Ach nein, ach nein, das kann ja doch unmöglich sein! Das wäre
für mich auch keine Seligkeit, wohl aber eine große Pein. Daher erlasse mir, o
Herr, diese Erkenntnis, für die ich wahrlich nicht bürgen könnte, ob sie gut
oder schlecht ausfiele!“
[RB.01_093,10]
Rede Ich: „Meine allerliebste Helena! Meine große Liebe zu dir kennst du
bereits. Aber auch das weißt du, daß bei Mir – namentlich hier im Reiche des
Lebens, des Lichtes und der ewigen unverrückbaren Wahrheit – durchaus nichts
von dem herabgehandelt werden kann, was Ich einmal ausgesprochen habe. Und
daher wirst du schon das tun müssen, was Ich nun von dir verlangt habe. Denn
siehe, so Ich in meinen Aussprüchen und Bestimmungen nachlässig wäre, welch
eine Ordnung und welch ein Gesicht würde ehestens die ganze Schöpfung
bekommen?! So Ich nur einen Augenblick nachließe, alles Geschaffene in Meiner
Idee unverrückt festzuhalten, ginge alles aus den Fugen, und alle Gestaltungen
und Formen würden zu wolkenähnlichen, höchst veränderlichen und bald
vergänglichen Zerrbildern werden. – Aber weil Ich eben über alle deine Begriffe
unwandelbar bin, so bleiben alle geschaffenen Dinge und Wesen durch die ganze
Unendlichkeit auch stets das, für was und wie sie einmal geformt worden sind.
[RB.01_093,11]
Ich habe es aber nun für diese Zeit bestimmt und habe dich auserwählt. Daher
mußt du aus purster Liebe zu Mir denn auch das tun, was Ich von dir verlange.
Dadurch wirst du dann erst vollends selbständig frei in deiner Lebenssphäre
dich gestalten und in der Folge, wie aus dir selbst hervorgehend, von aller
fremden Einwirkung unabhängig dastehen können.
[RB.01_093,12]
Denn das alles, was Ich hier von euch verlange, geschieht nicht so sehr der
materiellen Welt wegen, die ohnehin im Gerichte steht, als vielmehr euretwegen,
damit ihr alle wahrhaft frei werdet und fähig zum Genuß der höchsten Wonne und
Seligkeit! – Wohl hängt auch in allem alles Weltgetriebe von hier ab, indem
sich hier Kern und Wurzel alles Werdens und Seins befindet. Aber darum arbeiten
wir hier dennoch nicht für die Welt, sondern für die Himmel.
[RB.01_093,13]
Und so fange nun, Meine liebste Helena, mit dem an, was dir Bruder Robert
gesagt hat!“
94. Kapitel –
Helena über das siebenköpfige Ungeheuer, den Tierkampf, die Wolfsmenschen und
den König.
[RB.01_094,01]
Spricht Helena: „Ja, wenn die Sachen hier wie in der ganzen Unendlichkeit sich
so verhalten, da freilich muß ich zu einer Erkenntnis schreiten. Aber ich
meine, gar so überaus wird etwa das Sein und Nichtsein der Erde von meiner
Dummheit nicht abhängen? Gelt, Du mein alleinigster Liebling, ein paar Sekunden
lang könntest Du etwa doch ohne meine Erkenntnis des abscheulichen
Siebenköpflers die ganze Unendlichkeit erhalten?“
[RB.01_094,02]
Sage Ich: „Ja, Meine geliebte Helena, bei Mir ist alles mit der genauesten
Waage abgewogen; da leidet es in manchem wohl keinen Aufschub oder Stillstand.
Freilich, wohl kann Ich die ganze Schöpfung ohne deine Erkenntnis erhalten,
aber wie Ich schon bemerkt habe – es handelt sich hier nicht so sehr um eine unerschütterliche
Erhaltung des Alls, als vielmehr um die himmlisch vollendete Freistellung aller
derer, die hier in jüngster Zeit von der Welt angekommen sind. Das mußt du
dabei in Berücksichtigung ziehen, und es wird dir dann ein leichtes sein, dem
nachzukommen, was Ich von dir verlange. Hast du das nun verstanden?“
[RB.01_094,03]
Spricht Helena: „Ja Herr, nun bin ich im klaren! Und so will ich's mit Deiner
Hilfe denn versuchen, wie ich mit dem abscheulichen Siebenköpfler werde
zurechtkommen.
[RB.01_094,04] Wie
ich es nun einsehe, stellt dieses siebenköpfige Unwesen den eigentlichen Geist
des Antichrist dar und beurkundet dessen Walten in seinem eigenen Unflate. Der
Wurm stellt für sich die große Schändlichkeit vor, die aus der Herrsch-, Hab-,
Lug- und Trugsucht hervorgeht. Die sieben Köpfe sind gleich den sieben
Hauptleidenschaften, aus denen die sieben Hauptsünden ihren Ursprung nehmen:
Hochmut, Herrschgier, eifersüchtigster Neid, ein tödlicher Geiz,
unversöhnlicher Haß, Verrat und endlich Mord! Aus diesen gehen hervor:
Genußsucht, Fraß, Völlerei, Unzucht, Hurerei, Nichtachtung des Nächsten,
Verfolgung dessen, was frei zu atmen sich getrauen sollte, Scham- und
Ehrlosigkeit, gänzliche Gewissenlosigkeit und endlich die vollste Mißachtung
und gänzliches Vergessen Gottes! – Diese notwendigen Folgen aus den ersten
sieben Hauptleidenschaften sind dann aber auch über jedem Kopf ganz dieselben,
wie solches aus den zehn gleichen Spitzen zu ersehen ist, die über jedem Kopfe
stets gleich zu ersehen waren. – Auf den Spitzen waren auch noch glühende
Kronen, mit denen das Tier das Blut verdampfen machte, so es zu gewaltig das
Gefäß zu füllen anfing. Diese glühenden Kronen scheinen mir die vollkommene
Herrschgier anzuzeigen, die vor Dir, o Herr, ein Greuel ist und sich nun sogar
in die Herzen der Völker eingenistet hat. Aber noch klarer scheinen mir diese
Kronen die Politik anzudeuten, die da als ein vielverheißender Deckmantel
erscheint, daß ja niemand merke, wie sich innerhalb desselben eine scharfe und
todbringende Spitze verbirgt. Will aber jemand den Deckmantel anrühren, so ist
dieser glühend durch die Esse des Zornes im Herzen der Beherrscher der blinden
Völker, so daß sich leicht ein jeder verbrennen muß, der es wagt, sich daran zu
vergreifen.
[RB.01_094,05]
Daher meine ich, man solle die Kronen, dann die Spieße, die sieben Köpfe, das
ganze Tier, seine Helfer und die Tiara weg tun – und die Erdenmenschheit wird
dann nicht mehr durchs Blut waten müssen, um zu dem wahren Frieden zu gelangen.
Auch die Menschentiergefechte dürften dann zu den nicht mehr vorkommenden
Dingen gehören!
[RB.01_094,06]
Ich bin von der Erkenntnis durchdrungen, daß da auf der Erde zwei Dinge
geschehen müssen, so es auf ihrem Boden je friedlich aussehen soll. Entweder
mußt Du, o Herr, neun Zehntel der Menschen nahe plötzlich durch Deine Würgengel
von der Erde nehmen und den Überbliebenen bessere Leiter geben. Oder Du mußt
die Erde ums wenigstens Neunfache vergrößern und in einem jeden Lande einen
großen Berg von gediegenem Gold erstehen lassen. Denn nur durch eine ungeheure,
überall gleich verteilte Menge dieses Metalls aus der Hölle wird sein Wert zu
dem gemeinsten Kalksteine herabsinken, dafür aber der Wert der Menschheit
steigen. Also entweder Verminderung der Menschen oder eine ungeheure Vermehrung
des Goldes und Silbers – sonst wird es ewig nicht besser auf der Erde. Die
Besitz- und Habsucht der Menschen muß zu einer gewaltigen Übersättigung kommen
in aller Allgemeinheit, sonst wird sie ihre Eigenliebe, die Quelle des Hochmuts
und der Herrschgier, nimmer fahren lassen!
[RB.01_094,07]
Was nützt der Ochse (Volkskraft) mit seiner Stärke? Was des Löwen (Dynastie)
gewaltige Tatze? Wozu dient des Panzertiers (tyrannisch-despotischer
Fürstendruck) unbeugsame Schwere? Welche Effekte zum Wohle der Menschheit werden
aus der Gewalt der Schlange (geheime, alles umschlingende Inquisitionspolitik)?
Was vermag der mächtige, freie Aar (soziales Freistaatentum)? Was vermag die im
Hinterhalte lauernde Rache der krokodilartigen Reaktion? Am Ende treibt das
armselige und schwache Ichneumon (die hinzukommende Armut der Allgemeinheit)
dennoch alles auseinander, und zwar mit völlig leerem Magen. Wozu war dann ein
solcher Kampf gut? Ist das Ichneumon am Ende gut, so sei es auch im Anfang! Muß
denn die Erde durchs Blut arm werden?
[RB.01_094,08] O
Herr! Du allerweisester und liebevollster Schöpfer! Wir geschaffene Wesen
bitten wohl und raten hier vor Dir; aber wie ich es nun stets inne werde, in
einer gewissen Hinsicht vergeblich! Denn wie immer wir wollen, so tust Du
dennoch, was Du willst und wie es Deine höchste Weisheit für gut und recht
ersieht. Das aber ist eigentlich das Beste bei der ganzen Sache; denn ließest
Du unsere Urteile in den äußeren Naturangelegenheiten wirksam werden, da wäre
wohl die gesamte Schöpfung im nächsten Augenblick ihres Daseins ledig! – Aber
Du, o Herr, bist überall des Grundes Grund, und Deine gesamte heilige Ordnung
ist bei Dir ein leichter, wenn schon für uns Geschöpfe ein gehaltschwerster
Gedanke. Daher meine ich nun, daß es nahe überflüssig sein dürfte, Dir noch
mehr vorzuplaudern.
[RB.01_094,09]
Die in der letzten Erscheinung vorkommenden Wolfsmenschen stellten jenen höchst
gleisnerischen Orden dar, den alle Welt bereits einhellig gerichtet hat. Und
daß eben dieser, wie auch seine ihm verwandten Orden auf der Erde beinahe stets
die alleinigen Stifter alles Übels waren und nach nichts anderem so emsig
trachteten, als nach der vollen Alleinherrschaft über die ganze Erde, – das ist
ja wohl so klar, daß darüber jede weitere Beleuchtung überflüssig wäre.
[RB.01_094,10]
Der König, vom höchsten Gefühle des Herrschrechtes durchdrungen mit höchst
gebieterischer Miene auf dem Throne sitzend, scheint ein sprechendes Symbol der
Herrschmanie dieser gegenwärtigen schlimmsten Zeit auf der Erde zu sein, wo nun
ein jeder herrschen, aber niemand mehr gehorchen will, außer der Gehorsam trägt
ihm große Interessen. Ist dies nicht der Fall, wird aus dem sonst
untertänigsten Diener sogleich ein alle Regierungen hassender Demokrat; ein
sogenannter roter Republikaner, der die Menschheit allein durch die Vernichtung
der Regenten glücklich machen will, dabei aber hauptsächlich seinen eigenen,
leeren Sack recht weit auftut. Diese Herrschmanie scheint jetzt nahezu der
alleinige Grund zu sein, der nun wie ein zweischneidiges Schwert alle Menschen
bis zum glühendsten Haß entzweit!
[RB.01_094,11]
Ich sehe nun durchaus keine wahre Liebe mehr unter den Menschen. Keiner liebt
den andern als Mensch und Bruder in Dir, o Herr, sondern pur nur als ein
leidiger Interessent. Kann der A vom B irgendeinen Nutzen ziehen, so wird A ihm
auch mit aller Freundlichkeit begegnen. War aber der B das nicht imstande, so
wird er für den A nur zu bald ein Mensch von der größten, oft sogar
verächtlichen Gleichgültigkeit werden und ich möchte es dem B ja nicht raten,
in einem möglichen Notfalle beim A Hilfe zu suchen, so dieser mittlerweile
vermögend geworden wäre, dem verunglückten B zu helfen. Denn der B ist sein
Freund nicht, weil er ihn nicht unterstützt hat, auch dann nicht, so es
erweislich wäre, daß der B ihn damals unmöglich hätte unterstützen können!
Hätte aber auch der B den A im Ernste unterstützt, so daß A nachher zu großen
Vorteilen gelangt wäre, käme aber dann B in eine Verlegenheit und suchte beim A
eine Hilfe, so wird der vorteilsüchtige A sicher unter höflichen
Entschuldigungen sich nach Möglichkeit zurückziehen und sorglichst trachten,
den lästigen B loszuwerden. Siehe, Herr, so kenne ich die Menschen, und so sind
sie wirklich zum größten Teil.
[RB.01_094,12]
Wie aber sind sie besser zu machen? Das ist eine Frage, die nur Du allein und
sonst ewig kein geschaffener Engel beantworten kann. Da könnten wir raten, bis
alle Sonnen möchten ausgebrannt haben – und der Erde und ihren blinden Menschen
wäre dabei doch nichts geholfen. So aber Du nach Deiner geheimen, mächtigen und
liebevollsten Weisheit nur ein Wörtlein sprichst, so wird die ganze Erde
gesund, wie einst des römischen Hauptmannes Knecht, für den sein Gebieter bei
Dir um die Heilung bat! O Du mein süßester, gütigster, allerliebenswürdigster Herr
und Gott Jesus, sei doch so barmherzig und reinige die arme Erde von allem was
Teufel heißt und teuflisch ist für ewig! Dein Wille geschehe!“
95. Kapitel –
Erklärung des Herrn über die Entwicklung selbständiger Wesen. Schlüssel zum
Verständnis des Erdenlebens.
[RB.01_095,01]
Rede Ich: „Nun, Meine allerliebste Helena, du hast Mir nun ja einen besten Rat
gegeben, und es läßt sich alles recht gut bewerkstelligen. Wahrlich, dein
Geschlecht kann sich mit dir große Stücke zugute halten!
[RB.01_095,02]
Nur zwei Stücke waren etwas zu bunt: daß du auf der Erde entweder neun Zehntel
der Menschen weggenommen oder die Erde vergrößert sehen willst, und daß du
alles Herrschtum auf der Erde weg haben möchtest. Siehe, das ist etwas hart und
auf einem naturmäßigen Wege gar nicht auszuführen, sondern allein auf dem Wege
des Gerichtes. Das Gericht aber ist der eigentliche Tod eines jeden Wesens, das
es ergreift!
[RB.01_095,03]
Siehe, Ich bin allmächtig, und alles, was Ich Mir nur immer denke, daß muß auch
sogleich geschehen, so Ich es will. Wenn Ich nun hier vor Mir eine Million
Menschen haben wollte, so wären sie auch da. Sie würden sogar weise reden und
handeln und wie die schönsten Seraphim aussehen. Sie würden dich sogar mit
aller Liebe umfassen und dir nach Herzenslust dienen – und dennoch wären sie in
sich selbst vollkommen tot. Denn alles, was sie täten und redeten, das täte
bloß Ich Selbst. Denn in ihnen wäre da kein anderes Leben, als welches Ich für
ihre nach Meinem Wollen gerichtete Dauer haben wollte. Wollte Ich aber dann
diese scheinlebigen Menschen nicht mehr, so würden sie aber auch in einem Nu
nicht mehr da sein!
[RB.01_095,04]
Wollte Ich aber solche Menschen erhalten und sie in ein wirkliches, freitätiges
und von Meiner Allmacht unabhängiges Leben versetzen, da müßte Ich Meinen in
diesen scheinlebigen Menschen wirkenden Geist durch ein geeignetes
Trennungsmittel von Mir ablösen. Und müßte ihn dann in diesen Menschen binden
und durch eine äußere, materielle Umfassung gefangennehmen, ihn so Mir
gegenüber zu einem förmlichen Objekte machen und als solchem Verhaltungsgesetze
geben. Ich müßte ihm dann Gelegenheiten und Anreizungen zukommen lassen, durch
die er in die Notwendigkeit gesetzt würde, aus seiner freien, von Mir gänzlich
abgelösten Erkenntnis- und Willenskraft entweder nach dem gegebenen Gesetz oder
auch wider dasselbe zu handeln. Das Gesetz müßte natürlich zweckmäßig, weise
und allgütig sein. Zufolge der Sanktion müßte ein solcher Mensch dann, im Falle
er das Gesetz nicht beachtet, noch härter und länger gefangengehalten werden –
bis er notgedrungen das Gesetz tätig annähme und darnach handelte. Erst dann
wäre es rätlich, solch einem Menschen die äußeren Bande wieder abzunehmen und
ihn, gleich dir, als ein wohlgebildetes Wesen in die vollste Freiheit übergehen
zu lassen, wo er dann aus sich selbst heraus ein vollkommenes, nicht mehr
gerichtetes Leben hätte.
[RB.01_095,05]
Daraus aber kannst du schon leicht entnehmen, daß Ich Selbst die freie
Handlungsweise der in materieller Freiheitsgewinnungsprobe auf Erden stehenden
Menschen voll beachten muß – ob sie gesetzlich gut oder auch ungesetzlich böse
ist. Denn ergreife Ich sie da mit Meiner Allmacht, so sind sie im Augenblick
des Ergreifens schon tot, indem sie dann aus sich heraus durchaus nichts mehr
zu tun imstande sind. Will Ich sie wieder frei machen, so muß Ich Mich dann
wieder von ihnen völlig trennen und sie in der Materie gefangen setzen, wo sie
dann eine neue Freiheitsprobe durchmachen müssen.
[RB.01_095,06]
Fällt diese nach der gestellten Ordnung aus, so können sie dann, dir gleich,
hierher in diese Welt der Geister in ein vollkommen freiestes Leben übergehen.
Fällt sie aber wider die Ordnung aus, so muß die Gefangenschaft auch in der
Geisterwelt so lange fortbestehen, bis solche Menschen zu jener praktischen
Erkenntnis gelangen, durch die sie sich dann Mir, ihrem Schöpfer, unbeschadet
nahen können. Können sie Mich einmal lieben als Herrn und Bruder, so sind sie
durch solche Liebe dann erst wahrhaft frei gleich Mir, indem Ich in ihnen als
ein vollkommenes zweites Ich lebendig denke, fühle, urteile und handle!
[RB.01_095,07]
In solch einem für ewig bleibenden Zustand aber können sie von Mir aus,
unbeschadet ihrer individuellen Freiheit, stets mehr und mehr freie
Erkenntnisse und Kräfte aufnehmen, ja sogar in allem wie Ich Selbst vollkommen
werden, welcher Zustand dann erst die vollendetste Seligkeit bei ihnen
ausmacht.
[RB.01_095,08]
Siehe, es ist leicht gesagt: ,Herr, tue dies und jenes! Richte die bösen
Völker, richte die Könige und richte den herrschsüchtigen Papst! Vertilge alle,
die eines hochmütigen und herrschgierigen Herzens sind! Tue Wunder! Lasse durch
eine allgemeine Pest das ganze arge Menschengesindel zugrunde richten, denn sie
sind alle zusammen böse!‘ – Aber da muß man doch mit größerer Einsicht
bedenken, daß Ich rein umsonst gearbeitet haben würde, so Ich wegen der nicht
gesetzmäßigen Handlungsweise die auf die Erde gesetzten Menschen sogleich
richten und töten wollte.
[RB.01_095,09]
Obschon wir hauptsächlich darauf zu sehen haben, daß die werdenden Menschen auf
der Erde so viel nur immer möglich nach den Gesetzen der ewigen Ordnung
handeln, durch die natürlich am ehesten und leichtesten das freie Leben zu
erreichen ist – so müssen wir uns aber doch auch der größten Geduld hingeben
und selbst die verkehrtesten Handlungen mit derselben Ruhe betrachten, als
wären sie gut und gerecht. Denn die erste Hauptbedingung zur Gestaltung freier
Menschen ist, daß sie in der vollen Trennung von Mir einmal ihrer selbst bewußt
werden und aus sich selbst heraus zu handeln anfangen! Ob gut oder schlecht,
gesetzlich oder ungesetzlich, das muß für den Anfang eines jeden neuwerdenden
Menschen völlig eins sein. Wir müssen ihre selbstgemachten Einrichtungen und
Erfindungen respektieren und unseren sie erhaltenden Einfluß so verborgen wie
möglich halten. Denn würden wir da offen auftreten, so würden wir die junge und
zarte Pflanzschule der Menschen mit einem Tritt zerstören und hätten dann viel
länger zu tun, das Zertretene wieder aufzurichten und der großen Bestimmung
zuzuführen, als so wir geduldig dieser ersten Entwicklung der Menschen auf der
Erde nur ganz leise wirkend und helfend zusehen. Denn nach dieser ersten
Entwicklungsperiode haben wir dann ja noch immer zahllose Wege, um die noch
unentwickelten Menschen ihrer rechten Bestimmung zuzuführen.
[RB.01_095,10]
Nur wenn unter den werdenden Menschen derartig schroffe Ordnungswidrigkeiten zu
entstehen anfangen, daß dadurch die bezweckte absolute Lebensfreiheit in
bedeutende Gefahr geraten könnte, dann freilich müssen wir hie und da kleine,
aber bloß nur äußere Schreckgerichte auftauchen lassen, als da sind Kriege,
Teuerung, Hunger und Pest. Aber jedes solche Strafgericht darf nie mehr als
höchstens ein Zehntel der Menschen ergreifen, weil es bei einer größeren
Verschärfung nur zu leicht die Wirkung eines wirklichen, tödlichen Gerichtes
annähme!
[RB.01_095,11]
Siehe, da habe Ich dir nun Meine Einsicht und Meinung gesagt! Wie gefällt sie
dir? Sage Mir daher nun auch wieder, ob du sie für gut, echt und völlig gerecht
findest? Oder könnte es vielleicht auch noch anders sein?“
[RB.01_095,12]
Spricht Helena: „O Liebe der Liebe, o Güte der Güte, o Weisheit aller Weisheit!
O Gott, o Vater, o Jesus! Wie könnte man da noch etwas einzuwenden haben! Denn
so endlos weise, wie Du nun das Entstehen der Menschheit und deren Entwicklung
bis zur höchsten, freiesten Lebensstufe hinauf der hellsten Wahrheit gemäß
dargestellt hast, ist das wohl noch nie vor menschlichen Augen und Ohren
geschehen!
[RB.01_095,13]
Nun sehe ich erst klar ein, was ein Mensch ist, wie er beschaffen sein und wie
er handeln muß und wie er geleitet und geführt werden muß, damit er zu seiner
ewigen Bestimmung gelangen möge! Und da soll ich etwa noch eine Gegenmeinung
aufstellen? Nein, das wäre denn doch zu unsinnig von mir! – Nein, Du mein
allerliebster, weisester, sanftester, geduldigster und überhimmlisch schöner
und erhabener Herr Jesus! Nun bringst Du mich sogar mit aller Allmacht zu
keiner weiteren Meinungsäußerung mehr! Ein elender Schuft sei der, welcher es
wagte, darüber noch irgendeine dummste Bemerkung zu machen! Wenn es selbst
Petrus oder Paulus wäre, so müßte ich in mein allergröbstes Temperament
zurücksinken und ihm zum wohlverdienten Lohne die Augen auskratzen! Aber sie
sind nun alle stumm und sehen die große Wahrheit Deiner Worte sicher noch
heller ein als ich!
[RB.01_095,14]
Du mein Herr und mein Gott, ich bin von der Heiligkeit Deiner Wahrheit so
mächtig durchdrungen, daß ich nahe behaupten möchte: Nicht einmal Du Selbst
könntest Dir hier auch nur zum Scheine eine Gegenmeinung aufstellen! Und das
ist meine klarste und unwiderrufbare Meinung, in der ich ewig leben und
verharren werde – Dich über alles aus all meinen Kräften liebend!“
96. Kapitel –
Der Herr über Gottes- und Weltkinder. Gleichnis vom Obstgarten und vom
unfruchtbaren Baume.
[RB.01_096,01]
Rede Ich: „Meine allerliebste Helena, Ich bin mit allen deinen Worten überaus
zufrieden. Und dein Lob läßt sogar in Meinem Herzen keinen ferneren Wunsch mehr
übrig. Denn der Wahrheit dient nur die Wahrheit zum alleinigen Lobe, so wie
auch Mich als Gott niemand erkennen und lieben kann, der nicht aus Mir ist!
[RB.01_096,02]
Denn es gibt Menschen, die unmittelbar aus Mir hervorgegangen sind, daneben
aber auch andere Menschen, die mittelbar von Mir geschaffen worden sind. Die
unmittelbar aus Mir Hervorgegangenen sind die eigentlichen Gotteskinder, in
deren Herzen denn auch die reine Gottesliebe wohnt und aus ihr heraus die wahre
Erkenntnis Gottes. Die mittelbar Geschaffenen aber sind Kinder der Welt,
gezeugt vom Satan aus der Hölle. Diese letzteren sind von Mir aber auch berufen
zur wahren Erkenntnis und zur wahren reinen Liebe. Ihretwegen habe Ich
hauptsächlich das Werk der großen Erlösung vollbracht. Eben dieser Menschen
willen aber geschieht nun auch solches in der Welt und wird hier in Meinen
Himmeln beraten. Und da meine Ich, daß in deinem Lobe noch etwas hätte angeführt
werden können, das gewisserart einen Ausnahmezustand darstellt, bei dem Meine
allgemeine Erschaffungs- und Führungsweise der Menschen einige nicht
unbedeutende Veränderungen notwendig macht.
[RB.01_096,03]
Ich werde dir davon einige Fälle vorstellen, und du wirst dann darüber
urteilen. Und so höre:
[RB.01_096,04]
Der Besitzer eines Gartens hat eine Menge große und kleine, edle und unedle
Fruchtbäume gesetzt. Alle bekamen ein gleich gutes Erdreich, und womöglich die
unedlen beinahe noch ein besseres als die edlen. Alle wurden mit großem Fleiße
gepflegt, und es zeigte sich, daß manche unedlen viel üppiger wuchsen als die
edlen. Ein solcher Wildling fiel wegen seiner Üppigkeit besonders auf, so daß
der Gärtner ihm eine volle Hauptaufmerksamkeit zu schenken anfing; er pflegte
ihn und erwies ihm alle Liebe. Aber es verstrich ein Jahr ums andere; während
alle anderen Bäume Früchte brachten nach ihrer Art, blieb dieser stumm und
brachte nichts als Blätter zum Vorschein. Da ward der Gärtner als Herr des Gartens
endlich unwillig und sprach zu seinen Knechten: ,Ihr wisset, wie sehr ich
diesen Wildling viele Jahre hindurch gepflegt habe, aber er hat mir noch keine
Früchte gebracht; daher grabt ihn mit der Wurzel aus, zerhaut ihn in Stücke und
werft ihn ins Feuer! Denn mich ärgert nun gewaltig dieser schale Baum! An seine
Stelle aber setzet mir eine Weide zum Zeugnis, daß hier ein unfruchtbarer Baum
jahrelang meine Liebe und Geduld mißbraucht hat!‘ – Da sagen die Knechte:
,Herr, lasse ihn noch ein Jahr; wir werden ihm einen Hauptast nehmen und werden
ihm eine andere Erde geben. Wird er aber auch dann keine Früchte bringen, so
soll ihm geschehen nach deinen Worten!‘ Der Herr des Gartens belobt die Geduld
der Gärtnerknechte und läßt sie tun nach ihrer guten Meinung. Aber nach einem,
nach zwei und endlich sogar nach drei Jahren bringt der Baum noch immer keine
Früchte. Er setzt wohl Blüten an, daß man meinen sollte, der Baum werde endlich
denn doch einmal mit seiner Frucht des Gärtners Mühe lohnen. Aber siehe, es kommt
dennoch keine Frucht zum Vorschein.
[RB.01_096,05]
Was meinst du, geliebte Helena, soll nun mit diesem schalen Baume geschehen?
Soll Meine Androhung an ihm vollzogen werden oder nicht? Denn ernstlich gesagt,
der Baum ist dem Gärtner schon längst über die Maßen zuwider geworden.
[RB.01_096,06]
Unter dem ,Baum‘ aber verstehe jene Menschen, die da sind der Welt Kinder und
von Mir alle Pflege und Wartung bekommen, aber dennoch außer Blättern und
trügerischen Blüten keine Früchte der Liebe, der Demut und des Gehorsams
bringen, indem ihr Herz und Sinn in aller Welt und im Wohlleben des Leibes
begraben ist. Also sage Mir, was soll mit solchen Menschenbäumen geschehen, die
da weder gute noch irgend arge Früchte zum Vorschein bringen, sondern zwischen
den guten und schlechten Fruchtbäumen eine Art Schmarotzerbäume bilden, die
bloß genießen, aber nie etwas Ersprießliches tun wollen? Wenn sie es auch
scheinen, so ist aber doch alles ein Trug, denn ihr Sinn ist, wie ihre Liebe,
geile Genußsucht.“
[RB.01_096,07]
Spricht Helena: „O Du mein Herr und mein Gott Jesus! Das ist schon wieder eine
äußerst kitzlige Frage! Es hängt auch da wohl alles von dem ab, was Du mir über
die Erschaffung, Führung, Bildung und geistige Gestaltung, Ordnung und endliche
Bestimmung der Menschen geoffenbart hast. Aber einen Unterschied bilden solche
Menschen dennoch vor anderen, die nicht wegen eines ungehorsamen Eigenwillens
Deine Gesetze übertreten, sondern nur aus Unkenntnis und Mangel an Bildung.
Wenn also undankbare und in ihrem Herzen höchst eigenwillige Menschen Deinen
Mahnungen nimmer ein williges und tätiges Gehör schenken wollen und mit ihren
Handlungen Deinen heiligsten Worten nur den barsten Hohn sprechen; denen das
Fleisch der Weiber mehr schmeckt als Dein heiliges Vaterwort; ja, die einer
jungen Dirne, so sie ihnen zu ihrem buhlerisch sinnlichsten Gesichte steht,
eher hundert Herzen als Dir eines zukommen lassen würden (so sie hundert Herzen
besäßen). Wenn sie sich auch aus so manchen Züchtigungen und Mahnungen nichts
machen, die Du doch jedermann in Hülle und Fülle zukommen läßt – so meine ich,
daß solche dümmsten Fleischesel wahrlich nicht mehr wert sind als eine
geschliffene Hacke an die Wurzeln ihres Schweinelebens!
[RB.01_096,08]
Oh, solche Kerle, sehr ähnlich jenem Pathetikus dort, habe ich auf der Erde in
Wien in Menge nur zu gut kennengelernt! O Herr, solche Menschen sind zur
Bringung auch der schlechtesten Frucht nicht mehr fähig. Es ist auch nichts zu
bessern an ihnen, denn was einmal Dreck ist, aus dem wird kein Gold. Daher sollen
sie abgehauen und ins Feuer geworfen werden. Vielleicht macht das Feuer noch
etwas Brauchbares aus ihnen!“
[RB.01_096,09]
Rede Ich: „Du hast vollkommen recht und so sei es auch! Denn so Ich Selbst
jemandem alle mögliche Bildung habe zukommen lassen und habe ihm alle Geduld,
Nachsicht und Milde erwiesen und trug ihn beinahe auf den Händen – und er dann
doch noch alle seine Sinne trotz aller Mahnungen in den schmutzigsten Sumpf
versenkt – so ist er wahrlich keines besseren Loses wert. – Aber siehe, wir haben
eben hier mehrere Beispiele solcher Menschen: Dort, jener Pathetikus ist einer,
und im gegenüberstehenden Gemach stehen noch einige Dutzend – darunter sogar
einige Blutschänder, und einer, der zwei zehnjährige eigene Zwillingstöchter in
einem Jahre bei hundert Male genotzüchtigt hat, was den beiden sehr lieben
Kindern endlich das Leben und mit diesem ihre auf der Erde bestimmte
Geistesbildung kostete. Und siehe, diese argen Böcke sind dennoch hier in einem
freien, ungerichteten Zustand! Ich frage dich nun, was denn für die Folge mit
diesen und anderen solchen geschehen soll?“
[RB.01_096,10]
Spricht die Helena: „Wenn sie schon einmal hier sind, so könnten wir doch einen
Versuch machen, ob an ihnen durchaus nichts mehr zu verbessern sein sollte! Ist
bei ihnen noch irgendeine Besserung möglich, so sollte nichts gespart werden,
sie zu bekehren. Sollte aber jeder Versuch an ihrem hochmütigen Stumpfsinn
scheitern, da verfahre Du mit ihnen wie mit jenem Feigenbaum, der keine Frucht
hatte, daß sie Dich sättige, als Du eines Abends müde und hungrig unter seine
Äste tratest!“
97. Kapitel –
Über Fleischeslust und Hochmut. Roberts Auftrag betreffs des Pathetikus. Des
Weltlustmenschen Philosophie.
[RB.01_097,01]
Rede Ich: „Sehr gut, Meine geliebte Helena, hast du Mich beraten! Das werden
wir auch tun. Gelingt es uns, so sollen sie leben, gelingt es aber nicht, seien
sie verflucht! Wir wollen uns sogleich ans Werk machen; denn solange diese
scheußliche Art nicht umgestaltet oder vernichtet ist, werden wir von der Erde nie
völlig reife und gute Früchte zu erwarten haben.
[RB.01_097,02]
Den Hochmut kann man um vieles leichter bekämpfen als diese Seuche! Sind die
Menschen stolz, hochmütig und herrschsüchtig geworden, so gebe man ihnen Krieg,
Not, Armut und Krankheiten, und sie werden bald zu Kreuz kriechen und sich die
demütigenden Lektionen sicher auf lange Zeit hinter die Ohren schreiben. Aber
einen rechten Geilbock kümmert nichts! Wenn er auch alle argen Venuskrankheiten
ausgestanden hat und am Ende vor Schwäche kaum mehr gehen und stehen kann und
der Tod von allen Seiten her ihn angrinst, so macht er sich aber dennoch wenig
daraus, wenn er nur noch einer üppigen Dirne den Leib befühlen kann! Wenn er
schlafen geht, so ist sein letzter Gedanke – Fleisch. Und so er erwacht, sein
erster Gedanke wieder Fleisch, und sodann den ganzen trägen und schläfrigen Tag
über wieder nichts als Fleisch! Und so ist sein Sinn Fleisch, seine Liebe und
Freundschaft Fleisch, und alles in allem Fleisch!
[RB.01_097,03]
Und wie groß ist der dem Fleische stets fest anklebende Hochmut, der sich nur
zu bald kundgibt, so jemand solch einem Fleischesel störend in die sein Leben
allein beseligende Welt tritt und ihm etwa gar irgendeine freundliche Ermahnung
zukommen läßt. Dann sind sie dem Unzüchtigen ein Dorn im Auge! Siehe, so sind
sie beschaffen auf der Welt, und so kommen sie auch hierher!
[RB.01_097,04]
Da du nun das weißt, so wollen wir sogleich einen Versuch an dem Pathetikus
ernstlich vornehmen. Der Erfolg soll dich lehren, ob unsere Mühe an ihm den
erwünschten Lohn finden wird oder nicht.“
[RB.01_097,05]
Darauf heiße Ich Robert zum Pathetikus hinzugeben und ihn ganz artigst zu Mir
her zu bescheiden.
[RB.01_097,06]
Robert verneigt sich voll freundlichster Achtung und sagt: „O Herr, wo Du
Selbst Deine Hände an ein Werk legst, da muß es gelingen! Wenn er nur
herzubringen sein wird? Aber wie es mir vorkommt, wird das ein hübsches Stück
Arbeit geben. Wie wäre es denn, Herr, so wir zuvor die vierundzwanzig
Tänzerinnen aus seiner Nähe mehr auf die entgegengesetzte Seite bescheiden
würden – so mehr gegen Morgen hin, wo sich ohnehin ihre Tanztribüne befindet?
Denn soviel ich bemerkt habe, fängt unser Pathetikus miserabilis samt seiner
Gesellschaft sich den reizenden Tänzerinnen sehr zu nahen an! Es wässert ihm
schon der Mund zu einer erwünschten Ansprache, aber wie mir scheint, ist er um
den Anredestoff verlegen. – Daher meine ich, daß es allenfalls nicht schlecht
wäre, die Tänzerinnen zuvor auf den bestimmten Ort hin zu bescheiden?“
[RB.01_097,07]
Sage Ich: „Lieber Bruder, was dir als gut deucht, ist auch gut vor Mir. Und so
jemand etwas als gut erkennt und unterläßt es zu tun, begeht er eine Sünde
gegen sein eigenes Herz. Daher tue alles, was du als gut und zweckdienlich
erkennst!“
[RB.01_097,08]
Robert geht nun schnell zu den Tänzerinnen hin und bescheidet sie, an den
vorbestimmten Ort zu gehen. Sie erfüllen sogleich freundlichst Roberts Willen.
[RB.01_097,09] Dafür
aber wird der Pathetikus samt seiner Gesellschaft fuchsteufelswild, geht Robert
entgegen und spricht: „Nooo – Musje! Diese Holden sind nun lange genug in
meiner Nähe gestanden, und ist ihrer bei eurem dummen Geplapper nicht gedacht
worden. Gerade jetzt, wo ich mit ihnen gerne in nähere Bekanntschaft getreten
wäre, hat dich müssen der Teufel hierher reiten, um sie mir vor der Nase
wegzuschnappen! Ich glaube, du hättest ja wohl an denen genug, die dort an
eurem Adams-, Abrahams-, Moses- und Gott weiß was noch für Tische wie die
schönsten Schafe versammelt stehen! Meine Emma-Gundl ist auch dabei und meine
Mariandl und die schönste Aurora von einer Lerchenfelderin. Freilich blüht bei
der, wie's mir vorkommt, für dich verdammt wenig Weizen, weil der Pseudo-Heiland
Jesus bei ihr weit mehr zu gelten scheint als du. Aber anschauen darfst sie
doch und dabei als ein über deine langen Ohren in sie Verliebter ein wenig zu
verzweifeln anfangen!
[RB.01_097,10] O
du blitzdummer Kerl von einem Robert Blum! Auf der Welt warst ein Esel, und
hier bist ein Ochse. Also in einer Person die viehische Gesellschaft, die bei
der Geburt Christi anwesend war! Na, schön so! Wahrlich, du wirst es in deinem
Himmel noch weit bringen. Glaubst denn du königlich sächsischer Bücherjude, daß
ich nicht jedes Wort vernommen habe, wie ihr dort über die ganze Unendlichkeit
Gottes Rat gehalten habt? Und Ehre, wem Ehre gebührt, oder was! Die schöne
Lerchenfelder Aurora hatte ein sehr bedeutendes Vorrecht zu urteilen. Und ihr
weisen Gottes-Ochsen und -Esel habt das Vergnügen gehabt, euch an ihrer
Weisheit zu sonnen, gleich wie die Blattmilben an den herrlichen Strahlen aus
dem Steiße eines Johanniskäfers! Ah, das war wirklich himmlisch schön, erhaben
und des großen Gottes würdig – oder was?
[RB.01_097,11]
Und nun möchtest du mich auch an jenen saubern Ratstisch hinziehen, an dem so
Erhabenes von einer mit einer ätherischen Phosphoreszenz übertünchten
Lerchenfelder Trudl beschlossen wird – sogar ein Gericht über uns Männer, darum
wir auf der Welt oft tierisch dumm genug waren, uns so weit zu vergessen, daß
wir uns mit solchen Kloakenkreaturen abgeben mochten. Freund, da kannst du
hübsch lange warten! Brüderl, kehre halbrechts nur wieder um und sage deiner
phosphorstrahlenden Gesellschaft: Nur die Gimpel fängt man so; andere Vögel
sitzen nicht so leicht auf, besonders wenn eine Lerchenfelder Glorifizens mit
Einverständnis ihres Pseudo-Jesus Esel auf den Vogelfang aussendet! Wenn du
zurückkommst, so richte ihr von mir einen schönen Gruß aus!“
[RB.01_097,12]
Robert, ganz erstaunt über solch einen Empfang, schaut den Pathetikus eine
Weile ganz erregt an und ist ganz geladen, ihm noch zehnmal gröber zu begegnen.
Er ermannt sich aber dennoch und sagt in gemäßigtem Ton: „Freund, du hast mich
noch gar nicht angehört und also gar nicht entnehmen können, was ich dir zu
hinterbringen habe, und verdammst mich, ohne einen Grund dazu zu haben! Laß
mich erst reden mit dir, alsdann richte, so ich etwas Ungebührliches von dir
verlangen sollte!“
[RB.01_097,13]
Fällt ihm der Pathetikus in die Rede: „Freund, ohne gerade gleich dir ein Esel
zu sein, reichen meine Ohren aber dennoch bis an euren sauberen Ratstisch hin
und haben das unliebsame Vergnügen, alles zu vernehmen, was dort beschlossen
wird. Und so haben meine Ohren denn auch die Keckheit gehabt, das zu vernehmen,
was in eurem hohen Rat über jene Menschen beschlossen wurde, die leider auf der
Welt das zu genießen sich erlaubten, wozu sie durch das Gesetz der Natur bei
den Haaren hingezogen worden sind.
[RB.01_097,14] O
ihr dummen Kerle von himmlischen Weisen! Wer hat denn die Natur geschaffen und
wer mit allmächtiger Hand eherne Gesetze in sie gelegt? Siehe, die echte,
allein ewig wahre Gottheit! Wie kann aber ein Wurm sündigen, so er das tut,
wozu ihn die Gesetze der Natur instinktmäßig antreiben? Nur der ist bei mir
weise, der die Gesetze in der großen Natur ihm zu Gunsten benützt und darnach
lebt! Ein Esel aber ist derjenige, der über die Gesetze der Natur sich
hinaussetzt und nur nach einer übersinnlichen Wonne strebt, die sonst nirgends
als in seinem dümmsten Gehirn zu Hause ist. So ich aber solchen Gesetzen gemäß
gelebt habe, sage, wo ist der Gott, der mich deshalb richten könnte?“
[RB.01_097,15]
Spricht Robert noch immer in sehr gemäßigtem Ton: „Höre Freund, du bist aufgeregt
wegen der nötigen Entfernung der vierundzwanzig Tänzerinnen, die deine noch
unreinen Sinne sehr in Anspruch nahmen. Aber mäßige dich nun und nimm einen
rechten Verstand an, auf daß du einsehen mögest, ob meine Sendung an dich einen
guten, schlechten oder dummen Grund habe!
[RB.01_097,16]
Du pochst mächtig auf die Gesetze der Natur und willst mir begreiflich machen,
daß man borniert sein müsse, so man sich dieselben nicht allzeit zu einem
wollüstigen Zwecke dienstbar zu machen verstehe. Ich aber frage dich: Freund,
wie räsonierst denn du darüber, wenn sehr viele der so Beflissenen nach kurzer
Wollust in allerlei körperlich und geistig unheilbares Elend versinken, aus dem
sie sozusagen kein Gott mehr herausziehen kann? Ihre ganze Natur wird verstümmelt,
ihr Geist nach und nach getötet und die Seele verfinstert.
[RB.01_097,17]
Sage mir, wäre es physisch und geistig für solche Menschen nicht besser
gewesen, wenn sie dem ersten Wollustgesetze nicht gar so treulich nachgekommen
wären – da sie dadurch ein zweites aus der Hölle über sich heraufbeschworen?
Das zweite ist ebenso wie das erste auch Naturgesetz. Bist du für die Erfüllung
des ersten gar so sehr eingenommen, warum darauf nicht auch für das Walten des
zweiten?
[RB.01_097,18]
Du sagtest: ,Wo ist der Gott, der mich für die Erfüllung der in die Natur
gelegten Gesetze richten könnte?‘ – Ich aber frage und sage: Welcher Gott hat
denn dann das zweite, scheußliche Gesetz als eine Folge des ersten gesetzt, so
dieses zu gewissenhaft eifrig befolgt wird?
[RB.01_097,19]
Wohl hat Gott alle Gesetze in die Natur gelegt; aber dem freien Menschen gab Er
Verstand und Vernunft, daß er die ersten Gesetze seines Fleisches nur sehr
mäßig, und das nur im Zustande einer Ehe ordentlich erfüllen solle; für Tritte
über die moralische Grenze hinaus hat Er aber auch Hinkboten gestellt, die
solche Überschreitungen stets empfindlich durch ein zweites Gegengesetz zu
ahnden pflegen.
[RB.01_097,20]
Wenn wir aber aus Erfahrung wissen, daß wir nur in der gesetzlichen
Mittelstraße wahrhaft glücklich sein können, wie kannst du demnach jene
Menschen Esel nennen, die nach der rechten Ordnung Gottes leben?
[RB.01_097,21]
Was hast du wohl durch dein ganzes irdisches und nun geistiges Leben Gutes im
eigentlichsten Sinne genossen? Auf der Welt lebtest du im steten Zank und Hader
mit deinem rechtmäßigen Weibe. Deine Huren beutelten dich oft bis auf den
letzten Heller aus, so daß du lästige Schulden machen mußtest. Ein paar Jahre
vor deinem Austritt aus der Naturwelt in diese geistige hat dich noch eine
fesche Italienerin dergestalt angesteckt, daß dir darauf Hören und Sehen
verging. Fünf Ärzte patzten, stachen und schnitten zwei Jahre an deinem durch
und durch venerischen Leibe! Sie halfen dir aber nicht, sondern machten dich
noch elender, als du ohnehin warst. Denn wenn's dich so recht juckte, da
bewarfst du sie mit Gold, damit sie dir eine Linderung gäben. Ja, sie hätten
dich noch jahrelang herumgezogen, wenn die Wiener Geschichte dir nicht den
elenden Lebensfaden abgeschnitten hätte! Sage mir nun, wie warst denn du mit
diesem zweiten Naturgesetze zufrieden und welche Seligkeit genießest du nun
hier?“
98. Kapitel –
Der Pathetikus fängt an nach Jesus zu fragen. Selbsterkenntnis dämmert in ihm
auf.
[RB.01_098,01]
Der Pathetikus macht ein verlegenes Gesicht und spricht dann auch mit sehr
verlegener Stimme: „Ja, – hm – ja – tausend Teufel auf einmal! Das ist
eigentlich eine verfluchte Geschichte! Ja, ja, da liegt der Hund begraben!
Naturgesetz Nummer eins wäre freilich nicht übel; aber Nummer zwei – ganz
gehorsamster Diener! Da hast du freilich ganz verdammt recht! – Und mit der
Seligkeit hier? Na, Gott steh uns bei! Hunger, Durst, Ärger von allen Seiten,
Schande, vollkommene Aufdeckung aller auf der Welt begangenen Sünden, und das
gerade angesichts derer, vor denen man so manche Schwachheiten für ewig
verdeckt haben möchte! Und man kommt hier auch mit all dem Gesindel zusammen,
das einen gerade am meisten geniert! Das ist denn ja doch rein zum
teufelswerden! Ich bin sonst doch äußerlich auf der Welt stets ein geachteter
Mann gewesen, denn von meinen geheimen Vergnügungen wußte außer nur wenigen
sehr vertrauten Personen keine Seele etwas. Hier müssen aber gerade alle auf
einen Haufen zusammenkommen – jene, bei denen ich in der größten Achtung stand,
wie z.B. Max Olaf, jener Baron, meine Gottselige und dergleichen mehr. Daneben
aber auch jene männlichen und besonders weiblichen Individuen, mit denen ich
leider so manchen lustigen Spaß hatte! Und gerade dieses gemeinste Gesindel
wird hier so enorm frech, daß es unsere Schwachheiten gerade dort ausposaunt,
wo man es wahrlich am wenigsten haben wollte – worauf dann die Gesichter der
mich stets in größter Achtung haltenden Freunde stets länger und länger werden.
Oh, das ist dann schon ein Vergnügen, das zu missen man recht gerne Berge
anrufen möchte, daß sie über unsereinen herfallen sollen! Ja, ja, das ist eine
ganz verdammte Geschichte!
[RB.01_098,02]
Da ich mich aber mit dir nun schon in ein so miserables Gespräch eingelassen
habe, so sage mir auch gefälligst, was es denn im Grunde mit jenem angeblichen
Heiland Jesus für eine Bewandtnis hat? Was ist er für ein Wesen? Ist mit ihm
wohl ein vernünftiges Wörtlein zu reden? Könnte er unsereinen ohne weitere
Beschämungen ein bißchen auf ein etwas besseres Gras setzen? Und steht er wohl
in einem besondern übermenschlichen Verbande mit der großen Gottheit? Denn
weißt du, das kann ich denn doch nicht annehmen, daß er etwa gar –? Nein, ich
kann's eigentlich nicht aussprechen! Du verstehst mich schon, was ich eigentlich
meine. – Es hat wohl ehedem Max Olaf etwas geschwärmt von einer Gottheitsfülle
in eben diesem Jesus, aber welcher vernünftige Geist kann das annehmen! Sei so
gut, lieber Freund, und gib mir hierin einige besondere Winke!“
[RB.01_098,03]
Spricht Robert: „Mein lieber Freund Pathetikus! Da kann ich dir vorderhand
nichts anderes sagen als: Gehe hin und überzeuge dich selbst!“
[RB.01_098,04]
Spricht Pathetikus: „Ja, ja, das wäre schon alles recht! Aber bedenke mein
Ehrgefühl und die ganze andere, mir gerade in dieser leidigen Situation äußerst
fatale Gesellschaft! Besonders die nun freilich ganz verzweifelt schön
gewordene Lerchenfelderin und mein Weib, mein irdischer Bursche Franz, der Max
Olaf und die allergröbste Mariandl, und so noch einige! Dann von Adam abwärts
bis zum Paulus die historisch merkwürdigste Geistergesellschaft! Na, die würden
unsereinen doch sicher sonderbar ansehen! Mit Ihm zu reden würde ich mir gerade
nichts daraus machen. Aber das andere Völkl, du verzweifelte Geschichte – na,
das würde seiner Zunge einen so schönen freien Lauf lassen, daß unsereiner
darob vor Schande und Ärger zerplatzen müßte!“
[RB.01_098,05]
Spricht Robert: „Ja, lieber Freund, auf eine ganz radikale Demütigung mußt du
dich schon in jedem Fall gefaßt machen. Denn ohne diese dürfte es wohl mit dir
ewig nimmer besser, sondern nur schlimmer zu stehen kommen! – Mache dir denn
Mut und gib du selbst alle deine Schwächen dem Herrn Jesus kund! Fasse Glauben
an Ihn und eine rechte Liebe zu Ihm, so dürfte es geschehen, daß Er dir so manches
nachsehen möchte! Aber je mehr du selbst von deiner Ehrsamkeit halten wirst,
desto ärger wirst du vor allen allerweidlichst beschämt werden. Denn so gut der
wirkliche Gott und Herr Jesus-Jehova ist gegen die, welche sich eines reuigen
Herzens Ihm nahen – ebenso unerbittlich strenge ist Er aber auch gegen jene,
die Seine Güte, Langmut, Geduld und Liebe auf eine zu lange und schmähliche
Probe setzen!
[RB.01_098,06]
Noch ist Er gut und wartet auf dich, aber Seine Geduld dürfte von keiner langen
Dauer mehr sein! Ist Seine Geduld aber zu Ende, dann kommt der alte biblische
Lehrspruch in Anwendung, wonach es heißt: ,Erschrecklich ist es, in die Hände
des lebendigen Gottes zu gelangen!‘ – Darum sage ich dir ganz unverhohlen, für
dich ist keine Zeit mehr zu verlieren! Hurer und Ehebrecher werden in das Reich
Gottes nicht eingehen! – Groß ist Seine Güte und übergroß Seine Gnade und
Erbarmung; aber im Gericht schont Er kein Leben. Da ist Er unerbittlich! Daher
bedenke wohl, wie du nun vor Ihm, dem Allmächtigen, stehst und was du zu tun
hast! Denn nach mir wird kein Bote mehr an dich abgesandt werden!“
[RB.01_098,07]
Spricht Pathetikus: „No, gar so arg wird es ja doch nicht sein – vorausgesetzt,
daß man auch hier von einer Humanität etwas kennt! Aber so hier dein Gott
Jesus, seine Apostel, und du samt ihnen noch unerbittlicher als die heidnischen
Unterweltsrichter sein solltet, da freilich wäre es hier mit allem Spaß völlig
aus, und man müßte sich dann all dem fügen, was ihr wollt! Eine freilich ganz
verzweifelte Geschichte das! Aber was kann ein einzelner gegen eine allgemeine,
zusammengreifende Macht? Also, meinst du denn wohl im Ernst, daß ich zu ihm,
d.h. zu deinem sein-sollenden Gott Jesus, hingehen soll?“
[RB.01_098,08]
Spricht Robert: „Ganz gewiß, denn sonst bist du ohne alle weitere Hilfe und
Rettung verloren!“
[RB.01_098,09]
Spricht der Pathetikus: „O du verzweifelte Geschichte! O verteufelt, verflucht!
Das wird nun eine Hetze werden, gegen die ein römisches Fegfeuer einer armen
Seele eine pure Lumperei ist!
[RB.01_098,10]
Nein, nein, Freund, ich kann doch nicht hin! Denn nun fange ich erst an
einzusehen, daß ich im vollsten Ernste ein überaus grobes und dummes Luder von
einem Sünder bin! Nun ist schon alles eins – Jesus hin oder her, Gott oder
nicht Gott! Aber ich bin wirklich ein Mistvieh vor allen Menschen, und es wäre
ein Aberwitz, so ich mich zu jener herrlichsten Gesellschaft hinwagen sollte!
Ich begreife zwar noch selbst nicht, wie es kommt, daß ich nun auf einmal mein
vollstes Unrecht sonnenklar einzusehen anfange? Aber, es ist richtig so, wie
ich es nun einsehe!
[RB.01_098,11] O
du meine arme Emma, was warst du mir? Selbst in deinem gerechten Zorne noch ein
reiner Engel! Und was war ich dir? Ein schmutzigster Sauteufel, ohne Liebe,
ohne Dankbarkeit, ohne alle Achtung sogar! Nein, nein, Freund, je mehr ich nun
darüber nachdenke, desto klarer stellt es sich heraus, daß ich bis zu diesem
Augenblick ein allergemeinster Lump war und eigentlich noch bin! Ich kann mich
jener Gesellschaft unmöglich nahen, der schreiendsten Gerechtigkeit wegen.
Nein, so ein liebes Weib hatte ich und konnte an den gemeinsten Huren mein
Vergnügen finden! O du von aller Gottheit verfluchtes Saufleisch, nun eine
Speise der Würmer! Um dich in deinen Bocksgelüsten zu befriedigen, konnte ich
einen Engel fliehen und allen Sauteufeln nachrennen! Diese Erkenntnis muß mich
nun notwendig umbringen!
[RB.01_098,12] O
Menschen, die ihr meines Gelichters seid, lasset ab von eurer bösen
Fleischteufelei! Ihr werdet bald gleich mir vor euren Richtern stehen und diese
werden euch euer eigenes Herz öffnen! Kein Gott wird euch richten, sondern euer
eigenes Herz wird euch richten und verdammen, und das mit Recht! Denn ihr
selbst habt euch durch eure Teufeleien dazu qualifiziert. Lasset daher nach in
eurer großen Verblendung, sonst seid ihr verloren durch euch selbst! – Bruder,
gehe von mir, denn ich bin ein zu grober Sünder! Heiße mich in die Schweine
fahren!“
99. Kapitel –
Robert ermutigt den Pathetikus. – Der furchtsame Sünder zagt. Pathetikus-Dismas
ermannt sich endlich und folgt dem Gottesboten.
[RB.01_099,01]
Spricht Robert voll Freuden: „Nun, Bruder Dismas, das freut mich wahrlich, daß
du nun endlich einmal helle wirst und dadurch den ersten Schritt zur Erreichung
des wahren vollkommensten Lebens des Geistes im Herrn getan hast! Aber nun mußt
du dennoch hier nicht stehen bleiben und dein dich richtendes Herz behorchen,
sondern nun mache dich behende auf und eile hin zum Herrn!
[RB.01_099,02]
Denn glaube es mir, daß auch ich keines leichten Kaufes Ihn als den alleinigen
Gott und Herrn der Unendlichkeit erkannt und angenommen habe. Es kostete Ihn
und mich eine große Geduld, bis ich aus meinem finstersten Hegeltum und
Straußianismus herausgehoben werden konnte, desgleichen auch aus meiner
Herrschsucht und Unzucht. Aber als ich einmal durch Seine helfende Gnade in ein
wahres Licht versetzt wurde, da sah ich dann auch mit Sonnenaugen mein
schreiendes Unrecht ein und erkannte in dem Heiland Jesus den alleinigen Gott
Himmels und aller Welten! Und so tue du nun desgleichen!
[RB.01_099,03]
Du hast nun leicht wandeln, da du an mir einen wohl durchgebildeten Vorwandler hast.
Mir ging es bei weitem schwerer, denn ich hatte niemanden, der mir in meiner
Nacht ein rechtes Zeugnis gegeben hätte über Jesus. Ich mußte allein Seinen
Worten trauen und aus deren Weisheit entnehmen, daß Er wirklich das einzig und
allein wahre Gottwesen ist. Zudem war ich nicht weniger als du, sogar noch hier
im Reiche der Geister, von der Begierlichkeit des Fleisches geplagt. Aber da
ich von der Tiefe der Wahrheit des Gotteswortes Christi überführt war, so tat
ich hernach meinen Sinnen auch eine größere Gewalt an und ward mit Hilfe des
Herrn dadurch bald und leicht Sieger über meine fleischlichen Schwächen, die in
meiner Seele von der Sinnenwelt in der Erinnerung mit herübergenommen wurden.
[RB.01_099,04]
Mein eigenes Herz war auch mein Richter und hatte in seinem Unflate weder Ruhe
noch eine rechte Hoffnung, außer die mir sicherst dünkende Anwartschaft auf den
ewigen Tod. Aber da half mir der Herr aus meiner größten, mich für ewig töten
wollenden Not. Mein Herz ward darauf durch meine mächtige Liebe zu Ihm
gereinigt und bekam Raum zur Aufnahme Seiner Gnade. Ich aber ward dadurch
seliger und seliger! Das alles wird auch an dir vorgenommen werden. Und so du
diese Prüfungen ohne Zweifel gleich mir gut bestehen wirst, wirst du dich auch
bald in meinem seligsten Zustande befinden! Mache dich aber nun auf und eile
mit mir hin zu Dem, der allein allen helfen kann!“
[RB.01_099,05]
Spricht der Pathetikus Dismas: „Wäre alles recht, wenn ich dazu den Mut hätte!
Aber der Mut, wo werde ich den hernehmen? Siehe, ich fange nun wohl zu glauben
an, daß jener Jesus das allerhöchste, allmächtigste Gottwesen ist. Aber mit dem
Wachstum dieses Glaubens wächst auch die Furcht vor Ihm, dem allein Heiligsten!
Wer wird mich von der großen Furcht befreien?“
[RB.01_099,06]
Spricht Robert: „Freund, danke dem Herrn für diese Furcht! Denn damit hat der
Herr Seine Hand an dein Herz gelegt und hat kräftig angefangen, dein sehr
zerstreutes Geistesleben zu sammeln. Diese heilige Tätigkeit des Herrn in
deinem Herzen drängt deinen Geist, daß er wach werde, und bewirkt in deiner
Seele das leidige Gefühl der Furcht. Aber ermanne dich und folge mir, da wirst
du bald deiner Furcht ledig werden! Der Herr Selbst, der dir diese heilige
Furcht gibt, wird sie dir nehmen. Daher noch einmal: Mache dich auf und folge
mir hin zum Herrn!“
[RB.01_099,07]
Spricht Dismas: „Nun denn, auf dein Wort, Freund Robert, will ich es wagen! Nun
soll mir nach wohlverdientem Maße geschehen was da wolle, so werde ich es
ertragen! Warum soll ich vor den Augen des allsehenden Gottes eine Ehre haben
wollen, deren ich ewig nie würdig bin. Schande und Beschämung über mich sei nun
meine Lebenslosung! Denn so ich auf der Erde den Gottesgeist in mir nicht
achtete, der mir das Leben gab und erhielt, wie sollte ich nun Ehre verlangen
können von Ihm, den ich so oft zuschanden gestellt habe?
[RB.01_099,08]
Gott gab mir aus Sich Selbst ein Leben Seines heiligen Geistes, und ich wollte
die hohe Heiligkeit dieses Lebens nicht erkennen und verherrlichen durch eine
gerechte Ordnung und Zucht. Ich floh allzeit die rechte Erkenntnis und
verkehrte so das Heilige in Tierisches durch die Brechung der wahren
Gottesordnung und durch hundemäßige Unzucht! Nun stehe ich hier auf
wohlverdientem Schandpranger vor Gott und Seinen Heiligen – als ein Unheiligster!
Daher noch einmal: Schande mir, wohlverdiente Schande!“
[RB.01_099,09]
Auf diese laut gesprochenen Worte des Dismas treten seine pathetischen Freunde
zu ihm und sagen: „Aber Freund Dismas! Was ist dir? Warum rufst du Schande über
dich? Sind wir denn nicht alle wie du beschaffen? So du aber Schande über dich
rufst, da rufst du sie ja auch über uns, und das kann uns wahrlich nicht
einerlei sein. So du uns nicht ausnimmst, soll es dir wahrlich nicht am besten
ergehen!“
[RB.01_099,10]
Spricht Dismas: „Wollt ihr etwa auch eine Ehre für euer Schlaraffenleben? Oh,
schreit nicht zu früh darnach, sie wird euch nicht ausbleiben! Was tatet ihr
denn samt mir auf der Welt, das da einer Ehre wert wäre hier vor Gott? Meinet
ihr denn, daß auch hier, wie etwa auf der Materiewelt, die äußere Goldlarve
einen Geist vor öffentlicher Beschämung schützt? O da irret ihr euch sehr! Der
giftige Gold- und Silberdunst, durch den die Menschen auf der Welt ihre Schande
bedecken, nützt hier nichts mehr. Denn hier kommt nur die nackte Wahrheit an
das Licht des ewigen Gottestages, welche zu verbergen es hier kein schnödes
Mittel mehr gibt. Daher tue ein jeder von euch nur selbst das, was ich nun tue,
so wird er dadurch wenigstens diese Ehre seinem Lebensgeist retten, die er als
ein Geist der Gotteswahrheit von seiner Seele mit allem göttlichen Recht
fordern kann! Tun wir aber das nicht, so haben wir in Bälde die volle Wegnahme
des göttlichen Lebensgeistes aus unserer schnöden Wesenheit zu erwarten und mit
ihr den wohlverdienten ewigen Tod! – Daher Schande über Schande über unsere
Seelen, damit dem lebendigen Gottesgeiste in uns die Ehre der ewigen Wahrheit
und Ordnung gerettet werde!“
[RB.01_099,11]
Auf diese Worte ziehen sich die Freunde murrend zurück und kratzen sich stark
hinter den Ohren. Robert aber spricht zum Pathetikus Dismas: „Nun, lieber
Bruder, bei dir geht es ja mit Riesenschritten vorwärts! Wahrlich, ich sage es
dir, so schnell ist es bei mir nicht gegangen. Nun, das freut mich wahrhaft
über die Maßen! Du wirst, wie ich's nun sehe, wahrlich keinen schweren Stand
vor des Herrn Angesicht haben. Komme nun, komme! Wahrlich, ich freue mich auf
deine Worte vor dem Herrn!“
100. Kapitel –
Dismas bekennt vor Gott seine große Schuld, bittet aber nicht um Gnade, sondern
um gerechte Strafe. Folgen dieser verkehrten Bitte.
[RB.01_100,01]
Auf diese Worte des Robert setzt sich Dismas sogleich in Bewegung und geht mit
ihm zu Mir, dem Herrn des Lebens hin. Er fällt dort am Tische vor Mir auf sein
Angesicht nieder und ruft laut: „O Herr, ewig unwürdig Dein heiliges Antlitz
anzuschauen, liege ich im Staube meiner schändlichsten Nichtigkeit vor Dir als
ein elender Wurm voll Eiter der Hurerei und des schändlichsten Ehebruches. Ich
bitte von Dir, mir die vollste Strafe für alle meine irdischen Schandtaten nach
Deiner Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Dein Wille geschehe!“
[RB.01_100,02]
Rede Ich: „Dismas! Wer bist du, und worum bittest du? Ist es dir recht, so Ich
dir gebe nach den Worten deiner Bitte? Wehe dir dann, so Ich es dir gebe!
Willst du noch unvollkommener werden als du bist, so gehe zum Obersten aller
Teufel, der richtet mit der Strafe des Feuers. Ich aber richte und strafe
niemanden, somit auch dich nicht. Willst du aber leben, so bitte ums Leben,
aber nicht um den Tod! Glaubst du denn, Ich habe ein Wohlgefallen am Tode
Meiner Kinder? O du Tor! Bin Ich denn ein Gott des Todes oder ein Gott des
Lebens? Siehe, alle Ewigkeiten und die Unendlichkeit Meiner Himmel geben Mir
das ewige Zeugnis, daß Ich ein Gott des Lebens und kein Gott des Todes bin. Und
du möchtest Mich zum Todesgott machen?
[RB.01_100,03]
Sage Mir denn, wer du bist, damit Ich sehe, welche Verkehrtheit in dir wohnt.
Waren deine Handlungen auf der Erde denn nicht schlecht und schnöde zur Genüge,
daß du nun auch noch hier vor Meinem Angesicht sündigen willst? Ich aber sehe
wohl, wer du bist und was du willst; darum sei dir eine schwere Antwort wohl
erlassen! Erhebe dich aber nun und ändere deinen Sinn! Denn mit dieser Bitte
wirst du bei Mir ewig nie weiter kommen. Siehe, du batest nun wie ein Sklave
Mich um eine gerechte Strafe – und dein Herz will eine vollkommene Gnade! Sage,
soll Ich nun deiner Wort-Bitte oder dem Wunsche deines Herzens nachgeben?“
[RB.01_100,04]
Spricht Dismas: „O Herr Jesus, du alleiniger Gott! Habe Geduld mit mir armem
Fleischteufelsgeist! – Ich weiß es ja, daß ich ein gröbster Sünder bin und
nicht vermag, auch nur ein weises Wort vor Dir zu stammeln. Urteile nicht nach
meinen elenden Worten, sondern nach meinem kranken Herzen und heile es nach
Deiner freiesten Gnade, und meine Zunge soll ewig nimmer erlahmen unter Deinem
Lobe! Herr, so Du mich nun verstoßest, wer soll mich dann annehmen und
aufrichten?“
[RB.01_100,05]
Sage Ich: „Hast du doch Freunde in Menge. Sollen denn diese dir nicht zu helfen
imstande sein? Bedenke, über sechzig Jahre lebtest du auf der Erde ohne Meine
Hilfe, bloß mit deinen Freunden, die dich mit allerlei Rat versahen. Und du
warst nicht unselig – außer beim Anblick deines Weibes, so es dich manchmal in
einer süßen Stunde zufällig überraschte. So dir jemand von Mir etwas sagte und
dir zeigte, wie Mir dein Leben mißfallen müsse, lachtest du ihn weidlich aus.
Nun liegst du vor Mir und willst Tod und Leben von Mir! Was soll Ich dir geben?
Den Tod kann ich dir nicht geben, und das Leben willst du nicht völlig, indem
dein Wort nicht eins ist mit deinem Herzen und alle deine irdischen Handlungen
nichts in sich tragen, das da gliche einem Samenkorne des Lebens! Nun prüfe
dich danach und sage, was du willst!“
[RB.01_100,06]
Spricht Dismas: „Herr, wo ist der Gerechte, daß er mit Dir einen Streit
bestehen könnte? Um so weniger kann ich mit Dir rechten, der ich voll Sünden
bin vor Dir wie vor den Menschen! Wohl weiß ich, daß Du dem reuigen Sünder auch
barmherzig sein kannst, so Du es sein willst! Aber dagegen scheint mir auch das
richtig zu sein, daß Du, vor dem die Engel nicht makellos sind, auch das
bestgemeinte Wort aus dem Munde eines Dich anredenden Sünders deuten kannst,
wie Du es willst, und kannst ihm die Sünden vergeben zum ewigen Leben oder vorenthalten
zum ewigen Tode – und das alles nach der strengsten Gerechtigkeit!
[RB.01_100,07]
Denn die Gerechtigkeit ist eine Ordnung der Macht! Wer im Besitze der vollsten
Macht ist, der ist auch im Besitze des vollsten Rechtes, das ihm niemand je
streitig machen kann. Wenn aber Macht und Gerechtigkeit gleichbedeutend sind,
wo soll dann ein ohnmächtiger Sünder sich je von irgendeinem ihm zustehenden
Recht etwas träumen lassen? Was die Macht tut, das ist gerecht; was aber die
Ohnmacht tut wider die Macht, das ist ungerecht.
[RB.01_100,08]
Und eben in solchen Verhältnissen befinde ich mich nun vor Dir, o Herr – Du die
Allmacht selbst, und ich die höchste Ohnmacht selbst! Ich könnte nun sagen, was
ich wollte, so stünde es dann aber dennoch bei Dir, zu tun, was Du wolltest,
indem Du der allein Mächtige bist. Ich will und kann daher aus den weisesten
und vernünftigsten Gründen nichts anderes sagen als: ,Herr, Dein Wille
geschehe!‘ Ich könnte nun tausenderlei wünschen, will aber gar nichts mehr
wünschen, sondern mich völlig Deinem allmächtigen Willen unterwerfen, mag
dieser über mich Gutes oder Bitteres verfügen! Wird er mich ums kennen
glücklicher machen wollen, so wird es gut sein; wird – er mich aber zur Hölle
verdammen, so werde ich auch zur Hölle müssen! Denn die entschiedenste Ohnmacht
kann sich der Allmacht ewig nie widersetzen! Tue Du, o Herr, mit mir nun, was
Du willst, mir wird alles recht und gerecht sein müssen! Ich glaube damit meine
Ohnmacht gegen Deine allmächtige und somit auch gerechte Anforderung zur Genüge
dargetan zu haben. Und Du, o Herr, wirst mir tun nach Deinem Vermögen!“
[RB.01_100,09]
Rede Ich: „Nun gut; weil du in die Macht allein alle Gerechtigkeit setzest, so
will Meine Macht nun, daß du dich dort gegen Mitternacht hin in dieses Saales
Winkel für ewig begibst. Dort sollst du dann von einer kleinen Stechfliege
unaufhörlich geplagt werden! Meine Macht will es, und so verfüge dich dahin!“
[RB.01_100,10]
Spricht Dismas zutiefst erschreckt und verlegen: „O Herr, obschon ich mich
Deiner Macht fügen muß, bitte ich Dich dennoch inständigst, daß Du mir
wenigstens die mich verzweifelnd machende Stechfliege erlassen möchtest! Denn
das wäre ja doch etwas Schreckliches, von solch einem Insekt ewig auf einem
Fleck gemartert zu werden!“
[RB.01_100,11]
Rede Ich: „Das weiß Ich! Aber Mich rechtfertigt Meine Macht ja! Warum willst du
dich denn nun nicht sogleich Meinem allmächtigen Willen fügen?“
[RB.01_100,12]
Spricht Dismas: „O Herr, Du bist allmächtig, aber Du bist auch unendlich gut!
Und so wende Ich mich denn an Deine Güte und flehe zu Dir um Gnade! Verschone
mich mit der Stechfliege!“
[RB.01_100,13]
Rede Ich: „Du appellierst nun an Meine Güte und Gnade, weil dir das Wasser des
Todes schon den Mund zu umspülen beginnt. Aber Ich frage dich, wie du das nun
tun kannst, da du doch früher alles in Meine Allmacht legtest und mit höchst
eigenem Munde sprachst: ,Herr, Dein Wille geschehe!‘ Dir aber erscheint nun
Mein Wille nicht eben sehr angenehm, und so möchtest du in deinem Herzen nun,
daß Mein Wille nicht geschehen möchte! Wie aber soll Ich das nehmen? Mit dem
Munde sprichst du stets etwas anderes, als was du im Herzen willst! Meinst du
denn, daß Ich ein Wesen bin, mit dem man förmlich Komödie spielen kann? O da
bist du in einer sehr großen Irre!
[RB.01_100,14]
Siehe, Ich verfahre mit Meinen Kindern nicht wie dumme Eltern. Solche wollen
ihre Kinder oft mit einem Scheinernst schrecken; aber diese merken das bald und
lachen sich ins Fäustchen, wenn ihre Eltern über sie ein falsches Donnerwetter
verhängen, werden darauf stutzig und achten wenig der Worte der Eltern. Aber so
ist es bei Mir durchaus nicht gang und gäbe! Bei Mir ist überall der festeste,
unbeugsamste Ernst. Und das Leben einer Milbe muß in derselben ernstesten
Ordnung wie das eines Engels erhalten und geleitet werden. Ich bin wie ein
Stein von größter Härte und Schwere. Wer sich an diesem stößt, der wird
zerschellen. Auf wen aber dieser Stein fällt, den wird er zermalmen.
[RB.01_100,15]
Ich sage dir, solange dein Wort nicht aus deinem Herzen kommen wird, wirst du
mit Mir einen harten Stand haben! Denn zwei Stimmen in einem Menschen kann Ich
nicht hören. Wenn aber dein Herz eins wird mit deinem Munde, dann will Ich das
Wort hören und alle Rücksicht darauf nehmen. Was dir an Mir heilig erscheint,
dem mußt du auch gehorchen! Die Macht Meines Gottwillens ist dir das Heiligste,
wie du es selbst dargetan hast; also mußt du dich derselben aber auch fügen,
willst du dich nicht als ein Meuterer gegen Meine allmächtige Gerechtigkeit
aufwerfen.
[RB.01_100,16]
Aber das sollst du auch wissen, daß nicht nur Ich als Gott einen freien Willen
habe, sondern auch ein jeglicher von Mir geschaffene Geist hat den gleichen
freien Willen und kann tun, was er will. Ich werde dich daher auch nicht mit
Meiner Allmacht nötigen, das zu tun, was Ich dir ehedem als ein scharfer
Richter geboten habe. Du kannst dich auch widersetzen und tun, was du willst.
Aber welche andere Frucht dann dir daraus erwachsen wird, das wird dir die
Folge zeigen. Daher tue nun, was du willst!“
101. Kapitel –
Törichter Trotz des verblendeten Dismas. Scharfe Urteile seiner wahren Freunde.
[RB.01_101,01]
Hier wendet sich Dismas an Robert Blum und sagt: „Lieber, schätzbarster Freund,
wie ich es mir gedacht habe, so ist es auch! Mit diesem Jesus ist nichts zu
reden und nichts zu machen. Je mehr man sich vor Ihm beugt und demütigt, desto
schroffer und unzugänglicher wird Er. Die Folge davon ist, daß man sich von Ihm
entfernen muß und nach aller Möglichkeit zu trachten anfängt, dieses elende
Leben los zu werden, um das man nie einen Gott gebeten hat! Denn bei solcher
Drangsalierung pfeife ich auf ein solch verfluchtes Leben, das bloß zum
Vergnügen einer göttlichen Stechfliege da sein soll! Wohl sehe ich ein, daß
meine Ohnmacht gegen die göttliche Allmacht ewig nichts wird auszurichten
vermögen. Aber danken werde ich der göttlichen Tyrannei wohl auch ewig nimmer
für ein solches Sauteufelsleben!
[RB.01_101,02]
Bin ich dem Herrn doch so unterwürfig als nur immer möglich gekommen und
glaubte, daß Er mich doch soweit glimpflich aufnehmen werde wie diese
Lerchenfelderin. Aber welch ein Unterschied ist da zwischen ihr und mir: Sie
wird behandelt wie ein Engel und ich wie ein Verdammter. Und doch war sie so
gut eine Hure wie ich ein Hurenlump. Wer bei solcher Handlung nicht in der
Gottheit eine launenhafte Willkür ersieht, der muß keine Augen im Kopfe haben.
Auf der verfluchten Erde ist man ein Sklave seines Fleisches und hier ein
allerelendstes Scheusal! Und für so ein sauberes Leben soll man etwa gar noch
Gott danken? Wann in allen Teufelsnamen habe ich denn je Gott gebeten, mir ein
Leben zu geben? Wo sind denn die ewigen Kontraktsbedingungen, unter denen mich
die Gottheit zu einem selbständigen Wesen gestaltete?
[RB.01_101,03]
Die Gottheit hat mich geschaffen, wie ich bin, und hat mir erst nachträglich
Gesetze gegeben, die ich bewußt nicht halten konnte, weil meine ganze Natur
dazu nicht eingerichtet war! Und nun soll ich dafür ewig zur Unterhaltung des
göttlichen Mutwillens geplagt werden, weil ich zufolge meiner Natur nicht so
handeln konnte, wie es Seiner Laune angenehm wäre? Kurz und gut, nun ist mir
Gott und Teufel ein Ding! Das Mächtige spielt mit der Ohnmacht wie die Katze
mit der Maus! Und geradeso handelt die Gottheit mit den Menschen. Ein schönes
Los, ein Mensch zu sein! – Aber nun ist mir schon alles eins! Wo ist der
Sauwinkel, da ich ewig von einer Stechfliege soll gepeinigt werden? Ich werde
mich sogleich dahin begeben, und der allergerechteste Herr Jesus kann dann ein
oder tausend Moskitos über mich senden. Meine Dankbarkeit dafür soll unbegrenzt
sein! Die Gerechtigkeit Gottes sucht in der tyrannischsten Willkür
ihresgleichen! Aber solange ich noch eines freien Gedankens fähig bin, will ich
ihr einen Kritiker machen, daß ihr die Augen übergehen. Und je mehr sie mich
plagen wird, desto ärger werde ich schreien wider sie! Und nun in den
Dreckwinkel hin mit mir, damit ich desto eher aus allen Kräften zu fluchen
Gelegenheit bekomme!“
[RB.01_101,04]
Spricht Robert: „Freund, bei solcher Sprache kann ich mit dir nicht weiter
reden! Der Herr, gegen den du zu Felde ziehst, wird dir die Antwort geben! Wir
Geister Seiner Gnade haben das Recht, die verirrten Seelen durch die Liebe und
göttliche Weisheit für das wahre, ewige Leben zu gewinnen und sie vor des Herrn
Angesicht zu führen, dessen reinstes Licht sie dann durchleuchtet und
wahrhaftig erweckt zum ewig freiesten Leben aus und in Ihm. – Aber so
irgendeine von uns schwächeren Geistern gewonnene Seele ein barster Teufel ist,
haben wir kein Recht mehr, uns weiter mit ihr einzulassen. Erwarte daher von
mir nichts mehr, sondern der Herr wird dir geben nach deinem Verdienste!“
[RB.01_101,05]
Hier wendet sich Robert von Dismas ab und geht zu seinen Freunden hin, die voll
Ärgere sich über die Frechheit des Dismas nicht genug verwundern können! Die
Verwandten schlagen ein Kreuz ums andere und sind voll Entsetzen über diese
Verstocktheit. Die anwesenden Apostel werden voll bitteren Ernstes und die
Väter der Erde erschauern vor diesem Sohne des Greuels. Und Helena brennt voll
Grimm gegen dieses Scheusal, wie sie ihn benennt.
[RB.01_101,06]
Der biedere Max Olaf schlägt mit Tränen in den Augen die Hände zusammen und
sagt: „O Gott, o Gott! Ist es denn möglich, daß aus einem Menschen, der in der
Schrift bestens bewandert war, durch die pure Fleischlust so ein allerfrechster
Teufel werden kann! Wer könnte das je glauben? Nein, Gott vor sich zu haben,
seine eigene Nichtigkeit einzusehen und solch eine Sprache zu führen! O Jesus,
Du heiligster, liebevollster, wahrhaftigster, bester Vater! Mir zerspringt das
Herz vor Gram, daß Du von einem elendsten Wurm des Staubes so schändlichst
verkannt und allertiefst beleidigt wirst – hier vor uns, Deinen begnadigten
Kindern! O Herr, Vater Jesus, räche Dich doch an diesem Elenden! Denn er tritt Deine
sichtbare Gnade, die Du ihm erteilen willst, mit echt satanischen Füßen und
getraut sich hier, Dir ins Angesicht zu trotzen!“
[RB.01_101,07]
Die gewisse Mariandl schlägt sieben Kreuze über ihre Stirne, Mund und Brust und
spricht dann, noch immer im Wiener Dialekt, zu dem oben genannten Franz, dessen
Augen auch größer und größer werden: „No host ihn ghört!? O der höllische
Sausakra! Na, hot aber so was amol a menschliche Seel gsehn und ghört? I bin a
a große Sünderin und woaß es a recht guat, daß i nix als d' Höll verdient hob.
Aber i möcht hietzt grod zerfließen vor Lieb zum Herrn Herrgott Jesus, weil Er
holt goar so guat is. Und i wär auf der Welt a nit gar a so große Sündrin
wordn, wann i nur a bißel a bessre Erziehung ghabt hätt! Aber der höllische Sausakra
hot di besti Erziehung ghobt und immer d' Heilige Schrift glesen und andri
geistliche Bücher a no dazu, so daß seine Freund gmoant hobn, er miaßt von Mund
auf schnurgrod ins Himmelreich aufifohrn! Aber hietzt zoagt sich, was für a
höllischer Sausakra von an Schriftgelehrten er woar. – Do hobn mer hietzt seine
wohre Natur! Na woart, in der Höll werden's dir schon sagen, was du wert bist!
Na, mit unsern liebsten Herrgott so z'reden, dos hot die Welt no nit gsehn!“
[RB.01_101,08]
Spricht der Franz: „Ja wohl, i moan, dös brächt der allerärgste Teufl nit
zwegen! Wann dös Luadr nöt in die Höll kummt, so wird noch der ärgste Teufl
selig! Du woaßt, i bin sonst a guater Kerl und winsch kan Hund wos Schlechts.
Aber dös Vieh kunt i in dr Höll broten sehn, und mir kummet ka Erbarmnis über'n
an! Aber i moan, dem wird unser liaber Herrgott schon sogn, wieviel's hietzt
für ihn gschlogn hot!“
[RB.01_101,09]
Spricht darauf noch ein anderer Freund des Franz: „Du Franz, wie war's denn
etwa, wann wir beidi den Limmel unsern liaben Herrgott z'liab packeten und
frisch von der Leber weg hinausworfaten und draußen so recht obdreschaten, doß
er auf a holbi Ewigkeit gnua hätt?“
[RB.01_101,10]
Spricht der Franz: „Wann unser liabster Herrgott nix dagegn hätt, do loß i mir
so was nit zwamol sogn! Denn a Gift hob i auf dös Luadr schon so, doß i ihn in
klane Stickl z'reißen kunnt! Aber sei du hietzt nur ruhig! Wia's mir vorkummt,
so is der liabi Herrgott a schon gricht, dös Luadr von aner Spitzbubnseel just
in d' Höll z'schicken!“
102. Kapitel –
Dismas wird stutzig. Er wendet sich aufrichtig an den Herrn um Gnade und
Barmherzigkeit.
[RB.01_102,01]
Dismas, der nun solche Urteile über sich vernimmt, richtet sich auf und spricht
zu Mir: „Herr! Ich sehe nun, daß Du der alleinige, wahrhaftige Gott und
Schöpfer aller Dinge bist! Alles Erkennen, alles Wollen und alle Taten in all
Deinen Geschöpfen sind vom Ursprung an Dein Werk und somit in sich selbst gut.
Denn ein ewig vollkommenster Geist kann ja doch unmöglich etwas Unvollkommenes
und somit Schlechtes erschaffen haben. Dir allein gegenüber kann es daher auch
keine Sünder und Sünden geben! Aber Du hast den Menschen so eingerichtet, daß
das Wollen, welches Du ihm ursprünglich eingehaucht hast, für die ewige Folge
ein von Dir ganz getrenntes, selbständiges und nach den ihm innewohnenden
mannigfaltigsten Erkenntnissen sich selbst bestimmendes, freies werden soll.
Aber natürlich nur in der Ordnung, die von Dir weisest zur Erhaltung des
unendlichen Ganzen bestimmt ist. So kann dann freilich ein Mensch, mit so
zahllos mannigfaltigen Kenntnissen, Fähigkeiten und Neigungen ausgestattet, in
der vollsten Trennung von Dir trotz Deines geoffenbarten heiligen Willens nur
zu leicht so manche Handlungen begehen, die Deiner göttlichen Ordnung
schnurgerade entgegenlaufen müssen und somit auch zur Sünde werden, obschon
alle solche Abirrungen in der Allumfassung Deiner Ordnung als vollste
Nichtigkeiten angesehen werden können.
[RB.01_102,02]
Aber Du, als Herr und Schöpfer aller Menschen, siehst auch sicher den Grund
ein, wie so mancher Mensch nur zu leicht und oft gerade das tut, was er nicht
tun soll und eigentlich auch im Grunde nicht tun wollte. Aber ein sonderbarer
Trieb zieht ihn dazu wie bei den Haaren und läßt ihm eher keine Ruhe, bis er
ihn befriedigt hat!
[RB.01_102,03]
Da Dir, o Herr, das alles aus dem tiefsten Grunde ewig klar sein muß, wirst Du
ja auch meine Taten, die ohne alle weitere Entschuldigung offenbar allergröbste
Verstöße gegen Deine Ordnung sind, doch nicht mit jener unbegrenzten Schärfe richten
wollen, als hätte ein zweiter Gott vor Dir gesündigt. Sondern denke gnädig in
Deinem heiligsten Vaterherzen: der Sünder, der nun matt, schwach und hilflos
vor Deiner unbegrenzten Macht steht – war, ist und wird ewig bleiben ein aus
sich selbst schwacher Mensch, der nur von Dir allein eine volle Kraft bekommen
kann, weil Du allein alles in allem bist. Aus sich selbst aber bleibt der
Mensch, was er ist – ein schwacher Schatten des Hauches aus Deinem Munde nur!
[RB.01_102,04]
Und so sei mir, als einem allerschwächsten Schatten vor Dir denn auch gnädig
und barmherzig! Ich bekenne laut, daß ich vor Dir leider ein gröbster Sünder
bin. Aber ich erhoffe auch von Deiner unbegrenzten Weisheit, Güte und Macht,
daß Du, o Herr, Schöpfer und Allvater, die von mir begangenen Sünden mir nicht
ganz allein zur Schuldenlast schreiben wirst! Denn, so es irgendeine Hölle
gibt, da wird auch sie sicher ihren gehörigen Anteil daran haben!
[RB.01_102,05]
So bekenne ich auch, daß ich freventlich Dir ins Angesicht gesprochen habe zum
großen Ärger aller Deiner hier anwesenden lieben Freunde. Aber ich fühle darob
nun wahrlich tiefste Reue und bitte aus aller meiner Nichtigkeit Dich um eine
vielleicht doch noch mögliche Vergebung!
[RB.01_102,06]
Ich weiß aus Deinen Worten, daß Du zu Deinen Jüngern einst sagtest, bei Gott
seien alle Dinge möglich! – Und so könnte es vielleicht bei Dir möglich sein,
mir meine Vergehen zu vergeben und dann gnädigst zu gestatten, mich von den
Brosamen spärlich zu ernähren, die vom Tische Deiner Freunde fallen!“
[RB.01_102,07]
Rede Ich: „Lieber Dismas, diese Rede gefällt Mir besser als alle deine
früheren, wo du in deiner Verblendung mit Mir rechten wolltest. Dein offenes
Bekenntnis hat auch wieder den Riegel an der schon geöffneten Pforte der Hölle
vorgeschoben. Von Mir aus sind dir alle deine Sünden erlassen. Aber du siehst
hier eine Menge starker Gläubiger, denen du große Summen schuldest! Wie wirst
du mit ihnen gleich werden? Denn siehe, es steht auch geschrieben: ,Solange ihr
nicht den letzten Heller eurer Schuld an eure Brüder werdet entrichtet haben,
werdet ihr ins Himmelreich nicht eingehen!‘ Was meinst du, wie diese Sache zu
schlichten sein wird?“
[RB.01_102,08]
Spricht Dismas: „O Herr! Du weißt, daß ich hier in jeder Beziehung so nackt und
arm bin wie vielleicht kein zweiter in der ganzen Unendlichkeit. Wenn es hier
ganz allein auf mich ankommen sollte, aus meinem Vermögen, das ich nicht habe,
die Gläubiger zufriedenzustellen, dann sind sie wahrlich zu bedauern. Denn da
dürften sie wohl ewig keine Vergütung zu erwarten haben. Aber ich getraue mir
in meinem Herzen zu denken: Wenn Du, o Herr, es willst, so dürfte es sicher
nicht schwer werden, durch Deine Güte und Erbarmung aller meiner Schuld an
ihnen ledig zu werden.
[RB.01_102,09]
Alles, was ich nun aus mir tun kann, ist, daß ich sie vor Dir um Vergebung
bitte und aufrichtig bekenne, daß ich gegen sie wie gegen Dich arg und gröblich
gesündigt habe! Setze, o Herr, mich aber hier in eine Lage, und ich werde alle
meine Kräfte dahin aufwenden, ihnen nach Möglichkeit alles zu ersetzen.
[RB.01_102,10]
Die größte Schuld aber wird wohl die an mein liebes Weib und an Freund Max Olaf
sein! Die beiden flehe ich nun nach Dir auch zuerst um eine gütige Vergebung
mit der treuesten Versicherung an, daß ich zur Tilgung meiner Schuld an ihnen
von ganzem Herzen alles tun will, was sie nur immer in Deinem heiligsten Namen
von mir verlangen! Du, o Herr, aber wolle gnädigst stärken ihr und mein Herz
zur Vollführung alles dessen, was vor Dir als billig und gerecht erscheint!“
[RB.01_102,11]
Rede Ich: „Nun gut, so werde Ich für dich ein versöhnendes Wörtlein mit deinen
Gläubigern reden, und es wird sich zeigen, was sie ferner verlangen werden. Und
so sei du unterdessen ruhig!“
103. Kapitel –
Emma und Olaf vergeben ihrem Schuldner Dismas. Über den starken paulinischen
Geist des Dismas. Ein himmlischer Auftrag.
[RB.01_103,01]
Ich wende Mich darauf an die nun wieder heiter aussehende Emma und an den
biederen Max Olaf und sage: „Nun, habt ihr die Worte eures Schuldners
vernommen?“ Sprechen beide: „O Herr, Vater, zu unserer großen Freude
vollkommen!“
[RB.01_103,02]
Rede Ich: „Gut! Was werdet ihr nun tun? Werdet ihr ihn richten oder werdet ihr
ihm alles vergeben und ihn wieder in eure Herzen aufnehmen?“ Sprechen die
beiden: „O Du heiligster, bester Vater! Wir haben ihm schon lange alles
vergeben und sind vollkommen bereit, ihn in aller Liebe wieder aufzunehmen und
für ewig zu behalten, wenn so etwas Deinem heiligsten Willen nicht zuwider sein
möchte!“
[RB.01_103,03]
Rede Ich: „Was euch recht und lieb ist in Meinem Namen, das ist auch Mir über
alle eure Begriffe recht und lieb! Ja, Ich sage euch, daß Ich darob eine große
Freude habe, daß dieser Geist wiedergewonnen ist. Denn Geister seiner Art gibt
es wenige. Er hat einen paulinischen Geist und gehört zu Meinem Rüstzeug wider
alle ohnmächtigen Feinde Meiner Himmel! Wie hartnäckig er aber ehedem Mir
widerstrebte, ebenso beharrlich wird er von nun an in Meinem Dienste stehen.
[RB.01_103,04] Aber
nun kann Ich ihn euch noch nicht sogleich wiedergeben, da er Mir zuvor noch ein
tüchtiges Werk verrichten muß. Wird er dies Werk gut zustande bringen, dann
sollet ihr sein und er euer Lohn werden!“
[RB.01_103,05]
Spricht Max Olaf: „O Herr, bin denn ich zu gar nichts zu gebrauchen? O gib auch
mir eine Gelegenheit, etwas in Deinem heiligsten Namen zu tun!“
[RB.01_103,06]
Rede Ich: „Mein lieber Bruder! Fürs erste hast du Mir schon einen großen Dienst
geleistet, und fürs zweite wirst du schon noch ehestens Gelegenheit bekommen,
Mir gar wichtige Dienste zu leisten. Nun aber ist es zur Vollendung des Bruders
Dismas nötig, daß er Mir einen Dienst der wahren Liebe leistet, und so werde
Ich ihn nun allein auf einen guten Fischfang aussenden.“
[RB.01_103,07]
Damit ist Max Olaf ganz beruhigt. Ich wende Mich darauf an Dismas und sage zu
ihm: „Mein lieber Dismas! Da du dich nun so ganz Meiner Ordnung gemäß in deinem
Herzen umgewandelt und dich endlich einmal vor Mir vollkommen gedemütigt hast –
und zwar vor all denen, die noch kurz vorher ein Dorn in den Augen deines
mithergebrachten Hochmuts waren – so sollst du durch eben diese
Selbstdemütigung auch zu großen und wahren Ehren gelangen! Aber da bei Mir jede
Ehre nur von einer edlen, guten Tat abhängt, so wirst auch du nun eine gute und
ersprießliche Tat durchzuführen bekommen. Von dem Gelingen wird sehr viel
abhängen. Aber es wird dir nicht auf Rechnung gelegt werden, ob es dir gelingt
oder nicht. Denn bei Mir gilt bloß der gute Wille, eine redliche, auf Liebe
beruhende Absicht und endlich eine zu dem Behufe nach bestem Ermessen
eingeleitete Tat!
[RB.01_103,08]
Ob darauf das volle Gelingen erfolgt oder nicht, geht dich nichts an. Denn
jedes Gelingen liegt in Meiner Hand! Ich lasse es sogar öfters zu, daß den
tätigsten Heldengeistern so manches nicht gelingt, was sie, wenn auch auf Meine
Beheißung, tun – eben um ihnen dadurch zu zeigen, daß da in der ganzen
Unendlichkeit kein Geist aus sich selbst etwas zu wirken vermag; sondern da er
wirket, muß er stets mit Mir wirken. Bei solchem mit Mir vereinten Wirken ist
aber dann auch das Gelingen ein sicheres, und dem so mit Mir wirkenden Geiste
wird es dann zugute gerechnet.
[RB.01_103,09]
Es hat aber wohl ein jeglicher vollendete Geist eine eigene große Kraft, mit
der er vieles wirken kann. Aber was er tut wie aus sich selbst heraus, das
gereicht ihm vor Mir zu keinem Verdienst, da er dadurch nur ein Arbeiter für
sein eigenes Haus ist. So er aber Meine Kraft in sein Wirken aufnimmt, arbeitet
er in Meinem Hause, und diese Arbeit wird ihm zu einem rechten Verdienst
angerechnet. Daraus kannst du nun entnehmen, wie man hier in Meinem ewigen
Reiche des wahren Lebens handeln muß, um sich vor Mir Verdienste zu sammeln!
[RB.01_103,10]
Und so will Ich dir nun kundtun, was für ein Geschäft dich treffen wird. So
höre denn: Du hast dort im mitternächtlichen Hintergrunde dieses Saales eine
Gesellschaft deiner ehemaligen Freunde zurückgelassen. Ihre Zahl ist in allem
genau dreißig Köpfe, darunter zehn weibliche, die anderen zwanzig männlich. Diese
alle sind auf der Welt noch bedeutend ärger gewesen als du; ihre schnöden
Handlungsweisen sind dir bekannt, wie nicht minder ihr Grund. Ich gebe sie nun
in deine Hand und gebe dir auch die volle Macht, zu tun, was du willst. So denn
von Mir ausgerüstet, gehe du zu ihnen hin, gewinne sie und bringe sie alle
hierher, wo Ich Selbst das Weitere mit ihnen verfügen werde. Gelingt dir das,
so sollst du sogleich mit einem Ehrenkleide angetan werden. Fasse aber die
Arbeit ja beim rechten Fleck an, sonst wird sie dir viel Mühe machen!“
[RB.01_103,11]
Spricht Dismas: „O Herr! Schon der Auftrag ist ein zu ehrenhafter für mich,
geschweige, daß ich fürs mögliche Gelingen noch mit einem besonderen
Ehrenkleide sollte angetan werden! Denn wird mir diese schöne Mühe gelingen, so
wird das ganz allein Dein Werk sein. Und wird sie mir nicht gelingen, so wird
das ein Zeichen sein, daß ich durchgehends zu wenig mit Dir vereint gehandelt
haben mochte; in diesem Fall werde ich wohl doch sicher auch keines
Ehrenkleides für würdig erachtet werden können! O Herr! Ich werde mit Deiner
Gnade wohl tun, was ich nur immer werde tun können. Und ich vertraue auch fest,
daß mir mit Deinem Beistand dies Werk gelingen wird. Aber dann bitte ich Dich
inständigst, mir dafür keine Ehre anzutun! Wohl aber lasse, o Herr, es zu, daß
ich Dich mit der gewonnenen Schar loben und preisen werde nach allen Kräften.
Denn einem Sünder wie mir gebührt wohl für ewig keine ehrende Auszeichnung!“
[RB.01_103,12]
Rede Ich: „Nun, Mein geliebter Dismas, das ist schon ein guter Anfang! Denn wer
bei Mir der erste sein will, der wird der letzte sein. Wer aber der letzte sein
will und alle seine Brüder ehrt, liebt und bevorzugt, der wird bei Mir der
erste sein in der vollsten Wahrheit. Wer das Leben aus sich zu gewinnen sucht,
der wird es verlieren. Wer aber sein Leben flieht und haßt um Meines wahren
Lebens wegen, der wird es gewinnen in aller Fülle. Und so gehe denn nun dahin,
wohin Ich dir die Weisung erteilt habe!“
[RB.01_103,13]
Dismas macht nun eine tiefe Verbeugung vor Mir und allen Meinen anderen
Freunden und begibt sich dann schnell zu der obgesagten Gesellschaft hin.
104. Kapitel –
Dismas und seine ehemaligen Freunde. Allerlei Einreden der geistig Trägen.
Hungerkur an starrköpfigen Ungläubigen.
[RB.01_104,01]
Nach einigen Augenblicken da angelangt, wird er von der Gesellschaft sehr kalt
empfangen. Dismas aber, solches wohl merkend, spricht die Gesellschaft nun so
an: „Freunde, wie ihr auf der Erde wart, so seid ihr es auch hier. Eure wahren
Freunde waren euch lästig, dafür aber desto angenehmer eure barsten Feinde, die
List genug besaßen, euch Sand in die Augen zu streuen und euch dadurch zu
blenden. Wer zu euch je mit der Wahrheit kam, der wurde von euch als euer Feind
zur Tür hinausgewiesen. Wer euch aber zu schmeicheln verstand wie ein Fuchs den
Hühnern, den begrüßtet ihr stets mit Wärme als euren besten Freund. Solange ich
mit euch leider in ein Horn stieß, ehrtet ihr mich und hieltet mich eurer
Freundschaft wert. Da ich aber – dem Herrn alles Lob! – die Leerheit unseres
Zustandes einsehend, mich von euch abkehrte und dorthin wandte, wo die ewige
Wahrheit und Treue waltet, und so den Weg des Lichts und des Lebens betrat und
nun wieder zu euch zurückkehre, um euch alle auf diesen Weg zu bringen – da
empfanget ihr mich kälter als die kälteste Polarnacht den werdenden Tag!
[RB.01_104,02] O
ihr großen Toren! Was wollt ihr denn aus euch machen? Was hat euch denn bis
jetzt eure Dummheit getragen, welche Vorteile hat sie euch gewährt? Betrachtet
euch und betrachtet jene Freunde Gottes dort. Wie selig sehen sie aus, und wie
entsetzlich unselig ihr! Kann es euch denn bei nur einiger Überlegung wohl
ernst sein, bloß eurer Torheit zuliebe für ewig in diesem miserablen Zustand zu
verharren? Aus welchem Grund wollt ihr denn euch selbst verdammen, so euch Gott
Selbst glückselig machen will? Öffnet doch einmal eure Augen und schaffet
meinen Worten Raum in euren Herzen, damit es Gott und mir möglich werden kann,
euch allen treuherzig zu helfen. Wie wohl tut es mir nun, daß mir der Herr aus
meinem Elend geholfen hat! Soll ich nun als euer alter Freund nicht euch allen
dasselbe wünschen? Warum wendet ihr dann zornig euer Angesicht von mir ab und
verachtet mich obendrauf? Leset es aus meinen Augen, ob ich es unredlich mit
euch meine! Findet ihr eine Hinterlist an mir, da verfluchet mich in Gottes
Namen! Findet ihr aber an mir einen redlichen Freund, da nehmet mich auf und
lasset euch von mir zur wahren Glückseligkeit hinführen!“
[RB.01_104,03]
Spricht einer aus der Mitte der dreißig: „Freund, du bist ehedem ein gescheiter
Mensch gewesen und bist jetzt zu einem Narren gemacht worden! Wer hat denn auf
der dummen Erde mehr gerechnet, gelesen und geforscht als ich, und manchmal
auch du mit mir. Und was haben wir dabei am Ende herausgebracht? Nichts, als
daß der Mensch trotz all seines Mühens über das eigentliche Wesen des
Universums nie je etwas herausbringen kann.
[RB.01_104,04]
Wir Menschen sind noch viel weniger gegen das unendliche Universum Gottes, als
da ist eine Laus gegen die Größe und Kraft eines Menschen. Und wir
allerlausigsten Infusionstierchen des Schöpfungstropfens Erde wollen Gott
begreifen, ja Ihn sogar als uns ebenbürtig vermenschlichen?
[RB.01_104,05]
Schau, Brüderl, wo du hingerutscht bist! Wie kann es dir aber auch nur im Traum
einfallen, in jenem sonst ganz schätzbarsten Menschgeist Jesus die große
Gottheit uns hier auftischen zu wollen? Geh und werde wieder der alte,
vernünftige Kapitän Dismas!“
[RB.01_104,06]
Spricht darauf Dismas: „Freund! Dieser Leib, den wir hier haben, ist kein
fleischlicher, sondern ein rein ätherisch-geistiger Leib, in dem wir alles
dessen gewahr werden, was uns der große Meister Jesus auf der Erde verkündigt
hat. So wir aber nun im höchsten Grad alles an uns bestätigt finden durch das
Fortleben nach des Leibes Tod, durch die Erinnerung an unser irdisches Leben
und durch das Erkennen, daß wir dieselben sind, wie und was wir im Leibesleben
waren – so wollen wir hoffentlich doch nicht zweifeln, daß derjenige
Lebenslehrer, der auf der Erde gleich einer Sonne den Sterblichen zuerst die
Augen öffnete und ihnen ihre wahre, ewig unvergängliche Heimat und ihren wahren
Vater erkennen lehrte, denn doch etwas mehr sein müßte, als alle Menschen
zusammengenommen! Dies, indem Er der Einzige und Erste war, die Menschen ihrer
wahren Bestimmung zuzuführen, und wir nun als Geister die lebendige Überzeugung
haben, daß es genau so ist, wie Er es durch Worte und Taten gelehrt hat! Wenn
Er es nicht ist, sage, wer ist es dann?
[RB.01_104,07]
Zu alledem verrichtet Er Taten bloß durch Seinen Willen! Im Augenblick ist da,
was Er will, und es geschieht alles nach Seinen Worten. Unseres Rates bedarf Er
nicht. Und so Er sich von den Menschen auch etwas anraten läßt, so tut Er das
nur, um den Menschen zu zeigen, wie gar wenig nütze alle menschliche Weisheit
vor Ihm, dem endlos Weisesten ist, und wie gut es sei, ewig nur von Seiner
Weisheit abzuhängen!
[RB.01_104,08]
Wenn ihr dieses alles zusammenfaßt und Jesus aus solchem Licht genauer
betrachtet in euren Herzen, so müßt ihr es ja doch mit den Händen greifen, daß
Er nicht nur ein weisester Lehrer wie sonst keiner, sondern auch das sein muß,
als was Er Sich uns Selbst geoffenbart hat! Denn man kann doch unmöglich
annehmen, daß ein sonst unerreichbar weisester Lehrer neben Seiner unbegrenzten
Weisheit die allereitelste Portion Dummheit besitzen sollte – Sich Seinen
Jüngern als Gott von Ewigkeit vorzustellen und als solcher Sich auch anpreisen
zu lassen und vom Satan Gehorsam, Dienst und Anbetung zu verlangen; was meiner
Beurteilung nach so viel sagen will als: die ganze geschaffene Naturwelt hat
sich Seinem allmächtigen Gottwillen in allem vollkommen zu unterwerfen, so sie
nicht mit der Macht und Kraft Seines Wortes gerichtet werden will!
[RB.01_104,09]
Wenn ein Wesen voll der höchsten unerreichbaren Weisheit aber solches mit allem
Gottesernst nicht nur von den Menschen, sondern sogar von der stummen Natur
verlangt: kann man da wohl noch einen Zweifel haben, ob solch ein Wesen –
wennschon uns Menschen gegenüber in der uns ähnlichen Gestalt – wohl Gott oder
bloß nur gleich uns ein Mensch sei? Ich meine, das nun Gesagte, das sich an
Jesus klar erweist, muß wohl jeden Zweifel heben und in euch die lichteste
Wahrheit aufrichten, daß Er vollkommen das allerhöchste Gottwesen ganz allein
sei. Erhebet euch alle zu diesem Glauben! Ich will euch hinführen zu Ihm, wo Er
euch dann Selbst zeigen wird, daß Er Derjenige ist, vor dessen Namen sich alle
Mächte Himmels und aller Welten allertiefst beugen müssen.
[RB.01_104,10]
Ihr wißt doch, daß eben ich derjenige war und noch bin, der wohl am
allerwenigsten je etwas leichten Kaufes angenommen hat. Ich wehrte mich gewiß
so lange, als es nur immer tunlich war. Aber als ich durch eine sehr harte
Prüfung zum rechten Licht gelangte, da nahm ich alles das ungezweifelt an, was
mir die klarste Offenbarung über Jesus kundgab und jetzt noch in stets hellerem
Licht kundgibt. Wenn also ich, als der Hartnäckigste unter euch, Jesus nun als
Gott anerkenne, so glaube ich, daß solches auch bei euch umso leichter
stattfinden kann, indem ihr doch alle auf der Welt gläubiger wart als ich!“
[RB.01_104,11]
Spricht der frühere Wortführer: „Freund, dich hat der Hunger dazu genötigt! Wir
aber sind eben noch nicht gar so hungrig! Wenn uns aber der Hunger zwingen
wird, dann werden auch wir lieber jenen Schwarzkünstler für einen Gott halten
als verhungern!“
[RB.01_104,12]
Spricht Dismas: „O ihr dummen Halbpolypen des stinkendsten Pfützenschlamms! Wo
hat mich der Hunger zu der Annahme genötigt, daß Jesus der alleinige, wahre
Gott sei? Niemand von euch hat mich hier essen noch trinken gesehen. Und ihr
sagt, ich hätte solches aus Hunger getan? Nun sehe ich klar, daß ihr alle rein
des Teufels seid! Ja, es hat mich der Hunger dazu geleitet; aber es war kein
Magenhunger, sondern ein Hunger im Herzen nach Dem, der mir das Leben gab, das
ich liebte, aber das mir ohne Ihn auch ein unerforschliches Rätsel war! –
Dieser Hunger und Durst nach der großen Enthüllung dieses heiligen Rätsels ist
nun freilich gesättigt für ewig, und die Sphinx ist besiegt. Aber mein Magen
ist noch vollkommen leer!
[RB.01_104,13]
Ihr aber sagt: ,Wir haben keinen Hunger, auch den heiligen des Herzens nicht!‘
Dann ist mir euer unheilbarer Zustand wie auch dessen Grund erklärlich. Wartet
aber nur ein wenig, und es soll ein ganz sonderbarer Hunger euch zuteil werden.
Wir werden es dann sehen, wie er euch munden wird!“
[RB.01_104,14]
Spricht der Sprecher der Gesellschaft: „Ja, ja, Freund, nur einen rechten
Hunger, dann wird sich alles andere schon machen! Denn für die Hungrigen ist
der ein Gott, der ihnen etwas zu essen gibt. Jene aber, die keinen Hunger, d.h.
weder ein objektives noch subjektives Bedürfnis haben, fragen wenig nach Gott
und Seinem Reiche. Zum Beispiel, wenn jemand von einer gewissen Lethargie in
seinem ganzen Wesen ergriffen und dabei von einem Schlaf befallen wird, so daß
er seiner Sinne kaum mehr mächtig ist – predige dem von der Moral und aller
Tugend, so wird er nicht darauf achten; denn seine Sinne sind träge und sein
Geist schläft!
[RB.01_104,15]
Willst du aber mit solch einem Menschen etwas ausrichten, so heile ihn zuerst
von seinem Übel. Schaffe in seiner Seele ein lebendiges Bedürfnis nach dem, was
du ihm geben willst, so wird er dann auch sicher begierig aufnehmen, was du ihm
bietest. Aber ohne diese Vorarbeit wirst du bei deinem Patienten schwerlich
etwas ausrichten. – Sage mir, würde die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes
wohl statthaben, wenn der Schöpfer nicht in die sonst stumpfe Natur des
Menschen einen so mächtigen Trieb oder Hunger nach der Zeugung gelegt hätte?!
Was würde ein Weib dem Mann sein, so dem Mann zum Weib keine Neigung eingehaucht
wäre?
[RB.01_104,16]
Du siehst hieraus leicht, daß beim Menschen allenthalben ein mächtiges
Bedürfnis vorhanden sein muß, so er sich für etwas tatkräftig interessieren
soll.
[RB.01_104,17]
Und so steht es nun gerade auch mit uns. Zu alledem, was du uns nun vorgetragen
hast, fühlen wir durchaus kein Bedürfnis in uns. Wir sind wie Halbtote und
haben keine Freude an diesem schläfrigen Hundeleben. Sind wir aber durchaus
keine Lebensfreunde, wie sollen uns dann deine Lebenslehren und wie dein
einziger Lebensmeister Jesus interessieren? Schaffe in uns erst einen Hunger
oder fahre mit deinen uns lästigen Torheiten ab! Unsertwegen kann dein Jesus
zehnmal hintereinander das höchste Gottwesen sein. Wenn wir aber kein Bedürfnis
nach ihm haben, wenn wir wie Steine nahezu ohne Empfindung hier
beisammenkauern, was soll uns da dein Meister Jesus sein? Schaffe daher mehr
Leben in uns und gib uns ein Bedürfnis nach ihm, dann wird es sich zeigen, wie
wir uns Jesus gegenüber benehmen werden – vielleicht besser als du!“
[RB.01_104,18]
Diese Rede macht Dismas stutzen, und er weiß nun nicht, was er machen soll. Ich
aber gebe ihm ins Herz, daß er durch sein Wollen in Meinem Namen einen
mächtigen Hunger in ihre Magen legen soll; da werden dann diese Halbtoten schon
mehr und mehr ins Leben überzugehen anfangen.
[RB.01_104,19]
Dismas tut das, und die Gesellschaft wird alsbald regsamer. Einige fangen sich
die Bauchgegend zu befühlen an und sagen zum Sprecher: „Freund, mache, daß wir
etwas zu essen bekommen, sonst fressen wir dich bei Butz und Stengel auf!“
[RB.01_104,20]
Spricht der Sprecher: „Narren, ich werde nun selbst hungrig wie ein zur
Schlachtung durchfasteter Ochse und habe selbst nichts, womit ich mich sättigen
könnte! Was soll ich dann euch geben? Da steht der Dismas vor euch – den packt!
Der wird wohl etwas zum Essen und Trinken haben. Denn er ist ja nun ein intimer
Freund jenes Lehrers Jesus geworden, der einmal in einer Wüste bei fünftausend
Menschen mit wenig Broten soll gesättigt haben! Vielleicht ist da für uns auch noch
eine Kleinigkeit übrig geblieben? Daher also nur den Dismas angepackt!“
[RB.01_104,21]
Darauf fangen alle an, in den Dismas zu dringen und verlangen Speise und Trank
von ihm.
[RB.01_104,22]
Dismas aber spricht: „Freunde, ihr fordert etwas von mir, das ich nicht habe.
Dort am Tisch aber sitzt Derjenige, der alle Sättigung besitzt in Hülle und
Fülle! Geht zu Ihm hin, bekennt vor Ihm eure Gebrechen, demütigt euch vor Ihm
und erfüllet eure Herzen mit Liebe zu Ihm, dann werdet ihr sicher auch
gesättigt werden!“
[RB.01_104,23]
Sprechen die nun stets empfindlicher hungrig und durstig werdenden Freunde zu
Dismas: „O du ausgepeitschter Hauptlump! Hast du uns nach deinen eigenen Worten
den Hunger und den Durst geben können, wie sollst du nun nicht imstande sein, uns
allen die beiden Plagen wieder zu nehmen? Kannst du das eine, so mußt du auch
das andere können. Nimm uns allen daher sogleich den quälenden Hunger und
brennenden Durst – sonst siehe zu, was dir widerfahren wird!“
[RB.01_104,24]
Spricht Dismas: „Liebe Freunde, ich bitte euch um eures eigenen Heiles willen,
werdet nicht ungestüm! – Daß ich euch auf euer eigenes Verlangen Hunger und
Durst geben konnte, beruht darauf, daß da nie jemand einem Bruder etwas zu
geben vermag, was er zuvor nicht selbst hat. Ich selbst aber habe einen wahren
Hundert-Ochsen-Hunger und kann davon sehr leicht den starken Überfluß mit
andern teilen. Hätte ich auch eine Sättigung, so könnte ich auch diese mit
andern teilen. – Aber so ich euch zeige, wo ihr für ewig die vollste Sättigung
finden müßt, so geht denn hin und tuet, was ich euch angeraten habe! So werdet
ihr auch bestimmt von Dem alle Sättigung überkommen, der die ganze
Unendlichkeit nährt und erhält. Sollte euch da die Sättigung nicht werden, dann
erst habt ihr das Recht, mit mir zu machen, was ihr nur immer wollt; aber eher
nicht! Unterlasset ihr aber diesen Punkt, so habt ihr es euch selbst
zuzuschreiben, so ihr nicht gesättigt würdet!“
[RB.01_104,25]
Sprechen die Hungrigen und Durstigen: „Haben wir dich denn gerufen, zu uns zu
kommen? Du kamst zu uns nicht in unserem Auftrag, sondern im Auftrag deines
Gottes Jesus. Hat Er dir aber die Macht gegeben, uns mit Hunger und Durst zu
schlagen, warum denn nicht auch die Macht, uns zu sättigen?“
[RB.01_104,26]
Spricht Dismas: „Liebe Freunde, wer von uns hat denn eine Macht, Gott zu
nötigen? Er ist der allein Allmächtige und kann tun, was Er will! Er läßt aber
gewöhnlich zuvor durch allerlei Apostel den Menschen Bitteres bringen, damit
sie dann zu Ihm kommen und Süßes von Ihm empfangen sollen. Die Menschen müssen
dadurch zur Einsicht gelangen, daß alle Menschenhilfe nutzlos ist. Erwartet
daher auch von mir nichts Gutes! Denn so ich selbst schlecht bin, wie könnte
ich euch denn Gutes bieten? – Der aber, der Selbst wahrhaftig ist und übergut,
kann auch allein das Gute geben. Daher also zu Ihm hin!“
[RB.01_104,27]
Sprechen die Hungrigen und Durstigen: „Wenn alles gut ist, was von Ihm ist –
warum sind denn hernach du und wir schlecht? Gehen wir doch alle von Ihm aus!“
[RB.01_104,28]
Spricht Dismas: „Wir sind nicht schlecht von Ihm aus. Durch uns selbst werden
wir erst dann schlecht, so wir zufolge unseres freien Willens uns von Ihm
abwenden und uns die vergebliche Mühe machen, zu tun, als wären wir selbst
freie Götter, die vom eigentlichen Gott nichts mehr hören wollen. Da aber Gott
das nicht wollen kann, läßt Er solche eingebildete Götter so oft anrennen, bis
sie zur Einsicht kommen, daß sie doch keine Götter, sondern ohne Ihn nur
schwache und dumme Menschen sind. Das bedenkt auch ihr und geht zu Ihm hin, so
wird euch sicherlich wahrhaft geholfen werden!“
[RB.01_104,29]
Spricht die nun schon verzweifelt hungrige und durstige Gesellschaft: „Aber wir
wissen gar nicht, was du mit deinem ,Sichergeholfenwerden‘ hast! Dummer Teufel,
bist du auch zu Ihm hingegangen, als dich der Blum dazu aufforderte? Ist dir
denn dadurch geholfen worden? Was hast du denn mehr, als du ehedem gehabt hast!
Oder bist du nun etwa satter geworden als du früher warst? So wie uns allen
schaut auch dir der Hunger bei den Augen heraus! Und das nennst du ein
Besserwerden?
[RB.01_104,30] O
du blitzdummes Luder von einem Apostel! Geh und lasse dich nicht auslachen!
Komme selbst mit einem zufriedeneren Gesicht zu uns, so wollen wir dir ein
wenig mehr Glauben schenken, als es nun möglich ist. Aber wenn du selbst mit
einem unzufriedenen und bedürfnisreichsten Gesicht zu uns kommst, wird dir kein
Menschengeist glauben, daß du selig, d.h. mit allem versorgt und versehen bist!
[RB.01_104,31]
Fahre daher nur wieder ganz ruhig ab, Dismas! Denn in deinem uns bis jetzt auf
ein Haar gleichen Zustand richtest du nichts mit uns aus. Bringe uns lieber
etwas zu trinken und zu essen, dann werden wir dir auch anderswohin folgen.
Aber von deiner gegenwärtigen Weisheit läßt sich beim besten Gewissen nichts
herabbeißen. Denke nach, wie dumm du nun bist. Du empfiehlst anderen etwas an,
was du selber noch nie gehabt hast! Dein Vater muß Schweinernes gern gegessen
haben, weil ihm an dir ein so saudummer Sohn geraten ist!“
[RB.01_104,32]
Spricht Dismas: „Freunde, habe ich euch von dem, was ich in Kürze an mir
erfahren habe, keine lebendige Überzeugung verschaffen können, so müßt ihr mir
doch eines zugeben: daß ich es mit euch allen sicher wohlgemeint habe.
Desgleichen kann mir von euch wohl nie jemand nachweisen, daß ich mich unartig,
roh und grob gegen ihn benommen habe. Daher glaube ich von euch erwarten zu
dürfen, mit mir doch ein wenig artiger zu reden. Ich ziehe euch ja nicht bei
den Haaren hin zum Herrn. Wollt ihr hingehen, so gehet hin; wollt ihr es durchaus
nicht, wird euch auch kein Zwang angetan werden. Aber roh und flegelhaft grob
solltet ihr darum nicht sein. Daß ihr nun einen starken Hunger und Durst in
euch verspürt, daran bin nicht ich schuld, sondern ihr selbst. Ihr habt zu
eurer Belebung den Hunger gewünscht; und nicht ich, sondern der Herr hat ihn
euch zukommen lassen durch mein Wort. Ich aber habe euch sogleich gezeigt, wo
und wie ihr Hunger und Durst stillen könnt! Warum tut ihr es nicht, so ihr es
wißt? Ihr heißt mich einen dummen Teufel, weil ich dem Blum folgte und sagt,
daß mir diese Hinreise nichts genützt habe. Ich aber sage euch, daß mir diese
Hinreise überaus viel genützt hat. Ist auch mein Magen noch leer, so ist aber
dennoch mein Herz gesättigt mit der Liebe zu Gott dem Herrn. Es ist viel
besser, sein Herz als hundert Magen satt zu machen. Neben einem hungrigen
Herzen kann kein Magen befriedigt werden, außer mit einer Kost zum Tod des
Herzens. – Tuet nun, was ihr wollt! Ich aber werde euch für die Folge keinen
Narren mehr machen. Wollt ihr Viehvolk bleiben, so bleibet es! Wollt ihr aber
hin zum Herrn gehen, so steht euch der Lebensweg offen!“
[RB.01_104,33]
Auf diese Worte des Dismas stutzt die Gesellschaft und ist unschlüssig, was sie
nun tun soll.
[RB.01_104,34]
Der Hauptwortführer aus ihrer Mitte tritt hervor und spricht, als ihn alle zu
reden ersuchen: „Freunde und Schwestern! Ich habe nun viel nachgedacht über die
Mission des Dismas an uns und über seine Rede. Ich habe, ich muß es euch offen
gestehen, gefunden, daß er am Ende doch recht hat. Wir sollten wahrlich das
tun, was er von uns haben will. Denn wir können für eine halbe Ewigkeit hin und
her witzeln und Rat halten, so werden wir aber dennoch schwerlich je zu etwas
Besserem gelangen, als es der gute Bruder Dismas uns geraten hat.
[RB.01_104,35]
Was hindert uns denn, ebenfalls zu jenem Mann hinzugehen, von dem der Dismas
nebst allen anderen, die nun schon glücklich sind, aussagen, daß er die
Gottheit Selbst sei? Ich meine also: Ist jener Jesus wirklich Gott Selbst,
trotz unseres starren Unglaubens, so wäre unsere Widersetzlichkeit gegen ihn
mehr als eine Tollheit zu nennen. Und sollte er das nicht sein, was Dismas
nebst den glücklichen anderen von ihm aussagen, nun, so haben wir wahrlich
nichts verloren, so wir ihn uns zu einem Freund gestalten. Denn wenn die
anderen an seiner Seite es gut haben, warum sollen wir es denn schlecht haben –
so es nur von uns abhängt, uns hinzubegeben und ihn durch unsere
Herzensfreundlichkeit zu gewinnen? Ist's nichts, so verlieren wir nichts. Alles
aber, was wir dadurch erreichen, kann für uns nur ein Gewinn sein. Denn wer,
wie wir, durchaus nichts hat, der kann ja auch ewig nichts verlieren, sondern
nur gewinnen. Gehen wir daher doch zum Herrn dieses Hauses hin; es wird sich
dann ja zeigen, welchen Fang wir dadurch gemacht haben, so wir Christum werden
gesprochen haben. Was meinet denn ihr in dieser Sache?“
[RB.01_104,36]
Sprechen alle anderen: „Ja, ja, das können wir kinderleicht tun, weil es uns
keine besondere Mühe kostet; die Köpfe wird er uns ja doch nicht vom Rumpfe
reißen. – Auf deine vernünftige Rede ist aber auch leichter etwas zu
unternehmen als auf die stark geschwollene des Dismas! Wir wollen zwar nicht
behaupten, daß Dismas dumm geredet hätte; aber eine geschwollene Rede macht nie
den Effekt wie eine nüchtern vernünftige.“
[RB.01_104,37]
„Es wäre sonst alles recht“, spricht ein anderer aus der Gesellschaft, „wenn
wir aber nur so um ein Haar besser adjustiert wären! – Besonders jämmerlich
nehmen sich unsere zehn Damen aus! Nichts als Fetzen und Lumpen schmutzigster
Art hängen in Unordnung über ihre äußerst unvorteilhaft aussehenden Leiber! –
Und wir Männer haben ebenfalls nicht viel voraus. Ich meine daher, daß wir
zuvor trachten sollten, zu etwas besseren Kleidern zu kommen, und dann erst zu
ihm hinzugehen; denn in diesen unhochzeitlichen Kleidern würden wir uns in
seiner Nähe gar verflucht schlecht ausnehmen!“
[RB.01_104,38]
Spricht der erste Redner: „Freund, übers Können hinaus kann niemand gezwungen
werden! So sollen denn die Damen hinter uns einhergehen; und die von uns noch
am leidlichsten bekleidet sind, die machen den Vortrupp – und so wird es sich
meiner Meinung nach schon machen. Dismas als der am besten Bekleidete aber
macht ja ohnehin unseren Anführer.“
[RB.01_104,39]
Sagen alle anderen: „Nun gut, so wollen wir denn den Versuch machen!“
105. Kapitel –
Über die Werke des Verstandes und des Herzens. Dismas bringt die
Schwergläubigen zum Herrn.
[RB.01_105,01]
Spricht Dismas: „Nun habt ihr euch endlich für den Lebensweg entschieden. Recht
so! Wenn wir tun, wie es der Herr will, werden wir nie irregehen; aber mit
unserem eigenen Verstand sind wir auf dem trockensten Holzweg. Wo der Mensch
nur seinem kalten Verstand folgt, kommt er gewöhnlich aufs Eis, wo es mit dem
Feststehen einen bedeutenden Faden hat. Nur wo der Mensch dem lebendigen Rat
seines Herzens nachgeht, da kommt er auf ein grünes Land, d.h. auf eine
lebendige Hoffnung! Und so ist es nun auch mit euch wie mit mir selbst der
Fall. Wir haben nun dem Rat unserer Herzen nachgegeben und ich bin fest
überzeugt, daß es mit uns allen ehestens besser wird!
[RB.01_105,02]
Denkt nur einmal nach, was alles uns unser eigener Verstand geraten und welchen
Wust von Gesetzen er zuwege gebracht hat. Was aber haben sie uns genützt?
Nehmen wir dagegen all die wahrhaft großen Werke der Menschen auf der Erde, wie
z.B. die der großen Meister in den schönen Künsten der Musik, Poesie und
Malerei! Alle waren sie Schüler ihrer Herzen, ihres Gemütes! Und ihre Werke
stehen unerreichbar vor den blinden Augen der aus lauter Verstand
zusammengesetzten Nachwelt, die sich dann die Mühe nimmt, die großen Werke
eines freien Herzens durch tausend Regeln und Gesetze zu erörtern, von denen
dem Großmeister bei der Schöpfung seiner unerreichbaren Werke sicher nie etwas
geträumt hat.
[RB.01_105,03]
Fragt aber, ob je ein solcher nachhinkender Regelschmied etwas Geniales, Freies
und Lebenduftendes zuwege gebracht hat? Sind solcher Fabrikanten Werke nicht
stets trocken und steif? Denn in allen Werken des bloßen Verstandes liegt der
Fluch, während die geringsten Werke des Herzens von endlos großem Wert sind für
alles, was da atmet und lebt.
[RB.01_105,04]
Aus diesem nur zu wahren Grunde aber wollen wir auch dem Verstand samt allen
seinen Produkten für ewig den Abschied geben und uns allein an die Wege und
Werke unseres Herzens halten. Wir werden damit sicher bald zu einem besseren
Ziel gelangen, als das bis jetzt der Fall war.
[RB.01_105,05]
Mit dieser nötigen Vorbetrachtung können wir uns nun getrost zum Herrn
hinbegeben, wo wir nach unserer umgewandelten Gemütsstimmung auch zu der
erforderlichen Herzens- und Magenstärkung gelangen werden. Und so folget mir
nun in der Ordnung, die ihr selbst wegen der sehr unvorteilhaften Bekleidung
angeordnet habt!“
[RB.01_105,06]
Nach dieser guten und wahren Rede des Dismas gehen nun alle etwas furchtsam zu
Mir her. Bei Mir angelangt, verneigt sich Dismas abermals tiefst vor Mir und
spricht: „O Herr! Durch Deine Gnade und alleinige Hilfe ist mir armem Sünder
dies heilige Werk gelungen: Alle dreißig sind mir in Deinem Namen hierher
gefolgt. Nun geschehe mit ihnen wie mit mir Dein heiliger Wille! Aber nur kein
Ehrenkleid mir dafür; darum bitte ich Dich! Dir allein sei alle Ehre ewig!“
[RB.01_105,07]
Rede Ich: „Recht gut hast du, Mein lieber Dismas, deine Mission vollendet und
hast dich nun um Meinen Namen sehr verdient gemacht! Ich will dir deshalb auch
geben, was dir gebührt; nachher aber auch deinen Gewonnenen nach ihrem Herzen!“
– Mich zu Robert wendend: „Robert, gehe hin und bringe Wein und Brot und ein
rechtes Gewand für Bruder Dismas! Ich aber werde nun mit diesen dreißig eine
kleine Verhandlung halten. Es sei!“
106. Kapitel –
Redeführer Bruno. Des Herrn kritische Gegenfragen. Brunos Demut ruft des Herrn
Gnade herab.
[RB.01_106,01]
Der Redeführer der dreißig tritt hervor, verneigt sich tief vor Mir und der
ganzen Tischgesellschaft und spricht dann beherzt: „Herr, Schöpfer, Erhalter
und Regent der ganzen Unendlichkeit! Wir stehen hier als vollste Nichtigkeiten
vor Dir, der Du allein alles in allem bist, und erwarten von Dir Gnade und
Barmherzigkeit! Nicht aber so, als hätten wir irgendein Recht darauf, da wir
alle schwache und sogar gröbliche Sünder sind; sondern weil Du Gott als die
reinste und vollkommenste Liebe bist, die sich für die gefallenen Sünder hat an
das Kreuz heften lassen. Du allein bist die Stärke der Schwachen, der Heiland
der Elenden, die Hilfe der Notleidenden! Du Selbst sagtest zu den Sündern:
,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch alle
erquicken!‘
[RB.01_106,02]
Und so sind denn auch wir nun vor Dir, vollbelastet von allen Beschwerden des
Lebens. Nimm sie uns ab nach Deiner Erbarmung, o Herr! Wohl können wir Dir
dafür nichts bieten als höchstens dreißig mit allerlei Sünden behaftete Herzen,
die Dich über alles lieben möchten, so sie sich getrauten. Die wahre Liebe sucht
nur das Herz, für alles andere ist sie blind.
[RB.01_106,03]
So wollest denn Du, o Herr, mit uns verfahren! Sieh nicht auf unsere Taten, die
allesamt schlecht sind. Sieh auf unsere Herzen, die, wennschon unlauter,
dennoch nach Deinem heiligsten Vaterherzen gieren wie ein dürres Gras nach
einem Tautropfen!“
[RB.01_106,04]
Rede Ich: „Ja, Mein lieber Bruno, es ist alles recht gut, wahr und schön, was
du nun geredet hast im Namen deiner Brüder und Schwestern. Aber in der Schrift
steht geschrieben, daß Hurer und Ehebrecher in das Reich Gottes nicht eingehen
werden! Ihr aber seid durch die Bank grobe Hurer und Ehebrecher und dabei
voller Selbstsucht gewesen. Meine Gnade aber, die ihr wollt, ist das
eigentliche Gottesreich. Es fragt sich daher, wie ihr im Einklang mit der
Schrift Meiner Gnade und Erbarmung teilhaftig zu werden gedenket?“
[RB.01_106,05]
Spricht Bruno: „O Herr, gestatte, daß ein Sünder vor Dir seinen Mund öffnen
darf: Du wirst es ja keinem Sünder verwehren, Reue zu fühlen über seine Sünden
und Dich um Gnade anzuflehen! Du hast ja trotz dieses schlimmen Richtertextes
Deiner Heiligen Schrift dem Mörder am Kreuz Dein Reich nicht verschlossen, hast
die Ehebrecherin im Tempel nicht gerichtet, auch die Magdalena nicht, und
kehrtest ins Haus des Zachäus ein. Ebenso hast Du auch nun hier so manche schon
beseligt durch Deine Gnade, die Dir doch auch nicht mehr tun konnten als wir. O
so sei auch mit uns nicht härter!“
[RB.01_106,06]
Rede Ich: „Ja, ja, aber alle diese waren nicht gar so grobe Sünder wie ihr!“
[RB.01_106,07]
Spricht Bruno: „O Herr! Was kann wohl vor Dir groß oder klein sein, ob Sünde
oder Tugend? Du allein bist groß und gut, alles andere aber ist nichts vor Dir!
O Herr, der Du für Panther, Löwen, Hyänen und Tiger sorgst, die doch böse Tiere
sind, sorge denn auch für uns, wenigstens nach dem Maße wie für diese Tiere!“
[RB.01_106,08]
Ich winke hier dem Robert, mit Wein und Brot zu kommen. Bruno schaut erstaunt
dem Robert entgegen, weiß aber noch nicht, was das bedeuten soll.
107. Kapitel –
Himmlisches Gnadenmahl. Herzensprobe in der Feindesliebe.
[RB.01_107,01]
Robert stellt vor Mir Brot und Wein auf den Tisch, verneigt sich dann und geht
auf seinen Platz. Ich aber nehme das Brot und frage Bruno, ob er wohl wisse,
was das sei?
[RB.01_107,02]
Spricht Bruno: „Herr! Das ist Brot der Himmel, eine wahre Speise zum ewigen
Leben und zur Vergebung der Sünden. Wohl dem, der es zu essen bekommt!“
[RB.01_107,03]
Sage Ich: „Nun gut denn! Weil du also glaubst und sprichst, so nimm es hin und
iß davon, soviel du magst!“
[RB.01_107,04]
Spricht Bruno: „Herr! Es sind aber hier nebst mir noch neunundzwanzig, die noch
hungriger sein dürften als ich! O lasse es zu, daß ich von diesem Brot zuerst
ihnen gebe nach ihrem Bedürfnis und mich dann erst sättige mit dem, was da
übrigbleiben könnte!“
[RB.01_107,05]
Rede Ich: „Tue nach dem Verlangen deines Herzens!“
[RB.01_107,06]
Da dankt Bruno Mir für das Brot mit Tränen im Auge und teilt es bis auf das
letzte Brotkorn unter die neunundzwanzig aus, die es mit gerührtesten Herzen
sogleich verzehren. Einer aber bemerkt, daß Bruno sich selbst vergessen hat,
tritt zu ihm hin und sagt: „Aber lieber Freund Bruno, du hast ja bei der
Teilung des Brotes dich ganz vergessen und hast alles uns gegeben, was der Herr
dir gegeben hat. Ich habe von meinem Stück noch nichts weggenommen – nimm es
hin und iß es, denn du bist nicht minder hungrig als ich!“
[RB.01_107,07]
Spricht Bruno: „Liebster Freund, behalte und esse, was ich dir durch des Herrn
Gnade gegeben habe! Ich habe mehr Freude, so ihr alle gesättigt seid, als wenn
ich hundertfach wäre gesättigt worden. Sorgt euch nur um mich nicht, denn an
der Seite dieses heiligen Gebers darf einem um die Sättigung wohl ewig nimmer
bange werden!“
[RB.01_107,08]
Bei diesem herrlichen Benehmen Brunos wie auch seines Freundes kommen allen
Gästen wie auch Mir Selbst Tränen großer Freude! Denn es gibt in allen Himmeln
nichts Erhabeneres und Ergreifenderes, als wenn ein armer und sehr hungriger
Mann beim Anblick seiner gleich armen und hungrigen Brüder seiner selbst
gänzlich vergißt und all das ihm Zugekommene an sie abgibt. Ein solcher macht
dadurch einen Riesenschritt ins Zentrum Meiner Liebe!
[RB.01_107,09]
Solches merket auch ihr auf der Erde besonders wohl und schreibet es euch in
eure Herzen!
[RB.01_107,10]
Darauf nehme Ich den Wein und gebe ihn Bruno mit der Frage, was dieses sei.
[RB.01_107,11]
Bruno spricht voll dankbarster Rührung: „O Herr, das ist ein köstlicher Wein
aus der heiligsten Kelter Deines göttlichen Vaterherzens! Mit nie erlöschendem
Dank wage ich, ihn aus Deinen heiligsten Händen zu nehmen und, so Du es
erlaubst, ihn auch meinen armen, durstigen Brüdern zukommen zu lassen.“
[RB.01_107,12]
Sage Ich: „Ich habe dir schon früher gesagt, daß es Mir völlig recht ist, was
du immer nach dem edlen Drange deines Herzens tust. Siehe, der Wein ist nun
dein; tue damit, was du willst!“
[RB.01_107,13]
Bruno dankt Mir gerührt und reicht den Wein sogleich seinen Brüdern und
Freunden. Diese aber beteuern, davon nicht eher etwas zu nehmen, als bis er
davon getrunken habe. Aber Bruno tut's nun einmal nicht anders, und so nehmen
denn die andern dankbarst den Wein und trinken davon nach Herzenslust. Es
bleibt aber auch vom Wein nichts übrig. Obschon aber Bruno nun noch voll Hunger
und Durst ist, freut er sich dennoch innig, daß seine Brüder gestärkt sind und
sogleich ein besseres Aussehen bekommen.
[RB.01_107,14]
Rede Ich: „Nun, geliebter Bruno, sage Mir, wie hat dir denn Mein Brot und Mein
Wein geschmeckt? Bist du nun stärker als du früher warst?“
[RB.01_107,15]
Spricht Bruno beherzt: „Herr! Ich habe nur einen Mund, einen Magen und ein
Herz. Diese aber haben neunundzwanzig Münder, ebensoviele Magen und Herzen. Da
anstatt meiner neunundzwanzig gestärkt worden sind, die ich alle wie ein
zweites Ich in meinem Herzen trage, so bin ich dadurch nicht nur einfach,
sondern in Wahrheit neunundzwanzigfach gesättigt worden durch die Freude der
gestärkten armen Brüder und Schwestern! Und so kann ich auf Deine heilige Frage
wahrlich nichts anderes antworten, als daß mir Dein heiliges Himmelsbrot und
der Wein sicher bestens gemundet haben! Dir allein ewig Dank darum!“
[RB.01_107,16]
Rede Ich: „Liebster Freund Bruno! Siehe, du hast auf der Erde wohl recht oft
und sehr gröblich gesündigt. Aber weil du so viel uneigennützigste Liebe gegen
deine Brüder in deinem Herzen fassest, wird dir auch viel vergeben werden! Denn
jedem Wohltäter an seinen Brüdern und Schwestern wird hier Barmherzigkeit
zukommen, indem er selbst Barmherzigkeit ausgeübt hat; und so denn auch dir
deiner Brüder wegen und den Brüdern deinetwegen; denn da steht einer für alle
und alle für einen!
[RB.01_107,17]
Aber es gibt da auch Wohltäter auf der Welt, die gegen ein armes junges Mädchen
sehr barmherzig sind und ihm nach allen ihren Kräften zu helfen suchen. Kommt
aber eine alte und mühselige Witwe zu ihnen, wird sie mit einer Predigt und
einem schlechten Kreuzer abgespeist, ebenso auch ein alter, armer Bruder.
Solchen barmherzigen Wohltätern werde Ich wenig Barmherzigkeit erweisen! Denn
wer für seine Wohltaten einen Genuß haben will, und wenn er den nicht haben
kann, dann härteren Herzens ist als ein Stein, der gehört zur Familie aller
Teufel. Denn auch die Teufel tun denen Gutes, von denen sie einen angenehmen
Vorteil zu erwarten haben.
[RB.01_107,18]
Du aber übst hier Barmherzigkeit aus, hinter der keine unlautere Absicht zu
erschauen war, und sollst daher auch bei Mir die höchste Erbarmung finden! Aber
bevor Ich dir diese im Vollmaß angedeihen lasse, wirst du Mir noch eine Probe
deines Herzens ablegen müssen! Wirst du auch diese bestehen, dann soll dir
sogleich Meine Gnade im vollsten Maße zuteil werden!
[RB.01_107,19]
Da gegen Abend hin ersiehst du eine Tür, die halb geöffnet ist. Gehe dorthin!
In jenem Gemach wirst du lauter Menschen finden, die auf der Welt deine ärgsten
Feinde waren. Suche sie zu gewinnen und bringe sie zu Mir, so wirst du dann
vollkommen sein vor Mir. Denn wer nur seinen Freunden Gutes tut, der hat noch
lange nicht alles getan, auf daß er dann vor Mir sagen könnte: ,Herr, ich war
dennoch ein unnützer Knecht!‘ Wer aber das nicht sagen kann, der ist Meiner
wohl noch lange nicht wert! Gehe daher hin und handle nach Meinen Worten!“
[RB.01_107,20]
Spricht Bruno: „O Herr, Dein heiliger Wille geschehe! Dein Wille ist mein
Leben, mein Heil und meine höchste Wonne! O wie süß ist es, zu handeln im Hause
des ewigen, allmächtigen Vaters! – O ihr meine Feinde alle, ihr Brüder, die ihr
in mir einen Bruder, der euch liebte, hart verkannt habt – im Namen meines
Gottes, Herrn und Vaters komme ich zu euch, um euch zu segnen und Gutes zu tun
und dadurch auch für ewig zu vergessen jede Unbill, die ihr mir je erwiesen
habt!
[RB.01_107,21]
Oh, Wonne erfüllt nun mein Herz, das sich jetzt stark genug findet, sich vor
seinen hochmütigen und selbstsüchtigen Verächtern zu demütigen! Dunkel ahne ich
nun, was Dein heiliges Vaterherz damals im Angesicht Deiner argen Feinde muß
empfunden haben, als Du in Dir zum Vater riefst: ,Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun!‘ O heilige, endlose Größe, deren nur ein Gottesherz
fähig ist!
[RB.01_107,22]
Wahrlich, es ist schön, ja erhebend, so ein Bruder dem Bruder hilft, ohne je an
ein Entgelt zu denken! Aber Höheres und Größeres faßt kein Himmel, als zu
segnen, die uns fluchen, und wohlzutun denen, die uns gehaßt, verachtet und
verfolgt haben!
[RB.01_107,23]
Daher hin zu meinen Feinden! Denn diese sind wie berufen, mein Herz zu
vollenden vor Gott!“ Mit solch seltenen, erhebenden Worten stürzt Bruno zu der
bezeichneten Tür hin.
108. Kapitel –
Der Liebesheld von Feinden umringt. Christi Liebe überwindet alles.
[RB.01_108,01]
Als Bruno in das Gemach seiner Feinde eingehen will, stellen sich sogleich
mehrere vor die Tür und sagen mit zornerregter Stimme: „Zurück, Elender! Was
haben wir mit dir zu tun? Warst uns doch stets widerwärtiger als der Tod und
ein Gegenstand unseres Hasses und tiefster Verachtung! Was sollen wir nun mit
dir hier in der Hölle? Zu allen Teufeln mit dir, du elendste Menschenbestie!“
[RB.01_108,02]
Spricht Bruno beherzt: „Liebe Freunde, was habe ich euch denn je getan, daß ihr
so entsetzlich gehässig seid? Ich will ja alles tun, was ihr von mir verlangt
nach Recht und Billigkeit, damit ihr mir nur wieder gut werden möchtet!“
[RB.01_108,03]
Schreien die Wüteriche in der Tür: „Du elende Menschenbestie kannst nichts tun,
um uns eine bessere Meinung von dir anzubinden! Wir brauchen nichts von dir als
daß du uns verläßt. Deine Gestalt widert uns mehr als die unterste Hölle an!
Und so weiche gutwillig von uns, sonst zerreißen wir dich in Stücke!“
[RB.01_108,04]
Spricht Bruno: „Wenn euch das mit mir aussöhnen kann, so lasse ich mich gerne
kreuzigen von euch! Aber nur versprechen müßt ihr mir, daß ihr dann keinen
Groll mehr auf mich habt!“
[RB.01_108,05]
Sprechen die Wüteriche: „Glaubst du denn, daß uns das zur Ehre gereichen würde?
Wir – und dich kreuzigen, das wäre doch eine barste Schande für uns! Höchstens
dich niederschlagen wie einen schäbigsten Hund, das könnten wir dir
anstandshalber tun, wenn wir gerade gut gelaunt wären! Aber mit dir uns eine
größere Mühe zu nehmen, wäre wahrlich lächerlich von uns! Fahre daher ab und
ärgere uns nicht länger durch deine scheußliche Gegenwart!“
[RB.01_108,06]
Spricht Bruno: „Aber schätzbarste Freunde! Es ist mir nur zu gut bekannt, daß
ihr mich auf der Welt allzeit gehaßt und wie und wo nur immer möglich, verfolgt
habt. Wie sehr ich mich bemüht habe, davon auf den Grund zu kommen, so war es
dennoch vergeblich. Ihr verfolgtet mich bloß nur, weil ich euch nicht zu
Gesicht stand! Hier auf dieser Welt aber haben wir doch alle unsere Gesichter
stark verändert. Ich denke nun ganz anders, als wie ich auf der Erde gedacht
habe und bin ein ganz anderer Mensch geworden. Dasselbe dürfte denn doch auch
mit euch der Fall sein?
[RB.01_108,07]
Sagt mir doch, was ich denn auf der Welt gegen euch verbrochen habe? Ich bin
jetzt in der Lage, euch allen tausendfach zu ersetzen, was immer ich euch
irgend, wenn schon mir unbewußt, schulde. Nur vergebt mir und werdet
freundlicher gegen mich! Ich beanspruche keineswegs eure Freundschaft, das wäre
von euch als meinen erklärten Feinden wohl zuviel verlangt! Aber darum darf ich
euch dennoch bitten, daß ihr von eurer Feindschaft absteht, und das um so
leichter, indem ihr mich ohnehin für zu gering haltet, daß ich von euch könnte
gekreuzigt werden?“
[RB.01_108,08]
Sprechen die Wüteriche: „Was nützt da dein Reden und dummes Protzmaulen! Du
bist einmal ein Saukerl und bleibst es in alle Ewigkeit. Ins Gesicht tust du,
als wärst du der rarste und biederste Mensch; hinterdrein aber bist du dann ein
Luder und dir ist niemals zu trauen! Weißt du, wie du mit uns auf der Börse
gehandelt hast? Du sahst ein fortwährendes Sinken, schrecktest uns die Aktien
heraus und kauftest sie dann selbst! O Lump, stelle dich nur nicht so
unschuldig! Wir kennen dich! Fallen etwa auch hier die Kurse, weil du nun gar
so sehr unsere Freundschaft suchst?“
[RB.01_108,09]
Spricht Bruno: „Ah, da steckt es also! O Freunde, wenn euer Groll auf mich von
da herrührt, dann hoffe ich, daß wir ehestens die besten Freunde werden! Denn
da kann ich euch die treueste Versicherung geben, daß ihr mit eurem Haß gegen
mich rein auf dem Holzwege seid! Seht, fürs erste konnte ich ebensowenig wie
ihr vorausbestimmen, ob die Kurse steigen oder fallen werden; und fürs zweite
könnt ihr mir nicht beweisen, ob ich diejenigen Aktien aufkaufte, die ihr mit
Verlust an die Bank zurück verkauftet. Seht, wie seicht euer Groll auf mich
basiert ist? Habe ich euch doch nie weder zum Kauf noch zum Verkauf genötigt.
Wer aber müßigte euch, eure Papiere beim niedersten Kursstande zu verkaufen und
beim höheren zu kaufen? Ich sicher nicht, und tausend andere auch nicht! Ihr
waret selbst so töricht, aber euch selbst wolltet ihr eine solche Dummheit
nicht zuschieben. Hattet ihr an euch selbst eine derbe Spekulationssünde
begangen, so wälztet ihr die Schuld auf den nächsten besten, der in seiner
Spekulation klüger war als ihr! Lasset euch nicht auslachen! Was konnten mich
eure und euch meine Papiere genieren? Ich kaufte, ihr auch, so es euch rätlich
dünkte. Oder ihr verkauftet, und ich kaufte. Das ist doch etwas ganz
Natürliches! Woher dann euer Groll auf mich? Falsche Gerüchte aber habe ich nie
ausgestreut und mich auch nie einer Illusionslaterne bedient!“
[RB.01_108,10]
„Gut!“ sagt einer aus der Haßgesellschaft, „du hast so gehandelt, wie du es uns
nun wiedergegeben hast. Aber das kann unseren Grimm und Haß gegen dich nicht
vermindern, weil du auf der Welt stets anders dachtest, als wie der Sinn deiner
süßen Worte lautete. Sagtest du schwarz, so war es sicher weiß; und sagtest du
weiß, da war es schon ganz sicher schwarz! Und das Gegenteil war dann die volle
Wahrheit. Aber das merkte dein tückevoller Scharfsinn doch nicht, daß wir deine
Aussagen verkehrt benützten. Daß es uns gerade nicht allzeit glückte, das
bringt des Spieles Laune mit sich. Hätten wir aber allzeit nach deiner Aussage
gehandelt, da hätten wir sicher in kürzester Frist alles verludert. So steht
es, und von daher datiert auch unser gerechter Haß gegen dich! Beweise uns das
Gegenteil, so wollen wir dich sogar um Vergebung bitten und deine besten
Freunde sein.“
[RB.01_108,11]
Spricht Bruno: „Gut, ich nehme euch beim Wort! Beantwortet mir einige Fragen!
Nummer eins: War ich auf der Börse mehr als ihr, etwa ein Direktor, Buchhalter,
Sekretär, irgendein Rechtskonsulent oder sonst etwas dergleichen?“ – Sagen die
Groller: „Nein, du warst wie wir bloß nur ein Interessent.“
[RB.01_108,12]
Spricht Bruno: „Gut! Frage Nummer zwei: Wer auf der Börse ist denn eigentlich
in alle finanziellen Geheimnisse eingeweiht?“ – Antwort: „Die Bank- und
Börsenamtsleute.“ – „Gut! Frage Nummer drei: Werden die vielen
Börsen-Interessenten von den unterrichteten Amtsleitern wohl allzeit mit der Wahrheit
abgefertigt?“ – Antwort: „Nein! Wenn etwas schief geht, so erfährt man schon
gar nie die Wahrheit!“ – „Gut! Frage Nummer vier: Wie und wodurch hätte denn da
ich zur Wahrheit gelangen sollen?“ – Antwort: „O gar leicht! Auf dem Wege der
Bestechung kann ein Lump hinter so manches kommen, was einem ehrlichen Kerl
verborgen bleibt!“ – „Gut! An dem Gesang erkennt man den Vogel! Bringt mir alle
Bank- und Börsenbeamten her, und sie sollen reden, ob ich je auch nur den
geringsten mit einem Heller wegen Verrat eines Bankgeheimnisses bestochen habe!
Aber von euch wohl sprach die sogenannte böse Welt, daß ihr bei einer sehr
kritischen Gelegenheit einem Eingeweihten einen heimlichen, tausend Dukaten
schweren Rippenstoß sollt versetzt haben, damit er euch eine kleine
Vorenthüllung gäbe, wie die Sachen sich gestalten dürften. Worauf ihr dann
schon am nächsten Tage fast eure sämtlichen Papiere mit einem bedeutenden
Verlust gegen klingende Münzen umtauschtet und mit diesen dann im Ausland einen
geheimen Handel unternommen habt und dadurch zum zweitenmal eingegangen seid!
Sagt, habe da auch ich durch mein Schwarz-für-Weiß euch dazu bewogen?“
[RB.01_108,13]
Hier stutzen die Groller und wissen nicht, was sie darauf erwidern sollen. Aber
Bruno spricht weiter und sagt: „Freunde, habe ich euch etwa auch dazu den Rat
erteilt, daß ihr in Gesellschaft dreißigtausend Gulden in einem Keller habt
einmauern lassen? Als aber dann in Wien das Standrecht publiziert wurde und bei
Hausuntersuchungen die Soldaten die hohlklingende Mauerstelle aufbrachen und
den für sie erfreulichen Fund bis auf den letzten Groschen in sichern Empfang
nahmen – ich meine, dazu hat wohl mein Schwarz-für-Weiß keinen Beitrag gemacht!
Ihr wart, kurz gesagt, allzeit selbst schuld an euren Verlusten und meint höchst
irrig, ich sei in eure Spekulationsgeheimnisse eingeweiht gewesen und habe an
euch einen Verräter gemacht. Wie aber wäre so etwas möglich, da ich außer auf
der Börse euch nie mit meiner Gegenwart belästigt habe? Ich trage an eurem
Unglück nicht die geringste Schuld, dessen könnet ihr völlig versichert sein!
Gott ist mein Zeuge! Meint ihr aber noch, daß ich euch unglücklich gemacht, so
beweiset es mir vor Gott, und ich will alles tun, um meine Schuld an euch
hundertfach abzubüßen.“ –
[RB.01_108,14]
Sagt darauf einer nach längerem Nachdenken: „Die Sache verhält sich allerdings
so, wie du sie nun uns allen dargetan hast! Aber so du daran nicht beteiligt
gewesen sein solltest, begreifen wir nicht, wie du zu dieser genauen Kunde
unserer Verhältnisse gekommen bist. Wie könnten sie dir wohl dergestalt bekannt
sein, als hättest du sie selbst angeordnet? Es werden in Wien wohl noch eine
Menge solch unangenehmer Vorkommnisse stattgefunden haben, sage, sind sie dir
ebenso bekannt wie die unsrigen?“
[RB.01_108,15]
Spricht Bruno: „Alle sicher nicht, aber gewiß viele. Wußtet ihr doch auch
allezeit, wer vom Gericht eingezogen wurde und warum – ohne darum Denunzianten
an den Gerichtsbeteiligten zu sein. Warum soll dann ich es nicht auch in
Erfahrung gebracht haben können, wie es euch ergangen ist in der Zeit der
Trübsal, da ihr mir doch von der Börse aus wohl bekannt wart? Erweist es mir,
daß derjenige, der wie zufällig vom Unglück seiner Bekannten Kunde erhält, auch
an diesem Schuld haben müsse. Zeigt mir, in welchem Gesetz das als ein
schuldhaftes Verbrechen aufgeführt ist?“
[RB.01_108,16]
Die Groller stutzen nun und wissen nicht, was sie tun sollen. Eine gute Rede
fällt ihnen nicht ein. Ebenso steht es mit ihrem Zorn und Grimm. Sie möchten
noch gerne weiterhin unversöhnlich verbleiben, aber sie haben dazu bei reiferer
Überlegung allen Grund verloren. So stehen sie nun ohne Grund zum Zorn vor
Bruno und ärgern sich über sich selbst, da sie nun keinen Haß und Groll auf ihn
haben können.
[RB.01_108,17]
Nach einer ziemlichen Weile tritt einer hervor und spricht: „Dumm ist das, daß wir
dir nun nichts Vernünftiges mehr entgegenstellen können. Wie gerne hätten wir
dich doch durchgeprügelt, wenn wir dir nur wenigstens eine scheinbare Schuld
hätten andichten können! Aber du bist zu gescheit, daß man dir nicht an den
Leib kommen kann. Und so müssen wir dir obendrauf noch sogar Freunde werden!
Aber was willst du denn nun ferneres noch mit uns tun?“
[RB.01_108,18]
Spricht Bruno: „Freunde, seht ihr nicht in diesem großen Saal den großen
Ratstisch und alle, die dort versammelt, einen mächtigsten Rat über die ganze
Unendlichkeit halten?“
[RB.01_108,19]
Spricht der Redner: „Wir sehen keinen Saal und keinen Ratstisch! Nur diese
wahrhaftige Kneipe, die voll Dunkelheit ist, sehen wir – und dich auch! Ob sie
aber irgendeinen Ausgang hat, wissen wir nicht. – Was aber willst du mit deiner
unsinnigen Frage?“
[RB.01_108,20]
Spricht Bruno: „Ich will damit nichts anderes, als euch zu dem Herrn und
Heiland Jesus hinführen, damit Er euch reinige und darauf für ewig wahrhaft
glückselig mache – aus welchem Grunde ich einzig und allein eben von Jesus an
euch abgesandt wurde. Folget mir liebewillig, wohin ich vor euch gehen werde.
Am rechten Ort wird euch schon ein rechtes Augenlicht werden!“
[RB.01_108,21]
Spricht der Redner: „Das wird etwas hart hergehen! Denn fürs erste besitzt du
unser Zutrauen noch lange nicht in dem Maße, daß wir dir nun gleich blindlings
folgen, als wärest du uns ein schon lange erprobter Freund gewesen. Und fürs
zweite sind wir Neukatholiken, die wohl wissen, was sie von dem Juden Jesus zu halten
haben und nicht so dumm sind wie manche, die ihn sogar zu einem Gott gemacht
haben, wie einst die Griechen ihren Herkules und noch andere Helden aus der
grauen Urzeit. Daher mußt du dir zu unserem Besten schon etwas Klügeres
ausdenken, so es dir ernst sein soll, uns am Gängelband herumzuführen.“
[RB.01_108,22]
Spricht Bruno: „Freunde, der römisch-katholische Glaube ist zwar wohl albern
und seicht in vielen Stücken, aber der neukatholische ist noch tausendmal
dümmer. Leugnet er nicht das Leben der Seele nach des Leibes Tod? Und doch lebt
ihr nun nach dem Tod eures Leibes fort! Dieser Umstand beweist ja schon zur
Übergenüge, welch Geistes Kind der Neukatholizismus ist. Ferner leugnet er
nicht nur die offenbarste Gottheit Christi, sondern nach Strauß und Hegel jede
Gottheit ganz weg! – Wer aber kann solch einer Lehre anhangen, besonders hier
in der ewigen Geisterwelt, die hinsichtlich des Fortlebens der Seele einen so
ungeheuren Fehlschluß gemacht hat!? Eine solche Lehre aber wird doch in allen
ihren Prinzipien nicht glaubwürdiger sein als in ihrer schnöden Annahme der
Sterblichkeit der menschlichen Seele! Ist aber bei einer Lehre ein
Hauptlehrsatz grundfalsch, so können die anderen davon abgeleiteten Sätze
unmöglich anders als ebenfalls grundfalsch sein! Werft daher eure ganze
neukatholische Lehre zum Plunder und folgt mir, wohin ich euch führen will! Ich
stehe euch dafür, daß es mit euch in Kürze besser gehen wird.“
[RB.01_108,23]
Spricht der Redner: „Freund, du bist ein verteufelt gescheiter Kerl! Man muß
dir recht geben, will man oder will man nicht. Es tut mir nun von Herzen leid,
daß wir dir früher so hart und beleidigend entgegengekommen sind. Aber ich
hoffe, du wirst uns das wohl vergeben können! Bedenke, wie in Wien alles, Pfaff
und Beamte, so bestellt war, die arme Menschheit in des Geistes dickste Nacht
zu versenken und sie einzuschläfern. Unter solchen, allen Geist tötenden
Umständen war es ja unmöglich, sich in ein reineres Wissen emporzuschwingen.
Wie wir aber erzogen wurden, so sind wir auch jetzt noch, nämlich blind, taub
und stumm an Seele und Geist. Habe daher Nachsicht und Geduld mit uns und führe
uns denn in Gottes Namen irgendwohin, wo wir etwas mehr Licht bekommen werden
als jetzt.“
[RB.01_108,24]
Spricht Bruno: „Ganz wohl und gut! Daß ich mit dem geduldigsten Herzen zu euch
hierhergekommen bin, brauche ich euch hoffentlich nicht mehr zu beweisen. Ich
habe euch alles vergeben und bin allzeit euer Freund in aller Wahrheit. So
glaube ich auch, daß zwischen uns kein Hindernis mehr obwalten dürfte, jenen
Weg einzuschlagen, auf dem es allein möglich ist, hier in dieser Welt sich für
ewig in einen Lebenszustand zu versetzen, in welchem dem Bedürfnis der Seele
und des Geistes gemäß möglichst selig zu bestehen ist. Faßt sonach Mut und
einen festen Willen und folgt mir! Alles übrige aber erwartet getrost von Dem,
der allein helfen kann und auch euch sicher helfen wird. Nicht umsonst hat Er
mich an euch abgesandt. So viel eurer auch sind: folgt mir alle, und es soll
euch allen geholfen werden!“
[RB.01_108,25]
Sprechen nun die Vorderen: „Wir, die wir uns von der Börse her kennen, sind
unser nur etliche Zwanzig; aber hinter uns gibt es eine unzählige Menge
allergemeinsten Gesindels. Ob diese dir auch folgen werden, ist eine andere
Frage. Möglich, aber wenig wahrscheinlich, denn die sind zu tief in der Nacht
zurück. Versuche es! Uns ist es ein Gleiches, ob sie mitziehen oder nicht.“
[RB.01_108,26]
Sagen die vielen Hintergründler: „Gar so dumm, wie die Herren da vorne meinen,
sind wir nicht! Daher werden wir auch so frei sein, euch als eine wahre
Tausendgesellschaft zu begleiten! Denn der euch helfen wird, der wird sicher
auch uns nicht zur Tür hinausweisen. Also denn auf gut Glück zur Ehre Gottes
aufgebrochen!“
109. Kapitel –
Guter Eintrachtsgeist unter den Lichthungrigen. Das Heer von Weltblinden kommt
vor den Herrn. Brunos Lebenserzählung.
[RB.01_109,01]
Sagen darauf die ehemaligen Groller: „O unsertwegen habt ihr euch nicht zu
genieren! Hier in dieser Welt hat ja ohnehin jeder Standesunterschied völlig aufgehört.
Und Platz werden wir im unendlichen Raum hoffentlich auch haben. Und so könnt
ihr mit uns ganz unbeirrt dorthin ziehen, wohin uns Freund Bruno führen will!“
[RB.01_109,02]
Sagt darauf einer aus dem großen Hintergrundshaufen: „So ein Wort lassen wir
uns gefallen! Vor Gott ist alles gleich, Fürst und Bettler, Wolf und Lamm. Der
Fürst darf nicht über den Bettler hinwegblicken, und der Wolf darf nimmer nach
dem Blut des Lammes gieren. Sind wir unter uns quitt, so werden wir es auch vor
Gott sein. Tragen wir auf unseren Schuldtafeln keine gegenseitig obligaten
Noten, so werden wir sicher auch im großen Buch des Lebens keine finden.
Solltet ihr gegen uns irgend etwas haben, so löscht es für ewig von der
Schuldtafel, gleichwie wir alles gelöscht haben, was immer wir dort gefunden
haben!“
[RB.01_109,03]
Spricht der Redner des Vorgrundes: „Sehr schön von euch! Was ihr tatet, das
taten auch wir, und somit sind wir nun Freunde, Brüder und Schwestern! – Aber
nun winkt uns Freund Bruno, und so wollen wir ihm ganz stumm folgen!“
[RB.01_109,04]
Auf diese Worte erheben sich alle und folgen dem Bruno nach, wohin er heiteren
Mutes voranzieht.
[RB.01_109,05]
In wenigen Augenblicken mit der großen Karawane bei Mir angelangt, sagt Bruno:
„Herr, da wären sie alle, die jenes trübe Gemach gefangen hielt. Ich habe
meinen Auftrag erfüllt, nun geschehe mit ihnen Dein heiliger und bester Wille!
Blind sind sie alle. Gib ihnen daher das Licht, daß sie Dich sehen mögen, wie
ich Dich nun sehe in aller Deiner Milde und Vaterliebe!“
[RB.01_109,06]
Sagt einer aus der Gesellschaft: „Freund Bruno, sind wir denn schon am Ziel
unserer kurzen Wanderschaft? Und mit wem hast denn du nun in die Geisterluft
hinein geredet?“ – Spricht Bruno: „Wir sind nun vollkommen am Ziel! Und Der, zu
dem ich nun geredet habe, ist der Herr, Gott Jehova, Jesus Zebaoth! Bittet Ihn
um Licht, wie ich Ihn schon gebeten habe, so wird euch auch sogleich Licht
werden; und ihr werdet Ihn dann ebenso sehen können, wie ich Ihn nun sehe!“
[RB.01_109,07]
Spricht ein anderer aus der Gesellschaft: „Sage uns doch, ob wir uns nicht in
dem großen Saale befinden, von wo wir nachher wegen unserer Anmaßung in jenes
finstere Loch getrieben wurden, – und zwar von dem nie zu höflich gewesenen
Sachsen Robert Blum?“
[RB.01_109,08]
Spricht Bruno: „Ja, im selben Saale befindet ihr euch. Und der Bruder Robert
ist nicht ferne von euch.“ – Spricht der Redner: „Da war ja auch, wie wir uns
leise erinnern, der Herr Jesus zugegen, an den wir aber damals nicht glaubten.
Damals sahen wir Ihn, warum können wir Ihn denn jetzt nicht sehen?“
[RB.01_109,09]
Spricht Bruno: „Der Grund liegt einfach darin, daß ihr zu grob sinnlich
geworden seid. Aus solcher Sinnlichkeit aber läßt sich durchaus nichts
Geistiges wahrnehmen und begreifen, wie ich solches aus eigener Erfahrung weiß
aus den verschiedenen Zuständen meines geistigen Lebens.
[RB.01_109,10]
Als ich auf der Erde noch als zarter und gottesfürchtiger Knabe mich im Hause
meiner frommen Eltern aufhielt, da hatte ich allerlei herrliche Gesichte. Ja es
war mir manchmal, so ich mein Morgen- oder Abendgebet verrichtete, als
umschwebten mich Engelsgestalten, die mich stärkten und in meiner Brust so ein
himmlisches Gefühl erweckten, daß es mir dabei gar nicht selten vorkam, als
befände ich mich schon in irgendeinem Eden Gottes. So hatte ich auch in dieser
Lebensperiode oft wunderbar herrliche und bedeutungsreiche Träume, daß ich
manchmal daraus sogar kommende Ereignisse für den Kreis unserer Verwandtschaft
weissagte. – Als ich aber nachher als erwachsener Jüngling aus dem väterlichen
Hause kam und stets mehr und mehr Geschmack an der Welt fand, war es mit meinen
himmlischen Gesichten bald aus. Meine lustigen Freunde disputierten mir alles
bei Butz und Stengel weg und machten mir meine Jugend lächerlich und fad, so daß
ich mich am Ende derselben förmlich zu schämen anfing. Und so ging ich mit
Riesenschritten in die lustige Welt über, wurde am Ende ganz grob materiell
sinnlich und hatte von allen meinen herrlichen Knabengesichten kaum noch eine
Erinnerung. – Erst in meiner letzten Zeit bekam ich manchmal gewisse Mahnungen,
die ich aber leider auch nicht eher würdigte, als bis es wahrhaftig zu spät
war. Nun erst sehe ich alles ein, wie alle diese Geschichten an mir sich
bestätigt haben – und warum! – Aber hier läßt sich daraus freilich sehr wenig
oder auch wohl gar nichts mehr machen; denn hier kommt es nun bloß darauf an,
welche Beschaffenheit das arme Herz der Seele anzunehmen noch irgendeine
schwache Fähigkeit besitzt. Ist es noch einer reineren Erkenntnis und eines besseren
Willens fähig, so ist es gut für uns. Ist aber das Herz, wie man zu sagen
pflegt, ein Luder, so ist alles dann ein Luder. Aus dieser getreuesten
Beschreibung meines höchsteigenen miserablen Lebens, wie es sich entwickelte
und gestaltete, könnt ihr alle nun überdeutlich abnehmen, woher es so ganz
eigentlich kommt, daß ihr hier in geistiger Hinsicht noch völlig blind seid. –
Wendet euch aber nun vollernstlich an den Herrn Jesus in euren Herzen, und
bittet Ihn allein um das rechte Licht, und es wird und muß euch Licht werden!“
[RB.01_109,11]
Die ganze große Gesellschaft denkt nun sehr darüber nach, und viele fangen an,
ihre Hände an ihre Brust und an ihr Herz zu legen.
110. Kapitel –
Der Herr über Seelenfischfang. Brot, Wein und himmlische Bekleidung.
[RB.01_110,01]
Ich aber sage zu Bruno: „Mein lieber Bruno, du bist wahrlich ein guter Fischer.
Mit einem Zuge hast du Mir ein volles Netz gebracht. Das ist eine wahre
Meisterschaft, die ihres guten Lohnes wert ist in allem Vollmaß! Es wird sich
nun freilich erst zeigen, so wir diese Fische aus dem Netze heben, ob nicht
mehrere darunter ausgeschieden und wieder zurück ins Meer geworfen werden
müssen ob ihrer doch zu großen Magerkeit. Aber das macht dein Verdienst vor Mir
keinesfalls geringer. Denn die Sonderung ist allein Meine Sache, während dir
als von Mir ausgesandtem Fischer allein nur das Fangen der Fische obliegt.
Jeder Fischer hat schon alles getan, so er sein Netz vollgefüllt hat, und hat
nicht darauf zu sehen, ob die Fische gut oder schlecht sind. Ich aber als der
Herr kann dann bestimmen, welche Fische Mir taugen und welche nicht.
[RB.01_110,02]
Gehe du aber nun zu Robert hin; er wird dir eine rechte Stärkung, bestehend aus
Brot und Wein, und ein dir geziemendes Ehrengewand geben.“
[RB.01_110,03]
Spricht Bruno: „O Herr, ich bin wohl kaum Deiner allergeringsten Gnade wert;
wie könnte ich von Dir solch eine allergrößte annehmen? Herr, was Du mir zu
viel tun willst, das tue lieber diesen armen Fischlein, die vor Dir zu mager
aus dem Netze gehoben werden. Mich aber belasse, wie ich nun bin. Denn
wahrlich, in Deiner heiligen Nähe bin ich weder hungrig noch durstig, und Dein
Wort ist mir das kostbarste Ehrengewand!“
[RB.01_110,04]
Rede Ich: „Mir gefällt deine große Demut und Nüchternheit über die Maßen wohl.
Aber dennoch mußt du schon das tun, was Ich dir nun anbefohlen habe. Siehe,
auch Mein Petrus wollte einst nicht zugeben, daß Ich ihm die Füße wasche. Als
ihm aber von Mir der Grund gezeigt wurde, wollte er am ganzen Leibe gewaschen
werden, was aber auch wieder zu viel gewesen wäre. Und siehe, so ist es nun
auch hier mit dir der Fall. Du mußt darum zuerst mit Brot und Wein gestärkt und
durch das himmlische Ehrenkleid geläutert werden, auf daß dann aus deiner
Sphäre heraus diese Fischlein gestärkt und wahrhaft belebt werden. Wärest du
aber zuvor nicht dazu eingerichtet, könnte es auch mit diesen deinen Fischlein
durchaus nicht vorwärtsgehen. Den Grund davon wirst Du erst später vollkommen
einsehen. – Tue daher, wie Ich es dir angeraten habe, und es wird darauf mit
dem Auslösen dieser Fische sogleich gut zu gehen anfangen.“
[RB.01_110,05]
Als Bruno solches vernimmt, da wird er ganz heiter und spricht voll Freuden: „O
Herr, Vater! Wenn so, dann will ich gleich essen und trinken für Tausend und
mit dem Ehrenkleid der Sonne angetan werden!“
[RB.01_110,06]
Sage Ich: „Iß und trink, was dir gegeben wird, und das Kleid, das dir gereicht
wird, das ziehe an – und deine Fischlein werden alsbald das Augenlicht
bekommen, Mich und alle zu sehen, die hier um Mich versammelt sind!“
[RB.01_110,07]
Als Bruno solches vernimmt, verneigt er sich tiefst vor Mir und eilt sogleich
zu Robert hin. Dieser reicht ihm freundlich ein mäßiges Stückchen Brot und in
einem kleinen Kristallbecher etwas Wein. – Bruno verzehrt das Brot und auch den
dargereichten Wein sozusagen auf einen Schluck und Druck, empfindet aber darauf
noch einen bedeutenden Appetit. Robert aber macht keine Miene, diese Gabe zu
wiederholen, sondern holt das bewußte Ehrenkleid, welches Bruno sofort anzieht
in der Meinung, er werde dadurch etwas mehr satt werden. Aber dem ist nicht
also. Denn nun wird er erst so recht hungrig und durstig und bittet den Robert
noch um eine Gabe Brot und Wein.
[RB.01_110,08]
Robert aber bescheidet ihn zu Mir und sagt: „Das abgängige wird dir beim Herrn
werden! Gehe nun hin! Ich tue allein nur nach dem Willen des Herrn!“
111. Kapitel –
Bruno spürt noch immer Hunger und Durst. Winke über die himmlische Ordnung.
[RB.01_111,01]
Bruno begibt sich sogleich zu Mir, nun mit einer weißen Faltentoga angetan, die
mit roten Streifen verbrämt ist, und sagt: „Herr, ich armer Sünder danke Dir
für diese unschätzbare Gnade, deren Du mich unverdient gewürdigt hast. Ich bin
nun für meinen Teil überglücklich, nur verspüre ich noch ein bißchen Hunger und
auch etwas weniges von einem Durst. Aber das macht nichts, denn die Seligkeit,
die nun von Dir ausgehend mein ganzes Wesen durchströmt, läßt mich weder Hunger
noch Durst empfinden. Ich bin nun selig, und mein Herz fühlt zum ersten Mal
eine wahre, reine, himmlische Liebe zu Dir, o Herr, und auch zu allen diesen
armen Brüdern und Schwestern. Oh, das ist eine Liebe, von der den schwachen
Sterblichen wohl äußerst selten etwas in den Sinn kommen dürfte! Denn selbst
die besten Menschen auf der Erde lieben sich selbst mehr als ihre besten
Freunde. Um wieviel weniger werden sie dann erst ihre Feinde lieben? Was heißt
auf der Welt aber noch Liebe! O du verfluchte Liebe!
[RB.01_111,02]
So mächtig mein Herz nun von der reinen, himmlischen Liebe auch erfüllt ist,
und wie sehr ich auch allen armen Sündern und Sünderinnen die vollste Vergebung
ihrer Sünden von ganzer Seele wünsche, so fühle ich dennoch gegen gewissenlose
Böcke nicht die geringste Erbarmung und hätte eine wahre Freude daran, sie so
lange in der Hölle brennen zu sehen, bis sie ihre Geilheit bis zum letzten
Tropfen würden abgebüßt haben. Ich wünsche wohl niemandem etwas Böses, aber den
Bösen wünsche ich auch so lange nichts Gutes, als bis sie durch vollkommene
Buße sich als würdig erwiesen haben. Wohl wird es auch unter diesen von mir
hergebrachten Fischen einige faule Nattern und Schlangen geben, die sich auf
der Welt mit raffinierter Unzucht sehr abgegeben haben; doch für sie bitte ich
Dich dennoch um Gnade und Erbarmen, denn es sind darunter meistens solche, die
nicht wußten, was sie taten. – Aber es gibt anderorts viele, die gar wohl
wissen, was sie eigentlich tun. Für diese Lumpen bitte ich nicht, die sollen
alle Schärfe Deines Gerichtes verkosten!“
[RB.01_111,03]
Rede Ich: „Mein lieber Bruno, du verspürst noch einen Hunger und einen Durst!
Weißt du auch, woher das kommt? Siehe, das kommt daher, weil in deinem Herzen
noch ein kleiner Richter sitzt! Dieser Richter ist an und für sich zwar sehr
billig und gerecht, aber er ist dennoch nicht in Meiner Ordnung!
[RB.01_111,04]
Willst du ganz nach Meiner Ordnung sein, mußt du auch diesen Richter aus deinem
Herzen schaffen! Du wirst darauf ewig keinen Hunger und keinen Durst mehr
empfinden. Denn siehe, Ich allein bin ein Richter, gut und gerecht in aller
Fülle Meiner Macht und Kraft. Und dennoch richte Ich Selbst niemanden! Sondern
ein jeder richtet sich selbst nach seiner Liebe. Ist diese rein und gut, so
wird auch sein Gericht über ihn selbst gut sein; ist aber seine Liebe unlauter
und schlecht, so wird desgleichen auch sein Gericht. Wenn Ich aber aus Meiner
Macht und Kraft niemanden richte, um wieviel weniger darfst dann du erst
jemanden richten.
[RB.01_111,05]
Wie die Welt und wie diese Wiener beschaffen sind und welch ein Geist sie
belebt, das weiß Ich am allerbesten. Sie haben sich gebettet ohne Mich, daher
ruhen sie nun auch so, wie sie sich gebettet haben für Zeit und Ewigkeit. Sie
übten allerlei Blutschande aus, daher ruhen sie nun auch auf blutigen Lagern.
Wohl schreit dieses Blut vielfach um Rache zu Mir. Aber Ich will es dennoch
nicht rächen, sondern lasse es einfach nur zu, daß sich die Blutschänder aller
Art untereinander wie die Tiger zerfleischen und untereinander den Lohn geben,
den sie sich gegenseitig verdient haben. Und das ist die Hölle im Vollmaße.
Eine andere Hölle gibt es nirgends als diese nur, die aus der Selbstsucht im
Herzen des Menschen sich von selbst gestaltet.
[RB.01_111,06]
Wer sich selbst nicht verdammt, den verdammen auch wir nicht. Wer sich aber aus
der argen Liebe seines Herzens selbst verdammt, der soll auch verdammt sein!
Kurz und gut, einem jeden werde, was er selbst will. Und so ihm das wird, ist
das wohl das höchste und vollendetste Recht, das jemandem zuteil werden kann.
Es soll wohl von unserer Seite nie ermangeln, allen nach ihrer Fassungskraft
den rechten Weg zu zeigen und sie durch eine rechte Belehrung zum Guten
hinzulenken. Wollen sie den wandeln, wird es für sie gut sein. Wollen sie aber
das durchaus nicht, so werde ihnen deswegen von uns aus keine Strafe zuteil,
sondern nur das, was sie selbst wollen: sie haben dadurch des Gerichtes und der
Strafe in Überfülle! Wollen sie sich aber mit der Zeit, durch ihre Leiden
genötigt, wieder auf den guten Weg begeben, so sollen ihnen ewig nie hemmende
Schranken in den Weg gelegt werden.
[RB.01_111,07]
Siehe, das ist die wahre himmlische Ordnung der reinsten Liebe Meines Herzens!
Diese Ordnung muß auch ganz die deine werden, so wirst du so vollkommen sein
wie Ich Selbst und wirst nimmer irgendeine drückende Leere in deinen
Eingeweiden verspüren. Auf diese Weise gesättigt und erleuchtet, wird es dir
ein leichtes sein, allen diesen von dir Hierhergebrachten aus deiner eigenen
Fülle überall zu helfen, wo immer sie irgendeiner Hilfe bedürfen. Du wirst sie
sättigen und ihnen den Durst stillen. Die Nackten wirst du bekleiden, die
Gefangenen frei machen. Die Traurigen wirst du trösten und die Elenden heilen;
und den Blinden wirst du selbst so die Augen öffnen und die Tauben hören machen
das Wort des Lebens. Nun wende dich wieder zu deinen Fischlein und öffne ihnen
die Augen und die Ohren ihres Herzens für ewig!“
112. Kapitel –
Bruno belehrt seine Zöglinge. Einwürfe betreffend Wiedergeburt und
Willensfreiheit. Bruno klärt sie auf.
[RB.01_112,01]
Diese Lehre umstaltet den Bruno ganz himmlisch, und er wendet sich darauf
sogleich zu seinen Fischlein und fängt an, sie gerecht zu lehren.
[RB.01_112,02]
Als er aber mit seiner Lehre zu Ende kommt, spricht einer, der ein Neukatholik
ist: „Freund, deine Worte waren gewählt, aber wozu alle diese theosophischen
Weisheitsphrasen? – Sieh, Moses erzählt in seiner Genesis: Als Gott Sich an das
Schöpfungswerk machte, da war es Nacht in der ganzen Unendlichkeit. Und Gott
sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht in all den endlosen Räumen! Als die
Unendlichkeit auf diese Art erhellt ward, da erst begann der allmächtige
Gottes-Geist, der über allen Gewässern und ihrem Inhalt schwebte, diese
Gewässer und ihr Chaos zu teilen und zu ordnen. Und das war wahrlich völlig
eines Gottes würdig weise gehandelt. – Du aber fängst mit uns gerade den
verkehrten Weg zu gehen an. So sprachst du viel und wohlgeordnet über Christus
und Seine alleinige Gottheit, über Seine Liebe, Güte und Erbarmung und ebenso
von Seiner nächsten Nähe. Aber was nützt uns das alles, so wir keine Augen
haben, Ihn zu sehen und danach zu beurteilen, ob Er es wirklich ist?
[RB.01_112,03]
Daher sage auch du, so dir irgendeine Macht eigen ist, gleich der Gottheit über
uns: Es werde Licht! Dann wird sich alles andere, wenn wir einmal geläuterten
Gesichtes sind, von selbst geben. Aber so du sprichst, was du alles siehst, wir
aber außer dir nichts erschauen und vernehmen können, wie sollen wir da deinen
Worten Glauben beimessen? Besinn dich daher und tue, was uns zuerst nottut, so
wirst du hoffentlich auch nicht wider die Ordnung der Himmel handeln, indem
doch diese Ordnung das erste Werden aller Dinge bedingte!
[RB.01_112,04]
Wir begreifen noch immer nicht, warum wir jetzt weniger sehen als gleich im
Anfang unseres Hierseins. Anfangs sahen wir recht gut den sehr geräumigen Saal,
ebenso auch den seinsollenden Heiland Jesus, Robert Blum, Messenhauser,
Jellinek, Becher, die Leanerl, den Pathetikus Dismas, seinen Freund Max Olaf
und ein paar Dutzend der saubersten Tänzerinnen. Und nun sehen und hören wir
allesamt nichts von ihnen und den vielen anderen! Wo liegt denn da der Hund
begraben?
[RB.01_112,05]
Du hast uns bisher darüber keinen Bescheid geben können, wohl aber versprochen,
daß uns allen Gott, der Herr Selbst, die Augen eröffnen werde. Aber nun
geschieht von alledem nichts! Führe daher du an uns das aus, so wird sich dann
alles andere von selbst geben!“
[RB.01_112,06]
Spricht Bruno: „Freunde, nur noch eine kleine Geduld, und es soll euch dann vor
allem das werden, wonach ihr nun besonders dürstet. Du hast mir zwar recht
weise die Ordnung Gottes bei der Welterschaffung vorgeführt. Aber ich muß mit
euch nicht wie Gott bei der Schöpfung mit den Urgewässern Seiner ewigen Ideen
verfahren, sondern nur wie eine Wehemutter mit einem neugeborenen Kindlein. Bei
dem Kind ist die Öffnung der Augen doch auch nicht das erste, wie soll es bei
euch anders sein? Laßt euch erst willig aus dem Mutterleib eurer Sinnlichkeit
herausheben, dann erst wird sich zeigen, wieviel des Gotteslichtes ihr auf
einmal ertragen werdet! Und so geschehe es im Namen des Herrn!“
[RB.01_112,07]
Spricht ein anderer neben dem früheren Redner mit Spottaugen und sarkastischer
Zunge: „No, no, Liebster, auf diese Art bist du ja eine himmlische
Schwerenotsmutter geworden! Schade, daß so was die heiligen Patres Liguorianer
auf der Erde noch nicht erfahren haben! Die hätten dich vielleicht schon als
Gnadenpatron unter dem Namen Hebammius coelestis in einem Hochaltar aus Holz
geschnitzt und falsch vergoldet, und hätten dir zu Ehren sich schon einige gute
Messen für die Erreichung leichter Geburten um einige hundert Silberlinge
heruntergestochen. Nein, bist du ein grundgescheiter Mann! Zu helfen weißt du
dir aus jeder Verlegenheit!
[RB.01_112,08]
Aber sage mir als ein in allen Geburtssachen wohlerfahrener Patron, wie oft muß
denn so ganz eigentlich eine Menschenseele geboren werden, bis sie endlich
einmal sagen kann: Nun bin ich gottlob aus dem letzten Mutterleib an ein
beständiges Tageslicht gekrochen! Ich glaube, dahin wird's bei deiner
Himmelsverfassung wohl ewig keine Seele bringen. Kein Wunder, daß ein Nikodemus
einst Christus, der ihm von einer Wiedergeburt des Geistes etwas vorsagte, zu
fragen sich genötigt fand, ob er denn wieder in einen Mutterleib werde
hineinschlüpfen müssen! – Mir scheint, eure ganze himmlische Weisheit ist aus
sonst nichts als lediglich aus Geburt und Tod, und dann wieder aus Wiedergeburt
und also auch aus Wiedertod zusammengestoppelt! – Sage uns doch einmal aufrichtig,
wie oft du an uns noch deine himmlische Hebammenschaft ausüben wirst, bis wir
zum wahren Augenlicht gelangen werden? Licht, Licht, Freund Hebammius! Dann
wird alles ohne viel Hebammerei besser werden; denn ohne Licht ist jedes
Mundwetzen eine Altweiberdummheit! Verstehst du das?“
[RB.01_112,09]
Spricht Bruno: „Freund, mit der Grobheit hat es hier im Reich der Geister noch
keine Seele weit gebracht, das kannst du dir vorderhand ernstlich gesagt sein
lassen! Ich werde dich dafür zwar ewig nie richten, aber du wirst dich dadurch
vom Ziel deiner Bestimmung selbst stets mehr entfernen. Was fragst du denn, wie
oft du noch wirst aus einem Mutterleib geboren werden, bis du zu einer
vollichten Wahrheit gelangen würdest? Ich sage dir darauf: Wohl noch einige hundert
Male, so du verbleibst in deiner eigensinnigen und gröbsten Gemütsverfassung!
[RB.01_112,10]
Ist es denn gar so schwer, seinen eigenen Willen zu verabschieden und an dessen
Stelle den Willen der göttlichen Ordnung zu setzen und diesen tatsächlich zu befestigen?
Hättest du das schon auf der Erde getan, so wärst du auch schon lange aus dem
letzten Mutterleibe herausgeboren worden und befändest dich schon längst im
wahrsten Licht alles Lichtes! Aber es hat dir wohl nie gemundet, deinem
Herrlichkeitswillen nur den geringsten Abbruch zu tun. Und so muß es dir nun
auch munden, blind zu sein – gleich allen denen, die ebenso beschaffen waren
und noch sind, wie du es leider noch bist!
[RB.01_112,11]
Wolle du, was Gott will, so wirst du zum Licht gelangen! Willst du aber nur
stets, was du willst, da wird es mit dir verzweifelt lange nicht anders werden.
Hast du diese Worte wohl verstanden?“
[RB.01_112,12]
Spricht der Grobianus: „Ja, Bruderchen St. Hebammius, ich hab's verstanden! Hör
einmal, du bist aber sehr dumm und redest etwas daher, was weder Fuß noch Kopf
hat! Und wenn es schon irgendeinen Kopf hat, so den von einem auf Reisen
begriffenen Stockfisch!
[RB.01_112,13]
Sage mir, wer kann denn seinen eigenen Willen verbannen und dafür einen fremden
in seine Seele einpfropfen? Es ist merkwürdig, wie du als ein Sehender das
nicht einsiehst, daß ich den Willen eines Fremden unmöglich anders als nur
durch meinen höchsteigenen Willen zu meinem eigenen machen kann. Hätte ich aber
durchaus keinen eigenen Willen, da möchte ich denn doch erfahren, mit welchem
Willen ich das soll wollen können, was irgendjemand anderer mir zum Wollen
auferlegen sollte. Ich habe dich wohl immer für ein wenig dumm gehalten, aber
daß du so enorm dumm wärst, das wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen! –
Nein, keinen Willen haben, und dabei aber dennoch unbeugsam wollen, was ein
zweiter will! Das will noch mehr sagen, als jemandem eine Herrschaft schenken,
während man selbst nicht einmal der Inhaber eines Schneckenhauses ist! – Sage
mir doch gefälligst, hast du dir diese Weisheit etwa gar vom hl. Ignatius von
Loyola zu eigen gemacht? Oder hast du dir einmal dein Gehirn mit einem schlecht
ausgebackenen Schöpsenen verdorben?
[RB.01_112,14]
Aber nun Spaß beiseite! Sage mir aufrichtig, bist du wirklich so dumm oder
foppst du uns bloß so zu deinem Privatvergnügen? Schau, ein Mensch ohne Willen
wäre ja doch nichts anderes als ein organomechanisches Uhrwerk ohne Feder oder
Gewicht. Ich meine, der Mensch kann wohl seinen Willen einem andern auf eine
Zeitlang zu Diensten stellen und das wollen und tun, was irgendein anderer
haben will, mag es nun etwas Vernünftiges oder Unvernünftiges sein. Aber seines
eigenen Willens ganz ledig werden, so wie ein schwangeres Weib ihrer Frucht,
und sich sodann einen andern Willen gewisserart einsetzen lassen, das geht
sogar über den Horizont des letzten Fixsternes! Haue du dir ganz evangelisch
wohlgemeint beide Hände und zugleich auch beide Füße ab und laß dir dann ein
paar fremde anheften, und wir werden sehen, welche Bockssprünge du damit machen
wirst! – Also nur gescheit, Freunderl, gescheit! Hast du eine Kraft, so handle
zu unserem Besten! Aber mit deinen leeren Worten verschone uns für immer, Herr Brunissimus!“
[RB.01_112,15]
Bruno wendet nun alles auf, sein etwas erregtes Gemüt zu beruhigen, aber der
Grobianus will ihm nicht so ganz aus dem Herzen weichen. Nachdem er sein
Inneres mehr und mehr beruhigt hat, spricht Bruno zum Grobian: „Freund, deiner
absichtlich beleidigenden Einrede habe ich klar entnommen, daß du meine Rede
nicht im geringsten verstanden hast. Ich habe euch vorerst zu einer rechten
Geduld ermahnt, ohne die kein Mensch je zu etwas Ausgezeichnetem gelangen kann.
Darauf habe ich euch gezeigt, wie ein Mensch nur dadurch vorwärts und zum
erwünschten Ziele gelangt, wenn er seinen eigenen, nichtswerten Willen dahin
gefangennimmt, daß er durch ihn den Willen eines Weisen in sich aufnimmt und
dann nicht mehr den verkehrten eigenen, sondern lediglich nur den besseren
fremden Willen als Tatkraft in sich wirken läßt.
[RB.01_112,16]
Ich meine, die Sache sollte doch klar sein? Aber du findest in dieser
wichtigsten Wahrheit nur eine Dummheit, weil du die Sache so auffaßt, daß man
zuvor sich ganz willenlos machen müsse, um erst dann einen fremden Willen als
den eigenen in sich wirkend aufzunehmen. Wer aber hat dir je eine solche Lehre
gegeben? Das weiß ich so gut wie du und vielleicht noch etwas besser, daß man
ohne Willen durchaus nicht wollen kann, was ein zweiter will. Denn ein Mensch
ohne Willen wäre entweder ein stummer Automat oder eine bare Statue. Und so
versteht es sich doch von selbst, daß ein Mensch nur so seinen Willen in den
eines andern übergehen lassen kann, wenn er eben mit dem eigenen Willen den
eines andern fest will und danach seine Handlungen einrichtet.
[RB.01_112,17]
Der Wille ist der Arm der menschlichen Bedürfnisse. Wer demnach seinen Willen
ändern will, muß zuvor seine Bedürfnisse ändern. Ist dem Menschen die Trägheit
ein angestammtes Bedürfnis, so bindet dies Bedürfnis der Seele die
Notwendigkeit auf, nichts zu tun. Ist dem Menschen die Befriedigung seines
Fleisches ein Bedürfnis, so muß die Seele alles aufbieten, um eine Sättigung
dem Fleische zuzuführen. Der Mensch aber hat auch ein höheres
Erkenntnisvermögen, durch das er das Schädliche der groben Bedürfnisse
einsieht. Damit kann er solche unlautere Bedürfnisse bekämpfen, sie endlich
ganz verbannen und an ihre Stelle bessere, d.h. göttliche, setzen. Das heißt
dann seinen materiellen Willen gegen einen wahren göttlichen vertauschen! Das
aber ist es, was ich von euch im Namen des Herrn verlange.
[RB.01_112,18]
So ich aber nur das und nichts anderes von euch verlange, sage mir, aus welchem
Grunde du gegen mich so empörend roh und grob aufgetreten bist?“
[RB.01_112,19]
Spricht der Grobian: „Hättest du früher auch so verständlich mit uns
gesprochen, so wäre ich dir auch anders entgegengetreten. Aber du hast ehedem
nur hochweise und orthodoxisch mit uns parliert, daß wir dich selbst mit dem
besten Willen nicht anders hätten verstehen können. Und die für dich
unangenehme Folge war, daß ich dir deshalb im Namen meiner zahlreichen
Brüderschaft einige Komplimente habe müssen zukommen lassen. Ich nehme sie aber
wieder zurück, weil ich aus deiner letzten berichtigenden Rede ersehen habe,
daß du doch nicht gar so einfältig bist als ich glaubte. Nach deiner letzten
Berichtigung stehen die Aktien bei weitem besser, und wir alle sehen nun die
Notwendigkeit dessen ein, was du über die Geduld und den Austausch des
menschlichen Willens geredet hast. Ja, ja, auf diese Art kann es auch gehen,
wenn auch mit manchen Schwierigkeiten; denn ein altes Pferd nimmt schwerer eine
andere Dressur an als ein junges, aber das tut nichts zur Sache, wo die Jungfrau
Geduld am rechten Fleck weilt!“
113. Kapitel –
Grobians Rede über die Entstellung der Religion durch das Priestertum.
[RB.01_113,01]
Spricht der Grobian weiter: „Daß wir Menschen nun aber so unmenschlich dumm
sind, besonders in den Dingen der Religion Christi, kann uns kein Gott für übel
nehmen! Denn das hohe und niedere Pfaffentum haben mit der lieben Lehre Christi
ja doch so gewirtschaftet, daß es am Ende sogar dem letzten Sauhalter auffallen
mußte, wie die von Wohlleben strotzenden Diener der hl. Religion den getauften
Bekennern der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche nichts so sehr
ans Herz legten als die liebe himmlische Armut, Liebe, Geduld und den
unbedingten Gehorsam – vorerst gegenüber der Kirche und ihren göttlichen (oder
was?) Dienern, dann aber auch gegen den Staat, sofern dieser die Sache der
alleinseligmachenden Kirche begünstigt!
[RB.01_113,02]
Bin ich doch selbst oft mit den einfachsten Leutchen darüber zu reden gekommen,
die solche Lumpereien ebenso beurteilten und sagten: Die Religion sei nichts
anderes, als ein schon in alten Zeiten fein ausgedachtes Mittel, die armen
Menschen zu blenden und sie durch höllische und himmlische Vorspiegelungen und
glänzende Betrügereien dahin zu verhalten, daß diese dann aus Furcht vor der
Hölle oder aus großem Wunsch nach dem Himmel der arbeitsscheuen Priesterkaste
die besten Bissen zubringen, selbst aber schlechter leben sollen als der
gemeinste Kettenhund – natürlich alles zur ,größeren Ehre Gottes‘! Woraus dann
deutlichst hervorgehe, daß es entweder nie einen Jesus gegeben habe, oder daß
er doch unmöglich Gottes Sohn gewesen sein kann! Denn wenn man die erschaffene
Einrichtung der Welt, die unendlich weise ist, betrachtet und daneben die
löblichen Grundsätze der alleinseligmachenden römisch-katholischen Religion,
wonach man ganz ohne Gedanken alles glauben muß, wenn es auch noch so dumm und
widersinnig wäre, und wenn man dazu noch bekennen muß, daß nur die römische
Lehre die rein christliche sei – so muß man doch sehen, daß derselbe Gott, der
alles so höchst weise erschaffen hat, zur Erweckung des Menschen unmöglich
solch eine Lehre gegeben haben kann.
[RB.01_113,03]
Sieh, Bruno, so philosophieren ganz einfache Leutchen! Wie sollen dann erst wir
Gebildeteren urteilen gegenüber den Dummheiten, Lügen und Betrügereien der
römisch-katholischen Kirche? Und in welch einem Ansehen muß da erst der Stifter
einer solchen Lehre stehen, die sich wie Wachs oder Gips in alle erdenklichen
Mißformen umwandeln läßt?
[RB.01_113,04]
Man sagt freilich: Das Papsttum sehe der reinen Christuslehre ebenso ähnlich
wie ein schmutziger Stiefel einer mediceischen Venus. Aber das ändert mein
Urteil übers Christentum und dessen Stifter nicht. Denn was von Gott ausgeht,
das kann keine menschliche Selbstsucht nur im geringsten ändern. Wäre sonach
die Lehre Christi göttlich, da müßte es doch mit allen Teufeln hergehen, daß
daran die elende Menschheit etwas nach ihrem selbstsüchtigen Belieben zu ändern
imstande sein sollte! Sollte es der Gottheit wirklich nur daran gelegen sein, mit
der Lehre von der vollsten Freiheit des Willens den Menschen auch die Erlaubnis
zu geben, nach ihrem Belieben mit der Lehre Schindluder zu treiben? Dann
Freund, adieu Gottheit! Denn dann muß sogar ein Blinder einsehen, daß der
Menschheit solch eine Lehre noch viel weniger nützt als gar keine!
[RB.01_113,05]
Ich meine aber, vor einer rein göttlichen Lehre sollte doch ein jeder Mensch
wie vor einer aufgehenden Sonne die höchste Achtung und Ehrfurcht haben, am
allermeisten der Verkündiger solcher einzigen Lehre. So aber eben die Pfaffen
die reine Lehre Christi am wenigsten respektieren, sondern sie als ein reines
Menschenwerk zu ihren herrsch- und selbstsüchtigsten Zwecken ummodeln? Ja so
sie nachgerade nur das schroffste Gegenteil von dem sind, was die ursprüngliche
Lehre gebietet – muß da nicht ein jeder hellerdenkende Mensch bei sich zu
schließen anfangen: Eine Lehre, die sogar von den Priestern keine Achtung in
der Tat genießt, sondern nur durch äußere, nichtssagende Zeremonie betätigt
wird, kann nicht göttlich sein! Denn vor rein göttlichen Dingen hat sogar das
Vieh eine Achtung, um wieviel mehr der mit Vernunft begabte Mensch.
[RB.01_113,06]
Wer kann beim Anblick der aufgehenden Sonne ohne Achtung vor der großen
Gottheit dastehen? Wen ergreift der Anblick hoher majestätischer Gebirge nicht?
Wer kann ohne Achtung gleichgültig das Meer ansehen? Wessen Brust wird nicht
erschüttert beim mächtigen Rollen der Donner? Siehe, das sind göttliche Dinge,
vor denen jeder vor Ehrfurcht bebt. Aber das seinsollende Wort Gottes, wie
sieht es denn da mit der Göttlichkeit aus? – Wenn es den Pfaffen nichts als
eine verkäufliche Pomade ist, was soll es dann uns Laien sein, die wir keine
Doktoren der Gottesgelehrtheit sind?
[RB.01_113,07]
So der Mensch auf diese Weise notwendig vor solch einer Lehre einen Ekel
bekommen muß, ist es dann etwa zu wundern, daß sich hernach ein jeder
vernünftige Mensch aus den Bedürfnissen seiner Natur Lebensregeln formt, nach
diesen lebt und alles mit Ziel und Maß genießt, was ihm die liebe Gottheit auf
dem natürlichsten Wege zum Genuß darstellt.
[RB.01_113,08]
Ich habe gegen die Grundsätze der reinen Urlehre Christi nichts einzuwenden;
sie sind gut und den Bedürfnissen der Menschheit ganz naturgerecht angepaßt.
Aber was nützt das, so man sie, um ein guter Katholik zu sein, nicht anwenden
kann und darf. Da die Gottheit doch sonst alles leitet, sollte es ihr nicht
auch möglich sein, ihre eigene Lehre vor solchen Verwüstungen zu bewahren? Wo
aber ist eine solche Verwahrung ersichtlich? Freund, auf der ganzen Erde mir
bekanntermaßen nirgends!
[RB.01_113,09]
Wenn die Sache sich aber tatsächlich so verhält, da bitten wir alle dich, zeige
uns, wo es dann stecken mag, so die Lehre Christi etwa dennoch göttlich sein
sollte, daß sie zuerst gerade von jenen, die ihre Göttlichkeit am tiefsten
fühlen sollten, als eine barste Null betrachtet und auf alle erdenkliche Weise
mißbraucht wird und darauf natürlich auch bei allen etwas hellersehenden
Menschen in Mißkredit kommt.
[RB.01_113,10]
Erweise uns die Göttlichkeit der Lehre Christi, dann wollen wir dir aufs Wort
glauben, was du uns von den Pflichten sagen wirst, die Gott durch Seine Lehre
von den Menschen zu ihrem Besten fordert. Und haben wir je dawider gesündigt,
so wollen wir gerne unsere Sünden bereuen und womöglich abbüßen!
[RB.01_113,11]
Aber natürlich müßtest du uns auch beweisen, daß der Mensch auch ohne Gesetze
sündigen kann. Wir aber hatten als hellerdenkende Menschen aus obigen Gründen
notwendig kein, und am wenigsten ein positives, göttliches Gesetz – außer das
in unserer Natur, das wir auch stets beachtet haben – und konnten daher auch
keines befolgen. Bitte nun, Freund, so du Lust hast zu reden, so rede! Sonst
aber laß uns gehen, wohin uns unsere Sinne den geraden Weg weisen werden!“
114. Kapitel –
Brunos Antwort aus dem Herrn. Beweis der Göttlichkeit der Lehre Jesu: ihre
unerschöpfliche Fülle und Mannigfaltigkeit.
[RB.01_114,01]
Nach dieser klar gefaßten Rede unseres Gröblings wendet sich Bruno an Mich und
bittet Mich um eine rechte Erleuchtung, damit er dem Redner und dessen Genossen
einen wirksamsten Gegensatz entgegenstellen könne.
[RB.01_114,02]
Ich aber bedeute ihm: „Rede, und sorge dich nicht um die Worte! Auf deiner
eigenen Zunge wirst du die rechte Entgegnung finden!“
[RB.01_114,03]
Auf diese Zusicherung wendet sich Bruno wieder an den Redner und sagt: „Freund,
so du eine rechte Geduld und wahre Aufmerksamkeit besitzest, will ich deiner
Aufforderung bereitwilligst entgegenkommen.“ – Spricht der Gröbling: „Nur zu!
Daran soll es weder mir noch jemand anders aus dieser Gesellschaft fehlen. Aber
nur nicht übers Alter Christi hinaus darfst du deine Rede dehnen!“
[RB.01_114,04]
Spricht Bruno: „Ganz wohl, liebe Freunde, meine Rede soll ganz kurz und gut
sein. So vernehmet mich:
[RB.01_114,05]
Alle zeitlichen Gaben der Gottheit an die Menschen sind so gegeben, daß der
unvollendete Mensch mit seinem Naturverstand, der die Gaben durchaus nicht zu
würdigen versteht, an ihnen stets etwas zu tadeln hat. Dem einen scheint die
Sonne im Sommer zu heiß, ihm wäre ein ewiger Frühling lieber. Einem andern ist
der Winter entsetzlich lästig; ein ewiger Sommer wäre ihm bei weitem lieber.
Einem ist das menschliche Leben zu kurz, dem andern oft bis zur Verzweiflung
langweilig, daß er es sich selbst gewaltsam abkürzt. Wieder will einer, daß die
ganze Erde ein fruchtbarer, fester Boden wäre, während ein Engländer das Meer
noch ausgedehnter haben möchte, als es ohnehin ist. So wollen einige lauter
Äcker, andere lauter Wiesen, wieder andere lauter Gärten, noch andere lauter Städte
und Festungen. Und so tausend verschiedene Dinge! Ja, ich habe kaum je zwei
Menschen kennengelernt, die auf ein Haar ein und dasselbe wollten.
[RB.01_114,06]
So können die Menschen aus Unzufriedenheit die göttlichen Gaben auch nicht
belassen, wie sie gegeben sind, sondern wandeln diese stets nach Belieben und
nach irdischen Bedürfnissen um. Die Tiere werden gefangen, geschlachtet und ihr
Fleisch unter allerlei Zurichtungen verspeist. Die Bäume und Pflanzen werden
versetzt und veredelt. Mit keiner Ordnung ist der Mensch zufrieden und macht
sich selbst eine bessere. So wäre von Natur aus auch angezeigt gewesen, daß die
Menschen nackt umherwandeln und sommers und winters unter freiem Himmel oder in
Höhlen und Grotten kampieren sollen. Allein sie sind damit durchaus nicht
zufrieden und machen sich deshalb mitunter sogar sehr luxuriöse Kleider und
bauen sich allerlei Häuser und Wohnungen.
[RB.01_114,07]
Warum pfuschen denn die Menschen da in die erhabene Gottesschöpfung hinein und
zeigen dadurch der Gottheit tatsächlich, daß sie mit der ersten, vom Schöpfer
gestellten Ordnung durchaus nicht zufrieden sind? Ein Glück für die Gestirne
des Himmels, daß sie von menschlichen Händen nicht erreicht werden können,
sonst hätten sie schon lange eine andere Ordnung erhalten. Was läßt der Mensch
wohl unangetastet, das er mit seinen Sinnen und Händen erreichen kann? Ich sage
dir, nichts! Sollen aber alle Dinge auf der Erde darum nicht von Gott
erschaffen worden sein, weil die ungenügsamen Menschen ihre Hände daran gelegt
und manches sogar ganz umgestaltet haben? Freund, beantworte mir vorerst diese
Frage, dann wollen wir von der Gotteslehre vernünftig und weise weiterreden!“
[RB.01_114,08]
Spricht der Redner: „Nun, die Sache läßt sich hören! Wie ich nun leise zu
verspüren anfange, dürfte es dir wohl sogar gelingen, uns auch die Gottheit
Christi begreiflich zu machen. Fahre nur weiter fort, denn es ist wahrlich
interessant, dich in dieser Art reden zu hören!“
[RB.01_114,09]
Spricht Bruno weiter: „Gut, da ihr das von mir Gesagte einseht, will ich denn
im Namen des Herrn die Sache Gottes vor euch weiter kundtun:
[RB.01_114,10]
Mit der Lehre Gottes verhält es sich gerade so wie mit der anderen Schöpfung.
Sie ist vor den Augen des Weltverstandes eine höchst unordentliche Torheit und
der sucht da vergeblich jene feste Ordnung, die er natürliche Logik nennt.
Wundertaten und moralische Lehren in zumeist mystischen Bildern sind nahezu wie
Kraut und Rüben untereinander gemengt. Hier liest man ein Wundermärchen, dort
einen Verweis. Auf einer andern Seite eine an und für sich zwar erlesenste
Moral, aber sie hängt mit den anderen Gleichnissen und Begebnissen für den
Weltverstand oft noch weniger zusammen als die ordnungsloseste Flora einer
Bauernwiese. Das aber widerspricht in der Gotteslehre an die Menschen der
göttlichen Ordnung dennoch nicht im geringsten, sondern bestätigt diese
vielmehr. Denn eben dadurch zwingt die Gottheit die träge Natur der Menschen
zum fortwährenden Denken und verschiedenartigen Suchen, um sich ordentlich
zurechtzufinden in dem, was ihr anfangs in der Äußerlichkeit der Lehre gar so
unordentlich und ohne alle Logik hingeworfen vorkommt.
[RB.01_114,11]
Was würdet ihr wohl von der Gottheit halten, wenn z.B. auf der Erde die Sache
so eingerichtet wäre, daß auf bestimmten, mathemathisch scharf abgemarkten
Plätzen nur eine bestimmte Fruchtgattung, auf anderen wieder eine andere
fortkäme? Würde ein Hausvater eine andere als diese Fruchtgattung auf einer solchen
Fläche ansäen und darauf nichts ernten – wie sähe es dann mit seinem Haushalt
aus?
[RB.01_114,12]
Daher hat der weise Schöpfer nur dort eine unwandelbar feste Ordnung gestellt,
wo sie notwendig und den Menschen heilbringend ist. Aber Dinge, mit denen sich
der freie menschliche Geist zu beschäftigen hat, sind von Gott darum so bunt
durcheinandergeschleudert, damit an ihnen der Geist die beste Gelegenheit
finden möge, sich daran zur Erreichung gewisser Vorteile zu üben – um dadurch
jene Fertigkeit und Kraft sich zu eigen zu machen, die hier in dieser reinen
Geisterwelt die eigentliche liebtätige, ewige Existenz bedingt.
[RB.01_114,13]
Die Gotteslehre ist so gegeben, daß jeder Geist aus ihr seine ihm zusagende
Nahrung saugen, sich ernähren, dadurch wachsen und zur Vollendung gelangen
kann.
[RB.01_114,14]
Wie auf dem Erdboden zwei verschiedene Pflanzen recht gut nebeneinander
fortkommen und ihre Reife erlangen können, ebenso können auch aus derselben
Gotteslehre mehrere, konfessionell noch so verschieden gestellte Geister ganz
ungehindert ihre geistige Vollendung erlangen.
[RB.01_114,15]
Daß aber keine Lehre auf der ganzen Welt eine solche Menge Kultusarten zuläßt
wie eben die Gotteslehre Jesu Christi – ist ein Hauptbeweis für die
Göttlichkeit dieser Lehre und ihres erhabensten Verkünders und Stifters! Wäre
diese Lehre ein Menschenwerk, wie etwa ein aus Holz nachgebildeter Baum, so
könnte niemand aus ihr irgendeinen Zweig weiterverpflanzen. Da aber die Lehre
aus dem Gottesmunde Christi kein durch Menschenhände künstlich geschnitzter,
sondern ein mit aller Lebenskraft von Gott Selbst gepflanzter Baum ist, so
geschieht es denn, daß seine Pfropfreiser (Konfessionen) überall grünen und bei
richtiger Pflege auch unfehlbar gute Früchte zum Vorschein bringen.
[RB.01_114,16]
Betrachtet dagegen menschliche Lehren, z.B. die Philosophie, die Mathematik und
dergleichen mehr: sie sind wie eine Maschine, die nur unter einer bestimmten
Form und Einrichtung die stets gleiche Wirkung hervorbringt. In der Mathematik
ist auf der ganzen Welt ohne alle Sektiererei zwei mal zwei gleich vier. Ein
Aristoteles läßt nur eine Sekte, nämlich die rein aristotelische zu, ebenso ein
Wolf, ein Leibniz, ein Fichte, ein Kant und ein Hegel; denn sie alle pflanzten
nur tote Bäume!
[RB.01_114,17]
Nicht so verhält es sich mit der Gotteslehre Christi. Jeder verpflanzte Zweig
faßt Wurzeln, grünt fort, wächst bald zu einem Lebensbaum und trägt Früchte.
Und das ist der gewichtige Unterschied zwischen einem Gotteswerk und dem toten
Werke eines Menschen. Zugleich auch der größte Beweis für die unleugbare
Göttlichkeit einer Lehre, die unter den verschiedenartigsten Kultformen bei
guter und gewissenhafter Pflege stets dieselben Lebensfrüchte trägt.
[RB.01_114,18]
Habt ihr aber noch irgend etwas dagegen einzuwenden, so steht es euch frei! Ich
werde euch im Namen des Herrn keine erläuternde Antwort schuldig bleiben.“
115. Kapitel –
Kritik an Rom. – Brunos Beleuchtung dazu. Vom Nutzen der Nacht.
[RB.01_115,01]
Spricht der Redner: „Freund, du hast die Sache mit staunenswerter
Folgerichtigkeit dargetan, und ich muß dir im Namen aller Gäste dafür danken!
Aber nun kommt noch eine Hauptfrage. Beantwortest du auch diese überzeugend
richtig, dann sollst du uns alle gewonnen haben, und wir werden dich zum
Oberhaupt unserer Gesellschaft machen. Die Frage aber lautet:
[RB.01_115,02]
So nach deiner weisen Erörterung Christus der Herr und Gott des Himmels und der
Erde ist, so fragt es sich, welche Glaubenssekte der Erde ist der Wahrheit am
nächsten? Und wie steht es bei Christus vollernstlich mit der
römisch-katholischen Kirche? – Wer kennt nicht das alte, im höchsten Grad
herrschsüchtige Getriebe der Alleinseligmacherin? Das Wort Gottes, verkümmert
und verkrüppelt, ist da nur ein gleißnerisches Aushängeschild, hinter dem ein Wolf
seine reißende Gier verbirgt. Alle möglichen Stürme haben versucht, diesem
Wolfsdrachen das Lammfell vom Leib zu ziehen, aber leider bisher rein
vergeblich! Dieser Moloch, dieser siebenköpfige Drache, diese alte Welthure
gedeiht und vegetiert unverwüstbar fort und treibt ihr ruchloses Metier ganz
ohne Beirrung aus dem Himmel!
[RB.01_115,03]
So Christus, der die Schändlichkeiten der jüdischen Pfaffen bei allen
Gelegenheiten doch nachdrücklich gerügt hat, Gott ist und lebt wie wir nun nach
unserer Leiber Tod – so sage uns: Wie kann Er solchen Greueln nun schon über
fünfzehn Jahrhunderte den Lauf lassen und gemächlich zusehen, wie diese
schwarzen Gottesdiener mit Ihm ein bei weitem ärgeres Schindluder treiben als
alle jene altrömischen Henkersknechte, die Ihn ans Kreuz geheftet haben? Mehr
als vier Fünftel der Christenheit sieht dieses arge Treiben klar ein und sagt:
,Unter allen christlichen Sekten ist Rom die älteste und muß sonach auch am
besten wissen, was sie von Christus und Seiner Lehre zu halten habe! Durch
ihre, der Lehre Christi schnurgerade entgegenlaufenden Handlungen aber zeigt
sie, daß sie selbst an diese Lehre noch nie geglaubt hat und somit noch weniger
an Christus. Sie backt Ihn, sie verkauft Ihn, ja sie verfluchte Ihn sogar zur
Hölle, so Er es wagte, etwa auch mit einer andern Sekte Gemeinschaft zu machen.
Dadurch werden alle Bekenner Seiner Lehre in ihrem Glauben erschüttert und sind
auf diese Weise dann genötigt, solch einer Lehre mit Verachtung den Rücken zu
kehren!‘
[RB.01_115,04]
Sage, so es einen Christus gibt, sieht Er das nicht oder will Er es nicht
sehen? Oder ist es etwa doch Sein Wille, daß die römisch-katholische Kirche
ebenso fortwalte, wie sie allzeit schändlich genug bestanden hat? Hat Christus
im Ernst ein Wohlgefallen an solchen Werken? Kann Er im Ernst nur lateinisch
und liebt über alles die leerste, nichtssagende Zeremonie? Er, der zu Seinen
Lebzeiten doch nichts so sehr bedroht hat wie die schändliche Augendienerei! –
Also, Freund, dies Rätsel noch löse uns und wir sind dann ganz deines Gottes!“
[RB.01_115,05]
Spricht Bruno: „Freund, dein Einwurf wegen Rom ist gewiß bestbegründet und es
läßt sich für diese Kirche wahrlich schwer irgendeine Befürwortung anbringen.
Nichtsdestoweniger muß der Herr dennoch irgendeinen Grund haben, daß Er sie
bestehen läßt. Es ist vollkommen wahr, daß das Gotteswort Christi sogar bei den
Juden und Mohammedanern bei weitem größeres Ansehen genießt als eben bei den
Römlingen, die aus Christus machen, was sie wollen, und Sein heiligstes Wort
verdrehen, wie es in ihren herrsch- und habsüchtigsten Kram gerade am besten
taugt.
[RB.01_115,06]
Dieser nun schon sehr alte Baum hat in geistiger Hinsicht beinahe dieselbe
Degeneration erlitten wie der alte Kastanienbaum in Sizilien nahe am Ätna,
dessen Kern schon vor nahezu eintausend Jahren morsch, faul und tot geworden
ist. Da aber dieser Baum in seiner Jungzeit mächtige Wurzeln und
weitausgebreitete Äste getrieben hat, so hat sich in späterer Zeit zwischen
Wurzeln und Ästen eine neue Rumpflinie gebildet. So entstand aus dem ehemals
einen, gesunden Baum nun ein Vielbaum, der bloß in der Krone und lange nicht
mehr in Wurzel und Stamm als ein und derselbe Baum zusammenhängt. Dieser Baum
trägt wohl noch hie und da sparsam Früchte, aber sie sind geschmacklos, hart und
nahe ungenießbar. Der Grund davon dürfte wohl der sein, weil der Baum den
ersten Hauptlebenskern schon lange gänzlich verloren hat. Wohl haben sich aus
den starken Seitenwurzeln in den geteilten Blattstämmen auch eigene Kerne
gebildet. Damit aber ist dem Hauptstamm wenig geholfen, von dessen alleiniger
Vollgesundheit auch die wohlgenießbare Frucht abhängt. Dieser Baum wird jetzt
mehr als eine historische Rarität denn als ein eigentlich nutzbarer Baum
angesehen und vom einfachen Volk unter allerlei Märchen und Fabeln (die sich an
alles sehr Alte gerne ankleben) verehrt und von stockblinden Narren sogar als
ein Heiligtum angebetet. Das beste an diesem Baum ist, daß er bei plötzlich
eintretenden Unwettern den Wanderern einen dürftigen Schutz gewährt.
[RB.01_115,07]
Ebenso verhält es sich mit dem in hohem Grad zerrissenen Bestand der
römisch-katholischen Kirche. Sie hat keinen eigentlichen Stamm und keinen Kern
mehr. Sie hat noch äußerlich das Ansehen von einem Lebensbaum; aber im Grunde
ist sie ebensowenig mehr ein solcher, wie der alte sizilianische Kastanienbaum
ein nützlicher Fruchtbaum mehr ist. Sie vegetiert wohl noch und hat in ihren
Gliedern noch ein Äußerlichkeitsleben, trägt auch noch Blüten und Früchte; aber
sie sind nicht mehr zu genießen, sind hart und geschmacklos und werden von
einigen Reisenden nur als eine Rarität gekauft. Wie der sizilianische
natürliche Baum eigentlich schon lange tot ist und nun seiner gänzlichen
Auflösung entgegengeht, so nun auch der altersschwache geistliche Baum Roms. Ich
sage dir: Bald wird Rom nur mehr in den Geschichtsbüchern existieren!
[RB.01_115,08]
Es ist allerdings wahr, daß an seiner Stelle eine Menge anderer frischer und
gesunder Bäume stehen könnten. Aber so es Gott noch genehm ist, solche
Raritäten bestehen zu lassen, wozu Er sicher Seinen besten Grund hat, – warum
sollen sie dann uns genieren, wo wir doch alle schon lange von ihnen keinen
Lebensgebrauch mehr gemacht haben und in alle Zukunft noch weniger machen
werden!
[RB.01_115,09]
Übrigens kommt mir die römische Kirche vor wie eine Glaubensnacht, da sie bei
ihren sogenannten gottesdienstlichen Verrichtungen stets Lichter anzündet zum
Zeichen, daß es in ihr auch am hellsten Tage Nacht ist! Die Nacht aber hat auch
ihr entschieden Gutes, denn sie gibt den Müden Ruhe. Und wo haben die
Geistesmüden mehr Ruhe als in der Nachtkirche Roms? Sie brauchen nichts zu
denken, nichts zu forschen und nicht vorwärts zu schreiten, sondern nur ganz
ruhig an den Gütern ihrer Mutter (Nacht) teilzunehmen und können dabei ruhig schlafen!
Erwachen sie aber dann, durch irgendeinen moralischen oder politischen Rumpler
geweckt, so sucht niemand so emsig ein Licht als eben diejenigen, die sich in
der Nacht befinden!
[RB.01_115,10]
Und so glaube ich, daß der Herr aus diesem Grund die römischkatholischen
Nächtlinge duldet, gleichwie die natürliche Nacht neben dem Tage, daß die
Menschen in dieser Nacht desto größeren Appetit nach dem Licht bekommen sollen!
Ich habe mich wenigstens noch allzeit überzeugt, daß die Blinden stets größere
Freunde des Lichts waren als die Sehenden. So mag es wohl auch sein, daß von
allen christlichen Glaubenssekten keine so viel nach wahrem Licht forschen wird
als eben die der Nachtkirche zuständigen Bekenner. – Ich meine, daraus dürfte
euch so ziemlich einleuchtend sein, warum der Herr die alte Römerin duldet, und
wozu sie eigentlich gut ist?“
116. Kapitel –
Entstellung der reinen Gotteslehre zufolge der menschlichen Willensfreiheit.
Das Ende der Langmut des Herrn.
[RB.01_116,01]
Spricht der Redner: „Freund, wir sehen nun ein, daß die Gotteslehre Christi
wohl eine echte Gotteslehre sein kann und auch sicher ist, obgleich sie von Rom
auf das greuelhafteste mißbraucht wird. Aber nur sehen wir noch nicht ein, wie
denn der Herr es zulassen konnte, daß diese in der ersten Zeit doch rein
apostolische Kirche in den letzten Jahrhunderten so herabgesunken ist, daß sie
nach dem reinen Sinn des Evangeliums gar keine Kirche mehr ist. Ihr
lateinisches Geplärr, ihre Ohrenbeichte, ihr Meßopfer und sonstiger
Heiligenfirlefanz und besonders das aller Natur widerstrebende Zölibat sind
doch Erscheinungen, über die sich in der jetzigen Zeit sogar schon Pudel zu
mokieren anfangen – anderer dümmster kirchlicher Gebräuche nicht zu gedenken.
Und solch eine großartigste Narrenanstalt duldet der Herr, dessen Lehre ein
Zentralsonnenlicht den Menschen der Erde sein soll! Sieh, das ist des Pudels
ominöser Kern! Darüber, Freund, gib uns noch ein Lichtlein!“
[RB.01_116,02]
Spricht Bruno: „Liebe Freunde! Warum dieses der Herr zulassen kann, müßt ihr
euch aus dem heiligen Begriff der notwendigen Freiheit des menschlichen Willens
erklären, ohne welche der Mensch nicht Mensch, sondern ein bloßes Tier oder ein
Automat wäre. Da er jedoch, um Mensch zu sein, einen vollkommen freien Willen
haben muß, demzufolge er tun kann, was immer er will, so ist es auch klar, daß
es ihm auch in Hinsicht auf die noch so reingöttliche Lehre freistehen muß, sie
anzunehmen oder nicht anzunehmen, oder als echt oder nicht echt anzuerkennen.
Da aber dem Menschen solches zusteht, so war es dann auch möglich, daß sich mit
der Zeit aus der reinen Lehre Christi ein finsterstes Papsttum herausbilden
konnte.
[RB.01_116,03]
Haben sich doch schon zu den Zeiten der Apostel Geschäftemacher mit der
Wunderlehre Christi vorgefunden; ja Christus Selbst hatte einen, der Ihn
verriet, bei sich! Wie sollen sich da in den späteren Zeiten nicht Krämer in
Menge vorgefunden haben, denen die Lehre Christi als eine geduldige Kuh galt,
die ohne viel Futter eine ungeheure Menge Milch gibt. Da aber geldsüchtige
Menschen das nur zu gut eingesehen haben, machten sie aus der Gotteslehre eine
Verkaufsware, handelten damit in allen Landen der Erde und machten die besten
Geschäfte. Das war schon die erste böse Tat! Als aber die Kaufleute (römische
Pfaffen aller Art) sahen, daß die Ware in ihrer reinen, geistigen Form nicht
mehr gar zu gierig gekauft wurde, besonders bei den prunk- und
zeremonieliebenden Asiaten – da richteten sie auch bald ihre Ware so ein, wie
sie glaubten, daß sie den Morgenländern am meisten zusagen dürfte. Und sehet,
der neue Handel ging dann wieder gut vonstatten.
[RB.01_116,04]
Aus dieser Handelsepoche datiert hauptsächlich zuerst die freche Beschneidung
der reinen Lehre Christi, die Erfindung des Fegfeuers, der Ablässe, der
Bruderschaften und dergleichen mehr. Auch die den verschmitzten Kaufleuten Roms
sehr viel eintragenden Kreuzzüge gehören dieser zweiten Epoche an. – In der
späteren Zeit, als die Menschen ein wenig einzusehen begannen, zu wessen Nutzen
Roms Ablässe so eifrig gepriesen und mit aller Energie betrieben wurden, hat
man dann dieser zu grellen Betrügerei etwas Einhalt tun müssen. Auch ist man
dahintergekommen, daß die Kaufleute Roms mit den Sarazenen in innigster
Geschäftsverbindung standen und diesen treulich kundgaben, wann sie wieder von
einem Kreuzzuge besucht würden – wodurch es dann den wohlunterrichteten
Sarazenen freilich stets ein leichtes sein mußte, die blinden Kreuzritter auf
das zweckmäßigste zu empfangen.
[RB.01_116,05]
Als die Menschen hinter all diese Betrügereien kamen, warf man sich auf die
Mystik oder eigentlich Schwarzkunst, errichtete Wallfahrtsorte mit
Mirakelbildern, hüllte sich ganz ins Latein ein, produzierte wundertätige
Reliquien und baute große Tempel mit viel Wunderaltären. Damit handelt man bis
zur Stunde. Aber da gegenwärtig die Menschen den Pfaffen schon wieder über den
Kopf wachsen und sogar vor dem heiliggeistigen Mann keinen Respekt mehr haben,
geht nun diesen Kaufleutchen der Faden aus. Sie wissen nun nicht, wie sie die
Sache anstellen sollen, um ihrer sehr verlegenen Ware einen ergiebigen Absatz
zu verschaffen.
[RB.01_116,06]
Aber Freunde, diesmal wird sich's nicht mehr tun! Die Bibeln sind nebst anderen
hellen Schriften zu sehr unters Volk gekommen. Und diese Kaufleute haben zu
offen gezeigt, daß sie für alles zu haben sind um Geld. Und so hat sich sogar
Maria, die lange ihre Hauptstütze war, samt ihrem hölzernen Christus bei ihnen
zu empfehlen angefangen, was für diese Kaufleute ein außerordentlich böses Omen
ist. Beinahe möchte ich um meine ganze Seligkeit wetten, daß sie in Bälde vor
den Völkern gerade nicht viel anders dastehen werden, als wie eine sich stets
sittlich und fromm gebärdende Tochter, so sie endlich als eine feile Dirne
ertappt wird. – Oder sie, die Kaufleute, werden stark handeln lassen müssen,
was aber auch ein Argumentum gegen sie sein wird.
[RB.01_116,07]
Und so wird der Herr Seine Lehre zur rechten Zeit auf eine Art reinigen, die
aller Welt wie ein Blitz in die Augen springen wird! Im ganzen aber schadet es
gerade niemandem, wenn er der Römerin dem Namen nach angehört, denn ich kann
euch alle versichern, daß der Herr die römischen Lämmer sehr lieb hat. Aber was
bisher noch nicht geschah, das steht nun vor der Tür!
[RB.01_116,08]
Darum alle Ehre Ihm allein, der die Seinen stets so sanftmild leitet wie eine
Henne ihre Küchlein! Ich meine, daß ihr nun bezüglich der Römerin völlig im
klaren sein dürftet. Und so wendet euch denn nun allein an Jesus Christus, auf
daß euch allen ein volles Licht für ewig werden möchte.“
117. Kapitel –
Die Zweifler glauben nun, fürchten aber zum Teil den Gang zum Herrn.
Zwiegespräch eines Kirchlichen und eines Freien. Humor im Geisterreich.
[RB.01_117,01]
Spricht darauf der frühere Redner, der vor dem sogenannten Grobianus gesprochen
hatte: „Ich und mein Nachredner sind von der Klarheit deiner Rede ganz
durchdrungen. Die Wahrheit ist darin durchschlagend! Es wird auch unfehlbar so
werden, wie du es nun in prophetischem Geist vorausgesagt hast. – So ist auch
der Jude Jesus, der Christ, sicher das, was die gute Überlieferung von Ihm
zeigt und was du von Ihm ausgesagt hast. Aber umso schwerer ist es nun für uns,
daß wir uns an Ihn wenden. Denn wir sind allzumal große Sünder gewesen und
haben Seiner göttlichen Lehre nicht geachtet! Wird Er uns nicht sogleich
zurufen: ,Weichet von Mir, ihr Täter des Übels, Ich kenne euch nicht!‘“
[RB.01_117,02]
Spricht der zweite Redner: „Wo denkst du schon wieder hin? Glaubst du denn im
Ernst noch an Hölle und Fegfeuer? Nein, so etwas könnte mir nicht einmal im
Traum einfallen. Christus wird doch um ein hübsches Stück weiser sein und auch
besser als wir beide. Sag mir, könntest sogar du bei deiner Herzenshärte jemand
in die jesuitische Hölle hinein verdammen, und das auf ewig, so es eine gäbe?
Ich sage, da müßte man geradeswegs ein Teufel sein. Wie stellst du dir hernach
aber Christus vor, wenn du Ihm so etwas zumuten kannst?“
[RB.01_117,03]
Spricht der erste: „Du hast zwar wohl recht; aber weißt du, das sind auch Seine
eigenen Worte, denen zufolge Hurer, Ehebrecher, Diebe, Mörder, Betrüger,
Meineidige, Geizhälse und Hartherzige nicht ins Reich Gottes eingehen werden. –
Es heißt: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig!“ Wir sind zwar wohl
getauft worden, aber geglaubt haben wir nie etwas, außer was wir mit Händen
greifen konnten. Wir können also vor Christus mit gar nichts auftreten, das für
uns nur einen günstigen Schein hätte. Er ist wohl unendlich gut, aber Er ist
auch ebenso unendlich heilig und deshalb ebenso gerecht! Wie wir uns aber mit
Seiner Gerechtigkeit zurechtfinden werden, das ist eine andere Frage!“
[RB.01_117,04]
Spricht der zweite: „Aber hast du denn unsern Freund und Führer Bruno nicht
reden gehört, wie die Sachen stehen? Er ist von Christus an uns abgesandt
worden, um uns zu gewinnen und hinzuführen vor den Herrn! Er hat uns nun
gewonnen, warum sollen wir noch Umstände machen? Das wissen wir alle, daß wir
vor Gott keinen Schuß Pulver wert sind, aber so Er uns gnädig und barmherzig
sein will, warum sollen wir uns spreizen wie eine Jungfrau auf einer
Bauernhochzeit? Da heißt es mit beiden Händen zugreifen, wenn uns der große Herr
der Himmel etwas geben will, und nicht allerlei jesuitische Bedenken tragen!“
[RB.01_117,05]
Spricht der erste: „Aber wenn du nur um ein bißchen feiner wärest! Auf der Welt
warst du stets so ein gerader Michel, wirst du etwa im Angesicht des Herrn und aller
Seiner heiligen Freunde auch so reden? Da wirst du sicher beben wie das Laub
der Espe bei einem großen Sturm!“
[RB.01_117,06]
Spricht der zweite: „O je, o je! Wie ich nun merke, steckt noch ein ganzes
Jesuitenkollegium in dir! Hast du denn auf die klaren Worte Brunos nicht
achtgegeben? Der hat die römische Betrügerei doch klar enthüllt, und du
schwärmst noch wie ein sterbender Pater. Geh, laß dich nicht auslachen! Sieh,
dem Freund Bruno wird schon ordentlich nicht gut, wenn er dich ansieht, weil du
so ein blitzdummes Gesicht machst und darauf los redest, als wie ein Wiener
Fiaker am Karfreitag, wenn die Liguorianer seine Pferde mit Weihbrunn
besprengen. Schäme dich, hier im Geisterreich mit derlei Albernheiten zu
kommen! Schau, Christus, der Herr, müßte dich gerade selbst auslachen, wenn Er
dich mit diesem Gesicht sähe!“
[RB.01_117,07]
Spricht der erste: „Freund! Ich bitte dich, bezähme deine grobe Zunge, sonst
kommst du noch selbst in die Hölle! Denn es gibt eine Hölle, wie es einen
Himmel gibt. Lege doch deiner Zunge ein bißchen einen Zaum an, sonst wirst du
ohne weiteres verdammt!“ – Spricht der zweite: „Freund Bruno, sei so gut und
tröste doch diesen Helden ein wenig, sonst erleben wir noch hier in der
Geisterwelt das Malheur einer Hosenverunreinigung! Die Voranstalten dazu
scheinen schon so ziemlich getroffen zu sein!“
[RB.01_117,08]
Die ganze Gesellschaft gerät darüber ins Lachen und der erste Redner spricht:
„Aber Freund Bruno! Ich bitte auch, diesem Verunglimpfer meines guten Namens
sein weites Maul ein wenig zu stopfen. Denn was geht das ihn an, wenn ich ein
Freund der Diener Gottes war? Laß ihn doch nicht solche Anspielungen machen,
daß mich darob alle auszulachen anfangen!“
[RB.01_117,09]
Spricht Bruno: „Sei gescheiter, dann wird dich niemand auslachen! Aber so du
hier mit lauter jesuitischen Bedenken kommst und dadurch mein Werk an euch
allen verzögerst, so hat Freund Niklas recht, wenn er dich ein wenig rippelt!
Wer ist denn vor Gott gut und gerecht, und wer hat Verdienste vor Ihm, dem
Allmächtigen? Hat Er denn nicht Selbst gesagt: ,So ihr alles getan habt, da
müsset ihr noch sagen, daß ihr faule und unnütze Knechte waret?‘ Wenn Er aber
so geredet hat, was urteilen wir denn, ob wir welche oder keine Verdienste vor
Ihm haben? So Er uns aber gnädig und barmherzig sein will, was sollen wir uns
denn da dagegen stemmen? O sieh, das ist eitel! Wir alle sind schlecht, und
Gott allein ist gut! So Er uns aber nun etwas aus Seiner ewigen Güte heraus tun
will, so ist es an uns, zu tun wie einst der Sünder Zachäus, als ihn der Herr
vom Baum herabsteigen ließ, in seinem Hause einkehrte und dann mit ihm das Mahl
hielt. Und so tun denn auch wir, was einst Zachäus getan hat!“
118. Kapitel –
Bardos Rechthaberei. Niklas' Zurechtweisung. Die Tausendschar, im Geiste
vereint, darf des Herrn Gnade erfahren.
[RB.01_118,01]
Spricht der erste Redner Bardo: „Nun denn, in Gottes Namen, ich will ja wohl
nachgeben, wenn es so ist. Aber daß der Niklas durchaus kein feiner Geist ist,
das muß er doch selbst einsehen. Darauf aber, daß Niklas ein Neukatholik war
und als solcher an den Herrn Jesus gar nicht mehr geglaubt hat, braucht er sich
nicht gar zu viel einzubilden. Denn die haben die Welt zum Himmel machen wollen
und haben uns Katholiken dumme Schafsköpfe benamst. Aber nun als Geist sitzt
der gute Niklas mit gar vielen seines Glaubens samt uns alten Katholiken im
gleichen Pfeffer. Und deswegen braucht der Niklas gerade nicht gar so grob mit
unsereinem zu sein!“
[RB.01_118,02]
Spricht etwas lächelnd der Niklas: „Mein schätzbarster Freund Bardo! Nichts für
ungut, so ich ein wenig zu hitzig geworden bin! Aber ich habe es wenigstens gut
gemeint, was mir niemand leugnen kann. Sag mir, ob je ein eigentlicher
römischer Katholik anders zu Gott betet, als um von Gott etwas zu bekommen? Ein
jeder bittet um etwas anderes; aber Gott die Ehre zu geben, darum nur, weil Er
als Gott das vollkommenste Wesen ist – Freund Bardo, meine Seligkeit gebe ich
für einen Papisten, so er je aus uneigennütziger Absicht zu Gott gebetet hat.
Bilde dir daher auf deine römisch-katholische Sanftmut nur nicht gar zu viel
ein! Übrigens meine ich, daß es nun an der Zeit wäre, dem Rate des Freundes
Bruno nachzukommen, denn des leeren Strohes hätten wir beide nun zur Genüge
miteinander gedroschen!“
[RB.01_118,03]
Spricht Bardo: „Das ist kein leeres Stroh! Verstehst du? Denn wenn man jemanden
einen Esel, wenn auch umschrieben nennt, so ist das bei mir kein leeres Stroh!“
[RB.01_118,04]
Spricht Niklas: „Was denn hernach? Wenn es dich denn gar so ärgert, weil ich
dir ein wenig die Wahrheit gesagt habe, so sage mir dafür denn eine zurück und
wir sind dann miteinander quitt! Schau, siehst denn du noch nicht ein, daß uns
allen an Christus dem Herrn mehr gelegen sein muß als an unserer gegenseitig
gekränkten Ehre? Was ist denn alle Ehre ohne Gott?! Daher, Freund Bardo, nun
nichts mehr von derlei irdischen Dummheiten; sondern wir vereinigen uns alle
nach dem Rat Brunos und bitten den Herrn Jesus um Licht, um Gnade und um
Erbarmung! – Ich will den Vorbitter machen, und ihr bittet es mir laut und vom
Grunde des Herzens nach. – Natürlich, so ihr es wollt!“ – Spricht Bardo: „Eh,
warum soll ich denn gerade dir nachplappern? Ich werde doch etwa selbst auch
imstande sein, eine Bitte zu formulieren!“ – Spricht Niklas: „Nur zu! Habe gar nichts
dawider! Denn ein jeder muß es am allerbesten wissen, wo ihn der Schuh am
meisten drückt! Ich aber werde nun einmal meine Bitte laut vortragen, und es
stehe einem jeden frei, sich daran zu beteiligen oder nicht.“
[RB.01_118,05]
Hier spricht die ganze Tausendgesellschaft: „Bitte du, Niklas, wir werden dir
nachbitten!“
[RB.01_118,06]
Spricht Bardo: „Ich aber werde doch allein für mich bitten, denn ich weiß schon
warum.“ – Spricht Niklas: „Tue was du willst, aber wir bitten dich, daß du uns
fürder nicht störst. Daher bitte in der Stille!“
[RB.01_118,07]
Nach diesen Worten fällt es allen bis auf Bardo wie Schuppen von den Augen. Ich
Selbst stehe unweit des großen Ratstisches, um den noch die schon bekannte
Gesellschaft versammelt ist, knapp vor Niklas. Alle getrauen sich kaum
aufzuschauen und können sich über die Größe und Pracht des Saales wie über die
Frische und Schönheit der Gäste nicht genug verwundern.
[RB.01_118,08]
In diesem Augenblick tritt auch Bruno in höchster Ehrfurcht vor Mich hin und
spricht: „O Herr! Dir allein alle Liebe, Ehre und Anbetung! Als ein unnützester
Knecht übergebe ich Dir diese Schar, die, wie ich überzeugt bin, nun ganz Dir
im Herzen angehört.“
[RB.01_118,09]
Rede Ich: „Sehr gut hast du es gemacht! Deine große Geduld und Demut haben dies
nicht geringe Werk musterhaft zustande gebracht. Wahrlich, weil du bei deinem
ersten Geschäft in Meinem Reich dich so meisterhaft benommen hast, sollst du
bald über Größeres gesetzt werden. Und dein Freund Niklas soll dir zur Seite
stehen. Denn auch er hat gegen das Ende deiner Verhandlung mit dieser
Tausendgesellschaft entschieden viel dazu beigetragen, daß sie nun, bis auf
einen leichten Eigensinnler, vollkommen gerettet vor Mir, ihrem Gott, Herrn und
Vater steht!
[RB.01_118,10]
Wahrlich, keine Gewinnung der Geister ist segensreicher als die durch ein
wahres Wort und eine weise Lehre! – Ihr habt allein durch Wort und Lehre diese
Herde gewonnen, was vollkommen Meinem Willen und Meiner Ordnung gemäß ist.
Daher ist diese Herde nun vollkommen frei und kein Wunderwerk hält ihr Herz
gerichtet. Sie ist daher auch fähig, sogleich größere Gnaden zu empfangen und
das macht Mir wahrlich große Freude. Euer Lohn soll aber daher auch ein großer
sein!
[RB.01_118,11]
Als alle die Früheren zu Mir kamen, hatten sie Hunger und Durst, denn sie
konnten mehr nur durch wundersame Taten und Erscheinungen zu Mir gebracht
werden. Euch aber hungert es nun nicht, und niemand, bis auf den Bardo, hat
einen Durst. Der Grund davon ist, weil ihr alle allein dem Worte gefolgt seid.
Und das ist recht, denn so ist es Mein Wille!
[RB.01_118,12]
Gehet ihr beide, Bruno und Niklas, zu Robert hin, der wird euch neue Kleider
geben. Ich Selbst aber werde den Bardo ergreifen und ihm geben, was er haben
will – Süßes oder Bitteres!“
[RB.01_118,13]
Niklas, ganz zerknirscht vor Liebe und Dank, möchte noch etwas reden. Aber Ich
sage zu ihm: „Freund, du hast schon geredet, denn Ich verstehe Mich auf die
Zunge des Herzens. Daher gehe nur mit Bruno getrost hin zu Robert! Im neuen
Kleid werden wir dann noch vieles miteinander zu reden und zu schlichten
bekommen. – Es sei!“
119. Kapitel –
Bardos Seelenheilung. Niklas Rede von den Führungen Gottes. Himmlische
Verbrüderung.
[RB.01_119,01]
Die beiden bewegen sich sogleich zu Robert hin, der sie überaus freundlich
aufnimmt. Ich aber sage zu Bardo, der Mich noch nicht sieht: „Tue dich auf, du
Finsterling, gib Antwort und zeige Mir deines Hochmuts Grund!“
[RB.01_119,02]
Bardo erschrickt gewaltig, als er Mich vor sich erblickt und sogleich erkennt.
Er versucht zu reden, aber die Zunge versagt ihm den Dienst. So stammelt er
bloß so hin wie einer, den in den größten Sorgen der Schlaf übermannt. Er meint
in seinem zitternden Herzen nichts anderes, als daß Ich ihn schon im nächsten
Augenblick zur Hölle verdammen werde.
[RB.01_119,03]
Aber Ich sage zu ihm: „Blinder! Wie eitel ist doch deine Furcht! Wann kam Ich
denn je zu denen, die durch sich selbst verdammt sind, um sie noch mehr zu verdammen?
Ich komme zu helfen, aber nicht zu richten und zu verdammen! Ich sehe aber in
dir eine starke Krankheit, und die heißt Hochmut. Und darüber sollst du Mir,
der Ich dir helfen will, genaue Auskunft geben. Nicht um Mich etwa über dich in
Kenntnis zu setzen, denn Mir sind alle Dinge von Ewigkeit her wohlbekannt;
sondern damit du selbst dich deiner Bürde entledigst vor Mir.
[RB.01_119,04]
Siehe, als dein Freund Niklas euch allen einen Bittleiter machen wollte, da
wolltest du nicht mithalten, sondern wolltest ganz für dich allein bitten. Und
du batest auch, aber wie und warum? Für dich selbst wolltest du gerade nicht
viel, dafür aber desto mehr Demütigung für alle, die dich beleidigt haben. Am
allermeisten für Niklas, der dir bei Bruno deine Volksvertreterschaft streitig
gemacht hatte und es am Ende sogar gewagt hatte, dir einige sehr bedeutende
Wahrheiten ins Gesicht zu sagen.
[RB.01_119,05]
Bedenke aber, ob das wohl recht ist, so du dem, der dir dein bester Freund ist,
eine große Demütigung an den Hals wünschest, weil er als Freund es gewagt
hatte, dir ganz gebührendermaßen die Wahrheit zu sagen?! Solltest du dem, der
dir als wahrer Freund die Wahrheit sagt und dich dadurch von der verderblichen
Stufe des Hochmuts und der Selbstsucht zurückzieht, nicht vielmehr alles Beste
wünschen?
[RB.01_119,06]
Meinst du denn, hier im Reiche der ewig unverhüllten Wahrheit gehe es auch so
zu wie auf der Erde, wo die Blinden nur die Schmeichler als ihre Freunde
halten, jene aber, die ihnen die Wahrheit sagen, als ihre ärgsten Feinde
verfolgen – gleich wie es die Juden an Mir taten, der Ich auch keck genug war,
ihnen die nackte Wahrheit vor Augen zu führen?
[RB.01_119,07] O
Mein lieber Bardo, hier ist es ganz anders. Hier gilt nur die Wahrheit allein
und die mit ihr gepaarte reine Liebe! Alles andere ist ein Greuel vor Mir und
muß von Meinem Reiche ewig fernbleiben. Darum bekenne nun aus dir selbst, daß
du an Niklas in hohem Grade Unrecht geübt hast. Gehe hin und vergleiche dich
mit ihm! Dann komme wieder hierher und Ich werde dir zukommen lassen, was recht
ist und was dir gebührt!“
[RB.01_119,08]
Als Bardo solche gewichtige Worte aus Meinem Munde vernimmt, fängt er an, in
sich zu gehen und sagt bei sich im Herzen: Ja, der Herr, der Allmächtige hat es
gesprochen. Wer kann sich wider Seine Weisheit und Allmacht auflehnen? Es ist
schon so und ewig recht! Der Mensch ist ein Feind der Wahrheit, besonders wo
sie ihm zu nahe tritt. Aber er tut ihr groß unrecht, zumal so er bedenkt, daß
sein Leben endlos weit über das Grab hinausreicht, und zwar lediglich in der
Wahrheit und Liebe bedingt! – Der Herr Selbst hat es mir gezeigt und so will
ich denn, wie schwer es mir auch ankommen sollte, tun, wie es der Herr will!
Ich will mutig und entschlossen zu Freund Niklas hingehen, ihm alles bekennen
und ihn um seine Freundschaft demutsvoll bitten! – Darauf begibt er sich
sogleich zu Niklas hin, um seinem guten Vorhaben nachzukommen.
[RB.01_119,09]
Niklas aber kommt ihm, nun schon umgekleidet, entgegen, umarmt ihn und spricht:
„Freund! Auf der Erde benötigen die Blinden auch der Tat, denn sie sehen nicht
des Willens Kraft. Hier aber, wo man mit geöffneten Augen den Ernst des Willens
wohl erschaut, fragt man nicht nach der Tat, sondern allein nach dem Willen.
Ist dieser in der Ordnung, dann ist auch alles in Ordnung. Hier ist nur der
Wille unser, alle Tat aber ist des Herrn!
[RB.01_119,10]
So sind wir nun die besten Freunde für ewig und alle unsere irdischen
Differenzen haben für immer aufgehört! Freund Bruno aber wollen wir auch
allzeit von ganzem Herzen lieben als einen wärmsten Freund, denn seiner großen
Geduld haben wir alle die volle Rettung vom Untergang zu danken. Natürlich, wie
es sich von selbst versteht, der unendlichen Güte, Milde und unbegreiflichen
Herablassung des Herrn zuvor! Denn Er war, ist und bleibt ewig der Haupt- und
Urgrund alles Heils! – Auch wir haben noch mehrere Freunde hier lobend
anzuerkennen. Denn sie waren ein starker Magnet, der uns schon auf der Erde
sehr angezogen hat, und waren auch hier die handgreifliche Veranlassung, daß
wir durch sie unser Heil in ihrer Wohnung gefunden haben.
[RB.01_119,11]
Dem Vater Jesus aber sei Dank, Anbetung und Liebe dafür, daß Er unsere Schritte
so geleitet hat, daß wir wider allen unseren Glauben nun am Ende langer
Blindheit dennoch dahin gelangten, wohin wir nach Seiner Ordnung zu gelangen
hatten!
[RB.01_119,12]
Wahrlich, Seine Ratschlüsse sind unerforschlich und unergründlich Seine Wege!
Es geht dem Menschen wie mit einem Schiff, das ohne Segel und Ruder von den
Winden auf dem Meere hin und her getrieben wird. Wer sollte dabei denken:
,Sieh, dieses Fahrzeug, aller leitenden Organe ledig, wird dennoch nach einem
besten Plane geleitet!‘ Aber man bedenkt dabei nicht, daß auch die Winde des
Herrn sind und Er allein ihnen die Richtung und Kraft erteilt. Das Schiff kommt
endlich dennoch an ein sicheres Ufer, als hätte es der erfahrenste Steuermann
geleitet. Und das ist ein Werk des Herrn, dem darum allein Ehre und Preis
gebührt für ewig!
[RB.01_119,13]
So hat der Herr auch uns geleitet, daß wir durch unsere wahrlich groben Sünden
den Weg zu Ihm nehmen mußten. O wie gut und weise muß Er sein und wie
unermeßlich liebegewaltig! Nun sind wir für ewig gerettet, daher seien wir auch
voll besten Mutes und voll der innigsten Liebe zu Ihm, dem Retter aller unserer
Retter!“
[RB.01_119,14]
Nach diesen Worten umarmen sich beide und darauf Bruno, dann Dismas und Max
Olaf, der den Dismas zurechtgebracht, hauptsächlich aber Robert, der zur
endlichen Wiederbringung des Dismas kräftig gewirkt hatte.
[RB.01_119,15] Nach
dieser Szene begibt sich Niklas mit Bardo zu Mir und spricht: „Herr, wir beide
stehen wie ein Herz vor Dir. Vergib auch Du uns, wie wir uns gegenseitig alles
vergeben haben, auf daß wir Dich dann wie aus einem Herzen über alles lieben
können!“
[RB.01_119,16]
Rede Ich: „Wenn ihr miteinander gleich seid, dann ist auch alles geebnet vor
Mir und Eure Schuldtafel ist vernichtet! – Gehet aber nun mit Robert und den
anderen Freunden hin zu dem großen Goldschrank! Dort werdet ihr für diese
tausend Armen eine rechte Menge Kleider finden. Nehmt sie und teilet sie an die
Armen aus, denn sie sehen noch sehr nackt aus. Dann aber kommt, auf daß Ich
euch segnen und weiterführen kann im Reiche des Lichtes! Also sei es!“
120. Kapitel –
Bekleidung im Jenseits. Segensrede des Herrn. Blum und seine Freunde werden zur
Ordnung des Speisesaals beschieden. Ihre verwunderlichen Erfahrungen.
[RB.01_120,01]
Alle begeben sich nun zu Robert hin. Dieser führt die große Schar zu dem
Goldschrank, öffnet ihn und teilt allen die neuen Kleider aus, die sie sogleich
anziehen. Dadurch bekommen alle ein besseres Aussehen und werden voll frohen
Mutes.
[RB.01_120,02]
Es ist aber im Reiche der Geister ein bedeutender Unterschied zwischen solchen,
die durch ihre innerste Erkenntnis, die rein durch Liebe zu Mir erweckt wird,
sich von selbst zu Mir wenden – und jenen, die nur durch einen weisen
Unterricht von außen her zu Mir gekehrt werden. Erstere bekommen eine neue
Kleidung wie von innen heraus. Die zweiten aber müssen sichtlich ihr altes Weltkleid
ausziehen und dafür ein neues, himmlisches, wie von außen her anziehen. Diese
Erläuterung deshalb, daß in der Folge niemand einen Anstoß finden soll, da es
hie und da bei anderen Szenen vorkommt, daß manche Geister plötzlich wie aus
sich heraus in eine neue Kleidung geraten, ungefähr wie ein Baum im Frühjahr –
während die Geister dieser Szene zumeist von außen her, als wären sie noch auf
der Erde, neu bekleidet werden müssen.
[RB.01_120,03]
Wir sehen nun vor uns die ganze Gruppe schon neu bekleidet dastehen. Alle
preisen Mich heimlich und manche können Meine Herablassung nicht tief genug
bewundern. Andere betrachten die Urväter und die Apostel mit einer gewissen
heiligen Scheu. Wieder andere wagen es ganz schüchtern, ein Gespräch mit den
Aposteln anzuknüpfen. Aber Petrus bedeutet allen, sich zuvor zu Mir
hinzubegeben und den verheißenen Segen zu empfangen, dann würden sie schon in
allerlei Weisheit wie von selbst eingeführt werden. – Auf diese Mahnung hin
eilen nun alle zu Mir, danken Mir für die schönen Kleider und bitten Mich um
den verheißenen Segen.
[RB.01_120,04]
Ich erhebe darauf die Hände über alle und sage: „Nehmt alle hin den verheißenen
Segen zur Stärkung eurer noch schwachen Liebe und Weisheit, ohne welche es
unmöglich wäre, in Mein eigentliches Himmelreich einzugehen! Da ihr nun aber
Meinen Vatersegen empfangen habt, seid ihr auch fähig, einen starken Schritt
weiter zu machen in Meinem Reich. Ihr habt euch auf der Erde oft gefragt, wenn
ihr manchmal einen Blick zu den Sternen emporgerichtet habt: was etwa doch
diese Sterne sind, was der Mond, was die Sonne und manches andere. Einige
meinten dies, einige jenes, einige wohl auch gar nichts. Allein das tut nun
nichts zur Sache; denn ihr alle habt das Irdische überwunden und stehet froh
und tief erbaut vor Mir, eurem Gott, Vater und Erlöser. Als vollendete Kinder
habt ihr nun das Recht, in die großen und endlos vielen Wohnungen eures
himmlischen Vaters eingeführt zu werden. Und so bereitet euch alle wohl vor!
Denn erst von nun an beginnt eine wahrhaft große Einführung in alle die Werke,
die euch durch euer ganzes Leben als verhülltes Rätsel täglich vor den Augen
schwebten!
[RB.01_120,05]
Dies Haus aber, in dem ihr gefallen und wieder erstanden seid, wird euch als
allgemeine Wohnung dienen, in der ihr Mich allemal wiederfinden werdet, so ihr
von einer großen Wanderung ein wenig müde eine Erholung wünschen werdet.
[RB.01_120,06]
So ihr aber durch viele Erfahrungen in der Liebe zu Mir ein Übermaß erreicht
haben werdet, dann wird auch ein jeder in sich selbst ein höchst eigenes
Wohnhaus finden, das er dann seligst bewohnen wird für alle Ewigkeiten.
[RB.01_120,07]
Auf daß ihr aber alle die Erfahrungswanderungen in Meinen Reichen vollgestärkt
antreten möget, wollen wir vorerst allesamt ein wahres Lebensmahl zu uns
nehmen. Du, Robert, und alle deine Hauptbrüder, gehet und öffnet die mittlere
Tür gegen Mittag, dort wird sich euch ein neuer Saal zeigen. Darin werdet ihr
eine Menge Tische und Stühle finden. Ordnet sie und besetzet sie wohl mit Brot
und Wein! Ich aber werde dann Selbst diese Gäste einführen in den großen Saal
des Friedens und der Ruhe, da sollen sie alle gesättigt werden! Tuet nun, was
Ich euch anbefohlen habe!“
[RB.01_120,08]
Robert begibt sich mit den anderen Freunden in den bezeichneten Saal, der
überaus groß und mit einer Menge großer und kleiner Tische versehen ist. Aber
diese stehen noch in Unordnung, entsprechend jenem Zustand eines Geistes, in
dem er zwar schon im Besitze allerlei liebtätiger Grundsätze ist, aber diese
noch nicht geordnet und daher zu den verschiedenen guten Zwecken auch noch
nicht anwendbar sind. Der Geist kann es noch nicht merken, was da als Nummer
eins, zwei, drei usw. folgen soll. Aus diesem Grunde müssen jene Geister
(Robert und seine Freunde) nun vorausgehen, um die Tische, die gleich sind den
Liebtätigkeitsgrundsätzen, zu ordnen. Werden sie geordnet sein, komme dann Ich
Selbst und führe die Gäste in den Wohl- und Liebtätigkeitssaal ein, wo sie die
höheren Gnaden und Gaben auch in einer höheren und reineren Ordnung empfangen
sollen.
[RB.01_120,09]
Als Robert mit seinen Freunden Messenhauser, Becher, Jellinek, Max Olaf,
Dismas, Niklas, Bardo und noch einigen sich dazu frei Anbietenden die vielen
Tische in ziemlicher Unordnung stehend erschauten, macht er große Augen und spricht:
„Freunde, da werden wir eine ziemliche Weile zu ordnen haben, bis alles so
dastehen wird, wie es eigentlich soll. Es ist nur mit der verschiedenen Größe
der Tische fatal: einige sind höher, einige niederer, andere sind schmäler,
einige wieder kürzer. Das wird ein schönes Stück Arbeit absetzen! – Ich bin
aber auch ein schöner Hausherr, weiß nicht einmal, was alles sich etwa noch in
diesem Hause vorfindet und wie es geordnet sein soll! Oh, das ist eine saubere
Hausherrschaft! Aber was ist da zu machen? Wir werden uns doch müssen an die
Arbeit machen und diese Geschichte ordnen, so gut wir es vermögen!“
[RB.01_120,10]
Spricht Messenhauser: „Wahrlich sonderbar! Im früheren Saale waren wir schon
wie vollendete Weise, und hier stehen wir schon wieder so dumm da, als hätten
wir nie das Einmaleins gelernt! Es handelt sich hier nur um die ordentliche
Zusammenstellung dieser Tische, Bänke und Stühle, und wir wissen nicht, was wir
zuerst angreifen sollen. Welcher Tisch ist Nummer eins, also obenan, welcher
Nummer zwei und so weiter? Wie werden wir die niederen zu den höheren stellen
und die schmalen zu den breiten?“
[RB.01_120,11]
Spricht Becher: „Freunde, ich helfe überall, aber verlangt nur keinen Plan von
mir! Denn wahrlich, in dieser ungeheuer großen Halle komme ich mir so dumm vor,
als wäre ich erst aus dem Mutterleib gekrochen!“ – Spricht Jellinek: „Es ist diese
Sache, wie mir heimlich vorkommt, viel bedeutungsvoller, als wir sie uns
vorstellen! Ich meine: Der Herr hat uns alle hier ein wenig anrennen lassen?
Daher wird uns nichts übrigbleiben, als zu Ihm zu gehen und Ihn um einen
rechten Plan zu bitten. Denn wir könnten da eine halbe Ewigkeit sinnieren und
würden doch mit nichts zu einem Ende kommen! Tausend Tische und einige tausend
Stühle und Bänke der verschiedensten Größe sozusagen unter ein Dach zu bringen,
das vermögen wir nicht. – Senden wir daher jemanden zum Herrn, daß er sich
erkundige nach der rechten Ordnung!“
[RB.01_120,12]
Spricht Robert: „Da gehe ich selbst! Bleibet unterdessen hier und beschauet die
anderen Wunderlichkeiten dieses Saals!“
[RB.01_120,13]
Nach diesen Worten kehrt Robert in den früheren Saal zurück und macht übergroße
Augen, als er diesen ganz leer von menschlichen Wesen findet. Einrichtung und
Türen, Wände und Fenster sind aber dieselben wie früher, jedoch kein Laut läßt
sich von irgendwoher vernehmen. Robert schaut zu den Fenstern hinaus, sieht
aber niemanden. Er öffnet andere Türen, aber überall ist nichts von dem zu
erspähen, was er sucht. Er geht sogar in den Hofraum hinaus, doch es rührt sich
nirgends etwas. Als er trotz alles Suchens und Rufens nichts findet, kehrt er
betrübt wieder zurück, wo er seine Freunde nicht minder betrübt antrifft.
[RB.01_120,14]
Spricht Robert: „Gottlob, daß ich doch euch noch hier antreffe; denn der Saal
draußen ist so leer von allen Wesen wie ein Eispol der Erde! Kein Herr und kein
anderes Wesen ist irgendwo mehr vorhanden, auch in allen Nebengemächern nicht,
die ich durchsucht habe. Das bringt wahrlich ein Vieh um und hätte es ein noch
so zähes Leben! O du verzweifelte Geschichte! Was machen wir nun?“
[RB.01_120,15]
Spricht erstaunt Jellinek: „Das ist nicht übel! In Gottes Namen, sei es nun,
wie ihm wolle. Fangen wir doch an, so gut es geht, diese Tische zu ordnen!
Werden sie geordnet und besetzt sein mit Brot und Wein, wird es sich ja zeigen,
ob wir die Gefoppten sind.“
[RB.01_120,16]
Beruft Robert den Max Olaf und sagt: „Bruder, du bist auf der Erde so ein
Seemann, Ingenieur und Geometer gewesen. Daher dürftest du auch am ersten mit
diesen Tischen und Bänken eine gute Ordnung zu treffen imstande sein. Gehe und
überschaue die Geschichte! Denn nun bleibt uns nichts anderes übrig, als das zu
tun, was der Herr uns ehedem anbefohlen hat, und wie es auch Bruder Jellinek
meint!“
[RB.01_120,17]
Spricht Max Olaf: „Mehr als man imstande ist, kann kein Gott von jemandem
verlangen! Und so wollen wir die Ordnung dieser Tische auch sogleich ins Werk
setzen. Die großen von gleicher Höhe und Breite stoßen wir zuoberst des Saales
zusammen, an diese die ein wenig niedrigeren und schmäleren. An diese wieder
die noch niedrigeren und schmäleren – und so fort in der Ordnung. Im ganzen
formieren wir ein langes Viereck oder aber auch ein Kreuz, was beinahe noch
entsprechender wäre, da wir mit dieser Arbeit so ein eigentliches Kreuz haben!
Auf diese gleiche Weise verfahren wir auch mit den Bänken und Stühlen. Haben
wir diese Arbeit beendet, dann wird es sich ja wohl zeigen, ob der Herr kommen
wird, wie Er es verheißen hat. Kommt Er aber nicht, so gehen wir auch ins Freie
hinaus und suchen unsere Gesellschaft in allen Winkeln dieser Welt. Und so
fangen wir in Gottes Namen diese Geschichte zu ordnen an!“
[RB.01_120,18]
Mit dem Plane des Max Olaf sind alle einverstanden und legen ihre Hände
sogleich ans Werk. Nach einer guten Weile stehen Tische, Bänke und Stühle in
der Ordnung eines Kreuzes. Robert öffnet darauf mehrere Schränke, die alle voll
Brot und Wein sind – das Brot in Form der gewöhnlichen runden Laibe, und der
Wein in mit goldenen Deckeln versehenen Bechern. Robert bestellt nun mit Hilfe
der übrigen Freunde alle Tische mit Brot und Wein.
[RB.01_120,19]
Als auch diese Arbeit zu Ende ist, spricht Robert: „Herr, der Du allwissend
bist, Du siehst nun sicher, daß wir die uns gegebene Aufgabe, so gut es immer
sein konnte, getreu gelöst haben. Du hast uns verheißen, sofort mit den Gästen
hierher zu kommen und uns alle für höhere Geschäfte der Himmel zu stärken und
zu segnen! O so komme zu uns, die wir gar schwer Deine allbelebende und
beseligende Gegenwart missen!“
[RB.01_120,20]
Darauf sprechen alle anderen das gleiche, doch niemand vernimmt irgendwo ein
Geräusch oder eine andere Stimme. Aber das macht unsere Tischordner nicht irre,
sie warten eine geraume Weile ganz geduldig.
[RB.01_120,21]
Als aber trotz dieses Wartens niemand zum Vorschein kommt, spricht Robert: „Das
ist wahrlich sonderbar! Sollte der Herr uns versuchen wollen, oder haben wir
etwas verschuldet? Oder ist diese lange Geschichte seit unserer Ankunft in
dieser Welt doch nur ein Traum? Wahrlich sonderbar! Was tun wir aber nun?
Tretet zusammen, liebe Freunde, und machet Rat und Vorschläge, sonst bekommt
diese Sache ein verzweifeltes Aussehen!“
121. Kapitel –
Ansichten und Ratschläge der Freunde. Dismas bringt die Herzen in Ordnung.
Roberts Dank. Vom Segen der Nächstenliebe.
[RB.01_121,01]
Tritt Bardo zu Robert hin und spricht: „Freunde, ich kann nicht leugnen, daß
dieses Verschwinden des Herrn samt der großen Gesellschaft mir ebenfalls
sonderbar vorkommt. Aber ich denke mir's nun so: Ist die frühere Geschichte mit
tausend weisen Vorkommnissen nur eine traumähnliche Erscheinung gewesen, so
sind wir frei und somit unsere höchsteigenen Gesetzgeber. Wir können daher tun,
wie wir es für unsere Bedürfnisse am besten finden und keine fremde Macht kann
uns darin beirren. Ist aber all das, was wir nun in dieser Welt erlebt,
geschaut und erfahren haben, reine geistige Wahrheit und Wirklichkeit, und ist
der von uns allen gesehene, über alles geliebte Jesus – der Herr: dann ist
diese unsere Verlegenheit nichts als eine zu unserem Heil berechnete Probe.
Seine Liebe und Gnade läßt sie uns zukommen, um uns dadurch selbständiger, selbsttätiger
und gewisserart geistig männlicher zu gestalten. Daher meine ich: Wir sollen in
der Liebe zu Jesus dem Herrn, wie Er uns belehrt, erhoben und mit allmächtiger
Schöpferhand gesegnet hat, sehr zunehmen, so wird Er sicher bald in unserer
Mitte sein mit all den lieben Brüdern und Schwestern! Das ist mein Rat. Weiß
aber jemand etwas Besseres, so bitte ich, daß er damit auftrete!“
[RB.01_121,02]
Spricht darauf Niklas: „Bruder, ich muß offen bekennen, du triffst den Nagel
allzeit auf den Kopf! Es ist so, wie du gesagt hast, und es kann unmöglich
anders sein! Ich habe zwar Freund Bruno eher verstanden als du, nun aber
könntest wahrlich du unser aller Führer sein. Ja, an der Liebe zu dem Herrn
mangelt es sicher bei uns allen, und darum läßt Er uns nun ein wenig sitzen.
Die schöne Helena wird sicher nicht ohne Ihn sein so wie wir. Warum? Weil sie
Ihn gleich anfangs bei Seiner schwächsten Seite zu fassen wußte, nämlich im
Herzen! Wir aber als Weisheitskrämer glaubten, daß wir das ganze Himmelreich
mit dem Löffel rein aufgefressen haben, stehen aber nun da wie die
allerschönsten Ochsen!
[RB.01_121,03]
Daher: Mehr Liebe! Viel mehr Liebe als Verstand müssen wir dem Herrn zum Opfer
bringen, da wird Er nicht verziehen! Aber so wir die Befehle des Herrn
vollziehen und uns dabei als göttliche Geschäftsträger einbilden, wir wären
etwas mehr als manche andere Gottesgnadenschlucker – da kann es dann freilich
nicht fehlen, daß wir an uns Dinge erleben, die uns sehr sonderbar vorkommen
müssen! Ich meine aber, daß wir selbst eigentlich noch sonderbarer sind als
diese Erlebnisse! Habe ich recht oder nicht?“
[RB.01_121,04]
Sagen alle: „Ganz vollkommen, so ist es! Wir selbst sind an alledem schuld.
Aber der Herr kennt ja unsere Dummheit und wird sie uns wohl nachsehen!“
[RB.01_121,05]
Tritt Dismas etwas näher und spricht: „Liebe Freunde, erlaubet auch mir ein
Wörtlein! Was da die Nachsicht unserer Dummheit betrifft, so meine ich, daß wir
mit solcher Erwartung auf dem Holzweg sind. Denn so es sich darum handelt, daß
des Menschen Geist erst dann vollendet ist, wenn er durch seine eigene Kraft,
durch die ihm von Gott gegebene innere Lebensmacht in die erkannte
Gottesordnung eintritt und in dieser wie in seinem höchsteigenen Lebenselemente
sich tatkräftig fortbewegt – so dürfte es da mit einer barmherzigen Nachsicht
einen mächtigen Faden haben.
[RB.01_121,06]
Wir haben nun eine Kraft und haben die Gotteslehre im Überfluß. So heißt es nun
selbsttätig uns so gestalten, wie es die von uns erkannte Ordnung Gottes
erheischt! – Das erste ist eine freie Liebe, wie deren unsere Herzen fähig
sind. Gott mehr lieben als man kann, wäre eine Torheit. Gott aber weniger
lieben, als es unsere Herzen verlangen, wäre eine sträfliche Lässigkeit und
müßte uns endlich in den Stand des Halbtodes setzen. Haben wir aber das rechte
Maß der Liebe, so werden wir auch Weisheit haben und auch entsprechend
geordnete Kraft, mit der wir dann als freie und vollendete Geister aus uns
selbst, wie aus Gott heraus, uns freitätig bewegen können. Gott ist sicher die
höchste Ordnung selbst in allem. Wollen wir aber diese Ordnung fassen, so
müssen wir in uns selbst zur wahren Ordnung in allem gelangen, ansonsten wir
nie auf eine vollkommene Freiheit Anspruch machen können.
[RB.01_121,07]
Die von uns bewerkstelligte, vom Herrn gebotene Ordnung dieser durcheinander
gemengten Tische und Bänke ist ein Fingerzeig Gottes, was wir an uns durch uns
selbst noch zu tun haben, um für die Folge vor Gott bestehen zu können. Daher
heißt es nun, diese Erscheinung dankbar so zu benützen, wie es der Herr will.
[RB.01_121,08]
Wenn wir recht nachdächten, wie wir etwa noch beschaffen sind, ob wir wohl
aller Leidenschaften ledig sind und sich nicht etwa noch ein Fünkchen Hochmut
in uns vorfindet, und ob wir wohl das Gute allein um des Guten willen in uns
tätig aufnehmen – so dürften wir es dann nimmer schwer haben, in die Vollendung
des Geistes überzugehen und den Herrn als Vollendete nach Seiner Ordnung zu
erwarten. Aber so wir diese Erscheinung als eine Art Ansetzerei von seiten des
Herrn betrachten und uns darob verwundern, dürften wir freilich noch weit vom
Ziele entfernt sein!
[RB.01_121,09]
Es ist nicht genug, daß wir gleich belebten Maschinen tun, was der Herr von uns
verlangt, sondern wir müssen in uns selbst den wahren Grund davon erforschen,
denn dadurch erst können wir uns selbst in eine lebendige Gottesordnung
stellen. An der äußeren Ordnung dieser Möbel liegt wenig oder nahe gar nichts.
Aber wenn sie ein Fingerzeig Gottes ist, daß wir im zweiten Saale unseres
Herzens, dem der göttlichen Weisheit, alle unsere Lebensgerätschaften in eine
bestimmte Ordnung bringen sollen, liegt dann ungeheuer viel an dieser
Erscheinung. Weiß jemand von euch aber noch etwas Besseres, so trete er damit
auf in des Herrn Namen!“
[RB.01_121,10]
Spricht Robert: „Freund, ich bin vor Verwunderung über deine Weisheit ganz
hingerissen. Du warst doch ehedem ein hartnäckiger Streiter gegen die Annahme
der Göttlichkeit Jesu Christi, und es hat uns viele Mühe gekostet, bis du dich
zurechtfandest. Wir hatten um dich keine geringe Sorge, aber nun bist du uns
allen um eine halbe Ewigkeit voraus. Du hast uns nun eine so große Wahrheit
enthüllt, daß ich offen bekenne, wir alle wären ohne dich vielleicht erst in
tausend Jahren hinter diese Enthüllung gekommen. Bruder, du hast uns damit
einen sehr großen Dienst erwiesen!
[RB.01_121,11]
Sieh, dieses Haus hat der Herr mir für ewig zu eigen gegeben, doch ich selbst
kenne nur den geringsten Teil seiner innern Schätze. Wenn es dich aber freute,
gäbe ich es dir auf der Stelle vollkommen zu eigen! Du hast uns heilige Worte
wie aus Gottes Mund Selbst gegeben, die uns aufgerichtet haben in unserer Öde.
Oh, da ist ein Wort mehr wert als Hunderttausende solcher Häuser! Darum nimm,
was ich dir geben kann! Es ist hier mein höchster Besitz, außer dem Herrn und
dir selbst. Geliebter Bruder, wie lieb und teuer bist du uns allen nun
geworden! Wie lange ist es wohl, als wir mit leidigem Bedauern auf dich
herabschauten, und nun stehst du so hoch über allen. Ich bitte dich darum, uns
noch mit einigen solchen Worten aufzurichten!“
[RB.01_121,12]
Spricht Dismas: „Liebe Brüder, habt ihr nie gehört, daß da stets eine Hand die
andere wäscht? So ist es auch hier! Euer Brudersinn hat mich ehedem gereinigt
und aus der Tiefe meiner Verworfenheit gehoben, denn ich war damals meinem
Innersten nach ein Bürger der Hölle. Ihr aber habt es verstanden, mein
Innerstes zu ergreifen, und ich ward dadurch gerettet. Ihr aber seid nun bloß
in eine kleine Verlegenheit geraten wegen der Selbstordnungsprobe, die der Herr
in diesem zweiten Saal uns hat zukommen lassen. Da habe ich aus meinem
Innersten einige Worte geholt und sie haben – dem Herrn allein alles Lob! – die
erwünschte Wirkung nicht verfehlt.
[RB.01_121,13]
Aber darum verdiene ich noch lange nicht, daß du, Robert, mir dein Haus, das
der Herr aus deinem Herzen erbaut hat, hier als ganz zu eigen schenken sollst,
was nach meiner schwachen Meinung auch gar nicht so leicht möglich sein dürfte.
Sieh, das Haus samt all seinen Herrlichkeiten ist ganz entsprechend dein
eigenstes Herz, aus dessen Gottes- und Bruderliebe der Herr dieses herrliche
Werk gestaltet hat. Würde ich daher dieses Haus von dir als Geschenk annehmen,
so würde ich dir damit auch Herz und Leben nehmen, weil dies Haus der tieferen
Wahrheit nach deines Herzens liebtätiges Wesen selbst ist.
[RB.01_121,14]
Aber geistig in deinem Hause mit dir wohnen, ist eine leicht mögliche Sache,
denn schon auf der Erde läßt ein edler Mensch gar manche Freunde in seinem
Herzen mehr als sich selbst walten. So tut er es hier um so leichter, weil hier
der Herr alles das in plastische Erscheinlichkeit treten läßt, was auf der Welt
nur tätiger Wunsch bleibt. Hier aber wird alles zur tastbaren Wirklichkeit,
aber sie bleibt in sich dennoch, was sie auf der Welt war, nämlich das Herz und
dessen liebtätige Einrichtung.
[RB.01_121,15]
Wie aber schon auf der Welt wahrhaft echte Gotteskinder ihr Herz völlig ihren
Brüdern geben möchten, so möchtest auch du, liebster Bruder, nun dein eigenes
Herz mir zum Geschenk machen. Das ist zwar überaus edel, aber es ist hier in
der geistigen Welt vollkommen unmöglich; auch wäre es sehr unnötig und
zwecklos. Denn wo die wahre Bruderliebe Gesetze über Mein und Dein gibt, kann
es ewig keine Grenzstreitigkeiten geben. Kein Gesetz sichert jedem das Seinige
so mächtig wie das heilige Gesetz der Nächstenliebe, demzufolge ein jeder das
Seinige allen freudigst zur Benützung stellt. Was einer tut und übt, das tun
und üben dann auch alle anderen. Und so ist es hier die reinste Unmöglichkeit,
daß da jemand zu kurz kommen könnte.
[RB.01_121,16]
Wir alle wohnen nun in dir, wie du in uns allen. Wer aus uns kann sagen:
,Brüder, ich habe zuwenig!‘ Ein jeder hat das Seinige, und je mehr er hat und
gibt, desto mehr empfängt er wieder. Die Herzen sind hier wie die Meere; eines
ergießt sich stets in das andere, und doch hat nie eines zu wenig Wasser. Und
so brauchst du mir dein Haus nicht zu schenken, denn ich genieße es so, als
wäre es mein eigenes. Dafür aber steht dir auch das meinige zur freiesten
Verfügung offen.
[RB.01_121,17]
Nun aber horcht! Ich vernehme Stimmen im anstoßenden ersten Saal. Gehen wir zur
Tür und sehen da, was es etwa gibt!“
[RB.01_121,18]
Spricht Robert: „Dank dir, liebster Bruder, für diese herrliche Belehrung, die
wahrlich nichts mehr zu wünschen übrigläßt! Aber da ich nun auch viele Stimmen
vernehme, ist es an der Zeit, daß wir alle nachsehen, was es da gibt. Aber du,
Bruder, gehe mir zur Seite, denn du bist mir ein mächtiges Bedürfnis geworden!“
122. Kapitel –
Eindringen einer erregten Menge Kriegsgefallener. Rede des Führers. Sein Aufruf
zum Gebet.
[RB.01_122,01]
Alle bewegen sich zur Tür und schauen verstohlen in den großen Vorsaal mit der
Hoffnung, den Herrn an der Spitze der schon bekannten Gäste zu erblicken. Aber
dem ist nicht so! Eine große Menge von allerlei menschlichen Wesen dringt in
den Saal ein und verlangt stürmisch den Herrn dieses Palastes.
[RB.01_122,02]
Spricht Robert zu Dismas: „Bruder, das ist ja eine verzweifelte Bescherung! An
Stelle des Herrn kommt und dringt zwielichtern aussehendes Gesindel in dies
Haus und verlangt keck den Herrn dieses Hauses, der ich leider zu sein die Ehre
habe. Was wollen sie denn, gibt es etwa auch hier Räuber und Mörder? Wahrlich,
das wäre eine hübsche Zulage für Gottes Himmelreich! Schau nur, was sie für
glutentbrannte Augen haben! Wenn dieses Gesindel nicht geradewegs der Hölle
entsprungen ist, leiste ich auf alles Verzicht! Sage mir, was wir nun mit
diesem Gesindel machen sollen? Diese Kerle wären imstande, uns sogar hier im
Himmelreich von Haus und Hof zu jagen. Wie das wogt und tobt! Der ganze Saal
ist schon gedrängt voll und noch sehe ich durch die Tür, wie sich sogar der
Hofraum stets mehr füllt. Wenn das so fortgeht, werden wir ohne weiteres
erdrückt. Auch der ganz bestialische Gestank will meinen Nüstern nimmer
behagen. Ah, das ist wahrlich eine unerwartete, höchst fatale Erscheinung! Was
nun machen?“
[RB.01_122,03]
Spricht Dismas: „Gar nichts vorderhand! Denn sie sehen uns wie auch diese Tür
nicht und können daher auch hier nicht eindringen. Übrigens scheinen sie erst
von der Erde in diese Welt eingewandert zu sein, wahrscheinlich von den
Schlachtfeldern Ungarns und Italiens, denn ich vernehme ganz deutlich
ungarische Flüche und auch welsche Scheltworte! Wir müssen sie zuvor abkümmern
lassen, wodurch sie etwas sanfter werden. Dann erst wollen wir uns ihnen
zeigen, denn jetzt in ihrer ersten Rachefurie wäre mit ihnen nichts zu machen.
Behorchen wir sie aber ein wenig, daß wir die Richtung ihrer Herzen erkennen
mögen!
[RB.01_122,04]
Sieh, da vorne scheinen die drei Führer zu sein. Denn wie sie sich gebärden, so
gebärdet sich auch die ganze große Menge. Daher aufgepaßt, wir werden wohl ganz
merkwürdige Dinge vernehmen! Der mittlere wendet sich nun um und gebietet
Ordnung und Ruhe. Er wird sicher eine Anrede an den ganzen Troß halten, die
wird gewiß von großer Bedeutung für uns sein, daher wollen wir sie auch mit
aller Aufmerksamkeit behorchen! Es wird nun stiller und es kommen auch keine
weiteren Unholde mehr nach. Daher nur aufgepaßt. Er gebietet Aufmerksamkeit und
räuspert sich bereits. Horcht, er spricht!“
[RB.01_122,05]
Ein Führer der Neuangekommenen: „Meine teuren Kampfgenossen! Auf dem
sogenannten Feld der Ehre fürs Vaterland sind wir verendet wie das Vieh auf der
Schlachtbank! Was haben wir nun davon? Nach oben strebten wir, und tief nach
unten sind wir gekommen! Als Helden kämpften wir mit Todesverachtung, glaubten
an kein Jenseits und lachten über das sogenannte Evangelium. Nun aber sind wir
wirklich in der Hölle, was durchaus kein Traum ist. Wir fühlen, daß irgendein
Teufel uns aus Dankbarkeit für unsere Heldentaten diesen Höllenpalast finden
ließ und uns in denselben hineintrieb. Nun sind wir hier eingezwängt wie
Pökelheringe: Ringsum finster wie in einer Höhle und nirgends irgendein Ausweg.
Der eigentliche Herr dieses Hauses ist nicht zu entdecken, es wird auch
wahrscheinlich keinen geben. So haben wir nun den wahren Lohn unserer irdischen
Mühen und Bestrebungen!
[RB.01_122,06] O
wäre es doch möglich, unseren armen Kameraden auf der Welt kundzumachen, welch
ein Lohn hier ihrer harrt! Wahrlich, nicht einer würde mehr das verfluchte
,Feld der Ehre‘ betreten! Wären wir in allen Teufelsnamen ganz hin geworden, so
würde alles gut sein. Aber wir empfinden hier recht eindringlich, daß wir
leider in der gräßlichsten Not fortleben. Wir leiden an allem Guten Mangel und
haben dafür Überfluß an allen erdenklichen Leiden wie Hunger, Durst, Hitze und
Kälte zugleich. Schmerzen nagen gleich Würmern in unseren Eingeweiden und kein
Licht erquickt unsere Augen. Oh, das ist ein herrlicher Lohn für unsere Leiden
und Entbehrungen, die uns das ,Feld der Ehre‘ so reichlich hat angedeihen
lassen!
[RB.01_122,07]
Das ist also das Los des stolzen Herrn der Erde, daß er am Ende lebendig
gefressen wird und dann als ein sich selbst bewußtes Wesen in ewiger Finsternis
verzweifeln kann! O du verfluchtes Leben eines Menschen und besonders eines
Helden! Was ist aber nun zu machen? Geflucht hätten wir hoffentlich genug, wie
wäre es, so wir einmal beten möchten? Vielleicht könnte uns ein Gebet nützen.
Kann denn niemand von euch irgendein lausiges Gebet auswendig?“
[RB.01_122,08]
Spricht einer aus der Mitte: „Herr Kommandant, ich kann das von Kossut!“ –
Spricht der Kommandant: „Esel, das könnten wir gerade brauchen! Kossut ist
damit auf den Hund gekommen, was wird es uns dann nützen? Kann niemand ein
anderes?“
[RB.01_122,09]
Spricht ein Italiener: „Signore Generale! Jo kann eine Sönheit von ani Gebete
von die santa Maria, und ani de lo santo Giuseppe!“
[RB.01_122,10]
Spricht der Kommandant: „Halt dein Maul, du Esel von einem Italiener! Solche
Dummheiten gingen uns hier gerade noch ab! – Melde sich irgendein anderer, aber
mit etwas Vernünftigem! Kann aus euch allen in Kuckucks-Namen niemand das
sogenannte ,Vaterunser‘ beten?“ – Tritt einer hervor und sagt: „Herr General!
Wie i war noch Bub, hob i glernt Vaterunser. Is Gebet schönes, und is a
wunderbarlich! Aber kann i itzt nit mehr ganz. Was i no kann, nu dos will i
vorbeten!“ – Spricht der General: „No, so bete Er denn, wie viel und so gut
Er's kann!“
[RB.01_122,11]
Beginnt darauf der Vorbeter: „Also betet mir nochi und soget: Vater unse, Du
bis in Himmel! – Nun wart a bißl! Wie haßt's weite? A – waß i schun! – Vater
unse, du bis in Himmel, dein Name gheilig! Dein Wille gscheh in Himmel und af
Erd! – Nun wart wieder a bißl! Wie haßt's itzt weite? – Bitt um Verzeihung,
Herr General, weil geht mi so schlechte! Aber Geduld, wird schun olle werdn!
Aha, waß i schun, wie geht weite! Gib uns heutige Brot – und – führ nit in
Versuchung!“
[RB.01_122,12]
Spricht ein anderer: „Oha, vergib uns unsere Sünden, wie wir vergeben unseren
Schuldnern – kommt noch vorher!“ – Sagt der erste Vorbeter: „Bitt di, bet du 's
letzte Stuck, weil waß i nit ganz gut!“ – Spricht der zweite: „No gut! Weiter
heißt es dann: Führe uns nicht in die Versuchung, sondern befreie uns von allen
blitzdummen Kerlen, die das größte Übel sind! Amen!“ – Spricht der erste: „Ho,
a so haßt es nit af die Letzte! Haßt nur: Erlös uns von alle Übel, Amen! – Aber
hob i di schun verstanden, daß du hast mir gemant, daß i bin a dumme Kerl! Bist
du selber a nix besser, weil glaubst, daß bist du a gscheiter Kerl! Aber i sag
dir, bist a dumme Kerl selbe! Jetzt waßt's du!“
[RB.01_122,13]
Spricht der General: „Nur keine Zänkereien! Wir sind unglücklich zur Genüge
durch eine unbesiegbare Macht! Warum sollen wir uns da durch gegenseitige
Ehrverletzungen noch unglücklicher machen? Und was kann so ein Gebet nützen, wo
der eine gut die Hälfte nicht mehr beten kann? Trete jemand vor, der dies Gebet
ordentlich beten kann, sonst ist es besser garnicht zu beten!“
[RB.01_122,14]
Tritt eine Dame vor und sagt: „Herr General, ich kann dies Gebet wohl. Aber
deutsch zu beten, ist gewisserart gemein; französisch oder englisch könnte ich
damit schon dienen!“
[RB.01_122,15]
Spricht der General: „Meine liebe Dame! Ich bitte Sie, beten Sie für sich
englisch oder chinesisch, wir aber verstehen bisher nur allgemein deutsch und
möchten auch so beten! Ich frage daher noch einmal: Wer von euch kann das
Vaterunser gut deutsch beten? Der trete hervor und bete gut deutsch vor!“
[RB.01_122,16]
Tritt ein Pastor vor und spricht: „Herr General, so das nichts macht, daß ich
ein Lutheraner bin, möchte ich versuchen, hier einen Vorbeter zu machen!“ –
Spricht der General: „Mir ist das höchst einerlei, ob Lutheraner,
Römisch-Katholik oder Türke. Aber es gibt in dieser großen Gesellschaft leider
eine bei weitem größere Menge Römlinge und diese könnten sich daran stoßen.
Daher danke ich Ihnen vorderhand für diesen Antrag, von dem ich erst dann
Gebrauch machen werde, wenn sich in der römisch-katholischen Gemeinde wirklich
niemand vorfinden sollte, der dieses Gebet gut vorzubeten imstande wäre.
Bleiben Sie unterdessen aber hier bei mir!“
123. Kapitel –
Ein Mönch will Messe lesen um Geld. Der General wettert über Rom. Robert möchte
helfen. Der Herr kommt.
[RB.01_123,01]
Spricht der General weiter: „Ist denn unter dieser armseligen Gesellschaft
niemand, der aus der römisch-katholischen Konfession das alte Vaterunser
deutlich und gut deutsch beten könnte?“
[RB.01_123,02]
Da tritt ein bekutteter Mönch hervor und spricht: „Herr General, ich kann
dieses Gebet wohl. Aber es wird uns nichts nützen, denn wir alle sind ohne die
heiligen Sterbesakramente gestorben und haben keine Beichte abgelegt, weshalb
wir uns im Zustand gänzlicher Gnadenlosigkeit befinden! Wir könnten uns nun die
Zunge herausbeten und es würde uns dennoch nichts nützen, da wir von Gott schon
für ewig verdammt sind. Wir werden in diesem traurigen Zustand wohl bis ans
Jüngste Gericht verharren. Da wird uns dann die schreckliche Posaune in unsere
Leiber zurückrufen, in denen wir vor den unerbittlichen Richterstuhl Gottes
werden hintreten müssen, um da die ewige Verdammnis zu empfangen, und werden
geworfen in die ewige, allerschrecklichste Feuerqual!
[RB.01_123,03]
Ich kenne nur ein einziges Rettungsmittel, und dieses heißt: Die heilige Messe,
die allein Gott wohlgefällig ist. Ich habe hier zwar keine Gelegenheit und
keine Behelfe, eine zu lesen; aber so ich von diesen Mitmenschen eine kleine
Prämie bekäme, da möchte ich dennoch eine solche auswendig lesen, und wir alle
möchten dadurch wohl gerettet werden. Denn nur die Messe kann uns helfen, alle
anderen Gebete sind zu nichts nütze!“
[RB.01_123,04]
Spricht der General: „Schau, daß du weiter kommst, du Hauptlump! Wenn du die
Messe als einziges Rettungsmittel ansiehst und hast dabei nicht soviel
Nächstenliebe, uns, die wir sämtlich nichts haben, unentgeltlich zu retten, so
bist du schlechter als alle Diebe, Mörder, Räuber, Hurer und Ehebrecher der
ganzen Erde! Du bist hier, was du auf der Erde warst, ein Gottesdiener ums
Geld! Ohne Geld kann von dir aus die ganze Welt verdammt werden und du wirst
dich darum nicht im geringsten abhärmen. Gehe mir aus den Augen und lies deinen
lateinischen Quark, wo du willst, aber uns verschone damit! Denn wir sind zum
größten Teil Deutsche und Slaven und wollen und werden daher auch deutsch oder
slavisch beten. – Halbrechts! Marsch!“
[RB.01_123,05]
Der Mönch entfernt sich auf diese sehr militärische Einrede des Generals.
Dieser ruft nun die Slaven auf, daß jemand aus ihnen das Vaterunser beten
möchte.
[RB.01_123,06]
Sogleich tritt ein Pole heraus und spricht: „General, ich kann es in fünf
Sprachen!“ – Spricht der General: „Gut, so bete Er's zuerst deutsch und dann
slavisch, aber gut vernehmlich und erbaulich!“
[RB.01_123,07]
Der Pole betet nun sogleich ganz nach dem Wunsch des Generals vor und alle
beten ihm von Wort zu Wort nach. – Nur der Mönch, der die Messe lesen wollte,
und einige seines Gelichters nehmen daran keinen Teil und sind voll Ärger, daß
der General sich nicht ihres lateinischen Gottesdienstes bedienen wollte. – Die
Umstehenden aber merken, daß diese Geistlichen schmähliche Gebärden schneiden,
und daß der Messe lesen wollende Mönch bei der Bitte: ,zu uns komme dein
Reich!‘ – gesagt hatte: ,zu euch komme die Hölle!‘ Deshalb packen sie diese
heiligen Gottesdiener, schleppen sie vor den General und erzählen ihm alles.
[RB.01_123,08]
Der General, erbost über diese Gottesdiener, spricht zu denen, die sie
hergeschleppt haben: „Gebt euch ruhig! Ihr wißt doch, daß dieses
Pfaffengeschmeiß auf der Erde mit seltener Ausnahme alles eher war als das, was
es hätte sein sollen! Und so darf es euch hier um so weniger wundern, wenn der
allerletzte Sauhirte noch ein bei weitem besserer Christ ist als so ein Pfaffe!
– Wer hat Christum gekreuzigt? Die Pfaffen! Damit sie aber in diesem Werk nicht
aus der Übung kommen, haben sie die Messe erfunden, die nichts ist als eine
zeremonielle Wiederholung der einstigen wirklichen Kreuzigung Christi. Was man
davon erwarten kann, läßt sich leicht mit den Händen greifen. Denn wer jemanden
richtet, muß entweder mächtiger sein als der, den er richtet, oder er maßt sich
das Richteramt an und tut, als wäre er ein Herr dessen, den er wenigstens in
seiner Idee richtet. Der Pfaffe aber richtet Christum den Herrn täglich und
macht Ihn auch wieder lebendig, um Ihn wieder zu töten – weil er einen
beständig lebendigen nicht brauchen kann! Ist er da als Gottesrichter nicht
mehr als Gott Selbst? Wer kann es leugnen, daß es in der alleinseligmachenden
römisch-katholischen Kirche nicht so ist? – So sich aber dies schwarze
Pfaffenpack schon über Gott Selbst ein Todesurteil anmaßt, wie soll es uns dann
wundern, so es auch uns zur Hölle verdammt?
[RB.01_123,09]
Ich habe in meinem irdischen Leben die Weltgeschichte studiert und gefunden,
daß, wo es sich um Hauptniederträchtigkeiten handelte, die Pfaffen meist obenan
waren. Nehmt nur die gegenwärtige Revolutions- und Kriegsgeschichte! Wer hat
sie angezettelt? Die Pfaffen!
[RB.01_123,10]
In der Schweiz haben sie angefangen und mußten in alle Winde löbliches
Fersengeld nehmen. Darauf wurde der Papst von allen Seiten gedrängt, diese
Greueltat womöglich auf der ganzen Erde zu rächen, denn die Schweiz wäre für
eine solche Missetat viel zu wenig gewesen. Denn es hat nämlich das
Schweizervolk sogar die Keckheit gehabt, als es sehr hungrig war, sich an den
mit besten Weinen gefüllten Kellern und strotzend vollen Speisekammern der
Gottesdiener zu vergreifen – weil die Gottesdiener nichts hergeben wollten aus
christlicher Nächstenliebe! Diese Greueltat hatte die heiligen Gottesdiener so
aufgebracht, daß sie auf allen möglichen Wegen die Menschen aufzuhetzen
anfingen, damit ihr Fluch über die Erde in Erfüllung gehen solle. Und seht, sie
haben ihre Aufgabe sehr effektvoll gelöst, aber dabei auch gottlob sich selbst
eine Wunde versetzt, die wahrscheinlich kein irdisches Kräutlein mehr heilen
wird! – Ich meine, ihr habt mich verstanden, daher seid nun ganz ruhig, wenn
euch auch diese Schwarzen tausendmal die Hölle wünschen!
[RB.01_123,11]
Wer einen Menschen kennen will, der betrachte sein Tun, denn jeder Mensch ist
daran am leichtesten zu erkennen. So es aber schon bedenklich ist, mit Vieh-
und Menschenschlächtern einen Freundschaftsbund zu schließen, um wieviel
weniger mit den sicher im allgemeinen allerherzlosesten Gottesschlächtern?
[RB.01_123,12]
Die Geschichte aller Zeiten und insbesondere die von Spanien zeigt nur zu klar,
wie teuflisch grausam die Gottesdiener mit ihren verirrten Schäflein umgegangen
sind. Lasset daher diese Schwarzen an Leib, Seele und Geist gehen, wohin sie
wollen, und fluchen, so viel sie nur immer wollen! Wir alle aber wollen uns von
nun an als wahre Brüder verhalten und einander raten und helfen, so gut es
geht!
[RB.01_123,13]
Ich denke, so es irgendeinen Gott gibt, woran ich hier um so weniger zweifle,
weil ich nun sehe, daß wir nach dem Tode des Leibes wirklich fortleben – so muß
Er bei Betrachtung der weisesten Schöpfung sicher besser sein als Seine Diener,
die Er in der Person Christi zu Jerusalem Selbst gehörig gewürdigt hat, indem
Er zeigte, wessen Geistes Kinder sie sind! Wir dürfen darum sicherer Hoffnung
sein, daß Er uns auch besser richten wird als dieses finsterste Pfaffenpack!“
[RB.01_123,14]
Die ganze Gesellschaft bricht in einen Jubel aus, als sie vom General so eine
energische Rede an die etlichen Pfaffen vernommen hatte. Diese aber machen dazu
die grimmigsten Gesichter. Und der vorerwähnte Mönch, dem es nicht mehr möglich
ist, seine schäumende Wut zu verbeißen, fängt an, der Hölle zuzurufen, daß sie
sich öffne und solche greuelhafte Frevler jählings verschlingen solle. Aber die
Gesellschaft läßt sich das nicht zu lange gefallen, packt den Gottesdiener beim
Kragen und wirft ihn vors Haus hinaus, wo er ganz ermattet eine Weile liegen
bleibt.
[RB.01_123,15]
Zugleich aber spricht an der Tür des zweiten Saales Robert zu Dismas: „Bruder,
die Rede und Gesinnung des Generals gefällt mir sehr gut, bis auf die etwas zu
starke Auftragung über das Wesen der Pfaffen! So es tunlich wäre, möchte ich
denn doch diesen armen Narren ihren noch sehr trüben Zustand ein wenig
verbessern!“
[RB.01_123,16]
Spricht Dismas: „Nur noch eine kleine Geduld und die Sache wird sich wie von
selbst machen! Nur müssen wir den Herrn haben, und ich fühle es, daß Er kommt!
Da sieh zum Fenster hinaus – schon ist Er da mit allen den uns wohlbekannten
Gästen! Gehen wir Ihm nur schnell entgegen! Oh, Er ist es, Er ist es!“
124. Kapitel –
Roberts Freude. Des Herrn Sorge um den Mönch. Robert als Hausherr erhält eine
Gehilfin in Helena. Himmlische Eheschließung.
[RB.01_124,01]
Alle die acht Männer begeben sich nun eilig hinaus, wo sie des Herrn ansichtig
geworden sind. Sie finden Mich dort gerade mit dem hinausgeworfenen Mönch
beschäftigt, der Mich natürlich noch nicht kennt.
[RB.01_124,02]
Robert richtet mit Tränen in den Augen folgende Worte an Mich: „O Herr, Du
lieber, heiliger Vater! Wo warst Du denn so eine geraume Weile, daß wir Dich
trotz alles Suchens nicht finden konnten? Ach wie traurig, öde und leer war es
hier, als wir Dich im Hause nirgends mehr finden konnten! Wie schlecht ging es
uns mit der Ordnung der Tische! Kurz, es war ohne Dich nicht mehr zum
Aushalten. – Nun aber, weil Du wieder zu uns in Dein Eigentum gekommen bist,
ist alles wieder unaussprechlich gut! Ich könnte nun vor Freude gerade
ausgelassen werden, aber nicht meine Füße, sondern mein seligstes Herz soll
hüpfen vor höchster Freude und Wonne! Wie ewig wahr ist es doch, was Du gesagt
hast: ,Ohne Mich vermöget ihr nichts!‘ Ich setze noch hinzu und sage es laut: Ohne
Dich, o Du lieber, heiliger Vater, ist überall vollkommen nichts! Alles ist
dann öde, leer und zum Verzweifeln traurig! – Aber von nun an wirst Du uns doch
nicht mehr so verlassen?“
[RB.01_124,03]
Rede Ich: „Ich habe euch ja diesmal nicht verlassen. Ich führte deine Gäste als
Meine Kindlein nur ein wenig in den großen Garten dieses Hauses und zeigte
ihnen die mannigfachen, ganz neuen Anlagen, an denen alle ein übergroßes
Wohlgefallen hatten. Du hattest unterdessen die schönste Weile, den großen
Speisesaal in die beste Ordnung zu bringen, was auch zu Meiner Freude geschehen
ist. Daß du Mich auf einige Augenblicke mit den Augen nicht wahrnehmen
konntest, hat nichts zu bedeuten, da Ich mit der gleichen Liebe bei euch war.
Ich habe dem Bruder Dismas Selbst Worte auf die Zunge gelegt, die er zu eurer
tiefsten Belehrung gesprochen hat. Nun aber bin Ich wieder sichtbar bei euch
und will wieder in dieses Haus einziehen und allda die vielen Kranken zum Leben
heilen!
[RB.01_124,04]
Da haben wir vor uns in dem Mönch schon so einen Patienten, der noch ganz taub,
blind, stumm und lahm zugleich ist! Diesem muß zuerst geholfen werden, und er
wird uns sodann die andern bearbeiten helfen. Der General hat ihn zu derb
angegriffen und ihn gewisser Verbrechen beschuldigt, die dieser Arme in seinem
ganzen Leben wohl nie ausgeübt hat. Das war nicht recht von dem sonst nach
Wahrheit und Licht lechzenden General. Dieser Mensch ist nur, wie alle
seinesgleichen, und da muß ihm geholfen werden. Denn ein eingefleischter
römischer Katholik sein heißt: geistig taub, blind, stumm und lahm sein: Ein
Zustand, in dem niemand als zurechnungsfähig betrachtet werden kann. Aber für
seinen priesterlichen Hochmut war diese erste Kur dennoch wieder gut. Denn er
sieht es nun ein, daß er gefehlt hat, indem er allen andern etwas glauben
machen wollte, an das er selbst noch nie geglaubt hat. Die Hölle gebrauchte er
bloß als Schreckmittel und den Himmel als süße Lockspeise, aber er selbst
glaubte weder an das eine noch an das andere. Die ganze Religion war bei ihm
ein altes mythologisches Mittel, die Völker der Erde im Gehorsam gegen die
weltlichen Gesetze zu halten. Den Gottesdienst verrichtete er stets nur als
notwendiges Blendwerk für die geistig blinde Menge, hielt aber selbst nie etwas
darauf und sagte, gleich einem gewissen Papste, oft bei sich und auch nicht
selten in Gegenwart seiner vertrautesten Kollegen: ,Die alte Mythe von Christo
ist gar nicht übel! Man kann aus ihr machen, was man will. Und sie trägt ihren
Dienern sehr viel Geld und Ansehen. Das ist aber auch das Beste an ihr; sonst
wäre denn doch die alte griechische viel besser und erhabener gewesen!‘
[RB.01_124,05]
Aber Ich sage euch: Das alles tut nichts zur Sache! Denn der Mönch in seiner
großen Blindheit war ein dreifacher Sklave Roms! Kann man aber einen Sklaven
darum züchtigen, daß er sich von seinem Herrn, der mächtiger war als er, die
Augen hat ausstechen und die Ohren ausbrennen lassen? Daher gehe du, Bruder
Robert, nun sogleich ins Haus und bringe Wein und Brot heraus! Denn dieser muß
vor allem eine volle Stärkung bekommen, damit er fähig wird, für die Folge von
uns belehrt und geordnet zu werden. Tue, was Ich dir anbefohlen habe!“
[RB.01_124,06]
Robert bringt in ein paar Augenblicken eine große Flasche Wein und einen ganzen
Laib Brot und spricht: „Herr, hier ist es schon! Wie werden wir aber diesen
Armen damit laben? Denn er liegt ja wie tot mit dem Gesicht am Boden. Wir
werden ihn doch zuvor vom Boden aufrichten müssen!“
[RB.01_124,07]
Rede Ich: „Liebster Robert, nur Geduld! Unsere Nähe wird ihn gar bald
aufrichten. Aber es sind das immer sehr gefährliche Patienten, daher muß man
sich mit ihnen schon ein wenig mehr Zeit nehmen. – Ich sehe, daß dir der Wein
und der ganze Laib Brot ein wenig schwer zu halten ist. Wie wäre es denn, so dir
die liebe Helena, die dich hier so teilnehmend betrachtet, ein wenig unter die
Arme griffe? Wenn du so eine Wirtin hättest, was meinst du, ginge da dein
Hauswesen nicht bedeutend besser vonstatten?“
[RB.01_124,08]
Robert schmunzelt verlegen und sagt nach einer Weile: „Wäre alles
unaussprechlich gut, wohl und recht, wenn sie nur nicht gar so schön wäre! Aber
sonst eine Gehilfin! O Herr, von Dir mir gegeben – würde freilich aus meinem
einen Hause zehntausend Himmel machen! Aber sie ist ja zu ungemein schön, lieb
und herrlich für mich.“
[RB.01_124,09]
Rede Ich: „Du warst ja doch sonst ein Freund alles Schönen und dabei auch
Nützlichen! Dein Wahlspruch lautete ja sogar: ,Das Schöne muß nützlich und das
Nützliche schön sein!‘ Und siehe, das ist auch von Ewigkeit her Mein eigener
Handlungsgrundsatz gewesen. Daher denn alle Meine Werke ebenso schön wie
nützlich sind. Denn die Nützlichkeit entspricht Meiner ewigen Liebe und Güte,
und die Schönheit Meiner Weisheit und Wahrheit. Und so kannst du hier im Reiche
der Himmel nie eines ohne das andere haben. Je schöner hier sich dir etwas
darstellt, desto nützlicher ist es auch!
[RB.01_124,10]
Helena ist wahrlich überaus schön, aber sie ist eben deshalb ein ebenso überaus
nützliches Wesen. Daher scheue dich nicht so sehr ihrer Schönheit wegen! Du
wirst erst durch sie ein vollkommener Mensch und Engel, und sie durch dich noch
schöner, vollkommener und nützlicher! Ich gebe sie dir zu einem wahren
himmlischen Weibe, mit dem du stets weiser, glücklicher und seliger werden wirst.
Reiche ihr daher deine Rechte und drücke sie an deine Brust! Und die Erfüllung
dieses Meines Willens ist der ewige Segen für euch beide!“
[RB.01_124,11]
Robert spricht schwindelnd vor Wonne: „O Herr, vergib mir meine große
Schwachheit! Aber hier muß ich Dir offen gestehen, daß ich die Bitte: ,Herr,
Dein Wille geschehe!‘ wohl nie leichter und seliger ausgesprochen habe als
diesmal! So komme denn her an meine Brust, du himmlisch schöne und herrliche
Helena! Was der Herr, Vater Jesus, Jehova Zebaoth mir gnädigst gegeben hat für
ewig, hat Er durch mich auch dir gegeben für ewig! Und so wollen wir denn
seligst eins sein in allem, in der Liebe, in der Wahrheit, in aller
Liebtätigkeit und dadurch eins in unserem heiligsten, liebevollsten Vater!“
[RB.01_124,12]
Spricht Helena, strahlend von himmlischer Schönheit: „Des Herrn Name sei
gepriesen ewig und Sein heiliger Wille geschehe! Ebenso aber wird mir auch ewig
heilig sein dein Wille, da ich nun klarst erschaue, daß du keinen andern Willen
mehr in deinem Herzen birgst als allein den heiligen des himmlischen Vaters
aller Menschen und Engel! – Sollte dein Herz je nach großen Taten in der Liebe
auf Augenblicke matt werden, da soll es an dem meinen eine reiche Stärkung
finden. Und sollte ich selbst je im heiligen Wollen irgendeine Schwäche zeigen,
da wird dein Herz mich kräftigen in allem, was dem heiligsten Vater
wohlgefällig ist! – Und so will ich denn im Namen unseres himmlischen Vaters
sein für ewig dein himmlisches Weib, das mit und in dir leben und handeln wird
als ein Wesen für ewig! Des heiligsten Vaters Gnade, Liebe, Weisheit, Ordnung
und Wille sei uns ein Segen für ewig!“
[RB.01_124,13]
Robert, über alle Maßen gerührt, drückt Helena an seine Brust und küßt sie
dreimal auf die Stirne. Und Helena küßt ihn darauf ebenso oft auf den Mund,
nimmt ihm dann sogleich den Wein und das Brot ab und spricht: „Als nun für ewig
dein Weib, lasse dir deine Mühe von mir geringer machen! Es ist genug, daß du
im Namen des heiligsten Vaters ordnest. Handeln werde dann schon ich als dein
rechter Arm!“
[RB.01_124,14]
Rede Ich: „Gut, gut, Meine geliebten Kinder! Ihr seid nun gesegnet und eins und
werdet es bleiben stets seliger für ewig!
[RB.01_124,15]
Aber unser Werk ist dadurch nicht zu Ende. Nun heißt es erst so recht, ins
Handeln übergehen! Aber jede Handlung wird von nun an leichter und schneller
beendet werden können, da du, Mein geliebter Robert, als ein vollendeter Bürger
des Himmelreichs dastehst und jetzt nicht nur eine unterweisende Macht hast
durch die Wahrheit des Wortes, sondern auch eine richtende durch den
Liebewillen aus Mir, die du jedoch nur da gebrauchen wirst, wo die erste
durchaus nicht ausreichen sollte! Und so bücke dich denn zu diesem Kranken
nieder und hauche ihn an, auf daß er erstehe zur Heilung!“
125. Kapitel –
Geistiges Erwachen des Mönches. Selbstgespräche als Seelenspiegel. Christus,
der Lebensanker des Schiffbrüchigen.
[RB.01_125,01]
Robert bückt sich sogleich und behaucht den ehedem hinausgeworfenen Mönch.
Dieser fängt sogleich an sich zu rühren wie ein aus tiefstem Schlaf
Erwachender.
[RB.01_125,02]
Als der Mönch sich nach einer Weile vollends aufgerichtet hat, fragt er: „Wer
hauchte denn ein Leben in mein Eingeweide, da ich doch getötet war von meinen
Feinden?“ (In der Geisterwelt werden nämlich alle, die von einem Hause
hinausgeworfen werden, auf eine Weile wie tot. Denn hinausstoßen oder
hinauswerfen heißt in der Geisterwelt soviel als gewaltsam richten oder töten.)
– „Wo bin ich denn nun? Es ist Nacht und sehr finster, wohin ich auch meine
Augen wende. Kein Laut wird von meinen Ohren vernommen. Ob ich auch lahm bin,
weiß ich kaum, denn ich fühle keinen Boden unter mir. Oh, wenn ich doch nur
einen kleinsten Lichtschimmer irgendwo wahrnehmen könnte!
[RB.01_125,03]
Ich war auf der Welt ein Priester und verrichtete meinen vorgeschriebenen
Dienst mit allem Eifer. Freilich waren damit zumeist nur pure irdische
Interessen verbunden und von einem Glauben war wohl nicht viel vorhanden.
Dessenungeachtet verrichtete ich mein Amt gewissenhaft. Aber welch einen Lohn
habe ich nun im Reich des Todes geerntet! O Gott, so du irgend bist, oder du
unerbittlich hartes Fatum! Warum mußte ich denn zu einem denkenden,
selbstbewußten Wesen werden? Warum geführt durch die unnatürlichsten
Lebensverhältnisse, die mit allem Fluch belastet sind? Wer wollte es denn, daß
ich das und nichts anderes werden mußte? Was kann wohl ein Kind dafür, daß es blind
zur Welt geboren wird und dann keinen Arzt mehr findet? O hartes Fatum, wo bist
du, daß ich zu dir hin mich wende und dir fluche! Mein ganzes Leben bisher war
nur ein ununterbrochener Fluch, aber ich will nicht mehr fluchen; denn es ist
genug, daß ich selbst ein Fluch bin.“
[RB.01_125,04]
Sage Ich zu Robert: „Nun behauche ihm die Ohren!“ – Robert tut das.
[RB.01_125,05]
Der Mönch horcht und spricht nach einer Weile: „Wohin bin ich denn gekommen?
Denn nun vernehme ich etwas wie ein Rauschen großer Gewässer und unter dem
Rauschen wie Stimmen von allerlei Vögeln! Wahrlich sonderbar, das Rauschen wird
mächtiger und das Getön der Vögel stärker! Werden die Wasser mich denn
überfluten und die Vögel sich dann sättigen mit meinem Leichnam? O gräßliches
Fatum, warum muß ich denn, da ich untergehe, zuvor die schreckliche Stimme des
Verderbens vernehmen! Kannst du denn nicht wie ein Meuchelmörder dich über mich
Ohnmächtigen hermachen? Aber was hadre ich denn hier? Verlesen doch auch die
harten Menschenrichter auf der Erde den Übeltätern ihr Todesurteil, bevor sie
dieselben töten. Der grausamen Härte des Menschenherzens genügt nimmer der
alleinige Tod ihres wehrlosen Bruders, sondern er muß zuvor auch gequält
werden. Tun es die Menschen also, warum soll da das harte Fatum ein Blatt vor
den Mund nehmen?“
[RB.01_125,06]
Ich sage darauf zu Robert: „Nun behauche ihm die Augen.“ Robert tut es.
[RB.01_125,07]
Der Mönch fängt darauf an, sich die Augen zu reiben und spricht: „Was war denn
das? Ich empfand deutlich einen Hauch über meine Augen gleiten. Nun sehe ich
plötzlich wie durch eine Abenddämmerung hindurch und gewahre unter mir nun
wieder festen Boden. Sieh, da ist wieder dasselbe Haus, aus dem mich meine
Feinde hinausgeworfen haben! Ja, es ist auf ein Haar dasselbe, und ich vernehme
nun anstatt des ominösen Wasserrauschens die vielen Stimmen meiner Feinde! Und
das Vogelgetöne sind Stimmen in meiner Nähe! Aber ich vermag niemanden zu
entdecken!
[RB.01_125,08]
Nun glaube ich doch wieder an irgendeinen Gott! Der General drinnen, der meine
Messe nicht ganz mit Unrecht verschmähte, hatte recht, daß er die Gottheit als
viel besser pries, als ich sie ihm darzustellen mich bemühte. Aber wie die
Arbeit, so auch der Lohn! Recht haben sie gehabt, daß sie mich hinausgeworfen
haben! Warum wollte ich sogar hier ein finsterer Esel sein!?“
[RB.01_125,09]
Sage Ich zu Robert: „Behauche ihm nun den Mund und die Brust.“ Robert tut
sogleich, was Ich ihm sage.
[RB.01_125,10]
Der Mönch spricht: „O wie herrlich und wohltuend umwehte ein zartes Lüftchen
meinen Mund! War das etwa eines Engels sanfter Kuß? Ja, so müssen Engel küssen!
Ich gewahrte es auch in meiner Brust, die ein wonnigstes Leben durchdrang, daß
meinen Mund ein Engel geküßt haben mußte, ansonst es mir nimmer gar so wonnig
hätte zu Mute werden können. Wahrlich sonderbar, es wird nun auch eigentümlich
heller und heller in mir! Und meine Hände werden voller, und in den Füßen
empfinde ich ein wohltuendes Drängen! Es ist, als ob eine neue Lebenskraft mein
ganzes Wesen zu durchströmen begänne.
[RB.01_125,11]
Nun wird auch die ganze Gegend heller und das Haus bestimmter ersichtlich! Ach,
das ist ein gar wunderherrliches Haus! Drei Stockwerke! Und diese herrlichen
Arkaden und Balkone unter den Fenstern! Diese imposante Größe und Höhe! Nein,
es kommt mir die ganze Sache wie ein Traum vor! Ich habe doch schon ehedem
dieses Haus gesehen, als uns alle der General hierher brachte, aber ich kann
mich nicht erinnern, daß es damals so herrlich ausgesehen hatte.
[RB.01_125,12]
Ich möchte wohl gerne wieder in das Haus gehen, aber da würde ich sicher
schnell wieder hinausgeworfen werden. Daher bleibe ich lieber hier im Freien
und bewundere im stillen dieses ungeheure Prachtgebäude, das nun mit dem
Zunehmen des Morgenlichtes stets größer zu werden scheint. Ja, ich bleibe hier,
denn es wird mir nun so wohl zu Mut.
[RB.01_125,13]
Ich begreife nur nicht, wieso es mir hier so heimelig vorkommt; es ist, als ob
ich schon Gott weiß wie lange hier zu Hause gewesen wäre. Und doch ist mir
diese Gegend so fremd, als einem Menschen nur je etwas nie Gesehenes vorkommen
kann. Ach, herrlich ist es hier! Es harmoniert aber auch alles: dieser
weitgedehnte Garten mit den Anlagen, der schöne Gebirgskreis, der diese Villa
in weiter Ausdehnung umgibt, sich besonders gegen Morgen stets höher erhebt und
gegen Abend und Mitternacht in eine unabsehbare Ebene verflacht. – Oh, das ist
unbeschreiblich!
[RB.01_125,14]
Aber ganz in meiner Nähe ersehe ich ja einen herrlichen Pavillon! Wie wäre es
denn, so ich ihn bestiege? Da müßte sich diese Gegend ja noch wunderherrlicher
ausnehmen! Kraft habe ich nun in den Füßen. Es ist zwar hübsch hoch
hinaufzusteigen, aber nur hinauf mit mir! – Doch nein, ich bleibe dennoch hier
unten, es könnte so etwas dem Eigentümer vielleicht nicht angenehm sein. Es ist
hier auch schon alles gut. Aber wie es nun in mir stets lichter und heller
wird, merke ich, daß der Mensch auch im Geisterreiche hungrig und durstig
werden kann. So ein Stückchen Brot und etwas Trinkbares zu dieser Beleuchtung
der Geisterwelt könnte sich wahrlich nicht schlecht ausnehmen!“
[RB.01_125,15]
Sage Ich zu Robert: „Stelle ihm nun Brot und Wein vor!“ Robert nimmt seiner
Helena schnell das Brot und den Wein ab und legt es in den Schoß des Mönches.
Dieser verwundert sich hoch und erschaut wohl sogleich die Spende, aber noch
nicht die ihn umgebenden Spender.
[RB.01_125,16]
Er betrachtet eine Weile das Brot und den Wein, dann spricht der Mönch zu sich:
„Gottlob, nun wäre freilich alles beisammen! O du göttliches
Tischlein-deck-dich! Nun, so tut es sich ja in der Geisterwelt! Eine
bezaubernde Aussicht und Einsicht für einen lichten Magen, wahrlich, da wird es
so schon auszuhalten sein in alle Ewigkeit, Amen! Aber nur keine Nacht mehr in
dieser Gegend, denn die Nacht war hier schauderhaft!
[RB.01_125,17]
Aber nun möchte ich auch wissen, wer hier so dienstfertig ist? Geister sind es
in jedem Falle, und sicher lauter sehr gute! Aber ich bin ja nun doch auch ein
Geist! Wie kommt es denn, daß ich dann diese mir unsichtbar dienenden Geister
oder Engel nicht sehen kann? Wahrscheinlich werde ich noch viel zu unheilig
sein, um die heiligen Engelsgeister zu schauen! Aber das Brot und den Wein sehe
ich doch! Na, es ist schon gut so, das andere wird sich nachher auch wohl
machen! In Gottes Namen werde ich mich zuerst ans Brot machen und dann an den
überaus gut aussehenden Wein! Gott segne es! Ihm allein alle Ehre, alles Lob
und allen Preis!“
[RB.01_125,18]
Nach diesen Worten bricht der Mönch ein tüchtiges Stück Brot vom Laibe, fängt
an zu essen und findet es wunderbar wohlschmeckend. Daher macht er sich gleich
über den ganzen Laib her und spricht, als er damit vergnügt fertig ist:
[RB.01_125,19]
„Gottlob! Das war ein Brot, so wohlschmeckend wie eine reife Ananas aus
Brasilien! Nun aber will ich auch dem Wein zusprechen in Gottes heiligstem
Namen! Ist fast mehr als ein Maß! Aber das macht nichts, hab' ja öfter auf der
Erde auch bei Versehgängen ein Maß und manchmal noch etwas darüber, etwa so
einen heiligen Johannessegen, mitgenommen. Nun, in Gottes Namen! Es wird sich schon
auch hier tun. O du liebs Weinl du! Was für eine herrliche Goldfarbe!“
[RB.01_125,20]
Hier setzt er die Flasche an und setzt sie nicht eher ab, bis der letzte
Tropfen getrunken ist. Er kann sich nicht genug verwundern über die
außerordentliche Güte des Weines und wird über die Maßen fröhlich und dabei
sehr andächtig gestimmt, so daß er am Ende nur in einem fort. „O gottlob, o
gottlob!“ herausbringt.
[RB.01_125,21]
Nach einer Weile andächtiger Ergießungen richtet er sich endlich ganz auf und
spricht bei sich: „Wie hat mich doch dieses Mahl gestärkt: Das war kein
irdisches Brot und kein irdischer Wein! Das war wahrhaftig Brot und Wein aus
den höchsten Himmeln, denn das Brot war ganz Nahrung und der Wein ganz Leben! –
Nun erst lebe ich wahrhaft, und der Tod scheint für ewig von mir gewichen zu
sein. Am Ende ist die alte Mythe von Christo, der das Abendmahl im Brot und
Wein seinen Jüngern gegeben und dessen Genuß zur Gewinnung des ewigen Lebens
anbefohlen habe, denn doch nicht gar so leer, als wie sie, freilich ganz
heimlich, von dem gebildeten höheren Klerus geglaubt ward!
[RB.01_125,22]
Es ist zwar in dieser Christuslehre, die durch die vier Evangelisten sich bis
auf diese Zeit erhielt, so manches Widersprechende enthalten, das ein gesunder
Geist eben nicht so leicht verdauen kann, wie ich nun dieses Brot und diesen
Wein. Aber dennoch enthält sie wieder andere höchst folgerichtige Dinge, aus
denen man ersehen kann, daß der Stifter solch einer Lehre durchaus kein
gewöhnlicher Mensch, sondern offenbar ein Gott sein mußte. Und nun diese
Neubelebung durch Brot und Wein gibt mir einen beinahe unwiderlegbaren Beweis,
daß Christus auf der Erde einst wirklich existiert hat und es mit Seiner
Gottessohnschaft eben nicht gar so schlecht aussehen kann, als wie es heimlich
die hohe Klerisei meint.
[RB.01_125,23]
Wer kann wissen, ob es sich denn in dieser schönsten Geisterwelt doch nicht
einmal begeben kann, daß ich irgendwo mit dem Geiste Christi zusammenkomme! O
Gott! Wenn ich solches erlebte, dann würde ich Christus bitten, mir zu
gestatten, dem Papst und sämtlichen Kardinälen einen sicher unwillkommenen
Besuch abzustatten, um ihnen zu zeigen, wer Christus ist und wessen Geistes
Kinder sie sind! Freilich würde das nicht viel nützen; aber wohl täte es
unsereinem, wenn man diesen Rotmäntlern, diesen offenbarsten Widerchristen
zeigen könnte, daß Christus keine Fabel ist, wie sie wähnen – sondern wahrhaft
Der und Das, als wen und als was Er Sich Selbst geoffenbart hat. Augen müßten
sie machen so groß wie der schönste Vollmond!
[RB.01_125,24]
Aber nun vernehme ich auf einmal ein Gelispel wie von Menschen um mich her, und
das Morgenlicht wird stärker und stärker. – Darum nun ganz stille! Vielleicht
vernehme ich wohlartikulierte Worte und Sätze?“
126. Kapitel –
Der Mönch vernimmt die heilige Lehre von Jesus. Der einst geistig Blinde
erkennt den Herrn und dessen Gnade.
[RB.01_126,01]
Nun hört der Mönch ganz leise die Worte: „Jesus, der Gekreuzigte, ist allein
Gott über alle Himmel und über alles, was den unendlichen Raum erfüllt. Er
allein ist der Urschöpfer aller Dinge, aller Engel, Menschen, Tiere, Pflanzen
und aller Materie. Er ist der Vater Seinem urewigen Liebewesen nach, der ewige
Sohn Seiner Weisheit und der allein Heilige Geist Seiner unendlichen Macht,
Kraft und Wirkung nach.
[RB.01_126,02]
An diesen Jesus wende dich im Herzen wahrhaftig und getreu. Liebe Ihn, der dich
so sehr liebte, daß Er aus Liebe zu dir wie zu allen Menschen die Menschennatur
annahm und des Leibes bittersten Tod über Sich kommen ließ, auf daß dir und allen
Menschen ein ewiges Leben ermöglicht werde!
[RB.01_126,03]
Das ewige, Gott völlig gleiche, seligste Leben ist durch Ihn allein ermöglicht
worden und als ein unendlicher Schatz gegeben aller Kreatur. Es bedarf nun
nichts mehr, als diese große Gabe des heiligen Vaters liebewillig zu verlangen
und dankbarst anzunehmen – und der Mensch wird selig leben in Ewigkeit in
Gottes Gesellschaft wie ein zweiter Gott.
[RB.01_126,04]
Gott, der da ist unser aller Vater Jesus, ist die reinste Liebe, die niemanden
richtet und jeden selig machen will. Nur muß der Mensch auch das wollen, was
Gottes reinste Liebe will. Denn Gott tut niemandem einen Zwang an, am wenigsten
in dieser Welt der Geister. Daher wird jedem nur das zuteil, was er selbst
will. Was du demnach willst, das wirst du auch empfangen!
[RB.01_126,05]
Es gibt aber kein Leben und keine Seligkeit außer in der reinen Gottesliebe.
Wer diese in sich aufgenommen hat und selbst das will, was diese heilige Liebe
will, der lebt und ist selig für ewig.“
[RB.01_126,06]
Als der Mönch diese Worte aus dem Gelispel vernommen hatte, staunt er nicht
wenig und spricht bei sich: „Merkwürdig! Eine ganz neue Lehre über Gott! Also
keine drei gesonderten Personen! Auf der Erde wäre das die größte Ketzerei,
himmelhoch verschieden von der römisch-katholischen Lehre. Aber ich finde sie
dennoch ganz natürlich und viel wahrer als die römisch-katholische! – Was mich
aber sehr wundert, ist, daß dieser Geist, der aus der Luft so weise zu mir
geredet hat, von der allerseligsten Jungfrau Maria und den anderen lieben
Heiligen mit keiner Silbe erwähnt hat, daß man sie um ihre mächtige Fürbitte
angehen soll. Das ist durchaus nicht katholisch, aber das macht nichts. Der
Unbekannte, der mir höchstwahrscheinlich das herrlich gute Brot und den besten
Wein zukommen ließ, hat mir nun auch diese Lehre gegeben. War das erste überaus
gut, so ist es auch die Lehre! Sei es nun, wie es wolle, ich werde diese Lehre
doch annehmen.
[RB.01_126,07]
Muß offen gestehen, so der Teufel von solcher Lehre durchdrungen wäre, da müßte
selbst er selig sein. Solch ein Brot wird in der Hölle sicher nicht gebacken
und solch ein Wein nimmer gekeltert. Daher ist das alles aus den Himmeln –
Brot, Wein und Lehre! Und ich will sie annehmen! Aber wenn es so ist, dann
freuet euch, ihr Kardinäle und du Papst! Ich werde in eurem Gehirn ganz kurios
zu spuken anfangen. Ich will Jesum so lange bitten, bis Er mir das gewähren
wird. Gut, ich werde die römische Kurie in die Enge treiben und ihr ein Licht
anzünden, vor dem sie erschauern soll! Aber nun nichts mehr davon! Jetzt heißt
es, sich ganz ernstlich an den Herrn Gott Jesum wenden, alles andere wird dann
erst von da ausgehen.“
[RB.01_126,08] Sage
Ich zu Robert: „Berühre nun seine Augen!“ – Robert tut es. Der Mönch erschaut
nun zu seinem größten Erstaunen die große Schar Seliger samt Mir um ihn
versammelt, aus der er aber noch niemanden erkennt. Er betrachtet bald den
einen, bald den andern und gebärdet sich wie ein vom Schlaf Trunkener.
[RB.01_126,09]
Nach einer Weile kommt der Mönch zur volleren Besinnung und fragt ganz
schüchtern den ihm zunächststehenden Robert: „O du himmlischer Freund, sage mir
doch, wo ich denn bin? Und so du es nicht krumm nimmst, daß ich dich gleich mit
Fragen belästige: sage mir auch, mit wem ich in dir, du lieber Freund, zu reden
die Ehre und Gnade habe?“
[RB.01_126,10]
Spricht Robert: „Du bist hier auf himmlischem Grund und Boden. Und dies Haus,
das da vor dir in unbeschreiblicher Größe, Pracht und Majestät dasteht, ist
mein himmlisches Wohnhaus für ewig. Ich aber bin der nun selige Geist des auf
Erden dir wohlbekannten, unglücklichen Robert Blum. Und dies allerschönste Weib
an meiner Seite ist mein von Gott dem Herrn mir für ewig verbundenes Weib. Nun
weißt du es und nun rede, was du vor allem wünschest!“
[RB.01_126,11]
Der Mönch, ein wenig seinen Kopf hin und her schüttelnd, spricht: „Du, der
Robert Blum? Der Hauptketzer Robert Blum – und im Himmel? – Ah, da geht es doch
nicht mit richtigen Dingen zu! Und das soll dein Grund und dein Haus sein? Gibt
es denn im Himmel auch Gründe und Häuser? Der Himmel besteht doch nur aus
lauter lichten Wolken, auf denen die himmlischen Bürger gleich den Engeln
herumschweben, Gott von Angesicht schauen und in einem fort ausrufen: ,Heilig
heilig, heilig ist der Herr Zebaoth! Himmel und Erde sind Seiner Herrlichkeit
voll! Die Ehre sei Gott, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist – Amen!‘
Von alledem ist aber hier nicht die leiseste Spur. Wie könnte das sonach der
Himmel sein? Vielleicht nur so ein neukatholischer Himmel, den euch Gottes
Gnade zuläßt bis zum Jüngsten Tag, um euch für manches Gute, das ihr auf der
Erde gewirkt habt, zeitlich zu belohnen. Aber danach wird dieser Himmel vergehen
und in die Hölle verwandelt werden. Und dieses Haus wird wahrscheinlich auf
lockerem Sande und nicht auf Felsen gebaut sein. So wird es nur zu bald in
nichtigsten Schutt zusammenstürzen!
[RB.01_126,12]
Die Sache kommt mir ganz und gar nicht richtig vor. Sage mir, wo ist denn
hernach Gott der Herr mit allen Seinen heiligen Engeln und den sonstigen
Heiligen – wenn das der Himmel ist?“
[RB.01_126,13]
Spricht Robert: „Sieh dich nur um, und du wirst dir zu allernächst Gott, den
Herrn Jesus, und hinter Ihm die heiligen Apostel klar erschauen und dahinter
die Urväter der Erde von Adam angefangen!“
[RB.01_126,14]
Der Mönch sieht sich schüchtern um und erkennt sogleich an Mir Jesus, den
Gekreuzigten. So auch die Apostel, die er aus den ihm bekannten Attributen
ihrer Gewänder erkennt. – Er fällt sogleich vor Mir nieder und spricht: „Herr
Gott Jesus! So Du es bist, so sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig, denn
ich bin ein grober und großer Sünder!“
[RB.01_126,15]
Und Ich sage: „Thomas, stehe auf, schaue und lebe! Ich bin das Alpha und das
Omega, der Erste und der Letzte! Warum aber zweifelst du noch an Mir und an der
Wahrheit Meines Himmels?“
[RB.01_126,16]
Spricht der Mönch Thomas: „O Herr, du fragst mich, als könnte ich Dir etwas
sagen, das Du nicht wüßtest. Siehe Dich nach Meinem Herzen um und Du wirst
darin noch jene Urschriftzüge finden, die Deine allmächtige Rechte
eingezeichnet hat. In diesen Zügen spricht sich eine unendliche Größe und
Erhabenheit aus, unter der allein Dich mein Herz fühlen konnte. Es war darum
stets außerstande, Dich anders sich vorzustellen. Jede kleinliche, herrsch- und
habsüchtige Vorstellung von Dir konnte daher in meinem Herzen nimmer Platz
fassen. Aus diesem Grunde konnte ich auch den Glauben an die Gottheit Jesu, des
Gesalbten, nie so ganz vollkommen annehmen, obschon ich streng genommen an der
Möglichkeit nie gezweifelt habe. Freilich müßte die Gottheit Christi
offensichtlicher hervorgetreten sein, ungefähr wie bei den Aposteln, so ich zu
einem festen Glauben hätte genötigt werden sollen. Aber das war sicher aus
weisesten Gründen nie der Fall. Christus oder Sein Geist ließ es allzeit zu,
daß die römische Kurie aus Ihm machen durfte, was sie nur immer wollte.
[RB.01_126,17]
Welch geweckterem Geist hätte bei Kenntnis der römisch-katholischen Theologie
nur im entferntesten einfallen können, solch eine Lehre für rein göttlich zu
halten? Ich selbst habe aus Oblaten mehrere tausend rechte Christusse gemacht
und habe sie dann zum größten Teile selbst aufgegessen. Was aber soll ein ehrlicher
Mensch sich von einer Lehre denken, über die ein jeder Chinese hoch auflachen
muß. Wie oft habe ich nach einer Messe gedacht, wenn ich darauf einen Blick zur
Sonne und abends zu den Myriaden Sternen sandte: ,Also Der, den du heute durch
die sogenannte Konsekration aus einer runden Oblate aus Stärkemehl zum
allerhöchsten Gott machtest und Ihn darauf lebendig gegessen hast, soll dies
alles gemacht haben?‘ O Herr, das war für den Glauben eines Sterblichen denn
doch ein wenig zu viel! Wer das glauben kann, dem ist wahrlich nicht zu
gratulieren, denn er kann doch kein kleinstes Fünklein Geistes in sich
besitzen! Wohl verrichtete ich den sogenannten Gottesdienst vor den Augen der
blinden Welt vorschriftsgemäß. Aber ich selbst glaubte unmöglich daran, weil die
Urschrift in meinem Herzen und in der ganzen Schöpfung mich allzeit eines
anderen belehrte.
[RB.01_126,18]
Daß aber dadurch auch der wirkliche Christus, der solchen Unsinn duldete, bei
mir und vielen anderen in Mißkredit kam, wirst Du, o Herr, sicher noch klarer
einsehen als ich. Jetzt glaube ich wieder an Deine alleinige Gottheit, da Du
nun ganz so da bist, wie Du einst auf der Erde gewandelt bist. Aber an einen
Oblatenchristus aus Stärkemehl werde ich nie glauben!
[RB.01_126,19]
Sieh Herr, so steht es in meinem Herzen geschrieben. Dies ist mein Leben, wie
ich es als rein Göttliches in mir sehe. Und so habe ich armer Sünder Dir
Allwissendem mit mangelhaften Worten nichts dargetan, als was Du schon von
Ewigkeit klarst eingesehen hast. Und so denn geschehe mit mir Dein heiliger
Wille!“
[RB.01_126,20]
Rede Ich: „Gut, Mein lieber Thomas, es ist alles in Ordnung, was du geredet
hast. Aber wenn du Mir einen Vorwurf machst, daß Ich der römischen Kirche ob
ihrer Greuel noch nie eine Gegenkundgabe zukommen ließ, da tust du Mir unrecht!
Betrachte doch alle die Trennungen von der Römerin, sind das nicht gewaltige
Gegenkundgaben? Aber sie fruchteten wenig, weil Ich den Drachen noch nicht
richten wollte wegen Meiner Liebe. Weiter betrachte die große Verbreitung des reinen
Wortes durch die Druckschrift in allen Sprachen! Aber sie fruchtet wenig, weil
Ich den Drachen noch nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe! Wieder weiter
betrachte die zu allen Zeiten von Mir erweckten neueren Propheten! Diese übten
eine starke Gegenkundgabe aus. Aber es fruchtete wenig, weil Ich den Drachen
noch nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe! Dann betrachte noch die
tausendfachen Demütigungen, die Ich der Römerin als starke Gegenkundgaben von
allen Seiten zukommen ließ! Aber sie fruchteten bisher ebenfalls noch wenig,
weil Ich den Drachen noch immer nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe!
[RB.01_126,21]
Von nun an aber wird es mit der Römerin ein ganz anderes Verhältnis nehmen.
Ihre Weltmacht wird sehr erschüttert und eine offene Zunge gegen sie
allenthalben gestattet werden. Wird sie solch eine Kundgabe auch noch nicht
fruchtbringend machen, so wird der Drache gerichtet werden wegen Meiner zu
lange mißbrauchten Langmut.
[RB.01_126,22]
Ich meine, du wirst nun wegen der Mir von dir vorgeworfenen Vernachlässigungen
in der Ordnung sein. Und so schließe dich nun völlig an Mich an und gehe mit
uns in dieses Haus zu einem schon bereiteten Mahle!“
[RB.01_126,23]
Spricht Thomas: „Du ewiger Heiland aller kranken Seelen und Geister! Eines
Mahles, das Du Selbst Deinen verdientesten Dienern bereitet hast, bin ich wohl
nicht wert! Das wäre ja zuviel Erbarmung für mich, indem ich auf der Erde
allzeit grob gesündigt habe vor Dir. Hinein ins Haus werde ich wohl gehen, aber
teilnehmen an einem so heiligen Mahle würde ich mir ewig nimmer getrauen, indem
ich da gar leicht das Los eines Judas Ischariot an mir selbst erfahren könnte,
und das wäre denn doch etwas überaus Erschreckliches!“
127. Kapitel –
Gotteslob des dankbaren Thomas. Belehrung des Herrn über die Schlichtheit der
Liebe.
[RB.01_127,01]
Rede Ich: „Mein lieber Thomas, du bist noch sehr blöde! Den Judas hieß Ich
nicht mit Mir Brot in die Schüssel zu tunken, denn Ich wußte es, daß es ihm zum
Gericht gereichen werde, da er unwürdig war, mit Mir das Brot des Lebens zu
essen! Dich aber beheiße Ich Selbst, weil Ich in dir keine Unwürdigkeit
entdecke. Und so kannst du ohne Bedenken tun, was Ich von dir nun verlange.
Zudem hat hier alle richterliche Zurechnung aufgehört, da hier jede Tat ohnehin
ihre Folge hat, entsprechend dem Geist in dem sie begangen wurde. Weil ein
jeder Geist nach seinen Taten hier vollkommen sein eigener Richter ist, hast du
auch von keiner Seite mehr eine fremde Einwirkung zu befürchten. Was du willst,
das wirst du auch tun; und das Tun wird dich richten nach deinem Willen, der
die eigentliche Triebfeder jeder Handlung ist.
[RB.01_127,02]
Und so mache dir von nun an keine Skrupel mehr! So du hungrig und durstig bist,
wirst du doch etwas zu essen und zu trinken haben wollen. Wolltest du aber
dennoch nichts essen und trinken, müßtest du dir dann freilich auch den Schmerz
gefallen lassen, den Hunger und Durst als notwendige Folge in sich bergen. Oder
würdest du eine scharfe Rute zur Hand nehmen und dich damit selbst züchtigen?
Das wirst du sicher auch bleibenlassen.
[RB.01_127,03]
Was du aber dir selbst nicht tun möchtest, wirst du auch deinen Brüdern nicht
antun. Denn die Liebe deines Herzens würde sicher nimmer zulassen, den Brüdern
wehe zu tun, weil hier im Geisterreich die Ordnung so bestellt ist, daß da eine
jede Tat, an einem zweiten verübt, auch auf den Täter mit der gleichen
Empfindung rückwirkt.
[RB.01_127,04]
Du weißt nun durch diese Erörterung, wie sich die Sachen hier verhalten. Und so
meine Ich, daß du nun nach Meiner Beheißung ohne Gewissensangst tust, was dir
zu deinem höchsteigenen Besten gereichen kann und wird!
[RB.01_127,05]
Siehe, Ich könnte dich zwingen, dahin augenblicklich zu gehen, wo Ich dich
haben will. Da Ich dich aber schon zum Guten nicht mittels Meiner Allmacht
zwinge, sondern nur mit sanfter Belehrung dein Herz, deinen Verstand und deinen
Willen stärke, – um wieviel weniger werde Ich dich dann zu etwas Argem zwingen.
Von Mir wird nichts so sehr berücksichtigt wie des Menschen völlig freier
Wille. Und so kannst du es ganz beherzt wagen, freiwillig das zu tun, was zu
tun Ich als dein Gott, Schöpfer und Vater voll der mächtigsten Liebe von dir
verlange!“
[RB.01_127,06]
Spricht Thomas: „O liebevollster Vater! Nun gibt es in meinem Herzen keinen
Anstand mehr. Was Du wünschest, soll stets meines Herzens heiligstes Gesetz
sein. O wie gar sanft und weise ist Dein heiliger Vaterwille! Wo ist ein Herz,
das ihm widerstehen könnte? Wie selig ist nun mein ganzes Wesen, daß ich Dir
folgen darf, und Du Selbst mir zur Seite stehst und an Deiner Vaterhand in das
Reich des ewigen Lebens führst! O du heiliges Haus der Häuser, das Gott
betritt! Wer kann lobend genug erwähnen des großen Mahles, das Gott Selbst
bereitet hat allen denen, die Sein Vaterherz erwählt hat zu Seinen Kindern? Ihr
seligsten Brüder und Schwestern, fühlt ihr es wohl ganz, erfaßt ihr die heilige
Tiefe, daß unser Lehrer und Führer Gott Selbst ist? – Wir sind bei Gott, ja bei
dem großen Schöpfer der Unendlichkeit, bei dem Vater sind wir! O saget, fühlet
ihr es wohl tief genug, wer Der ist, der uns nun führt in Sein Haus?“
[RB.01_127,07]
Rede Ich im Gehen ins Haus: „Gut, gut, Mein lieber Sohn Thomas! Es ist Mir eine
rechte Freude, daß du in deinem Herzen Gefühle aufkeimen läßt, die viel
Ähnlichkeit haben mit den Mich preisenden Flammengedanken der Cherubim und
Seraphim, die da sind die Austräger Meines Willens in Ewigkeit. Aber so erhaben
auch solche Gedanken sind, deren Tiefe und Größe nur wenige Geister fassen, so
ist's Mir dennoch lieber, wenn Mich Meine Kindlein so recht herzlich ,Vater‘
nennen. Lieber, als wenn die größten Lobengel Mich mit Weisheitsliedern
besingen und am Ende ganz ermattet zusammensinken, so sie zur Einsicht kommen,
daß ihre flammendsten Gedanken nicht einmal den Saum Meines Kleides berühren, während
Meine einfachen Kindlein mit Meinem Herzen und Meinen Gedanken seligst spielen
und allzeit bei Mir und an Meinem Tische das Brot des wahren Lebens genießen!
[RB.01_127,08]
Siehe, die Meine Macht besingen und den unendlich großen Gott preisen, die sind
außer Mir und betrachten Mich ungefähr so, wie du auf der Erde den gestirnten
Himmel oft überaus erhaben besungen hast – aber dabei nicht wußtest, was die
von dir besungenen Sterne sind und was in ihnen ist. Die aber zu Mir sagen: ,O
lieber Vater! O Du mein göttlicher Bruder!‘ – die sind bei Mir und sogar in
Mir. Sie preisen Mich wie Kinder ihren allein wahren Vater und betrachten Meine
Größe nicht mehr aus heilig scheuer Ferne, wo sie stets eine große Kluft von
Mir trennt. Sondern sie sind selbst auf den Sternen bei ihrem Vater im
Vollgenuß jener heiligen Wirklichkeit, die von den Großsängern kaum geahnt
wird.
[RB.01_127,09]
Merkst du nun diesen gewichtigen Unterschied? Und weil du ihn merkst, bist du
auch schon um vieles glücklicher als ehedem. Das ist gut und recht und Mir am
meisten wohlgefällig, weil es in Meiner Ordnung ist. Du wirst gar bald an
Meiner Seite die ungeheuersten Großwerke voll Wunder über Wunder zu schauen
bekommen. Wenn du da allzeit fragen würdest: ,Wer fühlt es tief genug, was Gott
ist?‘ – da würden dich Meine lieben Kindlein auslachen und dir sagen: ,Aber
kindisch schwacher Bruder Thomas! Was schwärmst du denn für Unsinn zusammen?
Wer kann es ewig je tief genug und ganz fühlen und empfinden, was Gott in Sich
Selbst ist!? Wie kann das Endliche das Unendliche je erfassen? Gott ist unser
aller Vater! Wir lieben Ihn über alles, Er führt uns und wir sehen Ihn, wie
lieb und endlos gut Er ist. Das ist ja bei weitem mehr! Gott als Vater über
alles lieben ist ja endlos mehr wert, als Ihn ergründen wollen! – Was ist wohl
eines Menschen würdiger: sich in Gedanken vertiefen und, so ein armer Bruder
vorüberzieht, diesen vor lauter großen Gedanken gar nicht bemerken – oder die
Gedanken Gott dem heiligen Vater überlassen und mit liebfreundlichen Augen den
armen Brüdern dienstfertig entgegenkommen? Lassen wir daher das Große den
Großen über! Wir aber bleiben in der Liebe hübsch klein beisammen und werden
glücklicher sein als die großglücklichen Großen!‘
[RB.01_127,10]
Siehe Thomas! So würden alle diese Brüder mit dir reden. Daher bleiben denn
auch wir beisammen. Denn um den ganzen Himmel zu sehen, braucht man ja nicht
ebenso große Augen zu haben, wie der Himmel selbst ist. Verstehst du das?
[RB.01_127,11]
Ja, du verstehst es schon! Und so wollen wir uns sogleich an das Mahl machen,
da wir uns alle nun schon in dem großen Saale befinden, wo die Tische bestellt
sind.“
128. Kapitel –
Thomas' Bitte für die noch im Vorsaal harrende Schar seiner früherer Gegner. Er
wird mit Ehrenkleid und Weisheitshut angetan. Seine erste Aufgabe.
[RB.01_128,01]
Thomas verwundert sich, daß er sich schon im großen Speisesaal mit allen
anderen Gästen befindet, und zwar vor einer bestbestellten Mahltafel, die nach
der Berechnung Max Olafs in Kreuzform aufgestellt war.
[RB.01_128,02]
Nachdem Thomas sich sozusagen ausgewundert hat, spricht er: „Herr, Du lieber
Vater! Welche Größe und namenlose Pracht ziert doch diesen Speisesaal! O Gott,
da hätte ja die hundertfache Bevölkerung der ganzen Erde bequem Platz! Diese
unabsehbaren Säulenreihen nach allen Seiten hin, diese wahre Himmelshöhe! Die
gleich einer Sonne leuchtenden Verzierungen der gewölbten Decke und dreifachen
Galerien! Die hohen, alle Lichtfarben spendenden Fenster und dieser ganz reine
Goldboden machen alle meine Sinne erbeben vor Ehrfurcht. Wer hat denn das
gebaut? Oh, ich frage ja hier wie ein Blinder, Du, ewiger Meister, bist der
alleinige Erbauer solcher Wunderwerke! Nimmer kann Dich selbst der feurigste
Geist eines Cherubs, dessen Wesen aus den hellsten Flammen Deiner Weisheit
geschaffen ist, genug lieben und preisen; geschweige so ein Wurm des Staubes
wie ich! O herrlich, herrlich, so ein Anblick! Wahrlich, das übersteigt millionenfältig
die Phantasie selbst eines Erzengels!
[RB.01_128,03]
Ein Weiser der Vorzeit hatte recht, als er von Deiner namenlosen Güte tief
ergriffen ausrief: ,Vater, höre doch endlich auf zu segnen! So Du ein Kind
züchtigst, hast Du ein gemessenes Ziel. Aber so Du es darauf als gebessert zu
segnen anfängst, hat dann des Segnens nimmer ein Ende! Solch eine nie geahnte
Größe Deiner Güte, Liebe und erbarmenden Milde, Sanftmut und Herablassung ist
für einen schwachen Geist auf einmal zu viel!‘“
[RB.01_128,04]
Rede Ich: „Schon gut, Mein liebster Thomas! Mache nur nicht gar so viel Wesens!
Ist denn für Mich das gar so etwas Großes, wenn Ich ein solches Haus werden
lasse nach dem guten Maße des Herzens dessen, dem es nun völlig zu eigen
gegeben ist? Siehe, das alles entspricht dem Herzen unseres auf der Erde stets
unglücklichen Robert und ist noch lange nicht das Großartigste, was das ganze
Haus enthält. Du wirst noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen, da kannst du
dann deiner Phantasie ganz freien Lauf lassen. Nun aber setzen wir uns allesamt
zu Tisch!“
[RB.01_128,05]
Thomas, einen schüchternen Blick nach dem ersten Saale werfend, spricht: „O
Herr, heiliger Vater, sieh einmal zur Tür hinaus! Dieses Elend: eine große
Schar unglücklicher Seelen! Könnte nicht auch ihnen geholfen werden? Sie sind
beinahe alle im Grunde besser als ich, weshalb sie mich ehedem auch als den
Schlechtesten gebührlich hinausgeworfen haben, was ich ihnen schon gänzlich
verziehen habe. Vergib auch Du ihnen, o allerbester Vater, und lasse sie auch
an diesem reichen Mahle teilnehmen!“
[RB.01_128,06]
Rede Ich: „Ja, Mein liebster Bruder Thomas, wenn du Mir mit solchen
Angelegenheiten deines Herzens zu kommen anfängst, wirst du freilich bald
ausrufen müssen: – ,Vater! Höre auf zu segnen!‘ – Siehe, mit diesem
Herzenswunsch hast du selbst mit einem Zuge alle deine Schulden vor Mir
getilgt. Dir muß daher sogleich ein neues Strahlenkleid und ein wie die Sonne
leuchtender Weisheitshut angetan werden! Robert, dort gegen Mittag siehst du
einen Schrank aus reinem Gold. Gehe hin und hole ein Kleid und einen Hut! Denn
dies ist das wahre Kleid aller, die mit der Weisheit im gleichen Maße Liebe
paaren!“
[RB.01_128,07]
Robert eilt hin und bringt zum Erstaunen aller Gäste ein noch heller
strahlendes Kleid als das der Helena, sowie einen runden Hut, ungefähr in der
Form eines Kardinalshutes, der überaus stark leuchtet.
[RB.01_128,08]
Als Thomas das Kleid und den Hut sieht, sagt er bebend vor Freude: „Aber Vater,
Vater! So etwas soll mein sündigstes Wesen zieren? O Gott, o Du mein Jesus!
Nein, das ist für ewig zuviel! Ach dieser Glanz! Und das soll ich anziehen?“
[RB.01_128,09]
Rede Ich: „Ja, ob deines Mir wohlgefälligen Herzens mußt du es anziehen. Mache
nur geschwind, denn wir haben noch sehr viel zu tun!“ Thomas nimmt das Kleid
und den Hut, die sich im Augenblick des Ergreifens auch schon vollkommen auf
seinem Leib angepaßt befinden, worüber er schon wieder nicht genug staunen
kann.
[RB.01_128,10]
Als er nun neu bekleidet dasteht, sage Ich zu ihm: „Nun Bruder, du bist jetzt
vollendet und gesättigt mit Meiner Gnade, Liebe und Weisheit! Das Mahl hier ist
bereitet und es mangelt auch nicht an würdig gemachten Gästen. Aber, wie du es
ehedem selbst gewünscht hast – draußen im Vorsaal befinden sich bei 3000 noch
sehr arme Geister unter der Führung eines Generals, den du wohl kennst. Dieser
Mann hat ein gutes und verständiges Herz, und sein Wort ist von großer Wirkung
bei seiner Schar. Gehe du nun mit Bruder Dismas, den der General auf der Welt
sehr gut gekannt hat, hinaus in den Vorsaal und suche den biederen Mann für
Mich nach der Freiheit seines Herzens zu gewinnen und durch ihn auch die ganze
große Schar. Hast du deine erste Mission in diesem Reiche des wahren Lebens gut
ausgeführt, sollst du nach dem Mahle über Großes gesetzt werden. Denn Ich sage
dir: in Meinem Reich gibt es gar viele und von dir noch nie geahnte große
Anstellungen aller Art. Gehe daher nun schnell, an Dismas wirst du einen
überaus weisen Helfer haben.“
[RB.01_128,11]
Spricht Thomas: „O Du guter, heiliger Vater! Wie sehr doch sorgst Du für das
verlorene Schäflein, für den verlorenen Groschen und für den verlorenen Sohn!
Preis, Ruhm und alle Liebe und Anbetung Dir allein ewig!“
129. Kapitel –
Thomas und Dismas beim General und seinen Dreitausend. Aufklärung über Jesus
und den Heilsweg. Rede des Generals. Der Herr an der Tür des Lebenssaals.
[RB.01_129,01]
Nach diesen Worten nimmt Thomas den freundlichen Dismas bei der Hand und begibt
sich sogleich hinaus in den Vorsaal.
[RB.01_129,02]
Der General erstaunt, als er hinter Dismas den ihm bekannten Mönch Thomas in
leuchtender Kleidung und freundlichster Haltung erblickt. Er reicht sogleich
beiden die Hände und spricht: „Grüße euch, liebe Freunde! Tausendmal
willkommen! Aber Freund Thomas, wie seht Ihr aus? Ehedem, als meine Schar wider
meinen eigentlichen Willen die Hände an Euch legte, wegen des mißlungenen
Vaterunsers, der projektierten Messe und noch mancher nicht mehr zu erwähnender
Worte – da wart Ihr ja schwarz wie ein alter Mohr, und nun leuchtet Ihr wie eine
Sonne! Wie ist denn das zugegangen, daß Ihr zu so einer enormen Glorifizierung
gekommen seid? Habt Ihr das doch durchs Messelesen erhalten und durchs
lateinische Vaterunser? Habt Ihr damit etwa gar die Gottheit gefunden? O saget
mir, welchen Weg Ihr eingeschlagen habt, daß Ihr zu solch einem wahren Heil
gelangt seid?“
[RB.01_129,03]
Spricht Thomas: „Mein schätzbarster Freund! Versprich mir, ungezweifelt zu
glauben, was ich dir sagen werde – so sollst auch du mit dieser ganzen Schar
dich sogleich auf demselben Grund befinden, auf dem nun ich und dieser dir
wohlbekannte Bruder Dismas uns befinden!“
[RB.01_129,04]
Spricht der General: „Ich erkenne es aus eurem Leuchten, daß ihr euch auf dem
Boden der Wahrheit befindet. Die Lüge kann nicht leuchten, weil sie hohl und
nichts ist. So will ich euch auch aufs Wort glauben, was immer ihr mir sagt.
Ich brenne vor Begierde, aus eurem Mund eine leuchtende Wahrheit zu vernehmen!“
[RB.01_129,05]
Spricht Thomas: „Gut, so höre denn! – Jesus, der Gekreuzigte, ist nicht nur der
Sohn des lebendigen Gottes, sondern Gott, der Allmächtige Selbst, in aller
Fülle der urewigen Allkraft. Durch Ihn und in Ihm ist allein das Heil und das
wahre, ewige Leben zu finden. Wende dich samt der ganzen Schar an Ihn, und es
wird euch allen im Augenblick geholfen sein! Er ganz allein hat mir und diesem
Bruder geholfen, da Er endlos gut ist und niemanden richtet. Jedem aber gibt
Er, danach sein Herz sich sehnt. Wer guten Willens ist, dem wird ein Übermaß
des Guten zuteil aus seinem eigenen Willen. – Nun weißt du alles und kannst
tun, was du willst! Dein höchsteigener Wille wird dein Richter sein.“
[RB.01_129,06]
Spricht der General: „Was sagst denn du, Freund Dismas, dazu?“ – Spricht
Dismas: „Was der Bruder Thomas weise gesagt, das sage auch ich nach der Fülle
der Wahrheit!“
[RB.01_129,07]
Spricht der General: „Zwei solche Zeugen genügen! Und somit glaube ich euch
alles aufs Wort. Nun aber lasset mich auch einige Worte an diese schon ziemlich
geweckte Schar richten!“
[RB.01_129,08]
Darauf wendet sich der General zu der Menge und spricht: „Habt alle Achtung auf
das, was ich euch nun verkünde! Ihr alle habt es seit unserem traurigen
Hiersein nur zu tief empfunden, in welch unbeschreiblich unangenehmem Zustand
wir uns bisher befunden haben. Wir klagten und weinten, doch es kam uns kein
Tröster entgegen. Wir suchten – und fanden nichts. Wir fluchten, und es tat
sich kein Schlund auf, daß er uns verschlänge. Wir begannen dann auch zu beten,
so schlecht wir es zuwege bringen konnten. Aber auch das Beten schien uns im
Stich lassen zu wollen. Kurz, uns blieb am Ende nur noch die Verzweiflung
übrig. Ich tröstete euch wohl, so gut es mir möglich war. Aber was half das
alles, so sich der Tröster selbst bei weitem unglücklicher fühlen mußte!
[RB.01_129,09]
Als mich selbst nun schon alle Hoffnung zu verlassen anfing, da sandte die
Gottheit, die von uns lange verbannte und nicht geglaubte, zwei uns
wohlbekannte Retter! Diese verkünden uns die nahe Rettung durch die alleinige
Annahme der einzigen Gottheit Jesu Christi, des Gekreuzigten! Was hindert uns
hier, das treuherzig anzunehmen und fest zu glauben, was diese zwei
lichtumflossenen Freunde uns sagen? Schlechter als hier kann es uns wahrlich in
der barsten Hölle nicht ergehen! Wir haben durch gläubige Annahme des Vernommenen
begründete Hoffnung auf die mögliche Verbesserung unseres Loses, und das ist ja
schon etwas Bedeutendes gegenüber unserer nunmaligen Lage.
[RB.01_129,10]
Bedenket das von mir Gesagte und tut darnach! Schaden kann es uns keinen
bringen. Zudem übt an uns hauptsächlich jener Pater, denn ihr früher
hinausgeworfen habt, den Akt dieser Freundschaft aus. Der wird uns am wenigsten
belügen, da er ehedem lange genug das herbe Los mit uns geteilt hat. – Und so,
Freunde: Jesus Christus für unsere Herzen um jeden Preis! Hilft Der uns nicht,
sind wir verloren!“
[RB.01_129,11]
Die ganze Schar schreit: „Ja, ja, lieber General, wir alle sind ganz Ihrer
Meinung! Was Sie sagen und wollen, werden wir auch tun! Jesus Christus, der
helfe uns um jeden Preis, sonst sind wir verloren und hin!“
[RB.01_129,12]
Spricht der General zu Thomas: „Freund, ich meine, daß alle die weltlichen
Titulaturen hier für ewig zu Ende sein werden. Darum sage ich: liebster Freund
und Bruder! Du hast nun selbst vernommen, wie schnell diese ganze Schar sich
wie ein Mann für die allein gute Sache erklärte! Jesus ist ihr, wie mir selbst,
nun alles in allem! Was müssen wir zu erreichen trachten, um Jesus, dem Herrn
von Ewigkeit, etwas würdiger zu werden, als wir nun sind?“
[RB.01_129,13]
Spricht Thomas: „Es steht geschrieben: ,Wer an den Sohn Gottes glaubt, der wird
selig werden.‘ Ihr glaubet nun und werdet deshalb pur durch Seine Gnade selig!
Aber etwas geht euch noch ab, wie ich aus deinen Äußerungen entnehme, die noch
etwas lebenstrocken sind! Dieses Abgängige aber ist die Liebe zu Jesus, dem
Herrn! Öffnet Ihm euer Herz und laßt es in aller Liebe erbrennen zu Ihm. Er
wird euch Selbst dann wahrlich entgegenkommen, wird euch aufnehmen und
weiterführen! Denn Seine Güte und Liebe und Erbarmung hat ewig kein Ende!“
[RB.01_129,14]
Spricht der General: „Freund, wohl klingen unsere Worte etwas rauh, aber sie
kommen aus einem aufrichtigen Herzen. Und so kannst du versichert sein, daß
unsere Herzen dem Herrn Jesus sicher wärmer entgegenschlagen werden als die so
mancher Christen, die viel denken und erhaben sprechen, dabei aber sehr wenig
fühlen. Wir haben auch etwas Verstand, freilich nicht von feinster Bildung,
dafür aber desto mehr Herz auf der Zunge. Und ich meine, das wird dem Herrn der
Herrlichkeiten doch auch nicht unangenehm sein. Somit sei vollauf versichert,
daß wir in der Liebe zu Gott Jesus, dem Herrn, nicht schwächer sein werden als
in unserem kernfesten Glauben an Ihn! Sage, was geht uns noch ab?“
[RB.01_129,15]
Spricht nun Dismas: „Es geht euch allen nichts weiter ab. Daher sage der ganzen
Schar, sie möge ihre Augen auftun und auf die offenstehende Tür sehen, die aus
diesem Saale in den anstoßenden großen Lebenssaal führt. Dort steht Er schon
mit ausgebreiteten Armen, um euch alle aufzunehmen in das große Reich Seiner
Gnade und Erbarmung!“
[RB.01_129,16]
Hier wendet sich der General schnell nach der offenen Tür und sieht und erkennt
Mich sogleich. – Von größter Freude ergriffen, ruft er mit echter
Kommandantenstimme: „O Du Herr über alle Himmel und Welten! So, so endlos
herablassend kommst Du Erhabenster uns Elenden entgegen! O Du Heiliger,
Heiliger, Heiliger! – Brüder, hebet empor eure Augen und schauet! Gott, Jesus,
der für uns am Kreuz den Heldentod starb und am dritten Tag aus eigener Macht
wieder vom Tod erstand als ein Sieger aller Sieger, kommt uns entgegen! Fallet
nieder und betet Ihn an aus der tiefsten Tiefe eures Herzens! Saget lebendigst:
O unser heiligster Vater, der Du kommst aus Deinen Himmeln zu uns armen
Sündern, gepriesen und geheiligt werde Dein Name! Vergib uns unsere Sünden und
strafe uns nicht nach unseren schlechten Taten, sondern lasse uns Deine heilige
Gnade nach dem Maße Deiner Erbarmung anstatt des strengen Gerichtes angedeihen!
Dir, o Herr, sei ewig allein all unsere Liebe!“
130. Kapitel –
Die Schar vor dem Herrn. General Theowalds Lebensweg zu Gott. Geheimnis des
Erdendaseins im Jenseits beantwortet. Jesu Licht- und Lebensworte.
[RB.01_130,01]
Bei diesen Worten des Generals richtet alles die Augen nach der großen Saaltür
und fällt bei Meinem Anblick sogleich auf die Knie nieder. Alles betet, lobt
und preist Mich so gut es geht bei der völligen Unkultur der Seelen, die hier
einem noch sehr unverdorbenen Geiste zur Wohnung dienen und daher in diesem
Zustand mehr Gefühls- als Verstandesleben verraten. Ich belasse sie eine kurze
Weile in diesem erbaulichen Zustand, damit sie sich in ihrem Innern sammeln
können.
[RB.01_130,02]
Den General aber berufe Ich zu Mir. Er entschuldigt sich zwar mit seiner
Unwürdigkeit, Mir näher treten zu können. Ich aber verweise ihn auf den Zachäus
des Evangeliums, der ein großer Sünder war, in dessen Haus Ich aber dennoch
einkehrte, um mit ihm das Mahl zu halten.
[RB.01_130,03]
Auf diese Belehrung bekommt der General bald mehr Mut, nähert sich Mir mit
größter Ehrfurcht und spricht: „O Herr, vergib mir und uns allen unsere große
Dreistigkeit, daß wir es wagen, Deiner Heiligkeit ins Angesicht zu schauen!
Aber was können wir armen Geschöpfe dafür, daß das Verhältnis zwischen uns und
dem ewigen Schöpfer ein so entsetzlich armseliges ist? Wir alle sind vor Dir, o
Herr, ein vollkommenes Nichts, und Du allein bist alles in allem. Es ist schon
eine unglaubliche Seligkeit, daß ein Geschöpf nach dem Wegfall des Fleisches
zur Fähigkeit, Dich zu schauen, gelangen mag. Was soll ich hier wohl noch
Größeres wünschen können? O Gott, Du Erhabener! Welch eine Wonne durchströmt
hier mein ganzes Wesen, daß ich Dich endlich einmal sehe und die allmächtige
Stimme Deines Mundes vernehme!
[RB.01_130,04]
Wie oft fragte ich auf der Erde: ,Gibt es einen Gott oder keinen? So es einen
Gott gibt, wo ist Er, wie kann Er aussehen? Ist der jüdische Lehrer Jesus wohl
das, was die Legenden von Ihm aussagen? Er, ein Mensch wie unsereiner, soll
Gott sein? Gott, der den unendlichen Raum mit zahllosen Myriaden von Geschöpfen
und Wesen aller Art aus Sich Selbst erfüllt hat?‘ Aber auf alle diese wichtigen
Fragen bekam ich nimmer eine befriedigende Antwort. Denn der Himmel war
verschlossen und der Sterbliche fragte vergeblich nach dem ewig Lebendigen. Nur
irdisch sterbliche Menschen bemühten sich manchmal, mir eine andere Meinung von
Gott beizubringen. Sie erzählten mir Deine irdischen Wundertaten, die wie
Märchen klangen und daher auch viel zu schwach waren, meinem forschenden Geist
zu geben, wonach er forschte! Kurz, ich suchte und fand nichts! Ich klopfte
überall an, aber nirgends war jemand da, der zu mir der Wahrheit gemäß gesagt
hätte: ,Tritt herein, Freund, hier sollst du finden, was du suchst!‘
[RB.01_130,05]
So kam ich endlich um allen Glauben an einen Gott! Alles ward in meiner
Vorstellung ein Werk des Zufalls durch die stumm wirkenden Kräfte der Natur.
Und das warf mich dann in den Wirbel der Weltereignisse, in denen ich eben den
bösen Tod fand, der mir nun die Pforte zu diesem Leben öffnete. Und nun bin ich
hier und schaue ein anderes Leben – und schaue auch Dich, der Du allein mir das
Leben gabst! Das Reich des vielen Fragens ist zu Ende und in Dir, o Herr, steht
nun die lebendige Antwort vor mir! Ja, so ist es: das Erdenleben ist nichts als
eine große Frage, die erst hier beantwortet wird! – O ewigen Dank Dir, daß Du
des Wurmes im Staube gedenkest!“
[RB.01_130,06]
Rede Ich: „Mein lieber Theowald! Des Lebens Verhältnisse auf der Erde sind
andere, als die der geistigen, unvergänglichen Welt. Aber sie müssen so sein,
damit aus ihnen dieses wahre, vollkommene Leben werden kann. Freilich, wohl ist
ein jeder noch im Fleische lebende Mensch berufen, schon auf der Erde durch die
genaue Beobachtung Meines Wortes – das da hauptsächlich in den bekannten vier
Evangelien geschrieben steht – die Bahn zu brechen, um sich dieses vollkommenen
Lebens zu versichern. Aber da ein jeder Mensch, um ein ewig lebender Geist zu
werden, seinen freiesten Willen haben muß, so geschieht es besonders in dieser
Zeitenfolge nur zu häufig, daß sich die Menschen ihre Ohren von der
Sirenenstimme der Welt übertäuben und ihre Augen vom trügerischen Lichte des
Weltglanzes blenden lassen.
[RB.01_130,07]
So kommen dann solche Menschen auf der Welt schwer oder oft auch gar nicht
dahin, wozu sie berufen sind, sondern gerade dahin, wohin sie nicht kommen
sollten: zur Eigenliebe, Selbstsucht, Herrschlust, Habsucht, Geiz, Neid, Fraß,
Völlerei, Wollust, Unzucht und Hurerei! Diese Stücke aber verzehren das Leben
statt es zu mehren. So kommt es dann, daß es nach Ablegen des Fleisches vielen so
ergeht, wie es dir und deiner Schar erging. Sie müssen dann in dieser Welt sehr
verlassen werden von allem, was ihre rohen Sinne zu sehr beschäftigt hatte, und
müssen sehr elend werden, damit sich ihr Leben in solch geistiger Einöde und
Wüste wieder sammeln kann. Hat es sich gefunden, so wie das eurige nun, dann
kommt auch die Hilfe, die da vonnöten ist – aber doch so, daß sie nicht als
aufgedrungen, sondern als rein von den Bedürftigen selbst verlangt erscheint.
[RB.01_130,08]
Aus diesem Grunde sagte dir auch Mein Bote Thomas, daß dein Wille der alleinige
Richter und Geber von allem ist, was du willst, Gutes oder Schlechtes. Du
verlangtest aber darnach Gutes und verlangtest Mich Selbst – und siehe, so
steht nun vor dir wahr und lebendig, was du in deinem Herzen wolltest! Von nun
an wird dir Mein besonderer Wille kundgetan werden. Wirst du diesen zu deinem
eigenen machen, so wirst du leben ein wahres seligstes Leben! Gehe und künde
solches auch deiner Schar!“
[RB.01_130,09]
Der General Theowald tut solches sogleich. Und die ganze Schar nimmt alles
unbedingt wie ein Militärkommando an und fügt sich in allem, was der General
von ihr verlangt. Nachdem dieser seinen Auftrag bald und leicht ausgerichtet
hat, kommt er schnell wieder zurück und sagt: „Herr, Vater, Gott Jesus von
Ewigkeit! Es ist geschehen, was Du durch mich von der ganzen Schar verlangtest.
Dein heiligster Wille sei nun unser ewiges Gesetz! Da du sagtest, uns allen
erst jetzt Deinen besonderen Willen kundzutun, so bitten wir Dich,
liebevollster Vater, nun darum! Wir alle beteuern, daß wir von Deinem
vernommenen Willen in unserem eigenen Wollen und Handeln nie auch nur ein
Häkchen werden fallen lassen!“
[RB.01_130,10]
Rede Ich: „Nun, es macht Mir zwar rechte Freude, von euch allen wie aus einem
Munde das zu vernehmen. Aber dessenungeachtet solltet ihr euch doch ein wenig
prüfen, ob ihr wohl schon fähig seid, alles, was Ich will, in euern Herzen als
willkommen und dadurch erst vollkommen ausführbar anzunehmen!“
[RB.01_130,11]
Spricht Theowald: „O Herr, wer wohl kennt es besser als Du, wessen unsere
Herzen fähig sind! Daher überlassen wir dies alles für ewig Dir allein. Du
wirst uns sicher nicht mehr aufbürden, als wir zu tragen imstande sind. Daher
werde von uns auch nur erwogen, ob wir wohl als würdig angesehen werden, Deinen
besonderen Willen in unsere noch sehr unreinen Herzen aufzunehmen. Ich meine,
daß für uns alle zuvor noch eine ganz tüchtige Läuterung dazu vonnöten sein
wird!“
[RB.01_130,12]
Rede Ich: „Meine lieben Kinder! Ich muß euch offen bekennen, obschon ihr nahe
sämtlich Kinder der Welt seid, so seid ihr dennoch in vielem klüger als die
Kinder des Lichtes. Ihr habt euch dadurch so manches erspart, das ihr sonst
noch zu bestehen hättet. Aber weil ihr klugen Herzens seid und so viel Liebe und
Volltrauen zu Mir in eueren Gemütern aufkeimen lasset, so soll euch auch vieles
erlassen werden! Seid aber froh, daß ihr auf der Erde keine Diktatoren wart,
denn diese werden Mich in einem ganz anderen Gewande zu Gesicht bekommen! –
Erhebet euch nun alle und höret, was Ich zu euch sagen werde:
[RB.01_130,13]
Der Größte unter euch sei euer Diener und Knecht; und die gegenseitige,
tatsächliche Liebe sei euer aller Gesetz! – Thomas und Dismas seien eure
Lehrer, ihre Worte betrachtet als die Meinigen und tuet danach, so werdet ihr
fähig werden, völlig in Mein Reich einzugehen! Liebet sie als eure innigsten
Freunde und Brüder. Denn ihnen ist es von Mir gegeben, euch den wahren Weg in
das Reich des ewigen Lebens zu führen. Diese werden euch auch mit allem versehen,
was euch vorderhand not tut!“
131. Kapitel –
Das große Mahl. Der General und sein Freund Kernbeiß. Thomas dankt ihnen für
die frühere Kur. Blick auf die irdische Hölle.
[RB.01_131,01]
Nach diesen Worten trete Ich wieder aus der Tür und beordere Robert, mit Hilfe
der ehemaligen Tänzerinnen eine hinreichende Menge Brot und Wein an die beiden
Lehrer Thomas und Dismas auszufolgen, die dann diese Stärkungen an die neuen
Gäste verteilen sollen. Robert tut das sogleich, und als die Gäste draußen auf
diese Art zu solch einer Stärkung kommen, da hört man nichts als Jubel über
Jubel und Lob von allen Seiten. Die beiden Lehrer aber treten auf einen Wink
von Mir ebenfalls in den zweiten Saal, wo auch wir das bereitete Mahl
miteinander halten.
[RB.01_131,02]
Die neuen Gäste aber können sich nicht genug verwundern, wie es denn möglich
war, daß sie alle so schnell haben bedient werden können. Ein nächster Freund
des Generals Theowald spricht darob folgendes: „Lieber Freund, wie kommt es dir
vor, daß wir alle, sicher über dreitausend an der Zahl, von nur zwei Brüdern,
nämlich vom ehemaligen Mönche und dem uns bekannten Dismas, wie auf einen
Schlag mit Brot und Wein reichlichst versehen werden konnten? Ehedem brachte
nur, so ich mich nicht irre, der berüchtigte Robert Blum mit etwa ein paar
Dutzend gar verzweifelt schönen Maiden etliche Flaschen Wein und auch etliche
Laibe Brot. Ich dachte mir, als die beiden Brüder allein die Verteilung
übernahmen: Na, bis die zwei diese wenigen Flaschen und Laibe Brot an alle
mathematisch genau wie beim Militär ausgeteilt haben, da werden die ersten
schon wieder hungrig und durstig sein, bis die letzten zur Beteilung kommen
werden! – Aber es war ganz anders: Wie durch einen Zauberschlag hatte ein jeder
der ganzen Schar einen Becher voll Wein und ein respektables Stück
wohlschmeckendsten Himmelsbrotes in seinen Händen. Und die etwa dreißig
Flaschen Wein waren richtig geleert und vom Brot der letzte Laib bis auf die
letzte Brosame verteilt. – Nun sage, wie diese Sache auf einem halbwegs begreiflichen
Naturwege möglich war? Mir ist das ein Rätsel über alle Rätsel!“
[RB.01_131,03]
Spricht der General: „Du mein lieber Freund Johann von Kernbeiß, wie man dich
auf der Erde nannte, forschest schon wieder zuviel! Denke dir die göttliche
Weisheit und Allmacht hinzu, so wird dir so etwas ohne allen Anstand
begreiflich sein! Hast denn du auf der Erde alles begriffen, was du da gesehen
und erlebt hast? Wer spannte deine Lunge, wer machte dein Herz pochen und die
Pulse schwellen? Wer kochte in deinem Magen die Speisen? Wer machte, daß du
gewachsen bist? Wer baute die Augen und wer das Ohr? Und wie hat solcher Dinge
Meister das alles zuwege gebracht? Siehst du, all diesen und tausend anderen
Wundererscheinungen sahen wir schon auf der Erde täglich ins Angesicht! Aber da
wir schon von Jugend an uns an sie gewöhnt haben (so wie ans nicht viel
Denken!), so ist uns das wahrhaft Wunderbare all dieser Erscheinungen nie
aufgefallen und wir konnten gleichgültig darüber hinweggehen.
[RB.01_131,04]
Hier aber, wo wir nun aller Materie bar sind und unser Denkvermögen ungestörter
seine Tätigkeit auszuüben imstande ist, müssen uns freilich alle Erscheinungen
dieser Welt um so mehr in gerechtes Erstaunen setzen, je fähiger wir sind, das
wahrhaft Wunderbare schnell zu bemerken. Aber daß wir uns dabei unsere Köpfe
zerbrechen sollen, um die Möglichkeit solcher Dinge zu begreifen, wäre eine
barste Torheit. Ist es zu unserm ferneren Heile vonnöten, so werden uns unsere
zwei Lehrer schon belehren. Ist aber solch eine Belehrung nicht absolut nötig,
so ist's genug, daß wir wissen, daß einem allmächtigen Gott alle Dinge möglich
sind. Denn siehe, ich halte alles für ein unerforschliches Wunder!
[RB.01_131,05]
Gott, der Herr, hat uns allen aus Seiner Erbarmung wunderbar des besten Brotes
und Weins zukommen lassen, und wir haben uns daran zur Übergenüge gesättigt.
Was brauchen wir nun noch dazu zu wissen, wie Er das so wunderbar angestellt
hat? Danken wir dafür dem allgütigen Geber, so werden wir Ihm auch sicher
wohlgefälliger sein, als so wir Ihn mit der Weisheit aller Engel erforschen und
zergliedern möchten!“
[RB.01_131,06]
Spricht Johann Kernbeiß: „Du hast recht, und ich bin ganz deiner Meinung! Aber
überraschend wunderbar bleibt die Sache dennoch immer.“ – Spricht der General:
„Allerdings, das wird auch kein Engel in Abrede stellen. Aber wir sind nicht
da, um sie zu erforschen, sondern nur um sie zu bewundern und dankbar zu
genießen!“
[RB.01_131,07]
Spricht Johann Kernbeiß: „Du bist demnach nicht für irgendeinen geistigen
Fortschritt?“ – Spricht der General: „O Freund, da irrst du, daß ich darob
wider einen geistigen Fortschritt wäre, weil ich mich in keine zwecklose
Untersuchung wunderbarer Erscheinungen einlassen will. Oh, ich liebe nichts so
sehr wie geistige Vollkommenheit! Warte nur ein wenig, bis unsere zwei Lehrer
wieder zu uns kommen, die werden dir sicher mehr darüber sagen können als ich.
So ich dir aber mehr sagen möchte, als ich weiß, da wäre ich entweder ein
eitler Narr oder ein lügenhafter Großsprecher.
[RB.01_131,08]
Da sieh, die beiden kommen schon. Der eine schlicht und ohne vielen Glanz, das
ist der Dismas – und Thomas mit einem wahren Sonnenlicht! Ich werde dich ihnen
sogleich als einen sehnsüchtigen Forscher in der Weisheit Gottes vorführen, so
es dir genehm ist.“
[RB.01_131,09]
Spricht Johann Kernbeiß: „Ich bitte dich, tue das nicht, denn unsere
Besprechung soll ganz unter uns bleiben. Was braucht da die ganze himmlische
Gesellschaft davon in Kenntnis gesetzt zu werden? Die beiden würden kuriose
Augen machen, so ich ihnen mit einer solchen Frage käme. Daher sei davon lieber
ganz still! Ich bin nun vollkommen deiner Meinung und werde auch bei ihr
verbleiben!“
[RB.01_131,10]
Thomas und Dismas treten nun wieder in diesen ersten Saal zu der großen Schar.
Und General Theowald in Gesellschaft seines Freundes Kernbeiß treten ihnen
freundlich entgegen und sprechen im Namen der ganzen Schar den Dank gegen den
Herrn der Herrlichkeit für solch eine kostbarste Bewirtung aus. Kernbeiß
bemerkt noch insbesondere, wie das alles so wunderbar schnell vor sich gegangen
sei.
[RB.01_131,11]
Der Mönch Thomas aber erwidert, daß er seine gegenwärtige geistige Vollendung
nächst dem Herrn hauptsächlich der kräftigen Zurechtweisung von seiten des
Generals und nach ihm der gesamten Schar zu verdanken habe, die ihm den guten
Dienst erwies, daß sie ihn wegen seiner großen Dummheit hinauswarf. Darauf sagt
Kernbeiß: „Liebster Freund, davon rede nichts mehr, denn ich war auch einer von
denen, die dich hinausgeschoben haben. Aber was einmal geschehen ist, das kann
man leider nicht mehr ungeschehen machen. Mich hat es schon tausendmal gereut.
Aber der Mensch kommt manchmal in eine solche Hitze, wo er sich selbst nicht
mehr kennt. Leider findet es auch sogar unter den sonst besten Menschen statt.
Aber ich meine, so die Menschengeister dann ihre gegenseitigen Fehltritte
aneinander so viel als immer möglich wiedergutmachen, sich gegenseitig um
Vergebung bitten und die Hände der Freundschaft zum Bunde reichen, wird auch
der liebe Vater der Himmel dazu kein gar zu zorniges Gesicht machen!“
[RB.01_131,12]
Spricht Thomas: „Ganz natürlich! So die Menschen untereinander in der Ordnung
sind, dann sind sie es auch vor Gott! Denn Gott der Herr will ja von den
Menschen nichts anderes, als daß sich keiner über den andern erhebe und keiner
des andern Richter sei. Wir beide haben ohnehin nie etwas gegeneinander gehabt
und uns daher auch nichts zu verzeihen. Daß du mich aber hier in dieser
Geisterwelt ein wenig hinauswerfen halfst, hat auf unsere irdische
Freundschaftsordnung ohnehin nicht den geringsten Bezug. Dies um so weniger,
als du mir dadurch einen besten Dienst geleistet hast. Ohne dieses Geschehnis
wäre ich vielleicht noch bis jetzt in meiner mönchischen Dummheit
steckengeblieben, während ich nun die an euch schon begangenen Dummheiten durch
die Gnade des Herrn vielfach wiedergutmachen kann.
[RB.01_131,13]
Wieviel Dummes habe ich euch auf der Erde vorgeschwatzt, so daß sogar hier noch
einige von einer Dummheit, die ich euch als Priester vormachte, befangen sind.
Aber alles dieses wird hier von mir an euch wiedergutgemacht werden. Dummheiten
sollen vernichtet werden, und an ihre Stelle sollen, so viel es in meinen
Kräften steht, weise Belehrungen treten. Der aber, der mir dieses rein
himmlische Amt gegeben hat, stärke euch und mich zu diesem Zweck!
[RB.01_131,14]
Durch die Gnade des Herrn wurde mir das Vermögen erteilt, daß ich sehen kann,
was nun auf der Erde und namentlich in unserem irdischen Vaterland geschieht.
Auch ihr werdet bald Kunde von einigen hier eintreffenden neuen Ankömmlingen
erhalten. Ich sage es euch: Die Großen, die schon sehr klein waren, haben am
Blut ihrer Brüder eine gute Mast gefunden und sind wieder fett und stark
geworden. Statt dem Herrn zu danken für den Sieg über ihre vermeinten
armseligen Feinde, wissen sie nun vor Stolz, Hochmut und Rache nicht, was sie
tun sollen. Der Satan schiebt ihnen die ganze Hölle auf die Schaubühne der
Weltpolitik unter die Füße. Und sie ergreifen die Hölle und wirtschaften nach
deren Prinzipien.
[RB.01_131,15]
,Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Verdammet niemanden, auf
daß ihr nicht verdammt werdet! Seid barmherzig, so werdet ihr auch
Barmherzigkeit finden!‘ Das sind des Herrn ernsteste Mahnungen, die Er den
Menschen auf der Erde gab. Aber trotz all dieser ernsten göttlichen Gesetze tun
die Mächtiggewordenen mit ihren Brüdern nun, was sie wollen. Sie richten,
verdammen und töten nun nach ihrem Wohlgefallen, da sie im Besitz der äußern
Macht sind. Von solchen in der jüngsten Zeit grausam Ermordeten werden nun bald
mehrere hier anlangen und werden ein großes Klagegeschrei anfangen. Diese müßt
ihr sogleich zu euch nehmen und sie trösten und beruhigen, so werdet ihr ein
erstes himmlisches Werk verrichten!“
132. Kapitel –
Eine Schar Hingerichteter kommt an. Der Führer gibt ihre Geschichte kund.
Philosophie der Gott- und Lieblosigkeit.
[RB.01_132,01]
Als Thomas kaum seine Belehrung beendet hatte, wird von draußen her schon ein
mächtiges Schreien und Heulen vernommen. Thomas ermahnt die Schar zur
Aufmerksamkeit und sagt: „Wie ihr nun vernehmt, so geht schon in die Erfüllung,
was ich soeben durch die Gnade des Herrn verkündigt habe. Eine schrecklich
zerstörte Schar naht sich diesem Hause. Die da kommen, müssen sehr bedrängt und
im höchsten Grade beleidigt worden sein. Es sind Seelen unbarmherzig
Hingerichteter; sie kommen näher und näher. Nun stille, Freunde! Sie eilen
schon durch die große Gartenstraße herein! – Ein Mann, ganz düsteren Aussehens,
in eine schwarze Samtbluse gehüllt, das Haupt mit einem blauen goldgestickten
Käppchen geschmückt, schreitet beinahe wie ein Betrunkener voran und etliche
dreißig folgen ihm. Hinter ihnen bemerke ich etwas wie Flammen. Oh, das sieht
ganz entsetzlich aus! Aber nun stille!“
[RB.01_132,02]
Der düstere Führer macht halt, wendet sich um, mustert seine Gesellschaft und
spricht zu ihr: „Da sind wir nun voll des höchsten Elends und Jammers! O meine
arme Gattin! Dein Schatten in Gestalt rachesprühender Flammen eilt vergeblich
dem schändlich gemordeten Gatten nach. Es hat sich die ganze Hölle wider ihn
verschworen, um ihn ewig nimmer auszulassen. – O meine lieben Freunde, ihr
heult umsonst in dieser finsteren Qualwelt. Eine übergeraume Zeit flohen und
schrien wir schon, aber von keiner Seite her kommt uns Hilfe oder Trost
entgegen! Es gibt keinen Gott und keine Vergeltung. Ihr schreit umsonst um
Rache gegen unsere Mörder! Denn gäbe es einen gerechten Gott, so könnte er doch
unmöglich zulassen, daß auf der verfluchten Satanserde von elendsten Menschen
gegen andere Elende solche Greuel verübt werden!
[RB.01_132,03]
Was taten wir denn, das des Todes würdig wäre? Wir wollten nur, was uns unser
Kaiser und König versprach. Und weil wir das wollten und das Gegebene von heute
auf morgen nicht gleich fahren lassen konnten, so fragten wir und wurden
dadurch zu Rebellen und Hochverrätern erklärt. Wir wehrten uns gegen eine
solche Zumutung moralisch und auch physisch. Da zog man gegen uns zu Felde mit
der Macht zweier Kaiser und hätte uns nicht besiegt, wenn man nicht alle
erdenklichen Mittel aufgeboten hätte. Wir ergaben uns nicht auf Gnade und
Ungnade, sondern gegen eine von Rußland garantierte Amnestie. Und da – als
Staatsverbrecher Hingeschlachtete haben wir sie nun!
[RB.01_132,04] O
du verfluchte Erde mit all deinen Menschen! Wer auf diesem Satansboden reich,
mächtig und grausam genug sein kann, hat auch das volle Recht für sich. Er kann
alle als Verbrecher hinmorden lassen, die sein Gewaltrecht nicht als
wirkliches, die Menschheit wahrhaft beglückendes Recht annehmen wollen. – Sie
wußten, wie man den Boden bearbeiten muß, um sich Glückseligkeit zu schaffen
auf Kosten von Millionen von armen Grasfressern. Hätten wir das schon lange
getan, so wären wir im selben Recht. Aber sie sind uns zuvorgekommen und haben
nun auch alles Recht für sich.
[RB.01_132,05]
Jede Grausamkeit ist ihnen recht, weil sie diese als Recht bestimmen und von
niemandem zur Verantwortung gezogen werden können. Nur der Reiche und zugleich
Mächtige hat allein das Recht zu leben und alles zu besitzen, wessen immer er
sich durch seine überwiegende Macht bemächtigen kann. Glaubt ihr nun etwa noch
an einen Gott und an eine Vergeltung?“
[RB.01_132,06]
Schreien alle anderen: „Nein, nein, wir glauben es nimmer! Du hast recht
geredet, so ist es! Eine Hölle gibt es, und zwar auf der Welt! Aber einen guten
und gerechten Gott gibt es ewig nimmer! Denn gäbe es einen, müßte er die
verfluchte Erde ja schon lange zu allen Teufeln gerichtet haben. Aber da es
keinen Gott gibt, ist und bleibt die Erde ein Thron der Hölle! So ist es, so
ist es!“
[RB.01_132,07]
Spricht ein anderer aus dieser neu angekommenen Gesellschaft: „Herr Graf, Sie
haben recht! Ich bin ganz Ihrer Meinung – bis auf das, daß es keinen Gott gebe!
Aber daß dieser Gott als das schaffende Prinzip sich um den Staub dieser Erde
ebensowenig kümmert, wie wir uns je gesorgt haben um ein Schweißtröpfchen,
können wir mit Sicherheit annehmen. Ein Krieg unter den Menschen auf der Erde
ist vor den Augen der wahren Gottheit bei weitem etwas Geringeres als für den
Kaiser von China der Infusionstierchen-Krieg in einem Tautropfen! Daher haben
sie recht gehabt, daß sie uns gemordet haben. Denn sie wußten, wie man den
Satansboden bearbeiten muß, um sich da eine Glückseligkeit bereiten zu können!
[RB.01_132,08]
Wahrlich, Diebe, Straßenräuber und Mörder sind eigentlich die gescheitesten
Menschen auf der Erde, denn sie wissen den Wert der Dinge, der Menschen und
ihres Lebens am besten zu taxieren. Gott liegt nichts am Leben von Milliarden
Menschen. Ob sie sich alle totschlagen oder ob hie und da noch einige
übrigbleiben, ist bei Gott eine Leberwurst. Daher dürfen wir aber auch fürder
nicht so dumm sein, wie wir bis jetzt waren. Wir schließen einen Bund, und was
uns nur unterkommt, muß ohne Rücksicht niedergemacht werden!“
[RB.01_132,09]
Spricht ein dritter: „Ich meine, ein bißchen Rücksicht sollten wir gegen
gewisse Individuen doch nehmen – z.B. gegen unsere Eltern, Weiber, Brüder,
Schwestern und Kinder und noch gegen einen guten Freund.“
[RB.01_132,10]
Spricht der zweite: „Was da Rücksicht! Die Rücksicht ist nichts als eine
Feigheit gegen andere, die man besseren Gewinns halber noch etwas länger leben
läßt. Oder man hält sie in der eigenbewußten Schwäche für mächtiger als sich
selbst. – Eltern? Hohngelächter der Hölle! Das sind die ersten Tyrannen der
Kinder! – Das Weib? Nun, so es noch jung und üppig ist, das kann man schonen!
Aber wird es einmal alt und häßlich, dann keine Schonung mehr, da es dann
niemandem mehr zum Vergnügen dienen kann! – Kinder als artige Spielpuppen lasse
ich mir auch gefallen, obschon ich diejenigen Völker der Erde für weiser halte,
die ihre üppigsten Kinder schlachten und fressen, weil sie ein besseres Fleisch
haben als die mageren. Sind sie aber einmal groß, dann auch mit diesen
Blutegeln ihrer Eltern keine Rücksicht mehr! – Brüder und Schwestern und
sonstige Freunde sind schon auf Erden die lästigsten Nebenmenschen und werden
es hier um so mehr sein. Daher schon gar keine Rücksicht mit ihnen! Hätten die
Menschen auf der Erde die Einsicht, wie ich nun hier, so würde der Erstgeborene
sich dieser lästigen Nebenbuhler schon zu entledigen gewußt haben. Aber was auf
der dummen Erde Mensch heißt, ist bis auf wenige raffinierte Spitzbuben rein Vieh
und noch dümmer. So kommt es dann, daß einer dem andern zur Last leben bleibt,
bis er erschlagen wird von einem Pfiffigeren oder am alten Gift der Luft
krepiert! Daher keine Schonung und Rücksicht mehr mit jemandem!“
133. Kapitel –
Der Graf und der Rücksichtslose. Beider Lebensgeschichte. Ihre einmütige,
finstere Gottesverkennung. Der stolze Königsthronbewerber und sein klägliches
Ende.
[RB.01_133,01]
Spricht der Graf: „Freund, du gehst mit deiner Rücksichtslosigkeit denn doch zu
weit! Dadurch verurteilst du auch dich selbst. Wird es dir recht sein, so man
sich nach deinen Grundsätzen auch deiner entledigen würde?“ – Spricht der
Rücksichtslose: „Das gilt einem wie dem andern! So jemand sich meiner zu seinem
Vorteil entledigen kann, würde ich ihn selbst einen Esel nennen, so er's nicht
täte!“
[RB.01_133,02]
Spricht der Graf: „Du nähmest also auch gegen mich keine Rücksicht?“ – Spricht
der Rücksichtslose: „So ich daraus Vorteil hätte, allerdings! Der Herr Graf
haben doch unseren irdischen Mördern selbst recht gegeben, daß sie sich unser
entledigten, weil sie uns ihren Zwecken nicht dienlich ansahen. Können Sie mir
da Unrecht geben, so ich ganz so denke wie Sie, Herr Graf?“
[RB.01_133,03]
Spricht der Graf: „Ja, so – ist es um diese Zeit? Du bist auch einer, der mich
fangen will. Aber es soll dir nicht gelingen, denn ich weiß nun schon, was ich
zu tun habe!“
[RB.01_133,04]
Spricht der Rücksichtslose: „Was werden und was können Sie tun? Ich sage offen,
daß Sie nun ebensoviel tun können wie in Ihrer letzten Erdlebenszeit, wo Sie
ebenso wie ich dem Henker hinaus zum Galgen folgen mußten. Geflucht haben wir
alle bis zum Ekel, aber es hat nichts genützt. Alle tausend Teufel haben wir
angerufen, und es ließ sich keiner sehen. Was haben wir kräftigst Gott, Tod, Teufel,
Himmel, Erde, Sonne, Mond und Hölle verflucht; aber die wollen sich zu unserem
Ärger auch nichts daraus machen. – Was können Sie also noch tun? Wollen Sie
etwa gar zu beten anfangen?“
[RB.01_133,05]
Spricht der Graf: „Ja, gerade das will ich tun, um dich dadurch wenigstens bis
zum Totwerden zu ärgern!“ – Spricht der Rücksichtslose: „O nur zu, Herr Graf,
meine Lachmuskeln sind schon in der vollsten Spannung! Aber sagen Sie mir, zu
wem werden Sie beten? Zu einem unendlich großen Gott, der Ihre Stimme geradeso
vernehmen wird wie Sie die Stimmen jener kleinen Wesen, die zu Trillionen in
einem Tautropfen wohnen. Oder zu einem unendlich kleinen Götterl, dessen Ohren
für Ihre Riesenstimme doch ein bißchen zu klein sein dürften? Oder werden Sie
etwa gar ein andächtiges Gebetlein zum allerheiligsten Herzen Jesu und Mariä
und daneben auch zum heiligen Joseph anstimmen?“
[RB.01_133,06]
Spricht der Graf ganz zornig: „Jetzt halte das Maul oder ich reiße es dir
auseinander, du verfluchter Galgenstrick! Nun nimmt sich diese gemeine Canaille
die Frechheit, mich ersten Kavalier von ganz Ungarn zu hänseln! Der Teufel hole
dich, du schlechtes Hundsluder! So ich beten will, werde ich's tun und werde es
wohl so einer schlechten Canaille nicht auf die Schweinsnase binden! Schau Er,
daß Er mir aus den Augen kommt, sonst soll Er die Kraft meiner Kavaliersarme
fühlen!“
[RB.01_133,07]
Spricht der Rücksichtslose: „Herr Graf, was Sie doch für ein sonderbarer Mensch
sind! Wie Sie auf der Erde waren, so sind Sie es auch hier. Ich habe nun zu
Ihnen nichts anderes geredet, als was ich von Ihnen selbst aufgenommen habe.
Und das ärgert Sie nun bis zum Zerbersten! Wann haben denn Sie, lieber Herr
Graf, je an einen Gott geglaubt? Ihr Gott war der unendliche Raum und die
unendliche Zeit. Haben Sie sich nicht oft selbst bis zum Speien geärgert, so
Sie eines Kruzifixes oder eines Marienbildes ansichtig wurden? Oder sind Sie
nicht ein Feind des edlen Kossut geworden, weil er für Sie ein religiöser
Schwärmer war und nicht selten ernstlich Gottes Christi Hilfe anrief! Haben Sie
auf der Welt je nur ein Vaterunser gebetet? Und Sie wollen jetzt beten! Ich
frage Sie: Wie, was und zu wem denn?“
[RB.01_133,08]
Spricht der Graf noch voll Zorn: „Das geht Ihn einen Teufel was an! Kann ich
denn auf der Welt in meinem Innern nicht ein ganz anderer Mensch gewesen sein,
als wie ich mich nach außen hin zeigte?“
[RB.01_133,09]
Spricht der Rücksichtslose: „Wird schwer halten, Herr Graf! Ich werde es Ihnen
genau sagen: Sehen Sie, nach innen waren Sie ein Freund des reizenden
Venusfleisches, und nach außen waren Sie ein Kavalier und wären lieber selbst
König von ganz Ungarn geworden. Christus war bei Ihnen eine lausige Fabel der
Schwaben, aus dem Judentum aufgegriffen! Und eine andere Gottheit – ein
Hirngespinst irgendeines philosophischen Schluckers! – Und Sie sagen, daß Sie
innerlich ein ganz anderer Mensch gewesen wären? Ich bitte Sie, lügen sich der
Herr Graf doch nicht selbst an! Sie und beten! Das sind zwei konträre Pole, die
sich schwer je berühren werden! Verstehen Sie mich nun?“
[RB.01_133,10]
Spricht der Graf: „Sage Er mir jetzt nur, wer Ihm denn eigentlich das Recht
gibt, mit mir so zu reden, als ob wir miteinander Schweine gehütet hätten?
Glaubt Er denn, ein Graf Bathianyi wird sich das länger von Ihm gefallen
lassen? Oder meint Er etwa, daß ich dadurch, weil ich in der letzten Zeit in
den Reihen der gemeinen Husaren stritt, mit Ihm schon im gleichen Rang mich
befinde? Oh, da irrt Er sich gewaltig! Ich sage Ihm, so Er sein loses Maul
nicht bald zur Ruhe bringen wird, soll Er bald erfahren, welch ein Unterschied
zwischen mir und Ihm obwaltet! Daher nun kein Wort mehr! Nehme Er sich ein
Beispiel an unseren anderen zweiunddreißig Leidensgefährten! Alle sind still
und ruhig und betrauern in mir ihren künftig werden sollenden besten König, nur
Er nimmt sich eine Frechheit heraus und will mich hänseln, weil ich nun hilflos
dastehe. Lasse Er Ihm aber ehestens diesen Appetit vergehen, sonst könnte er
Ihm teuer zu stehen kommen!“
[RB.01_133,11]
Spricht der Rücksichtslose: „Herr Graf! Unsere Waffen in dieser Dunstwelt
bestehen nur in der Zunge und mitunter auch in den Händen und Füßen. Was die
Zunge betrifft, da werden Sie mit mir nicht leicht aufkommen. Ebenso mit den
Händen nicht, denn ich habe in England das Boxen gelernt. Aber beim Gebrauch
der Füße dürften Sie mir sehr bedeutend überlegen sein, denn von Fersengeld
habe ich nie einen Gebrauch gemacht.“
[RB.01_133,12]
Der Graf wendet sich nun ab und spricht zu einem anderen: „Freund, was sagst
denn du zu dieser enormen Frechheit dieses gemeinsten Husaren? Sage mir doch,
ob du diesen Kerl von der Welt her etwa näher kennst? Ich weiß nur, daß ich ihn
einigemale unter den gemeinsten Soldaten gesehen habe. Wo er aber her ist und
was er früher war, ist mir völlig unbekannt.“
[RB.01_133,13]
Spricht der Angeredete: „Meines Wissens war er einmal ein Mönch im Franziskaner-Orden
und stand in dem etwas unangenehmen Geruch eines sogenannten Hellsehers. Er
sagte öfters verschiedene empörende Dinge über den Orden selbst aus und nahm
durchaus keine Zurechtweisung an. Und wollten sie ihn deshalb hinter Schloß und
Riegel bringen, so prügelte er als ein unbändig starker Kerl das ganze Konvent
durch. Als er aber mit der Weile doch solchen Neckens überdrüssig wurde, packte
er eines Tages alle seine Ordensfaxereien zusammen, verbarg sie an einem Ort,
verließ darauf mit einigen mitgenommenen Klostergeldern sein Konvent und ließ
sich beim nächstbesten Honvedbataillon anwerben. Er focht allenthalben wie ein
Löwe, weshalb er auch mit uns als ein Kommandant ins Gras beißen mußte. Das ist
alles, was ich von ihm weiß.“
[RB.01_133,14]
Spricht der Graf: „Schau, schau, jetzt ist es mir erst leid, daß ich den
Menschen etwas zu hart angegangen bin. Wenn er ehedem als Mönch um so viel
weiser war als seine Ordenskollegen, deren Verstand so vernagelt war, daß er
sie geprügelt hat, gehört er offenbar den besseren Menschen an. Ah, mit dem muß
ich sogleich wieder freundschaftlich anknüpfen!“ – Der Graf wendet sich darauf
wieder an den Rücksichtslosen und spricht: „Geschätztester Freund! Sie müssen
es mir schon zugute halten, so ich ehedem ein bißchen zu unhöflich mit Ihnen
umgegangen bin, aber ich wußte ja nicht, wer Sie eigentlich waren. Da ich nun
aber durch diesen Freund erfahren habe, wer Sie auf der Welt waren, bekommt nun
freilich alles ein ganz anderes Gesicht! Also Sie sind der Riese Goliath, der seinem
Orden aus innerer Überzeugung den Rücken kehrte und darauf mit starker Hand das
Schwert zur möglichen Rettung des Vaterlandes ergriff?“
[RB.01_133,15]
Spricht der Rücksichtslose: „Ja, lieber Herr Graf, der bin ich! Ich opferte
mich zum Besten der Menschheit, deren schwere Sklavenketten mir unausstehlich
lästig wurden. Jedoch wir haben gesät, andere aber werden ernten. So war es
stets in der dummen Welt und so wird es auch bleiben! Wir haben den Weinberg
bearbeitet, und unsere Ernte war Blut und Tod! Den Rebensaft aber werden die
auskeltern, die nach uns kommen werden. Schönes Los der großen Menschen! Sie
sind verdammt, für das Fortkommen der Schmeißfliegen vorzuarbeiten. Kommt dann
die Zeit der Ernte, so fallen ganze Schwärme über die großen Menschen her,
bringen sie um und bemächtigen sich so der schönen Ernte. Wie gefällt Ihnen
diese göttlich weise Einrichtung der Welt und ihre naturrechtlichen
Lebensverhältnisse?“
[RB.01_133,16]
Spricht der Graf: „Darüber ist wahrhaft besser zu schweigen als zu reden. Diese
Einrichtung ist sogar für den Zufall zu schlecht, geschweige für irgendein
allweises höchstes Wesen! Die Gottheit scheint, so sie irgend ist, nicht die
leiseste Notiz von ihren Werken zu nehmen. Es genügt ihr wahrscheinlich als
eine Art Spielerei, Wesen und Menschen bloß zu erschaffen. Sind sie einmal da,
sorgt die liebe Gottheit wieder dafür, daß sie so bald als möglich hingerichtet
werden. Damit das desto leichter geschehen kann, läßt sie die sonst harmlose
Menschheit von der schändlichsten Selbst- und Herrschsucht beseelen. Durch
diese Höllengier getrieben, wird ein Bruder dem andern zur Hyäne und von nimmer
zu löschendem Blutdurst erfüllt. Oh, das ist schändlich: ein scheußliches Spiel
mit dem Leben einer sich selbst bewußten Menschenpuppe! Welch einen Ersatz kann
die Gottheit auch einem Menschen bieten, der wie ich schändlich eines Todes
gestorben ist, wie die Weltgeschichte etwas Ähnliches kaum aufweisen dürfte.
[RB.01_133,17]
Denken Sie einen ersten Grafen von ganz Ungarn! Dieser wird durch ein paar
kaiserliche Soldatenrichterlein zum Galgentode verdammt und sogleich ohne
Umstände auf den Richtplatz geschleppt. Da macht er in der größten Verzweiflung
einen Selbstmordversuch, der ihm aber mißlingt. Das zusehende Volk, vom Mitleid
übermannt, fängt laut zu fluchen an und verlangt Aufschub meiner Hinrichtung.
Da geben die Exekutoren wegen der Halswunde nach, und der Graf wird ins Spital
zurückgebracht. Der Graf war der festen Hoffnung, nun vom Kaiser eine Amnestie
zu erlangen. Da kommt gegen Abend ein Auditor, weckt den Grafen aus einem
Ohnmachtsschlaf und verliest ihm ein zweites Todesurteil, das sogleich in
Vollzug gesetzt werden müsse. Der Graf, wie von tausend Blitzen gerührt, sinkt
zusammen, so daß man ihn laben muß. Als er wieder zu sich kommt, wird er
sogleich von den Schergen ergriffen und abermals zur Richtstätte hinausgeführt,
wo er von mehreren Jägern wie ein Hund erschossen und dann einer Schindmähre
gleich begraben wurde. Und dieser Graf bin ich, was Ihnen ohnehin bekannt sein
dürfte. Und sehen Sie, das heißt man Gerechtigkeit!
[RB.01_133,18]
Dennoch kann ich mich nun nicht mehr so ärgern über die bestialische
Grausamkeit der Menschen. Denn sie scheinen mir doch mehr stumme Werkzeuge
einer unsichtbaren Macht zu sein, als daß sie so etwas aus höchsteigenem Willen
tun würden. – Darum bat auch der in vielen Stücken sehr weise Lehrer aus
Nazareth bei der Hinrichtung seinen vermeintlichen Gott Vater für seine Mörder
um Vergebung, da er sicher der Meinung war, daß die Natur der Menschen denn
doch nicht so böse sein könne. Und derselben Meinung bin auch ich.
[RB.01_133,19]
Aber die eigentliche Gottheit oder Satan, das allmächtige Wesen sitzt behaglich
in irgendeinem unzugänglichen Zentrum, spendet seinen giftigsten Odem allen
Weltkörpern und ergötzt sich dann an den zahllosen von ihm selbst zubereiteten
Mordspektakeln. Daß da die armen Schauspieler auf das entsetzlichste gepeinigt
werden, kümmert die große Gottheit wenig! Also diese schändliche Gottheit
möchte ich kennen, zugleich aber auch Macht haben, sie zu verderben!“
[RB.01_133,20]
Spricht der Rücksichtslose: „Sie haben ganz recht, nun taugen wir erst
füreinander! Aber hören Sie, ich vernehme Menschenstimmen in der Nähe! Daher
nun Ruhe, vielleicht hören wir etwas zu unserem Trost.“
134. Kapitel –
Trost der Hingerichteten ist zunächst die Rachsucht. Wirkung der fremden
Stimmen. Not lehrt beten. Die Heilsstimme.
[RB.01_134,01]
Spricht der Graf: „Was Trost, wer sollte uns trösten können? – Eine rechte
Vergeltung denen, die uns ohne erweisbaren Grund haben ermorden lassen, wäre
der einzige Trost für mich und für euch alle! Jeder andere Trost ist mir ein
Greuel. Glauben Sie, daß mich ein Gott mit tausend Himmeln schadlos halten
könnte gegen das, was ich verloren habe: mein Weib, meine Ehre und mein großes
Vermögen? Wohl weiß ich, daß ich mit der Zeit auch so alles hätte verlassen
müssen, aber mein Name wäre glänzend wie die Sonne auf die spätesten Zeiten
gekommen. So aber wird mein Name in der Welt erlöschen und schadenfrohe
Weltrichter werden ihn in der späteren Zeitfolge unter den Galgenstricken
gezeichnet finden. Also Vergeltung, unerbittlichste Rache! Weg daher mit allem,
was nur den leisesten Geruch nach einer Gottheit oder sonstiger engelhafter
Vermittlung verspüren läßt! – Vor allem muß unsere Ehre auf der Erde vollkommen
wiederhergestellt sein und unsere Mörder müssen höllisch gerichtet werden! Dann
erst wollen wir von irgendeiner Versöhnung vor dem Tribunal aller Teufel zu
reden anfangen!“
[RB.01_134,02]
Spricht der Rücksichtslose: „Lieber Herr Graf, Sie sind in einen zu starken
Affekt geraten und können daher diese Sache auch nicht mit gehöriger Ruhe und
Würdigung betrachten. Sehen Sie, ich, der ich doch sicher rücksichtslos streng
urteile, denke über den Punkt der Wiederherstellung unserer eingebüßten Ehre
ganz anders. Welche Ehre soll uns denn das sein, bei solch einer Schandwelt in
Ehren zu stehen? Ich sage Ihnen, diese Weltochsen hätten uns ja keine größere
Ehre antun können als auf die Art, wie sie mit uns verfahren sind. Wäre es denn
eine Ehre, von solchen gemeinen Schandbestien geehrt zu sein? Bei Gott, dieser
Wunsch sei für ewig ferne meinem Herzen!
[RB.01_134,03]
Wo wäre der Name des edlen Blum, so ihm das Rindvieh von einem Fürsten
Windischgrätz nicht durch Pulver und Blei den Weg zur Unsterblichkeit angebahnt
hätte? Schon lange wüßte von ihm kaum noch jemand etwas. So aber bleibt sein
Name allen Zeiten als ein wahrer Ehrenname aufbewahrt. Und gerade so und noch
besser wird es unseren Namen ergehen! Habe ich recht oder nicht?“
[RB.01_134,04]
Spricht der Graf etwas beruhigter: „Schau, das ist ein köstlicher Gedanke!
Wahrlich, auch ich brauche keine Ehre mehr auf der Hundewelt. Ja, solch eine
Weltehre wäre nur die größte Schande für uns! Sie haben recht, sehr recht!“
[RB.01_134,05]
Nach diesen Worten des Grafen werden wieder Stimmen vernommen, und zwar auch
vom Grafen selbst, der zum Rücksichtslosen sagt: „Nun, diesmal habe auch ich
Stimmen wie von vielen Menschen vernommen. Das ist nicht übel! Am Ende sind wir
hier von feindlich gesinnten Geistern ausgekundschaftet worden, und sie werden
uns fangen und dann irgendwohin zur Hölle treiben. Sie müssen uns schon ganz
nahe sein. Wie wäre es, so wir doch eine Flucht irgend weiter versuchten? Denn
gerade vor uns scheinen sich auf uns lauernde Feinde zu befinden.“
[RB.01_134,06]
Spricht der Rücksichtslose: „Da bin ich wieder anderer Meinung. Wohin sollen
wir fliehen in dieser ewigen Nacht, wo wir kaum so viel Schimmer um uns spüren,
daß wir uns gegenseitig schlecht genug erkennen? Wer von uns ist denn bekannt
mit dieser verzweifelten Gegend? Wir rennen vielleicht etliche Schritte, und
ein ins Unendliche gehender Abgrund hat uns gnädigst aufgenommen. Denn hier
scheint schon alles unendlich und ewig sein zu wollen. Oder wir könnten gerade
unseren Feinden in den Rachen eilen. Da kann gerade dort die Hauptmasse sich
aufhalten, von woher wir gar keine Stimmen vernehmen, und wir könnten dort am
ersten gefangen werden. Daher verhalten wir uns hier ganz ruhig! Und kommt uns
etwa so ein kleines Streifkorps in die Nähe oder ein paar schleichende
Kundschafter, parken wir sie gleich an, nehmen sie gefangen und stopfen ihnen
das Maul.“
[RB.01_134,07]
Spricht ein anderer aus der Gesellschaft: „Wäre alles recht, wenn Geister
umzubringen wären! Aber ihr müßt ja schon aus dem entnehmen, daß dies nicht
mehr geht, weil auch wir hier gerade so fortleben, als ob wir nie umgebracht
worden wären. Zwar ist das wohl ein Leben, wie es kein miserableres mehr geben
kann; aber Leben ist und bleibt es dennoch.
[RB.01_134,08]
Ich meine, wir sollten uns geradewegs fangen lassen und mit unseren
vermeintlichen Feinden gemeinschaftliche Sache machen. Überhaupt kommt es mir
vor, daß wir im Grunde gar keine Feinde haben können. Denn wie sollten wir uns
hier solche gemacht haben, da wir außer uns noch mit keiner Seele
zusammengestoßen sind?“
[RB.01_134,09]
Spricht der Graf: „Freund, das verstehen Sie nicht! Gibt es denn hier in dieser
verfluchten Teufelswelt nicht auch eine Menge österreichisch-kaiserlicher
Seelen oder Geister, was soviel wie Teufel heißt! Wer schwarzgelb auf der Welt
war, der wird es auch hier sein und ist somit unser Feind.“
[RB.01_134,10]
Spricht der andere: „Glaube nicht, Herr Graf! Schwarzgelb sind nur die Reichen.
Der Staat mache sie nur arm, und sie werden radikal wie die Wölfe! Wenn sie
dann erst durch des Leibes Tod alles einbüßen und ihnen nichts als ein elend
nacktes Seelenleben bleibt, wird ihr schwarzgelber Sinn sicher auch Schiffbruch
leiden.“
[RB.01_134,11]
Spricht ein dritter: „No, schwarzgelb und Geisterwelt, das paßte so zueinander!
Man muß nur bedenken, warum die Untertanen des eigentlichen Österreich
schwarzgelb sind. Sie sind schwarzgelb erstens: aus Furcht vor den vielen
Bajonetten, Kanonen und Galgen. Zweitens: die Reichen, das Militär und die
Beamten aus Eigennutz! Diesen allen liegt nicht das Wohl der Völker, sondern
nur ihr höchsteigenes am Herzen. Und drittens sind auch viele aus religiöser
Dummheit schwarzgelb, weil es einen heiligen Kaiser Leopold gegeben habe und
einen frommen, alle Protestanten verfolgenden Ferdinand. Die letzte Art könnte
sich hier vielleicht erhalten; aber für die ersten zwei stehe ich, daß von
ihnen hier keine Spur mehr anzutreffen sein dürfte!“
[RB.01_134,12]
Spricht der Graf: „Habt gut gesprochen, es ist wahr! Aber ich meine ganz etwas
anderes als Sie, und das dürfte auch hier wohl anzutreffen sein. Es ist: Rache
nehmen aus herrschsüchtiger Bosheit! Haha, was sagen Sie dazu?“ – Sagt der
dritte: „Nichts als: wo nichts ist, da ist es mit aller Rache und
herrschsüchtiger Bosheit futsch, und alle wirklichen oder falschen Rechte gehen
da einen hohlen Weg!“ – Spricht darauf der Graf: „Mein Freund, die innere
satanische Bosheit ist ein Feuerwurm, der nicht stirbt und dessen Feuer nimmer
erlischt. Wir haben hier freilich nichts als unser elendstes Dasein, aber der
echten Bosheit kann das noch viel zu wenig sein. Man kann darum leicht
annehmen, daß es ihr sehnlichster Wunsch ist, uns womöglich noch elender zu
machen. Daher meine ich auch, daß wir uns langsam, mit Füßen und Händen
lavierend, von dieser Stelle begeben sollen. Stoßen wir auf jemanden, so fragen
wir ihn, wer er ist. Ist er uns nicht gefährlich, nehmen wir ihn auf. Hat er
aber etwas Gefährliches an sich, so lassen wir ihn wieder gehen!
[RB.01_134,13]
Aber am besten wäre es doch, wenn wir zu beten anfangen möchten. Wohl habe ich
auf der Erde kaum etwas für dümmer gehalten als besonders den Rosenkranz und
die lateinischen Gebete. Hier aber kommt es mir vor, daß es doch gut wäre, etwa
zu beten zu irgendeinem allerhöchsten Gottwesen. Und Sie, mein Freund, der Sie
auf der Erde ein Franziskaner waren, werden doch noch so einige Gebete können,
z.B. das Paternoster, lateinisch oder deutsch, windisch oder ungarisch. Hilft
es nichts, so wird es uns doch auch nicht zu schaden imstande sein. Seien Sie
daher von der Güte, uns wenigstens per Spaß etwas vorzubeten!“
[RB.01_134,14]
Spricht der rücksichtslose Franziskaner: „Warum nicht gar! Das hieße die
menschliche Vernunft töten. Wenn man schon beten will, so muß man wissen, zu
wem und warum! Aber bloß beten, um sich damit die Zeit zu verkürzen, ist die
größte und sündhafteste Dummheit! Denn gibt es irgendeinen weisen Gott, wird
Ihm so ein dümmstes Gemurmel wohl noch ekelhafter vorkommen als unsereinem.
Gibt es aber keinen Gott, dann wäre die Dummheit noch größer, so wir zu einem
barsten Nichts unsere Gebete erschallen ließen. – Ich bin daher der Meinung,
daß wir vorderhand gar nichts tun sollen, sondern alles mit möglichster Ruhe
abwarten. So werden wir ganz vorbereitet für alles sein, was uns immer begegnen
mag.
[RB.01_134,15]
Aber nun vernehme ich in aller Nähe sogar Worte, wie es mir vorkommt. Horchet,
daraus werden wir am ersten erkennen, was für Geister sich in unserer Nähe
befinden. – Aha! Habt ihr's vernommen? Ich habe nun deutlich die Worte
verstanden: „Wendet euch im Herzen an Jesus, den Gekreuzigten, so wird euch
geholfen werden!“
[RB.01_134,16]
Spricht darauf der Graf, der dieselben Worte vernommen hat: „Freund, da sieht
es schon sauber aus! Mit solch einem echt römisch-katholischen Zuruf und
allfälliger Darnachachtung wird uns verdammt wenig geholfen sein. Es wundert
mich nur, daß wir hier bloß auf Jesus und nicht zugleich auch auf die ganze
Litanei von Heiligen angewiesen wurden! Ja, ich möchte sogar behaupten, daß
dies kein alleinseligmacherischer Zuruf war, sondern etwa ein lutheranischer
oder calvinischer!“
[RB.01_134,17]
Spricht der Franziskaner: „Das ist nun schon ein Plunder! Helfe nun, was da
wolle, könne und möge! Wenn uns nur geholfen werden kann, so wird es etwa doch
einerlei sein, ob mit Dreck, mit Klötzen oder mit Ananas! Wenn uns nun durch
Jesus Hilfe angeboten ist, was soll uns hindern, sie anzunehmen?“
[RB.01_134,18]
Spricht der Graf: „Ganz gut, lieber Freund! Wissen Sie aber auch ganz bestimmt,
daß uns da Hilfe angeboten wurde? Könnten sich nicht noch andere Gruppen in
unserer Nähe aufhalten, die sich in ähnlich miserabler Lage befinden? Allah ist
groß, und Mohammed sein Prophet ist breit! Und so können auch wir sagen: ,Gott,
so Er einer ist, ist groß, und Jesus war sein Prophet und war noch breiter in
seiner Lehre als der sarazenische Mohammed!‘ – Gott weiß, wo die sind, denen
dieser Zuruf gilt!“
135. Kapitel –
Geheimnisvolle Winke an die Unglücklichen. Grafenwahn von dem Rücksichtslosen
gegeißelt. Ungarische Politik von damals.
[RB.01_135,01]
Nach diesen Worten vernehmen alle deutlich die Worte: „Dieser Zuruf gilt euch,
ihr Ungläubigen von der ersten Geburt an!“
[RB.01_135,02]
Der Graf erschrickt ordentlich bei diesem Zuruf. Und der Franziskaner spricht:
„Nun, da haben wir es auf die Nase geschrieben, wen das angeht! Werden der Herr
Graf jetzt auch noch Bedenken tragen, sich an Jesus, den Gekreuzigten, zu
wenden?“
[RB.01_135,03]
Spricht der Graf: „Was die andern tun werden, das werde in Gottes Namen auch
ich tun. Fragen Sie aber auch die andern! Nur das habe ich hinzuzufügen, daß
wir unsere reine Vernunft nicht leichten Kaufes mit der sogenannten
christlichen Demut umtauschen sollen. Wenn es unter dem Regiment Jesu auch
Grafen und Fürsten gibt, dann: Heil Christus! Ist das aber nicht der Fall,
dann: Adieu Christus! – Denn das wäre nicht übel, so wir hier in dieser Welt
etwa irgendeinem himmlischen Batzenlippel Honneurs machen oder gar die Stiefel
putzen müßten!“
[RB.01_135,04]
Auf diese Worte des Grafen ertönen wieder Worte: „Hier gibt es weder Grafen
noch Fürsten! Nur Einer ist der Herr, alle anderen aber sind Brüder und
Schwestern!“
[RB.01_135,05]
Spricht darauf der Franziskaner zum Grafen: „Nun, Herr Graf, das wird doch
deutlich genug gesprochen sein! Mir kommt es vor, als ob diese treffliche
Antwort Ihnen allein gegolten hätte, der Sie noch in der Geisterwelt ein Graf
oder Fürst sein wollen! Aber wie kann man als Geist noch Vorliebe zu dem Rock
haben, in dem man auf der Welt schmählich justifiziert worden ist? Nein, von
der Vernunft halte ich wahrlich nichts! Was haben denn der Herr Graf nun davon,
daß Sie auf der Erde einer der angesehensten Magnaten Ungarns waren? Wären Sie
ein gemeiner Sauhalter gewesen, so könnten Sie vielleicht jetzt noch bei einem
guten Wein und einer guten Schüssel Gulasch sitzen! So aber machen Sie mit uns
hier das gleiche trübselige Gesicht und können von Ihrem Grafentitel nicht eine
Laus herunterbeißen. Haben Sie nie gehört, daß der Blitz die impertinente
Eigenschaft hat, zuerst in die höchsten Gegenstände zu schlagen? Und daß er die
niederen erst dann berührt, so diese sich zu nahe unter den hohen Gegenständen
gleich Ochsen unter einem Baum befinden?“
[RB.01_135,06]
Spricht der Graf: „Mir scheint, Sie machen Anspielungen auf mich! Wissen Sie,
daß ich mir so etwas auch hier noch werde zu verbitten wissen? Denn ein Bathianyi
bleibt Bathianyi auch in der Geisterwelt!“
[RB.01_135,07]
Spricht der Franziskaner: „Wahrscheinlich aus purer reinster Vernunft! Wünsch'
Ihnen viel Glück und ein schönes Wetter dazu, Herr Graf! Bleiben Sie nur hier
in der Geisterwelt bei Ihrer magyarisch reinen Grafenvernunft, die Sie auf der
Erde an den Galgen gebracht hat! Wer weiß, zu welch schönen gehörnten
Auszeichnungen Sie damit gelangen können.“
[RB.01_135,08]
Spricht der Graf erbost: „Halt' Er's Maul, sonst vergreife ich mich an Ihm! Hat
Er mir was zu sagen, so rede Er, wie es sich geziemt! Aber mich zu foppen, das
lasse Er bleiben, sonst soll Er es erfahren, daß ein Graf Bathianyi noch nicht
aufgehört hat, Graf zu sein! Versteht Er das, Er dummer Protzer?“
[RB.01_135,09]
Spricht der Franziskaner: „So packen Sie mich gleich an, und Sie werden sich
dadurch überzeugen, wie gar nichts ein Graf Bathianyi hier vermag! Was für eine
Kraft hat denn etwa so ein Geist? Wann ist je die Dummheit stark und mächtig
gewesen? Ich sage Ihnen – solange die Welt steht, nie! Sie aber sind sehr dumm,
daher auch in jeder Hinsicht sehr schwach, weil Sie das beleidigt hat, was ich
rein zu Ihrem Besten geredet habe. Ebenso haben Sie auch auf der Erde gezeigt,
daß Sie überaus dumm waren! Denn wären Sie gescheiter gewesen, so hätten Sie es
so gemacht wie ein Kossut und Konsorten, die noch zur rechten Zeit ein rechtes
Loch aus dem Tempel gefunden haben. Sie aber haben sich wie ein Gimpel fangen
und dann ganz heldenmütig totschießen lassen! Sagen Sie mir, ob das pfiffig zu
nennen ist?“
[RB.01_135,10]
Spricht der Graf: „Wer den Schaden hat, über den kommt gewöhnlich auch noch die
Schande! Wenn aber Sie so ein grundgescheiter Kerl sind, warum haben auch Sie
sich aufhängen lassen? Ich meine, so nach Ihrer Definition die Stärke mit der
Weisheit gleichen Schritt hält, so dürften Sie auch nicht einer von den
allerstärksten sein!“
[RB.01_135,11]
Spricht der Franziskaner: „Halte mich gar nicht auf über dero allergnädigste
Bemerkung! Denn an der echt magyarischen Dummheit habe ich – als selbst so ein
kleines Edelmännlein – niemals Mangel gelitten. Nur war es bei mir der Fall,
daß ich einzusehen begann, wo in Ungarn der eigentliche Hund begraben ist,
freilich leider um einige Wochen zu spät. Da standen schon Galgen vorne und
hinten, und Kanonen und Spieße ohne Zahl! Freund, da hat mir dann meine
neuerwachte Vernunft freilich keinen Ausweg mehr zeigen können. Aber bei Ihnen
war die Sache ganz anders. Sie konnten an den Fingern ausrechnen, wie die Sache
in jüngster Zeit ablaufen werde. Aber nein, Ihre echt magyarisch
aristokratische Weisheit raunte Ihnen ins Ohr: entweder siegen oder sterben!
Was haben Sie nun von dem Heldentode am Galgen? Vielleicht werden Ihnen einige
Freunde in Nordamerika einmal eine Ehrensäule setzen, aber in der Weltgeschichte
werden Sie für 1848 ein miserables Plätzchen finden. Das wird dann alles sein,
was Sie für Ihren Heldentod auf der Erde zu erwarten haben.“
[RB.01_135,12]
Spricht der Graf: „Ich werde von Millionen betrauert! Millionen sehen das
schreiende Unrecht ein, das man an mir verübt hat und verwünschen Österreich zu
allen Teufeln! Ist das etwa nichts?“ – Spricht der Franziskaner: „Ja, ja, das
klingt alles sehr schön und romantisch! Vielleicht schreibt noch einmal ein
Franzose ein Trauerspiel darüber. Aber wir, die eigentlichen Helden, leben hier
elend fort, und es fragt sich dabei, was nützt uns nun das alles für ewig?
[RB.01_135,13]
Darum heißt es hier nicht mehr in der alten Dummheit beharren, sondern mit
dankbarstem Herzen annehmen, was uns dargeboten wird. So werden wir sicher
leicht vergessen, was uns auf der Welt für unsere Mühen zuteil wurde. Ich
glaube, das wird doch etwa deutsch genug sein!“
[RB.01_135,14]
Spricht der Graf: „Ja, führe uns nicht in die Versuchung! – heißt es irgendwo
in dem gewissen – ja, ja, hm! – wie heißt denn nur geschwind das Gebet? – Hm,
fällt mir nicht ein! Heiße es, wie es wolle – aber es steht irgendwo einmal so;
daher sage ich nun auch: Führe uns nicht in die Versuchung!“
[RB.01_135,15]
Spricht der Franziskaner: „Was faseln Sie denn da von dem ,Führe uns nicht in
die Versuchung?‘ Ich verstehe das durchaus nicht, denn das paßt doch auf meine
Rede noch schlechter als eine Faust aufs Auge! Ich bitte, erklären sich der
Herr Graf ein wenig deutlicher, so es Ihnen möglich sein sollte!“
[RB.01_135,16]
Spricht der Graf: „Dummer Schwätzer! Hätten Sie mich ausreden lassen! Habe ich
Sie doch auch nicht unterbrochen, wie Sie mir früher die Ohren vollgemacht
haben mit Ihrem Geschwätz!“ – Spricht der Franziskaner: „Genieren Sie sich
nicht und fahren Sie mit ihren Redensarten fort, sonst kommen wir zu keinem
Ende!“
[RB.01_135,17]
„Die Metapher will soviel sagen als: Sie wollen mich auf die schönste Art um
meinen Grafentitel bringen. Es ist daher das eine Versuchung, mich samt allem
und jedem auf den Hund zu bringen. Aber nichts da! Ein Graf Bathianyi bleibt
fest!“ – Der Franziskaner bei sich: „– ein Ochs!“ – Der Graf: „Verstehen Sie
nun das?“
[RB.01_135,18]
Spricht der Franziskaner: „O sehr gut und sehr klar! Aufrichtig gesprochen,
Herr Graf – Ihre große aristokratische Dummheit hat Sie an den Galgen gebracht!
Wären Sie um ein Haar weiser gewesen, so wäre Ihrem irdischen Hause solch eine
Schmach nie widerfahren. Das aber müssen Sie nun doch einsehen, daß die Welt
für Sie wie für uns alle für ewig verloren ist samt allen ihren fingierten
Rechten. Was wollen Sie denn hernach noch von ihr und weigern sich nun schon
zum Ärger der ganzen Gesellschaft, die angebotene Hilfe durch Jesus Christus
anzunehmen, außer Er würde Sie auch hier in der Geisterwelt als Grafen
Bathianyi bestätigen? Denken Sie doch einmal darüber nach und reden Sie dann
entschieden – aber nicht als Magnat von Ungarn, sondern als ein
hilfsbedürftiger Mensch, wie wir alle es sind!“
136. Kapitel –
Gespräche über Jesus. Des Franziskaners religiöse Erfahrungen. Der Graf als
Bibelkundiger. Des Franziskaners Schlußvorschlag.
[RB.01_136,01]
Spricht der Graf: „Ja wer oder was ist denn eigentlich Ihr Herr Jesus? Etwa
derselbe, von dem die römische Fabel sagt, daß er ein Sohn Gottes gewesen wäre,
und von dem Sie doch selbst früher sagten, daß Sie nie an ihn und seine
römisch-kirchlichen Alfanzereien geglaubt haben? Oder gibt es noch irgendeinen
anderen Jesus?“
[RB.01_136,02]
Spricht der Franziskaner: „Ja, derselbe Jesus, von dem die evangelische Tradition
sagt, daß Er Gottes Sohn ist und bleibt – ein Herr Himmels und der Erde ewig!
Ich glaubte zwar bei meinen Lebzeiten auf der Erde dieser Tradition nicht, weil
sie von Rom aus zu mißbraucht wurde und ich daraus den Schluß ziehen mußte:
Wäre die Sache nicht bloß ein Werk der früheren herrschsüchtigen Hierarchen, so
wäre es doch unmöglich, mit solch einer Gotteslehre schändlichsten Unfug zu
treiben. Denn es sind in der römischen Hierarchie in kaum 1200 Jahren Dinge
geschehen, vor denen die ganze Hölle tiefsten Respekt haben muß. Und der im
grauen Hintergrund weilende Stifter solch einer Lehre soll ein Sohn des
Allerhöchsten sein? Wahrlich, Herr Graf, so etwas zu glauben wäre für meinen
Geist keine kleine Aufgabe gewesen.
[RB.01_136,03]
Als ich aber später die vollkommene Bibel von einem protestantischen Priester
in meine Hände bekam, ging mir freilich ein anderes Licht auf. Ich trachtete
dann, um jeden Preis aus der römischen Geistesmördergrube zu entkommen und
wurde darauf lieber ein gemeiner Soldat als je wieder ein römisch-katholischer
Geist-Ermordungsgehilfe. Denn ich dachte mir: Es ist noch immer besser, ein
Fleisch- als ein Geistesmörder zu sein.
[RB.01_136,04]
Es kann daher der besagte Jesus gar wohl Gottes Sohn sein und die Macht haben,
uns zu helfen, wenn Er auch noch so von der schändlichen Römerin verleugnet
ward. Denn Er ist auch trotz des Verrats des Judas Ischariot doch am dritten
Tag aus eigener Macht vom Tod erstanden und hat ihm alle Macht genommen. Und von
eben diesem Jesus wurde uns durch einen unsichtbaren Mund Hilfe angeboten! Wir
haben sie alle vernommen die köstlichen Worte und zögern noch, ob wir sie
annehmen sollen oder nicht! Hauptsächlich Sie, Herr Graf, sind der
Hartnäckigste und wollen sich nicht dazu verstehen – als ob Sie in diesem
elenden Zustand sich Gott weiß was vergeben müßten. Ich rate Ihnen daher nun
zum letztenmal, die angebotene Hilfe anzunehmen oder im Gegenfall uns andere
nicht mehr darin zu beirren!“
[RB.01_136,05]
Spricht der Graf: „Was euch nicht schadet, wird auch mich nicht umbringen. Auch
ich will nun die Hilfe annehmen! Aber einige Bedingungen könnten wir dabei doch
in Vorschlag bringen, sonst kann es uns hier wie auf der Erde ergehen, wo man
sich auch auf Gnade und Ungnade ergeben hat und dann nur Ungnade erntete. So
z.B. wäre eine wohlgenährte Rachenehmung an unseren irdischen Feinden eine
Hauptvoraussetzung und für uns eine volle Schadloshaltung für alles auf der
Welt Verlorene!“
[RB.01_136,06]
Spricht der Franziskaner: „Was fällt Ihnen doch alles für dummes Zeug ein! Wenn
Sie z.B. auf der Erde unter die Räuber gerieten und irgendein Starker wollte
Ihnen helfen, Sie aber schlügen ihm Bedingungen vor, unter denen Sie seine
Hilfe annehmen – würden darob nicht sogar die Eisbären Sie auslachen? Wann hat
man je gehört, daß ein Bettler dem Wohltäter Bedingungen vorgeschrieben hätte!
Ah, Herr Graf, da läßt sich nichts mehr darüber reden! Unser irdisches
Sich-Ergeben war ja ganz etwas anderes. Dort hat uns niemand eine Hilfe
angeboten, sondern dort hieß es: „Gnade und Ungnade unter verheißener
Fürsprache!“ Hier aber ist uns doch ausdrücklich volle Hilfe angetragen. Wie
kann man denn das mit dem irdischen Zustand, der uns des Leibes Tod brachte,
nur in entferntesten Vergleich ziehen? Ich bitte Sie, Herr Graf, seien Sie doch
nicht gar so vernagelt!“
[RB.01_136,07]
Spricht der Graf: „Ja, Sie haben schon wieder recht! Ich bin wohl etwas dumm,
aber ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer. Es werden hier wohl ganz andere
Lebensverhältnisse sein, als sie auf der Erde gang und gäbe waren. Aber traurig
erfahrene Sachen haften tiefer in der Seele eines Unglücklichen, als daß man
sie von heute auf morgen aus dem Leibe schaffen könnte. Und es ist mir doch
sicher zugute zu halten, wenn ich da in der Annahme der angebotenen Hilfe ein
wenig gezaudert habe.
[RB.01_136,08]
Man hat uns allen auch Amnestie verheißen. Als wir aber dann an die
Österreicher ausgeliefert wurden, da war von einer Amnestie keine Rede mehr!
Aus solchen irdisch traurigsten Erfahrungen, die man lebendig mit
herübergenommen hat, muß ein Mensch oder Geist denn doch etwas stutzig werden
und in allem äußerst vorsichtig zu Werke gehen.
[RB.01_136,09]
Ich erkenne wohl, daß es einen Gott geben muß, ohne den wir gewiß ganz zunichte
geworden wären und kein Dasein hätten überdauern können. Aber dieser Gott ist
allmächtig und gegen Sein Urteil findet kein Rekurs statt. Und darin liegt
Grund zur Übergenüge, mit der Annahme auch einer angebotenen Hilfe bedenklich
zu zaudern und vorher alle Umstände genau zu erwägen. Ich kann mich aus meiner
Jugend noch genau erinnern, daß ich einmal ein Evangelium gelesen habe, wo von
einem großen Gastmahl die Rede ist. Am Ende, da die Geladenen nicht kommen
wollten, wurden alle an den Gassen und Zäunen weilenden Proletarier durch die
Diener des mächtigen Gastgebers förmlich bei den Haaren herbeigezogen. Als der
große Speisesaal auf diese Weise gefüllt war, kam auch der Gastherr in den
Saal, besah die Proletariergäste und fand einen, der kein sogenanntes
Hochzeitsgewand anhatte. Und diesen ließ er ergreifen und ins Gefängnis werfen!
– Was ich damit sagen will? Ja, was hat der arme Teufel wohl verschuldet? Die
Diener zogen ihn wie die anderen, die vielleicht zufällig besser bekleidet
waren, von der Straße zum Gastmahl und nahmen keinen Anstoß an seiner Kleidung.
Als aber dann der Herr kommt, verurteilt er ganz allein den armen Teufel, der
doch sicher ohne sein Verschulden in den Speisesaal kam!
[RB.01_136,10]
Wenn man diese Sache, durch die offenbar die Gottheit in Ihrem willkürlichen
Handeln dargestellt wird, näher bedenkt, so kann einem wohl niemand verargen,
wenn man sogar bei angebotener Hilfe von oben bei der Annahme sehr behutsam zu
Werke geht. Dem Judas ward auch der Bissen gereicht; aber auf diesen ward er
dann erst recht des Teufels! Sagen Sie mir, ob Sie auf diese meine begründeten
Motive mich wegen meiner Zauderei noch für so dumm halten wie ehedem?“
[RB.01_136,11]
Spricht der Franziskaner: „Nun, der Herr Graf sind ja famos in der Bibel
bewandert! Das freut mich um so mehr, da Sie gerade einen Text zum Vorschein
bringen, der auch mir im höchsten Grade ungerecht vorgekommen ist. Es gibt noch
einige andere Texte, durch die der sonst überaus gute Herr Jesus wahrlich ein
unerbittliches und irdisch betrachtet ungerechtes Wesen bekundet. Dafür aber
gibt es freilich wieder eine Menge Texte, die sehr trostreich sind. Ihre
Bedenklichkeit von diesem Standpunkt betrachtet, ist freilich zu entschuldigen.
Denn die Macht hat stets das für sich, daß sie ewig tun kann, was sie will.
Aber das Gute dabei ist, daß sich keine wahre Macht ohne vollkommene Weisheit
denken läßt. Und mit einem höchstweisen Wesen ist immer leichter auszukommen
als mit einem dummen. So meine ich, wir könnten es denn doch wagen, die
angebotene Hilfe anzunehmen.
[RB.01_136,12]
Wenden wir uns denn im Herzen an Jesus, den Gekreuzigten, und warten dann mit
Geduld ab, was daraus werden wird! Sieht etwas Gutes heraus, so haben wir keine
schlechte Wendung gemacht. Sollte aber aus dieser Wendung für uns etwas
Schlechtaussehendes zum Vorschein kommen, nun, so kehren wir in unseren Zustand
wieder zurück.“
[RB.01_136,13]
Spricht der Graf: „Wäre alles gut und recht! Aber auch die allerhöchste
Weisheit läßt sich ewig nichts abhandeln. Was sie einmal ausspricht, das ist
ausgesprochen für die Ewigkeit! Das zeigt auch Jesus klar, da Er sagt: ,Himmel
und Erde werden vergehen, aber Meine Worte ewig nimmer!‘ Wenn wir also nach
unserer Herzenswendung zu Ihm etwa vernähmen: ,Hinweg mit euch, ihr Täter des
Übels!‘ – was dann, Freunde? Ich meine, solange wir von Ihm nichts verlangen,
hat Er auch nicht vonnöten, uns etwas zu geben, weder Gutes noch Schlechtes.
Verlangen wir aber einmal etwas, dann haben wir Ihm zugleich das Tor geöffnet,
mit uns zu tun, was Er nach Seiner unwandelbaren Weisheit will.
[RB.01_136,14]
Mir fällt gerade wieder ein passender Text zur Belegung meiner Meinung ein, und
der hat zehn Jungfrauen im Schilde, wovon die Hälfte weise und die Hälfte
töricht war. Alle erwarteten ihren Bräutigam. Die weisere Hälfte versah ihre
Lampen mit Öl, die törichte Hälfte aber nicht. Als in der Nacht die Kunde kam,
daß der Bräutigam kommen werde, wahrscheinlich schon in einer Stunde – da baten
die Törichten die Weisen, ihnen etwas Öl in ihre leeren Lampen zu geben. Aber
die eisernen Weisen verweigerten solches, wahrscheinlich aus purer christlicher
Nächstenliebe? Die Törichten waren dadurch genötigt, zu einem Kaufmann zu gehen
und sich dort ums Geld ihre Lampen mit Öl füllen zu lassen. Sie kehren darauf
voll guten Willens in das Bräutigam-Erwartungshaus zurück, aber schon war die
Haustür verriegelt! Denn der Bräutigam ist bald darauf gekommen, und zwar
früher als sie mit vollen Öllampen zurückkamen. Als die Armen ganz harmlos an
die Tür pochten und um Einlaß baten, donnerte des Bräutigams Stimme ihnen rauh
entgegen: ,Hinweg mit euch! Ich habe euch noch nie erkannt und kenne euch
nicht!‘
[RB.01_136,15]
Diese Sache ist menschlich-ehrlich betrachtet impertinent grob, ungerecht und
streng genommen auch unwahr, wenn unter dem Bräutigam die Gottheit zu verstehen
ist. Denn wie kann die Gottheit zu jemandem sagen: ,Ich kenne dich nicht!‘ – wo
sie andererseits doch wieder lehrt, daß sie sogar alle Haare auf dem Haupte
eines Menschen zählt! Aber wer kann der allmächtigen Gottheit Unrecht geben? Sie
läßt kalt sein zum Verzweifeln, auch wenn dabei Tausende erfrieren. Und wenn
Millionen armer Teufel um Wärme bitten, bleibt es dennoch kalt, so lange die
Gottheit ihrer Weisheit zufolge kalt haben will. So läßt sie auch ohne Gnaden
die schönsten Saaten durch Fröste und Hagel zerstören, und niemand kann ihr
dagegen einen Damm setzen. Ich sage dir, wer sich von der Gottheit abhängig
macht, hat das Elend schon in sich. Was hätte denn den fünf törichten
Jungfrauen geschehen können, so sie gar nicht zum Bräutigamshaus zurückgekehrt
wären? Die Grobheit wenigstens hätten sie sich sicher erspart! Denn da hätten
sie dem sonderlich groben Bräutigam keine Gelegenheit geben können, ihnen die
Tür vor der Nase zu verriegeln. Und so meine ich, daß wir der Stimme Gottes erst
dann ein volles Gehör schenken sollen, wenn wir von ihrem Wohlwollen gegen uns
überzeugt sind. Sonst aber bleiben wir, wo wir sind, denn ich traue der
allmächtigen Gottheit nicht!“
[RB.01_136,16]
Spricht der Franziskaner: „Herr Graf, Sie fassen die Sache allzu behutsam auf!
Ich sage, man muß die Worte Gottes nicht so buchstäblich nehmen, da doch die
ganze Schrift nur eine bildliche Darstellung der höheren Moral ist, wie sie ein
vollkommener Mensch haben soll. Unter dem Lampenöl wird hauptsächlich die wahre
Liebe zu Gott verstanden und unter dem Licht der Lampe die aus der Liebe
entspringende Weisheit. Die törichten Jungfrauen aber hatten keine Liebe und
wollten die Liebe auch den anderen nehmen. Diese aber waren klüger und ließen
sich nicht verführen. Sie beschieden die Liebelosen hinaus in die Welt, daß sie
sich das Liebeöl dort holen sollten. Und die Lieblosen gingen und holten sich
ihre Lampen, oder besser ihre Herzen, voll Weltliebe-(Öl). Als sie mit der
Weltliebe in des Bräutigams Haus zurückkehren wollten (in dem wir uns hier nun
schon seit geraumer Zeit, wie ich mir's nicht ohne Grund nunmehr vorstelle,
befinden) – oder noch besser: als sie ohne wahre Liebe zu Gott ankamen und
Einlaß ins Himmelreich verlangten, kann zu ihnen die Gottheit doch kaum etwas
anderes gesagt haben als: ,Ich kenne euch nicht mit dieser eurer Liebe, die Ich
nie als die Meine bestimmt habe! Gehet also dahin, woher eure Liebe ist!‘ –
Sehen Sie, lieber Herr Graf, so verstehe ich diesen und noch manchen anderen
Text. Und so verhält sich's auch. Und so meine ich denn, daß der Herr Graf der
Gottheit gar zu viel Härte ansinnen. Setzen wir uns alle darüber hinaus und
ergreifen die angebotene Hilfe! Wahrlich, uns kann es nicht so arg ergehen –
das sagt mir mein Herz!“
[RB.01_136,17]
Spricht ein Nebenstehender aus der Gesellschaft: „Dos glaub ich halt a! Dos
Evangeli ist durchaus metaphorisch und muß gut verstanden werden, weil alles
ist metaphorisch!“ – Spricht der Graf: „Ich bitte Sie, bemeistern Sie sich
gütig Ihres Mundes, sonst wird uns allen übel! War denn unsere Hinrichtung auf
der Erde etwa auch metaphorisch oder gar bloß provisorisch? Oder ist Jesus etwa
auch metaphorisch ans Kreuz genagelt worden?“ – Spricht der Zurechtgewiesene:
„O na, dos wor nit metaphorisch, dos wor wirkli, sonst waren wir nit erlöst!“ –
Spricht der Graf: „Schöne Erlösung das, mir hat bis jetzt wenigstens nichts
davon geträumt! Besonders diese ägyptische Finsternis und unser vollkommen
leerer Magen sind die sprechendsten Beweise für die Erlösung. Wahrlich, diese
Erlösung macht sich! – Auf der Erde: Tod am Galgen, und hier: die ewige
Finsternis – das sind recht handgreifliche Beweise der großen Erlösung an uns!
Gefallen sie euch, meine lieben Freunde?“
[RB.01_136,18]
Spricht ein anderer: „Bis jetzt hat es mit der Erlösung noch verflucht schlecht
ausgesehen. Aber ich muß andererseits bekennen, daß wir eigentlich noch nie
etwas getan haben, was uns der Erlösung hätte teilhaftig machen können. Wenn
zuletzt der Galgen nicht eine gute Portion unserer Todsünden hinweggestreift
hat, so sieht es – wenn hier wirklich nach den zehn Geboten vorgegangen wird –
hier mit der Erlösung verdammt schlecht aus. Denn von irgendeiner christlichen
Tugend war bei uns allen schwerlich je die Rede. Ich wäre daher sehr für die
sofortige Annahme des Hilfeantrags, sonst kann es uns noch sehr übel ergehen!
Denn wir haben gar nichts, worauf wir uns rechtens stützen könnten als
höchstens unsere unbegrenzte Dummheit, und im besten Falle auf die Gnade und
Erbarmung Jesu Christi!“
[RB.01_136,19]
Spricht der Franziskaner: „Gerade aus meiner Seele gesprochen! So ist es!
Gottes Jesu Christi Gnade und Erbarmung – oder wir sind alle des Teufels! Denn
wir waren es ja auf der Erde, besonders in der letzten Zeit, und hatten
verdammt wenig Mitleid mit dem tausendfachen Elend unserer Mitmenschen. Wir
trieben sie wie Kälber vor uns her und stießen sie aufs Schlachtfeld. Und den
Feinden ging es verzweifelt schlecht, so sie in unsere Gefangenschaft gerieten.
Kurz und gut, so uns jetzt noch Rache belebt gegen die, die ihre Hände an uns
gelegt haben – welches Maß von Rache haben wir von den vielen Tausenden zu
erwarten, die durch unsere Hände gefallen sind und ebensogut, manche vielleicht
tausendmal bessere Menschen waren als wir!
[RB.01_136,20]
Ich meine daher: Vergeben wir von ganzem Herzen allen denen, die uns moralisch
und physisch mißhandelt und endlich gekreuzigt haben! Denn auch wir wußten
Tausenden das Kreuz ganz gehörig an ihr Leben zu schlagen. Was meinen Sie, Herr
Graf, habe ich recht oder nicht?“
[RB.01_136,21]
Spricht der Graf: „Leider! Aber eben das macht mich fürchten, daß es uns am
Ende so ergehen wird wie den fünf törichten Jungfrauen. Wie wir anklopfen,
werden wir sogleich den Urteilsspruch vernehmen, und dann gute Nacht auf ewig!“
137. Kapitel –
Des Grafen Stolz bäumt sich nochmal auf. Erdenpolitik in jenseitiger
Beleuchtung. Der General und Robert über den Streit dieser Geister. Des Herrn
große Geduld.
[RB.01_137,01]
Spricht der Franziskaner: „Herr Graf, da läßt sich wenig darauf sagen. Das
Unrecht ist einmal auf unserer Seite, nun kommt es lediglich auf die Gnade
Gottes an. Nimmt uns diese an, so sind wir nicht verloren. Läßt uns aber diese
im Stich, dann gehören wir auf ewig der schwarzen Katze zu.“
[RB.01_137,02]
Spricht der Graf erregt: „Was sagen Sie da, das Unrecht sei auf unserer Seite!
Wo lebt der Gott, der mir das erweisen könnte? Stammen wir nicht geradewegs von
Attila ab? Haben nicht unsere Voreltern das herrliche Ungarn für uns erkämpft?
Haben wir dieses Land nicht schon über tausend Jahre inne? Wir selbst haben
unsere Könige gewählt und sind nie auf das Haus Habsburg beschränkt gewesen.
Daß wir es lange genug beibehalten haben, war unser freier, magyarisch
großmütiger Wille. Wie konnten wir fehlen, den, den wir nie zum König gesalbt
haben, des ungarischen Thrones verlustig zu erklären, da er sich den Thron nur
angemaßt hatte? Denn sein Oheim, der rechtmäßige König Ungarns, hatte laut der
Pragmatischen Sanktion ohne unsere Einwilligung nie ein Recht, statt seiner
einen König für unser mächtiges Reich einzusetzen! – Und Sie reden von einem
Unrecht auf unserer Seite?“
[RB.01_137,03]
Spricht der Franziskaner: „Aber um Gottes willen, reden Sie doch hier im
Geisterreich nicht so ultramagyarisch dumm! Sagen Sie mir, hat denn die
Gottheit dieses Land dem Attila wie den Israeliten das gelobte Land Kanaan
geschenkt? Oder hat es nicht vielmehr der Attila mit Waffen erobert und somit
unrechtmäßig den alten Ureinwohnern geraubt? Ist das ein rechtmäßiger Besitz
vor Gott? Österreich hatte wahrlich größere und ältere Rechte auf unser Reich,
als wir ihm je zugestehen wollten. Österreich hat Ungarn von den Türken
zurückerobert und uns wieder zu eigen gegeben mit dem alleinigen Vorbehalt, daß
die Habsburger stets das erste Recht auf die Krone Ungarns haben sollen. Warum
wollten wir denn nun eine eigene Wurst gebraten haben? Sehen Sie, das hat unser
Hochmut getan! Wir sind unter Österreichs Zepter zu reich und mächtig geworden
und wollten dann unser Reich selbständig beherrschen und viel von uns reden
machen.
[RB.01_137,04]
Aber das hat dem lieben Herrgott nicht gefallen und Er machte uns einen Strich
durch die Rechnung. Und Ihnen, Herr Graf, als einem echten Sohn Attilas, steht
es nun frei, einen Rekurs gegen den allmächtigen Herrgott zu ergreifen. Wer
weiß, welch seltene Effekte da herauskommen. Ich wünsche Ihnen viel Glück und
schönes Wetter dazu!
[RB.01_137,05]
Wissen Sie denn nicht, wie es in der Heiligen Schrift lautet, daß alles, was
vor der Welt groß sein will, vor Gott ein Greuel ist? Wir wollten aber groß und
mächtig sein; und da stecken wir nun in der schönsten Sauce! Jetzt aber nur
noch die Dummheit ein wenig weiter getrieben und es kann uns glücken, daß wir
ein echt höllisches Bratel mit Schwefelsalat als ewiges Konfekt aufgetischt
bekommen. Dann wird uns wahrlich nichts mehr zu wünschen übrig bleiben, so ein
kleines Vorgeschmäckchen hätten wir bereits. Nur zu in unserem Starrsinn, es
wird schon noch besser werden! Es ist ein altes Sprichwort: ,Was die Hölle
will, das bleibt ihr nicht aus!‘ Ich habe nun ausgeredet.“
[RB.01_137,06]
Spricht der Graf: „Sehr wohl von Ihnen, Herr von Schwarzgelb! Es ist nur
schade, daß Sie mit diesen Argumenten nicht zwölf Monate früher auf der Erde
zum Vorschein gekommen sind. Es müßte mit dem Teufel hergehen, wenn Sie nicht schon
längst ein einträgliches Plätzchen beim Wiener Ministerium erlangt hätten.
Wahrhaftig, so eine schöne Argumentation hätte sogar einem Fürsten Metternich
keine Schande gemacht.
[RB.01_137,07]
Wenn Sie etwa doch ehestens mit Jesus, dem Herrn, freundschaftlich in Berührung
kommen dürften, so suchen Sie Ihn dahin zu bewegen, daß Er einige himmlische
Verdienstorden auf die Erde hinabsenden und sie als Zeichen Seines Wohlwollens
an jene verteilen möchte, die sich bei unserer Aufhängungsgeschichte am tätigsten
erwiesen haben. Denn sehen Sie, das Leutaufhängungsgeschäft muß bei Jesus, dem
Herrn, schon deshalb einen besonders hohen Wert haben, da Er Selbst eines
ähnlichen Todes gestorben ist. Nein, das hätte ich nie geglaubt, daß Sie so ein
Gutgesinnter wären. Das Aufhängen muß Ihnen ordentlich wohlgetan haben, weil
Sie nun der österreichischen Regierung dafür so dankbar sind!“
[RB.01_137,08]
Spricht der Franziskaner: „Lieber Herr Graf, Sie belieben mich zu hänseln
gleich einem Lausbuben! Aber das macht mir gar nichts, denn ich weiß, warum ich
so geredet habe. Sie aber haben meine ganze Rede gar nicht verstanden, daher
ist es Ihnen auch zu verzeihen, wenn Sie so reden. Lobte ich denn die Handlung
der österreichischen Regierung? Herr, ich kenne Österreichs Gebrechen so gut
wie irgendeiner. Österreichs Kaiser ist schon ein genügender Vesuv für alle
Länder Österreichs; das weiß der Herr Jesus. Wir wollten aber mit aller
Teufelsgewalt ein zweiter werden, und das war eben gefehlt. Das Unrecht ist von
Gottes wegen darum auf unserer Seite!
[RB.01_137,09]
Wir haben nun die Pflicht, dieses Unrecht einzusehen und Gott, dem Herrn, das
in unsern Herzen zu bekennen! Sprach nicht Gott dereinst: ,In Meinem Zorn habe
Ich euch einen König gegeben!‘ – Wenn ein König schon ein Werk des Zornes ist,
warum trachteten wir dann danach? Wir erhielten auch den Zorn Gottes als erste
Draufgabe auf den König! Hätten wir lieber anstatt um den Zorn Gottes um Seine
Liebe gekämpft, so stünde es nun wahrscheinlich heller um uns, als es
gegenwärtig der Fall ist!
[RB.01_137,10]
Jesus aber will nun, wie ich es jetzt getreu in mir gewahre, die Zahl der
Regenten vermindern und nicht vermehren, aus sicher höchst weisen Gründen. Und
so sind wir Ihm gerade recht gekommen, die wir Europa um ein neues freies
Königtum vermehren wollten! Sollen wir etwa hier auch noch auf der
Verwirklichung dieser Idee beharren und dadurch für ewig zugrunde gehen? Lassen
der Herr Graf doch einmal ab von diesen irdischen Hoheitsdummheiten! Es ist
genug, daß wir auf der Erde dafür gehörig eingegangen sind!“ –
[RB.01_137,11]
Spricht im ersten Saale des Hauses der bewußte General zum soeben aus dem
zweiten Saale mit Helena tretenden Robert: „Höre, das ist ja eine langweilige
Geschichte! Was diese unglücklichen Geister da draußen zusammenschwätzen, ist
ja unerhört! Da schlägt buchstäblich eine Dummheit die andere. Jetzt streiten
die Kerls schon eine halbe Ewigkeit, ob sie die angebotene Hilfe des Herrn
annehmen sollen oder nicht! Nein, so etwas dürfte in der ganzen Unendlichkeit
nicht leichtlich zum zweiten Male vorkommen! Wie lange werden wir denn mit
diesen Schwätzern noch Geduld tragen müssen?“
[RB.01_137,12]
Spricht Robert: „Mein liebster Freund und Bruder, der Herr ist hier unser aller
lebendigster Maßstab. Da sieh nur zur Tür hinein, wie Er sich mit den Seinen
unterhält und eben davon spricht, wie mit diesen dreißig fürder soll
vorgegangen werden. Merken wir alle hier nur die geringste Ungeduld in Seinem
heiligsten Angesicht?“ – Spricht der General: „Wahrlich nein! Die göttlichste
Ruhe und ewig gleiche höchste Anmut entstrahlt Seinem ganzen Wesen.“
[RB.01_137,13]
Spricht Robert weiter: „Siehst du, Bruder, das ist unser Gedulds- und
Liebesmaßstab! Für Ihn gibt es keine Feinde, die Konservativen sind so gut
Seine Kinder wie die Radikalen. Er sorgt für alle! Wenn irgendein Vater auf der
Erde viele Kinder hat, die untereinander im Zank und Hader leben, so bestraft
er die mutwilligsten wohl. Aber seine gleiche Liebe zu allen kann er doch nicht
verleugnen und ist daher stets bemüht, für alle bestens zu sorgen. – Was ist
vor dem Herrn das irdische konservative oder radikale Wesen der Menschen? Er
züchtigt wohl auch die Mutwilligen, aber durch eben die Züchtigung sorgt Er
desto mehr für sie. Er ist noch stets Derselbe der neunundneunzig
eingefriedigte Schafe verläßt und das hundertste suchen geht, das Er dann mit
größter Freude in Seinen großen Schafstall trägt, der nach allen Seiten hin
eingefriedigt ist durch Seine göttliche Gnade, Liebe und Erbarmung.
[RB.01_137,14]
Und so müssen denn auch wir mit Seinen Kindern, unsern Brüdern die größte
Geduld haben. Denn hier gibt es keine fremden Parteien mehr, sondern lauter
Kinder eines und desselben Vaters! Wir sagen hier nimmer: ,Herr, Österreich
handelt Deiner Ordnung entgegen – strafe es!‘ Oder: ,Die Ungarn haben wider
Dein Gesetz gehandelt – züchtige sie!‘ Sondern wir sagen: ,O Vater, siehe
gnädig zur armen Erde hinab und erleuchte unsere schwachen Brüder, welcher
Partei sie auch immer angehören mögen, und hilf ihnen allen!‘ – Und der Herr
spricht dann huldreich zu uns: ,Warum bittet ihr denn? Habt ihr etwa mehr Liebe
zu euern Brüdern und Schwestern denn Ich als der Vater aller?‘ Auf solche
Gegenfrage werden wir dann alle wie sprachlos gegenüber der großen Liebe des
ewig heiligsten Vaters.
[RB.01_137,15]
Er liebt alle gleich! Die zu Ihm wollen, kommen auch zu Ihm, und es ist da
niemand ausgenommen. Wie Er Seine Sonne scheinen läßt über Würdige und
Unwürdige und Sein Regen auf edle und unedle Kräuter fällt, so ist auch Seine
Gnade, Liebe und Erbarmung. Sie erstreckt sich über alle gleich, und nicht
selten kommt gerade über die Schwächsten ein ganzer Wolkenbruch Seiner höchsten
Liebe, Geduld, Gnade und Erbarmung!
[RB.01_137,16]
Geduldet euch daher nur noch ein wenig, und ihr alle werdet es sehen, was des
Herrn Liebe vermag! – An eben diesen dreißig wird sich Seine Erbarmung ganz
besonders hervortun!“
138. Kapitel –
Der Graf und der Franziskaner über die neuvernommenen Stimmen. Der Graf äußert
immer noch Bedenken. Ein Mann aus dem Volk ruft Jesus an.
[RB.01_138,01]
Die draußen befindlichen etlichen dreißig vernehmen dieses Gespräch, Graf
Bathianyi sogar ganz deutlich, von Wort zu Wort.
[RB.01_138,02]
Der Graf erstaunt sich sehr darüber und spricht zum Franziskaner: „Freund,
haben Sie diese tröstlichen Worte vernommen? Wie mir vorkommt, haben weder Sie
noch ich recht. Zwar war die erste Stimme etwas rauh und voll Ungeduld. Darauf
aber erhob sich eine andere, überaus sanfte Engelsstimme und floß wie ein
Balsam über meine gedrückte Brust! Ja, Freund, so lasse ich mir den Herrn Jesus
schon gefallen! Aber wie Sie Ihn mir vorgezeichnet haben, hätte ich Ihn
wahrlich nie brauchen können.“
[RB.01_138,03]
Spricht der Franziskaner: „Der ist ein Schelm und Hauptlump, der mehr gibt, als
er hat. Meine Meinung war wenigstens ehrlich, wenn auch manchmal etwas grob. Da
es hier für uns alle gleich finster ist, so ist es auch nicht zu verwundern,
daß unsere Kontroversen nicht zu hell ausfallen können. Ich hatte aber im
Grunde dennoch recht, so ich Sie zur Annahme der angebotenen Hilfe von seiten des
Herrn Jesu Christi zu bewegen trachtete. Der Herr Graf aber waren dabei fest
für die Nichtannahme dieser Hilfe gestimmt – höchstens unter allerlei
lächerlich ärgerlichen Bedingungen. Nun aber haben Sie es mit eigenen Ohren
gehört, und so meine ich denn, daß Sie von nun an weiter keine Anstände mehr
machen werden.
[RB.01_138,04]
Daß ich Christus, den ewigen Sohn des Allerhöchsten, nicht so kenne, wie Ihn
Seine Engel kennen, wird doch leicht zu begreifen sein. Aber das wußte ich
doch, daß der gute Herr Jesus nicht gar so tyrannisch unerbittlich ist, wie Ihn
der heilige Ignatius von Loyola dargestellt hat. Denn ich habe den Vers stets
vor Augen gehabt, wo Jesus einmal sprach: ,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig
und beladen seid, Ich werde euch alle erquicken!‘ Leider haben die römischen
Priester das auf den löblichen Beichtstuhl gedeutet, an dessen Stufen allein
der Herr Jesus die Mühseligen und Beladenen annehme und erquicke. Aber diese
Beichtstuhl-Erquickung hat schon manchen Schwachen zur Verzweiflung gebracht
und manche um all ihre Habe, um Ruhe und Leben – Zustände, die wahrlich wenig
Erquickliches aufzuweisen haben! Aber ich dachte mir, daß ein überaus guter
Mensch mit den Beladenen und Mühseligen sicher anders tun möchte als die
heilige römische alleinseligmachende Kirche, die nach dem Verdammen der armen
Ketzer zur ewigen Höllenpein sich das Mittagsmahl ganz harmlos schmecken läßt,
wie wenn gar nichts vorgefallen wäre – und dabei noch die Keckheit hat, sich
eine liebevollste Mutter zu nennen!
[RB.01_138,05]
Und so meine ich: mühselig und beladen wären wir schon und hätten wohl vollsten
Grund, uns zu dem liebreichsten Herrn Jesus hinzubegeben und Ihn um die
verheißene und angebotene Erquickung anzuflehen. Ich bin bereit, den Anfang zu
machen. Wer mir folgen will, tue das, was ich nun unwiderruflich tun werde!“
[RB.01_138,06]
Spricht der Graf: „So warten Sie doch ein wenig! Vielleicht kommen uns noch
einige Winke aus unsichtbarem Munde, wie wir die Sache anzustellen haben. Man
kann denn doch bei dem allerhöchsten Herrn nicht gleich mit der Tür ins Haus
fallen. Sie sind wirklich recht hellen Verstandes trotz der uns umgebenden
Finsternis. Aber den Fehler haben Sie, daß Sie die höchst mystischen
Lebensverhältnisse dieser Welt mit zu natürlichen Augen betrachten und hier
ganz so handeln wollen wie auf der Erde im Hause Ihrer Eltern. Wissen Sie denn,
was hier über uns und unter uns sich befindet? Daher heißt es hier, sich
genauest informieren lassen, bevor man auch den besten Schritt wagt.
[RB.01_138,07]
Ich bin keineswegs mehr gegen die Annahme der angebotenen Hilfe, ja, ich freue
mich sogar kindlichst darauf. Ich sage Ihnen noch mehr: mein höchster Wunsch
geht nun dahin, Christus, den Herrn von Ewigkeit, zu sehen und in höchster
Liebe Ihm zu Füßen zu fallen und, wenn möglich, da aus Liebe zu sterben! Aber,
Freund, sogleich die ganze Hand herreißen, wenn einem ganz mystisch der kleine
Finger gezeigt wird – das geht nicht!
[RB.01_138,08]
Die Artigkeit als Aushängeschild eines dankbaren und demütigen Herzens wird auf
der Erde gerne gesehen, aber die vorlaute Dreistigkeit sehr mißachtet. Sollten
wir denn nun im Reiche des eigentlichen Lebens annehmen, daß man hier wie ein
Gassenbube unartig sein müsse, um bei dem höchsten Herrn der Unendlichkeit
etwas durchzusetzen? – Daher, mein lieber Freund, etwas mehr Eile mit Weile! –
so wird sich meiner Meinung nach schon alles machen.“
[RB.01_138,09]
Spricht der Franziskaner. „Nun ja, in dem Sinne sollen auch Sie einmal nicht
Unrecht haben. Vor Gott müssen wir freilich in tiefster Achtung hintreten, wenn
auch anfangs nur im Herzen. Und so warten wir denn noch ein wenig, vielleicht
hören wir noch einmal etwas Tröstliches.“
[RB.01_138,10]
Auf diese Worte des Franziskaners wird die ganze Gesellschaft still und horcht,
ob sie nicht irgend etwas vernehme. Aber von keiner Seite her kommt ein Wort.
[RB.01_138,11]
Nach einer Weile erfolglosen Harrens tritt einer aus der Gesellschaft vor den
Grafen hin und spricht: „Freund, ich war stets ein Magyar mit Leib und Seele
und fürchte weder Tod noch Teufel. Mein ganzes Leben war dem schweren Dienste
des Ungarntums geweiht. Kein Gott hätte mich zu etwas anderem bewegen können
als für das Heil unseres Vaterlandes. Aber unser aller Erkenntnis war ein
Hirngespinst. Denn was wir auch taten in der fixen Idee, daß es dem Vaterland
fromme, das taten wir ohne Gott. Wohl sprachen wir Gebete vor des Volkes Ohren,
um es zu berücken. Aber wo war da unser Herz, wo unser Glaube, wo die wahre
Liebe zu Gott und zum Volk?
[RB.01_138,12]
Wir wußten, daß wir schwach sind und harrten dabei auf eine Hilfe von außen
her. Aber diese kam nicht und wir mußten uns gefallen lassen, daß zufolge
unserer Großtuerei unser Gegner die Hilfe Rußlands ansuchte und auch bekam. Am
Ende aber mußte es offenbar werden, wie wir bestellt waren. Und das Fazit war,
daß wir unserem Volk nicht nur nichts genützt, sondern nur unsere Hoffnungen zu
leeren Träumen gemacht haben.
[RB.01_138,13]
Daraus aber folgere ich, daß wir uns hier auch nicht auf andere Hilfe verlassen
sollen. In dem wunderbar klingenden Antrag hieß es: ,Wendet euch an den Herrn
Jesus, und es wird euch geholfen werden!‘ – Dawider und dafür habe ich nun
schon bis zum Ekel zwischen dir und dem Franziskaner eine Menge Worte
versplittern gehört. Um wieviel besser ist es darum nun mit uns? Noch stehen
wir am alten Fleck! Darum kein Zaudern mehr, sondern handeln nach der gegebenen
Bedingung! Sonst gehe ich auf und davon und werde für mich ganz allein
handeln!“
[RB.01_138,14]
Spricht der Graf: „Mein lieber Freund, das ist ja ganz merkwürdig, daß in
dieser chimärenhaften Geisterwelt alle Radikalen schwarzgelb werden! Am Ende
ist die Gottheit selbst ganz schwarzgelb!“
[RB.01_138,15]
Fällt ihm der andere erregt in die Rede: „Eh, sage mir in Gottes Namen, was
hast denn du gewonnen mit deiner antischwarzgelben Völkerbeglückung? Daß wir
beide und vielleicht noch einige Dutzend aufgehängt wurden, ist unser ganzer
radikaler Gewinn! Und es muß unser antischwarzgelbes Benehmen auch der lieben
Gottheit nicht sehr gefällig gewesen sein, ansonsten wir nach unserer
Justifizierung doch sicher nicht in einen solch jammervollen Zustand versetzt
worden wären!
[RB.01_138,16]
Sieh, Freund, obschon wir uns in einer vollen Finsternis befinden, wird es mir
aber im Herzen doch stets klarer. Ich sehe es ganz hell ein, daß der Mensch
nicht für die Erde – auf der er nur ein Vorbereitungsleben durchzumachen hat,
sondern für eine ewig dauernde Geisterwelt erschaffen ist, in der sich gar
leicht die höchste Seligkeit bekunden kann.
[RB.01_138,17]
Wären wir lieber der österreichischen Regierung treu untertänig geblieben und
hätten uns manchen Druck gefallen lassen, der zum allgemeinen Besten berechnet
war, stünde es nun besser um uns. Da wir aber der sicher von Gott gestellten
Regierung ungehorsam geworden sind und selbst Regenten werden wollten, haben
wir nun auch den Lohn dafür erhalten. Es ist genug, daß wir auf der Erde
Meisterstücke menschlicher Dummheit an das Tageslicht befördert haben. Sollen
wir hier davon etwa auch noch Gebrauch machen? Lieber für ewig ein gemeinster
Einwohner irgendeines schwarzgelben Himmels sein, als in dieser Hölle einen
radikalsten König abgeben!
[RB.01_138,18]
Ich binde mich nun nimmer an irgendeine Farbe außer an die des Gehorsams und
der wahren Demut. Und so rufe ich nun laut aus:
[RB.01_138,19]
,Du erhabenster, gerechtester und liebevollster Herr und Gott Jesus, der Du
auch mich mit Deinem heiligsten Blut am Kreuze erlöst hast, hilf mir und
womöglich uns allen aus dieser lichtlosen Bedrängnis! Höre nimmer auf das
herrschsüchtigste Eselsgeplärr eines hochadeligen, selbstsüchtigen Demokraten,
bei dem das gemeine Volk dennoch Canaille hieß! Sondern höre auch auf uns
andere armen Teufel und hilf uns allen nach Deiner Gnade und Barmherzigkeit aus
diesem großen Jammer, der wohl schon einige Tausende von Erdjahren andauert!‘“
139. Kapitel –
Im Grafen wird es hell. Ein Hochgebirge und ein Palast werden sichtbar.
Liebevollste Belehrungen über die jenseitige Ordnung.
[RB.01_139,01]
Der Graf kehrt sich bei diesem Aufruf des Redners beinahe um vor Ärger und will
davonfliehen. Aber der Franziskaner faßt ihn am Rock fest und sagt: „Herr Graf,
keinen Schritt weiter! Sie haben in Ungarn über uns als erster Minister geherrscht.
Es wird heller nun, der ewige Richter kommt: Sie werden uns vor Ihm
verantworten! Verstehen Sie mich?“
[RB.01_139,02]
Der Graf, ganz entsetzt über den sonderbaren Ernst des Franziskaners und noch
voll Ärger über das Gebet des Redners, gerät förmlich in Fieber und spricht
ganz sanft und gelassen: „Nun, nun, mir ist, ja, mir ist schon alles recht.
Aber das bitte ich euch, daß ihr mich nicht wie einen Raubmörder umbringt!
Fallet mich nur nicht gar so an, ich will ja alles tun!“ – Spricht der
Franziskaner: „Nun gut denn, aber vor dem ewigen Richter, wie wird es Euch da
ergehen – und wie uns als Ihren Helfershelfern?“
[RB.01_139,03]
Spricht der Graf: „Aber lieber Freund, haben Sie denn nicht früher gehört, daß
der Herr uns allen gnädig und barmherzig sein will! Wie soll Er uns dann
richten wollen? Oder wozu soll der Allmächtige und Allwissende erst eine
Gegenüberstellung mit Seinen Geschöpfen halten, um sie durch ihr eigenes
Geständnis dahin zu bringen, selbst einzusehen, daß sie mit Recht verdammt
werden? Oh, das ist verdammt schwach von einem römisch-katholischen
Ordenspriester, der Gottheit menschliche Schwächen anzudichten. Gott ist gut
und gnädig, wem Er gut und gnädig sein will. Wen Er aber fallen läßt, dem hilft
gar nichts, am allerwenigsten das Fürwort eines ungarischen Grafen. Ich glaube
aber, daß der liebe Herrgott auf den Mist gar nicht schauen wird, den wir uns
gegenseitig vor die Türen gekehrt haben. – Verstehen Sie das, mein lieber Pater
Grobianus?“
[RB.01_139,04]
Spricht der Franziskaner: „Schon gut, Herr Graf! Wir werden es ja zu sehen
bekommen, wer am Ende recht haben wird. Es wird nun immer heller von Osten her,
wie es mir vorkommt. Wenn nur der fatale Nebel nicht wäre! Wir müßten sonst bei
dieser Helle doch schon hie und da etwas wahrnehmen, wenn es hier überhaupt
etwas zum Erkennen gibt.“
[RB.01_139,05]
Spricht wieder der Redner: „Liebe Freunde und Brüder, mir ist ein guter Gedanke
durch meine Seele gefahren und diesen will ich euch kundtun! Seht, wir sind
alle gleich unglücklich geworden und keiner hat etwas vor dem anderen. Wie wäre
es, so wir lieber in echter Bruderliebe und Freundschaft beisammen verharrten
und ohne gegenseitige Vorwürfe erwarten, was die Allmacht Gottes über uns
verfügen wird? Es ist ja ohnehin Qual genug, so wir uns vor Gott fürchten wie
eine Taube vor den Krallen eines Aars. Meinet ihr denn, daß dadurch das Urteil
Gottes gegen uns milder ausfallen wird? Gott tut, was Er will, und keine
Ewigkeit bringt Ihn von Seinem einmal gefaßten Urteil ab! Daher seien wir
wenigstens unter uns freundlich, so uns die Gottheit nimmer freundlich
entgegenkommen sollte! – Aber es wird nun im Ernste heller und heller, und
gegen aufwärts kommt mir auch der Himmel schon recht blau vor! Nur Sterne kann
ich noch nicht wahrnehmen. Wahrscheinlich werden hier auch keine sein.“
[RB.01_139,06]
Spricht der Graf: „Bravo, Freund Miklosch, deine Sprache gefällt mir tausendmal
besser als die des Paters Cyprianus. Wahrlich, ein Pfaffe bleibt doch ewig ein
gefühlloses Wesen! Aber es sei ihm alles verziehen! Von nun an werde ich mich
nimmer erheben, auch über meinen ärgsten Feind nicht. Gott gebe uns allen eine
rechte Erkenntnis und eine gegenseitige feste Geduld! Sein Wille sei mit uns
allen!“
[RB.01_139,07]
Auf diese Äußerungen des Grafen werden die Nebel dünner und es kommt allen vor,
als wenn sie sich noch nicht gar zu lange in dieser Gegend befänden.
[RB.01_139,08]
Miklosch sagt nach einer Weile, als er gegen Abend und Mitternacht ein
mächtiges Gebirge entdeckt: „O Freunde, da, da sehet hin! Land, Hochgebirge!
Endlich, zum erstenmal Land in dieser Welt, und das ein Hochgebirgsland! Es
steht über den majestätischen Anblick eines Hochgebirges wohl ewig nichts auf!
Das sänftigt ganz wunderbar das sonst oft so magere Gemüt des Menschen und sein
Herz wird im Glauben an einen allmächtigen Gott gestärkt und von Liebe zu Ihm
entbrannt. O wie erbaut bin ich nun beim Anblick dieses riesigen Hochgebirges!
Besonders die Spitze zwischen Abend und Norden ist etwas Ungeheures. Wahrlich,
gegen diese wären die höchsten Spitzen der Erde kaum Hügelchen zu nennen. Seht
ihr wohl auch dieses prachtvolle Hochgebirge?“
[RB.01_139,09]
Sprechen alle: „Jawohl, wir sehen es. Aber es muß noch sehr weit von hier
entfernt sein. Man kann das aus der gräulich-blauen Färbung entnehmen. Fast muß
man sich das Genick ausrenken, so man jene höchste Spitze erschauen will. Das
muß eine Höhe sein! Gott tausendmal Lob, daß wir doch einmal etwas zu sehen
bekommen! Oh, das ist herrlich, man könnte sich geradezu die Augen ausschauen.
Aber merkwürdig, daß gegen Mittag und besonders gegen Morgen noch alles in
Nebel gehüllt ist! Und doch kommt eine gewisse Helle nur von Morgen her! Die
Sonne, so es hier auch eine gibt, muß noch tief unter dem Horizont stehen, weil
selbst auf jenen höchsten Spitzen keine Strahlen anschlagen.“
[RB.01_139,10]
Spricht der Graf: „Doch, wie ich es merke, steht die höchste Spitze schon in
den Strahlen, ansonsten sie nicht so rötlich schimmern würde. Aber es ist
wahrlich etwas ungeheuer Majestätisches, der Anblick so eines Gebirges! Freunde,
wenn wir hier nur einen Führer hätten, ich wäre wirklich einer der ersten, der
sich entschlösse, so ein Gebirge zu besteigen. Von der mittägigen Seite müßte
die Spitze nicht einmal gar zu schwer zu besteigen sein. Und zu versäumen
hätten wir hier gerade auch nichts. – Nun, Pater Cyprianus, was sagen denn Sie
dazu?“
[RB.01_139,11]
Spricht der Franziskaner: „Was soll ich dazu sagen? Ich habe genug geredet und
man hat mich nicht gehört, sondern nur einen Grobian gescholten. Darum bin ich
nun still und werde bloß hören und danach handeln, so mir das Gehörte zusagt!
Gehet ihr ins Gebirge, so werde ich nicht allein zurückbleiben. Aber ich meine,
auf jener unermeßlich hohen Spitze wird keinen von uns je der Kopf schmerzen,
denn da wird man schon beim Hinaufschauen schwindlig. Wie würde es einem erst
oben ergehen!“
[RB.01_139,12]
Spricht Miklosch: „Ja, so denke ich auch! Wir sind zwar hier wohl Geister und
somit um vieles leichter als auf der Erde; aber von einer solchen Höhe möchte
ich denn doch keinen Salto mortale wagen. Bleiben wir daher noch eine Weile,
bis es etwas heller wird, es wird sich dann schon zeigen, was zu tun uns
übrigbleibt. Mir kommt es im Geiste vor, als ob wir in Kürze hier ganz seltene
Besuche bekommen werden. Und so mich meine Sinne nicht täuschen, kommt dort von
Morgen her soeben schon jemand gerade auf uns zu.“
[RB.01_139,13]
Spricht der Graf: „Ja, ich sehe auch jemanden mit einem faltenreichen Gewand!
Am Ende ist das wieder ein neuer Ankömmling von der lieben Erde, etwa auch ein
gleich uns Justifizierter?“
[RB.01_139,14]
Spricht der Franziskaner: „Da müßte er gleich uns noch in irdische Lumpen
gehüllt sein. Auf der Erde trägt seit den alten Griechen und Römern kein Mensch
ein Faltengewand mehr. Das wird schon ein recht alter Bürger dieser Welt sein!
Nun, es wird sich bald zeigen, wer er ist und was er seines Amtes sein dürfte.
Ich werde ihn zu uns herrufen!“
[RB.01_139,15]
Spricht Miklosch: „Ich glaube, daß wir ihn gar nicht zu rufen brauchen, er
bewegt sich ohnehin gerade zu uns her. Seine Annäherung macht einen guten,
sogar wohltuenden Eindruck auf mein Wesen. Das muß ein guter Mensch oder Geist
sein! Es wird nun auch heller, je näher er kommt, und das ist etwas sehr
Merkwürdiges! Da sehet hin gegen Morgen: etwas hinter dem Mann erschaue ich
durch die noch starken Nebel auf einmal ganz deutlich Umrisse eines ungeheuer
großen Palastes!“
[RB.01_139,16]
Alle wenden ihre Gesichter gen Morgen hin, entdecken zugleich, was der Miklosch
entdeckt hat, und verwundern sich darüber gewaltig. Der Graf sagt: „Seht, ich
hatte früher doch recht! Hätten wir uns um einige hundert Schritte
weiterbewegt, wären wir mit der Nase an dieses Gebäude gestoßen und hätten dort
um Einlaß bitten können! So aber sind wir noch hier.“ Spricht der Franziskaner:
„Das macht nichts! An der Ewigkeit um ein paar Minuten früher oder später, das
ist schon einerlei! Aber nun stille! Der gute Mann, der wahrscheinlich in jenem
Palast wohnt, ist uns schon sehr nahe. Es erfordert die Artigkeit, daß wir ihm
entgegengehen, indem er sich ganz sicher unseretwegen hierher bemüht.“
[RB.01_139,17]
Mit diesem Antrag sind alle einverstanden und gehen dem Ankommenden entgegen.
Als sie mit ihm zusammenkommen, nimmt der Graf das Wort und spricht: „Mit dero
gütigster Erlaubnis zu fragen – wohin denn so eiligen Ganges? Werden wohl
vielleicht einen noch sehr weiten Weg zu machen haben?“
[RB.01_139,18]
Spricht der Fremde: „Seid Mir gegrüßt, liebe Freunde und Brüder! Ich komme nur
euretwegen hierher zu euch. Ich habe eure Stimmen vernommen und bin daher von
diesem Hause herausgeeilt, um euch allen nötigenfalls Hilfe anzubieten, so ihr
einer bedürfet. Ich wohne in diesem Hause, das ihr von hier noch etwas im Nebel
erschauet.“ – Spricht der Graf: „Dieselben werden wohl höchstwahrscheinlich der
Eigentümer –?“
[RB.01_139,19]
Spricht der Fremde: „Ja, so halb und halb, wie man zu sagen pflegt. Aber seht,
es gibt hier kein eigentliches gesondertes Eigentum, alles ist da gewisserart
ein Gemeingut. In diesem Reiche herrscht eine reine Demokratie. Denn was einem
gehört, das gehört auch allen andern, die eines Sinnes und Herzens sind. Und so
könnt auch ihr von allem einen Genußbesitz nehmen, ohne euch dabei zu fragen:
wem gehört hier dies oder jenes? Hier herrscht die vollendetste Freiheit, über
die nur eines jeden freiester Geist ohne irgendeine Einsprache zu befehlen hat.
Was hier jemand will, das wird ihm auch zuteil.“
[RB.01_139,20]
Spricht der Graf: „O schön, das ist eine herrliche Ordnung! Das wollten wir auch auf der Erde erkämpfen, aber es
ging da nicht. Denn da ist noch immer das Recht des Stärkeren! – Aber hier
scheint demnach das Recht des ersten Besitznehmers zu gelten oder gar das
uralte ,Jeder ist Selbstherr‘?“
[RB.01_139,21] Spricht der Fremde: „Ja, ja,
fast so, aber doch noch etwas anders! Denn hier gibt es nur ein Recht und das
ist das Recht der freien, reinen Liebe. Wie die Liebe, so das Recht aus und
durch die Liebe! Was ihr wollt, daß man euch tue, das tuet auch den anderen –
das ist hier der Grundsatz des Lebens! Und weil jedermann diesen obersten Rechtsgrundsatz
zu seiner Hauptlebensmaxime macht, räumt er dadurch auch jedem das freie Recht
ein, von allem, was er hat, den vollen Mitgenuß zu nehmen, da er umgekehrt auch
das gleiche Recht ganz unbeirrt sich herausnehmen darf. – Ihr sehet nun jenes
Haus schon etwas klarer. Und Ich sage euch, daß ihr das vollste Mitgenußrecht
dieses Hauses habt, weil auch der Besitzer seinerseits dasselbe Recht hat an
einem Besitz, der euch hier irgendwo zuteil werden kann. Seid ihr mit diesen
Rechtsprinzipien einverstanden?“
[RB.01_139,22] Spricht der Graf: „Aber
Freund, das ist ja der Kommunismus in bester Form oder so ganz eigentlich das
reine, alte Christentum! Auf der Erde blüht für solch eine Staatsverfassung
wohl noch lange kein Weizen. Es ist wahrlich die natürlichste und beste
Verfassung eines Volkes. Nur das Üble ist daran, daß sich dabei die Trägheit
vor dem Fleiße in einem mächtigen Vorteil befindet.“
[RB.01_139,23] Spricht der Fremde: „Freund,
du irrst dich! Der Träge und der Fleißige stehen hier in keiner Gemeinschaft,
weil der Träge unmöglich das wollen kann, was da der Fleißige will. Hier ist
das wahre ,Gleich- und Gleich-gesellt-sich‘, und das Ungleiche scheidet sich
von selbst aus. Denn wenn der oberste Rechtsgrundsatz heißt, daß ein jeder
seinem Bruder gerade dasselbe zu tun hat, was er im Gegenfalle von seinem
Bruder wünschen kann, – so ist dadurch schon von selbst ausgeschlossen, daß der
Träge von seinem fleißigen Bruder alles ihm Zusagende wünscht, ohne jedoch des
Sinnes zu sein, dem Bruder das gleiche zu tun. Das geht hier durchaus nicht, da
hier eben ein jeder Geist nur trachtet, seinen Brüdern auf jede mögliche Art zu
nützen. Wer aber träge und nicht von diesem Geiste beseelt ist, dem ekelt es
bald vor solchem Kommunismus, und er sucht sich eine Gesellschaft aus, die in
allem seines Sinnes ist. Wie es aber nach kurzem einer solchen isolierten
Faulenzergesellschaft ergehen kann, dürfte wohl jedem aus euch ohne viele
Erläuterung klar sein.
[RB.01_139,24] Ihr sagt dazu: Ja! Weil ihr
dies nun völlig einseht und das Rechtsgesetz dieser Welt, in der es keinen Tod
mehr gibt, als gut anerkennt – so verhaltet euch auch so, wie es in eurem
eigenen Interesse dieses Gesetz fordert. Dann seid ihr dadurch schon vollkommen
Bürger dieser Welt und könnt von allem einen guten, euch dienlichen Gebrauch
machen, so ihr in jenes Haus ziehen wollt, um dort irgendeine Erquickung zu
nehmen. Nur müßt ihr aber den festen Willen mitnehmen, diesem Hause auf jede
mögliche Weise nützlich sein zu wollen!“
[RB.01_139,25] Spricht der Graf: „Mein
geehrtester lieber Freund, das versteht sich von selbst! Denn ich wollte ja bei
weitem lieber gar nicht sein, als von jemandem etwas annehmen, das ich ihm
nicht auf eine oder die andere Art wieder rückerstatten könnte. So ist auch
meine ganze Schar; dafür getraue ich mich einen Bürgen zu machen mit dem besten
Gewissen! Aber nun, lieber Freund, der du schon sicher länger diese Gegend
bewohnst und dich überall gut auskennen wirst, sage uns allen, wie wir uns zu
unserer Hilfe an den alleinigen Gott Himmels und der Erde, also an Jesus, den
Gekreuzigten, wenden sollen? Wo ist Er? Und werden unsere sündigen Augen je
Sein heiligstes Antlitz zu sehen bekommen?
[RB.01_139,26] Wir sind ehedem, als es hier
noch sehr finster war, durch eine Stimme aufgefordert worden, uns an Jesus zu
wenden, so uns geholfen werden soll. Anfangs hielt ich das mehr für eine
akustische Täuschung. Aber nach und nach fing ich an einzusehen, daß an der
Sache wirklich etwas sein müsse. Aber wie diese effektvoll anpacken, das ist
eine andere Frage! Und dies würde uns wahrscheinlich kein Wesen besser
beantworten können als gerade du, der du hier sicher in allem und jedem schon
ganz zu Hause sein wirst.“
[RB.01_139,27] Spricht der Fremde: „Ganz gut,
Meine lieben Freunde! In dieser Welt bin Ich sozusagen überall völlig zu Hause.
Aber was euer Anliegen betrifft, so habt ihr euch ja ohnehin schon an den Herrn
Jesus gewendet, weshalb es auch sogleich heller um euch geworden ist. Ich
brauche euch daher in dieser Sache nichts Weiteres mehr zu eröffnen. Behaltet
nur Jesus in eurem Herzen, so wird euch ehestens die beste Hilfe werden. Nur
müßt ihr allen euern von der Welt mitgebrachten Hochmut, Stolz, Eigendünkel,
alles Rachegefühl und die leidige Sinnlichkeit in bezug auf das weibliche
Geschlecht für ewig von euch verbannen und alles Jesus, dem Herrn,
anheimstellen. So werdet ihr für ewig bei Ihm, um Ihn und in Ihm sein! Denn
Seine Güte ist unermeßlich.“
140. Kapitel – Weitere Fragen an den Fremden
über Jesus. Rätselvolle Antwort.
[RB.01_140,01] Spricht Miklosch, ganz
entzückt über die Worte des Fremden: „O liebster Freund, da du den Herrn Jesus
Christus gut zu kennen scheinst, ansonsten du doch nicht mit solcher Zuversicht
von Ihm reden könntest, so gib uns allen gefälligst eine kleine Beschreibung
von Ihm und zeige uns ungefähr die Gegend, wo Er Sich mit Seinen seligsten
Freunden vorzugsweise aufzuhalten pflegt.“
[RB.01_140,02] Spricht der Fremde: „Liebe
Freunde! Was da die erste Frage betrifft, so muß ich euch sagen, daß gerade Ich
Selbst die größte Ähnlichkeit mit Ihm habe. Persönlich sieht Er geradeso aus
wie Ich. Auch Seine Stimme ist ganz wie die Meinige. Fürwahr, wer Mich sieht,
der sieht das wirklich vollkommene Ebenbild Jesu des Herrn! Ihr dürfet also nur
Mich recht fest ins Auge fassen, so seht ihr auch schon so gut wie Jesus
Selbst, der Gestalt nach.
[RB.01_140,03] Was aber das Wo betrifft, so
ist die Antwort ein wenig schwieriger, obschon am Ende alles auf eins
hinausläuft. Im allgemeinen aber wohnt Er im ewigen Osten. Und vom irdisch
naturmäßigen Standpunkt aus betrachtet in der Gegend des Sternbildes ,Löwe‘,
und zwar in der entsprechenden geistigen Zentralsonne, die da umfaßt die
naturmäßige unter dem Namen Regulus und über sie hinaus die ganze
Unendlichkeit. Habt Ihr Mich wohl verstanden?“
[RB.01_140,04] Spricht der Graf: „Ja, so gut
es gehen mag! Aber daß du dich dabei ein wenig dunkel über das Wo geäußert
hast, wird wohl jeder von uns gemerkt haben. Wie da deine persönliche
Ähnlichkeit mit Jesus und Sein wahres Wo am Ende auf eins hinauslaufen könnte,
das, liebster Freund, ist mir ein bißchen zu rund! Denn was hat deine zufällige
Ähnlichkeit mit dem wahren Wo des Herrn Jesus zu tun? Wie kann das eins sein?
Da mußt du dich im Eifer vielleicht doch ein wenig verredet haben. Sei demnach
so gut und deute uns diese Sache ein wenig klarer!“
[RB.01_140,05] Spricht der Fremde: „Ja, mein
lieber Bathianyi, schau, hier ist es schon einmal so! Es muß einem da nicht
alles auf einmal klar sein. Siehst du denn nicht, wie diese Gegend von den
Nebeln nicht auf einmal klar werden will? So geht es auch mit so mancher
Antwort. Eine vollständige Antwort macht den Geist träge, weil er um nichts
Weiteres mehr zu fragen hat. Ist aber die Antwort etwas dunkel, wird der Geist
über alle Maßen fleißig, um sich darin wieder zurechtzufinden. Sieh, über die
Gestalt Jesu hast du keinen weiteren Anstand erhoben. Dein Geist gab sich auf
diese klare Antwort sogleich seiner trägen Ruhe hin und fragte um nichts mehr.
Aber die Dunkelheit der zweiten Antwort erweckte ihn wieder und er nötigte dich
dann, weiter fragen zu müssen. Und das ist gut! – Mache dir daher in der
Zukunft über irgendwo vorkommende Zweifel keine Skrupel, denn zu rechter Weile
wird dir schon alles klar werden!“
[RB.01_140,06] Spricht der Graf: „Das ist
alles recht schön, gut und wahr – aber sehr mystisch bleibt es immer!“ – Fällt
ihm der Franziskaner ins Wort: „Ja, ja, mystisch und immer mystisch! Wir müssen
froh sein, daß uns dieser Freund so viel Aufschluß erteilt, nicht aber, daß wir
noch seine herrlichen Worte bekritteln sollen. Mich hat die zweite Antwort gar
nicht im geringsten geniert. Sie, Herr Graf, aber möchten halt schon wieder die
ganze Hand, wo Ihnen ein Finger gezeigt wurde. Ich finde darinnen wahrlich
keine Höflichkeit, die Ihnen doch sonst so eigen war!“ – Spricht der Graf:
„Freund, das geht Sie nichts an! Wenn Sie eines trägen Geistes sind, so seien
Sie es immerhin, aber von meinem Geiste haben Sie keine Trägheit zu verlangen!“
[RB.01_140,07] Spricht der Fremde: „Ruhig,
ruhig, meine Freunde! In solchem Eifer läßt sich nichts Großes und Wahres
erreichen. Liebe sei euer Führer!“
141. Kapitel – Der Franziskaner über die
Liebe. Er kritisiert den Grafen. Dessen aristokratische Antwort. Mikloschs
Vermittlung.
[RB.01_141,01] Spricht der Franziskaner:
„Haben Sie gehört, was dieser edle Freund gesagt hat? Die Liebe soll unser
Führer sein! Mit sehr wenig Worten ungeheuer viel gesagt. Ja, die Liebe, die
große heilige Liebe! Darin liegen alle Geheimnisse des Lebens verborgen.
[RB.01_141,02] Wir kennen wohl auch eine Art
Liebe. Aber diese heißt bei uns Nummer eins Eigenliebe und Nummer zwei
Fleischliebe, das heißt das Fleisch des schönen Geschlechts. Mit dieser Liebe
haben wir beide manches Abenteuer zu bestehen gehabt. Aber jene göttliche Liebe,
die noch am Kreuze unter größten Schmerzen für ihre Mörder den ewigen Vater um
vollste Vergebung bitten konnte – Herr Graf, von solch einer Liebe hat uns
beiden wohl noch nie etwas geträumt! Und doch ist nur in dieser Liebe alles
enthalten, was das Leben bedingt.
[RB.01_141,03] Unsere Feinde verderben, ihnen
alles Ungemach über ihre Köpfe wünschen und sie der Hölle überliefern – dazu
wären wir ganz gemacht. Aber die segnen, die uns verflucht haben, unseren
Missetätern Gutes tun und jene aufnehmen, die uns verfolgt haben, von dem ist
noch keine Spur in unseren Herzen. Denn bisher haben wir geheim noch immer eine
mögliche Rache gebrütet. Seine Brüder verurteilen aus irgendeiner Macht heraus,
ist wahrlich keine Kunst. Brüder wegen Meinungsverschiedenheiten hassen, ist
eine leichte Sache. Aber Meister der eigenen Leidenschaften werden und über
alle Schwächen der blinden Menschen die reine göttliche Liebe allein walten
lassen und ihnen Gnade und Vergebung von oben herab aus vollem Herzen wünschen
und mit allen Brüdern Geduld und Erbarmung haben, Freund, das ist eine ganz
andere Kunst!
[RB.01_141,04] Und sehen Sie, wertester
Freund, das ist eben die heilige Gottesliebe, das Geheimnis alles Lebens, von
der uns beiden noch nie etwas geträumt hat. Und so ich mich nicht irre, hat
unser noch unbekannter Freund gerade diese Liebe gemeint, daß sie unser Führer
werde. Wie aber wird das möglich sein, solange wir nicht viel besser als Hunde
und Katzen miteinander harmonieren? Aufrichtig gesagt, von Ihnen, Herr Graf,
ärgert mich hauptsächlich das am meisten, daß Sie nicht einmal Ihren Titel
ablegen wollen. Ich habe meinen ,Pater Franziskaner‘ schon lange verabschiedet.
Warum haben Sie es mit Ihrem ,Herrn Grafen‘ nicht auch schon lange so gemacht?
– Glauben Sie mir sicher, ich hätte Sie als Mensch und Bruder nie mit einer
Silbe beleidigt, so mich an Ihnen der Graf, der in dieses Geisterreich paßt wie
die Faust aufs Auge, nicht immer ärger geniert hätte. – Ich bitte Sie nun um
Ihres Heiles willen, geben Sie selbst dem ,Herrn Grafen‘ einen Nasenstüber für
ewig! Sie sollen dann nimmer ein Wort vernehmen, das Sie im geringsten
beleidigt. Und ich will Sie auch für alle Ihnen angetanen Beleidigungen aus
ganzem Herzen um Vergebung bitten. Tun Sie es doch dieses edelsten Freundes wegen,
aus dessen Mund schon so viel Tröstendes für unsere traurigen Herzen geflossen
ist.“
[RB.01_141,05] Spricht der Graf: „Mein lieber
Cyprian, so wohlfeil wird der ,Graf‘ nicht verkauft. Dieser Freund, der sehr
weise zu sein scheint, hat so etwas von mir noch nicht verlangt. Und so er's
verlangt hätte, fragt sich's, ob ich seinem Begehren sogleich gewillfahrt
hätte. Denn das Geschlecht der Bathianyi ist sehr alt, verstehen Sie das?“ –
Spricht der Franziskaner: „O ja!“ – Spricht der Graf: „Bleiben Sie, was Sie
sind, und ich, was ich bin! Was geniert Sie das, ob ich ein Graf oder kein Graf
bin? Hat es denn nicht auch sehr fromme Grafen, Fürsten und Herzöge gegeben?
Oder kann man als ein Graf Gott nicht ebensogut lieben? Ich glaube, die feine
Bildung eines Kavaliers wird für eine reine Liebe doch fähiger sein als die
eines gemeinen Stallbesens! Gott müßte nicht vollkommen sein, so Er am
Unvollkommenen ein größeres Wohlgefallen hätte. Warum werden denn sogar im
Himmel die vollkommensten Engel ,Erzengel‘ genannt? Auch nennt man sie ,Fürsten
des Lichts‘ und ,Herolde der Macht Gottes‘! – Es hat also schon den
erstgeschaffenen Geistern Gott Selbst eine bestimmte Rangordnung gestellt, die
Er sogar unter den Weltkörpern, Bergen, Meeren, Pflanzen und Tieren genau
beobachtet. Und zwar so, daß sich gegenseitig wohl alles dienen muß.
Dessenungeachtet bleibt die Sonne fortan Sonne und kann zu keinem gemeinen
Planeten herabgezogen werden, und der Chimborasso bleibt Chimborasso und kann
zu keinem Maulwurfhügel herabgedrückt werden. Zwischen einem Amazonenstrom und
einem Bächlein wird hoffentlich auch ein merklicher Unterschied sein.
[RB.01_141,06] Möchten Sie nicht die Gottheit
darum angehen, daß sie solche Vorrangsrechte in der großen Natur beseitigen
möchte? Warum hat denn dereinst Jehova nur einen Saul, David und Salomo zu
Königen und Herren übers ganze jüdische Volk gesetzt? Hätte Er nach Ihrer
Meinung nicht lieber das ganze Volk zu lauter Königen salben sollen? So hat
meines Wissens Gott auch dem David die Verheißung gemacht, daß Er aus Davids
Stamm den künftigen Messias der Welt erwecken werde, und daß sein Stamm ewig
bestehen werde. Mußte Jesus denn gerade von Maria, die königlichen Stammes von
David her war, geboren werden, und Joseph, der desselben Stammes war, Sein Nährvater
sein? Haben Sie nie gelesen, wie im Buche, ich glaube der Chronik, von Adam an
die edle Primogenitur bis auf Jesus nachgewiesen wird? Wozu sollte denn solches
gut sein? Sollen nach Ihrer Meinung nicht lieber alle Menschen wie die Spatzen
gleich sein?
[RB.01_141,07] Lieber Freund, wie können Sie
eine Rangordnung, welche doch die Gottheit Selbst eingeführt hat, auf einmal
aufheben wollen! Hat das nicht die Gottheit so geordnet, daß mein Stamm in das
gräfliche Patriarchat aufgenommen werden mußte? Hat aber Gott einmal etwas
bestimmt, dürfen das Menschen bloß nach ihrem Gutdünken aufheben? Ich bin Graf
von Gott aus und kann daher dieses ehrwürdigen Vorzugs nicht von seiten eines
ehrneidigen Franziskaners entsetzt werden!“
[RB.01_141,08] Spricht der Franziskaner: „Ich
habe aus Ihrer mit allerlei fraglichen Beweisen unterspickten Rede klar
entnommen, daß dem Menschen nichts schwerer fällt, als sich zu demütigen und
seine auf der Welt erreichten Hoheitsvorrechte fahren zu lassen. So habe ich
aus Ihrer genialen Rede auch herausgefunden, daß es den irdisch Hohen sehr
schwer wird, so klein zu werden wie die Kinder, die noch von keiner irdischen
Vorzüglichkeit etwas in sich verspüren und die nach dem Worte Gottes allein die
Befähigung haben, in das Reich Gottes einzugehen. Und auch das habe ich
gefunden, was einst der Herr und Gott Jesus zum reichen Jüngling gesagt hat:
daß nämlich ein Kamel leichter durch das Öhr einer Nadel gehe als ein Reicher
oder Hoher (was ein und dasselbe ist) ins Himmelreich.
[RB.01_141,09] Freund, ist denn das
Senfkörnlein, mit dem der Herr Selbst Sein Reich verglich, etwa ein Chimborasso
oder ein Amazonenstrom? O nein, es ist unter den Samenkörnern das kleinste! So
aber der Herr Sein Reich mit einer solchen Kleinigkeit vergleicht, wodurch Er sicher
die äußerste Demut des Menschen andeuten will, so kann man doch nicht annehmen,
daß Chimborassos und Amazonenströme auf der Oberfläche des kleinen Körnchens
Platz finden. Auch sagt Er, daß unter den Ästen des ausgewachsenen
Senfstrauches die Vöglein des Himmels Wohnung nehmen werden. Hätte Er da
zugunsten der irdischen Hoheit nicht vielmehr sagen sollen: ,Und unter seinen
Ästen werden Greife, Aare, Lämmergeier und Strauße Wohnung nehmen!‘ – um
dadurch anzuzeigen, daß man wenigstens ein Baron auf der Welt sein mußte, um
ins Himmelreich aufgenommen zu werden.
[RB.01_141,10] O mein lieber Herr Graf, Sie
können mir mit tausend Beweisen kommen, und ich werde stets bei dem Spruch
Christi verbleiben: ,Was vor der Welt groß, hoch und herrlich ist, das ist vor
Gott ein Greuel!‘ – Ich möchte wetten, daß wir im Himmelreich weder einen David
noch einen Salomo als König, keinen Kaiser Karl den Großen, keinen heiligen
König Stefanus von Ungarn und somit auch keine Fürsten und Grafen antreffen
werden. So sie schon im Himmelreich weilen, sind sie lauter liebe, gegenseitig
dienstbeflissene Brüder, die alle nur einen Gott, einen Herrn und einen Vater
haben. Aber in der Hölle dürften noch so manche eisenfeste Erzaristokraten sich
gegenseitig Honneurs machen! Da, unser edler Freund möge mich aufs Maul
schlagen, so ich eine Unwahrheit geredet habe. Will Ihnen aber dadurch nur
gesagt haben, wie ich Ihre Rede für mich verstanden habe. Der edle Freund aber
möge zwischen uns beiden den Schiedsrichter machen, wenn Sie nichts dawider
haben!“
[RB.01_141,11] Spricht der Graf: „Oh, ich
habe dagegen gar nichts einzuwenden. Es bedarf aber da meiner Meinung nach
keines Schiedsrichters, denn Sie haben recht für Ihren und ich für meinen Teil.
Ich will Ihrer künftigen Seligkeit nichts in den Weg legen, und Sie lassen mich
von nun an der meinigen zugehen, so sind wir beide ohne Schiedsgericht auf
leichte Weise quitt miteinander.“ – Spricht der Franziskaner: „Bei dem ist
Taufe und Chrisam verdorben! Alles kann gewonnen werden, selbst ein Judas
Ischariot; aber bei einem ungarischen Edelmann ist jeder noch so wohlgemeinte
Versuch rein für nichts. Darum: Requiescat in pace!“
[RB.01_141,12] Spricht darauf Miklosch, der
sich unterdessen mit dem Fremden unterredet hatte: „Freunde, ich sage euch,
euer Hadern kommt mir vor wie das Getreidedreschen kleiner Kinder, die in einem
Winkel der Scheune mit kleinen Spieldreschflegeln auf einem leeren Strohhalm
herumpicken.
[RB.01_141,13] Ich sage euch: Wir werden und
können uns gegenseitig schon darum nicht bessern, weil wir – ein jeder für sich
– schlecht sind von A bis Z. Was nützt es uns denn, so wir uns gegenseitig noch
so weise belehren, aber als Tat nichts Weises und Gutes aufzuweisen haben? Wenn
der Belehrte dem Lehrer entgegnen kann: ,Was lehrst du mich in eine gute
Ordnung zu treten, und wandelst selbst in der Unordnung? Ordne dich zuvor
selbst, so ich an deinen Worten Wohlgefallen finden soll! Warte, bis ich selbst
zu dir komme und sage: Bruder, deine Ordnung gefällt mir. Weihe mich ein in
alle ihre Vorteile und Grundsätze!‘ – Auch fehlt uns alle Erfahrung in dieser
neuen Welt, und wir wissen im Grunde alle nichts, was da die Verhältnisse
dieser Welt betrifft. Wie sollen wir uns dann gegenseitig darüber belehren
können?
[RB.01_141,14] Deine Rede, lieber Freund
Cyprian, war sicher ganz evangelisch christlich und hätte auf der Erde
vielleicht manche gute Wirkung zur Folge gehabt. Aber welche Wirkung hat sie
bei meinem Freund Bathianyi hervorgebracht? Gerade das Gegenteil, was du damit
bezwecken wolltest. Was aber ist davon die Ursache? Nichts anderes als das, was
der Herr einst zu den Pharisäern gesagt hat, daß kein Selbst-Blinder wieder
einen Blinden führen kann!
[RB.01_141,15] Seht, hier in unserer Mitte
weilt ein überaus erfahrener Führer, der in dieser Welt sehr wohl sehend ist.
Diesen ersuchen wir alle einstimmig, uns des rechten Weges zu führen! Ich bin
fest überzeugt, daß von Ihm ein Wort mehr wirken wird, als so wir Blinde noch
eine halbe Ewigkeit einen leeren Strohhalm dreschen würden.“
[RB.01_141,16] Spricht der Graf: „Ja, mit
diesem Antrag bin ich vollkommen einverstanden! Da werde ich auch alles tun;
aber der gute Cyprianus, der ein bedeutender Grobianus ist, soll mich mit
seinem Requiescat gerne haben. Ich leugne nicht, daß seine letzte Rede gut und
echt war, aber wer gab ihm denn das Recht, mich damit führen zu wollen? Er ist
doch um kein Haar besser als ich; wie will er mich dann lehren!
[RB.01_141,17] Eine wahre Lehre muß von einem
sanften, reinen und erleuchteten Herzen ausgehen und darf keine satyrischen
Floskeln in sich tragen, dann wird sie stets von der besten Wirkung sein. Aber
eine noch so reine Lehre, wenn sie mit sichtlicher Ironie unterspickt ist,
verdirbt mehr als sie gutmacht. Wenn ich gebessert werden soll, darf ich nicht
beleidigt, sondern nur sanft und brüderlich überzeugt werden. Freund Cyprianus
aber beißt mit seiner Lehre ärger als der schärfste Paprika. Aber dein Antrag,
Bruder Miklosch, ist etwas anderes. Danach kann man sich schon richten, und ich
werde mich auch danach richten!“
[RB.01_141,18] Spricht der Franziskaner: „Ja,
so ihr alle das tut, was schon lange mein sehnlichster Wunsch war, sind wir ja
alle in der schönsten Ordnung. Bitten wir daher diesen lieben Freund, daß er
uns die rechten Wege zeigen möge, die wir dann unverweilt wandeln werden!“
142. Kapitel – Predigt des Fremden gegen den
Richtgeist. Einwurf des Franziskaners. Der Fremde über Herzensordnung.
[RB.01_142,01] Spricht der Fremde: „Meine
lieben Freunde! Ich verlange von euch keine Bitte, sondern nur ein folgsames,
sanftes Herz. Alles andere wird von selbst kommen und ihr sollt dann ewig an
nichts Mangel leiden. Aber ihr müßt euch fürder wegen einer
Meinungsverschiedenheit nicht mehr anfeinden, noch euch gegenseitig einer Menge
Sünden beschuldigen, als hättet ihr ein Recht, euch zu richten und zu
verurteilen!
[RB.01_142,02] Da ihr alle in der Schrift
ziemlich bewandert zu sein scheinet, müßt ihr es ja auch wissen, daß wer zu
seinem Bruder sagt: ,Du Narr!‘ des ewigen Feuers in der Hölle schuldig sein
soll. So ihr dieses wißt, wie könnt ihr dann hadern miteinander? Ein jeder von
euch ist für sich voll Fehler und Gebrechen und hat genug vor seiner Tür zu
fegen! Daher mache sich keiner breit über die Fehler seines Bruders, denn das
ist am meisten ein Greuel vor Gott.
[RB.01_142,03] Wohl weiß Ich leider, wie auf
der Erde Brüder gegen Brüder zu Felde ziehen aus purem Hochmut und bellendster
Habsucht. Ein jeder hält sich für fehlerfrei gegenüber seinem Bruder und
zeichnet seinen Bruder oft mit allen Farben der Hölle. Besonders schief werden
die irdisch Wohlhabenden von den Ärmeren beurteilt, wozu freilich ein nicht
selten zu knickeriger Geist der Wohlhabenderen die Veranlassung ist. Da aber
der Reiche stets der Mächtigere ist, und der Ärmere bei ihm Dienste und Brot
suchen muß, so tut er das aber nicht aus Liebe, sondern aus Not. Es wurmt ihn
heimlich nicht selten entsetzlich, daß er seinem Bruder untergeordnet sein muß,
während er doch lieber seinen wohlhabenden Bruder auf jede erdenkliche Art
beherrschen möchte. Daß auf der Erde zwischen Brüdern solche Verhältnisse
stattfinden, ist gegenüber dem reinsten Gotteswort traurig genug.
[RB.01_142,04] Aber hier im Reiche der
Geister, wo von keiner Armut und keinem Vorrang mehr die Rede sein kann, dürfen
solche irdische Gehässigkeiten nimmer zum Vorschein kommen. Denn Ich sage es
ohne Hehl: Wer seinen Bruder haßt aus was immer für einem Grund, in dem ist
Gottes Gnade nicht! Seine Seele ist ein Teufel voll Hochmut und unversöhnlichen
Geistes. Und sein steter Wunsch ist, seinen Brüdern, weil sie ihm ein
eingebildetes Unrecht antaten, alles Ungemach zu einer gewissen strafartigen
Witzigung widerfahren zu sehen.
[RB.01_142,05] Eure gegenseitigen Belehrungen
mögen noch so gut und richtig sein. Was aber nützen sie, so hinter ihnen
Rangeifer, Herrschlust, Eigennutz und allerlei Habsucht stecken? Wer seinen
Bruder wirksam lehren will, muß zuvor den Balken aus dem eigenen Auge entfernen
und dann erst voll Liebe sagen: ,Mein teuerster Bruder, ich sehe, daß ein
Splitterchen dein Auge trübt. Lasse mich zu dir hingehen, daß ich es dir sanft
aus dem Auge nehme!‘ Seht, so wird dann jede Lehre, die sich Brüder gegenseitig
erteilen, voll der herrlichsten Wirkung sein. Aber so Brüder durch ihre oft
ungebetene Belehrung nur zeigen wollen, daß jeder von ihnen der Weisere und
Bessere sei, ist die beste Belehrung unnütz und macht alles schlechter.
[RB.01_142,06] Seht, Ich bin ein rechter
Lehrer, denn Ich verlange von euch nichts, als daß ihr das annehmet, was allein
zu eurem eigenen Frommen dienen kann. Und so müßt ihr alle gegenseitig sein,
dann werden eure Worte gesegnet sein!
[RB.01_142,07] Bruder Miklosch ist euch
gegenüber so aufgetreten, und seine Worte haben sogleich Eingang in eure Herzen
gefunden. Hätten Cyprianus und Bathianyi ebenso gesprochen, wäre diese ganze
Gesellschaft schon um viele Schritte weiter. Aber diese beiden wollten einander
ganz evangelisch beweisen, daß ein jeder von ihnen der Vorzüglichere sei, und
so lag in ihren Worten auch kein gesegnetes Gedeihen.
[RB.01_142,08] Leget nun alles ab, was immer
einen Schein von Vorzüglichkeitsgelüsten in sich birgt, ansonst könnt ihr nicht
Kinder eines und desselben Vaters im Himmel werden. Was könnte es euch wohl
nützen, so ihr es mit eurer gegenseitigen Belehrung dahin brächtet, daß einer
dem andern eine ganze Welt abgewänne, dabei aber an der eigenen Seele den
größten Schaden erlitte! Was wird er wohl geben können, seine eigene Seele aus
dem Pfuhl des Verderbens zu erlösen?
[RB.01_142,09] Ihr kennt doch das Gebet des
Herrn? Seht, da lautet es unter anderem: ,Vergib uns unsere Sünden, so wie wir
vergeben unseren Brüdern, die sich an uns versündigt haben!‘ Wenn ihr aber
allerlei schwere Versöhnungsbedingungen stellet, die von dem Gegner oft kaum zu
erfüllen sein dürften – auf was gründet ihr dann eure entsprechende Bitte zu
Gott?
[RB.01_142,10] In der Schrift heißt es auch:
,Segnet, die euch fluchen, und tut Gutes denen, die euch hassen und Übles
wollen!‘ – So ihr aber schon als Unglücksgenossen euch untereinander zerzausen
möchtet, was würdet ihr dann mit euren Feinden tun? Und doch sage Ich euch, daß
von euch keiner eher in das Gottesreich wird eingehen können, als bis er gleich
Christo am Kreuze aus der Tiefe seines Herzens ausrufen wird: ,Herr! Vergib
ihnen, denn sie wußten ja nicht, was sie taten!‘
[RB.01_142,11] Seid ihr alle damit
einverstanden, so kommt nun mit Mir in jenes Haus. Im Gegenteil aber bleibt und
sucht euch selbst eine Herberge, denn euer Wille ist frei für ewig!“
[RB.01_142,12] Spricht Bathianyi: „Freund,
deine Worte sind zwar wie scharfe Pfeile und treffen genau das Zentrum, aber
sie verwunden dennoch kein Herz. Denn sie sind nach der Ordnung, in der allein
eine Gesellschaft glücklich bestehen kann, überaus wahr. Ich und hoffentlich
wir alle nehmen sie dankbarst an. Auf deine Worte hin vergebe ich auch von
ganzem Herzen allen meinen irdischen Feinden. Denn sie handelten wahrlich nur
in blinder Siegeswut an uns, ihren vermeinten größten Feinden. Gott der Herr
vergebe es ihnen, von mir aus haben sie keine Schuld mehr an mir!
[RB.01_142,13] Nur möchte ich den Herrn
Himmels und der Erde bitten, daß Er meines Weibes und meiner Kinder gedenken
und sie so leiten möchte, daß sie einst auf einem besseren Weg zu Gott
gelangen, als es bei mir der Fall war!“
[RB.01_142,14] Spricht der Fremde: „Sorge
dich um nichts mehr, was auf der Erde unten geschieht! Denn dafür sorgt schon
der Herr, der euch allen hier um vieles näher ist als ihr vermeint. Was dein
Weib und deine Kinder betrifft, so tut ihnen eine tüchtige irdische Demütigung
überaus not, ohne die sie wohl kaum dahin kommen würden, wo du dich nun
befindest. Aber durch diese Demütigung lernen sie doch etwas die Nichtigkeit
aller irdischen Güter kennen und heimlich sogar verabscheuen. So wird es ihnen
nach der Ablegung ihres Leibes leichter werden, in das Reich des Lichts zu
gelangen. Du aber sorge dich um nichts anderes als um die Liebe zu Gott und
deinen Brüdern; alles andere wird dir von selbst hinzukommen!“
[RB.01_142,15] Spricht der Franziskaner:
„Freund, ich bin auch ganz einverstanden, was hier meinen Leidensgenossen
betrifft. Aber was die unbarmherzigsten Teufel auf der Erde betrifft, da bin
ich wohl nicht so leichten Kaufes fertig wie Freund Bathianyi. Denn das muß ja
doch die weiseste Gottheit einsehen, daß es keine Kleinigkeit ist, auf der Erde
gleich einem Straßenräuber hingerichtet zu werden. Für solchen Frevel verlange
ich von Gott, eine gerechte Sühne zu nehmen durch eine verhältnismäßige
Züchtigung an unseren Richtern, ansonsten mein Herz nicht leichtlich Ruhe
finden wird.“
[RB.01_142,16] Spricht der Fremde: „Freund,
die, welche dich gerichtet haben, sind ebenso des Herrn wie du. Nehmen wir aber
an, du hättest durch Unvorsichtigkeit dir mit deinen Händen an den Füßen eine
Verwundung zugefügt, so daß du im Schmerze deine Hände verwünschtest. Es käme
dann jemand zu dir und sagte: ,Freund, das haben dir deine eigenen Hände
zugefügt. Nimm darum Rache an ihnen und lasse sie dir abhauen, denn sie sind
nicht mehr wert, Teil deines Leibes zu sein!‘ Sage, würdest du diesem Antrag
wohl Gehör und Willen leihen?“
[RB.01_142,17] Spricht der Franziskaner: „Oh,
vor so einer Dummheit wird einen Menschen doch die liebe Gottheit bewahren! Das
wäre nicht übel, zu einem Wehe noch ein Zehnfaches hinzuzufügen!“
[RB.01_142,18] Spricht der Fremde: „Aha, da
habe Ich dich schon, wo Ich dich haben wollte! Wenn dir ein zweites Weh zufolge
des strafartigen Abhauens deiner Hände nicht munden will – wie soll es dann der
Gottheit munden, sich Ihre Glieder abzuhauen, so sie sich gegen andere
unvorsichtig benommen haben? Wie magst du von Gott verlangen, daß Er an sich
tun soll, was du doch an dir selbst nimmer tun würdest? So wie du mit allen
deinen Leibesgliedern als ein vereinigtes Wesen dastehst, so ist auch die
Gottheit mit all Ihren geschaffenen Wesen ein konkretes Ganzes und sucht stets
alle kranken Teile bestens zu heilen und sie für ihre ewige Bestimmung tauglich
zu machen. – Wenn Gott der Herr dir aber deine Wunden auf eine andere und viel
bessere Art zu heilen versteht, wirst du dann noch auf Rache gegen deine
irdischen Feinde sinnen?“
[RB.01_142,19] Spricht der Franziskaner
verlegen: „Ja, dann freilich wohl nicht mehr! Überhaupt sage ich denn in Gottes
Namen auch: Was Gott dem Herrn recht ist, soll künftighin auch mir recht sein!
Aber ich hoffe, daß mir die liebe Gottheit meine durch traurigste Umstände
herbeigeführte Gesinnung zu keinem Fehler anrechnen wird.“
[RB.01_142,20] Spricht der Fremde: „Wenn du
in deinem Herzen in der Ordnung bist, dann bist du es auch mit Gott. Und hast
du allen deinen Feinden vom innersten Grunde deines Herzens vergeben, so ist
dadurch auch deine Schuldtafel vor Gott gereinigt! Und du kannst dann ganz
ruhigen Herzens und Gewissens zu Gott beten: ,Vater, vergib mir alle meine
Sünden, so wie ich nun allen vergeben habe, die an mir gesündigt haben!‘ Und
der Vater wird dir alles vergeben und hat dir's schon vergeben, bevor du Ihn
noch darum gebeten hast.“
143. Kapitel – Letzte Zweifel des
Franziskaners. Was geschieht mit Todsündern? Liebevolle Antwort des Fremden.
Einladung ins Haus.
[RB.01_143,01] Spricht der Franziskaner: „Ich
danke dir, lieber Freund, für diese herrliche Auskunft! Sie ist wahr und eines
großen Gottes würdig, und jedes Gemüt muß in ihr Beruhigung finden. Aber es
gibt dennoch Dinge, die als Hauptfehler der menschlichen Natur anzusehen sind.
Man kann es mit ihnen nicht so machen wie mit den Feinden, die uns Übles taten.
Dazu gehören z.B. gewisse Betrügereien, die man an anderen ausgeübt hat und mit
dem besten Willen nicht wiedergutmachen kann. Ebenso ist auch die Unzucht,
Notzucht, Selbstbefleckung, Knabenschändung (oft sogar an geweihten Orten) usf.
eine von Gott strengstens verbotene und mit ewiger Verdammnis belegte Sünde,
die sich nimmer ungeschehen machen läßt und trotz der Beichte auf der Seele
unvertilgbare Makel zurücklassen muß. Es fragt sich daher sehr: Was wird die
heiligste Gottheit da tun? Gehen diese Makel auch mit dem lebendigen ,Herr,
vergib uns, wie wir vergeben!‘ von der Schuldentafel?“
[RB.01_143,02] Spricht der Fremde: „Freund,
hältst du die Gottheit für weiser als die weisesten Menschen, so wirst du auch
das von ihr halten müssen, daß sie die natürlichen Schwächen der Menschen mit
noch viel besseren Augen betrachtet, als wie sie von den bestherrlichen
Menschen betrachtet werden. Du hast freilich viel gesündigt in deinem Fleische,
weil du von diesem viel versucht wurdest. Du hättest zwar diese Versuchungen
wohl bekämpfen können, so du je einen wahren Ernst dazu verwendet hättest. Aber
das kam dir zu ernst vor und des Naturlebens Tändeleien zu süß, und so bliebst
du deinem Fleische nach unverändert gleich. Aber siehe, da legte sich dann, dir
unbewußt, die Gottheit ins Mittel, führte dich aus deiner sinnlichen
Friedenszelle und stellte dich auf das Schlachtfeld. Da hattest du dann
mächtige Gelegenheit, das Ende alles Fleisches und seiner Gelüste in den
grauenerregendsten Zeichen zu erblicken und wurdest dabei nüchterner. Und am
Ende mußte dein Fleisch an sich selbst erfahren, welch ein Wert in all seinen
Gelüsten und deren Befriedigung gelegen war. Und siehe, so hat die Gottheit
dein Fleisch gestraft und deine Seele von diesem gereinigt. Du brauchst daher
nicht mehr zu fragen, was aus deinen Sünden wird. Denn Ich sage dir, sie haben
mit dem Fleische ihr Urteil und ihr Ende erreicht! Denn was des Fleisches ist,
das wird auch mit dem Fleische gerichtet und begraben.
[RB.01_143,03] Anders ist es, wo die Seele
selbst ganz ins Fleisch übergegangen ist. Da freilich kann ihr kein anderes Los
als das des Fleisches zuteil werden. Aber bei dir ist das nicht der Fall, was
du daraus erkennen magst, daß du hier – ohne Fleisch, aber dennoch in dir das
Los des Fleisches fühlend – vollkommen lebst und nicht wie tot im Grabe
liegst.“
[RB.01_143,04] Spricht der Franziskaner:
„Aber Freund, was geschieht denn dann mit solchen, das schaurige Los ihres
Fleisches teilenden Seelen? Die werden nach völliger Verwesung ihres Abgottes
doch sicher zur Hölle fahren?“
[RB.01_143,05] Spricht der Fremde: „Keine
Seele wird je ihrer Freiheit wie auch ihres Bewußtseins und ihrer Erinnerung
beraubt! Was sie will, das wird ihr. Will sie erstehen, so wird sie erstehen.
Will sie aber noch tiefer unter ihr Grab zur Hölle hinab, so wird ihr der Weg
nicht verrammt. Wohl ist die Hölle von Gott zugelassen und als für ewig in sich
selbst von allen Himmeln abgeschieden; nicht aber so eine Seele! Denn diese
wird nicht gerichtet, außer von ihrer eigenen Liebe und vollsten Freiheit des
Willens. Will sie zur Hölle, weil diese ihre eigentliche Liebe ausmacht, so
wird sie zur Hölle gehen, und wir alle werden sie nicht abzuhalten vermögen.
Will sie aber zum Himmel, so werden wir sie auch liebreichst aufnehmen und auf
den besten Wegen dahin geleiten. So will es die beste Ordnung Gottes!“
[RB.01_143,06] Spricht der Franziskaner:
„Aber Freund, könntest du uns denn nicht auch sagen, wie es denn eigentlich in
der Hölle aussieht?“
[RB.01_143,07] Spricht der Fremde: „Freund,
in der Schrift heißt es: ,Vor allem suchet das Gottesreich, alles andere wird
euch dann von selbst werden.‘ – Und so wollen wir uns denn auch ums Göttliche
lebendig kümmern. Das leidige Kontra wird dann jedem früh genug ersichtlich
werden. – Und so gehet nun alle mit Mir in jenes nun schon von allen Nebeln
befreite Haus! Dort werdet ihr ein größeres Licht erhalten! Es sei!“
144. Kapitel – Herrlichkeit und Größe des
Hauses. Wohnt hier Jesus Christus? Sehnsucht der Seelen nach dem Herrn.
Mikloschs gute Ahnung.
[RB.01_144,01] Bathianyi schließt sich rechts
an den Fremden an und der Franziskaner zur Linken. Miklosch geht als Anführer
der übrigen Gesellschaft hinter dem Fremden nach.
[RB.01_144,02] Je näher sie dem Hause kommen,
desto mehr fällt ihnen die Großartigkeit und unnennbare Pracht und Majestät des
Gebäudes auf. Schon in der Nähe des Hauses kann sich Bathianyi nicht mehr
halten vor Verwunderung und sagt in höchster Begeisterung: „Freund, das können
weder Engel noch die weisesten Geister aus allen Sternen erbaut haben, sondern
das hat Gott mit höchsteigener Hand erbaut! Diese Größe und dabei dennoch eine
über alles ästhetische Ebenmäßigkeit ist mit nichts zu vergleichen. Ah, das ist
mehr, als was wir alle je begreifen werden! Nun, so dieses Haus aller Häuser
schon äußerlich so unaussprechlich wundervoll gestaltet ist, wie wird es erst
innen eingerichtet sein?“
[RB.01_144,03] Spricht der Franziskaner: „Du
hast recht! Bitte um Vergebung, Herr Graf! Sie haben ganz recht, wollte ich
sagen!“ – Spricht der Graf: „Freund, bleiben Sie beim Du! Ich will von keiner
Titulatur mehr etwas wissen. Wir sind von nun an Brüder!“
[RB.01_144,04] Spricht der Franziskaner:
„Schön und gut, lieber Freund, das war schon lange mein Wunsch! Aber nun zur
Sache! Du hast recht: Ich habe doch die Peterskirche zu Rom samt dem
tausendzimmrigen Vatikan gesehen, aber das alles ist kaum ein Schneckenhaus
gegen diesen Palast! Gering gerechnet könnte nach meiner Schätzung in diesem
Riesenpalast wohl bequem hundertmal die ganze Bevölkerung der Erde Platz haben.
Da geht's ja links und rechts beinahe ins Unendliche hin! Und was die Höhe
betrifft, so kommt es mir vor, daß hier ein Mond fast an den Giebel des Hauses
anstoßen müßte, denn solch eine Höhe läßt sich nur nach Meilen bestimmen. Ah,
das ist etwas Ungeheures, da könnte man gerade zu einem Narren werden!“
[RB.01_144,05] Spricht der Graf zum fremden
Führer: „Aber sage uns doch, lieber guter Freund, wohnt etwa der Herr Gott
Jesus Christus in diesem mehr als weltgroßen Gebäude? Denn für einen oder
mehrere seligster und größter Engel wäre es doch zu ungeheuer groß und
herrlich.“
[RB.01_144,06] Spricht der für die
Gesellschaft noch Fremde: „Ja, ja, Er Selbst wohnt auch häufig in solchen
Häusern, und so auch in diesem bei Seinen Freunden und Kindern! Nur im
Augenblick ist Er nicht im Hause, wird aber, so ihr in das Innere des Hauses
treten werdet, sich höchstwahrscheinlich sogleich einfinden. Nur müßt ihr da
hübsch achtgeben, daß ihr Ihn erkennt!“
[RB.01_144,07] Spricht der Graf: „Eljen
Christus! O Freund, bei Gott, wenn ich nur einmal Christus sehen könnte,
verlangte ich nachher keine andere Seligkeit mehr! Aber weißt du, den
wirklichen Christus und nicht so eine römische Maskerade.“ – Spricht auch der
Franziskaner: „Ja, auch ich verlange keine andere Seligkeit mehr!“
[RB.01_144,08] Tritt ein anderer aus der
Gesellschaft vor und sagt: „Oh, ich bitte, auch nur einmal Christus sehen! Und
wann kunnt möglich sein auch heiligen Joseph, weil er war mein Namenspatron!
Aber wann kann nit sein, verlange ich nit – wenn kann ich nur Christus sehen!“
[RB.01_144,09] Spricht der Fremde: „Ja, warum
möchtest denn du gar so gerne Christus sehen, erkläre mir das!“ – Spricht der
Hervorgetretene: „Ho, da braucht ja nix Erklärung! Was man so hat über alles
gern, das möcht man auch über alles gern sehen!“ – Spricht der Fremde: „Das ist
schon recht; aber warum hast du denn Christus so über alles gerne?“ – Spricht
der Hervorgetretene: „Ho, das ist ganz klar – weil Christus ist Gott und weil
hat Er mich erlöst von der Höll und weil war Er auch gar so a guter Heiland!“ –
Spricht der Fremde: „Aber was wirst du machen, so du Christus sehen wirst?“ –
Spricht der Hervorgetretene: „Oh, da werd i vor Freud ,Eljen Christus!‘
schreien und Ihm, wann werd i dürfen, um den Hals fallen!“
[RB.01_144,10] Spricht der Fremde: „Nun, das
sehe Ich jetzt schon, daß du Christus sehr gerne hast! Aber was machtest du
dann, wenn Christus dich nicht so gerne hätte wie du Ihn?“ – Spricht der
Befragte: „Ho, das macht nix, weil bin i so nit wert, daß soll mich Christus a
gern haben. Da werd' i mir nix draus machen!“ – Spricht der Fremde: „Mein
Lieber, gehe nun wieder zu deinen Kameraden zurück mit der Versicherung, daß
dich der Herr Christus vielleicht doch noch lieber haben wird als du Ihn.“
[RB.01_144,11] Joseph geht nun zurück, und
der Fremde spricht zum Grafen: „Hört, der hat mit seinem Herzen statt mit
seiner Zunge gesprochen. Das ist auch der Unschuldigste unter euch allen und
hat seine irdische Todesstrafe wahrlich nicht verdient. Auf den Menschen muß
Ich schon eine besondere Rücksicht nehmen! – Nun sind wir aber am Tor! Lasset
uns sogleich einziehen in dieses Hauses Gemächer!“
[RB.01_144,12] Spricht der Graf: „Liebster
Freund, nur noch eine Bitte! Sage uns doch, so Christus ankommen wird etwa mit
Millionen Engeln, wie werden wir Ihn erkennen?“ – Spricht der Fremde: „Da
verlaßt euch nur auf Mich! Ich habe euch schon gesagt, daß Er Mir vollkommen
ähnlich sieht. Ihr dürft dann nur Mich ansehen und vergleichen, ob jemand
ähnlich aussieht und der wird es dann auch sein.“ – Spricht der Graf: „Ich
danke dir, daß du bei uns bleibst! Da wird uns Christus der Herr auch nicht
durchgehen, ohne daß wir Ihn sehen. Das ist gut, sehr gut!“
[RB.01_144,13] Spricht auch der rückwärts
befindliche Miklosch: „Freunde, wie ich merke, sind wir noch ein wenig blind.
Ich sage euch, ich habe eine sonderbare Ahnung!“ – Spricht der Franziskaner:
„Nun, was denn für eine Ahnung?“ – Spricht Miklosch: „Ich sage euch sonst
nichts. Bald aber werdet ihr es auch fühlen und sagen: wie konnten wir denn gar
so blinde Ochsen sein! Habt ihr mich verstanden? Gar so blinde Ochsen!“
[RB.01_144,14] Spricht der Graf: „Liebe
Freunde, wir stehen bereits an der Schwelle des Eingangs in ein Haus, wovon
Sonne, Erde und Mond nichts Ähnliches aufzuweisen haben. Damit wird auch sicher
der Eintritt in ein ganz neues, noch nie geahntes Lebensverhältnis auf das
engste verknüpft sein. Weil aber der Eintritt in dieses Wunderhaus von den
wichtigsten Folgen sein muß, bin ich der Meinung, daß sich Bruder Miklosch
zuvor klar ausdrücken sollte, denn seine Ahnung kann uns von größtem Nutzen
sein. Sei daher, Bruder Miklosch, so gut und erkläre uns deine Ahnung näher!“
[RB.01_144,15] Spricht Miklosch: „Ja, meine
lieben Freunde, meine Ahnung ist wahrlich sonderbar, aber ich kann sie euch
nicht beschreiben. Mir kommt es hier beinahe so vor, als wie es den zwei nach
Emmaus wandelnden Jüngern vorkommen mochte, als der Herr Selbst in ihrer Mitte
wandelte und sie Ihn nicht erkannten, obschon Er sie weise über allerlei Dinge
belehrte. Ich wollte beinahe eine Wette eingehen, daß diese mich beseligende
Ahnung nicht ganz mit einem leeren Stroh zu vergleichen sein wird! Kommt Zeit,
kommt Rat! Am Ende wird es sich zeigen müssen.“
[RB.01_144,16] Spricht der Graf: „Geh, geh,
du lieblich frommer Schwärmer! Christus, der Herr, wird aus Seinem höchsten
Himmel so ganz schlicht und ohne alle Glorie zu uns groben Sündern
herabsteigen, wie Er als Menschensohn zu den harten Juden herabgestiegen ist?
Schau, wo tust du dich denn hin? Bedenke doch, wer Christus ist und was wir Ihm
gegenüber sind, dann wirst du gleich zu einer anderen Ahnung kommen. Deine gute
Ahnung ist nichts als ein artiges Christus-Luftschlößchen, deren auch ich in
meiner Jugend die schwere Menge gebaut habe. Aber wo ist die Wirklichkeit
geblieben! Mir gefällt übrigens dein Luftschlößchen nahe besser als dies Haus.
Christus mag noch so gut und herablassend sein – ob Er es aber gar so wohlfeil
geben wird, wie wir es in unseren idyllisch-christlichen Luftschlössern uns
ausmalen, möchte ich doch stark bezweifeln! Hab ich recht oder nicht?“
[RB.01_144,17] Spricht Miklosch: „Du hast
recht, aber ich kann trotzdem meine Ahnung nicht los werden. Und wahrlich, mein
Herz bebt in mir!“ – Spricht der Graf: „Lapperl! Das meinige bebt auch, und
wie! Aber das macht der bedeutungsvolle Eintritt in dieses echte Gotteshaus und
die Ungewißheit, was uns darin begegnen wird.“ – Spricht Miklosch: ,Ja, du
wirst am Ende doch recht haben. Ja, das ist es ganz sicher!“
[RB.01_144,18] Spricht der Fremde: „Nun, seid
ihr schon fertig mit eurer Verhandlung?“ – Spricht der Graf: „Freund, wir sind
schon wieder ganz in der Ordnung! Es wäre freilich interessant, auch von dir
über diesen Punkt Aufklärung zu bekommen. Aber du greifst schon nach der
Türschnalle. Daher wird sich vielleicht noch im Hause eine Gelegenheit finden,
um darüber unseren Verstand ein wenig zu erleuchten.“
[RB.01_144,19] Spricht der Fremde:
„Allerdings, da wird es noch manche Gelegenheiten geben. Aber nun heißt es
einmal ins Haus treten. Und so öffne dich denn, du Pforte zum ewigen Leben!“
145. Kapitel – Eintritt ins himmlische Haus.
Begegnung mit alten Bekannten. Des Grafen blindes Suchen nach Jesus. Endlich
gefunden.
[RB.01_145,01] In diesem Augenblick geht die
Tür weit auf. Eine unbeschreibliche Pracht strahlt aus dem ersten Saal den
Eintretenden entgegen und eine übergroße Volksmenge, in Faltenkleidern wie aus
feinstem Byssus, begrüßt die Eintretenden herzlichst. An der Spitze steht der
General, umgeben von dem Mönch Thomas und von Dismas.
[RB.01_145,02] Als der Graf den General sieht
und erkennt, stürzt er sich über die Maßen erfreut seinem alten Freunde an die
Brust, küßt ihn und spricht voll Feuer: „Hunderttausend Male gegrüßt in einem
sicher besseren Leben sei du mir, mein lieber alter guter Freund und Bruder! O
wie glücklich bin ich, daß ich dich wieder habe! Du bist gewiß schon
überglücklich, und Gott der Herr wird auch mich nicht unglücklich lassen. Aber
alles hätte ich eher erwartet, als dich hier wiederzusehen! Wie ist's denn dir
ergangen gleich nach deiner Ankunft hier? Und was machst du so ganz eigentlich
hier?“
[RB.01_145,03] Der General erwidert den Gruß
und sagt darauf: „Mein liebster Freund, vom Etwas-Machen ist hier gar keine
Rede. Bloß vom Genießen all dessen, was uns die unbegrenzte Güte und Liebe des
Herrn Jesus Christus in überschwenglichster Fülle beschert. Wenn der
Seligkeitsgenuß nicht mit einer wundervollsten Mannigfaltigkeit verbunden wäre,
müßte man wahrlich mit Hiob ausrufen: ,O Vater, bester Vater, höre doch eine
kleine Weile nur auf zu segnen!‘ Ja, Freund, hier erst lernt man wahrhaft
Christus kennen! Aber ich brauche dir weiter nichts zu erzählen, denn es wird
dich die Folge über alles ins klare setzen. Willst du dir aber von der Weisheit,
Allmacht und Liebe des Herrn einen kleinen Begriff machen, so betrachte nur die
Herrlichkeit dieses Saales, und du wirst dir schon einen kleinen Begriff von
Christus, dem alleinigen Herrn Himmels und der Erde, verschaffen.“
[RB.01_145,04] Spricht der Graf: „Was weißt
du von Ihm? Hast du etwa schon das Glück gehabt, Ihn, den Allerheiligsten, zu
sehen? Ist Er schon da gewesen oder von woher wird Er kommen? Wie werde ich Ihn
sogleich erkennen? Weißt du, ich liebe Ihn so ungeheuer, daß mir ohne Ihn alle
diese Herrlichkeiten wie ein ausgestorbenes Haus vorkommen würden. Sei daher so
gut und mache mich gleich aufmerksam auf Ihn! – O Gott, welch ein Anblick wird
das sein, so ich meinen Schöpfer sehen werde!“
[RB.01_145,05] Der General schmunzelt bei
diesem emsigen Befragen des Grafen und sagt: „Aber Freund, du kommst mir hier
vor wie einer, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht! Sage mir doch, wie
du dir denn ungefähr Jesus den Herrn vorstellst? Nachher will ich dir etwas
sagen, was dich sicher mächtig überraschen wird.“
[RB.01_145,06] Spricht der Graf: „Sieh, ich
stelle mir Christum als Gott den Herrn in einer unbeschreiblichen Glorie vor,
umgeben von Seinen Aposteln und zahllosen Engelschören. Denn es steht in der
Schrift, daß Er wiederkommen werde auf schwebenden Lichtwolken der Himmel, aus
denen sicher Trillionen Blitze in die Unendlichkeit hinauszucken werden. – Da
hast du nun meine Vorstellung von Christus dem Herrn! Und nun sage du mir, was
du mir versprochen hast.“
[RB.01_145,07] Spricht der General: „Bruder,
da hast du eine grundfalsche Vorstellung von Christus dem Herrn! Wie gesagt, du
siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir alle haben es hier deutlich
vernommen, wie dir unser allergrößter Freund die Erkennungsmerkmale gegeben und
auch zugesagt hat, daß der Herr mit euch zugleich in diesem Hause eintreffen
werde. Nun, so sehe dich ein wenig um nach jemandem, der Ihm auf ein Haar
ähnlich sieht. Und findest du jemand, so halte ihn für den Herrn! Denn ich sage
es dir, der Herr, Gott Jesus ist hier ebenso einfach und prunklos, wie Er es
auf der Erde war. Von irgendeinem Glanz an Ihm ist nirgends eine Spur
anzutreffen!“
[RB.01_145,08] Spricht der Graf: „Richtig,
richtig! Gerade so hat es dieser hochliebwerte Freund uns draußen gesagt. Aber
ich werde eine ziemliche Weile brauchen, bis ich mit der Durchmusterung aller
dieser tausend Anwesenden fertig werde. Der Saal ist ungeheuer groß und stark
beleuchtet, die Anwesenden stellen sich wie durch ein Kommando in Reih und
Glied auf. So dürfte ich mit der Durchmusterung doch eher fertig werden, als
ich mir anfangs dachte. Da in den ersten Reihen finde ich einmal nichts
Ähnliches! Auch weiterhin will sich nichts Ähnliches auffinden lassen. Ich
nehme hier zwar die mehr Entfernteren ebensogut wahr wie die ganz nahe
Stehenden; aber unser lieber guter Freund scheint darin keinen Zwillingsbruder
zu haben. Dort ganz im Hintergrunde entdecke ich noch eine Gruppe, die ich mir
etwas näher besehen möchte, so es gestattet wäre.“
[RB.01_145,09] Spricht der General: „Nur zu,
ganz ohne Anstand! Denn hier ist die vollkommenste Freiheit zu Hause!“ – Darauf
begibt sich der Graf mit dem ihm noch unbekannten Freund hin zu der obbenannten
Gruppe. Als er aber mit seinem Freunde in deren Nähe kommt, fällt diese von
großer Ehrfurcht ergriffen aufs Angesicht und schreit: „Heil Dir, Heil Dir,
Heil Dir Allererhabenster!“
[RB.01_145,10] Der Graf erschrickt förmlich
vor dieser Wendung und sagt zu seinem Begleiter: „Nun, da haben wir's! Ich wollte
sie mit dir vergleichen, und nun liegen sie alle auf ihren Angesichtern vor uns
und schreien Gott weiß zu wem: ,Heil Dir!‘ Sollte das einen von uns beiden
angehen, oder ist etwa schon Jesus sichtlich hergekommen?“ – Spricht der
Fremde: „Warte nur ein wenig! Diese Gruppe wird sich gleich wieder erheben und
du wirst deine Forschungen weiter fortsetzen können.“
[RB.01_145,11] Auf einen geheimen Wink des
Herrn erhebt sich die ganze Gruppe wieder. Der Graf macht die Entdeckung, daß
sie aus lauter weiblichen Individuen besteht, und sagt darauf: „Liebster
Freund, auf der Erde war meines Wissens der Heiland Jesus ein vollendeter Mann
und wird in Seinem ewigen Gottesreiche sicher kein Weib geworden sein! Daher
meine ich, wird sich zu meinem Zweck hier wenig feststellen lassen. Aber nur
das möchte ich von ihnen erfahren, warum sie denn früher gar so ,Heil Dir‘
geschrien haben.“ – Spricht der Begleiter: „Gehe hin und frage sie!“
[RB.01_145,12] Der Graf nähert sich
bescheiden der Gruppe, diese aber schreit ihm entgegen: „Zurück, zurück! Mit
dir haben wir keine Gemeinschaft, denn du bist ein Frevler im Hause Gottes!“
[RB.01_145,13] Der Graf tritt zurück, sagt
aber noch zur Gruppe, die sich selbst noch nicht lange in diesem Hause
befindet: „Nun, gebt nur acht, daß wir euch nicht etwa einige Lot
Apothekergewicht herunterstreifen von eurer höchst päpstlichen Heiligkeit! O
ihr heiklen Greteln ihr! Ich glaube, so heilig wie ihr dürften wohl dieser mein
Freund und ich auch sein! – Geh, lieber Freund, weiter mit mir, denn mit diesen
Wesen ist nichts zu machen! Ihr echt jesuitischer Heiligkeitshochmut ist mir
unausstehlich!“
[RB.01_145,14] Spricht der Begleiter: „Ah,
Freund, das darfst du nicht so nehmen. Hier muß alles mit der größten Geduld
ertragen werden! Diese sind noch nicht ganz in der Ordnung, aber sie haben
nicht mehr weit zum Ziel!“
[RB.01_145,15] Spricht der Graf: „Schon
recht! Aber uns wie Verbrecher zurückweisen, ist etwas sonderbar! Aber in
Gottes Namen, sei es wie es wolle. Wenn ich nur schon meinen Zweck erreicht
hätte. Es ist mir ganz unerklärlich, wie ich hier beinahe für nichts als allein
nur für Jesum, den Herrn, einen Sinn habe. Alle diese wahren Himmelsschönheiten
sind für mich wie Bilder ohne Seele, solange der Eine nicht da ist. Hier, wo
man auf dem Punkte steht, als Geist den vollkommensten Geist Gottes sehen zu
können, wird einem das Dasein unerträglich, so man Den nicht zu sehen bekommt,
der einem allein alles in allem ist. So du, lieber Freund, weißt, wo Er sich
nun befindet, da zeige mir Ihn, daß ich Ihn wenigstens in der Ferne erblicken
möge!“
[RB.01_145,16] Spricht der Begleiter: „Mein
lieber Freund und Bruder, das wird etwas hart hergehen, daß Ich dir Jesum in
der Ferne zeige. Denn wer Jesum nicht zuerst in nächster Nähe zu sehen bekommt,
kann Ihn auch in der Ferne nicht ersehen. Du mußt Jesum allein in deiner Nähe
zu erschauen wünschen, dann wird es dir auch werden nach deinem Wunsch.“
[RB.01_145,17] Spricht der Graf: „Mein
hochgeehrter Freund, das wäre schon sehr wünschenswert, wenn ich Seine heilige
Nähe ertragen könnte. Aber es sollen sogar die höchsten Engel Seine nächste
Nähe nicht zu ertragen imstande sein, wie dann ich?“ – Spricht der Begleiter:
„Freund, so aber Christus, der Herr, nicht um ein Haar ansehnlicher vor dir
stünde als Ich und geradeso mit dir redete wie Ich nun – sage Mir, hättest du
da auch noch so eine Heiligkeitsscheu vor Ihm?“ Spricht der Graf: „Nun, ich
meine, das würde mir wohl leichter vorkommen. Es würde mir zwar noch immer
etwas schwerfallen, da ich doch wohl bedenken müßte, wer Er ist und wer ich
bin. Er – das unendlichste Alles, und ich – das vollendetste Nichts! Aber
leichter müßte mir dabei doch zumute sein, als so Er in Seiner himmlischen
Macht daherkäme.“
[RB.01_145,18] Spricht der Begleiter: „Gut!
Was tätest du denn, wenn Ich Selbst Christus wäre und gäbe Mich dir aus
gewissen Gründen erst jetzt zu erkennen? Was möchtest du denn dazu für ein
Gesicht machen?“
[RB.01_145,19] Spricht der Graf: „Höre,
Freund, das heißt einen armen Teufel wie mich doch auf eine zu harte Probe
stellen! Wahrlich, hoher Freund, so du es am Ende dennoch selbst wärest, da
würde ich wohl für die ganze Ewigkeit sprachlos! Aber sage es mir lieber
bestimmt, auf daß ich vor lauter Ehrfurcht, Liebe und Entsetzen sogleich
vergehe!“
[RB.01_145,20] Spricht der Begleiter: „Ja,
Freund, Ich Selbst bin es! Und so du es schwer glauben solltest, so frage diese
hier, sie werden es dir sagen! Deine Liebe hat Mich so an dich gezogen!!“
146. Kapitel – Der große Augenblick des
Grafen. Du bist es! – Herrliche Huldigungsrede. Der Herr über das Verhältnis
des Vaters zu Seinen Kindern.
[RB.01_146,01] Der Graf, ganz außer sich,
teils vor Furcht, teils aus freudigster Entzückung, teils auch aus Furcht vor
einer von ihm für möglich gehaltenen Täuschung, kann sich über Meine Erklärung
gar nicht fassen. Erst nach einer ziemlichen Weile des inneren
Erstehungskampfes, durch den sein Geist alle Bande zerreißt und sich in seiner
ganzen ihn umfassenden Seele ausbreitet, stammelt der Graf die Worte:
[RB.01_146,02] „Also – d-d-du – du – b-b-bist
es!! – Du!? – der ewige Herr – über alles, was Zeit und Raum fassen und über
alles, was über alle Zeit und allen Raum erhaben in ewiger Freiheit lebt und in
die ewigen Tiefen Deiner Wunderschöpfungen schaut! – O Gott, o Gott, o Gott! –
Ich – ein elender Wurm, ein nichtigster Staub stehe nun vor Dir, dem
heiligsten, ewigen Meister der endlosen Wunderwerke, die alle aus Deiner
allmächtigen Hand geflossen sind; vor meinem Gott, vor meinem Schöpfer, Vater,
vor meinem Heiland Jesus!! – O höret es, alle Himmel! Kommet hierher, alle ihr
überseligen Aeonen, helfet mir fühlen die Tiefe aller himmlischen Wonnen, –
fühlen, was das ist: ein Geschöpf steht das erstemal vor Gott, seinem
allmächtigen Schöpfer! Und – oh, es ist kaum zu denken – dieser Gott ist wie
ein Mensch einfach und schlicht und spricht von der höchsten Liebe geleitet so
herablassend mild und sanft mit mir, wie nur ein bester Bruder mit seinem
anderen Bruder sprechen kann!
[RB.01_146,03] O Menschen, die ihr in
allerlei Irrsalen auf der Oberfläche der tückischen Erde umherwandelt und
nimmer wißt, wo aus und ein ihr euch wenden sollt – hierher kommt in euern
Herzen und lernt Gott in Jesus, dem lieblichen Heilande kennen, und ihr werdet
für das kurze Probeleben auf Erden mit euern eitlen Plänen leicht fertig
werden.
[RB.01_146,04] Die wahre Erkenntnis Gottes
wird euch zeigen, wie wenig dazu gehört, sich in Gott dem Herrn zurechtzufinden
und dann über alle Begriffe glücklich zu sein! Streitet euch nicht wie elende
Hunde und Katzen um irdische Dinge, sondern bewerbet euch um rechte Erkenntnis
und Liebe Gottes! Liebet euch wie wahre Brüder und Schwestern als Kinder eines
Vaters, der allzeit und ewig heilig und über alle Begriffe lieb, gut und sanft
ist – so habt ihr in euern Herzen mehr, als was euch die ganze Welt je
verschaffen könnte!
[RB.01_146,05] O Gott, welch eine Wonne ist
es doch, bei Dir zu sein. Wie vergessen sind nun alle die schlimmen
Mißgeschicke, die mir auf der Erde begegnet sind! Wahrlich, nun könnte ich
ausrufen: Kommet her Millionen, ob Feinde oder Freunde, und lasset euch
brüderlich umarmen!“
[RB.01_146,06] Nach diesen Worten voll
höchster Liebesglut fällt er auf die Knie vor Mir nieder, faltet die Hände und
spricht: „O Du mein allein ewig guter Gott und Heiland Jesus! Lasse Dich ewig
von mir anbeten, loben und preisen! Nun begreife ich es, wie man unter Deinem
Lob und Preis allein die höchste Seligkeit empfinden kann. So liebe Dich denn
alles, was an mir ist, ewig und danke Dir für alles, was Du je über mich wenn
auch in einem noch so schwer zu tragenden Gewande verhängt hast! Denn nun erst
fange ich an einzusehen, daß das alles bloß Deine unberechenbar große Liebe zu
mir getan hat!
[RB.01_146,07] O Du heiliger Vater, ich war
wohl auch ein stark verlorener Sohn und mußte durch großes Elend zu Dir
zurückgewendet werden. Aber nun bin ich wieder bei Dir, Du ewig guter Vater!
Nimm mich auf als einen Allergeringsten in Deinem Reiche und sei auch mit all
den vielen anderen verlorenen Söhnen ebenso gnädig wie mit mir! Und wenn es
Dein Wille wäre, so lasse meine auf Erden hinterlassene Familie eher um alle
irdische Habe kommen, als daß sie vor Dir zu tief falle und Deiner am Ende
gänzlich vergäße!“
[RB.01_146,08] Rede Ich: „Stehe auf, Mein
lieber Bruder, und mache nicht so viel Aufhebens! Denn du siehst ja, daß Ich
Mich nicht im geringsten verändert habe, da du Mich nun erkannt hast. Wie die
Brüder miteinander reden, handeln und wandeln, so werden auch wir es ewig
miteinander machen!
[RB.01_146,09] Ich bin wohl Gott, als das
urewigste Wesen voll Weisheit, Macht und Kraft – und du nur ein Geschöpf Meiner
Willenskraft. Aber dein Geist ist dennoch ganz das, was Ich Selbst bin. Somit
bleibt zwischen uns fortan das völlig gleiche Verhältnis wie zwischen Vater und
Sohn oder wie zwischen Bruder und Bruder. Denn deiner Seele nach, die nun dein
äußeres Wesen ist, bist du Mir ein Sohn und deinem Geiste nach ein Bruder! –
Die Seele ging hervor aus dem Urlicht Meiner Weisheit und ist um endlos vieles
minder als das erschaffende Urlicht. Darum ist die Seele ein Sohn zu Mir, der
Ich im Grunde des Grundes pur Liebe bin. Aber dein Geist, der da Meine Liebe
Selbst in dir und somit Mein höchsteigener Geist ist, ist demnach Mein Bruder
durch und durch! Also bedenke dich nicht zu weitläufig über diese Sache, sondern
stehe auf und komme mit Mir zu den andern Brüdern hin!“
[RB.01_146,10] Spricht der Graf, sich langsam
vom Boden aufrichtend: „O Vater, wie endlos gut bist Du doch! – Wenn meine
dumme Zunge Dich nur einigermaßen Deiner heiligsten Würde entsprechend loben
könnte! Aber ich bringe nun fast nichts zuwege!“
[RB.01_146,11] Rede Ich: „Sei ruhig, Bruder,
und lasse das übertriebene Loben! Denn dein Herz ist das beste Lob, an dem Ich
allein das größte Wohlgefallen habe. Alles andere gehört mehr oder weniger ins
Reich der Mir lästigen Betbruderei! Stehe nun vollends auf und gehe mit Mir zu
den andern Brüdern!“
147. Kapitel – Bathianyis Zerknirschung. Der
Herr über die Reifung des Menschen zur höchsten Gotteserkenntnis. Der noch
blinde Franziskaner erhält von Miklosch derbe Winke.
[RB.01_147,01] Spricht der Graf, ganz
zerknirscht vor Liebe und Ehrfurcht: „O Herr, bei Deinem allmächtigsten Namen,
es ist Dir sicher leichter zu sagen: ,Stehe auf und komme!‘ – als für mich
Sünder, aufzustehen vor Dir, dem ewigen Herrn der Unendlichkeit! O Herr, ich –
ein dummer Menschengeist, ein Nichts vor Dir, und Du, das unendliche Alles in
Allem! Und ich soll Dich begleiten? Nein, dieser Gedanke ist zu ungeheuer für
einen geschaffenen Geist! O lasse zuvor noch ein wenig tiefer mich fassen, denn
mir schwindelt vor Deiner unendlichen Größe.“
[RB.01_147,02] Rede Ich: „Aber Mein geliebter
Bruder, jetzt wirst du Mir schon ordentlich langweilig mit deinen Lobreden an
Meine endlose Macht, Kraft und Weisheit! Schau, du kindischer Bruder – Ich muß
als Gott ja das sein, was Ich bin, auf daß du aus Mir und neben Mir sein
kannst, was du bist und noch vielmehr werden wirst. Übrigens bist du ja doch
Mein Werk. Und so du dich als Mein Werk für ein vollstes Nichts ansieht,
beschimpfst du ja Mich! Und das wirst du ja doch nicht tun können!“
[RB.01_147,03] Spricht der Graf: „Nein, Herr,
ewig nein, von Dir aus bin ich ja ungeheuer groß. Nur von mir aus bin ich
nichts! Nun, ich stehe schon auf, denn Dein Wort hat mich ganz aufgerichtet.“
Darauf geht der Graf sogleich mutig zu Mir hin und sagt: „Herr, Vater, Gott,
Jesus! Ich bin nun durch Deine Liebe und Gnade ganz geheilt und die
übertriebene Furcht vor Dir ist auch dahin. Aber dafür tobt eine unbegrenzte
Liebe zu Dir förmlich wie höchste Leidenschaft in jeder Fiber meines Herzens.
Nach und nach wird sich vielleicht auch diese neue Eigenschaft des geistigen
Lebens etwas legen. Aber jetzt möchte ich Dich wohl mit all meiner Lebenskraft
umarmen und sterben in der Gottesliebe unbeschreiblichster Wonne! Herr, lasse
Dich nur ein bißchen umarmen und an mein vor Liebe brennendes Herz drücken!“
[RB.01_147,04] Rede Ich: „Mein lieber Bruder,
das würde dir jetzt schädlich sein, weil dein Geist in der Seele noch zu wenig
Fuß gefaßt hat. Aber wenn dein Geist ehestens eine rechte Gediegenheit erreicht
haben wird, werden wir uns auch ohne Furcht vor einem Schaden umarmen können.
Ich bin freilich, soviel als nur immer möglich, gleich dir ein Mensch. Aber in
diesem Menschen wohnt dennoch die Fülle Meiner Gottheit leibhaftig, und diese
würde dein Geist nicht ertragen. Er würde alle Fesseln zersprengen und sich
dann vereinen mit der Gottheit in Mir als seinem ewigen Urgrund. Wenn aber dein
Geist in deiner Seele sich vollkommen geordnet haben und in sich selbst erfüllt
sein wird mit aller Stärke der Liebe aus Mir, dann wird er Meine Umarmung ohne
allen Nachteil ertragen können.
[RB.01_147,05] Jetzt aber gehe mit Mir nur
geschwind zu den anderen hin, daß auch sie alle auf Deinen Erkenntnisgrad mögen
erhoben werden! Ihre Wißbegierde ist schon über die Maßen groß, denn sie wissen
noch immer nicht, welche Ergebnisse du mit deiner Christussucherei
herausgebracht hast. Miklosch allein hat eine tiefe Ahnung, die ihm aber der
Franziskaner gleichfort bestreitet mit der Folge, daß sich auch die übrige
Gesellschaft nach seiner Meinung stimmt. Daher müssen wir schnell hin, um dem
Franziskaner ein wenig den etwas vorlauten Mund zu stopfen.“
[RB.01_147,06] Spricht der Graf: „O Herr, Du
ewige Güte und Sanftmut, das ist ganz aus meinem Gemüt gesprochen! Dieser Mönch
ist zwar an und für sich ein gutes Wesen, so überhaupt außer Dir noch etwas gut
sein kann. Aber was da seine Begriffe über das Verhältnis Gottes zu den
Geschöpfen und umgekehrt betrifft, da ist er unverdaulicher als ein Pfund
gekochtes Leder. Ich bitte Dich, Herr, lasse Du nur den so ein wenig durch, wie
man zu sagen pflegt!“ – Rede Ich: „Ganz gut! Aber nun ein wenig leiser, denn
sie kommen uns schon entgegen!“
[RB.01_147,07] Ich bewege Mich nun mit dem
Grafen der Gesellschaft entgegen. Der Franziskaner ruft dem Grafen schon von
weitem zu: „Nun, lieber Graf, welche Resultate hast du denn auf deiner
Saaldurchsuchung geerntet? Hast Ihn irgendwo gefunden, den Herrn über Leben und
Tod und über Himmel, Erde und Hölle? Mir scheint, der famose Zwillingsbruder
verzieht noch immer, denn ich sehe noch keinen dritten bei euch.“
[RB.01_147,08] Spricht der Graf: „Freund, das
hat es auch gar nicht vonnöten, denn wir beide genügen uns auch ohne die
Dazwischenkunft eines dritten! Verstanden, Herr von Naseweis?“ – Hier stupft
Miklosch den Franziskaner und sagt: „Cyperl, merkst du was? Du wirst des Ecksteins
nicht eher gewahr, bis du daran deine Nase breitschlägst.“ – Spricht der
Franziskaner: „Was denn, was für einen Eckstein? Wo ist denn hier einer?“ –
Spricht Miklosch: „Ich glaube, der Graf hat es dir doch hübsch auf deutsch
gesagt. Aber noch siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht!“
[RB.01_147,09] Spricht der Franziskaner:
„Erkläre dich einmal deutlicher! Was ist es wohl, was mir der Graf gesagt haben
soll? Er sagte, daß er und unser unbekannter Freund sich auch ohne die
Dazwischenkunft eines dritten genügen. Ist denn das so etwas Außerordentliches?
Der dritte, Allerhöchste, wird wahrscheinlich noch sehr lange verziehen, da von
uns wohl keiner als moralisches Wesen so gestellt ist, daß er sich würdig
erachten könnte, Gott zu schauen. Solange man aber einen schon würdigen
Gottesfreund zur Seite hat, der einem die rechten Wege zu Gott zeigt, kann man
auch leicht sagen: Wir beide genügen uns auch ohne die Dazwischenkunft eines
dritten – selbstverständlich nur vorderhand! Denn das wäre sehr traurig, wenn wir
nie zu der Anschauung Gottes gelangen sollten.“
[RB.01_147,10] Spricht Miklosch: „Freund, du
bist vernagelt! Sonst kann ich dir nichts sagen, weil ich dir nichts anderes
laut einer mahnenden Stimme in mir sagen darf. Es kann zwar auf der Welt noch
eine Menge solch vernagelter Köpfe geben wie der deinige. Aber sie werden
sicher eher zu kurieren sein als du, obschon sie noch in der Welt in ihrem
Fleisch wandeln, während du als Geist dich schon lange hier in den Gefilden
Gottes befindest. Um dir aber möglicherweise die Augen mehr zu öffnen, will ich
dir ein passendes Gleichnis erzählen. Sieh, es war auf der Erde einmal ein
großer und mächtiger Herr und Gebieter. Da es ihm darum zu tun war, seine
Untertanen persönlich kennenzulernen, verkleidete er sich oft zu einem ganz
gewöhnlichen Menschen und besuchte sogar öfters als Bettler die Häuser
besonders der Reichen, die mit der Obsorge für die Armen von ihm aus betraut
waren. Wohl denen, die er als Unerkannter in der von ihm gegebenen gesetzlichen
Ordnung traf! Jedem aber war ein starkes Wehe vorbehalten, den er nicht in
dieser Ordnung fand. – Und siehe, der Herr des Himmels und aller Welten scheint
ein Ähnliches zu tun. Freilich nicht in der Absicht, um Seine Menschen zu
prüfen und daraus erst zu ersehen, wie sie beschaffen sind, sondern um ihnen
Gelegenheit zu geben, sich selbst zu prüfen, wozu Er ihnen durch Seine Liebe
und Weisheit handgreiflich Gelegenheit gibt. Aber ich möchte beinahe auch hier
sagen: Wehe jenen, die durch ihren Eigensinn, durch ihre absichtliche Blindheit
und Stumpfheit Ihn bezüglich Seiner Langmut auf eine zu empfindliche Probe
stellen! – Hast du dieses Gleichnis verstanden?“
[RB.01_147,11] Spricht der Franziskaner: „So
ziemlich! Aber was soll ich damit? Soll ich deshalb etwa jenen fremden Freund
für den verkleideten Herrn Himmels und der Erde ansehen? Oder ist es vielleicht
irgend jemand anderer hier? Am Ende gar der mit dem strahlenden Hut? Diesen
aber kenne ich, da er meines Standes auf der Erde war. Er muß erst hier zu
dieser Ausstrahlung des Kopfes gelangt sein, denn auf der Welt war sicher
nichts strahlenloser als sein Kopf. – Sage mir daher, wo ist denn der
Verkleidete, daß ich hingehe, vor Ihm niederfalle und Ihn gebührend anbete!“
[RB.01_147,12] Spricht Miklosch: „Freund, ich
habe dir schon beinahe zu viel gesagt und rede nun kein Wort mehr. Dort ist der
Graf mit dem großen Freunde; wende dich zu ihnen und frage sie um den
Verkleideten! Das aber bleibt Wahrheit: ein Pfaffe ist auf der Welt gewöhnlich
das hartnäckigste Wesen, und in der Geisterwelt mag er den Herrn nicht
erkennen, so er auch mit Ihm zusammenstößt! Weißt du, wer zu Jerusalem am
blindesten und verstocktesten war? Siehe, es waren die Pfaffen! Und willst du
wissen, welche Menschen auf der Welt am wenigsten geneigt sind, einen wahren
Glauben anzunehmen? Das sind wiederum die Pfaffen, hauptsächlich die
römisch-katholischen, zu denen auch du gehörst. – Jetzt habe ich dir's zur
Genüge gesagt, gebe Gott, daß es dir etwas nützen möchte! Aber jetzt gehe nur
zu den zweien hin und besprich dich mit ihnen!“
148. Kapitel – Der Franziskaner durch den
Anblick Robert Blums nochmals in Zweifel gestürzt. Seiner Teufelsangst begegnet
der Herr mit Seiner Vatermilde.
[RB.01_148,01] Der Franziskaner geht nun
vorwärts zu Mir, dem General und dem Grafen. Als er gerade seine Frage: ,Wer
bist du, fremder Freund?‘ von sich geben will, kommt – natürlich auf einen
inneren Ruf – Robert Blum zu Mir und sagt: „Herr! Brot, Wein und Kleidung
stehen in Bereitschaft!“
[RB.01_148,02] Sage Ich: „Gut, Mein geliebter
Robert (geflissentlich hinzusetzend) Blum! In diesem Hause bist du ein Herr
neben dem Herrn, und deine große Liebe zum Herrn ist die Gesetzgeberin über
dein Haus und alle, die darinnen sind!“
[RB.01_148,03] Als der Franziskaner – der aus
Liebe zur Freiheit, aber nicht aus Liebe zur großen Wahrheit des Evangeliums
seinen Orden verlassen hatte – des ihm wohlbekannten Robert Blum leibhaftig
ansichtig wird, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen und spricht: „Aber
um Gottes willen! Jesus, Maria und Joseph, und ihr alle Engel und Heiligen
Gottes, stehet uns bei! Da befinde ich mich ja in dem Hause eines
Erz-Hauptketzers!! O Jesus, Maria und du heiligster Josephus! Das ist ja
ebensoviel als in der Hölle selbst! Und da soll Christus, der Herr, Sich irgendwo
aufhalten? O du verfluchter Teufel du! Du hinterlistiger Beelzebubteufel. Gelt,
du hast gemeint, daß du mich hast? Aber nichts da, du abscheulicher und
dümmster Teufel du! Die selige Jungfrau hat dich zu rechter Zeit mit ihrer
himmlischen Allmacht vor mir entlarvt und ich kann mich noch aus deinen Klauen
entreißen! Ja, ich habe aber auch stets allein die Hochseligste verehrt, damit
sie mich vor den Versuchungen des Teufels zeitlich wie ewig bewahren möchte. O
ihr bestialischen Teufelsfreunde alle, und du Teufelskerl Miklosch! Möchtest du
mir nun keinen neuen Christus unter eurer herrlichen Gesellschaft bekanntgeben?
O du Hauptteufelslump, wie schön hast du dir Mühe gegeben, mich in die Hölle zu
bringen! Aber die seligste Jungfrau hat dir einen Strich durch deine Rechnung
gemacht. So bald, wie du meinst, wird der Teufel mit einem Franziskaner denn
doch nicht fertig!“
[RB.01_148,04] Rede Ich: „Mein Freund, dies
Haus ist weder das eines Ketzers und noch weniger einer Gesellschaft von
Teufeln. Das sage Ich, der alleinige, ewige Herr Himmels und der Erde dir! Denn
in der Hölle wandeln nirgends freie Gestalten im Lichte der Himmel. Ist dir
aber diese echte himmlische Brüderschaft zu verdächtig, so siehst du dort das
noch offene Tor und draußen eine weite Ferne. Du kannst gehen oder bleiben, das
ist uns gleich. Die Unendlichkeit ist weit, breit, hoch und tief genug. – Und
nun schweige oder gehe! Du aber, Bruder Blum, gehe in den großen Nebensaal und
heiße sie alle herauskommen! Lasse Brot und Wein in aller Fülle auf diesen
großen runden Tisch bringen, auf daß dieser blinde Narr sich überzeugen möge,
wie die vermeintlichen Teufel dieses Hauses aussehen und wie sie etwa gar
gesotten und gebraten werden!“
[RB.01_148,05] Robert begibt sich schnell
fort, um Meinen Willen zu vollziehen. Sogleich kommen alle die Altväter,
Propheten und Apostel mit Auszeichnungen, an denen sie leicht zu erkennen sind.
Ebenso auch die Altmütter, von Eva angefangen, und auch Mutter Maria mit Joseph
und allen in den Evangelien vorkommenden Personen. Diesem großen Zug schließen
sich dann die Neuangekommenen an: Robert, Messenhauser, Jellinek, Becher,
Niklas, Bardo und alle die zu ihnen Gehörigen. Am Ende auch noch die
vierundzwanzig Tänzerinnen, die von Roberts Weib geführt werden. Sie tragen Wein
und Brot in Menge herbei und stellen diese Lebenssachen in bester Ordnung auf
dem Tische auf. Alle aber, die aus dem Nebensaal kommen, sind mit einer starken
Glorie umfangen, und das hauptsächlich, um dem Franziskaner die Augen zu
öffnen.
[RB.01_148,06] Nachdem der Tisch bestens
bestellt ist, sage Ich zu den neunundzwanzig Neuen: „Kommet her, Freunde und
Brüder! Und du, vom Franziskaner als ein Teufelskerl hingestellter Miklosch,
tritt zu Mir her! Nimm und iß zuerst das Brot des Lebens und trinke zugleich den
Wein der Erkenntnis und Kraft! Und sage dann dem Franziskaner, der schon lange
einen leeren Magen hat, wie dir diese höllische Kost schmeckt!“
[RB.01_148,07] Miklosch, der Mich schon
draußen heimlich zu erkennen anfing, kommt sogleich ehrerbietig und demütigst
zu Mir und spricht: „Nun, o Herr, kann ich zum erstenmal in meinem gesamten
Sein wahrhaftig ausrufen: ,O Herr, ich bin nicht wert, daß Du eingehst unter
mein sündiges Dach!‘ – Aber ein heilig Wort nur rede, o Herr, und alles, was in
und an mir ist, wird gesund! – Ja, das ist ein wahres lebendiges Brot der
Himmel, Dein rechter Leib ohne Falsch und Trug, o Herr! Wer dieses Brot ißt,
der wird ewig leben, denn es hat in sich die Kraft des ewigen Lebens! Und welch
ein überhimmlischer Geschmack! – Und dieser Wein, rein aus Deinem Herzen
geflossen, ist ebenso Dein wahrhaftiges Blut, durch das uns alle Sünden
abgenommen werden, die wir je auf der Erde begangen haben. Und so wage ich es,
ihn gleichwie das heilige Brot zu genießen. Welch ein Geschmack und welch ein
Geist! O Herr, das faßt kein Sterblicher einer Welt! Brüder, esset und trinket
und schmecket es selbst, wie viele Himmel in einem jeden Tropfen zu Hause
sind!“
[RB.01_148,08] Alles greift nun zu und ißt
und trinkt nach Herzenslust. Und niemand findet Worte, die große Herrlichkeit
des Geschmacks, der Süße und des Geistes zu beschreiben.
149. Kapitel – Der Franziskaner versteift
sich auf die römische Lehre. Miklosch kuriert ihn mit scharfen Fragen. Nun
bricht auch bei dieser starren Seele das Eis. Seliges Staunen ob der
himmlischen Wahrheiten.
[RB.01_149,01] Nach einer Weile tiefsten
Erstaunens spricht der Graf zum Franziskaner: „Freund, wenn es in deiner
vermeintlichen Hölle so aussieht, da bleibe ich unverrückt darinnen – und der
Bruder Miklosch sicher auch samt allen andern! Es sehen auch jene höllischen
Geister und Geistinnen ungeheuer schön und herrlich aus. Wahrlich, in solch
einer höllischen Gesellschaft wird sich's für ewig gar nicht so schlecht
bestehen lassen! He, Freund, was meinst du da?“
[RB.01_149,02] Spricht mürrisch der
Franziskaner: „Es sind schon unendlich viele an solcher höllischen Süße
zugrunde gegangen und dieses Los wird auch euch noch zuteil werden! Ich bin
zwar wohl auch sehr hungrig und besonders aber durstig. Doch bis ich nicht
gleich einem Thomas handgreifliche Beweise über alles das habe, traue ich dem
Landfrieden nicht. Denn bei Ketzern, wie Robert Blum und Konsorten es sind,
kann Gott der Herr nicht wohnen!“
[RB.01_149,03] Spricht Miklosch: „Freund, da
komm mit mir an jenes große Fenster dort! Ich werde dir etwas zeigen.“ –
Spricht der Franziskaner: „Was denn?“ – Spricht Miklosch: „Wirst schon sehen!“
– Spricht der Franziskaner: „Gut, so gehen wir hin! Aber täusche mich nicht,
sonst –!“
[RB.01_149,04] Die beiden gehen ans Fenster.
Und Miklosch zeigt dem Franziskaner eine große Freie außerhalb des Hauses und
in bedeutender Ferne gegen Abend eine wie Budapest aussehende Stadt. Er sagt zu
ihm: „Freund, jener Herr, den deine Dummheit für der Teufel Obersten hält, läßt
dir durch mich sagen: ,Ich gebe dich los von dieser Hölle! Dort ersiehst du
Budapest. Gehe hin und schaffe dir daselbst oder irgendwo anders einen bessern
Himmel!‘ – Du kannst auch hier gleich durchs Fenster hinausgehen, denn diese
Fenster haben kein Glas.“ – Spricht der Franziskaner: „Ein wenig werde ich doch
noch warten!“ – Spricht Miklosch: „O warum denn? So das die Hölle ist, wie
möchtest du dich wohl noch länger darin aufhalten?“
[RB.01_149,05] Spricht der Franziskaner:
„Weißt du, ich möchte nur noch erfahren, ob etwa der Blum vor seiner
Hinrichtung sich samt seinen Glaubensgenossen doch wieder in den Schoß der
allein wahren und seligmachenden Kirche zurückbegeben hat. Ist dies der Fall,
so kann hier bis auf die noch nirgends ersichtliche heilige Dreifaltigkeit
alles in Ordnung sein. Wenn nicht, was ich eben am meisten befürchte, so ist
das hier nichts als höllisches Blendwerk! Denn auch die Hölle ist voll
hartnäckigsten Eifers, daß die Ihrigen zuvor wohl zubereitet werden, bis sie
als volltauglich in die eigentliche Hölle eingelassen werden. Hier ist wahrlich
alles beisammen: Christus, Maria und der heilige Joseph, alle heiligen Apostel,
alle Urväter, Patriarchen und Propheten und sonst noch eine Masse Heiligkeiten.
Wenn jedoch Blum und Konsorten noch die gleichen Ketzer sind, ist dies alles
nur höllisches Blendwerk, und ich muß mich dann schnell von hier entfernen. –
Denn schau, Freund, wenn der römische Papst nicht der wahre Stellvertreter
Gottes auf Erden, und die römische Kirche nicht die allein wahre und
seligmachende ist, die allein die Schlüssel zu Himmel und Hölle für alle
Menschen in ihren allerheiligsten Händen hat – so ist Christus gar nicht
Christus und alle Religionen der Erde sind wertlose Hirngespinste. So stehen die
Dinge, und ich bin darum äußerst auf der Hut, mich irgendwo von der Hölle
berücken zu lassen. Denn die wahre Kirche ist ein Fels, den die Pforten der
Hölle ewig nimmer überwinden werden.“
[RB.01_149,06] Spricht Miklosch: „Gut, gut,
gut! Alle diese römisch-katholischen Narrheiten kenne ich so gut wie du. Ich
könnte dir deinen Mund zwar stopfen, so daß du auf tausend nicht eins erwidern
könntest. Aber ich ziehe es vor, dich bloß durch einige Fragen ein wenig in die
Enge zu treiben, sage dir aber im voraus, daß du mir jede beantworten mußt!
Denn beantwortest du sie mir nicht, wirst du mir dadurch nur bejahen, daß das
Papsttum keinesfalls von Christus gegründet wurde. So höre denn, das sind die
Fragen:
[RB.01_149,07] Bei welcher Gelegenheit hat
Christus das von der Kirche so hoch gehaltene Meßopfer, und zwar nur in der
damals heidnischen römischen Sprache angeordnet? Ich bitte um eine streng aus
der Heiligen Schrift belegte Antwort!“
[RB.01_149,08] Dem Franziskaner geschieht bei
dieser Frage wie dem Ochsen vor einem neuen Tor. Es erfolgt keine Antwort.
[RB.01_149,09] Miklosch aber fragt weiter:
„Da du keine Antwort findest, muß ich dir schon mit etwas Leichterem kommen.
Bei welcher Gelegenheit hat denn Christus die Zeremonien, die reich verbrämten
Gewänder, die Stola, das Quadratel, rote Strümpfe, die Impfel, den sehr
wertvollen Hirtenstab (meines Wissens hat Er sogar den Aposteln verboten, einen
Stock zu tragen!), die päpstliche Tiara, die sehr teuren Kardinalshüte
verordnet? Bitte um eine Antwort! – Du bist schon wieder stumm! Nun, ich werde
mit etwas noch Leichterem kommen:
[RB.01_149,10] Wann hat denn Christus der
Herr, der eigentlich eine lebendige Kirche im Herzen des Menschen erbaut haben
wollte – die gemauerten Tempel anbefohlen, deren es nun schon bei einer Million
und darüber auf der Erde geben dürfte? Wann ihre heidnischen Einrichtungen, die
privilegierten Altäre, die Gnadenbilder, das geweihte Taufwasser, ebenso das
heiligste Chrisam? Die wahren Apostel tauften doch mit ganz natürlichem Wasser,
wie es Gott erschaffen hat; ob sie sich bei der Taufe auch des heiligsten Öls
bedienten, davon scheint die Geschichte ebenfalls zu schweigen! Wann die
Glocken, Orgeln und Meßlieder, die teuren Meßrequisiten, wann die Exequien und
die teuren Totenämter? Und bei welcher Gelegenheit hat Er die Kapläne, die
Pfarrer, die Dechanten, die Domherrn, die Pröbste, Prälaten, Bischöfe und
Kardinäle eingeführt und sie mit so großem Einkommen dotiert? Meines Wissens
hat Er den Aposteln, als Er sie zum Ausbreiten Seiner Lehre hinaussandte, sogar
verboten, Säcke zu haben, um irgendein Geschenk einstecken zu können! – Bitte
hier abermals um eine wohlbezeugte Antwort! Rede nun, rede! Hast ja doch sonst
stets eine so geläufige Zunge gehabt! Du bist und bleibst stumm? Das heißt
also: ,Ich weiß nichts zu sagen zugunsten der römisch-katholischen Kirche und
bin daher lieber still!‘
[RB.01_149,11] Spricht endlich ganz unwillig
der Franziskaner: „Ich könnte dir wohl manches sagen, aber vor einem Ketzer ist
es besser, zu schweigen!“ – Spricht Miklosch: „Das glaube ich auch, besonders
so man mit keinen Beweisen aufkommen kann! Sage mir aber wenigstens das, wann
Christus die gottlose Formel des Übertritts von einer christlich-ketzerischen
Religionssekte in die römische Kirche angeordnet hat? Wann den Ablaß, wann das
Rosenkranzfest, wann das Portiunkulafest? Bei welcher Gelegenheit hat Er denn
die heilige römische und spanische Inquisition eingesetzt? Und wann und warum
all die Ordensgeistlichkeit eingeführt? Rede und gib mir Antwort! – Sieh, du bist
schon wieder stumm wie eine Grabmauer! Warum? Das weiß ich! – Also etwas
Leichteres:
[RB.01_149,12] Sage mir, wo in der
Apostelgeschichte steht denn geschrieben, daß der Apostel Petrus wirklich in
Rom das Papsttum gegründet hat? Meines Wissens hat sich dieser Apostel in
seiner letzten Zeit in Babylonien aufgehalten und hat von dorther nach
Jerusalem auch einen Brief geschrieben. Aber Rom und Petrus haben einander
ebensowenig gesehen, wie ich und der Kaiser von China! Aber vielleicht hast du
andere, verbürgte Daten, und so rede! – Aber du redest schon wieder nichts. Dir
fällt sicher wieder nichts Haltbares ein. Schau, was du doch für ein armer
Mensch bist mit deiner Papstverteidigung!
[RB.01_149,13] Aber das wirst du mir
vielleicht doch sagen können, wann Christus oder Petrus dem Papst den Titel
,Heiliger Vater‘ gegeben und den ablaßreichen Pantoffelkuß angeordnet haben?
Christus hat ja meines Wissens streng untersagt, irgendjemand anders gut und
heilig zu nennen als bloß nur Gott allein. So sollte man auch niemanden Vater
nennen, als Gott ganz allein, denn alles andere sei Bruder und Schwester! Aber
wer weiß, ob da Christus, der Herr, hintendrein, so Ihm etwas Besseres mag
eingefallen sein (?), nicht eine Menge uns Laien unbekannte nachträgliche
Verordnungen hat ergehen lassen – trotzdem Er es Selbst offen vor vielen
Menschen zu Jerusalem fest erklärte: ,Himmel und Erde werden vergehen, aber
Meine Worte nicht!‘
[RB.01_149,14] Ja, mein Freund, du schweigst
noch immer und deine ärgerliche Verlegenheit kann man dir schon aus dem Gesicht
lesen. Was soll denn daraus werden? – Schau, ich könnte dir noch mit tausend
solch sonderbarer Fragen aufwarten. Aber was nützte das? Du magst mir keine
beantworten! Und so wird es besser sein, du läßt entweder den Papst ganz fahren,
gehst zum wirklichen Herrn hin und bekennst vor Ihm treu und offen deine
Dummheit – oder du machst dich auf die Reise nach dem ersichtlichen Budapest
hin!“
[RB.01_149,15] Spricht endlich der
Franziskaner: „Freund, du hast mich durch deine merkwürdigen Fragen auf ganz
andere Ideen gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin. Und ich will dir folgen
zu jenem einzig Wahren hin!“
[RB.01_149,16] Spricht Miklosch: „Also nicht
nach Budapest hin?“ – Spricht der Franziskaner: „Wahrlich nein! Denn ich
glaube, in den Städten der Welt schaut für einen Geist verdammt wenig mehr
heraus. Was könnte da einem Geist alles widerfahren, so er sich irgend blicken
ließe!“ – Spricht Miklosch: „Rede doch nicht gar so geschwollenes Zeug
zusammen! Welcher Sterbliche hat denn je einem Geist etwas antun können? Aber
besser wärst du dort freilich nicht geworden, sondern nur um vieles schlechter.
Denn von Disteln pflegt man wohl nie Trauben zu ernten.“
[RB.01_149,17] Spricht der Franziskaner:
„Aber nun sage mir, weil du wirklich bedeutend weiser bist als ich: Ist denn
das wohl das leibhaftige Budapest von Ungarn? – Mir kommt die Sache denn doch
ein wenig verdächtig vor! – Ich bin der Meinung, daß jene sichtbare Stadt mehr
eine Illusion als etwas Wirkliches ist.“ Spricht Miklosch: „Lassen wir das gut
sein. Ob das, was wir sehen, Wirklichkeit ist oder nicht, wird uns schon noch
klar werden. Wir gehen nun hin zum Herrn, bekennen vor Ihm unsere große Torheit
und überlassen dann alles andere Ihm allein.“
[RB.01_149,18] Spricht der Franziskaner:
„Aber meinst du nicht, daß es vielleicht gut wäre, so wir uns zuvor an die
allerseligste Jungfrau Maria wendeten, weil sie ja auch da ist!“ – Spricht
Miklosch: „Warum nicht gar an Adam und Eva und alle Patriarchen und Propheten?
An wen hat sich denn der Graf gewendet? An niemand anderen als geradewegs an
den Herrn Selbst! Und sieh, er ist bei Ihm, und zwar zuallernächst! Willst du
etwa noch näher sein? – Sieh auch Robert Blum an, dem der Herr dieses Haus voll
Pracht und Größe für ewig zu eigen gegeben hat: der hat sich zuvor sicher auch
an den Herrn selbst gewendet und ist überselig! Willst du etwa noch mehr?“
[RB.01_149,19] Spricht der Franziskaner: „Du
hast recht! Es hängen einem eben noch viele Narrentümer an, die man nicht auf
einmal loswerden kann. Aber Geduld, es wird sich mit der Zeit alles machen.
Gehen wir daher jetzt nur zum Herrn hin und zeigen uns Ihm, wie wir sind! Ich
meine, Er wird es mit unsereinem ja doch nicht gar so römisch-katholisch genau
nehmen!“
[RB.01_149,20] Spricht Miklosch: „Ist meine
geringste Sorge! Schau, ich bin doch gewiß schön dumm und dazu noch sehr
schlechten Herzens gegenüber dem Herrn – und schon ich könnte dich deiner
Blindheit wegen doch unmöglich scharf angehen, sondern dich als ein rechter
Bruder nur ganz gemütlich behandeln. Um wieviel mehr läßt sich das vom Herrn,
der Selbst die reinste Liebe ist, im Vollmaß erwarten! Gewiß wird der Herr auch
höchst scharfe Seiten haben, besonders gegen den Hochmut, Geiz, Neid und gegen
alle, die ihre irdisch ärmeren Brüder als reine Nullen angesehen haben. Aber
gegen uns, die wir auch im gemeinsten Mann stets den Menschen sahen, wird Er
sicher viel milder sein. Und so gehen wir jetzt nur guten Mutes zu Ihm!“
[RB.01_149,21] Die beiden treten nun schnell
zu Mir. Ich aber gehe ihnen einige Schritte entgegen und sage zu Miklosch:
„Nun, ist dir Bruder Cyprian doch nicht durchgegangen? Das freut Mich recht
sehr! So kommet nur! Etwas Brot und Wein ist noch vorrätig: Esset und trinket
davon nach eurem Bedürfnisse! – Nachher werde Ich euch alle in das große Museum
dieses Hauses führen, da werdet ihr Augen machen! – Gehet jetzt nur schnell zum
Tische und stärket euch!“
[RB.01_149,22] Die beiden treten nun
schüchtern zum Tisch hin, und der Franziskaner, weil er gerade vor Maria zu
stehen kommt, getraut sich kaum etwas anzurühren.
[RB.01_149,23] Die Mutter Maria aber lächelt
ihn an und spricht: „Aber lieber Freund Cyprian, warum denn gar so verlegen? Iß
und trink! Meinst du denn, hier im Himmelreich geht es auch so hochmütig zu wie
an den Höfen der Könige auf der finsteren Erde? O mitnichten! Hier sind wir
alle wie Kinder und lieben den Vater und sind voll Liebe, Güte und Sanftmut
gegen jedermann! Daher also keine Scheu mehr, mein lieber Cyprian!“
[RB.01_149,24] Cyprian sinkt vor Ehrfurcht
vor Maria fast zusammen. Aber Miklosch sagt zu ihm: „Sei nur jetzt nicht dumm,
lieber Bruder, und tu, was dir der Herr Selbst und die liebste Maria gesagt
haben!“ – Spricht der Franziskaner: „Du hast leicht reden! Denn das feine
höhere Gefühl war dir sicher nie im höchsten Grad eigen. Aber ich, der ich
schon von Geburt an so empfindlich war, daß ich über den Tod einer Fliege habe
weinen können, bin hier auf ganz kuriose Gefühlskohlen gestellt.“
[RB.01_149,25] Rede Ich: „Mache dir nichts
daraus, das ist nur anfangs so. Mit der Weile wirst du schon mutiger werden.“ –
Spricht der Franziskaner: „O Herr, Deine ungeheure Herablassung könnte einem
gerade das Herz vor Liebe zu Dir bersten machen!“ – Rede Ich: „Nun, so iß und
trink! Sieh, Miklosch hat seinen Mann schon gestellt! – Robert! Mehr Brot und
Wein herbeigeschafft! Ich merke es dem Miklosch an, daß es ihm schmeckt.“
150. Kapitel – Der Franziskaner labt sich. In
heißem Dank gedenkt er des Herrn. Das wahre Himmelreich mit neuen Wundern. Die
Gesellschaft der Seligen im Hauptsaal. „O Herr, wie groß bist Du!“
[RB.01_150,01] Robert holt schnell mehr Brot
und Wein. Der Franziskaner nimmt unter tiefster Verbeugung vor den Speisen das
Brot und ißt es. Schon beim ersten Bissen weiß er sich vor lauter Entzücken
über den wunderbaren Wohlgeschmack gar nicht zu helfen. Als er aber darauf den
Wein verkostet ist es völlig aus mit ihm. Man vernimmt von ihm nichts als ein
nimmer endenwollendes Aaah!
[RB.01_150,02] Bei dieser Verwunderung fragt
ihn der schon beherztere Miklosch: „Nun Bruder, was sagst denn du jetzt zu
deiner früheren ,höllischen Illusionskost‘? Mir scheint, daß dir dieser
Schwefelpfuhl ganz vortrefflich schmeckt!“
[RB.01_150,03] Spricht freundlich lächelnd
der Franziskaner: „Mein lieber Bruder, zum Sein eines jeden Menschen gehören
vier Dinge: Zuerst das In-die-Welt-erschaffen-Werden. Darauf kommt die
Dummheit, in der sich der Mensch auf der Welt breitmacht. Nummer drei kommt
dann des Leibes Tod, der zwar der Seele die schwere Fleischbürde abnimmt, ihr
aber dabei die weltliche Dummheit ungeschmälert beläßt. Und so geschieht es,
daß – Nummer vier: der Mensch auch in der Geisterwelt zuerst dumm sein muß, um
weise werden zu können. Und so ging es denn auch mir!
[RB.01_150,04] Du weißt es so gut wie ich,
wie dumm unser Glaube bestellt war und wie dumm das Dogma, das ihn uns
einbläute! Woher hätten denn wir bei solch einer Lehre die wahre Weisheit
schöpfen sollen? Als dann der Tod über uns kam, da hat er uns als unveränderte
Ochsen angetroffen und uns als solche hierher versetzt. In dieser Eigenschaft
wären wir bis in Ewigkeit verblieben, so nicht der übergute, heiligste Herr,
Gott und Vater Seine allmächtigen Hände an uns gelegt hätte. Ihm daher alles
Lob, allen Preis und Dank! – Aber da sieh, Bruder Robert hat noch einen tüchtigen
Becher voll Wein und einen ganzen Laib des köstlichen Brotes hierher auf den
Tisch gebracht!“
[RB.01_150,05] Spricht Miklosch: „Wahrlich zu
viel des Guten! Iß und trink, Bruder! Ich habe meinen Mann bereits gestellt und
bin nun so gesättigt und gestärkt, daß ich es für ewig aushalten könnte.“ –
Spricht der Franziskaner: „Mir geht es nun ebenso! Aber was etwa der Herr dazu
sagen möchte, so wir Ihm dies Brot und diesen Wein zubrächten?“
[RB.01_150,06] Spricht die Mutter Maria: „Tut
es, tut es! Das wird Ihn freuen!“ – Spricht der Franziskaner: „So die
Allerseligste damit einverstanden ist, gibt es kein weiteres Fragen mehr. Er
spricht nun zwar mit dem Grafen, aber das macht nichts. Nimm du nur den Wein,
ich werde das Brot nehmen, und so wollen wir Ihn überraschen!“
[RB.01_150,07] Beide bringen Mir nun Brot und
Wein, und der Franziskaner sagt in höchster Demut: „Herr, Du sagtest einst auf
Erden: ,Nun werde Ich von diesem Gewächs nicht eher etwas genießen, bis Ich es
neu genießen werde mit euch in Meinem Reich!‘ Herr, hier ist nun Dein wahres
Reich. O so genieße denn zu unserem Trost von diesem neuen Gewächse Deines
Reiches!“
[RB.01_150,08] Rede Ich: „Das freut Mich
wahrlich sehr, daß ihr euch Meiner erinnert und als Kinder eurem Vater auch
etwas zu essen und zu trinken gebracht habt! Ich könnte Mir es freilich wohl
Selbst nehmen, aber dann hätte es Mir bei weitem nicht so geschmeckt, als wenn
es Mir Meine Kindlein zubringen. Und so gebet das Brot und den Wein nur her und
ihr werdet euch sogleich überzeugen, daß Ich im Ernste davon essen und trinken
werde! Darauf verzehre Ich etwas Brot und Wein und gebe den Rest den
Umstehenden, die alle davon genießen und eine abermalige, noch größere Stärkung
in sich wahrnehmen.“
[RB.01_150,09] Der Franziskaner aber sagt
dazu, im höchsten Grad entzückt: „Herr, Gott und Vater! So es mir selbst ein
Engel auf der Erde gesagt hätte, daß es in Deinem Himmelreich so zugehe, so
hätte ich ihm nicht geglaubt! Wo ist hier der von uns Rom-Katholiken geglaubte
übermystisch gloriöse, göttlich unanschaubar heilige Nimbus? Wo das schrecklich
ernste Richtergesicht des Gottessohnes? Wo das des unerbittlichen Vaters? Alles
ist hier so natürlich, die größte Herablassung, die höchste Freundlichkeit von
allen Seiten! Und Du als höchstes Gottwesen wandelst am allereinfachsten unter
allen einher. Niemand merkt Dir es äußerlich an, was und wer Du bist! Deine
Rede ist die schlichteste von der Welt und alles an Dir ist Zeuge der größten Prunklosigkeit!
[RB.01_150,10] Wahrlich, man könnte in
Zweifel kommen, wenn einem die große Majestät dieses Saales, das hereinfallende
herrliche Licht und alle die übergut frisch und engelsjung aussehenden und
herrlichst bekleideten Seligen nicht sagten: ,Dies ist das wahre Himmelreich!
Es kann ewig kein wahreres geben als das, wo der Herr Himmels und der Welten im
schlichtesten Hauskleid unter Seinen Kindern wandelt und für sie sorgt!‘ Ich
muß offen gestehen, daß mir nach den Worten des Evangeliums hier anfangs so
manches nicht zusammenging. Denn es wird dort öfters erwähnt, wie der Sohn zur
Rechten des allmächtigen Vaters sitzt im ewig unzugänglichen Licht. – Wieder
heißt es an einer Stelle: ,Ich werde kommen in den Wolken der Himmel mit großer
Macht, Kraft und Herrlichkeit und richten die Lebendigen und die Toten!‘ Und
wie seltsam mystisch sind die Gesichte des Johannes! Von alledem aber ist hier
keine Spur, sondern es ist alles himmelhoch anders! Darum ist uns gewisserart
auch zu vergeben, so wir hier in diesen wahrsten Himmel eine Zeitlang
hineinschauten wie chinesische Ochsen in ein spanisches Dorf.
[RB.01_150,11] Aber ich sehe nun ein, daß nur
ein gerade so gestalteter Himmel jedem Geiste die wahrste, freieste und somit
auch höchste Seligkeit für ewig bieten kann. Dafür sei Du, o heiligster und
liebevollster Gott und Vater, von uns allen gelobt, geliebt und gepriesen!“
[RB.01_150,12] Rede Ich: „Nun, Mein lieber
Cyprian, es sieht hier gewiß alles sehr einfach aus und man entdeckt nirgends
ein unnötiges Gepränge. Aber darum mußt du dennoch nicht meinen, als wären mit
dem, was du nun siehst, Meine Himmel schon abgeschlossen! Warte nur ein wenig
und du wirst des Wunderbaren noch in Hülle und Fülle zu sehen bekommen!
[RB.01_150,13] Wir werden jetzt in den anstoßenden
Saal gehen und von dort ins große Museum dieses Hauses, wo sich dir Dinge
vorstellen werden, vor denen du sicher niedersinken wirst. Aber selbst da
darfst du nicht denken, daß es damit schon eine Grenze mit Meinen Himmeln hat,
sondern das ist alles erst des Anfangs erster Voranfang!
[RB.01_150,14] Aber dessenungeachtet werde
Ich dennoch bleiben, wie Ich nun bin! Und wenn du alle Dinge verändert und ins
Endlose verherrlicht erschauen wirst, werde Ich dennoch ewig unverändert
inmitten Meiner Werke erscheinen, obschon deren Größe und Tiefe keine Ewigkeit
je ermessen wird. – Jetzt aber machen wir uns auf und begeben uns in den großen
Saal!“
[RB.01_150,15] Alle die mehreren tausend
Gäste gehen nun voraus. Ihnen folgen die Urväter und die Apostel. Vor uns geht
Maria mit Joseph und dem Apostel Johannes. Mir zunächst gehen der Graf, der
Franziskaner, Miklosch, der General, dann Thomas und Dismas. Hinter uns gehen
Robert mit seiner Helena, Becher, Jellinek, Bruno, Bardo, Niklas und die
vierundzwanzig Tänzerinnen, die dem Robert die Geschirre und Gefäße nachtragen.
[RB.01_150,16] Als wir so geordnet in den
großen Saal gelangen, in dem sich die mehreren tausend Gäste geradeso
ausnehmen, als ob sich kaum einige dreißig Menschen darin befänden, da sinkt
der Franziskaner vor Verwunderung fast nieder und spricht:
[RB.01_150,17] „O Herr, das ist zuviel auf
einmal für einen schwachen Geist! Diese Größe, diese Höhe, diese Pracht!
Wahrlich, Herr, das wird doch kein Voranfang sein, sondern das ist schon der
gesamte Himmel mit allen Enden, wie man zu sagen pflegt! Die Decke gleich dem
ganzen Sternenhimmel mit den herrlichsten Sterngruppen! Die Wände sind gleich
Wolken im Morgenrot strahlend! Und die wundersamst verschlungenen Galerien
gleichen den hohen Bergzinnen, die zuerst im Morgengold prangen! – O herrlich,
herrlich! Das ist zuviel auf einmal für einen schwachen Geist! – O Herr, wie
groß bist Du!!!“